Die Lichter von Paris - Eleanor Brown - E-Book
SONDERANGEBOT

Die Lichter von Paris E-Book

Eleanor Brown

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Nach außen scheint alles perfekt. Madeleine ist mit einem erfolgreichen Geschäftsmann verheiratet, sie hat ein schönes Zuhause in Chicago und keine finanziellen Sorgen. Dennoch ist sie nicht glücklich: Wie schon ihre Mutter und ihre Großmutter ist sie gefangen in einem Leben, das aus gesellschaftlichen Verpflichtungen besteht; die eigenen Träume sind auf der Strecke geblieben.

Als Madeleine eines Tages auf dem Dachboden ihres Elternhauses die Tagebücher ihrer Großmutter entdeckt, erfährt sie Unglaubliches: Die strenge, stets auf Etikette bedachte Großmutter Margie war einst eine lebenslustige junge Frau, die der Enge des Elternhauses nach Europa ins wilde Paris der 20er Jahre entfloh, um frei und unabhängig als Schriftstellerin zu leben. Dort verliebte sie sich in einen charismatischen jungen Künstler und verbrachte einen glücklichen Sommer in der Pariser Boheme ...

Von Margies Geschichte ermutigt, fasst sich Madeleine endlich ein Herz, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 505

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Sammlungen



Nach außen scheint es, als habe Madeleine das große Los gezogen. Sie ist mit einem erfolgreichen Geschäftsmann verheiratet, hat ein schönes Zuhause in Chicago und keine finanziellen Sorgen. Doch Glück fühlt sich anders an. Wie schon ihre Mutter und ihre Großmutter ist sie gefangen in einem Leben, in dem für die eigenen Träume und Wünsche kein Platz mehr ist.

 Als Madeleine eines Tages auf dem Dachboden ihres Elternhauses die Tagebücher ihrer Großmutter entdeckt, erfährt sie Unglaubliches: Die ebenso strenge wie elegante Großmutter Margie war einst eine lebenslustige Frau, die der Enge des Elternhauses nach Europa ins wilde Paris der 20er Jahre entfloh, um frei und unabhängig als Schriftstellerin zu leben. Dort verliebte sie sich in einen charismatischen jungen Künstler und verbrachte einen glücklichen Sommer in der Pariser Bohème.

 Von Margies Geschichte ermutigt, beschließt Madeleine, ihrem Leben endlich eine neue Richtung zu geben …

 Ein Roman über drei Frauen, die alles daransetzen, ihr Leben selbst zu gestalten und ihre Träume zu leben – von Eleanor Brown, der Autorin des Bestsellers Die Shakespeare-Schwestern.

Eleanor Brown hat einen M. ‌A.-Abschluss in Literatur und lebt in Denver, Colorado. Ihre Texte und Geschichten wurden in zahlreichen Anthologien, Magazinen und Literaturzeitschriften veröffentlicht.

Die Shakespeare-Schwestern (it 4300) war ihr erster Roman, der sich auf Anhieb zum

ELEANOR BROWN

Die Lichter von Paris

Roman

Originaltitel: The Light of Paris. G. ‌P. Putnam's Sons, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC. 2016

eBook Insel Verlag Berlin 2017

Deutsche Erstausgabe

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4604.

© 2016 by Eleanor Brown

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2017

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlag: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung eines Entwurfs von Holly Macdonald, © HarperCollinsPublishers Ltd 2017

1

Madeleine

1999

Ich hatte mir nicht vorgenommen, mir selbst fremd zu werden. Das tut eigentlich niemand. Niemand wirft das Altvertraute über Bord und krempelt sein Leben auf einen Schlag um. Wir gehen lediglich kleinste Kompromisse ein, fällen winzige Entscheidungen, ohne zu merken, wie diese kaum wahrnehmbaren Veränderungen sich zu etwas Größerem addieren, bis wir wohl oder übel gezwungen sind, dem Menschen ins Auge zu sehen, der wir geworden sind.

Ich hatte immer nur die besten Absichten: meine Mutter glücklich zu machen, den Frieden zu wahren, meine Ecken und Kanten zu glätten und meinen eigenen Weg zu gehen. Doch am Ende glich mein Leben den Porzellanfiguren aus der Vitrine meiner Mutter: glatt und überladen, dabei zerbrechlich und hohl. Nur für Ausstellungszwecke. Bitte nicht berühren.

Vor langer Zeit hätte ich mich vielleicht noch als Künstlerin bezeichnet. Als Kind malte ich auf jeder verfügbaren freien Fläche, sogar – zum Entsetzen meiner Mutter – auf Wänden, auf den wunderbar leeren Vorsatzseiten von Bibliotheksbüchern und auf mehr als nur ein paar frisch gebügelten Tischdecken. Auf der Highschool verbrachte ich nach dem Unterricht Stunden im Kunstraum und malte, bis das Sonnenlicht nur noch schwach durch das Glasdach fiel und die Kunstlehrerin mir sanft die Hand auf die Schulter legte, um mir zu bedeuten, es sei an der Zeit, nach Hause zu gehen. Mein Anais-Anais-Duft überdeckte den Farbgeruch, und alle meiner Schulbücher waren an den Rändern mit Kritzeleien und Zeichnungen übersät. An den Wochenenden verkroch ich mich vor der abgrundtiefen Missbilligung meiner Mutter in den Keller, wo ich eine Staffelei aufgebaut hatte und malte, bis meine Finger steif wurden und die Farben, die ich auf der Palette gemischt hatte, sich im schwindenden Licht ausnahmslos in Schwarz verwandelten.

Doch seit ich verheiratet war, hatte ich nie mehr gemalt. Jetzt führte ich stundenlang Besuchergruppen durch die Räume des Stabler-Kunstmuseums und wies auf das wunderbar Nebelhafte der Impressionisten, die satte Klarheit der Romantiker, die zügellose Farbgebung im abstrakten Expressionismus hin. Während wir zwischen den Räumen hin und her wanderten, sprach ich darüber, wie die Malerei sich weiter entwickelte, wie eine Richtung in die andere überging wie Flüsse, die zusammenfließen; das gleiche Medium, das gleiche Handwerkszeug, und doch in jeder Hinsicht so ganz und gar unterschiedliche Ergebnisse.

Wie oft ich es auch erklärte, immer erschien es wie ein herrliches Ding der Unmöglichkeit, dass Monet seine lieblichen Pastoralszenen nicht einmal hundert Jahre vor dem herrlichen Chaos von Jackson Pollocks Wandgemälden geschaffen haben sollte.

Beinahe genügte mir das.

Gewöhnlich übernahm Tanis die älteren Kinder; sie hatte vier Söhne im Teenageralter und fürchtete sich vor nichts. Doch sie war nicht da, und die anderen Dozenten waren gebucht, deshalb fragte der Koordinator, ob ich die Gruppe übernehmen könne. Ich zögerte kurz – Teenager kamen mir furchteinflößend und unbeherrscht vor, schlaksige Gliedmaßen, unbegreifliche Modeentscheidungen und schlechte Manieren –, dann sagte ich zu. Ihre Lehrerin würde uns begleiten, und immerhin hatte sie um eine meiner Lieblingsführungen gebeten, über Künstler und deren Einflüsse.

Als ich mich in der Lobby mit ihnen traf, fragte ich die Kinder nach ihren Namen und ihren Lieblingskünstlern, worauf sie, vorhersehbar, reagierten, als wollte ich ihnen Staatsgeheimnisse entlocken. Ihre Lehrerin, Miss Pine, war jung und schlank, das Haar fiel ihr offen auf die Schultern, eher gekräuselt als gelockt, als wickle sie es die ganze Zeit um die Finger. Wie die meisten Frauen aus meinem Bekanntenkreis trug ich schmale Etuikleider und elegante Schals als dezente Farbtupfer, Miss Pine jedoch war in Massen brombeerfarbenen Stoffs gehüllt, die weniger einem Kleid ähnelten, als vielmehr einer Ansammlung von Taschentüchern, die mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurden. Offenbar trug sie Armreife oder Glöckchen, denn es bimmelte, sobald sie sich bewegte. Vielleicht hatte sie aber auch ein paar nicht der Jahreszeit entsprechende Rentiere unter ihrem Stoffgebirge verborgen.

»Wie lange unterrichten Sie schon?«, erkundigte ich mich auf dem Weg zur ersten Station unserer Führung, unsere Entlein im Gefolge, während der Boden unter unseren Füßen angenehm knarrte.

»Fast zehn Jahre«, sagte Miss Pine. Das Entsetzen stand mir offenbar ins Gesicht geschrieben, denn sie lachte, ein heiterer Klang, ein wenig rau an den Rändern, der mich zum Lächeln brachte. »So schlimm sind sie doch gar nicht, oder?«

Ich sah mich über die Schulter nach den Jugendlichen um, die die breite Marmortreppe hinauf in den zweiten Stock hinter uns hertrödelten, und lachte ebenfalls. »Nicht ganz so schlimm.« Die Jungen prallten voneinander ab wie Flipperbälle, einige der Mädchen hatten in der unnachahmlichen Vertrautheit von Teenagern die Köpfe zusammengesteckt, ein paar andere ließen sich an den Treppenrand treiben, um sich die Gemälde an den Wänden oder die Skulpturen auf dem Treppenabsatz anzusehen.

