Die Leuchtturmwärterin - Christina Schwarz - E-Book

Die Leuchtturmwärterin E-Book

Christina Schwarz

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Nur das Meer kennt die Wahrheit …

Wisconsin 1898. Gertrude ist eine Tochter aus »gutem Hause«, deren Weg in vorgegebenen Bahnen verläuft. Doch dann verliebt sich Trudy in ihren Cousin Oskar, den Schöngeist mit dem strahlenden Blick, der nichts auf Konventionen zu geben scheint und so ganz anders ist als ihr Verlobter. Hals über Kopf heiraten die beiden, um im Norden Kaliforniens ein neues Leben zu beginnen: auf einer abgelegenen Insel vor der Küste gehen sie dem Leuchtturmwärter und seiner Familie zur Hand. Die Umgebung ist unwirtlich, das Meer wild und das Klima rau. Trotz der harten Lebensbedingungen fühlt sich Trudy mehr und mehr zu Hause. Während ihr Ehemann ihr zusehends wie ein Fremder erscheint, erkundet sie gemeinsam mit den Kindern des Leuchtturmwärterpaares Flora und Fauna des kleinen Eilands – doch die Insel birgt ein Geheimnis, das Trudy vor die schwerste Prüfung ihres Lebens stellen wird.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2016

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zum Buch

Wisconsin 1898. Gertrude ist eine Tochter aus »gutem Hause«, deren Weg in vorgegebenen Bahnen verläuft. Doch dann verliebt sich Trudy in Oskar, den Schöngeist mit dem strahlenden Blick, der nichts auf Konventionen zu geben scheint und so ganz anders ist als ihr Verlobter. Hals über Kopf heiraten die beiden, um im Norden Kaliforniens ein neues Leben zu beginnen: auf einer abgelegenen Insel vor der Küste gehen sie dem Leuchtturmwärter und seiner Familie zur Hand. Die Umgebung ist unwirtlich, das Meer wild und das Klima rau. Trotz der harten Lebensbedingungen fühlt sich Trudy mehr und mehr zu Hause. Während ihr Ehemann ihr zusehends wie ein Fremder erscheint, erkundet sie gemeinsam mit den Kindern des Leuchtturmwärterpaares Flora und Fauna des kleinen Eilands – doch die Insel birgt ein Geheimnis, das Trudy vor die schwerste Prüfung ihres Lebens stellen wird.

Zur Autorin

CHRISTINA SCHWARZ wuchs im ländlichen Wisconsin auf und lebt heute in Südkalifornien. Ihr erster Roman »Novemberkind« sorgte beim Erscheinen für Furore und stand wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times.

CHRISTINA SCHWARZ

DIE LEUCHTTURMWÄRTERIN

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Almuth Carstens

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel»The Edge of the Earth« bei Simon & Schuster, New York.

1. AuflageDeutsche Erstausgabe Februar 2016,btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenCopyright © 2013 by Christina SchwarzCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: semper smile, München Umschlagmotiv: © Petyr Campos/Arcangel ImagesSchrift: © The Fell Types are digitally reproduced by Igino Marini.www.iginomarini.comSatz: Uhl + Massopust, AalenMK ∙ Herstellung: scISBN 978-3-641-16960-2V001www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlagBesuchen Sie auch unseren LiteraturBlog www.transatlantik.de!

Für Ben und Nicky

und zum Gedenken an

Margaret Meyer,

die sich auf eigene Füße stellte,

und Scout

Jane 1977

Ich werde mir nicht anmerken lassen, dass ich hier geboren bin. Leute fragen immer, wie es war, in einem Leuchtturm aufzuwachsen, und sind dann von der Antwort enttäuscht. Ich bin keine große Geschichtenerzählerin. Jedenfalls ist das Aufwachsen in einem Leuchtturm nichts Besonderes, wenn man nichts anderes kennt, und ich kannte nichts anderes, bis ich Point Lucia mit neunzehn verließ.

Das war 1912. Und seitdem bin ich nicht wieder hergekommen. Nicht, dass ich nicht gewollt hätte, aber damals, bevor es die Route 1 gab, war das sehr aufwändig. Ich ließ zu, dass mich die üblichen Anforderungen – durch Studium und Beruf, Ehe und Kinder – vom Ort meiner Kindheit vertrieben und fernhielten.

Es wäre schön, wenn mein Enkel Danny und ich das Kap jetzt allein besteigen könnten, ohne diese vereinzelten Touristen, die mich in ihrer Belanglosigkeit daran erinnern, dass Mrs. Swann nicht mehr dort oben ist.

Ich erinnere mich an den Tag, an dem sie vom Meer zu uns kam. Die Berge hinter uns waren zu hoch und zu dicht aneinandergedrängt, um jemanden durchzulassen, der Ozean dagegen erstreckte sich wie ein Teppich vor und unter uns, und jeden Tag glitten darauf Schiffe vorbei, manche mit großen weißen Segeln, die sich im Wind blähten, manche mit einer Rauchsäule wie die Fontäne eines Wals.

Mein Vater war Hauptleuchtturmwärter, aber Point Lucia galt als ein so wichtiger Posten, dass er zwei Gehilfen benötigte, und der rotgesichtige Mr. Finnegan ging nach Kuba, um den Schlächter Weyler zu töten, also sollten wir einen neuen bekommen. Wir Kinder hofften, er würde mehr von unserer Sorte mitbringen.

Meine Brüder sahen das Schiff als Erste, und dann riefen wir alle: »Die Madrone!Die Madrone!«,und liefen an den Rand der Klippe.

»Nicht zu weit nach vorn, Jane!« Meine Schwester griff nach meiner Hand, aber ich war doch nicht so dumm, von einem Berg zu fallen, daher entriss ich ihr meine Finger und stellte mich dorthin, wo direkt unter mir die milchige Gischt um die schwarzen Felsen schäumte.

Der Wind wehte so stark, dass man sich gegen ihn lehnen konnte, und manchmal, wenn die Wellen zu hoch waren, ankerte das Schiff und wartete besseres Wetter ab, deshalb waren wir auf eine Enttäuschung vorbereitet. Aber schon bald wurde das Beiboot voller Fässer ins Meer heruntergelassen. Es war immer aufregend, die Ankunft eines Beiboots zu beobachten. Oft wurde es überschwemmt, und wir mussten uns ohne Mehl oder Zucker oder Bücher oder Weihnachtsapfelsinen behelfen.

Erst als sie ein ganzes Stück herangerudert waren, erkannten wir, dass die Person mit dem um ihren Kopf gebundenen Hut eine Dame war. Da ich kindischerweise angenommen hatte, Mrs. Swann, also Schwan, wäre ein großer weißer Vogel mit aalförmigem Hals, geschwungen wie der Buchstabe »S« in meinem Lesebuch, war ich ernüchtert. Mein Vater kam mit dem Fernglas und hielt es uns nacheinander vor die Augen. Ein Tuch bedeckte das Gesicht der Frau.

»Sie muss sehr hässlich sein«, flüsterte einer meiner Brüder.

Gertrude Swann. Danny – mittlerweile müsste ich ihn wohl Dan nennen, aber Großmütter dürfen sich solche Schnitzer erlauben – war in einem seiner Kurse unten in San Diego in einem Buch auf ihren Namen gestoßen. Ob ich wisse, fragte er bei seinem Anruf, dass eine frühe Meeresbiologin in Point Lucia gelebt und gearbeitet habe? Eine Frau, die die Gezeitentümpel erforscht hatte?

