Die Lichtmalerin und der Kaiser - Kristina Wacker - E-Book
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Die Lichtmalerin und der Kaiser E-Book

Kristina Wacker

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  • Herausgeber: GMEINER
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2022
Beschreibung

Berlin 1888. Ein ermordeter Fotograf und vertauschte Bilder stellen die Welt der jungen Friederike von Klagenbeck völlig auf den Kopf. Dabei wollte sie nur ihrem langweiligen Leben entfliehen und Fotografin für das berühmte Kaiserpanorama werden. Nun hält sie den Beweis für eine Verschwörung gegen die Monarchie in den Händen. Mit ihrer gewitzten Freundin Henriette und der burschikosen Erbtante Adele nimmt sie die Ermittlungen auf, bei denen nicht nur ihr persönliches Glück, sondern auch das Schicksal des Deutschen Reiches auf dem Spiel steht.

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Seitenzahl: 502

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Kristina Wacker

Die Lichtmalerin und der Kaiser

Historischer Roman

Zum Buch

Mord im DreikaiserjahrBerlin 1888: Kaiser Wilhelm I. ist alt, sein Sohn Friedrich todkrank und der Enkel Wilhelm unberechenbar. Jeden Tag kann die Ära des Aufschwungs zu Ende gehen. Was dann kommt, weiß keiner. Nur eins ist sicher: Das Deutsche Reich steht an einem Scheideweg. Das alles beschäftigt die 19-jährige Friederike von Klagenbeck nur am Rande, denn sie will ihrem langweiligen bürgerlichen Leben entfliehen und Fotografin werden. Wenn ihr überzeugende Stereobilder gelingen, darf sie für das berühmte Kaiserpanorama arbeiten. Erste Probeaufnahmen sind schnell gemacht und in einem Atelier abgegeben. Doch dann wird dessen Inhaber ermordet, und in Friederikes Auftragstüte befinden sich nicht ihre Bilder, sondern mysteriöse Aufnahmen der Kaiserfamilie. Zufall? Gemeinsam mit ihrer Jugendfreundin Henriette, einer patenten Berlinerin aus einfachen Verhältnissen, und ihrer unkonventionellen Erbtante Adele kommt Friederike der Verdacht, dass sie Beweise einer Verschwörung in den Händen hält. Der etwas überforderte Kriminalkommissar Anselm von Birkenhain lässt sich nur zögerlich auf das schlagkräftige Frauentrio ein. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem viel mehr auf dem Spiel steht, als sie denken …

Kristina Wacker, Jahrgang 1967, hat drei erwachsene Kinder und lebt nach 30 Jahren im Schwarzwald wieder in ihrer Heimatstadt Dresden, deren reichhaltiges kulturelles Erbe sie immer wieder aufs Neue fasziniert. Die studierte Bibliothekarin und Medienpädagogin arbeitete als freie Journalistin und Dozentin und ist heute als E-Learning-Managerin auch im Bereich digitaler Medien unterwegs. Sie veröffentlichte ein Kinder- und Sachbuch im Themenbereich Geschichte und Film. Mit dem Roman »Die Lichtmalerin und der Kaiser« erfüllt sie sich den Wunsch, ihre große Leidenschaft für historische Welten und spannende Kriminalromane zu vereinen.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Braun

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: © Leka / stock.adobe.com

und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:AK01404a.jpg

ISBN 978-3-8392-7072-1

Zitat

»Die Anschauung ist das Fundament der Erkenntnis.«

Werbeslogan von August Fuhrmann für das Kaiser­panorama

Karte

 

Friederikes Stationen in Berlin 1888:

1 Das Kronprinzenpalais Unter den Linden

2 Die Kaisergalerie mit dem Kaiserpanorama von August Fuhrmann

3 Die Breite Straße zwischen Schloss und Fischmarkt

4 Das Fotoatelier an der Friedrichstraße Ecke Jägerstraße

5 Das Café Bauer

6 Der Lustgarten mit dem Alten Museum, der großen Granitschale und dem Dom

Inhalt

Zum Buch

Impressum

Zitat

Karte

Inhalt

Personenverzeichnis

Samstag, 21. Mai 1887

Die Diagnose

Mittwoch, 7. März 1888

Die Chance

Die Schrippenkirche

Das Geständnis

Donnerstag, 8. März 1888

Pauls Auftrag

Ein ungleiches Paar

Friederikes Flucht

Bei Ankunft Mord

Die vertauschten Fotografien

Schuld unter Zwang

Tante Adele

Auf der Lauer

Freitag, 9. März 1888

Das blutige Kissen

Pauls Gang nach Canossa

Das geheime Archiv

Der Kaiser ist tot! Es lebe der Kaiser!

Die Aussage

Düsternis über der Stadt

Hof- oder Hassprediger?

Samstag, 10. März 1888

Kein Tag ohne Präparat

Zum Eckensteher Nante

Zwei fette Fische

Dunkelheit

Sonntag, 11. März 1888

Der Heiratskandidat

Mord als eine schöne Kunst betrachtet

Adele denkt nach

Der Erpresserbrief

Die Deutsche Acht

Montag, 12. März 1888

Der Hof-Fotograf Jacob Reichard

Der Zwerg darf leben

Die Schönheit der Phryne

Pauls Fee

Friederikes Hilferuf

Leichen hinter Glas

Im Gewölbe

Die Festung

Tohuwabohu

Dienstag, 13. März 1888

London oder Sizilien?

Amnesie

Anselm sucht einen Zwerg

Nicht ganz falsch und doch meilenweit daneben

Mittwoch, 14. März 1888

Gesichtsblindheit

Das zerplatzte Ei

Am Steinteller des Zyklopen

Zufall oder Schicksal?

Die schwarze Mamba

Friederike verfolgt den Zwerg

Für Heinrich zweimal klingeln

Der Schrankkoffer

Die Jagd auf dem Velociped

Das Verhör

Donnerstag, 15. März 1888

Der Verdacht

In letzter Sekunde

Freitag, 15. Juni 1888

Wehe meinen Enkeln!

Das letzte Foto

Sanssouci – Ohne Sorge

Anhang

Literatur im Text

Verwendete Literatur (Auszug)

Historische Personen

Personenverzeichnis

Fiktive Personen:

Friederike von Klagenbeck:Die19-jährige Frau strebt als Fotografin für das Kaiserpanorama von August Fuhrmann nach Selbstständigkeit. Sie will damit ihren vorgezeichneten Lebensweg verlassen und gerät in eine Welt voller politischer Intrigen.

Ferdinand von Klagenbeck: Der drei Jahre ältere Bruder von Friederike studiert Medizin.

Martha von Klagenbeck:Ehefrau von Hermann und Mutter von Friederike und Ferdinand

Hermann von Klagenbeck:Oberhaupt der Familie Klagenbeck und Vater von Friederike und Ferdinand

Adele von Klagenbeck: Die reiche Witwe ist die Schwester von Hermann und Erbtante von Friederike und Ferdinand.

Gertrude und Luise: Dienstmagd und Köchin im Hause von Hermann und Martha von Klagenbeck

Henriette Schrader: uneheliche Tochter der Köchin Luise und Freundin von Friederike

Maria und Anna: Dienstmagd und Köchin im Hause von Adele von Klagenbeck

Dr. Jakob Gebert: Hausarzt von Adele von Klagenbeck

Anselm von Birkenhain: Kriminalkommissar der Berliner Polizei

Heinrich Proske: kleinwüchsiger Pathologe in der Charité und Geliebter von Eduard Plaschke

Eduard Plaschke: Geliebter von Heinrich Proske

Manfred von Merdingen: Freund von Ferdinand und Heiratskandidat für Friederike

Paul Gaßner: Mitglied der deutschen Antisemiten »Eine deutsche Sieben« und skrupelloser Auftragsmörder

*

Historische Personen:

Adolf Stoecker (1835–1909): Der evangelische Theologe und Politiker gründet die antisemitistische »Berliner Bewegung« und ist seit 1874 als Dom- und Hofprediger tätig.

Alfred von Waldersee (1832–1904): preußischer Generalfeldmarschall und Antisemit

August Fuhrmann (1844–1925): deutscher Unternehmer und Betreiber des Kaiserpanoramas

Götz Burkhard Graf von Seckendorff (1842–1910): Oberhofmarschall von Kronprinzessin Victoria und in einen Skandal mit ihr verwickelt

Jacob Reichard (1841–1913): deutscher Unternehmer und Hof-Fotograf mit einem Atelier Unter den Linden

Kaiser Friedrich III. (1831–1888): Sohn Kaiser Wilhelms I. und, an Kehlkopfkrebs leidend, für 99 Tage deutsche Kaiser

Kaiserin Victoria (1840–1901):seit 1858 Ehefrau des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und für drei Monate deutsche Kaiserin

Morell Mackenzie (1837–1892):englischer Kehlkopfspezialist, der die Erkrankung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm behandelt

Rudolf Virchow (1821–1902):berühmter Arzt, Pathologe, Anthropologe und Politiker, der das Gewebe des Kronprinzen untersucht

Wilhelm Joachim von Hammerstein (1838–1904): preußischer Politiker der Deutschkonservativen Partei und Chefredakteur der Neuen Preußischen Zeitung, Stiefvater des Fotografen Wilhelm von Gloeden

Samstag, 21. Mai 1887

 

Die Diagnose

Kronprinzenpalais am Boulevard Unter den Linden 5 Uhr früh

Die Standuhr tickte. Unbarmherzig und unvermeidlich tröpfelten die Sekunden, wuchsen zu Minuten an und verbanden sich zu Stunden, in denen nichts geschah. Die Wärterin Dorothea steckte sich ihre weiße Haube im Haar fest und versuchte, eine bessere Position auf dem unbequemen Stuhl zu finden. Ein sinnloses Unterfangen, denn nach Stunden der Warterei bohrten sich mindestens drei Metallfedern unangenehm in ihr Sitzfleisch. Das Problem schien ihre Vorgesetzte neben ihr nicht zu haben. Die Diakonisse Agatha atmete flach und regelmäßig, ein Speicheltropfen suchte sich seinen Weg zum Kinn. Schläfrig blickte Dorothea zu den Gaslampen an den Wänden, die gegen das erste Licht des Tages ankämpften und jeden Moment etwas mehr von ihrem Glanz verloren. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals in ihren 19 Jahren so müde gewesen zu sein. Die Augen fielen ihr wieder zu.

