Die Liebe des Henkers - Gabriele Breuer - E-Book
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Gabriele Breuer

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Beschreibung

Köln im 13. Jahrhundert: Vom Hunger geplagt, schließen sich die verwaisten Zwillingsschwestern Yda und Griet einem Wunderheiler an. Als Yda ernsthaft erkrankt, verliert Griet beinahe jede Hoffnung. Bis sie sich in den jungen Henkersknecht Luca verliebt. Noch während Luca versucht, Yda zu heilen, wird Köln plötzlich belagert – und die Schicksalsgemeinschaft verliert sich in den Wirren aus den Augen ...

Dieses Buch erschien vormals unter dem Titel "Luzifers Töchter".

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Über das Buch

Köln im 13. Jahrhundert: Vom Hunger geplagt, schließen sich die verwaisten Zwillingsschwestern Yda und Griet einem Wunderheiler an. Als Yda ernsthaft erkrankt, verliert Griet beinahe jede Hoffnung. Bis sie sich in den jungen Henkersknecht Luca verliebt. Noch während Luca versucht, Yda zu heilen, wird Köln plötzlich belagert – und die Schicksalsgemeinschaft verliert sich in den Wirren aus den Augen ...

Dieses Buch erschien vormals unter dem Titel "Luzifers Töchter".

Über Gabriele Breuer

Gabriele Breuer, geboren 1970, lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Köln. Sie arbeitet in einem Seniorenheim und schreibt in ihrer Freizeit gerne historische Romane. 

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Gabriele Breuer

Die Liebe des Henkers

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Nachwort

Impressum

1.Kapitel

Der Frühlingswind trug den Geruch von Feuer mit sich. Yda hob den Blick und sah zu der Siedlung Wedersdorf, über die sich Rauchwolken in den blassblauen Himmel bauschten. In ihrer Hand wog schwer der Pflug, den sie versuchte, in die Erde zu drücken. Ihre Schwester Griet trat von einem Fuß auf den anderen. Die Bandagen, die sie zum Schutz der Kälte um ihre Füße gewickelt hatte, waren viel zu dünn für die Arbeit auf dem Feld, denn die Sonne vermochte kaum den Frost aus dem Boden zu vertreiben. Wie so oft hatte die Schwester auch an diesem Morgen Ydas Mahnungen kein Gehör geschenkt. Aber um die erfrorenen Zehen sorgte sich Yda in diesem Augenblick nicht. Eher war es der Rauch, den der Wind weiter in Richtung Westen zu den Ansiedlungen Ascha und Sünneschdorf trieb. Sie legte den Pflug auf den Boden und schirmte mit der Hand ihre Augen vor der Sonne ab.

»Was ist los? Ist der Boden etwa doch noch zu hart?«, fragte Griet.

»Siehst du den Rauch nicht?« Yda zeigte mit dem Finger zum Horizont. »Er ist so dicht und schwarz, als würde ein ganzer Weiler brennen.«

»Meinst du, es waren Söldner?« Griet blieb still stehen und versteifte das Rückgrat.

In Ydas Brust schlug plötzlich die Angst mit einer Peitsche auf ihr Herz ein. »Wir sollten unser wenig Hab und Gut in Sicherheit bringen.« Rasch wandte sie sich um.

»Aber der Pflug. Wir können ihn nicht zurücklassen. Er wird uns gestohlen werden.«

»Vergiss den Pflug. Wir müssen unser Vieh retten.« Yda raffte ihre Röcke und lief über den Acker.

Als sie ihre Hütte mit dem kleinen Pferch unweit des Weilers Buckelmund erreichten, sah sie auch schon die Staubwolke, welche die herannahenden Reiter ankündigte. Hastig band Yda die Ziege ab und öffnete die Tür der Hütte. Wohl spürte das Federvieh die Gefahr, denn es stob gackernd auf und flatterte in die Freiheit. In diesem Augenblick bebte auch schon die Erde unter unzähligen Hufen, die über den Acker donnerten.

»Komm, Griet.« Yda fasste ihre Schwester an der Hand, um mit ihr fortzulaufen.