Selbstverständlich wusste ich das. Ich oder einer meiner Brüder oder meine Schwester hatten sie ja mit ihrer ersten Seeanemone bekannt gemacht. Es beeindruckte Danny, dass meine Welt vielleicht doch ein Quäntchen Relevanz für seine haben könnte. Das ärgerte mich natürlich, aber ich nehme, was mir geboten wird, und nutzte den Moment der Verbundenheit zwischen uns. Ich erzählte ihm, ich hätte gelesen, dass der Leuchtturm für Besucher geöffnet sei; vielleicht sollten wir beide ihn uns einmal anschauen.

Im Grunde wollte ich nur mit Danny reden und planen; ich glaubte nicht, dass ein solcher Ausflug wirklich zustande kommen würde. Doch siehe da, er fuhr nach San Jose in seiner kleinen japanischen Kiste, deren Rückfenster halb heruntergekurbelt war, und sein struppiger blonder Schopf reichte fast bis an die Decke. Ich spendierte ihm Crèpes bei Rosemary und Tim und quetschte ihn übers Collegeleben und so weiter aus, und heute Morgen standen wir früh auf, und da sind wir nun, an einem Ort, der unberührt ist vom üblichen Müll der Zivilisation.

»Tatsächlich gab es damals noch andere weibliche Leuchtturmwärter.« Die ehrenamtliche Führerin beantwortet die Frage einer breitschultrigen Frau in einem olivgrünen Anorak, die eindeutig ihre Hausaufgaben gemacht hat, wenn auch nicht vollständig. Die Führerin erzählt uns von Charlotte Layton, die als Leuchtturmwärterin in Point Pinos blieb, nachdem ein Bandit ihren Mann erschossen hatte, und von der eleganten Emily Fish, die Rennpferde hielt und Porzellan bemalte. »Und oft«, fährt sie fort, »waren Ehefrauen inoffizielle Leuchtturmwärter. Die Männer wurden ermutigt, ihre Familien mitzubringen, weil dann ihre Frauen und Kinder als Gehilfen arbeiteten – unbezahlt natürlich.« Sogar jetzt noch, 1977, nicken die Damen in unserer Gruppe und verziehen den Mund zu einem verbitterten Lächeln, als sie die offenkundige Wahrheit zur Kenntnis nehmen.

Die Führerin bleibt stehen. Sie ist eine Rentnerin in Strickhosen, ihr Haar von einem unnatürlichen Apricot unter der gummierten Kapuze ihres Regenmantels, auf den der Nieselregen perlt. »Geht es Ihnen gut?«, fragt sie mich in dem besorgten Ton, der ausschließlich Kindern, Haustieren und Alten gilt, obwohl in Wahrheit sie es ist, der die Puste ausgeht, kein Wunder bei all dem Gerede.

Es ist eine steile, sehr lange Klettertour bis zum Gipfel des Kaps, auf dem der Leuchtturm und seine Nebengebäude an einer schmalen Straße stehen, die sich um den Felsen schlängelt und erst weit nach meiner Zeit hier angelegt wurde. Die Ehrenamtliche, Linda oder Lydia, das habe ich nicht richtig verstanden, versuchte am Fuß des Berges, mich vom Aufstieg abzuhalten, wahrscheinlich, weil sie keinen Herzinfarkt miterleben wollte. Es stimmt zwar, dass ich runzlig bin wie ein verschrumpelter Apfel – nachdem ich schon Daten genannt habe, wäre es sinnlos, mein Alter zu leugnen –, aber ich bin gut zu Fuß. Ich kann meilenweit laufen, wenn ich mir meine Kräfte einteile. Außerdem bin ich früher hier auf allen vieren hochgekrabbelt; das könnte ich heute noch, wenn es sein müsste.

Das Nieseln hat aufgehört. Ich schaue nach Westen übers Meer, eine alte Angewohnheit, und werde mit einem blassen Schimmer am Himmel belohnt. In ungefähr einer Stunde, bevor wir wieder absteigen, wird es klar sein, das weiß ich.

Unsere kleine Gruppe löst sich auf. Zwei verdrießliche Teenager und ihre Eltern haben, fest entschlossen, die Kletterpartie schnell hinter sich zu bringen, die Führung übernommen. Hinter ihnen trödelt ein kleiner Junge, gefesselt vom Anblick der Wellen, die sich tief unten unermüdlich an die schwarzen Felsen werfen, und seine junge Mutter zerrt ihn zurück, obwohl keine Gefahr besteht, dass er hinunterfällt. Als Kinder lagen wir oft auf dem Bauch und spähten über den Rand oder stellten uns so hin, dass unsere Zehen in die Luft ragten. Wir wussten, was möglich und was unvernünftig riskant war. Vermutlich hätte der Boden unter uns jederzeit wegrutschen können, aber eigentlich gab es sehr wenig Erosion. Schließlich besteht ein Kap aus dem harten Material, das bleibt, nachdem das weichere Gestein abgebröckelt ist.

Ein Mann mit schütterem Haar und seine unangenehm laute Frau streiten sich darüber, wer die Kamera im Auto gelassen hat. Die Frau im Anorak stellt weitere Fragen zu der Leuchtturmwärterdame hier in Point Lucia. Die Leuchtturmwärterdame! Als ob sie ein sprechendes Pferd gewesen wäre.

»Sie war aus Minnesota«, antwortet Linda – oder Lydia.

»Wisconsin«, flüstere ich Danny zu.

Das Kind will auf den Arm. Die Führerin ruft den Teenagern mit vor Besorgnis schriller Stimme zu: »Bitte alle zusammenbleiben!« Schütter und Laut vermeiden es, sich anzuschauen.

Danny entdeckt einen Schwarm Delfine erstaunlich nah am Ufer, was uns genug Antrieb für weitere dreißig Meter verleiht. Jemand fragt, wie weit das Licht des Leuchtturms zu sehen ist.

Um uns von der Anstrengung des Kletterns abzulenken, erzählt uns die Führerin von Schiffbrüchen: Manche Schiffe kenterten, weil der Kapitän betrunken war; manche wurden im Sturm zerschmettert oder liefen bei Nebel auf Grund, die meisten aber sanken einfach deswegen, weil Menschen Fehler machten und etwas ansteuerten, dem sie hätten ausweichen sollen. Alle möglichen Güter gingen verloren – Bier und Gerste, Lack und Salz, Holz und Butter und Chrom –, die Mannschaft dagegen überlebte meistens. Sie erzählt eine besonders traurige Geschichte, die ich schon von meiner Mutter kenne, über einen Leuchtturmwärter, dessen Boot gekentert war, nachdem er den Lohn für sich und seine Männer vom Tender abgeholt hatte. Er ertrank, weil das Gold in seinen Taschen ihn in die Tiefe zog. Deshalb wurde mein Vater auch nie bar bezahlt.

Endlich erreichen wir den Leuchtturm, der ein ganzes Stück unterhalb des Gipfels erbaut wurde, sonst wäre sein Licht von dem Nebel verdunkelt worden, der dort oben oft herrscht. Jetzt, da es aufgeklart hat, ist es unmöglich, sich diesen Nebel vorzustellen, Nebel, so dicht, dass man nur noch verschwommen sieht und nicht mehr weiß, wo man sich befindet. Selbst ich kann mich kaum mehr an diese Art Nebel erinnern, wenn die Sonne scheint.

Der eigentliche Turm ist nicht der hohe, schlanke Zylinder, den man an einem solch erhabenen Ort vielleicht erwartet, sondern ein gedrungenes, viereckiges, einer mittelalterlichen Burg ähnliches Gebäude aus schwerem grauen Stein. Er ist sogar noch kleiner, als ich ihn in Erinnerung habe. Ansonsten scheint er von außen seit fast siebzig Jahren weitgehend unverändert geblieben zu sein (während ich selbst die üblichen Verwüstungen erlebt habe). Drinnen dagegen ist es im Sockel, wo früher der Kessel fauchte und zischte, still wie in einer Gruft. Und leer.