Die Tür flog auf und schlug mit einem lauten Krachen gegen die Wand. Ein junger Mann mit taufeuchtem Umhang eilte an ihnen vorbei und verschwand im angrenzenden Zimmer. Endlich! Das musste der lang erwartete Befund von Professor Rudolf Virchow aus der Charité sein! Dorothea rutschte mit ihrem Stuhl näher zur geschlossenen Tür und spitzte die Ohren.

»Das darf doch nicht wahr sein! Damit begehen wir den größten Fehler unserer medizinischen Laufbahn und riskieren, das gesamte Deutsche Reich in den kommenden Monaten ins Chaos zu stürzen.« Die tiefe, dröhnende Stimme des Chirurgen Ernst von Bergmann kippte und wurde schrill. »Dieser Befund kommt einer Kriegserklärung gleich, die Millionen von Menschen das Leben kosten kann!«

Beim Geräusch einer aufschlagenden Faust auf der Tischplatte fuhr Agatha aus dem Schlaf und blickte sich verwirrt um. Reflexartig beugte sich Dorothea noch näher zur geschlossenen Tür und lauschte mit angehaltenem Atem weiter.

»Ich halte an meiner Diagnose fest, auch wenn die mikroskopische Untersuchung des geschätzten Professors Virchow etwas anderes sagt.« Bergmanns volltönender Bass durchdrang mühelos das dicke Holz der Eichentür. »So helfe uns Gott, wenn ich recht habe und der Kronprinz doch an Kehlkopfkrebs leidet!«

Beim Wort »Kehlkopfkrebs« schnappten die beiden Frauen im Vorraum erschrocken nach Luft. Das also war der Grund für die hektische Betriebsamkeit im Kronprinzenpalais. Nicht auszudenken, wenn der Thronanwärter Friedrich Wilhelm an einem bösartigen Tumor erkrankt wäre. Der Zeitpunkt hätte kaum schlechter gewählt sein können, sofern es je einen günstigen Moment für so einen katastrophalen Befund gab.

Dorothea seufzte, als sie an die Menschen dachte, die durch den Kronprinzen ihre ganzen Hoffnungen auf ein liberales und soziales Deutsches Reich setzten. Schon seit Monaten war den Berlinern der tägliche Blick auf das Dach des Alten Palais zur festen Gewohnheit geworden, denn jeden Tag konnte die schwarze Fahne anzeigen, dass der 90-jährige Kaiser Wilhelm das Zeitliche gesegnet hatte und dadurch sein Sohn, den alle nur Fritz nannten, endlich den Thron besteigen konnte. Und jetzt das! Die Hoffnung des Landes fiel und stand mit der Kunst der Ärzte im Nebenzimmer. Wenn Fritz nicht der neue Kaiser wurde, würde sein ungestümer Sohn Wilhelm nachrücken, und den mochte keiner.

Das Bild des unbeliebten Kaiserenkels mit dem zu kurzen linken Arm hatte wahrscheinlich auch Dorotheas ältere Kollegin in diesem Moment vor Augen. Sie murmelte: »So helfe uns Gott!«

Das Stimmengewirr hinter der Eichentür wurde leiser, kein Wort war mehr zu verstehen. Dorotheas Gedanken schweiften zurück. Hätte ihr gestern jemand prophezeit, dass sie einmal in eine streng geheime Reichssache geraten würde, die die Geschicke des Deutschen Reiches und ganz Europas in eine neue, noch nicht abzusehende Richtung lenken konnte, hätte sie amüsiert den Kopf geschüttelt. Dafür war sie als Wärterin der Charité zu unwichtig.

Dabei hatte alles ganz unspektakulär begonnen. Wie üblich hatte die Oberin sie ohne nähere Informationen zu einem Patienten geschickt. Dass es sich bei einem Hausbesuch nur um eine bedeutende Persönlichkeit handeln konnte, war damit selbstverständlich, denn die normalen Bürger Berlins wurden ausschließlich innerhalb der roten Backsteinmauern der Charité medizinisch versorgt.

Keine 15 Stunden waren seitdem vergangen. Zeit ist eben keine rein mathematische Größe, sondern subjektiv erfahrbar, dachte sie. Sie lässt sich dehnen und stauchen, sie tröpfelt langsam oder galoppiert rasend schnell. Für sie hatte sich die Zeit gedehnt wie ein Gummiband, seit sie ehrfürchtig durch den Dienstboteneingang das eindrucksvolle Kronprinzenpalais Unter den Linden betreten hatte. Sie spürte immer noch, wie ihre Hände eiskalt geworden waren, als sie vor dem apathisch in einem Lehnstuhl sitzenden Mann gestanden und ihr langsam gedämmert hatte, dass der Kronprinz persönlich ihr Patient sein sollte. Zum Glück war ihr nicht viel Zeit zur Ehrfurcht geblieben, denn in diesem Moment hatten die berühmtesten Ärzte Berlins den Raum betreten. Eingeschüchtert war sie mit ihrer Kollegin zur Seite gewichen und hatte fasziniert den Koryphäen entgegengeschaut, die sie aus der Charité kannte und die so unterschiedlich in ihrem Auftreten waren wie die Teilbereiche der Medizin, die sie vertraten.

Als Erster war der Hausarzt der Kronprinzenfamilie, Doktor Alfred Wegner, mit ausladenden Schritten in das Zimmer gestürmt. Ein Allgemeinmediziner im Range eines Generalmajors, militärisch steif, mit klimpernden Orden an der Uniform und mit der Stimme eines Baritons, die sich bemühte, wie ein Bass zu klingen.

Darum musste sich der ihm folgende Mann keine Sorgen machen, denn seine tiefe Stimme drang mühelos in jeden Winkel des Raumes, selbst wenn er leise sprach. Die imposante Erscheinung des Chirurgen Ernst von Bergmann strahlte eine natürliche Autorität aus, von der sich alle einschüchtern ließen, die ihn nicht näher kannten.

Ganz im Gegensatz zu dem Internisten Professor Carl Gerhardt, der als Dritter auf leisen Sohlen das Zimmer betrat und bemüht schien, mit der blassen Tapete zu verschmelzen. Seinen wohlklingenden Tenor hätte Dorothea aus jedem Männerchor herausgehört, und er war der Einzige, der die Wärterin und die Diakonisse zur Kenntnis nahm und ihnen kurz zunickte.

Der Kehlkopfspezialist Professor Adelbert Tobold kam nach Carl Gerhardt in den Raum. Er lief jedoch an seinen Kollegen vorbei und sprach als Erster den Patienten an.

»Nun, wie fühlen Sie sich, Eure Majestät?« Tobolds Stimme wechselte unangenehm die Tonlage und ließ die Anspannung im Raum fühlbar werden.

Der Patient selbst blieb davon unberührt und sein teilnahmsloser Blick wanderte langsam vom karierten Muster seiner Decke auf den Knien zu den besorgten Gesichtern der Ärzte. Erst das Auftauchen eines weiteren Herrn brachte Bewegung in seinen ausgezehrten Körper, und er versuchte, sich mühsam aufzurichten. Die Herren Mediziner drehten sich gleichzeitig um und blickten in das glatt rasierte, hochmütige Gesicht eines kleinen hageren Mannes, der sie ignorierte und nur Augen für den Kronprinzen hatte. Dorothea konnte fühlen, wie die Stimmung der vier von Besorgnis in Feindseligkeit umschlug. Auch wenn die anwesenden Ärzte sonst fast nie einer Meinung waren, in ihrer Ablehnung gegen diesen Kollegen waren sie sich einig.

Dank der Schwatzhaftigkeit der Dienerschaft wusste sie inzwischen, wer da die Bühne betreten hatte: Bei dem Mann in feinem englischen Tuch mit einer Weste, deren Schnitt in Berlin nicht üblich war, handelte es sich um den Engländer Morell Mackenzie. Die Mägde munkelten, dass Kronprinzessin Vicky den deutschen Ärzten nicht über den Weg traue, weil sie eine Verschwörung ihres ältesten Sohnes Prinz Wilhelm wittere. Ihrer Ansicht nach wollte er verhindern, dass sein Vater demnächst als Deutscher Kaiser eine englandfreundliche Politik betrieb. Angeblich waren die Berliner Ärzte instruiert, aus der harmlosen Heiserkeit eine bösartige Krankheit zu machen, die nur durch eine sofortige Spaltung des Kehlkopfes behoben werden konnte. Falls ihr geliebter Fritz diese schmerzvolle und gefährliche Operation überleben sollte, wäre er auf alle Fälle seiner Stimme beraubt. Ein toter oder ein stummer Thronfolger! Beides würde verhindern, dass er Kaiser werden konnte. Vicky hatte interveniert und ihre Mutter, Queen Victoria, gebeten, den englischen Kehlkopfspezialisten Morell Mackenzie unverzüglich nach Berlin zu senden. Erst seinem Urteil würde sie sich beugen und der gefährlichen Operation zustimmen. Allen Verschwörungstheorien zum Trotz hatte sogar Reichskanzler Bismarck diesem Vorgehen zugestimmt. Natürlich waren die deutschen Ärzte brüskiert und in ihrer Eitelkeit verletzt. Die Argumente des Engländers, dass die Folgen eines so riskanten Eingriffs für den Patienten schlimmer sein könnten als die Krankheit selbst, hatte der ganze Hof allerdings nachvollziehen können.

Trotzdem mochte ihn niemand, und seit er ohne medizinische Ausrüstung aus England angereist und nach einem kurzen Blick in den Hals seines Patienten in den dunklen Straßen der Stadt verschwunden war, um sich erst einmal geeignete Instrumente zu kaufen, war der ganze Hof voller Hohn und Spott.