»In mir kommen gerade verschüttete Erinnerungen hoch. Ich kam auf der Highschool nicht besonders gut mit meinen Mitschülern zurecht. Im Grunde verbrachte ich vier Jahre damit, mich in eine Ecke zu verdrücken und möglichst unterhalb des Radars zu bleiben.«

Miss Pine wedelte mit der Hand und brachte die Glöckchen wieder zum Klingeln. »Das war bei uns allen so. Von dieser Seite des Pults ist es viel einfacher, das versichere ich Ihnen. Außerdem versucht man, es für Sie zu einer etwas weniger unangenehmen Erfahrung zu machen.«

»Nun, meine Damen und Herren, der erste Halt«, sagte ich, als wir in den Renaissancesaal kamen. Ich drehte mich zu ihnen um, klatschte in die Hände und bereute es augenblicklich. Ich war einfach nicht der Typ, dem man das abnahm. »Was wisst ihr über die Kunst der Renaissance? Klärt mich auf.«

Die Jugendlichen, die unterwegs angeregt geschwatzt hatten, verfielen in verdrossenes Schweigen. Grundschulkinder schienen ein beinahe stürmisches Redebedürfnis zu haben und warfen sich mit dem ganzen Körper ins Zeug, wenn sie die Hände hoben, als hingen sie an Marionettenfäden. Doch diese Highschool-Kids trugen eine lustlos-adoleszente Lässigkeit zur Schau, die allerdings weder ihre unruhigen Blicke noch ihre nervösen Finger verbarg, mit denen sie ihre Zeichenstifte malträtierten und an ihren Zeichenblöcken herumfummelten. Ich war mir sicher gewesen, dass ich sie für die Renaissancegemälde begeistern könnte, all die Nackedeis mit der zarten, blassen Haut und den taktvoll platzierten Händen und Blättern, doch sie zeigten bestenfalls höfliches Interesse.

»Kommt schon, Leute«, sagte ich. »Ich verhelfe euch heute zu einem schulfreien Tag. Das Mindeste, was ihr tun könnt, ist, meine Fragen zu beantworten.«

Miss Pine und ein paar Jugendliche grinsten. Eliza, ein Mädchen mit langen braunen Zöpfen und einem T-Shirt mit dem verwaschenen Aufdruck von Munchs Der Schrei, hob die Hand. Sie erinnerte mich ein wenig an mich selbst in diesem Alter – ein paar versprengte Pickel auf der Stirn, Zöpfe, aus denen sich einzelne Löckchen stahlen, ein massiger, kräftiger Körper. Sie hielt einen Malpinsel zwischen den Fingern, vielleicht für den Fall eines unerwarteten Kunst-Notfalls, was in mir das Bedürfnis weckte, sie in den Arm zu nehmen.

»Meine Retterin!«, sagte ich. »Bitte, meine Liebe, sprich!«

Eliza errötete ein wenig, als ihre Klassenkameraden sich nach ihr umdrehten, doch ihre Stimme klang laut, klar und selbstbewusst. Zumindest so selbstbewusst, wie ein Mädchen im Teenageralter eben sein konnte, die Stimme am Ende fragend erhoben. »Sie interessierten sich wirklich für, na ja, klassische Kunst? Die Griechen?«

»Und die Römer, aber ja doch«, sagte ich. Ich war so begeistert, dass tatsächlich jemand etwas sagte, dass ich vielleicht ein wenig zu laut sprach, denn ein Junge, Lam, mit schwarzen Haaren, die so gestylt waren, als wäre er gerade dem Windkanal entronnen, trat einen Schritt zurück. Ich räusperte mich und versuchte es ein bisschen weniger enthusiastisch, mit der zurückhaltenden Stimme, die ich in meinem sonstigen Leben benutzte, wo ich die ganze Zeit über Dinge redete, die mir gleichgültig waren. »Sie waren von griechisch-römischer Kultur fasziniert; diese Einflüsse können Sie überall erkennen. Nehmen Sie zum Beispiel dieses Gemälde hier«, sagte ich und deutete auf ein Bild eines italienischen Künstlers. »Sehen Sie im Hintergrund die Skulpturen oben an dem Gebäude?«

Die Jugendlichen beugten sich vor, und ich unterdrückte ein Grinsen. Sie waren also doch interessiert. Es ging lediglich darum, die äußerliche Coolness zu durchdringen.

Lam meldete sich. »Es sieht aus wie dieser Parthenonfries.«

»Tatsächlich, nicht wahr?«, sagte ich. »Und das ist kein Zufall. Sie versuchten, der Kunst neues Leben einzuhauchen, und hielten deshalb Ausschau nach den höchsten künstlerischen Leistungen, und in der Klassik wurden sie fündig.«

»Dann haben sie also kopiert?«, fragte ein kleines, schlankes Mädchen. An ihren Namen konnte ich mich nicht erinnern. Als sie sich vorstellte, hatte ich mich davon ablenken lassen, wie klein und schwerelos sie wirkte, wie ein von seinem Besitzer zurückgelassener Schatten.

»Das hat doch nichts mit Kopieren zu tun«, sagte ein Junge namens Hunter, und seine Worte trieften vor Verachtung. »Das war so was wie eine Inspiration.« Das Schattenmädchen senkte das Kinn und zog sich noch weiter in sich selbst zurück, und ich wäre am liebsten zu ihrer Rettung geeilt. Hunter sah auf diese irritierend unangestrengte Weise gut aus, wie sie Jungen im Teenageralter manchmal zu eigen ist, mit zarten, mädchenhaft hübschen Zügen, und an der Art, wie die übrigen Jugendlichen sich um ihn scharten, war zu erkennen, dass er der Star der Gruppe war.

Glücklicherweise trat Miss Pine dazwischen, bevor ich es tun musste. »Komm ein bisschen runter, Hunter«, sagte sie milde, und ich sah, wie die Jugendlichen sich neu sortierten, das Schattenmädchen unter ihren Wimpern hervorlugte und die anderen irgendwie erleichtert wirkten. Innerlich gab ich Miss Pine ein High Five. »Das ist eine berechtigte moralische Frage, wenn man davon ausgeht, dass auch ihr immer wieder mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert werdet.«

»Und wir sind heute hier, um genau darüber zu sprechen, ja? Woher beziehen Künstler ihre Ideen, ihre Techniken, ihren Stil«, sagte ich.

»Von einander«, sagte Eliza und wedelte mit ihrem Malstift in meine Richtung.

»Genau«, sagte ich. »Warum gehen wir nicht weiter zu den Neoklassizisten und suchen nach mehr Beispielen?«

Im Saal der Neoklassizisten wurde die Unterhaltung lebhafter, und es gelang mir, die Jugendlichen in ein Gespräch über die Römer zu verwickeln, möglicherweise weil ich die Vomitorien erwähnt hatte. Ein Beweis dafür, dass derber Humor immer eine gute Wahl ist, wenn Nacktheit versagt.

Nachdem die Jugendlichen ihr Repertoire an Brech-Witzen erschöpft hatten, gab ich ihnen ein paar Minuten, um sich in dem Raum umzusehen. Einige von ihnen begannen wie wild zu zeichnen, und als ich ihnen zusah, juckte es mich in den Fingern. Die anfängliche Anspannung und Befangenheit fiel von ihnen ab. Vor langer Zeit war ich genauso gewesen, so verzweifelt bemüht, etwas zu schaffen, dass ich kaum meine Hände stillhalten konnte.

Ich lehnte mich an die Wand, und Miss Pine stellte sich neben mich. »Wie dem auch sei«, sagte sie und nahm unser früheres Gespräch wieder auf, als wäre es nie unterbrochen worden, »zu unterrichten ist für mich der beste Weg, mit meiner eigenen Kunst verbunden zu bleiben. Wenn ich sie dazu ermutige, etwas zu schaffen, käme ich mir wie eine Betrügerin vor, wenn ich nicht auch selbst etwas schaffte. Wie steht es mit Ihnen? Sind Sie Künstlerin?«

»O nein. Ich habe zwar die Kunstschule besucht, aber das ist nicht, also, ich will sagen, das war nicht so ernst gemeint«, antwortete ich hastig, damit sie nicht auf falsche Gedanken kam.

»Tatsächlich?« Sie hob eine blasse Augenbraue. »Aber Sie sprechen so leidenschaftlich darüber. Ich dachte …«

Es gelang mir, das Verlangen zu unterdrücken, das mich immer überfiel, wenn ich über Kunst redete, und schüttelte den Kopf. »Ich wäre gern Malerin geworden, aber … ich schätze, ich bin dem einfach entwachsen.«

Die Wahrheit war bei weitem zu kompliziert, um sie zu erklären, insbesondere Miss Pine, die so ernsthaft mit ihrem Schmuck klimperte und ein so großes, verständnisvolles Herz für diese Jugendlichen mit ihren betretenen Blicken hatte. Das war der Handel, auf den ich mich eingelassen hatte. Ich wusste, dass Phillip mich teilweise deshalb geheiratet hatte, weil er keinerlei Geschmack besaß und ich einiges über Kunst wusste, doch der Kontakt damit wurde mir nur in homöopathischen Dosen gestattet, vorzugsweise dann, wenn es ihn in ein gutes Licht rückte. Ich durfte Kunsthändler besuchen und für sein Büro oder die Eigentumswohnung um Gemälde feilschen, bei denen es mehr um die schiere Größe ging und um den Eindruck, den man mit ihnen schinden konnte, als um den künstlerischen Wert. Ich durfte im Museum Führungen machen, ehrenamtlich, aber selbst durfte ich keine Kunst schaffen.