In meiner Kindheit war dieser Raum eine Art Versammlungsort mit einem Kartenspiel auf dem Tisch und irgendeinem öligen Maschinenteil, das repariert werden musste, dem äußerst wichtigen Dienstbuch des Wärters und einem Glas mit gelben Stiften auf einem Bord neben ein, zwei Büchern, darunter Flaggen vieler Länder, aus dem wir uns gernLieblingsfahnen aussuchten, mit dem großen schwarzen Werkzeugkasten voll nützlicher Geräte, die wir nicht ausleihen durften, auf seinem Stammplatz am Fuß der Treppe neben dem Korb mit Nähzeug, mit dem die Frauen ihre Zeit verbrachten. Das alles war weggeräumt worden. Damals roch es nach Pfeifentabak, Kerosin, Öl und Holzrauch; jetzt riecht es nur nach Stein.

Linda führt uns nach hinten zur Wendeltreppe, und wir marschieren nacheinander hinauf. Ich merke, dass ich das Metallgeländer umklammere wie mit fünf, aus Angst, meinen Füßen zu vertrauen. Oben drängen wir uns auf die kleine Plattform zwischen Leuchtfeuer und Fenstern, in die so genannte Laterne. Man erwartet, dass wir die Linse bestaunen – ein riesiges ausgebogtes Juwel –, und Schütter tut es. Die meisten Männer begeistern sich für die technischen Details. Ich aber bin ungeduldig. Es passt mir nicht, dass wir uns nicht frei bewegen können. Das Leuchtfeuer, ein Wunder der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und Lebensunterhalt meiner Familie, war eine ernsthafte Angelegenheit und daher nicht Schauplatz meiner Kindheit. Es ist nicht das, was ich mir anschauen wollte.

In fast allen Fenstern sind Einschusslöcher.

»Vandalen«, erklärt Linda. Ich stelle mir vor, wie sie sich hierher hochschleppen, diese große Mühe auf sich nehmen, nur um dann beiläufig zu zerstören, was ihnen gerade einfällt. So ist es heutzutage eben. Es stimmt zwar, dass es auch zu meiner Zeit kaputte Fenster gab, aber deren Zerstörung hatte ganz und gar nichts Beiläufiges.

Was ist das? Man hat uns ins Freie auf die Galerie bugsiert, um die Aussicht zu genießen, doch es ist die Außenseite der Mauer, die meine Aufmerksamkeit erregt. Sie ist bedeckt mit einem Mosaik aus Steinen und Muschelschalen und den Gehäusen von Abalonen und Strandschnecken. Hier ist ein getrockneter Seestern. Und hier ein Teil des Skeletts eines Seeigels. Da der Rückenschild eines Krebses. Ich berühre die Stücke und male mir aus, wie ihre geschickten Finger sie in den weichen Zement drückten, denn ich brauche keine Führerin, um zu wissen, wer dieses Nixenschloss errichtet hat.

Schließlich betreten wir den Weg, auf dem ich all die Jahre lang hin und her gerannt und gegangen bin. Er ist jetzt asphaltiert, aber die Ausblicke sind so sehr dieselben, dass ich ebenso gut wieder ein Mädchen mit im Wind flatternder Schürze sein könnte. Wir schlurfen durch die Werkstatt mit der Bohrmaschine und den Sägen und dem Schleifstein – alles säuberlich geordnet –, kommen an dem kleinen Stall vorbei, jetzt vermutlich leer, wo meine Eltern eine Kuh und einige Hühner hielten, und gelangen dann zu dem großen steinernen Gebäudekomplex, in dem die Leuchtturmwärter wohnten. Seit drei Jahren, seit es auf diesem entlegenen Außenposten elektrischen Strom gibt, muss hier keiner mehr leben.

»Die meisten Sammlungen von Gertrude Swann wurden nach ihrem Tod aufgelöst«, sagt Linda und steckt ihren Schlüssel in das Schlüsselloch, »aber ein paar ihrer Sachen haben wir gefunden und eine Kopie des Katalogs, den sie zusammengestellt hat.«

Wir treten ein, und mich überkommt das verwirrende Gefühl, das unvermeidlich ist, wenn man nach langer Abwesenheit einen Ort besucht, der einem einst so vertraut war wie die eigene Haut. Die wenigen Möbel – ein modernes Sofa im Wohnzimmer, eine Kücheneinrichtung, die offensichtlich aus den Fünfzigern stammt – kenne ich nicht, die großen Fenster mit den breiten Simsen dagegen sind dieselben wie früher, und auf den schmalen Dielenbrettern liegt immer noch kein Teppich. Auf einem Tisch im Wohnzimmer hat man kunstvoll einige Seeigelskelette arrangiert – sie arbeitete viel mit Seeigeln – und ein paar hübsche Objektträger, die sie aus Glasglocken und buntem Papier selbst gemacht hat. »Spielzeug« nannte sie sie ein bisschen verlegen, weil sie wissenschaftlich wertlos waren. Einer enthält einen winzigen Seestern, ein anderer eine Locke aus zartem Seetang.

»Igitt! Da sind ja Haare drin!«, sagt einer der Teenager.

Es sind meine Haare, in meiner alten, echten Farbe, und die meiner Brüder und meiner Schwester. Sie hat uns die Strähnen als Andenken abgeschnitten, als wir Point Lucia einer nach dem anderen verließen. Ich war die Jüngste und ging als Letzte.

Eine Kopie ihres Katalogs ist auf einer Seite aufgeschlagen, die den Kelp behandelt. »Zwischen dem wogenden Kelp lebte eine Otterfamilie«, höre ich sie sagen, denn sie war meine erste Lehrerin und eine Geschichtenerzählerin, und ich lauschte aufmerksam.

»Sie war ziemlich sonderbar und geheimnistuerisch«, sagt Linda. »Sie bestand darauf, allein hier zu leben, nachdem der ursprüngliche Leuchtturmwärter und seine Frau in den Ruhestand getreten waren, obwohl der Leuchtturm eigentlich von drei Wärtern betrieben werden sollte. Aber inzwischen war es keine so aufwändige Arbeit mehr.«

»Ich habe gelesen, dass eine Art Ungeheuer von Loch Ness ihren Ehemann getötet hat.« Das ist wieder Anorak.

Ich sehe, wie sich Danny, ganz der junge Wissenschaftler, abwendet, um sein Lächeln über solche Fantastereien zu verbergen. Einige andere jedoch, die zweifellos schon angefangen haben, an die Bloody Marys zu denken, die sie im Nepenthe bestellen werden, oder an die Comichefte, die sie im Auto liegen gelassen haben, horchen auf.

»Die Leute glauben, es könnte ein Hai oder Orca gewesen sein«, sagt Linda. »Damals war man noch abergläubisch.«

Diese Herablassung gegenüber der Vergangenheit war zu erwarten, aber ich weiß es besser.

Nach Mrs. Swanns Tod entdeckten meine Geschwister und ich, dass sie uns einiges vermacht hatte. Mary erhielt ihre Sammlungen von Präparaten – sie gehören inzwischen mir; und Edward sollte ihre wissenschaftlichen Instrumente erben – er war vor ihr gestorben, ohne dass sie es wusste –, die jetzt auch in meinem Besitz sind; Nicholas bekam den handgeschriebenen Originalkatalog und ich ein Manuskript.

Oben auf der ersten Seite hatte sie in der Schrift, die ich so gut kannte wie meine eigene, notiert:

Meine liebste Jane,

das hier habe ich vor einiger Zeit geschrieben, und ich möchte, dass du es bekommst. Ich hoffe, es wird dich interessieren – dich geht die Geschichte von allen Crawley-Kindern am meisten an. Jetzt, gegen Ende meines Lebens, verspüre ich plötzlich den Wunsch, dass jemand erfährt, wie sie lebte.