»Wie ein Frisör kam der, nur mit einem Kamm bewaffnet!«, hatten die Mägde gekichert und weiter das Parkett mit Karbolsäure desinfiziert.

Seitdem lag eine lange Nacht hinter ihnen. Stunden, in denen sich Dorothea gefragt hatte, welche Kräfte hier den Sieg erringen würden. Würde die Menschlichkeit siegen, die das Wohl eines Patienten höher bewertete als politische Intrigen? Dorothea hoffte es.

Die blinde Göttin Justitia hatte sich den berühmten Pathologen Rudolf Virchow auserkoren, um mit seinem Mikroskop den Schiedsrichter zwischen der deutschen und der englischen Fraktion zu spielen. In seiner Haut möchte ich nicht stecken, dachte Dorothea und beugte wieder etwas näher zur Tür.

»Meine Herren! Mäßigen Sie sich, so kommen wir keinen Schritt …« Generalarzt Wegners Stimme ging in die Höhe und verlor sich im Durcheinander der diskutierenden Ärzte.

Um sich Gehör zu verschaffen, klatschte jemand laut in die Hände. »Wir sollten unsere Diagnosen der Reihe nach stellen und dann abstimmen, wie wir vorgehen. Darf ich Geheimrat Professor Gerhardt bitten, damit zu beginnen?«

Dorothea schloss die Augen und glaubte zu hören, wie der zurückhaltende Internist verlegen die Handflächen aneinanderrieb.

Carl Gerhardt räusperte sich. »Ich schließe mich der Meinung meines geschätzten Kollegen Ernst von Bergmann an und befürchte, dass es sich bei dem polypenartigen Gewächs am linken Stimmband des Kronprinzen um Kehlkopfkrebs handelt. Dass Professor Virchow keine Krebszellen gesehen hat, muss nicht zwangsläufig heißen, dass keine vorhanden sind oder in Zukunft entstehen könnten.«

Stille.

»Und Sie, Doktor Tobold? Ihr Urteil?« Militärisch knapp versuchte Doktor Wegner, die Abstimmung weiter voranzubringen.

»Nur die sofortige Operation kann das Leben unseres zukünftigen Kaisers retten, auch wenn der Eingriff nicht ungefährlich ist und ihn bestenfalls die Stimme kosten wird.«

Also doch! Ein toter oder ein stummer zukünftiger Kaiser. Beides war eine Katastrophe für das Land. Kein Wunder, dass das Konsilium der Ärzte seit gestern den Raum nicht verlassen hatte und jede Information von der Öffentlichkeit fernzuhalten versuchte. Ein Unterfangen ohne Erfolg, denn schon die Abendausgabe der Berliner Zeitung hatte über den Gesundheitszustand des Hoffnungsträgers spekuliert.

Eine vorstehende Feder in der Polsterung des Stuhls peinigte Dorothea erneut und verstärkte ihre Rastlosigkeit. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, hätte die Tür aufgerissen und die streitenden Ärzte alle zum Teufel gejagt. Der Kronprinz würde nicht mehr lange leben, wenn nicht schleunigst etwas geschah. Aber offensichtlich wollte keiner der Ärzte für den riskanten Eingriff die Verantwortung übernehmen.

Sie sah wieder das ausgemergelte, blasse Gesicht mit den tief liegenden Augen des Patienten vor sich und seufzte. Ihre Angst wurde stärker, doch diesmal galt sie nicht Friedrich oder der Zukunft des Reiches, sondern ihr selbst, denn der Drang, aufzuspringen, ließ sich kaum noch unterdrücken. Dorothea starrte die Türklinke an und spürte das dunkle Holz zwischen der verzierten Messingeinfassung beinahe in ihrer Handfläche. Es wäre so einfach, sie herunterzudrücken, den Herren Ärzten da drinnen ein paar deutliche Worte zu sagen und vielleicht deren Unentschlossenheit zu beenden. Aber wer würde sie schon ernst nehmen? In der Männerwelt der Medizin gab es nur die messbare Wissenschaft, und die Entdeckung des Tuberkuloseerregers durch Robert Koch vor sechs Jahren hatte dieser Überzeugung noch weiteren Auftrieb gegeben. Alles musste messbar, beweisbar und ableitbar sein. Augenschein, Intuition und Erfahrung zählten nichts und die Meinung von Wärterinnen noch weniger. Dabei hatte sie unzählige Krebspatienten betreut, und auch die Anzeichen für Tuberkulose, Diphterie und Typhus glaubte sie auf einen Blick bei einem Patienten erkennen zu können. Um den Thronfolger stand es schlecht, das spürte sie. Es gab eben mehr zwischen Himmel und Erde, als die Herren Doktoren je messen konnten, davon war sie überzeugt.

Dorothea seufzte. Wenn sie jetzt die Tür aufriss, würde sie ihre Anstellung verlieren. Um sich zurückzuhalten, verschränkte sie ihre Finger und versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Der karge Vorraum war dabei keine große Hilfe. Nur blank gescheuertes Parkett, drei unbequeme Stühle und ein Monster von Kachelofen, dessen kalte Fayencen die Ungemütlichkeit des Durchgangszimmers verstärkten. Nicht einmal Bilder hingen an den Wänden. Stattdessen Flecken und sich ablösende Tapete. Eigentlich etwas schäbig für ein Zimmer des Kronprinzenpalais, aber die Hoheiten waren schließlich viel auf Reisen, und für die kurzen Zeiträume hier in Berlin lohnten sich die Ausgaben einer Renovierung wahrscheinlich nicht. Dorothea wandte den Kopf und blickte Agatha an, die ihre Unruhe spürte und gerade etwas sagen wollte, als neben ihnen die Tür aufging und Geheimrat Gerhardt sie hektisch in das Zimmer winkte.

Der Kronprinz hatte einen Hustenanfall, schnappte panisch nach Luft und kalte Schweißtropfen bedeckten sein eingefallenes Gesicht. Dorothea und Agatha hatten alle Hände voll zu tun, um ihn zu beruhigen und ihm etwas Wasser einzuflößen. Es war grauenhaft, den sonst so starken und vitalen Mann in diesem Zustand zu sehen, während die Ärzte untätig abseitsstanden und leise tuschelten. Jeder Zentimeter des Raumes war in der Nacht ausgeräumt und mit Karbolsäure gereinigt worden, ebenso der Operationstisch, der in der Mitte aufgebaut worden war, sowie die Instrumente auf dem Beistellwagen. Zum Verbinden der Wunde lag Scharpie bereit. In zwei Stunden sollte der Eingriff stattfinden, und noch immer waren die Herren Ärzte unschlüssig und tatenlos.

Dann saßen die Frauen wieder vor der Tür und warteten.

*

Drei Stunden später sahen Dorothea und Agatha das Kronprinzenpalais durch die trüben Scheiben der Ambulanzkutsche kleiner werden. Die Operation war abgesagt. Im oberen Zimmer des Palais lagen die Teppiche wieder auf dem Boden, Stühle und Tische standen an Ort und Stelle, als wäre nichts geschehen. Das gemächliche Trotten der Pferde über das Kopfsteinpflaster des Boulevards Unter den Linden versetzte den Operationstisch zwischen ihnen mit einem leichten Quietschen der Räder in Bewegung. Hilfe suchend sah Dorothea ihre Kollegin an, die mit zusammengezogenen Augenbrauen nachdenklich durch das kleine Fenster blickte. Konnte sie offen mit ihr sprechen? Sollte sie es wagen, den höheren Dienstrang zu ignorieren und ihre Bedenken und Ängste zur Sprache zu bringen? Agatha zog ihre Füße unter die Holzbank, um dem ihren Schuhen anhaftenden Karbolgeruch zu entgehen. Eigentlich sollten sie jetzt Freude und Erleichterung verspüren, aber das Gefühl eines schwerwiegenden Fehlers ließ sich nicht abschütteln.

Dorothea glättete ihre weiße Schürze und wandte sich wieder dem Fenster zu. Gut gekleidete Passanten flanierten unter den Lindenbäumen, Kinder hüpften herum, Gouvernanten schoben Kinderwagen mit großen Rädern über das Trottoir. Keiner von ihnen ahnte, dass der heutige Tag ihr Schicksal in eine andere Bahn lenken konnte. Wenn Dorotheas Intuition richtig war, dann hatte sich heute die Hoffnung auf eine Liberalisierung der Gesellschaft durch den künftigen Kaiser Friedrich in Luft aufgelöst. Sie dachte an das Lied »Der Kaiser ist ein lieber Mann«, das die Kinder der Krankenstation vor zwei Monaten zum 90. Geburtstag des Kaisers gesungen hatten, und auch die Militärparaden und Festansprachen sah sie noch lebhaft vor sich. Lange konnte Kaiser Wilhelm nicht mehr an der Spitze des Staates stehen. Auch wenn die eigentliche Macht in den Händen von Fürst Bismarck lag, würde es bald einen Thronwechsel geben. Was, wenn der Hoffnungsträger Friedrich doch an Kehlkopfkrebs erkrankt war, wenn der englische Arzt sich irrte und mit der abgesagten Operation die letzte Chance auf Heilung ungenutzt verstrich? Ein Schauer lief über ihren Rücken, als sie an Friedrichs Sohn Wilhelm mit dem kurzen Arm dachte. Sie schüttelte voller Unbehagen den Kopf und blickte in das ernste Gesicht ihrer Vorgesetzten.

»Kein Wort! Sie verlieren kein Wort über die heutigen Ereignisse, Wärterin Dorothea! Was im Kronprinzenpalais passiert, bleibt im Kronprinzenpalais. Es steht uns nicht zu, die Befunde der Ärzte infrage zu stellen.«

»Ja, Diakonisse Agatha, aber es kann doch sein …«

»Kein Aber! Sollten Sie je darüber sprechen, sind Ihre Stunden in der Charité gezählt. Nicht nur Barmherzigkeit ist Leitlinie unseres Hauses, auch Gehorsam und Kaisertreue gehören dazu. Wenn die verehrten Doktoren Gerhardt, Wegner und von Bergmann ihre Diagnose geändert haben, weil Professor Virchow keine Krebszellen entdeckt hat, dann sind auch keine vorhanden und die Entscheidung ist richtig. Dann hat der Engländer Mackenzie recht!«

Der Rest der Fahrt zur Charité war Schweigen.