»Kunst ist keine Sache, der man entwächst, nur weil man kein Teenager mehr ist. Es ist nicht so, wie wenn die Verliebtheit in ein Idol aus der Teenagerzeit endet.«

Ich legte mit gespieltem Entsetzen eine Hand aufs Herz. »Machen Sie keine Witze. Ist es nicht Ihre Aufgabe, die Träume von Teenagern zu schützen?«

»Nicht offiziell, aber ich schätze, das tue ich ohnehin. Sehen Sie, wenn ich Ihre Lehrerin gewesen wäre, hätten Sie das Malen nicht aufgegeben.«

»Ah, aber wer würde dann die charmante Aufgabe übernehmen, apathische Teenager in die Schönheit Rembrandts einzuführen?«, fragte ich.

»Ich bin sicher, jemand würde in die Bresche springen. Nicht dass ich verspotten wollte, was Sie hier tun. Sie machen das ehrenamtlich, richtig?«

»Richtig«, sagte ich, obwohl ich mir nicht sicher war, ob Freiwilligkeit oder Ehrenamtlichkeit das, was ich hier tat, eindrucksvoller machte. Die Abmachung lautete, dass ich unentgeltlich arbeitete und mich als Altruistin fühlen durfte, wenn ich meine anderen Pflichten nicht vernachlässigte: Mitgliedschaft im Chicago Women's Club und Teilnahme an den schmerzhaft öden geschäftlichen Veranstaltungen, bei denen Phillip auf meiner Begleitung bestand.

Führungen zu veranstalten brachte seine eigenen Unannehmlichkeiten mit sich, da es mich genauso einengte wie die anderen Pflichten auch. Wenn ich mich an Besuchergruppen wandte, sprach ich mit dem Selbstbewusstsein einer Wissenschaftlerin über Techniken, über Chiaroscuro und über Maßstäbe, Pinselstrich und Krakelüre, aber ich redete nie über die Gefühle, die Kunst in mir auslöste. Ich sprach nie darüber, was für eine wunderbare Sache es ist, ein Gemälde zum ersten Mal zu betrachten – und es wirklich zu sehen. Wenn ich meinen Blick für ein Gemälde öffne, scheint sich alles zu verändern und nie wieder dasselbe zu sein. Farben wirken lebendiger, Linien und Konturen eines Objekts schärfer, und ich verliebe mich in die Welt in ihrer ganzen Schönheit – die Tragödien und Liebesgeschichten in den Gesichtern der Passanten, das Schimmern eines nassen Gehsteigs oder die Art und Weise, wie die Blätter vor einem Unwetter ihre blasse Unterseite in den Wind drehen. Ich möchte weinen wegen einer zerbrochenen Eierschale unter einem Vogelnest, über die gezackten Ränder und den Vogel darin, der in die Freiheit entlassen wurde.

Am Ende der Führung ließ Miss Pine ihre Schüler laufen, wohin sie wollten – um zu zeichnen, mahnte sie streng, nicht um in den Museumsshop oder ins Café zu gehen. Einige von ihnen schlenderten zurück in die Renaissancesäle (vermutlich waren die nackten Brüste der Venus am Ende doch zu verführerisch); ein paar andere verweilten bei der vibrierenden Schönheit der Impressionisten.

»Hören Sie«, sagte Miss Pine und drückte mir eine zerknitterte Postkarte in die Hand, die sie aus ihrer Handtasche hervorgekramt hatte, »falls Sie Ihre Meinung ändern und Kontakt zu Ihrem inneren Teenager aufnehmen wollen. An diesem Wochenende unterrichte ich in einem neuen Atelier in Bucktown eine Malklasse. Heute Abend fängt es an. Sie sollten kommen.«

Ich starrte auf die Karte wie auf das Tor zum Paradies und stellte es mir vor: ein helles Atelier, den Geruch nach Farbe und Leinwand, das Gewicht des Pinsels unter meinem Daumenballen, alles gleichermaßen neu und vertraut.

»Das ist sehr nett von Ihnen«, sagte ich und glitt wieder in die glatte, emotionslose Stimme, die meine Rüstung war, »aber ich habe bereits etwas vor.« An diesem Abend war meine Anwesenheit bei einem von Phillips Essen erwünscht, und am nächsten Tag würde ich zu einem Besuch bei meiner Mutter aufbrechen. Viel lieber hätte ich das Wochenende in dieser Malklasse verbracht, doch in meinem Leben gab es viele Pflichten und wenig, was ich selbst gern tun wollte.

Sie zuckte die Schultern. »Dann ein andermal. Meine Telefonnummer steht hier.« Sie deutete unten auf die Karte, dabei fiel mir auf ihrem Finger ein getrockneter Farbklecks auf, ein verwirrend vertrauter Anblick – war dies nun ihre Hand oder meine vor einem Jahrzehnt? »Kein Druck. Nur Spaß.«

»Danke«, sagte ich, wohl wissend, dass ich mich niemals an sie wenden würde. Ich wusste, dass es besser war, diesen Teil meines Ichs in Schach zu halten, aber zu meiner Überraschung fühlte sich dieses Wissen scharf und schneidend an, als wäre es neu und nicht etliche Jahre alt.

Nachdem Miss Pine und die Schüler gegangen waren, aß ich im Personalraum ein paar Kekse, schob sie so hastig in den Mund, dass sie über meine Zunge schabten, dann sammelte ich meine Sachen ein und ging nach Hause. Manchmal nahm ich einen Umweg und ging bei einigen Galerien vorbei, die immer herrlich respektlose, aufregende Ausstellungen zeigten, doch heute war ich mit Phillip verabredet. Er versuchte gerade verzweifelt, ein Geschäft mit einem Immobilienmakler namens Teddy Stockton an Land zu ziehen, was mich dazu verdonnerte, mit Teddys Frau Dimpy und den anderen Ehefrauen einen ganzen Abend höflich Konversation zu treiben.

Zu Hause hielt ich vor der Eingangstür einen Augenblick inne. In letzter Zeit hatte ich jeden Abend einen seltsamen schwarzen Hoffnungsfunken verspürt, den Wunsch, mein Mann würde nicht heimkommen.

Ich wollte nicht, dass ihm etwas Schlimmes zustieß; ich wünschte mir nur, er würde verschwinden. Einfach verschwinden, durch ein Wurmloch oder durch einen Steinkreis. Vielleicht würde er eines Tages auch beschließen, dass er die Nase voll hatte, und ohne mich auf eine karibische Insel ziehen. Ich würde ihm aufrichtig alles Gute wünschen. Ich würde seine Sachen für ihn packen und sie ihm mit einer Tube Sonnencreme und den besten Wünschen nachschicken. Das wäre sauber und emotionslos, und niemand hätte Schuld.

Ich fragte nicht nach der tiefen Bedeutung dieser Gedanken. Ich hatte so lange jedes unangenehme Gefühl hinuntergeschluckt, dass ich gar nicht auf die Idee kam, diese wiederkehrende Fantasie vom verschwundenen Ehemann könne ein Zeichen dafür sein, dass etwas furchtbar schieflief.

Aber natürlich gab es keinen magischen Steinkreis und keine karibische Insel, denn als ich die Tür öffnete, war er schon da, stand in der Küche und schaute die Post durch. Er sah aus wie immer, als posierte er für ein Katalogfoto.

Phillip war älter als ich, knapp unter vierzig, doch er war einer dieser Männer, die immer besser aussehen, je älter sie werden; nicht unbedingt hübsch, aber gutaussehend, wie ein Schauspieler oder Nachrichtenmoderator. Da ich kein Interesse an schönheitschirurgischen Eingriffen hatte, stellte ich mir vor, wie der Abstand zwischen unserer jeweiligen Attraktivität immer größer wurde, bis ich, faltig, müde und grau, einer unverheirateten Tante glich, die er großzügig zu Wohltätigkeitsveranstaltungen mitnahm.

»Du bist spät dran«, sagte er, als ich meine Tasche abstellte und nach dem Pullover griff, den ich im Garderobenschrank aufbewahrte. Die raumhohen Fenster, die es einem erlaubten, von dem unbequemen Sofa aus die endlose Aussicht auf den Michigansee zu bewundern, waren auch, dessen war ich mir ziemlich sicher, der Hauptgrund, warum es in unserer Wohnung immer so kühl war. Im selben Moment, in dem ich nach Hause kam, zog ich mir einen Pullover über, selbst im Sommer. Ständig trug ich Socken und Hausschuhe, und wenn ich aus der Dusche kam, beeilte ich mich und wickelte mich in Handtuch und Bademantel, während das Wasser auf meiner Haut zu Eiskristallen gefror.