»Aber das Schwein, es ist noch in der Hütte angebunden«, jammerte Griet.

»Uns bleibt keine Zeit mehr.« Yda zog sie hinter sich her bis zum nächsten Buschwerk. Dort stieß sie die Schwester in das Geäst und sprang hinterher. Dornen rissen ihr die Haut im Gesicht auf. Die Pferde der Reiter donnerten an ihnen vorbei und das Kriegsgeschrei der Männer rieb die kühle Luft auf. Vorsichtig wagte Yda einen Blick aus dem Versteck. Ungefähr fünfzig Fuß vor ihnen jagten Männer ihre Pferde auf die Hütte zu. Dann rissen sie die Zügel um und umkreisten Ydas und Griets Heim. Einer der Männer warf lachend seine Fackel in die Hütte. Ein zweiter, von schmächtiger Statur, feuerte ebenfalls eine Flamme auf das Strohdach. In der Hütte schrie die Sau. Ehe Yda den nächsten Atemzug nahm, fraßen sich auch schon die Flammen ihren Weg. Sie sah in das Gesicht des Mannes, der die zweite Fackel geworfen hatte. Tiefe Falten gruben sich in seine Wangen und in dem dunkelbraunen Bart schimmerten weiße Fäden. Anders als die anderen Männer in ihren Kettenhemden trug er eine grüne Cotte mit einer Schließe aus Silber, wie Yda sie nur bei durchreisenden Kaufleuten gesehen hatte. Yda sah seinen Blick – kalt und voller Grausamkeit aus blassblauen Augen. Dann gab er seinem Pferd die Fersen. Die Söldner hinterließen eine Staubwolke und jagten ihre Pferde weiter. Beißender Rauch stieg Yda in die Nase, ihre Augen tränten. Wie von Sinnen sprang sie auf und zog an ihren Röcken, um sie von den Dornen zu befreien. »Ich muss die Sau aus der Hütte befreien!«

Griet hielt sie jedoch am Rocksaum fest. »Bleib! Es gibt nichts mehr zu retten.«

Yda riss sich los und rannte zu der Hütte. Auch wenn die Hitze der Flammen fast ihre Haut versengte, stieß sie die Tür ihrer Hütte auf. Um sie herum regnete es Funken. Yda zog sich den Umhang über den Kopf und presste sich zum Schutz vor dem Rauch die grobe Wolle vor den Mund.

Hinter ihr weinte Griet. »Nicht, Yda. Geh da nicht rein!«

Sie hörte nicht und stolperte blind in die Hütte. Durch die Balken über ihr fraßen sich bereits prasselnd die Flammen. Yda tastete sich durch den beißenden Rauch. Neben ihr schlug ein Feuerball auf den Boden. Seine Flammen züngelten nach ihren Röcken und Yda spürte die Hitze an ihren Beinen. Dann sah sie den zuckenden Leib der Sau auf dem Boden liegen. Sie kam zu spät! Ein brennender Balken donnerte vor ihre Füße. Vor Schreck vergaß Yda zu atmen. Hinter ihr gab es einen dumpfen Knall. Holz knirschte. Ein blasses Licht drang in die Hütte.

»Hier, Schwester. Komm hier, durch die Fensteröffnung«, schrie Griet gegen die Flammen an.

In Ydas Beinen summte es. Sie blickte auf den Kadaver des Schweins, nach dem die Flammen züngelten. Verzweifelt versuchte sie, das Feuer mit den Fußsohlen zu löschen. Die Glut fraß sich durch ihre Bandagen und ein stechender Schmerz bohrte sich hinauf zu ihren Waden. In Ydas Brust bebten Schluchzer der Hilflosigkeit.

»Bitte komm, sonst verbrennst du am lebendigem Leib!«, kreischte Griet.

Kurz schloss Yda die Augen, dann kletterte sie durch das Fenster ins Freie. Griet zerrte sie zu dem Busch, wo sie Yda um den Hals fiel.

»Was hast du dir nur dabei gedacht?«, schluchzte die Schwester.