Mittwoch, 7. März 1888

Die Chance

Unternehmen August Fuhrmann in der Kaisergalerie Friedrichstraße 10.30–14.30 Uhr

Noch zehn Minuten und es ist entschieden. Nur ein kleiner Wimpernschlag der Zeit und Friederike würde wissen, ob ihr ein Leben in Langeweile, Pflichterfüllung und Demut bevorstand oder ob sie auf Abenteuer, Freiheit und Selbstbestimmung hoffen durfte. So oder so, die Würfel würden heute fallen. Im Moment lag alles noch in ihren Händen. Hände, die sich kalt und feucht anfühlten. Außerdem taten ihr die Füße weh. Vor allem an den Seiten, wo das Leder der neuen Schuhe noch nicht so weich war. Sie krallte ihre Zehen zusammen und versuchte das taube Gefühl abzuschütteln. Unauffällig wischte sie sich ihre feuchten Handflächen an ihrem Rock trocken und zog die Fotomappe etwas näher an den Stuhl.

Die ganze letzte Woche hatte sie Argumente für ihr Anliegen gesammelt und jetzt alle vergessen. Ihr Kopf war leer. Das hämmernde Geräusch der Schreibmaschine aus dem Nebenzimmer, deren Typenhebel sich immer wieder verklemmten, raubte ihr den letzten Nerv.

Flackerndes Gaslicht in kunstvoll geschliffenen Glasschirmen, dunkle Mahagoni-Holzvertäfelungen, formschöne Säulenstühle aus Rosenholz – und über allem hing der Duft von Bienenwachs. Das Wartezimmer der Firma August Fuhrmann strahlte alles aus, für was sie stand. Seriös, konservativ und gediegen war die Einrichtung wie auch das Unternehmen. Die gerahmten Fotografien an den Wänden zeigten anschaulich, was die Besucher der Fuhrmann-Kaiserpanoramen im ganzen Land erwartete. Landschaftsaufnahmen, Einweihungsfeste, Könige, Kaiser, Denkmäler und Paraden. Das erste Wort, was Friederike dazu einfiel, war: »langweilig«. Fuhrmann sah seine Aufgabe eindeutig eher in der Volksbildung als in der Unterhaltung. Eine Überzeugung, die dem Geschäftsmann bislang viel Geld durch die Einsparung der Lustbarkeitssteuer eingebracht hatte. Dieser Gewinn würde in Zukunft aber schwindende Besucherzahlen bedeuten, davon war Friederike überzeugt. Nichts langweilte das Publikum mehr als Wiederholungen. Und genau dagegen wollte sie etwas unternehmen. Alles stand und fiel mit August Fuhrmann persönlich, der heute seine Sprechstunde abhielt und eigentlich eine Glasmalerin für die farbliche Gestaltung seiner Fotografien suchte.

Nervös zog sich Friederike ihre Fotomappe noch näher an den Stuhl. Das Schreibmaschinengeklapper im Nebenraum hatte für einen Moment aufgehört und ihr Magenknurren durchbrach laut die Stille des Warteraums. Keinen Bissen hatte sie heute Morgen vor Aufregung herunterbekommen, und gestern Abend war sie vorzeitig aus dem Esszimmer gestürmt. Ihre Wangen glühten, als sie an die Ursache ihrer Flucht dachte.

»Ungeheuerlich!«, war der erste und einzige Kommentar ihrer Mutter gewesen, als sie ansatzweise von ihrem Vorhaben erzählt hatte. Dass sie gerne ein selbstbestimmtes Leben führen würde, vielleicht sogar mit einem eigenen Beruf. Mehr hatte sie nicht gesagt. Sogar ihr sonst so freundlicher großer Bruder Ferdinand hatte nur verständnislos den Kopf geschüttelt. »So bekommst du nie einen respektablen Ehemann, endest als alte Jungfer und entehrst die ganze Familie«, hatte er gesagt. Wie ihr Vater auf den hysterischen Ausruf ihrer Mutter, »Hermann, tu doch etwas!«, reagiert hatte, hatte sie nicht mehr abgewartet und war aus dem Esszimmer geflohen.

Und jetzt saß sie hier und musste sich eingestehen, dass ihre Familie nicht ganz unrecht hatte. Ja, es war ungeheuerlich, was sie wollte. Sie wollte mehr, als ihr zugestanden wurde. Die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen und einer Tätigkeit nachzugehen, die sie begeisterte. Ein Wunsch, den weder ihre Mutter noch ihre Freundinnen nachvollziehen konnten.

Friederike presste die Lippen aufeinander, als sie an die angeblich medizinisch bewiesenen Überzeugungen dachte, das weibliche Gehirn sei nicht nur kleiner als das männliche und damit weniger leistungsfähig, sondern der Frau fehle auch grundsätzlich die Gabe des analytischen Denkens. Sie würde das Gegenteil beweisen! In wenigen Minuten hatte sie dazu die erste und vielleicht einzige Chance.

Bevor sie noch mehr Angst vor ihrer eigenen Courage bekam, wurde die Tür zum Treppenhaus langsam geöffnet und eine junge Frau betrat den Flur, deren Gesicht von einem scheußlichen Hut verdeckt wurde. Mit einem leise gemurmelten Gruß setzte sie sich Friederike gegenüber an die Wand.

Friederike beugte sich unauffällig nach vorne, um unter den Hut zu spähen. Irgendetwas kam ihr vertraut vor. Die Frau nahm umständlich das Ungetüm ab und legte es auf einen kleinen Beistelltisch. Schüchtern lächelte sie Friederike an. Konnte das sein? Nach so vielen Jahren?

»Henriette?«, fragte sie erstaunt.

Die Frau gegenüber riss die Augen auf. »Friederike? Aus der Breiten Straße?«

Friederike nickte und konnte es kaum glauben. Mit jedem hätte sie hier gerechnet, nur nicht mir ihrer alten Freundin aus der Kinderzeit. »Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Zehn Jahre? Was machst du hier?«

Henriette grinste und ließ ihre Lücke zwischen den Schneidezähnen sehen. »Ick will in nem richtgen Ateliere arbeiten und nich mehr am dunklen Küchentisch. Und du och? Wat isn passiert? Ick dachte, du hättest es nich nötig, ne Anstellung zu suchen.«

Bevor Friederike den Irrtum aufklären konnte, flog die Tür des Besprechungszimmers auf und knallte gegen die Wand. Erschrocken rutschten beide auf ihren Stühlen nach hinten und machten einer jungen Frau Platz, die schluchzend ihr Taschentuch vor den Mund presste und zum Ausgang eilte.

Eine verärgerte männliche Stimme brüllte aus dem Büro: »Die Nächste bitte!«

Friederike raffte Mappe und Handtasche zusammen und betrat den großen Raum. Ein Mann im Alter ihres Vaters saß hinter einem massiven Schreibtisch und blätterte desinteressiert in seinen Unterlagen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Das Geräusch einer sich schließenden Schranktür ließ sie nach links und direkt in die dicken Gläser einer Brille blicken, die ein jüngerer Mann daraufhin verlegen absetzte und umständlich putzte. Die Rollen waren klar verteilt. Hinter dem Schreibtisch saß der Unternehmer August Fuhrmann, neben ihm stand ein Mitarbeiter oder Sekretär.

»Ich hoffe, Sie sind nicht so dreist und verschwenden in der gleichen Weise meine Zeit wie Ihre Vorgängerin. Bei ihr mussten wir nach einer Viertelstunde feststellen, dass sie kaum ihren Namen schreiben kann und noch nie einen Pinsel in der Hand gehalten hat!« Fuhrmann erhob sich schwerfällig und musterte sie so ungeniert von oben bis unten, dass es eine Beleidigung war. »Wenn Sie stumm sind, sollten Sie sich schleunigst umdrehen und den Raum verlassen!«

Als er herausfordernd die Augenbrauen zusammenzog und ungeduldig mit seiner Uhrkette spielte, brannten bei Friederike die Sicherungen durch. Sie überwand die zwei Schritte zum Schreibtisch und knallte mit solcher Wucht die Fotomappe auf die Arbeitsfläche, dass ein Bleistift auf den Boden rollte und das Tintenfass gefährlich wankte.

»Ich bin weder stumm noch Analphabetin, und für Ihre Stelle als Glasmalerin bin ich auch nicht hier. Mein Anliegen ist von größerem, geschäftlichem Interesse und könnte dem Kaiserpanorama die Zukunft sichern. Wenn Sie allerdings mit Ihrem Publikum in der gleichen Weise umgehen wie mit den Besuchern Ihres Büros, sehe ich für Ihr Unternehmen schwarz.« Ungefragt zog sich Friederike einen Stuhl vor den Schreibtisch und nahm schwer atmend darauf Platz.

August Fuhrmann schob in aller Ruhe das Tintenfass zur Seite und öffnete betont langsam die Mappe.

Entweder ich habe mir gerade seine Aufmerksamkeit gesichert oder die einzige Chance verspielt, die ich hatte, dachte Friederike und versuchte ihre Atmung in den Griff zu bekommen.

Der jüngere Mann hatte sich von seinem Schreck erholt und trat neugierig an den Schreibtisch. Schweigend betrachteten die Männer die Fotos, von denen der Unternehmer einige umblätterte und andere zur Seite schob.

»Na, dann erzählen Sie mal, junge Dame. Wodurch wollen Sie mein Unternehmen vor dem, Ihrer Meinung nach, drohenden Untergang retten?« Fuhrmann nahm sichtlich amüsiert wieder Platz und hakte die Daumen in seine Weste.