»Entschuldige«, sagte ich mechanisch und ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Wir küssten uns nicht zur Begrüßung oder zum Abschied, nicht mehr. Wir waren nie ein Paar gewesen, das seine Gefühle offen zeigte – Phillip machte sich viel zu viele Gedanken darüber, was andere dachten, und ich hatte sogar nach unserer Heirat noch Angst, zurückgewiesen zu werden –, doch inzwischen streiften seine Lippen nicht einmal mehr meine Stirn, wenn er morgens das Haus verließ. Die in der Öffentlichkeit demonstrierte Kühle war in unser Privatleben vorgedrungen und hatte uns auf Cocktailpartys zu Fremden werden lassen, die sich sicher waren, dass sie einander schon früher einmal begegnet waren und sich quer durch den Raum neugierige Blicke zuwarfen. Kenne ich Sie nicht von … Haben wir nicht einmal …

Er bündelte die Post zu einem Stapel, klopfte ihn auf die Arbeitsplatte aus poliertem schwarzem Granit, auf der Schmutzflecken irritierenderweise nicht zu erkennen waren. »Beeil dich. Zieh das schwarze Kleid an, das du bei der Wohltätigkeitsaktion für die Bibliothek anhattest. Du siehst aus, als hättest du heute zu viel gegessen.«

Ich sah an meinem grauen Kleid hinunter, das ich im Museum getragen hatte, und versuchte, das verräterische Keksbäuchlein auszumachen. Möglicherweise hatte ich ein paar Plätzchen zu viel gegessen, aber im Laufe eines Nachmittags konnte ich unmöglich viel an Gewicht zugelegt haben. Doch Phillip schien immer zu wissen, wenn ich etwas gegessen hatte, das ich nicht hätte essen sollen. Er ähnelte einem gut dressierten Bluthund, und er ertappte mich jedes Mal, wenn ich etwas anderes aß als Möhrensticks, selbst nachdem ich endlich gelernt hatte, meine Blusen nach Puderzucker abzusuchen, bevor ich nach Hause ging.

»Gut«, sagte ich und ging ins Schlafzimmer, um das schwarze Kleid anzuziehen. Mich mit ihm anzulegen war nicht der Mühe wert – einfacher war es, zu essen, was er mir sagte, zu tragen, was er wünschte, mich zu verhalten, wie er es für richtig hielt. In dieser Hinsicht glich er ein wenig meiner Mutter, obwohl er in einem Wettbewerb auf keinen Fall jemals gegen sie gewonnen hätte. Phillip war es gewohnt, dass alles nach seinen Wünschen ging, aber meine Mutter konnte einen mit ihrer Art umbringen.

Ich zog das gewünschte Kleid an und schlüpfte in ein paar hochhackige Pumps, die an den Zehen drückten. Mein verkrampfter Magen schmerzte, aber im Badezimmer gab es keine Säuretabletten mehr. Nachdem ich ein paar Abendtaschen und den Nachttisch durchsucht hatte, fand ich schließlich welche im Wandschrank, schob sie mir rasch in den Mund und wischte mir die Hände am Saum meines Kleides ab, bevor ich wieder ins Wohnzimmer ging.

»Ich bin bereit«, verkündete ich und hängte meinen Pullover in den Schrank.

Phillip, der ungeduldig durch die Fernsehkanäle zappte, drehte sich um und schaute mich an. »Was ist das auf deinem Kleid?«

Ich blickte an mir hinunter und bemerkte die Spuren meiner kreidigen Finger am Rocksaum. »Ah, du weißt schon. Ich habe am Schauplatz eines Verbrechens gearbeitet.«

Kein Lächeln. Er seufzte und rieb sich die Augen. »Bring das in Ordnung, Madeleine. Wir kommen zu spät.«

»Es wäre grauenvoll, auch nur einen Moment mit Dimpy zu verpassen«, sagte ich. Ich ging in die Küche, befeuchtete einen Handtuchzipfel und tupfte damit auf dem Fleck herum, bis er verschwand. Das feuchte Handtuch warf ich mit einem lauten Seufzer auf die Arbeitsplatte, meine beste passiv-aggressive Methode, Phillip wissen zu lassen, dass ich nicht zu diesem Abendessen gehen wollte. Ich wollte nicht so tun, als interessierte ich mich für Immobilieninvestitionen und -entwicklung, und ich wollte nicht mit den Ehefrauen plaudern. Ich hasste es, dass wir immer an der Peripherie blieben. Vielleicht fiel es mir an diesem Abend noch schwerer, weil ich wusste, dass ich bei Miss Pine hätte sein können. Ich hätte malen und später ein Steaksandwich essen können, das eindeutig nicht auf meinem Diätplan stand und noch eindeutiger köstlich geschmeckt hätte, Phillips Geruchssinn sei verflucht.

Stattdessen gingen wir ins Twelve, wo es um modische Cocktails ging, um winzige, kunstvoll arrangierte Portionen auf enorm großen Tellern und Kellner, die so aufmerksam waren, dass ich mein dürftiges Abendessen mit dem Arm abschirmen musste, um zu verhindern, dass sie es sofort abtrugen, sobald ich nur zum Luftholen innehielt.

»Madeleine, hallooo«, wieherte Dimpy Stockton mir entgegen. Wir hatten uns zuletzt vor ein paar Tagen im Women's Club gesehen und waren keine besonders engen Freundinnen, aber so, wie sie sich aufführte, hätte man auf ein Wiedersehen nach Kriegsende schließen können.

»Hallo, Dimpy«, sagte ich, als sie mir einen kühlen, parfümierten Kuss auf die Wange hauchte. Sie sah genauso aus, wie man es von jemandem mit dem Namen Dimpy Stockton erwarten würde, mit einem erschreckend straff gelifteten Gesicht und einer Anzahl von Cocktailringen, die bedrohlicher wirkten als jeder Schlagring.

»Ich dachte, ich würde dich vielleicht heute bei der Präsidiumssitzung der Historischen Gesellschaft sehen«, sagte sie in merkwürdig zurechtweisendem Ton.

»Oh, freitags lese ich immer Waisenkindern vor«, sagte ich feierlich.

»Ist das nicht nett? Du zeigst immer so viel Gemeinsinn.« Dimpy tätschelte meine Hand. Ich betrachtete sie mit schiefgelegtem Kopf. Wie fern jeder Realität war sie eigentlich? Das Leben war keine Aufführung von Annie. Man konnte nicht einfach in ein Waisenhaus spazieren und nichtsahnende Kinder mit einer Vorlesestunde bedrängen. Doch Dimpy segelte munter weiter. »Du hast eine fürchterliche Auseinandersetzung verpasst«, sagte sie, warf den Kopf in den Nacken und beglückte mich mit der Geschichte von dem Trauma, ein Thema für die alljährliche Gala zu finden.

Ich nickte zu allem, was Dimpy sagte, und behielt dabei Phillip im Auge, der jeden am Tisch überschwänglich begrüßte. Wenn er lächelte, strahlte er, und das erinnerte mich daran, wie charmant er gewesen war, als wir uns kennenlernten; die Tatsache, dass seine Aufmerksamkeit mir galt, gab mir das Gefühl, kostbar und besonders zu sein, und verwandelte mich in eine andere, eine, die tief in ihrem Innern verborgen, doch noch etwas Schönes und Spezielles hatte.

Im Lauf der Zeit ließ seine Aufmerksamkeit immer mehr nach, und er richtete seinen Charme auf Menschen, von denen er noch etwas wollte, die nicht schon einen Schwur abgelegt hatten, ihr Leben mit ihm zu verbringen. Inzwischen verstand ich, dass sein Charisma Schauspielerei war, etwas, das er je nach Bedarf an- und ausknipste, aber ich konnte mich noch daran erinnern, wie es sich angefühlt hatte, mich in seinem strahlenden Lächeln zu sonnen, und das ließ den Umstand, dass dem nicht mehr so war, umso kälter erscheinen.

Bevor Phillip in mein Dasein getreten war, hatte ich die Zeit totgeschlagen und auf den Tag gewartet, an dem ich heiraten und mein Leben, wie ich annahm, wirklich beginnen würde. Während die Mädchen, mit denen ich zur Schule gegangen war, perfekte Ehemänner fanden und perfekte Kinder bekamen, ging ich zu Blind Dates, die meine Mutter mit den Söhnen und Enkeln der Frauen arrangierte, die sie aus dem Country Club kannte. Ich schaffte es nie, ihre Aufmerksamkeit über ein paar Verabredungen hinaus zu halten (auch wenn sie meine selten länger als ein paar Minuten halten konnten). Ich lebte allein und arbeitete in der Ehemaligenabteilung der Magnolia-Country-Schule, die ich früher selbst besucht hatte; dort verfasste ich verzweifelt klingende Spendenaufrufe und half, eine endlose Parade von Veranstaltungen zu organisieren, die nicht einmal ich selbst besuchen wollte. Ich malte, und ich las, und die Jahre vergingen, bis ich den Blick hob und feststellte, dass ich beinahe dreißig war und mich immer noch niemand erwählt hatte.

Phillips Interesse an mir war eine Erleichterung. Endlich wäre ich bei Klassentreffen nicht mehr der einzige Single. Endlich wäre meine Mutter glücklich mit mir. Endlich bekäme ich den Beweis, dass jemand mich schön fand, dass ich genügte und es wert war, geheiratet zu werden. Ich trug meinen Verlobungsring wie ein magisches Zeichen, um anderer Leute Zweifel und Mitleid abzuwehren, allen voran meine eigenen.