Ydas Brust brannte von dem Rauch. Ein Hustenanfall schüttelte sie. Als sie sich einigermaßen wieder beruhigt hatte, liefen ihr Tränen über das Gesicht. Nichts von ihren wenigen Habseligkeiten war ihnen geblieben. In Ydas Herz wütete ein Schmerz, der sie die Verbrennungen nicht spüren ließ.

»Wir müssen nach der Familie schauen«, hustete Griet.

»Sie werden sich schon in Sicherheit gebracht haben. Lieber sollten wir unser restliches Vieh suchen.«

In Griets Augen glänzten Tränen. »Ich hab solche Angst. Was, wenn die Reiter zurückkehren?«

»Die Männer haben es nicht auf Menschenopfer abgesehen, eher darauf, die Erträge des Erzbischofes zu schmälern. Oder hast du etwa irgendwelche Trophäen in Form von abgeschlagenen Köpfen in ihren Händen gesehen?« Yda dachte an die Augen des Mannes, die kalt wie Eis gewesen waren.

Griet biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf.

Gedankenverloren beobachtete Yda, wie in all dem Rauch das Feuer ihren einzigen Hocker fraß, auf die Truhe übergriff und den Tisch zum Glühen brachte. Das Stroh ihrer Bettstatt gab den Flammen Nahrung und ließ sie noch einmal in den Himmel steigen. Yda wischte sich die Tränen von den Wangen, schob die Schwester aus ihrem Arm und erhob sich. Seufzend klopfte sie sich das lose Blattwerk von den Röcken. Dann reichte sie Griet die Hand.

»Komm, und lass uns sehen, wohin es die Ziege verschlagen hat.«

Griets Augen schwammen in Tränen. Doch sie nahm tapfer Ydas Hand und ließ sich von ihr auf die Beine ziehen. »Sollen wir wirklich nicht nachsehen, wie es dem Oheim und den anderen geht?«

»Ich weiß nicht, Griet. Wahrscheinlich wird er uns nur wieder einmal die Schuld an allem Unglück geben.« Ydas Trauer wich dem Groll. Ihre letzte Heimat hatten diese Bastarde zerstört. Von ihrem Vormund, dem Bruder des Vaters, konnten Yda und Griet bestimmt keine Hilfe mehr erwarten. Damals vor zwei Wintern, als der Vater gestorben war, hatte er sie des Hofes verwiesen und in die Hütte außerhalb des Weilers abgeschoben. Zwei Hühner hatte er ihnen gelassen. Nur durch ihre Hände Arbeit war es den Schwestern möglich gewesen, sich am Leben zu erhalten und ihren Viehbestand auf eine Ziege und ein Schwein zu erweitern. Yda dachte an die Mutter, und wie ihr Leben gewesen sein musste, bevor Vater sie geheiratet hatte. Eine Gauklerin soll sie gewesen sein, die auf den Jahrmärkten ihren Leib verbiegen konnte, als besäße sie keine Knochen. Aus dem Land der Sarazenen war sie gekommen, wo in den Augen einer jeden Frau eine Glut brannte. So, wie auch bei ihr und Griet. Doch Yda und Griet hatten die Mutter nie gesehen, denn sie verlor das Leben, als sie die beiden in derselben Nacht kurz hintereinander geboren hatte.

»Aber er muss uns doch Obhut geben«, jammerte Griet nun, »oder willst du im Wald schlafen?«

Yda gab sich geschlagen, weil sie wusste, Griet würde keine Ruhe geben. »Gut, lass uns sehen, was von seinem Hof noch übrig geblieben ist. Vielleicht finden wir ja unterwegs die Ziege oder wenigstens eines unserer Hühner.«

Sie gingen nur wenige Schritte, da sahen sie schon die Rauchwolke, die über dem Weiler von Buckelmund in den Himmel stieg. Yda spürte den Schmerz an ihren Fußsohlen, den der kalte Boden nur wenig zu lindern vermochte. Auch an ihren Händen schlug die Haut brennende Blasen. Doch sie schritt tapfer weiter neben ihrer Schwester her, die laut ein Gebet sprach. Yda spürte, wie Griet gegen die Angst kämpfte. Nicht nur ihr Antlitz glich sich, auch ihre Seelen vereinte ein Band von der Stärke geflochtenen Rosshaares.