Dieses letzte Pronomen machte mir zu schaffen, da es scheinbar ohne Bezug war. Aber sobald ich das Manuskript gelesen hatte, glaubte ich zu verstehen. Ich weiß, was hier geschehen ist. Oder kenne zumindest eine Version davon. Wie ich schon sagte, sie war eine Geschichtenerzählerin.

KAPITEL 1

Wir waren tagelang gereist, um Kalifornien zu erreichen, und es dauert nur Stunden, um von San Francisco nach Point Lucia zu gelangen, doch sobald wir über die erste der tausend Wellen gehoben wurden, wusste ich, dass diese Teilstrecke mich am weitesten von dem Zuhause wegbringen würde, das ich so überstürzt verlassen hatte. Zunächst trieben wir durch kalten Nebel, geleitet nur vom ungleichmäßigen Klimpern der Bojenglocken. An Deck stehend, sah ich nicht einmal die Wasseroberfläche. Aber nach ungefähr einer Stunde begann die Sonne durchzukommen und gab den Blick auf eine pittoreske Küste mit sanften Hügeln und niedrigen Klippen frei.

Delfine (keine Fische, sagte mein Mann, sondern Säugetiere wie wir) schwangen sich neben uns aus dem Meer und wieder hinein und wechselten dabei wundersamerweise immer gleichzeitig die Richtung, als wären sie durch eine Schnur miteinander verbunden. Auch Oskar flitzte hin und her, saß in der einen Minute bei mir und hielt meine Hand und stürzte in der nächsten an die Reling, lief dann weg, um mit dem Kapitän zu sprechen, kam zurück, um mich auf eine Besonderheit der Landschaft hinzuweisen oder über eine bemerkenswerte Eigenschaft des Schiffes zu informieren oder mir einen riesigen, mit Zähnen bewehrten Fisch vor die Nase zu halten, den einer der Matrosen vom Heck aus gefangen hatte und dessen Augen immer noch wach und vorwurfsvoll blickten. Schließlich musste ich ihn bitten, sich weniger um mich zu kümmern und mich den elenden Wellen in aller Ruhe trotzen zu lassen.

Irgendwann entdeckte ich einen Leuchtturm und ein hübsches weißes Cottage nebeneinander auf einem saftig grünen Rasen und erlaubte mir eine Minute lang zu hoffen, es wäre unserer.

»Nein, das muss Pinos sein«, sagte ein Matrose. »Schön, oder?«

Hier sei eine Frau Leuchtturmwärterin, erzählte er mir, unterstützt von ihrem chinesischen Diener. Sie stamme ebenfalls aus China, obwohl sie weiß sei. Der Matrose behauptete, sie halte Rennpferde, züchte Rosen, spreche Italienisch und spiele Sonaten auf dem Klavier.

»Opernarien singt sie nicht?« Ich war inzwischen richtig seekrank, und so hatte ich, obwohl ich einen Witz machen wollte, nicht den passenden Ton getroffen, denn der Matrose runzelte nur die Stirn und überlegte wohl, ob die weiße Chinesin auch diese Fähigkeit für sich beanspruchen könne.

Vor uns veränderte sich die Landschaft, wurden die sanften Hügel von steilen, zerklüfteten Bergen verdrängt, die sich dem Meer nicht freundlich näherten, sondern eher dagegenknallten. Von diesen Bergen waren Stücke abgebrochen, die sich als zackige schwarze Felsen ins Wasser gestreut und meterhoch klaffende, unmöglich zu heilende Wunden hinterlassen hatten.

»Da ist Lucia«, sagte der Matrose beiläufig und ignorierte höflich, dass ich über die Reling gebeugt war.

Ich sah auf, um meinen ersten Blick auf den Leuchtturm zu werfen, dem wir zugeteilt worden waren, mein neues Zuhause. Er stand ein Stück unterhalb des Gipfels eines kleinen Berges – Kap nannte ihn der Matrose –, einem groben braunen Felsvorsprung, der nur durch einen Streifen Sand mit dem Land dahinter verbunden war. In Point Lucia gab es keinen Rasen, kein weißes Cottage, keine Rosen. Auf dem Gipfel darüber war ein grauer, gegiebelter Koloss zu sehen, erbaut aus Steinblöcken, wie man sie für Kasernen und Asyle und Gefängnisse benutzt. Um das Hauptgebäude verteilte sich ein Durcheinander aus Nebengebäuden. Auf diesem Berg wuchsen keine Bäume, und die wenigen, die schief und verkrüppelt zu beiden Seiten an der Küste standen, reckten ihre Äste landeinwärts, als wollten sie in diese Richtung fliehen, wenn sie könnten.

Ich wurde zusammen mit unserem Koffer und etlichen Holztonnen und Metallfässern und dem zähnefletschenden Fisch in ein Beiboot verfrachtet und durch die Brandung gerudert, bis uns der Ozean schließlich auf den Strand spie, wo die Matrosen das Boot verblüffend schnell ausräumten. Einige Fässer – an der Mühelosigkeit, mit der die Männer sie anhoben, erkannte ich, dass sie leer waren – warteten. Sobald die Matrosen das Boot mit ihnen beladen hatten, legten sie wieder ab und ließen uns allein zurück.

Oskar, der in die Wellen gesprungen war, um beim Stabilisieren des Bootes zu helfen, war tropfnass.

»Wir sehen aus wie Schiffbrüchige«, sagte ich.

»Du nicht.«

Es stimmte, dass ich vom Wasser unberührt geblieben war. Trotzdem fühlte ich mich schiffbrüchig, als mir die Stiefel in den Sand sanken. Falls für das Stranden an einer wilden Küste angemessene Kleidung existiert, kamen ihr meine lavendelblauen Handschuhe und der taubengraue Schleier sicher nicht nahe. Während Oskar auf das Kap zustapfte und mit um den Mund gelegten Händen Hallo rief, stand ich hilflos da, unsere Reisetasche umklammernd, und atmete den Gestank ein. Dicke schlangenartige Taue waren über den Strand verstreut, als wäre hier ein Heer von Medusen abgeschlachtet worden. Schwärme schwarzer Fliegen, die den fauligen Geruch illustrierten, umsurrten das Wirrwarr.

Plötzlich sprang ein Junge hinter dem Berg hervor, dessen nackte Füße im Laufen Sand aufwirbelten. Ich sah, wie er Oskar energisch die Hand schüttelte und eine Geste in die Richtung machte, aus der er gekommen war.

Als sie bei mir angelangt waren, rückte er zur Begrüßung seine Mütze zurecht. »Ich bin Edward«, sagte er. »Wir hätten nicht gedacht, dass die Verwaltung uns eine Dame schicken würde.« Er grinste so gewinnend, dass ich nicht anders konnte, auch ich lächelte.

Er schulterte den Fisch, bedeutete Oskar, dasselbe mit unserem Koffer zu tun, und erklärte, der Rest würde später abgeholt. Dann ging er voran – eine sehr lange Strecke, wie sich herausstellte –, über den Strand und um das Kap herum bis zu einer kleinen offenen Plattform auf Rädern am Fuße einer unmöglich steilen Rampe. Auf dieser schmalen Holzplanke musste der Aufzug qualvoll knarrend mit uns den Felsen hinaufbalancieren.