Natürlich war meine Mutter von Phillips Herkunft entzückt. Irgendwelche Vorfahren soundsovielten Grades hatten mit Immobilien ein Vermögen verdient, und heute verdienten die Männer der Familie weiterhin das Geld und die Frauen gaben es aus, eine Übereinkunft, die ich aus mannigfaltigen Gründen unglaublich deprimierend fand. Nach unserer Hochzeit stellte ich fest, dass nicht alles so glattlief – als Phillips Vater starb, hinterließ er der Familie ein kriselndes Immobilienunternehmen, das den Lebensunterhalt verschiedenster Cousins und Schwäger gefährdete, und nur dank einer Menge mit geballter Faust durchgeboxter Abschlüsse und einer Handvoll langmütiger Investoren, einer davon mein Vater, konnte das Schiff wieder aufgerichtet werden und alle durften sich in seliger Ahnungslosigkeit erneut dem Einkaufen widmen.

Fragte ich, warum er nicht früher geheiratet hatte? Natürlich tat ich das. Ich war beinahe dreißig und Single, hätte also fast genauso gut tot sein können, und Phillip war fünfunddreißig, was für einen Mann nicht problematisch war, aber doch alt genug, um ein paar hochgezogene Augenbrauen hervorzurufen. Er erzählte mir, er sei verlobt gewesen und sie habe ihm das Herz gebrochen und er habe sich nie wieder davon erholt. Bis ich kam, vermutlich.

Aber ich wusste, warum er mich geheiratet hatte. Weil ich so beflissen jedem gefallen wollte, weil er mich unter Kontrolle halten könnte und ich nichts dagegen einzuwenden hätte, wenn er mir sagte, was ich anziehen, was ich essen und wie ich meine Zeit verbringen sollte. Und weil die Firma seiner Familie in Schwierigkeiten steckte und mein Vater möglicherweise als Investor einspringen könnte, wenn Phillip nur nahe genug an ihn herankäme – und wie viel näher kann man einem Mann kommen, als seine altjüngferliche Tocher zu heiraten?

Ich weiß. Ich hätte es kommen sehen müssen. Aber ich war der sonntäglichen Abendessen bei meinen Eltern müde, müde der gesellschaftlichen Ereignisse, bei denen ich als Einzige unverheiratet war, müde der seit meinem Collegeabschluss immergleichen Arbeit, gebunden an die endlosen, stumpfsinnigen Wiederholungen des Schuljahres. Und weil ich glaubte, verheiratet zu sein ändere etwas. Ich glaubte, es mache einen zu etwas Besonderem. Ich glaubte, es bedeute zu guter Letzt, ich sei nicht verquer, hässlich und gebrochen.

Also schob ich meine Bedenken beiseite und heiratete ihn. Ich bekam die Hochzeit, die auszurichten meine Mutter schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, und zog zu ihm nach Chicago, und ich sagte mir, das sei ein Zeichen, ein Zeichen, dass ich mehr sein konnte als das, wofür die Menschen mich mein ganzes Leben lang gehalten hatten. Vielleicht war ich nicht so schön, wie meine Mutter mich gern gehabt hätte, vielleicht würde ich mich niemals so geschmeidig in meine Umgebung einfügen, wie andere das offenbar konnten – aber da war jemand, der mich für wichtig hielt.

Eine Weile genügte das auch. Es genügte, dass Phillip und ich uns selbst davon überzeugten, dass uns etwas verband, das mit Liebe zumindest Ähnlichkeit hatte. Doch heute empfand ich anders. Es genügte nicht mehr.

Um mich herum plauderten Dimpy und die anderen Ehefrauen, aber es gelang mir nicht, mich auf das Gespräch zu konzentrieren. An den meisten Abenden ließ ich das Geplauder über mich ergehen und lenkte mich mit anderen Dingen ab, doch heute schaffte ich es nicht, still zu sitzen, rutschte auf meinem Stuhl hin und her und zupfte an meinem Kleid. Die Begegnung mit den Jugendlichen und Miss Pine hatte mich daran erinnert, wer ich einmal gewesen war, und jetzt saß ich hier, wand mich auf einem aggressiv gestylten Stuhl und ging noch einmal Schritt für Schritt die winzigen Entscheidungen durch, die mich von meinen Wünschen abgebracht hatten.

Im Strudel meiner Emotionen wurde ich immer wütender und reizbarer und wünschte mir, ich würde an dieser Malklasse teilnehmen, ein Kleid tragen, in dem ich atmen konnte, wünschte mir, jemand anderes zu sein und das an einem anderen Ort. Als die Männer ihre Stühle zurückschoben, sprang ich so hastig auf, dass ich Dimpy, die sich gerade vorbeugte, um besser hören zu können, was eine der Frauen sagte, beinahe einen Schlag auf das auffallend spitze Kinn verpasst hätte. Während Phillip sich Zeit ließ, tänzelte ich bereits Richtung Tür, um möglichst schnell zum Auto zu gelangen und von hier wegzukommen.

Phillips Charme hatte seine Wirkung offenbar nicht verfehlt, denn als wir davonfuhren, schlug er gegen das Wagendach und stieß einen Freudenschrei aus. Teddy hatte anscheinend in das Geschäft eingewilligt. Ich schloss die Augen und spürte, wie sich unter mir die Reifen bewegten, und ich stellte mir vor, ich säße in einem Zug, der zu einem weit entfernten Ziel unterwegs war, einem Ziel, das ich selbst gewählt hatte.

Doch wir fuhren lediglich nach Hause, und im Eingangsflur trat Phillip hinter mich, schlang die Arme um meine Taille, legte die Hände auf meinen angeschwollenen Keksbauch und küsste mich auf den Nacken. Mich schauderte, und ich machte einen Schritt zur Seite.

»Komm schon, Madeleine. Ich habe gerade einen Haufen Geld verdient. Lass uns feiern.«

»Ich bin nicht in Stimmung.«

»Du bist nie in Stimmung«, schmollte er, und ein heftiges Schuldgefühl ließ mir das Blut ins Gesicht schießen. Als wir uns kennenlernten, fand ich Phillip äußerst anziehend, doch bald wirkte sein gutes Aussehen so streng und vollkommen wie das einer Marmorstatue und sein Begehren animalisch und unpersönlich. Nachts presste er sich an mich und weckte mich, und ich empfand keine Erregung, sondern nur gekränkte Wut, weil sein Begehren nichts mit mir zu tun hatte. Dort in der Dunkelheit hätte ich jede sein können. »Wie sollen wir je Kinder haben, wenn du nie in Stimmung bist?«

Phillip marschierte durch die Küche, riss Schranktüren auf und machte sie wieder zu. Schließlich knallte er verärgert ein schweres Glas auf die Arbeitsplatte und schenkte sich einen Drink ein.

Ich stand immer noch im Flur, wo es kühl und zugig war, und griff in den Schrank nach meinem Pullover, um mich in seine tröstliche Wärme zu hüllen. Er roch nach mir – nach meinem Parfüm, der verbotenen Eiscreme, die ich an den Abenden aß, wenn Phillip nicht zu Hause war. Nach NyQuil von meiner letzten Erkältung.

»Du bist nicht bereit für Kinder«, sagte ich. Kinder sind unordentlich und unbequem, und Phillip mochte beides nicht; und wenn man einmal Kinder hatte, war man nie mehr der wichtigste Mensch im Raum, und das mochte Phillip nun wirklich nicht.

»Es ist der nächste Schritt. So macht man es. Du heiratest, und du bekommst Kinder. Alle, die wir kennen, haben Kinder. Wir sind die Einzigen, die keine haben.« Er nippte besorgt an seinem Glas. Phillip, der immer so genau darauf achtete, was die anderen taten, machte sich große Sorgen, abgehängt zu werden.

»Hast du mich deshalb geheiratet? Weil das der nächste Schritt ist?«, wollte ich wissen. Mir taten die Füße weh. Ich schlüpfte aus meinen Schuhen und spreizte die Zehen auf dem kalten Marmorfußboden auf der Suche nach Linderung.

»Ja. Ich weiß nicht. Es war Zeit. Wir wurden beide älter. Unsere Familien wollten es so.«

»Stimmt.« Ich wandte mich ab und ging ins Wohnzimmer. Dort war es dunkel. Durch die Fenster blickte man auf die Lichter der Stadt, die sich bis in weite Ferne erstreckten, und auf das stille schwarze Wasser. Phillip kam hinter mir her und knipste das Licht an, und augenblicklich war nur noch unser Spiegelbild zu erkennen: ich, in meinen Pullover gewickelt, als wollte ich mich gegen ein Unwetter wappnen, und er, hinter mir, eine gesichtslose, ungeduldig wirkende Gestalt in einem teuren Anzug.

»Was soll ich deiner Meinung nach sagen? Das ist dein Problem, Madeleine. Nichts ist dir je gut genug. Du bist nie glücklich.«

»Nein«, sagte ich und betrachtete unser Spiegelbild, als sähe ich ein Theaterstück. »Ich bin nicht glücklich.«

»Du weißt nicht einmal, wie glücklich du bist.« Mit herabgezogenen Mundwinkeln wandte er sich mir zu, beugte sich zurück und leerte in einem Zug sein Glas.

Glücklich. Ich dachte daran, wie mir die Tage durch die Finger schlüpften, wie leer die Zeit verstrich. Ich empfand kein Glück, ein Leben zu leben, das ich zwar gewählt, aber nie gewollt hatte. Meine Hände waren zu Fäusten geballt, und ich spürte, wie ich zitterte. Ich hatte meinen Zorn, meine Enttäuschung und Verärgerung jahrelang hinuntergeschluckt, doch jetzt gelang mir das nicht mehr.