Auf Überheblichkeit sollte man nicht mit Demut, sondern Angriff reagieren, dachte Friederike. »Ihre Bilderzyklen bieten nichts Neues mehr. Hat man einmal die Stereofotografien Ihrer Stadtansichten, Landschaften oder Paraden gesehen, kennt man sie alle. Mit diesen Motiven lohnt sich der Besuch Ihrer Etablissements genau drei Mal. Jeder weitere muss mit einer Enttäuschung enden und dem Gefühl, dass sich die Investition der 20 Pfennige nicht gelohnt hat.«

Der Sekretär zog erstaunt die Luft ein, blickte seinen Chef abwartend an und trat einen Schritt zur Seite. Offensichtlich rechnete er mit einem cholerischen Ausbruch und dem Rausschmiss der dreisten Bewerberin.

»Sie wissen schon, dass Sie nicht vor dem Besitzer einer Jahrmarktsbude sitzen, sondern dass sich das Kaiserpanorama als seriöses Bildungsunternehmen versteht?«

»Bildung und Unterhaltung sollten Hand in Hand gehen, Herr Fuhrmann.«

»Sie schlagen also vor, unsere Bilderzyklen mit mehr Unterhaltung zu versehen. Und wie? Mit Kuriositäten und Abnormitäten?«

»Natürlich nicht. Aber Ihren Bildreportagen fehlt das gewisse Etwas. Der Mensch, um den sich alles drehen sollte, ist nur Staffage. Ihre Zuschauer sollten lachen, weinen und gerührt sein.«

»An diesem schmalen Grat zwischen Volksaufklärung und emotionalem Schauwert haben sich schon ganz andere Fotografen die Zähne ausgebissen. Bislang ist es keinem meiner Reporter gelungen, eine Bildergeschichte vorzulegen, die beide Kriterien ausreichend erfüllt. Und Sie denken, dass Sie dazu in der Lage sind? Darf ich fragen, wie alt Sie sind? 17, 18?«

»Ich bin 19 Jahre alt, Herr Fuhrmann, und das kann auch ein Vorteil sein. Vielleicht sind Ihre professionellen Fotografen zu alt für den richtigen Blick.«

»Zu alt, meinen Sie?« Fuhrmann hob die Hand, als Friederike gerade weitersprechen wollte. »Ich weiß schon, was jetzt kommt, junge Dame. Ihr nächstes Argument wird der weibliche Blick sein, der meinen Fotos fehlt. Danach werden Sie mir erzählen, dass der Großteil meiner Besucher Frauen sind und mein Unternehmen mit Bildern von Ihnen nur gewinnen kann. Habe ich recht?«

Friederike sank auf dem Stuhl zusammen, genau diese Argumente hatte sie bringen wollen.

Fuhrmann stand auf und betrachtete die zur Seite gelegten Fotos. »Ihre Bilder sind emotional, da muss ich Ihnen zustimmen. Sie fotografieren Menschen in allen denkbaren Gemütslagen. Einige sind rührend, die meisten traurig.« Er hielt ein Foto in die Höhe, auf das Friederike besonders stolz war. »Diese alte Frau schaut dem Betrachter direkt in die Augen. Jede Falte erzählt eine Geschichte. Gefallene Söhne im Deutsch-Französischen Krieg, Hungerjahre, zu Grabe getragene Säuglinge und überstandene Krankheiten. Ihre knotigen Hände im Schoß zeugen von Tausenden Stunden Fabrik- und Hausarbeit. Dieses Foto geht direkt ins Herz. Ich persönlich mag solche ehrlichen Bilder. Aber um mich geht es hier nicht. Ich bin Geschäftsmann und muss an die Einkünfte denken, und zwar nicht nur für mich. Ich trage die Verantwortung für meine Mitarbeiter und ihre Familien.« Er warf das Foto auf den Schreibtisch und blickte aus dem Fenster auf die belebte Friedrichstraße. »Dieses Bild ist eine Mahnung. Ein erhobener Zeigefinger, dass es in der Nachbarschaft Menschen gibt, die trotz ihres täglichen Fleißes kaum das Nötigste zum Leben haben. Und genau daran möchte das zahlende Publikum nicht erinnert werden. Wir sind nicht die Heilsarmee, Fräulein. Wie heißen Sie eigentlich?« Fuhrmann drehte sich um und musterte sie wieder neugierig.

»Friederike von Klagenbeck.« Sie wusste, dass der kleine Namensvorsatz ihr Türen öffnen konnte, auch wenn sie sich dabei unwohl fühlte, weil ihre Herkunft nichts mit ihr selbst zu tun hatte. »Es müssen keine mahnenden Bilder sein, Herr Fuhrmann. Ich möchte emotionale Fotografien vorlegen, die auch das Schöne zeigen.«

Schweigen.

Fuhrmann räusperte sich. »Was meinen Sie, Lohmann? Sollen wir der jungen Dame eine Chance geben?«

Der Sekretär sah ihn überrascht an und errötete. »Mit einem Versuch können wir nichts falsch machen, Herr Fuhrmann. Wenn das Fräulein auf eigene Kosten einen Bilderzyklus erstellen will, sollten wir uns ansehen, was sie abliefert.«

Fuhrmann schmunzelte. »Mein Sekretär antwortet immer sehr diplomatisch. Anscheinend haben Sie bei ihm Eindruck gemacht.«

Sein taxierender Blick ruhte auf ihr, und Friederike fühlte, wie sich ein Schweißtropfen zwischen ihren Schulterblättern langsam in Bewegung setzte. Sie wurde gewogen und hoffentlich nicht für zu leicht befunden. Ein endlos gedehnter Moment der Stille.

Fuhrmanns Lachfalten vertieften sich. »Gut, Sie haben mir einen Fehdehandschuh vor die Füße geworfen und ich nehme ihn auf. In genau zwei Wochen legen Sie mir einen Bilderzyklus vor und wir werden sehen, ob Sie mich überzeugen können. Aber denken Sie daran, die Fotos sollten das Publikum der Hauptstadt genauso begeistern wie die Menschen in der Provinz. Mein Sekretär wird Ihnen leihweise eine Stereokamera aushändigen und alles Notwendige regeln.« August Fuhrmann stand auf, drehte sich zum Fenster und starrte erneut gedankenverloren auf das rege Treiben der Straße.

Lohmann schob ihre Fotografien in die Mappe zurück und schüttelte heftig den Kopf, als Friederike eine weitere Frage stellen wollte. Sie war entlassen, mehr würde sie deshalb im Moment nicht erfahren.

*

Die Kaisergalerie war eine der Hauptattraktionen der Stadt und stand für alles, was das 19. Jahrhundert bislang zu bieten hatte. Imposante Architektur, luxuriöse Geschäfte, neueste technische Errungenschaften und vielseitiges Amüsement. Auch äußerlich konnte sich die Einkaufspassage auf drei Etagen mit ihren großen Vorbildern in Paris und Brüssel messen. Sogar heute noch, 17 Jahre nach der Eröffnung durch Kaiser Wilhelm, stand schaulustiges und kaufkräftiges Publikum am Eingang Ecke Friedrich- und Behrenstraße und bewunderte die unzähligen Bögen, Türme und Pilaster der Fassade. Vielleicht hatten die Architekten mit dem Stil der Neorenaissance einen mahnenden Zeigefinger im Herzen der Hauptstadt platzieren wollen, der stets an die Errungenschaften der Vergangenheit erinnern sollte. Denn die meisten Menschen sahen fortschrittsoptimistisch kommenden Zeiten entgegen und vergaßen den Blick zurück.

Dass die Besucher diesen Wink verstanden, bezweifelte Friederike. Beim Durchschreiten der 130 Meter langen Passage musste man einfach vom Erfindergeist der Menschen beeindruckt sein. Wer wollte nicht daran glauben, dass in den vielen technischen Neuerungen das Versprechen auf eine bessere Zukunft lag? Besonders beim Betrachten der elektrischen Bogenlampen der Firma Siemens & Halske würden sogar die Skeptiker zugeben, dass der Schein der runden Glasschirme die Ladenpassage viel stärker erleuchtete, als es das Sonnenlicht durch das gewölbte Glasdach je vermochte.

Friederike stand an der Brüstung der Galerie im ersten Stock und blickte auf das bunte Treiben im Erdgeschoss. Neben Cafés und Restaurants lockten mehr als 50 prunkvolle Geschäfte mit auffälligen und einfallsreichen Auslagen das Publikum ins Innere. Sie beugte sich weiter vor und bestaunte die farbenfrohen und aufwendigen Kleider der Besucherinnen, die sich vor den Scheiben versammelten und die neueste Hutmode des Pariser Modehauses Worth & Bobergh eifrig diskutierten.

Sie musste lächeln, als sie einige Damen sah, die immer noch die auffallenden Tournüren trugen, die ihre Gesäße auf unnatürliche Art verlängerten. Wie Dampflokomotiven, die langsam ihre Bahn ziehen, dachte Friederike. Dabei war diese Mode schon seit dem letzten Jahr nicht mehr angesagt. Als sie die Tournüre »Berliner Hintern« genannt und sich stattdessen einen pastellfarbenen Plisseerock mit gerafften Volants gewünscht hatte, war ihre Mutter fast in Ohnmacht gefallen.

Wie zur Bestätigung traten zwei junge Frauen aus dem Hutladen, und Friederike betrachtete bewundernd ihre farbenfrohen Volants aus Tuch, Samt und Seide. Sogar ältere Damen trauten sich neuerdings, von den gedeckten Farben Abstand zu nehmen und sich leuchtend grün oder apricotfarben zu kleiden. Der Wandel machte auch vor der Mode nicht halt. Nur die Männer ließen sich davon wenig beeindrucken und veränderten kaum ihr Erscheinungsbild.