Ich hatte nicht noch mehr Kinder erwartet, doch da standen drei weitere, feierlich aufgereiht, ein ungefähr zehnjähriges Mädchen mit verschmierter Brille und straff geflochtenen, wenig schmeichelhaften Zöpfen, das sehr schüchtern wirkte, ein Junge, die zierlichere, jüngere Version des ersten, und ein kleines Mädchen, dessen zerzauste Haare sein Gesicht verdeckten. Ihre Haut war gebräunt von der Sonne, und je jünger sie waren, desto mehr Pigmente schienen sie aufgesogen zu haben, sodass die Älteste, das Mädchen mit den Zöpfen, die Farbe von schwachem Tee hatte und die Kleinste dunkel war wie eine Eichel. Aus einem Nebengebäude tauchte ein Mann mit schon leicht gekrümmtem Rücken auf, der sich die Hände an einem Tuch abwischte. Und dann, als wir quietschend die letzten Meter hinter uns brachten, kam eine Frau auf uns zugeeilt. Sie war groß und hatte lange Beine und einen langen Hals wie ein Reiher oder Storch. Ihr Haar war weiß gesträhnt und zu einem unordentlichen Nest hochgesteckt, und sie trug Männerstiefel.

Verlegen strich sie sich mit ihren rissigen Händen über ihre fleckige Schürze, während Oskar mich von der Plattform hob, und wiegte sich sacht hin und her, als könne sie einfach nicht stillstehen. »Schön, Sie kennen zu lernen«, sagte sie mit einem kurzen Kopfnicken. »Hoffentlich bleiben Sie bei der Stange.«

Der Mann mit dem schmutzigen Tuch schüttelte uns die Hand und nickte beifällig. Offenbar waren wir genau das, was er bestellt hatte. »Henry Crawley«, sagte er, »Hauptleuchtturmwärter.« Er war einen Kopf kleiner als seine Frau und schien von Sonne und Wind gebleicht worden zu sein; seine Haut war so hell, dass er fast farblos wirkte. Seine blassen Augen tränten in dem grellen Licht.

Über Mr. Crawleys Schulter hinweg sah ich, wie der Tender, der uns hier abgeliefert hatte, zügig über die gewaltige, ruhelose Fläche des Meeres auf den nördlichen Horizont zudampfte, und verspürte eine so kalte und überwältigende Beklommenheit, dass ich meine Verzweiflung fast herausgeschrien hätte. Aber ich riss mich zusammen und griff nicht nach Oskars Hand, denn ich war ein erwachsenes Mädchen, das sich zu benehmen wusste.

Ein weiterer Mann kam den Weg entlang. Er hatte es nicht eilig, uns kennen zu lernen, sondern schlenderte scheinbar ziellos auf uns zu, den Blick wie ich auf den Ozean und das verschwindende Schiff gerichtet. Die dunkelbraunen Haare, die unter seinem Bowler sichtbar waren, wirkten wie mit einem Jagdmesser geschnitten.

»Mein Bruder, Archie Johnston«, sagte Mrs. Crawley und seufzte, als ob sie sich wünsche, es verhielte sich anders.

Wir begrüßten ihn, doch er taxierte uns unhöflich, bevor er antwortete. »Habe gehört, Sie sind aus Wisconsin«, sagte er schließlich.

»Oh ja«, erwiderte ich allzu eifrig, mehr als bereit, seine schlechten Manieren zu übersehen, weil es so tröstlich war, an meine Heimat erinnert zu werden. »Kennen Sie es?«

»Ich weiß, dass es von dort ein langer Weg ist, nur um eine Stelle als zweiter Gehilfe eines Leuchtturmwärters anzutreten.«

Oskar lachte. »Vermuten Sie tiefere Beweggründe?«

Mr. Johnston starrte ihn an. »Ich weiß nicht, was ich denken soll.«

»Nun komm schon, Archie«, sagte Mr. Crawley. »Bring doch diese netten jungen Leute nicht so in Bedrängnis. Die meisten würden mit Freuden die Chance auf diesen Posten ergreifen. Zeigen wir Mr. Swann den Leuchtturm und machen ihn mit seinen Aufgaben bekannt.«

Archie Johnston hatte recht mit seinem Misstrauen, obwohl die Vergehen, derentwegen wir Milwaukee verlassen mussten – das Zunichtemachen der schönsten Hoffnungen von Familie und Freunden –, nicht von der Art waren, die das Gesetz verfolgt.

KAPITEL 2

Meine Eltern hatten mir in Milwaukee den Weg in eine herrliche Zukunft geebnet, glatt und überschaubar wie die weiße Decke auf meinem Rosenholzbett. Nach meinem Abgang vom Milwaukee College for Females sollte ich Ernst Dettweiler heiraten. Unsere Hochzeit wurde geplant, zunächst scherzhaft, als unsere Mütter uns als Säuglinge im Juneau Park spazieren fuhren. Aber warum auch nicht? Ernst war ein netter, geradliniger Junge, der den Freuden des Lebens aufgeschlossen begegnete und klarmachte, dass er fand, ich gehöre zu ihnen. Ich hatte ihn gern wie den Sonnenschein. Und meine Mutter sagte liebevoll: »Bei Ernst weißt du, was du bekommst.«

Wir sollten in einer der neueren Straßen der Innenstadt wohnen. Obwohl noch kein Hochzeitstermin festgelegt worden war – genau genommen hatte Ernst noch gar nicht offiziell um mich angehalten –, hatten mein Vater und Onkel Dettweiler sich zwei, drei mögliche Häuser angesehen, und meine Mutter hatte schon die Pfingstrosen ausgesucht, die sie in meinen Garten pflanzen wollte, und die Möbel aus ihrem eigenen Haus, die sie mir überlassen würde. Natürlich wurden von uns jungen Leuten auch eigene Ideen erwartet. Innerhalb gewisser Grenzen waren unsere Eltern sogar gerne bereit, uns gewähren zu lassen.

Trotz alledem – oder vielleicht gerade deswegen? – verspürte ich ein vages, aber hartnäckiges Unbehagen, als stecke irgendwo unter meinen Kleidern ein kratzender Strohhalm, der sich nicht entfernen ließ. Anfang September, zu jener Zeit, die so reich ist an Verheißungen für die kommenden akademischen Monate, hatte unsere Collegedirektorin in der Menomonee Hall eine Ansprache gehalten, in der sie uns Mädchen ermahnte, der Welt zu Diensten zu sein. Sie hatte eine lockere, aber deutliche Verbindung zwischen einer gelungenen Ovid-Übersetzung und der Fähigkeit einer jungen Frau hergestellt, einen Beitrag zur Erbauung der Menschheit zu leisten. Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger glaubte ich an diese Verbindung beziehungsweise an mein Talent, sie so zu knüpfen, wie andere es passend fanden. Direktorin McAdams hatte die Wichtigkeit der Haushaltsführung für das Gedeihen einer Gesellschaft betont und stellte Hauswirtschaftslehre, praktische Nächstenliebe und literarisches Schaffen als geeignete Gebiete dar, auf denen eine Frau mit College-Bildung von Nutzen sein könne. Und dann gab Florence Nightingale das Beispiel für höhere Ambitionen ab. Aber ich wusste, dass ich keine Florence Nightingale war.

Miss Dodson, meine Krankenpflege- und Biologielehrerin, hatte mich eines Tages nach dem Unterricht zurückgehalten. Ich hatte angenommen, dass sie mich ausschimpfen würde, weil ich den Kopf meiner Freundin Lucy so nachlässig bandagiert hatte, doch Miss Dodson hatte mich gedrängt, das Unterrichten in Erwägung zu ziehen.