»Inwiefern bin ich glücklich, Phillip? Inwiefern? Weil ich nie dazu komme, das zu tun, was ich wirklich will? Weil du mir erzählst, ich wirke dick, wenn ich an meinem Geburtstag auch nur mal ein einziges Törtchen esse? Weil ich in diesem hässlichen Haus wohne, wo ich immerzu friere? Soll das Glück sein?«

Ich wusste, es war riskant, so offen zu sprechen, aber meine abgrundtiefe Verzweiflung war stärker: Ich wollte weg. Ich wollte meine Kleider selbst aussuchen und mir meine Zeit selbst einteilen. Ich wollte arbeiten, und ich wollte mein eigenes Geld verdienen, ich wollte malen, und ich wollte ein Haus, in dem man sich nicht wie in einem Museum fühlte. Wie war ich zu dieser Wohnung gekommen, wo ich zwar alles hatte und doch nichts, das mir wichtig war?

Phillip blickte mich höhnisch an, wandte sich ab und schenkte sich noch ein Glas ein. »Die meisten Frauen wären entzückt, so ein Leben zu führen. Kostspielige Abendessen, hübsche Kleider, ein professionell eingerichtetes Heim, ein erfolgreicher Ehemann.«

2

Margie

1919

Meine Großmutter Margaret (Margie) Pearce war in erster Linie Tagträumerin, und sobald sie schreiben konnte, begann sie, die Geschichten zu notieren, die sie sich selbst erzählte. Manchmal handelte es sich um Abenteuergeschichten, häufig um Liebesgeschichten. Es waren Geschichten über Flucht, romantische Liebe, die Zukunft, die sie vielleicht einmal haben würde, und das Leben, das sie gern leben wollte.

Und genau so, wie ich glaubte, mit der Hochzeit finge mein Leben an, glaubte meine Großmutter, ihres begänne, wenn sie in die Gesellschaft eingeführt würde. Margie glaubte, bis zu diesem Moment ähnele ihr Leben einer Blütenknospe, die artig auf den richtigen Zeitpunkt wartete, um voll aufzublühen; dann würden all ihre Träume Wirklichkeit werden – von Romantik, Schönheit, Abenteuer und Kunst.

Natürlich kam es anders. Wenn meine Großmutter und ich auch nur einmal darüber nachgedacht hätten, wäre uns klar geworden, dass Debütantinnenbälle und Hochzeiten genau das Gegenteil von Freiheit bedeuteten: Sie waren der letzte Schritt in eine durch Familie und Gesellschaftsschicht vorherbestimmte Zukunft. Doch wir sahen damals darin nicht weniger als die große Gelegenheit, uns in all unserer Schönheit zu präsentieren – und wie hätte eine von uns das je zurückweisen können?

Margie wurde an einem stürmischen, eiskalten Dezembertag in Washington D. ‌C. in die Gesellschaft eingeführt. Es war kalt und der Himmel wolkenlos, und nachts leuchteten Sterne an dem klaren Firmament. In der Woche davor war sie nach ihrem ersten Collegesemester nach Hause gekommen, die Monate ihres Studiums nur eine verschwommene Erinnerung, da sie ständig von dem Moment geträumt hatte, wenn sie endlich die Treppe in diesem Hotel hinabschreiten und ihren famosen Knicks machen würde, wenn alles sich verändern, alles erst richtig anfangen würde.

Vor Aufregung hatte Margie kaum Appetit, deshalb stachen ihre Schlüsselbeine so hübsch hervor, waren ihre Wangenknochen betont und ihr Gesicht rosig angehaucht. Sie versuchte zu lesen, zu nähen, alles Mögliche, nur um die Zeit totzuschlagen, aber sie schaffte es nicht, still zu sitzen. Stattdessen ertappte sie sich dabei, wie sie immer wieder ans Fenster rannte und die Leute beobachtete, die über den Bürgersteig hasteten, um rasch wieder in die Häuser zurückzukehren. Das Leben dort draußen schien beschleunigt, die Autos rasten über die Straße, und an der Ecke sauste in halsbrecherischem Tempo die Straßenbahn vorbei. Doch wenn sie vom Fenster zurücktrat und auf die Uhr sah, war nur wenig Zeit verstrichen.

Als es endlich fünf Uhr war, rannte sie nach oben in ihr Zimmer und hatte bereits das Kleid aus- und Korsett und Petticoat angezogen, als Nellie, das Stubenmädchen, eintrat.

Das Ballkleid glitt raschelnd über ihren Kopf, Seide und Blumenduft. Nellie hatte Rosenblätter in das Kleid gelegt, während es auf dem Bügel hing, und als Margie die Arme in die Ärmel schob, flatterten einige davon zu Boden. Das Kleid war aus sehr heller, cremefarbener Seide mit einem weiten V-Ausschnitt. Ungeachtet der Jahreszeit hatte es kurze Ärmel. Dazu gehörten lange weiße Handschuhe, in denen sie sicherlich schwitzen würde. Doch das Hübscheste an dem Kleid waren die blassrosa Seidenrosen, die quer auf das Oberteil genäht waren und in den Rock ausliefen, winzige frühlingsrosa Knospen mit zartgrünen Blättchen. Für Margie sahen sie aus wie ein lebendig gewordener Garten.

Andere Mädchen in der Schule und im College hatten Verehrer, sogar Kavaliere, für Margie war das unvorstellbar gewesen. Zum einen hätten ihre Eltern es nicht geduldet, und zum anderen, wer hätte sie schon eines Blickes gewürdigt, mit ihren dicken Fesseln und den breiten Schultern, wenn es Mädchen wie Elizabeth Tabb oder Lucinda Spencer gab, zartgliedrige kleine Geschöpfe mit dem mädchenhaften Lächeln einer Mary Pickford und dem dramatischen Augenaufschlag einer Gloria Swanson? Doch an diesem Abend, als sie dem Rascheln der Seide über dem Petticoat nachhorchte und langsam die Treppe hinunterschritt, hielt sie den Kopf unter dem ungewohnten Gewicht der Tiara hoch erhoben, als wäre sie es dieses eine Mal wert, beachtet zu werden. Das war es, dachte sie. Das war die Nacht, in der ihr Leben seinen Anfang nehmen würde.

Die Debütantinnen warteten in einem Vorraum des Hotels. Als sie sich umsah, stellte Margie fest, dass manche der Kleider erschreckend modern waren, sogar lässig – lose herabfallender Stoff, der ungehindert über den Körper floss und ihn auf elegante Weise jungenhaft und kantig wirken ließ. Die Schneiderin hatte Margie ein ähnliches Kleid vorgeschlagen. »Das ist die neueste Mode«, hatte die Frau gesagt und ihr ein Modell gezeigt aus dünnem Satin mit locker fließendem Spitzenüberwurf.

Margies Mutter war entsetzt. »Darunter kannst du nicht einmal ein Korsett tragen!«

Gegen das Fehlen eines Korsetts hätte Margie nichts einzuwenden gehabt, da sie ziemlich gerne atmete, gegen ein solches Kleid aber sehr viel. Es wirkte so schmucklos im Vergleich zu dem, was sie sich vorgestellt hatte. Und es war sicher gut und schön für Mädchen, die keine breiten Schultern, keinen großen Busen oder muskulöse Waden hatten. Sie würden darin elegant aussehen. Doch Margie wusste sehr genau, dass es ihr nicht stehen würde.

Einige der Mädchen waren mutig genug, ein solches Kleid zu wagen. Anne Dulaney und Elsie Mills zum Beispiel, die sich als Erste einen Bob hatten schneiden lassen (sehr zum Ärger ihrer Mütter und dem Entsetzen aller anderen); sie waren groß und sehr schlank und sahen hinreißend aus. Sie rekelten sich auf zwei Ruhesofas, als würde schon der Gedanke an diesen Abend sie ermatten. Zwei andere Mädchen in kürzeren Kleidern steckten an einem offenen Fenster die Köpfe zusammen und rauchten (und sie war sich ziemlich sicher, dass der Flachmann, den sie miteinander teilten, keine Limonade enthielt), eine weitere Gruppe in traditionelleren Kleidern stand am anderen Ende des Zimmers. Die Mädchen gaben vor, sich zu unterhalten, warfen aber immer wieder verstohlene Blicke in den Spiegel, der über dem Kamin hing, um sich zu bewundern.

Ein wenig verzweifelt hielt Margie Ausschau nach jemandem, den sie gut kannte, und erspähte Grace Scott und Emily Harrison Palmer; mit beiden war sie bis zur neunten Klasse zur Schule gegangen, danach hatte sie an die Abbott Academy gewechselt und die beiden waren zu Miss Porter gegangen. Ihre Kleider waren ebenso steif und altmodisch wie ihres, und sie fühlte sich erleichtert, als sie sich zu ihnen auf das Sofa setzte, und das leise Beben, mit dem sie sich mit den anderen verglichen hatte, mit Mädchen, die immer hübscher, modischer, richtiger aussehen würden als sie, legte sich langsam.

»Wer sind die beiden?«, flüsterte Margie, beugte sich vor und wies mit einer Kopfbewegung auf die Raucherinnen.