Auf dem Hof bildeten Mägde und Knechte eine Kette vom Brunnen bis zum Wohnhaus. Durch ihre Hände wanderten Eimer, deren Wasser dem Feuer nur neue Nahrung gab. Zwischendrin lief der Oheim auf seinen krummen Beinen umher und erteilte Befehle. Yda und Griet reihten sich sofort in die Kette, um zu helfen.

Als der Oheim sie sah, kniff er die Augen zusammen und eilte auf sie zu. »Was wollt ihr denn hier? Verschwindet von meinem Hof!«

Yda fiel der Eimer aus der Hand und das Wasser platschte an sein Bein. Augenblicklich erntete sie eine Ohrfeige.

»Ihr bringt nur Unheil«, bellte der Oheim und versetzte Griet einen Tritt.

Die Wucht ließ sie taumeln.

»Ihr schmutzigen Schandweiber! Verschwindet!«

Yda fasste Griet an der Hand. Dann liefen sie gemeinsam vom Hof. Erst als sie mitten auf dem Acker standen, hielten sie inne.

»Was habe ich dir gesagt«, keuchte Yda.

Griet nickte weinend. »Warum nur?«

Auch, wenn Yda die Antwort kannte, zuckte sie nur mit den Schultern.

»Sag mir, Schwester. Warum verachtet der Oheim uns so? Wir sind doch vom gleichen Blut wie er«, schluchzte Griet.

»Eine von uns vielleicht. Die andere nicht. Du hast doch auch gehört, was er einst dem Vater vorgeworfen hat: Ein Mann kann nur ein Kind gleichzeitig zeugen. Wenn zwei in einer Nacht geboren werden, stammt eins vom Teufel ab.« Eine kalte Faust griff nach Ydas Herz.

»Das glaube ich nie und nimmer. Sieh uns an, Yda. Unser Haar ist zwar schwarz wie Pech, und unsere Haut bleibt immer schmutzig, so oft wir uns auch waschen, aber unsere Seelen sind doch rein.«

»Das sieht uns nur von außen keiner an.« Missmutig trat Yda gegen einen Kieselstein, der aus dem Lehm des Ackers ragte.

»Was sollen wir denn nun tun?« Griets Blick schweifte über das Feld. »Wir haben kein Dach mehr über dem Kopf.«

»Das weiß ich auch.« Yda sah in den Himmel, an dem weiße Wolken die Sonne bedeckten. Der Wind frischte auf und bescherte ihr eine Gänsehaut. In ihrem Kopf herrschte Leere. »Lass uns sehen, was von unserer Hütte noch übrig geblieben ist.«

Griet folgte ihr über den Acker des kurkölnischen Gebietes. Als sie wenig später vor dem Schutt ihrer Hütte standen, liefen Yda die Tränen über die Wangen. Sie nahm einen Ast und stocherte in den letzten glühenden Holzplanken herum, über die sich bereits eine Ascheschicht gelegt hatte. Yda fand den dreibeinigen Kessel aus Ton, den der Ruß schwarz gefärbt hatte. Als sie ihn herausfischen wollte, zerbrach er in zwei Teile.

Tränen verschleierten Griets dunkle Augen. Starr hielt sie den Blick auf die Trümmer gerichtet. »Sie reiten vorbei und legen einfach die Hütte in Schutt und Asche. Wissen die Männer denn nicht, was sie uns damit angetan haben?«

»Was hilft es, darüber zu grübeln?« Yda warf den Stock weg. »Wahrscheinlich sitzen sie mit einem Becher Wein in einer Schenke und brüsken sich mit ihren Taten.«

»Aber der Erzbischof wird es nicht auf sich sitzen lassen, wenn sie seine Felder zerstören. Glaubst du, es wird eine Schlacht geben?«

Yda zuckte mit den Schultern. »Was weiß ich schon von dem Gerangel um die Ländereien. Lass uns lieber überlegen, wo wir nun einen Unterschlupf finden. Das ist im Augenblick wichtiger.«

Schwer stieß Griet den Atem aus. »Der Oheim verwehrt uns seinen Schutz. Das heißt, wir sind nun Niemandem mehr hörig.«

»Und müssen höllisch auf der Hut sein.« Yda blickte zum Waldrand und überlegte, dort nach einem Unterschlupf zu suchen.