»Ich glaube«, sagte sie, während sie die Gliedmaßen von ihrer Holzpuppe abschraubte, »es ist gut, wenn eine junge Frau ein, zwei Jahre lang ihren eigenen Weg geht, bevor sie sich an einen Mann bindet.«

Ich bewunderte Miss Dodson mit ihren strahlenden braunen Augen und der kompromisslosen Wissbegier. Sie regte ihre Schülerinnen – mich zumindest – dazu an, die Funktionen von Lebewesen zu hinterfragen, wenn sie deren Geheimnisse enthüllte. Sie hatte als Kind Polio gehabt und ging deshalb mit einem leichten Hinken, das den Takt vorzugeben schien, wenn sie vor der Klasse hin und her schritt und uns zum Hinschauen anhielt: »Ihr müsst beobachten, Mädchen! Nie etwas voraussetzen, immer genau untersuchen!« Während sie im alltäglichen Gespräch eher zurückhaltend und nüchtern war, geriet sie ins Schwärmen über »die raffinierte Flechte, die noch dort gedeiht, wo andere Pflanzen sofort eingehen würden«. Wir kicherten, aber nur die Reserviertesten von uns konnten sich der Begeisterung und Hingabe entziehen, mit der sie sich ihrem Forschungsgegenstand widmete. Auf ihren Vorschlag hin malte ich mir aus, wie ich in gestärkter weißer Bluse und schwarzem Rock über mein eigenes Klassenzimmer gebot und auf der Tafel mit farbiger Kreide selbstbewusst ein Herz und die von ihm wegführenden Arterien skizzierte.

»Warum sind Sie Lehrerin geworden?«, fragte ich kühn.

Miss Dodson wirkte ein wenig verblüfft. Ich glaube, sie war eher daran gewöhnt, andere anzuleiten, als über ihre eigenen Motive nachzudenken.

»Wahrscheinlich, weil ich die Schule gern hatte. Sie erlaubte mir, meinen Verstand einzusetzen.« Sie lachte kurz wehmütig auf. »Das war viel spannender als alle meine anderen Möglichkeiten. Naturkunde interessiert dich offensichtlich«, fuhr sie fort und lenkte das Gespräch damit wieder in Bahnen, die ihr angenehmer waren.

Es gefiel mir tatsächlich, dass die Naturwissenschaft, wie Latein, Ordnung in die Welt zu bringen schien, während Geschichte und Literatur meiner Meinung nach eher Unruhe in ihr stifteten. Wenn wir Pflanzen und Tiere studierten, machte Miss Dodson uns immer auf Beispiele für Symmetrie und Effizienz und Kooperation aufmerksam. Und ich liebte das Klassifizieren, die Erkenntnis, dass auch die ungewöhnlichste Spezies Merkmale hatte, die sie mit anderen teilte, und sich daher einer Gattung zuordnen ließ, die sich wiederum in Familien gliederte, und so weiter, bis das ganze Rätsel des Lebens, theoretisch jedenfalls, klar kartografiert war.

Vielleicht würde ich mich nie an einen Mann binden, verkündete ich beherzt, als ich Lucy von Miss Dodsons Rat erzählte.

»Wie Miss Gregor, meinst du?« Lucy riss die Augen auf.

Ich lachte. »Du hältst ja nicht viel von mir. Miss Gregor? Was ist mit Miss Dodson?«

»Oh, Miss Dodson. Na ja, sie ist ein besonderer Fall, oder? Sie schafft es, all ihre Leidenschaft auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Ja, das bewundere ich. Aber, Trudy …« Sie legte mir feierlich die Hand auf den Arm. »Findest du sie nicht ein bisschen hinterhältig? Sie erinnert mich an einen von diesen Krebsen, die sich in einem Schneckenhaus verstecken.«

»Und ihre Stirn und ihre Augen sind so weit vorgewölbt.«

Lucy lachte. »Nein, im Ernst, ich will nicht, dass du wirst wie Miss Dodson, so sehr wir sie auch bewundern. Das ist doch nichts für dich. Wenn du Ernst heiratest und ich Charles heirate, dann wohnen wir nebeneinander und besuchen uns durch die Hintertür immer gegenseitig.«

Die Vorstellung, in diesen oder ähnlichen Schulräumen zu bleiben und das, was ich gelernt hatte, an andere Mädchen weiterzugeben, damit sie es wiederum weitergeben konnten, langweilte mich ebenso wie alles andere. Als Lehrerin, so fürchtete ich, würde ich ein Glied genau der Kette werden, die mich gefangen hielt, mir eine Zukunft verwehrte, die nur ein kleines Stück jenseits meiner Wahrnehmungsfähigkeit aufzuschimmern schien.

Was hatte ich mir gewünscht? Eins hatte ich ganz sicher gewusst: Ich wünschte mir etwas, das ich nicht kannte. Nun, das hatte ich bekommen.

KAPITEL 3

Mary wird Ihnen alles zeigen«, sagte Mrs. Crawley und legte ihrer älteren Tochter einen Moment lang zärtlich ihre raue Hand auf die Schulter. »Janie, möchtest du mitgehen?« Das kleine Mädchen lehnte den Kopf an die Hüfte ihrer Mutter, und Mrs. Crawley strich die Haare des Kindes hinter zwei zarte Ohren, die wie die Henkel von Teetassen abstanden, sodass neugierige braune Augen sichtbar wurden. »Ihr beide«, sagte die Frau zu ihren Söhnen, »solltet Holz holen. Wir brauchen ein schönes Feuer heute Abend.«

Die Jungen sprangen davon, und der Blick, den Mrs. Crawley ihnen hinterherschickte, war gereizt und liebevoll zugleich. »Ich sorge fürs Abendessen«, sagte sie und wandte sich abrupt wieder mir zu. »Sie haben Ihre Küche ja noch nicht eingerichtet.«

Meine Küche eingerichtet? Was sollte das heißen? In der Schule hatte man uns beigebracht, in einem Glas braunes Mehl zum Andicken und Färben bereitzuhalten. Ich konnte weiße Sauce machen und Obstsalat und ein Backblech säubern. Meine Mutter hatte mir gezeigt, wie man mit dem ausgelassenen Speck, den sie in einem grünen Keramiktopf aufbewahrte, einen Kuchen backt und Wolken von geschlagenem Eiweiß vorsichtig unter eine Eiercreme hebt. Ich erinnerte mich an einige der Lektionen, die sie unserem Mädchen erteilte: Gläser und Tassen umgekehrt in den Schrank zu stellen, damit sich kein Staub in ihnen sammelt, oder die Asche aus dem Herd zu holen, ohne sie zu verschütten, oder wann man das Wasser im Becken wechselt. Ich fürchtete, diese zufällig gespeicherten Wissensfragmente würden nicht ausreichen.

Tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass meine Position der Marys näher war als der ihrer Mutter, obwohl ich mir Mühe gab, das zu verbergen. Meine Führerin, die beim Gehen an ihrem Daumennagel kaute, stand am Beginn jenes schwierigen Stadiums im Leben eines Mädchens, in dem sie nicht mehr niedlich, aber auch noch nicht hübsch ist, und man nicht weiß, ob sie es je werden wird. Sie war unfertig, ihr sommersprossiges Gesicht eine plumpe, knochenlose Scheibe, und sie hatte die Angewohnheit, ihre kleine Brille zurechtzurücken, indem sie sie mit einem Finger immer wieder hochschob.

Zuerst brachte sie mich zum Stall, wo mehrere braune Hühner herumstolzierten und -pickten, vollkommen auf den Boden konzentriert und ohne Interesse für die Tatsache, dass ihr Flecken Erde hoch über dem Meer hing. Ein Hahn mit grünem Schwanz wandte uns argwöhnisch, ähnlich wie Mr. Johnston, ein schwarzes Auge zu.