»Aus dem Süden«, sagte Emiliy Harrison mit einer gewissen Herablassung, eigentlich ein starkes Stück, da ihre Eltern aus Atlanta nach Washington gezogen waren und ihre Mutter einen Akzent hatte so dick wie Sirup, mit dem man einen Toast hätte bestreichen können. »Aber die Mädchen dort drüben«, sagte sie und nickte in Richtung der Gruppe vor dem Kamin, »kommen aus dem europäischen Adel. Kannst du das glauben? Noch nicht volljährig natürlich. Den Gerüchten nach sind sie hier, um nach Ehemännern Ausschau zu halten, weil ihre Eltern völlig bankrott sind.«

»Hör auf zu tratschen, Emily Harrison«, schimpfte Grace. Grace war schon immer viel zu liebenswürdig gewesen, die Sorte Mädchen, die die Lehrer auswählten, damit sie sich um neue Schülerinnen kümmerten, und die schon geringfügigster Enttäuschungen wegen in Weinkrämpfe ausbrachen. »Sie sind sicher richtig nett.«

»Ich habe nicht gesagt, dass sie nicht richtig nett sind, ich sagte, sie sind völlig bankrott«, erwiderte Emily Harrison. Sie hob die Hände und prüfte ihre Fingernägel. »In Europa sind alle bankrott. Hier auch, wie es scheint. Meine Mutter sagt, zu ihrer Zeit hätte es niemals einen Ball mit so vielen Debütantinnen gegeben.«

»Sie sind so elegant«, sagte Margie verträumt, als sie die Europäerinnen betrachtete. Sie standen von ihnen abgewandt, einige in Kleidern, deren Rückenausschnitt tief genug war, um schneeweiße Haut aufblitzen zu lassen. Ob sie wohl Prinzessinnen waren?, fragte sich Margie. Zwei von ihnen trugen Tiaras, die im Schein des Kaminfeuers funkelten; doch auch Margie trug eine Tiara, und sie war wohl kaum eine Prinzessin. Sie waren so anmutig, so vollkommen, jede Handbewegung ausdrucksvoll wie die einer Ballerina, ihre geschwungenen Kehlen, die Gesichtszüge wie aus Marmor geschnitzt. Sie hielten den Rücken steif und die Schultern gerade, und Margie korrigierte schuldbewusst ihre nachlässige Haltung. Auch wenn sie keine Prinzessinnen waren, sie waren adelig und würden mit ihr gemeinsam die Treppe hinunterschreiten.

»Ist das nicht aufregend?«, fragte Margie. Sie konnte kaum an sich halten. Vermutlich sollte sie sich ebenso blasiert geben wie Anne und Elsie, die desinteressiert und arrogant dort auf den Chaiselongues lagen, doch es gelang ihr nicht. Die Nacht erstreckte sich wie ein glitzerndes Versprechen vor ihnen, funkelnd, elegant, geheimnisvoll und aufregend. Ach, Anne und Elsie waren alte Hasen, das war alles. Sie würde mit Robert Walsh tanzen, dem schrecklich gutaussehenden Freund der Familie, der heute ihr Begleiter war, und sie würde Champagner trinken, auch wenn ihre Eltern das missbilligten. Jeden einzelnen Moment würde sie genießen.

»Es ist furchtbar aufregend«, sagte Grace, und ihre Augen funkelten ebenso wie die Margies. Grace würde Theo Halloway heiraten – das hatten ihre Familien schon vor langer Zeit ausgemacht –, sie hätte also nicht unbedingt in die Gesellschaft eingeführt werden müssen, aber ihre Mutter war nicht umsonst die erste Dame der Washingtoner Gesellschaft. »Auf dem Weg hierher habe ich den Ballsaal gesehen, Margie. Er ist einfach fantastisch. Und dein Kleid ist wirklich wunderschön. Du siehst hübsch aus.«

»Danke«, sagte Margie bescheiden, obwohl das Kompliment sie innerlich zittern ließ.

Ihr Vater hatte gesagt: »Du siehst gut aus, Kleine«, was blieb ihm auch anderes übrig; und ihre Mutter hatte bemerkt: »Deine Tiara sitzt schief«, und dann, nachdem sie sie geradegerückt hatte, »Nellie hat dein Haar ganz gut hinbekommen«, was aus dem Mund ihrer Mutter einem Lob näher kam als alles, was Margie bisher von ihr zu hören bekommen hatte. Ihre Mutter war eine winzige, pedantische Frau, die nie verstanden hatte, wie sie zu einer so verträumten, unbeholfenen Tochter gekommen war.

»Du siehst auch hübsch aus«, sagte sie zu Grace. Unter normalen Umständen wäre das vielleicht eine Übertreibung gewesen – gut, dass Grace so nett war und ihre Eltern so wohlhabend, denn Grace selbst war so unscheinbar –, nicht aber an diesem Abend. Grace war dunkelhaarig, und das Blassgelb ihres Kleides brachte ihren Teint zum Schimmern. Sie sah glücklich aus, und Margie verspürte eine leise Melancholie, wenn sie an die Mädchen dachte, die sie früher einmal gewesen waren, und an die Frauen, zu denen sie nun werden sollten.

»Meine Damen«, Grace' Mutter, Mrs Scott, erschien im Türrahmen. Die Südstaaten-Mädchen schnippten eilig ihre Zigarettenstummel aus dem Fenster, und Margie sah, wie der Flachmann mit der Nicht-Limonade in einem Rock verschwand. Mrs Scott schnupperte und musterte sie missbilligend. »Wir sind bereit anzufangen.«

Margies Nachname, Pearce, wies ihr einen soliden Platz in der Mitte zu, unmittelbar hinter Emily Harrison Palmer, doch an diesem Abend wünschte sie sich, ihr Name lautete Robertson oder noch besser, Zeigler, damit sie die Vorfreude, das Flattern im Magen, ihr erhitztes Gesicht richtig auskosten konnte. Zuerst sah sie nur den Flur und die Reihe der Debütantinnen vor sich, doch als Emily Harrison langsam die Treppe hinabschritt, lag alles vor ihr: der funkelnde Kronleuchter, die blass schimmernden Kleider der Mädchen, das Licht, das sich in Hunderten Diamanten brach und den Raum zum Leuchten brachte. Ihr stockte der Atem, und sie bekam keine Luft mehr, konnte sich nicht vom Fleck rühren und hielt diesen Augenblick in der Hand wie einen Kristall, wie Schnee, panisch, dass er davonwirbeln und sich in Luft auflösen könnte.

Sie gab sich selbst das Versprechen, all dies im Gedächtnis zu bewahren, jeden einzelnen Moment. Doch sobald sie den ersten ihrer satinbeschuhten Füße auf die Stufen setzte, verschwamm alles zu einem wunderbaren Nebel. Sie prägte sich ein, was sie konnte – den Plüschteppich unter ihren Schuhen, Roberts Hand unter ihrer, den Schwung des Kleides um ihre Knie, als sie ihren Knicks ausführte, anmutig und gemessen wie eine Tänzerin ein Plié. Das Prickeln des Champagners auf ihrer Zunge und Robert, der mit seiner weißen Krawatte steif und förmlich neben ihr stand, der Kuss, den ihr Vater beim Walzer auf ihre Stirn drückte, der Anblick all der jungen Frauen, die wie Blüten, wie Schneeglöckchen, wie der Inbegriff all dessen, was schön, hell und verzaubert war, mit ihren Partnern über die gewaltige Tanzfläche wirbelten.

Der Abend neigte sich dem Ende zu. Die Tische waren abgedeckt, die meisten Väter hatten sich zum Rauchen ins Billardzimmer verzogen, und die Mütter flatterten durch den Ballsaal, plauderten, tauschten den neuesten Klatsch aus oder saßen an den Tischen und hörten dem Orchester zu, in Erinnerungen an ihr eigenes Debüt in eleganteren Zeiten versunken, als es in der Welt noch nicht so viel Trauer gab, da noch nicht so viele junge Männer gefallen und die jungen Frauen noch nicht so impertinent, befremdend und unzufrieden waren. Margie und Grace standen allein am Rand der leergefegten Tanzfläche und lauschten glücklich seufzend der Musik, als Emily Harrison auf sie zukam. »Kommt mit nach oben«, sagte Emily Harrison. »Dort findet eine Party statt.«

»Das hier ist eine Party«, sagte Margie verwirrt. Ein wenig überrascht stellte sie fest, dass sie beschwipst war, und noch überraschter, dass ihr dieses Gefühl sogar ganz gut gefiel.

Emily Harrison rollte die Augen. »Nicht so eine. Eine echte Party. Eine der Europäerinnen hat oben eine Suite. Alle anderen sind weg, ist euch das nicht aufgefallen? Kommt mit.« Margie blickte sich um und sah, dass sie im ganzen Saal die einzigen Debütantinnen waren. Die anderen Mädchen waren verschwunden, mitsamt ihren Begleitern.

»Oh, das könnte ich nicht tun«, wandte Grace ein, und Emily Harrison schnaubte ungeduldig.

»Natürlich nicht. Die perfekte Grace. Was ist mit dir?«, fragte sie, an Margie gewandt, die überrascht einen Schritt zurück machte. Eine echte Party? Sie wusste nicht, was das bedeutete, aber sie war sich sicher, dass sie noch nie irgendwo gewesen war, was Emily Harrison, die eine ungebärdige Seite hatte, eine echte Party genannt hätte. Doch dieser Abend war verzaubert, und sie wollte nicht, dass er zu Ende ging. Warum sollte sie nicht hingehen?