Im gleichen Augenblick fasste Griet nach ihrer Hand. »Ich hab Angst.«

»Ich auch, Schwester. Wir können nur noch auf Gottes Gnade hoffen.«

Plötzlich vernahm Yda fröhlichen Gesang aus einer Männerkehle. Als sie sich umwandte, sah sie einen hochgewachsenen Mann, der in Lumpen gekleidet war. Hinter sich führte er an einem Strick einen Esel sowie ihre Ziege. Yda wollte Griet schon wieder in den Busch zerren, doch der blondgelockte Mann hatte sie bereits erblickt und winkte ihnen freundlich zu. Nur kurz zog Yda in Erwägung vor ihm fortzulaufen, doch dann dachte sie an die Ziege, die sie ihm nicht kampflos überlassen wollte. Von daher stemmte sie die Hände in die Hüften und schritt auf ihn zu.

»Welch ein hübscher Anblick an diesem unglückseligen Tag.« Der Lumpenmann grinste.

Ungefähr sechs Fuß entfernt blieb Yda vor ihm stehen. »He, Kerl. Das ist unsere Ziege, die du da spazieren führst.« Aus der Nähe betrachtet, bemerkte sie, dass der Mann sie um einen Kopf überragte. Den mageren Leib verdeckte ein aufgeschnittener Sack, der um den Bauch mit einem Seil gehalten wurde.

Nach Ydas Worten verzog er die Lippen zwischen dem struppigen Bart, die moosgrünen Augen lachten jedoch immer noch. »Soll ich das glauben? Davon hat mir das Vieh gar nichts erzählt.«

»Sag mal, siehst du nicht, was hier geschehen ist?« Yda zeigte auf die verkohlten Überreste ihrer Hütte. Hier und da flammte noch eine Glut im Wind auf.

Der Mann stieß einen Seufzer aus. Mit Bedauern im Blick sah er auf das ehemalige Heim. »Ich hoffe, es gibt keine Toten zu beklagen.«

»Doch, unser Schwein.« Yda trat näher und riss ihm das Seil aus der Hand, an das er die Ziege gebunden hatte. Nach Plänkeleien stand ihr nicht der Sinn. Und wie es schien, würde dieser Kerl ihnen auch nicht helfen können.

Widerstandslos überließ er Yda die Ziege. »Habt ihr denn ganz alleine in der Hütte gewohnt?«

Griet stellte sich Yda zur Seite. »Warum willst du das wissen? Und wer bist du überhaupt?«

»Mein Name ist Quirin. Ich bin Bader und reise durch die Lande, um die Menschen zu heilen.«

Yda sah das Bündel an, das er bei sich trug. Das Sacklinnen strotzte nur so vor Dreck. Recht erfolgreich konnte der Mann mit seinen Künsten wohl nicht sein. Plötzlich gab ihr Bauch ein gurgelndes Geräusch von sich. Yda legte die Hand darauf.

»Hunger?«, fragte Quirin. Er legte sein Bündel auf den Boden, entknotete es und holte ein Stück Brot heraus. »Damit müsste dir fürs Erste geholfen sein.«

In Ydas Bauch schmerzte wirklich die Leere. Bevor sie am Morgen aufs Feld gegangen waren, hatte sie nur einige Löffel Mehlbrei zu sich genommen. Als sie das Brot betrachtete, verstärkte sich das Grummeln in ihrem Bauch. »Es ist gewiss dein letztes Brot.«

»Na, und? Ich bin satt. Du nicht. Der Herr wird schon weiter für mich sorgen. Das hat er bisher immer getan.«

So ausgemergelt, wie der Bader vor ihnen stand, bewunderte Yda schon ein wenig sein Gottvertrauen. Vielleicht brauchte er aber auch nicht viel zu essen, um satt zu werden.

»Nun zier dich nicht und nimm schon.« Quirin hielt ihr weiterhin mit schmutziger Hand das Brot entgegen.