Friederike trat einen Schritt zurück und stieß an den hölzernen Kasten der Stereokamera, den Sekretär Lohmann ihr nach einer kurzen Einführung in die Arme gedrückt hatte. Kein Mensch würde ihre Unterschrift lesen können, denn ihre Finger hatten so gezittert, dass sie vor Aufregung nicht einmal die Linie im Quittungsbuch getroffen hatte. Die Erklärungen der Besonderheiten des Apparates waren an ihren Ohren vorbeigerauscht, ohne ihren Verstand zu erreichen. Was hatte sie sich nur gedacht? Würde je ihr Name auf einem der vielen Plakate in der Stadt stehen, die für die neuen Bilderserien warben?

Friederike schaute zum Eingang des Kaiserpanoramas wenige Meter von ihr entfernt. Das »Schaufenster zur Welt« war ein robuster Rundbau aus furniertem Nussbaum und bot 25 Besuchern, die auf einem Stuhl nebeneinander an Gucklöchern rund um den Bau saßen, gleichzeitig einen Blick auf handkolorierte Glas-Stereobilder. Diese wurden rückseitig durch Gaslicht erleuchtet. Nach 20 Sekunden kündigte ein Glockenzeichen an, dass die Bilder weiterrückten. So konnten die Betrachter auf ihren Stühlen sitzen bleiben und die Bilder von exotischen Ländern, eindrucksvollen Paraden und außergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten auf sich wirken lassen.

»Die ganze Welt ist mein Feld« und »Viel Geld erspart man jedes Jahr durch bequemes und billiges Reisen«las Friederike auf großen Plakaten am Eingang.Werbesprüche, denen ein breites Publikum vertraute, denn bislang war das Panorama fast durchgängig bis in die späten Abendstunden gut besucht. Auch wenn Friederike den Eindruck hatte, dass die Warteschlange vor dem Ticketschalter von Woche zu Woche etwas kürzer wurde. Die letzten fünf Monate hatte auch sie jeden Donnerstag in der Reihe gestanden, um keine einzige der wöchentlich wechselnden Bilderserien zu verpassen. Die Dame am Einlass kannte sie schon und nickte ihr immer freundlich zu.

Und jetzt stand sie wieder hier und spürte, wie sie kalte Füße bekam. Was hatte sie nur geritten? Wie kam sie auf die Idee, dass sie bessere Bilderserien abliefern könnte als die vielen erfahrenen Fotografen, die das Unternehmen mit Aufnahmen aus der ganzen Welt versorgten und genau wussten, was sie taten? Wie sollte sie bessere, emotionalere, ausdrucksstärkere Fotos zustande bringen, wenn sie nicht einmal mit der Technik der geliehenen Kamera vertraut war? Hatte sie mit dieser Provokation den Mund zu voll genommen? Nein, es musste möglich sein! Irgendwie. Und sei es auch nur, damit sie sich selbst und vor allem ihrer Mutter beweisen konnte, dass es andere Ziele im Leben gab als eine standesgemäße Heirat.

Mit einem Seufzer nahm sie die Holzkiste hoch, drehte sich um und stieß mit Henriette zusammen. Verlegen eine Entschuldigung murmelnd, sammelte Friederike die aus der Mappe gerutschten Fotografien auf, während ihre Freundin aus Kindertagen über das ganze Gesicht strahlte und ihr beim Aufheben half.

»Heute kann mir jar nüscht mehr die jute Laune verhageln. Ick hab die Stelle. Du ooch?«

Friederike blickte erstaunt hoch. »Stelle? Du wurdest als Fotografin angenommen?«

»Fotografin? Icke? Nee, det nun ma nich. Glasmalerin. Ick darf ab nächsten Montag Fotos kolportieren!«

»Kolportieren? Du meinst kolorieren, oder? Mit dem Pinsel Farben auftragen.«

»Kolorieren könnte stimmen. Farbe uf Glas halt. Die Bezahlung is jar nich so schlecht. Wenn ick die Strecke ins Ateliere lofe und die Pferdebahn einspare, kann ick mir davon een möbliertes Zimmer leisten.«

Henriette reichte ihr die restlichen Fotos und strahlte so viel Glück aus, dass Friederike für einen Moment all ihre eigenen Ängste vergaß. Ihr erstes Ziel hatte sie schließlich erreicht, und außer einer Blamage und dem Zerplatzen ihres Traumes riskierte sie nichts.

»Sag bloß, du bist jetzt Fotografin. Wat sacht’n deine Mutter dazu? Früher hätt die det nich jeduldet. Is det nen Apparat da in dem Kasten?« Henriette machte große Augen und deutete auf die Kamera.

»Ja, aber nur leihweise. Ich darf Testaufnahmen machen, und wenn die gut werden, werde ich vielleicht eingestellt. Meine Mutter weiß von meinem Besuch bei Herrn Fuhrmann noch nichts.«

»Und deshalb guckste so betröppelt? Det is doch prima!«

»Wenn es so einfach wäre. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob ich kann, was ich so großspurig behauptet habe. Nämlich bessere Bilder aufzunehmen als die anderen Fotografen. Bilder, die direkt ans Herz gehen und die das Publikum zum Lachen und zum Weinen bringen. Ich befürchte, dass ich zu viel versprochen habe.«

»Oh je. Vielleicht kann ick dir ja helfen. Der alten Zeit willen, obwohl ick damals wirklich traurig war, als ich meine Mutter in eurer Küche nich mehr besuchen durfte.«

»Ick och«, ahmte Friederike den Berliner Dialekt ihrer früheren Freundin nach und lächelte sie entschuldigend an. »Ich habe damals wochenlang kein Wort mit meiner Mutter gesprochen. Ihr Argument, du seist kein angemessener Umgang für eine Dame des Adels, habe ich nie geteilt. Bei meinem Bruder waren ihre Vorschriften nicht so streng.«

»Na, denn is ja allet jeklärt.« Henriette ließ wieder ihre Lücke zwischen den Zähnen sehen und grinste breit.

»Hast du Lust auf eine Tasse Schokolade im Café da unten? Vielleicht kann ich dir mal meine Fotografien zeigen und du sagst mir ganz ehrlich, was du davon hältst?«

Henriette trat erschrocken einen Schritt zur Seite und lugte über die Brüstung in die Passage hinunter.

Erst jetzt sah Friederike, dass sie ein sehr sauberes, aber an vielen Stellen sorgsam ausgebessertes Kleid trug. »Oh, entschuldige. Ich wollte nicht, dass du damit Ausgaben hast. Es würde mich freuen, wenn ich dich zu einer Tasse Schokolade einladen darf und du mir etwas über die Arbeit als Glasmalerin erzählst. Vielleicht kommt mir dabei eine zündende Idee, wo und von wem ich in der Stadt Fotografien aufnehmen könnte.«

Das Lächeln in Henriettes Gesicht war wie weggewischt. Sie musterte Friederike von oben bis unten. »Ick brauch keene Almosen. Ick kann selber zahlen, wenn ick Schokolade will.«

»Natürlich kannst du das. Ich wollte dich nicht beleidigen.« Friederike wusste nicht, was sie sonst noch sagen und wie sie sich aus dieser peinlichen Situation befreien könnte.

Henriette kniff die Augen zusammen, aber ihre Mundwinkel wanderten wieder nach oben. »Wie jesagt, ick hab Hochstimmung und nehme deshalb das Angebot generös an.«

Einige Minuten später saßen sie vor zwei Tassen dampfender Schokolade, die Henriette kaum zur Kenntnis nahm, weil sie bewundernd die Einrichtung des Wiener Kaffeehauses betrachtete, das mit seinen vielen Glaslampen und Spiegeln eine für sie ungewohnte Eleganz ausstrahlte.

Friederike rutschte unruhig auf dem Stuhl nach vorne und schob ihre Tasse etwas zur Seite, um Platz für ihre Mappe zu schaffen. Mit zittrigen Fingern zog sie das Foto der alten Frau heraus, von dem Fuhrmann sich zwar beeindruckt gezeigt hatte, das er aber keinesfalls in seinem Panorama zu zeigen gewillt war.

»Darf ick?« Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm Henriette das Foto aus Friederikes Hand und hielt es erst weit von sich weg und dann näher ans Gesicht. Kein Mienenspiel verriet ihre Gedanken, sie war konzentriert und still. Wortlos schaute sie sich auch die anderen Fotos an und nahm nach dem letzten Bild einen Schluck aus ihrer Tasse.

»Die Bilder sin jut. Sie sind echt und ick würd mir nen paar sogar in mein zukünftiges Zimmer hängen. Direkt übers neue Sofa, das ick vielleicht in een Jahr haben werde. Aber in det Panorama jehörn se nich.«

Friederike stöhnte und ließ die Schultern hängen.

»Jute Fotos machen noch keene Jeschichte, die ans Herz jeht und die zwee Jroschen beim Panorama wert sin. Aber een Blick für det Besondere hast de, det seh ick.« Henriette klopfte Friederike aufmunternd auf die Hand. »Nu lass mal nich det Köpfchen hängen. Det lässt sich doch allet regeln, und zwee Wochen Zeit haste ja noch. Ick würd mir zuerst een Thema überlegen. Bilder mit Herz willste haben. Also, wat jeht ans Herz?«

»Liebe, Kinder und Tiere? Trauer und Tragik soll es im Panorama ja nicht geben.«

»Jenau! Also nüscht wie in den Zoologischen. Dort hast de allet. Verliebte Paare, freche Jörn und das beste von allem: Tierkinder. Putzige Äffchen, tollpatschige Bären und drollige Kängurus. Wenn die Zuschauer einen Zoobesuch miterleben, der voller lustiger Anekdoten ist, könnte det ein Erfolg werden.«

Friederike war noch nicht überzeugt. »Ich kann doch nicht an den Gitterstäben fotografieren! Dann kommen nur die Freigehege in Betracht. Affen, Raubtiere, Vögel – das alles fällt weg!«

»Und durch die Stäbe hindurch? Geht det nich?«

Friederike schüttelte den Kopf. »Nein, der Apparat hat zwei Objektive im Abstand von sechs Zentimetern. Das wird nicht funktionieren. Ich müsste in die Gehege reingehen, und das wird mir keiner erlauben.« Frustriert schob sie die Fotos zurück in die Mappe und lehnte diese ans Tischbein.