»Ich muss meinen Eltern Bescheid sagen«, meinte Margie. »Sie werden bald gehen.«

»Sag ihnen, dass du mit zu mir nach Hause kommst. Jetzt beeil dich.«

Margie fand ihre Mutter mit den Müttern von Anne und Grace zusammen an einem Tisch; sie hatten die Köpfe so eng zusammengesteckt, dass es aussah, als äßen sie von einem einzigen Teller. Als Margie auftauchte, lösten sie sich zögernd, ihre Unterhaltung hielt sie zusammen wie klebriger Karamell. »Deine Tiara sitzt schon wieder schief«, sagte ihre Mutter. Sie trug ein Kleid aus schwerem blauem Samt, der ihre Augen wie Saphire leuchten ließ.

Margie griff mit einer Hand nachlässig nach der Tiara, die sich überhaupt nicht schief anfühlte. Dann erzählte sie ihrer Mutter, sie würde mit ein paar anderen Mädchen zu Emily Harrison gehen und möglicherweise über Nacht bleiben, falls das in Ordnung sei.

Es war die größte Lüge, die sie je erzählt hatte, und als ihre Mutter sie durchdringend ansah, fürchtete sie einen Moment, sie sei durchschaut worden, doch der Blick ihrer Mutter kehrte zurück zu Mrs Dulaney und Mrs Scott, die ihre Unterhaltung keine Sekunde unterbrochen hatten; sie bedeutete ihr mit einer Handbewegung zu gehen und ermahnte sie, in Gottes Namen ihr Kleid nicht zu ruinieren. Sie solle Emily Harrisons Stubenmädchen beauftragen, sich darum zu kümmern, und außerdem nicht vergessen, den Pelz abzuholen, den sie von ihrer Mutter geliehen und an der Garderobe abgegeben hatte. Margie versprach alles, dann ließ ihre Mutter sie ziehen.

War es schon die ganze Zeit so einfach gewesen? Kein Wunder, dass Mädchen wie Anne, Elsie und Emily Harrison so ungestüm waren. Wie einfach es war, der Knute zu entkommen, wenn die Voraussetzungen stimmten.

Die Mädchen ließen Grace stehen, die sich zufrieden neben der Tanzfläche zur Musik wiegte wie ein Maiglöckchen im Wind. Sie nahmen den Aufzug in die oberste Etage und huschten den Flur entlang zu einer Suite, deren Tür angelehnt war. Musik drang durch den Türspalt. Als Emily Harrison die Hand auf den Türknauf legte, war ein Schrei zu hören und danach raues, männliches Gelächter. Margie schrak ein wenig zurück. Fern vom Orchester und dem Glitzern des Ballsaals fühlte sie sich inzwischen etwas weniger beschwipst und fürchtete sich etwas mehr, aber Emily Harrison zischte ihr zu, sie solle weitergehen.

Im Zimmer blieb Margie ängstlich und fasziniert nahe der Tür stehen. Jemand drückte ihr ein Glas Champagner in die Hand, und sie trank es rasch aus, so dass die angenehme Leichtigkeit von vorhin zurückkehrte.

Eines der Südstaatenmädchen saß auf dem Sofa, in der einen Hand eine brennende Zigarette und in der anderen etwas, das verdächtig nach einem Glas Gin aussah. Sie hatte den Spitzenüberwurf ihres Kleides abgenommen – Margie sah, dass er achtlos über einer Sessellehne hing – und saß nur mit ihrem Satinhänger bekleidet da. Margie war sich sicher, dass sie nichts darunter trug. Sie war von zwei Männern eingerahmt, von denen einer ebenfalls rauchte. Asche war zwischen ihnen auf das cremefarbene Sofa gefallen.

In der Ecke spielte ein Plattenspieler Al Jolson, und einige der europäischen Mädchen und – Margie war entsetzt, als sie sie sah – Elsie Mills tanzten mit ihren Begleitern, die Krawatten und Frack abgelegt hatten. Diese Art zu tanzen hatten sie nicht in der Tanzstunde gelernt. Ihre Körper waren so eng aneinandergepresst, dass Margie keine Hand dazwischenbekommen hätte. Einer der Männer hatte Asche auf das schöne Kleid der größten Europäerin fallen lassen, aber niemand schien es zu bemerken oder kümmerte sich darum. Elsie und ihr Begleiter bewegten sich langsamer und langsamer, mit Augen, die von gegenseitiger Anziehung oder Alkohol halb geschlossen waren; ihre Köpfe kamen sich immer näher, und dann begannen sie, sich zu küssen, anfangs sanft, dann leidenschaftlich. Margie starrte sie an – sie hatte selten gesehen, wenn jemand sich küsste, und sicherlich nicht so gierig –, und als sie sich schließlich abwandte, brannte ihr Gesicht vor Neid und Scham.

Die Luft war rauchgeschwängert – zu den Zigaretten gesellten sich noch einige Zigarren der Männer, die im angrenzenden Esszimmer Karten spielten. Emily Harrison war verschwunden, und Margie fühlte sich auf der Stelle befangen; ihr war heiß, und das Korsett schnitt ihr zu sehr ins Fleisch. Sie ging rasch durch das Zimmer zu einer Seitentür – diese Suite muss das ganze Stockwerk einnehmen, dachte sie –, und als sie sie öffnete, entdeckte sie dort auf dem Bett ein sich liebendes Paar. Sie knallte die Tür zu und presste die Hand gegen die Brust. War es das, was alle Welt getrieben hatte, während sie und Grace einander an den Freitagabenden besucht, kleine Theaterstücke aufgeführt oder gelesen hatten? War das die ganze Zeit um sie herum passiert, und sie war bisher einfach noch nie eingeladen worden? Oder war dies ein Teil der neuen Welt, die um sie herum zu beben schien, bereit, aufzubrechen und sie mit Haut und Haar zu verschlingen?

Sie gehörte nicht hierher, dachte sie. Aber was konnte sie tun? Sie konnte jetzt nicht gehen. Ihre Mutter glaubte, sie würde die Nacht bei Emily Harrison verbringen, und sie hatte nicht einmal das Geld für ein Taxi.

Nach ein paar weiteren Schritten weg vom Dunst des Wohnzimmers gelangte Margie in einen Flur mit einer üppigen Damasttapete in Cremeweiß und Silber. Plötzlich öffnete sich eine Tür, und ihr Begleiter, Robert Walsh, tauchte auf und zupfte seine Weste zurecht, eine unangezündete Zigarre zwischen den Zähnen. Margie errötete. Sie hatte schon immer die unangenehme Angewohnheit gehabt, rot zu werden, sobald sie mit einem Jungen zusammen war – inzwischen eher einem Mann fast in ihrem Alter –, ganz besonders, wenn er auch noch so gut aussah wie Robert Walsh. Als sie hinter ihm eine Toilettenspülung hörte, errötete sie noch heftiger. »Na, geht es dir gut?«, fragte er. Außerstande, ihn anzusehen, nickte sie.

»Die Party ist ein bisschen zu viel für dich, hm?«, fragte er, dann akzeptierte er offenbar ihren fassungslosen Blick als Antwort, nahm sie am Ellbogen und brachte sie weg vom Wohnzimmer. »Komm. Wir verschaffen dir etwas frische Luft.« Er führte sie den Flur entlang bis zur letzten Tür, die zu einem riesigen, Gott sei dank leeren Schlafzimmer führte. Sie gingen hinein, er schloss die Tür und zog an der gegenüberliegenden Wand den Vorhang zurück, hinter dem eine doppelte Glastür zum Vorschein kam. Margie trat dankbar hinaus auf den Balkon, als er sie öffnete.

Die Luft war eisig auf ihrer Haut, und Margie wünschte sich, sie hätte ihren Mantel von der Garderobe mitgenommen. Ihre Mutter würde wütend sein, wenn sie ihn vergaß, besonders, nachdem sie sie noch daran erinnert hatte. Sie beschwerte sich immerzu, Margie sei verantwortungslos, flatterhaft und konfus, und Margie musste zugeben, dass es meistens stimmte. Es war einfach so leicht, sich in Gedanken zu verlieren, in einem Buch oder der Geschichte, die sie gerade schrieb.

Margie atmete in tiefen, dankbaren Zügen die Luft ein und spürte, wie ihr Herzklopfen allmählich nachließ und die Röte aus ihren Wangen wich.

»Verdammt, es ist eiskalt hier draußen«, sagte Robert freundlich. Er schlüpfte aus seinem Jackett und legte es Margie um die Schultern. Sie zog es enger um den Körper und atmete tief seinen Geruch ein, der im Stoff hing – nach Seife, Brillantine und Tabak.

»Es tut mir leid«, sagte sie, als die frische Luft ihre Wirkung getan hatte. Sie hatte angefangen zu zittern, wollte aber noch nicht gleich wieder hineingehen. Der leichte Schwindel durch den Champagner hatte sich verflüchtigt und war durch ein anderes Wohlgefühl ersetzt worden. Über ihnen glitzerten leuchtend hell und klar die Sterne, und ihr gefiel die verlässliche Tröstlichkeit Roberts an ihrer Seite.