Das kleine Mädchen, Jane, wagte sich vor. »Ma sagt, die Hennen würden einen Fuchs nicht mal erkennen, wenn er sie beißt«, sagte sie. »Ich hab noch nie einen Fuchs gesehen. Und du?«

Ja, hätte ich, teilte ich ihr mit.

»Adler hab ich schon gesehen«, fuhr Jane fort. »Sie sausen runter« – sie machte mit den Armen eine ausholende Geste des Fliegens – »und schnappen sich die Küken.« Hier streckte sie die Finger aus wie Krallen und spielte ein Zupacken. »Das ist grausig.«

»Ma sagt, die Adler müssen auch essen«, sagte Mary, und Jane nickte zu dieser Weisheit.

Überrascht sah ich hinter dem Stall eine Kuh wiederkäuen.

»Ma sagt, Kinder müssen Milch trinken.« Jane warf mir einen taxierenden Blick zu. »Sie hat gesagt, du würdest uns Butter machen. Sie hat gesagt, da, wo du herkommst, kann jeder buttern.«

Anscheinend hatte Ma nicht immer recht.

Als wir die Werkstatt erreicht hatten, demonstrierte Mary den Schleifstein und raffte dazu ihren Rock, damit sie ungehindert auf die Pedale treten konnte. Dann schob sie, immer noch sitzend, ihre Brille, die ihr die Nase heruntergerutscht war, wieder nach oben. »Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?«

Ich musste über ihre Förmlichkeit lächeln. »Natürlich.«

»Darf ich Ihren Hut aufprobieren?«

Ich entfernte die Nadeln aus meinem Hut, setzte ihn dem Mädchen auf den Kopf und ließ ihr den Schleier herab.

»Oh!« Sie war enttäuscht. »Man kann ja richtig durchgucken.«

»Lass mich mal«, sagte Jane, und ich musste ihr den Hut ebenfalls aufsetzen. »Stimmt, Mary«, sagte sie mit ähnlicher Bestürzung. »Man kann richtig durchgucken.«

Hatten sie geglaubt, ich sei blind vor mich hin gestolpert?

Wie ich schon vom Tender aus gesehen hatte, stand der Leuchtturm ein Stück entfernt von den anderen Gebäuden und weiter unten auf dem Felsen. Sein oberes Drittel reichte bis zum Gipfel des Kaps, und die Galerie, die das Lampenhaus umschloss, war von dort, wo wir standen, über eine kleine Brücke zugänglich. Oskar war oben, als wir aus der Werkstatt traten, aber er schien auf etwas weit draußen auf See zu blicken. Jedenfalls bemerkte er meine erhobene Hand nicht.

»Die da gehört uns«, sagte Mary wichtigtuerisch und zeigte auf den südlichen Eingang des schrecklichen Steingebäudes, das drei Wohnungen beherbergte.

»Wir haben die größte«, verkündete Jane, »weil unser Vater hier der Chef ist.«

Der mittlere Teil, in den die Mädchen mich führten, war eine Art Tunnel zwischen den beiden anderen Wohnungen; Licht konnte nur von hinten aus östlicher oder von vorn aus westlicher Richtung eindringen, sonst nicht. An den fleckigen Wänden, dem geronnenen braunen Fett auf der Herdplatte und den Staubflocken auf den Scheuerleisten war zu erkennen, dass nichts für unsere Ankunft vorbereitet worden und der vorherige Mieter nicht sehr reinlich gewesen war.

Mit Belustigung sah ich Spuren von Hausbesetzern. Im Wohnzimmer nahm Mary hastig eine Puppe, einige Blätter mit Tinte beschmierten Papiers, einen Blechnapf und anderes Gerümpel an sich, zu dessen Identifizierung sie mir keine Zeit ließ. In der Küche zeigten mir beide Mädchen voller Besitzerstolz das fließende Wasser in der Spüle, das schwere Porzellan, bemalt mit einem kleinen Leuchtturm, im Geschirrständer, den Topf und die Pfanne aus Eisen im Schrank und die Schublade mit dem versilberten Besteck.

Oben gab es zwei kleine Schlafzimmer. Das vordere war nur mit einem Bett möbliert.

»Das hier«, sagte Jane, die Handfläche an die Tür des hinteren Raums gepresst, »ist für dein Baby.«

Ich lachte. »Aber ich habe kein Baby.«

»Ma sagt, du kriegst eins«, behauptete sie, »früher oder später. Mary und ich hoffen auf ein Mädchen, stimmt’s?« Sie wandte sich zu ihrer Schwester.

Mary nickte. »In der Zwischenzeit«, sagte sie mutig und warf mir von der Seite einen Blick zu, während sie die Tür öffnete, »haben wir dieses Zimmer für unsere Sammlung benutzt.«

Der Fußboden sah aus wie ein Strand. Er war übersät mit Muscheln und Treibholz, trockenem und geglättetem Seetang und etwas, das ich für Knochen hielt. Dazwischen befanden sich kleine Kreaturen, wunderschön und monströs zugleich. Manche waren borstig, manche kieselig, manche gekräuselt, manche knorrig. Fast alle waren mir fremd: weiße Röhren, braune Scheiben und schillernde Kelche, Wesen in Orange und Rosa, Blau und Violett, Zweige und Spiralen, Stacheln und Kolben und Oberflächen, die glasig glatt wirkten. In Gläser eingesperrt lagen weitere Geschöpfe, manche schneckenartig, andere mit Tentakeln. Vermutlich waren sie ihren Habitaten lebendig entnommen worden, obwohl die meisten jetzt tot zu sein schienen trotz des Versuchs, ihnen eine angemessen wässrige Umgebung zu schaffen. Ich hob ein Glas an, halb voll mit wolkigem Wasser, um es genauer zu inspizieren, und hätte es vor Entsetzen fast wieder fallen lassen. Ein formloses Etwas schwamm darin und stank.

»Ich glaube, das hier ist tot«, stieß ich hervor.

»Dann müssen wir es wohl wegschmeißen«, sagte Mary bedauernd.

»Was sollen wir mit all dem anfangen?« Ich würde mit ihrer Mutter sprechen.

»Ich weiß nicht.« Marys Tonfall war unbeschwert, als sehe sie gar kein Problem.

»Du erzählst Ma doch nichts, oder?«, fragte Jane. »Sie mag es nicht, wenn wir das Zeug herbringen.«

»Nein, das mag sie nicht«, sagte eine tiefe Stimme von der Tür her. Ich erschrak so sehr, dass mir das Glas beinahe entglitten wäre, aber es war nur Mr. Johnston, der sich irgendwie die Treppe hochgeschlichen hatte, ohne dass wir ihn gehört hatten. »Hier«, sagte er unerwartet freundlich und steckte eine Hand in seine Hemdtasche. »Das habe ich neulich gefunden.« Er reichte Jane eine gedrechselte Muschelschale, hohl wie ein Strohhalm, während sich die beiden Jungen, die hinter ihm heraufgekommen waren, ins Zimmer drängten.

»Vielen Dank!« Jane gab die Muschel feierlich an einen ihrer Brüder weiter, der sie sorgfältig, wenn auch anscheinend willkürlich, zwischen dem anderen Strandgut auf dem Boden platzierte.

Mr. Johnston zeigte mit dem Daumen über seine Schulter. »Was ist in dem Koffer da unten? Steine?«

»Hast du wirklich Steine mitgebracht?«, fragte der kleinere Junge neugierig.

»Das müssen unsere Bücher sein«, sagte ich. »Tut mir leid, wenn er schwer zu tragen war. Wir hätten mehr Romane und Gedichte einpacken sollen. Etwas Leichteres eben.«

Die Kinder schauten verwirrt drein, und auch Johnston runzelte einen Moment lang die Stirn, bevor er die Augenbrauen hochzog. »Ha«, sagte er, als hätte er etwas Unerwartetes entdeckt, das ihm gefiel.