»Vielleicht is heut och dein Glückstach. Meine Keule hilft nämlich manchmal im Elfentenhaus aus und ick kenn deshalb die Wärter janz jut. Vielleicht kann ick da was arrangieren.«

Friederike sah sie erstaunt an. »Das wäre großartig! Aber wer ist Keule?«

»Keule is meen kleiner Bruder Karl, den alle nur Kalle nennen. Den kennste noch nich. Der war damals noch en Baby.« Sie blickte sich suchend nach einer Uhr um. »Heute müsst er ab viere da sein. Da tauscht er immer das Stroh aus.« Henriette kam ein Gedanke, der das Ganze möglicherweise erschwerte. »Mit eenem Besuch wird’s aber nich jetan sein, wa? Und det wird nich jerade billig. Mit ner Jahreskarte in den Zoologischen kommste wahrscheinlich am besten. Was de für die Abzüge der Fotos berappen musst, wage ick nich mal zu schätzen.«

So weit hatte Friederike noch nicht gedacht. Ihr Handgeld der letzten Wochen hatte sie zwar gespart, aber mehr als fünf Mark waren es nicht. Wenn sie die nächsten zwei Wochen täglich im Zoo sein wollte, würde das Geld gerade so reichen. Für die Entwicklungskosten musste sie einen Geldgeber finden, denn ihren Eltern brauchte sie mit dieser zusätzlichen Ausgabe nicht zu kommen. Die hatten alle Hände voll mit den Studienkosten ihres älteren Bruders Ferdinand zu tun. Und an die Rücklagen für ihre Aussteuer kam sie nicht heran.

Henriette hatte sie die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. »Es klemmt am Geld, wa?«

Friederike nickte.

»Gibt det jemande in de Familie, der dir unter die Arme greifen kann? Ein stinkreicher Onkel oder so?«

Das war es! Kein Onkel, aber eine Tante! Sie konnte ihre Erbtante Adele fragen. Heimlich, versteht sich. Die Eltern durften davon nichts wissen. Ihnen musste sie heute Abend sowieso noch ihre Bewerbung bei August Fuhrmann gestehen, und davor graute ihr jetzt schon.

»Ick sehe, meine Frage hat ne zündende Idee gebracht!«

»Ja, meine Tante Adele kennst du vielleicht noch. Sie ist nicht nur reich, sondern auch fortschrittlich im Denken und verkündet ständig, dass Frauen nicht unter der Fuchtel von Männern stehen sollten. Ich glaube, sie wird meinen Plan unterstützen, selbst wenn sie dafür hinter dem Rücken meiner Eltern handeln muss. Da sie ihre Schwägerin, sprich meine Mutter, nicht ausstehen kann, wird ihr das eher Freude als Verdruss bereiten.« Friederike berührte die Hand ihrer Freundin. »Ich bin so froh, dass wir uns über den Weg gelaufen sind. Meine anderen Freundinnen haben für solche Aktionen kein Verständnis. Ihr Denken kreist nur um Mode, ihr einziges Lebensziel ist die Heirat mit einem passenden Versorger. Danke, Henriette!«

»Jern jeschehn. Dann wird’s erst der Gang in den Zoo und anschließend zur Tante? Oder andersherum?«

»Das ist eigentlich egal. Im Moment habe ich so viele Bilder im Kopf, dass der Zoo besser wäre. Ich habe ein paar Glasplatten mitbekommen, die fürs Erste genügen sollten. Einige Aufnahmen kann ich also heute schon machen. Weißt du, wie viel der Eintritt in den Zoo kostet? Ich war seit Jahren nicht mehr dort.«

»Wenn ick mir richtig erinnere, kostet das Tagesbillett eene Mark und die Jahreskarte fünf. Vielleicht kommen wir aber auch ohne wat zu berappn rein, die Kassendame hat einen Narren an Kalle jefressen und kennt mir. Die Feste soll man feiern, wie se falln und wer weeß, wann ick mal wieder so ville Zeit für den Zoologischen habe. Ick komm also jerne mit, wenn’s recht is.«

Friederike nickte begeistert und zog ihre Handtasche heran. »Wenn wir gleich aufbrechen, haben wir noch gute vier Stunden Sonnenlicht. Im Pferdeomnibus kann ich überlegen, was ich als Erstes aufnehmen will.« Sie holte etwas verlegen ihr Portemonnaie aus der Tasche und zählte vom Tischtuch verborgen ihr Geld ab. »Für die Schokolade und den Fahrpreis dürfte mein Geld reichen. Mit solchen Ausgaben habe ich heute nicht gerechnet.«

»Siehste! So een reichet Fräulein kommt ooch mal in Verlegenheit. Tut mir irgendwie jut. Ick geb dir nen kostenlosen Tipp: Du solltest immer eene Notmark einstecken haben. Man weeß ja nie, wie et kommen tut, wa? Ick hab det jute Stück im Mieder einjenäht, und wenn da een Langfinger ran will, denn spür ick det. Und jenau die Mark werd ick jetzt uf det stille Örtchen rauspuhlen. Kannst ja schon die Rechnung berappen, dann sind wir schneller uff de Beene.«

Die Schrippenkirche

Berliner Stadtmission in Kreuzberg 17.30–19 Uhr

Berlins Straßen glänzten im Licht der goldenen Stunde. Paul Gaßner liebte diese kurze Zeit vor Sonnenuntergang, in der alles weicher, wärmer und geheimnisvoller erschien. In der sich nicht nur das Licht veränderte, sondern auch das Publikum auf den Straßen. Ehrbare und arbeitsame Leute strebten ihrem Zuhause entgegen, die Nachtmenschen bereiteten sich auf ihre Rolle im Spiel um Vergnügen, Geld und Macht vor. Die Stadt wechselte ihr Gesicht. Paul gehörte zu den Lebewesen der Nacht, die das helle Licht scheuten und sich im Halbdunkel am wohlsten fühlten.

Er überquerte die Straße und konnte gerade noch rechtzeitig einem Haufen Pferdeäpfel ausweichen, der aus dem übervollen Leinentuch des vorbeirumpelnden Fuhrwagens gefallen war und nun dampfend auf dem Kopfsteinpflaster lag. Pferdekot an den Schuhen konnte er nicht gebrauchen. Heute noch weniger als sonst. Dazu war das Treffen, dem er angespannt entgegeneilte, zu wichtig. Paul brauchte dringend einen neuen Auftrag und eine schnelle wie erfolgreiche Erledigung, sodass sein guter Ruf in der Branche wiederhergestellt wäre. Nur der Hauch eines Zweifels an der Professionalität seiner Fähigkeiten war in seinem Metier sprichwörtlich tödlich. Deshalb war er auch nicht in die Pferdebahn Nummer 17 gestiegen, die ihn viel bequemer und schneller durch das Hallesche Tor nach Kreuzberg gebracht hätte. Paul brauchte den Fußmarsch, um seine Gedanken zu sammeln und sich genau zu überlegen, wie er bei diesem wichtigen Treffen auftreten sollte. Aber noch hatte ihm der Spaziergang keine Idee gebracht, noch waren die Ablenkungen auf der Friedrichstraße zu zahlreich und seine Konzentration zu sehr damit beschäftigt, den Passanten auf dem Trottoir auszuweichen. Hätte er einen von ihnen angerempelt, hätte dies womöglich ein Geschimpfe nach sich gezogen, das wiederum einen der Schutzmänner auf ihn aufmerksam gemacht hätte, und das galt es mit allen Mitteln zu vermeiden. Paul musste mit der Masse verschmelzen und unauffällig bleiben. Zum Glück hatte ihn die Natur mit einem Allerweltsgesicht und der durchschnittlichen Körpergröße der meisten Berliner Männer gesegnet, sodass seine Camouflage bis jetzt immer geglückt war. Zumindest dann, wenn es ihm gelang, Augenkontakt zu vermeiden oder rechtzeitig die Lider zusammenzukneifen. Seine außergewöhnliche Irisfarbe war sein Schwachpunkt, seine persönliche Achillesferse, denn das gesprenkelte kalte Eisblau blieb jedem im Gedächtnis, der es einmal erblickt hatte. Kein Wunder, dass sich, trotz seiner erst 24 Jahre, schon tiefe Krähenfüße zeigten, weil er in der Öffentlichkeit ständig mit zusammengekniffenen Augen unterwegs war. Doch die Krähenfüße hatten auch ihren Vorteil: Sie ließen sein Gesicht gutmütiger und humorvoller erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Eine Fehleinschätzung, die sich bereits für sechs Menschen als fataler Irrtum erwiesen hatte, denn Paul war ein Auftragsmörder. Damit das so blieb, musste das Treffen heute gut für ihn laufen.

Über den Köpfen der Passanten kam die Friedenssäule des Belle-Alliance-Platzes in Sicht, und Paul schien es, als ob die Siegesgöttin Victoria ihm persönlich den Siegerkranz entgegenstreckte. Er nahm es als gutes Omen und beschleunigte seine Schritte, als sich die Menschenmenge auf dem Platz etwas lichtete. Noch zwei oder drei Aufträge würden reichen, damit er weitere Anteile des Borsig-Unternehmens kaufen konnte. Nichts könnte ihn dann davon abhalten, in die Beletage eines der eleganten Häuser zu ziehen, wie sie hier kurz vor dem Halleschen Tor den Platz umstanden. Er spürte fast, wie seine Schuhe im dicken Teppich des imposanten Treppenhauses versanken und wie der Portier ihm respektvoll die Tür aufhielt. Vor niemandem müsste er mehr die Lider zusammenkneifen, und das kalte Arktisblau seiner Augen würde man eher bewundern als fürchten. Seine Gedanken schweiften weiter ab, als er den Landwehrkanal überquerte und mehrere Pferdebahnen gleichzeitig den Platz hinter ihm ansteuerten. Ja, Berlin bemühte sich mit ganzer Kraft, den Nimbus eines Kuhdorfes loszuwerden und sich so mondän zu geben, wie London und Paris es schon seit Jahrzehnten waren. Ein Bemühen, das der Reichshauptstadt jeden Tag etwas mehr gelang, denn überall wurde abgerissen, gebaut und investiert.

Paul blieb am Waterloo-Ufer stehen und blickte versonnen einem kaputten Bierfass hinterher, das auf den Wellen des schmutzigen Kanals tanzte und gegen den Bug eines entgegenkommenden Schleppkahnes stieß, der Kohle für eine der vielen Fabriken der Stadt geladen hatte. Er wollte sich nicht wie dieses Fass fühlen, das machtlos den Wellen des Schicksals ausgesetzt war. Deshalb musste er seine Gedanken jetzt endlich zusammennehmen und sich auf das bevorstehende Treffen konzentrieren.

Aber er kam nicht weit, denn hinter ihm ertönten ein lautes Krachen und das markerschütternde Wiehern eines Pferdes. Nur zehn Meter entfernt war ein mit Möbeln überladenes Fuhrwerk umgestürzt und hatte den schweren Kaltblüter unter sich begraben, der panisch in der Deichsel zappelte und grauenvolle Töne ausstieß. Paul wich einem Hocker aus, der sich aus der Ladung gelöst hatte und zum Bordstein rollte. Wie Ameisen kamen Menschen aus allen Richtungen geeilt, um das Spektakel mitzuerleben. Einige sicher, um zu helfen, die meisten wahrscheinlich nur, um zu sehen, ob sich etwas abstauben ließ. Der Kutscher war gerade noch rechtzeitig von seinem Bock gesprungen, hielt seine Peitsche in der Hand und blickte ratlos zwischen dem leidenden Tier und dem immer größer werdenden Publikum hin und her.

Paul hatte noch genügend Zeit bis zu seinem Termin, sodass er sich das kommende Schauspiel ansehen konnte. Bis er die wenigen Schritte zur Unglücksstelle zurückgelegt hatte, war auch der Fuhrmann aus seiner Erstarrung erwacht, fluchte lauthals wie alle Angehörigen seines Standes und fuchtelte wild mit der Peitsche, um die ersten Langfinger davon abzuhalten, mit dem Umzugsgut das Weite zu suchen. Während er panisch um den umgestürzten Wagen rannte und seine Ladung verteidigte, schrie das Pferd immer jämmerlicher. Paul drängte sich durch die Schaulustigen und blickte in das Weiß der Augen, die das Pferd nach hinten verdreht hatte. Der Grund war allen Umstehenden klar, denn die blanken Knochen unterhalb des Karpalgelenks hatte die Haut am linken Vorderbein durchstoßen. Ein Mann in Uniform neben Paul zog seinen Revolver aus dem Halfter und rief dem Kutscher zu, dass er jetzt das Tier von seinem Leiden erlösen würde. Außer dem schreienden Tier und dem fluchenden Kutscher war die Menge erstaunlich still.

Paul blickte sich neugierig um. Es war ihm immer schon schwergefallen, die Emotionen der Menschen zu verstehen, und noch schwerer, deren Verhalten vorauszuahnen. Deshalb nutzte er Gelegenheiten wie diese, um seine Erfahrungen zu erweitern. Paul sah Frauen mittleren Alters, die voller Mitgefühl das Tier betrachteten und sich nervös ihre Umschlagtücher enger fassten. Er beobachtete junge Burschen, die betont gleichmütig an gut gekleideten Herren vorbeigingen und ihre geschickten Finger in deren Gehröcke gleiten ließen. Immer mehr Menschen tauchten am Kanalufer auf, die verschiedene Utensilien bei sich trugen. Die meisten hielten Eimer und Schüsseln in der Hand. Paul ahnte, wozu die langen Messer und Sägen dienen sollten, die aus den Behältern ragten. Das Gesetz der Straße war unbarmherzig. Des einen Unglück war des anderen Glück. Noch bevor der Himmel ganz schwarz war, würde das Hyänenrudel der Gasse den Kadaver zerteilt haben und nur noch ein dunkler feuchter Fleck auf dem Kopfsteinpflaster von dem arbeitsreichen Leben des Gauls künden. Sein Fleisch würde in zahlreichen Töpfen köcheln und den Menschen Energie für ihr ebenso mühseliges Dasein geben. Seine Knochen würden in Bottichen sieden und als Leim vielleicht solche Fuhrwerke zusammenhalten, die seine Muskeln jahrzehntelang durch die Berliner Straßen gezogen hatten. Nur der Wandel ist konstant, dachte Paul, als ihn der laute Knall des Revolvers aus seinen Überlegungen riss.

Wandel! Genau das hatte er auch vor.

Paul zog seinen Hut tiefer, kniff die Augen zusammen und wandte sich von der Meute ab, die sich bereits über das Tier hermachte.

*

Die große Flügeltür schabte mit einem grässlichen Quietschen über die steinernen Platten des Vorraums und ließ alle Anwesenden verärgert nach hinten blicken. Dieser Auftritt war Paul schon einmal misslungen und er zwängte sich unauffällig in die letzte Bankreihe des Saals.

»Es kann doch nicht angehen, dass es nur 50.000 Sitzplätze in allen Kirchen und Kapellen der Stadt zusammen gibt! Bei einer Einwohnerzahl von bald zwei Millionen!« Adolf Stoecker ließ seine Faust auf den Rand der improvisierten Kanzel sausen. »Nicht einmal die Dienstmädchen der privaten Haushalte finden Platz! Ein Skandal für die Reichshauptstadt Deutschlands!« Stoeckers Talar kam in Bewegung und sein hochrotes Gesicht beugte sich weiter den Zuhörern zu, die ausschließlich Augen für den Tisch mit Schrippen an der Seite des Saals hatten.

Auch Paul hörte nur mit halbem Ohr der Rede des Hofpredigers zu und betrachtete den gemischten Haufen, der sich auf den unbequemen Bänken rekelte und den sauren Geruch ungewaschener Körper, billigen Fusels und langsam trocknender Kleidung ausströmte. Sie mussten noch warten, bis sie eine Tasse mit dünnem Kaffee und eine trockene Schrippe erhielten, denn Stoecker kam immer mehr in Fahrt und wetterte gerade gegen den allgemeinen Sittenverfall durch die Wohnungsnot in Berlin und die Trunk- und Spielsucht weiter Kreise der Bevölkerung.

Ein alter Mann vor Paul stieß seinen Banknachbar in die Seite und flüsterte: »Jetzt kommen gleich die Schlafburschen dran und der Verfall der Moral. Wenn wir Glück haben, beschreibt er die nächtlichen Szenen in den feuchten Hinterhäusern janz bildhaft.«

Der Angerempelte grinste und ließ seine zwei verbliebenen Zahnstummel sehen. »Janz jenau, die treiben et alle wie die Hottentotten und verirren sich in keene Kirche. Warum och? Ick bin ja och nur in der Schrippenkirche, weil ick was zu beißen brauch.«

Der Hofprediger blinzelte wütend in ihre Richtung und ließ seine Bibel auf die Kanzel krachen. »Das Wort Gottes wird siegen! Aller Ignoranz zum Trotz!« Stoecker strich sich triumphierend über sein weißes Beffchen. »Das Laster wird dem Glauben weichen!« Mit einer ausladenden Geste zeigte er in den Raum. »Nichts vermag das anschaulicher zu zeigen als dieser Saal. Es ist noch gar nicht lange her, da tanzten hier halb nackte Damen über die Bühne des Callenbach-Varietés. Und heute? Heute verkünden wir an gleicher Stelle das Wort Gottes! An diesem Ort triumphiert der evangelische Glaube über die sündhaften Triebe!«

Die Erwähnung des Callenbach-Varietés in Verbindung mit sündhaften Trieben ließ die beiden Bettler vor Paul aufhorchen und sich aufmerksam umblicken. Viel war im schummrigen Zwielicht des schwindenden Tages nicht mehr zu erkennen. Nur noch abblätternde Farbe an den Stellen, die von den wenigen brennenden Kerzen im Saal erleuchtet wurden, ließen erahnen, dass hier vor wenigen Jahren das laute, pralle Leben der Stadt getobt hatte.

»Kieck mal, Ernst!« Der ältere der beiden Bettler zeigte mit schmutzigen Fingern in die Höhe. »Ick kann richtig sehen, wie de leichten Damen da oben in den Logen ihre Freier beglücken, während der janze Saal ›Mutter, der Mann mit den Koks is da‹ brüllt.«

Sein Kumpan nickte. »Hol dir mal tief ’ne Nase, dann kannste sojar noch det Parfüm riechen. Jejen den Jestank von heute kommt der Duft der Verjangenheit aber nich mehr lange an.«

Diese respektlose Bemerkung klang lauter als beabsichtigt durch den Saal, denn der Hofprediger hatte gerade in seiner Rede innegehalten.

»Bei einigen unter uns hat der Teufel schon die Oberhand gewonnen. Aber der Herr ist nicht nur allmächtig, sondern auch barmherzig. Lasset ab von eurem schändlichen …«

»Ick verstehe nüscht, Herr Pfarrer. Mein Majen knurrt zu laut!«, rief der Zahnlose und erntete lautes Gelächter aus den vorderen Bankreihen.

Paul musste schmunzeln und beobachtete fasziniert, wie sich Stoeckers bartloses Gesicht dunkel färbte. Im ganzen Saal war es mucksmäuschenstill und alle warteten gespannt auf die Reaktion des Hofpredigers. Stoeckers seitlich gekämmtes Haar klebte an der verschwitzten Stirn und seine Augen funkelten die beiden Bettler wütend an. Doch er sagte kein Wort.

Langsam wurde die Stille quälend. Die Zuhörer begannen unruhig auf ihren Stühlen hin und her zu rutschen. Das Quietschen des alten, trockenen Holzes hallte unangenehm im Raum wider. Von Stoecker kam immer noch kein Ton.