»Lasst uns nachsehen!« Die Kinder stürzten ins Erdgeschoss, und ich fühlte mich verpflichtet, ihnen zu folgen. Archie Johnston kam uns gemächlich hinterher, als wäre hier nicht ich zu Hause, sondern er.

»Danke, Mr. Johnston«, sagte ich.

Das hatte ich als Verabschiedung gemeint, aber er nickte bloß. »Wollen Sie ihn nicht aufmachen?«

Ich hätte mich drücken, behaupten können, ich hätte den Schlüssel verlegt oder wolle auf Oskar warten, doch die Kinder waren so gespannt, dass ich es nicht übers Herz brachte. Zumindest meine Toilettenartikel sind sicher in unserer Reisetasche verwahrt, dachte ich, als ich den Koffer aufklappte und meine persönliche Habe für Archie Johnston sichtbar machte.

Die Freude der Kinder entschädigte mich bald für mein Unbehagen. Ihnen den Inhalt des Koffers zu zeigen, erinnerte mich an Sir Richard Burtons Berichte über das Staunen der Afrikaner über Streichhölzer und Taschenuhren. Meine Geige wurde gestreichelt und gezupft und mein Skizzenblock bewundert, allerdings mehr für seine vielen leeren, auf Künstlerhände wartenden Seiten als für die wenigen steifen Stillleben, Porträts und Landschaften, die ich gezeichnet hatte. Meine Bleistifte und Füllfederhalter wurden genau geprüft, mein gefiederter Hut (nur leicht zerdrückt) und mein Paisleytuch anprobiert; mein Rosengeranienöl wurde beschnuppert. Es gab jede Menge Geraufe und Gegrabsche und Geschubse und Gestocher, und nachdem die Kinder ihre Neugier befriedigt hatten, war vieles schmuddelig und in Unordnung. Ich nahm an, dass ein solches Verhalten für kleine Jungen typisch war, und auch das kleine Mädchen war zu jung, um sich besser zu benehmen, aber ich wunderte mich über Mary, von der man wohl hätte erwarten können, dass sie ein Paar Strümpfe zusammenrollte.

Mein größter Schatz waren die Bettlaken, zwischen die meine Mutter dieselben Duftkissen gelegt hatte, die sie in ihrem eigenen Wäscheschrank benutzte. Bis wir zu ihnen gelangten, war es Johnston langweilig geworden, und er hatte das Zimmer verlassen, sodass ich sie ausbreiten konnte, ohne mich zu genieren. Ich trug sie nach oben, drehte die Matratzen auf ihre, wie ich hoffte, frischere Seite und bezog sie mit den Laken. Dann legte ich mich mit dem Gesicht nach unten aufs Bett, um den geliebten Duft des verlorenen Zuhause einzuatmen. Das war jedoch ein Fehler, denn der Gestank der Matratze bahnte sich gewaltsam seinen Weg hindurch. Rasch stand ich auf und eilte wieder die Treppe hinunter.

»Gibt es was zu essen?«, fragte Jane, die meine lavendelblauen Handschuhe trug.

»Ich wünschte, es gäbe was.« Nachdem ich mich vollständig von meiner Seereise erholt hatte, wurde ich mir meines großen Hungers bewusst.

»Vielleicht gibt Ma Ihnen Rosinen«, sagte Edward zweifelnd.

Genau in diesem Moment tauchte Mrs. Crawley, als hätte er sie gerufen, in der offenen Tür auf. »Edward, du weißt doch, dass wir keine Rosinen haben.« Sie wandte sich zu mir und sagte erklärend: »Wir öffnen die neuen Fässer immer erst nach dem Essen. So eine Art Ritual für die Kinder. Heute Abend gibt es nur Bohnen und Fisch.«

Ebenso neugierig wie ihre Sprösslinge musterte sie den Inhalt meines Koffers, der verstreut im Zimmer herumlag.

»So schöne Wäsche«, gluckste sie und hielt eine bogenförmig gesäumte Tischdecke hoch. Es sah aus, als würde sie mit ihren groben Fingern den zarten Stoff zerreißen. »Sie haben wohl gedacht, Sie kommen nach Pinos. Wo Künstler zu Besuch sind, die die Aussicht malen, Gedichte schreiben und was weiß ich. Hier braucht man kein feines Tischtuch.« Sie faltete es wieder zusammen, ohne sich die Mühe zu geben, es ordentlich zu tun. »Hier kommt keiner her.« Diese schreckliche Vorstellung schien sie regelrecht zu befriedigen.

Würden diese Menschen also die einzigen sein, die uns Gesellschaft leisteten? Plötzlich dachte ich an die warmen Augen meiner Mutter, die Umarmungen meines Vaters, Lucys fröhliches Lachen und Miss Dodsons ermutigendes Lächeln, und ich musste ein kurzes Husten vortäuschen, um den Schluchzer zu unterdrücken, der mir zu entweichen drohte. Ich wusste nicht, wie diese hartherzige und herrische Frau mich für den Verlust derer entschädigen sollte, die ich zurückgelassen hatte, und sonst gab es an diesem abseitigen Ort offenbar niemanden. Oskar würde hier alles für mich sein müssen und ich für ihn.

»Na gut. Also«, fuhr Mrs. Crawley lebhaft fort und legte die Wäsche zurück in meinen Koffer, »das Essen ist fertig. Wir sollten die Männer holen.«

Zuerst dachte ich, dies sei eine Aufforderung an mich, aber die beiden Jungen reagierten, indem sie zur Tür hinausstürmten und losrannten. Dabei rempelten sie sich grob an, und ich verstand nicht, wie eine Mutter an einem Ort leben konnte, wo sie jeden Moment Angst haben musste, dass ihre Kinder in die Tiefe stürzen und umkommen würden.

Neben der Wohnungstür der Crawleys waren mehrere lange Bretter auf Böcke gelegt und zu beiden Seiten dieses improvisierten Gemeinschaftstisches grob gezimmerte Holzbänke aufgereiht worden. An einem Ende stapelte sich dasselbe dickwandige Geschirr wie in meiner Küche neben einem Haufen Besteck, Trinkbechern, einem Krug und einigen Eisentöpfen.

»Dieses Porzellan hat ein reizendes Muster«, sagte ich. Dort, wo ich herkam, war dies ein übliches Kompliment einer Frau an eine andere.

»Wirklich?« Mrs. Crawley schaute mit schmalen Augen auf den Teller, den ich hochhielt, als wäre darauf etwas zu sehen, das sie noch nicht bemerkt hatte. »Es ist in allen Leuchttürmen dasselbe. Damit es keiner stiehlt.« Sie lachte kurz auf. »Dazu gibt es hier wenig Gelegenheit.«

Das Essen war eher zusammengerührt als gekocht, ein Eintopf aus Milch, gepökeltem Schweinefleisch und dem riesigen Fisch, den wir mitgebracht hatten – Lengdorsch nannte ihn Mr. Crawley –, sowie Bohnen und Maisbrot, alles in einem einzigen Teller schwimmend. Man erwartete offensichtlich, dass wir den Kopf senkten, während Mr. Crawley das Tischgebet sprach, aber es fiel mir schwer, mein Gesicht nicht dem Wind zuzuwenden, der auf diesem Felsvorsprung von Gott höchstpersönlich geschickt zu werden schien.

»Gibt es hinterher Obst?«, fragte Edward ein bisschen zu schnell nach dem Amen.

»Haben wir die Fässer aufgemacht?«, konterte Mrs. Crawley.

Da sich hieraus keine weitere Konversation entwickelte, brachte ich ein eigenes Thema zur Sprache. »Wo gehen die Kinder zur Schule?«