Yda nahm es und brach es in zwei Teile. Eines davon reichte sie Griet, die das Stück Brot rasch in die Tasche ihrer Schürze steckte. Dabei betrachtete die Schwester immer noch argwöhnisch den Bader. Yda jedoch empfand ihm gegenüber keine Scheu, denn seine Augen verrieten ein friedliches Gemüt.

»Habt ihr zwei wirklich alleine in der Hütte gewohnt?« Quirin verknotete wieder sein Bündel, in dem sich einige Tontiegel in unterschiedlichen Größen befanden.

Yda schluckte das Stück Brot, das sie abgebissen hatte. »Ja, haben wir.«

»Seid ihr Witwen? Ihr müsst doch einen Vormund haben.«

»Nein, wir sind keine Witwen«, sagte Griet nun. »Und einen Vormund haben auch nicht mehr.« Sie erzählte von dem Oheim, der sie von dem Hof gejagt hatte.

Quirin schüttelte den Kopf. »Verstehe ich nicht. Bei eurer Schönheit dürfte es für ihn doch ein leichtes gewesen sein, euch zu verheiraten.«

Seine Schmeicheleien beeindruckten Yda nur wenig. »Nein, eben nicht. Auch wenn wir getauft sind, fließt durch unsere Adern immer noch heidnisches Blut. Zu allem Überfluss sind wir auch noch in einer Nacht geboren. Wie die Leute sagen, ist eine von uns beiden die Brut des Teufels.«

Der Bader hob die Augenbrauen. »Und welche von euch beiden soll das sein?«

»Keine natürlich«, zischte Griet. »Oder glaubst du dieses Gerede etwa auch?«

»Was weiß ich? Ich kenne euch ja nicht. Aber wie es mir scheint, seid ihr beide zu schön, um eine Ausgeburt der Hölle zu sein.«

Plötzlich schoss Yda ein Gedanke durch den Kopf. »Sag mal, Quirin, du bist wohl nicht sehr erfolgreich mit deinen Heilkünsten.«

»Wie kommst du darauf?« Der Bader strich sich mit der Hand über den Bart.

»Na, ja. Sieh dich an. Deine Kleider sind nur Lumpen. An den Füßen trägst du trotz der Kälte weder Bandagen noch Stiefel.«

Griet versetzte ihr einen Stoß in die Rippen. »Yda! Der Mann hat uns gerade sein letztes Brot gegeben. Warum beleidigst du ihn denn nun?«

»Ich beleidige ihn doch nicht. Was ich sage, ist nicht mehr als die Wahrheit. Oder?« Forsch blickte sie Quirin in die Augen.

»Na ja … an manchen Tagen könnte es besser sein … es ist halt nicht immer einfach«, druckste der Bader herum.

»Dann schlage ich dir ein Geschäft vor.«

Griet sah ihre Schwester mit großen Augen von der Seite an. »Was hast du vor?«

Abwehrend hob Quirin die Hände. »Nein, nein. Darauf bin ich nicht hinaus. Ich kann und will mir kein Schäferstündchen mit euch erkaufen.«

Yda lachte kurz auf. Selbst wenn der Hunger sie in den Tod trieb, würde sie sich gewiss nicht dem Bader hingeben. »Das habe ich auch nicht gemeint. Pass auf, Quirin. Sieh Griet und mich genau an. Entdeckst du irgendeinen Unterschied zwischen uns?«

Quirins aufmerksamer Blick wanderte von einer Schwester zu der anderen und wieder zurück. Dann schüttelte er den Kopf und sah Yda an. »Abgesehen von deinem Mundwerk und dem abgebrochenen Eckzahn, seid ihr wirklich nicht zu unterscheiden.«

Yda fuhr sich kurz mit der Zunge über den unteren Zahn, an dem die Spitze fehlte. »Ich brauche also einfach nur meinen Mund zu halten.«

Quirin lachte auf. »Das dürfte schwer werden.«

»Bitte mach keinen Unsinn«, flehte Griet an ihrer Seite.

Yda beachtete sie nicht. Stattdessen presste sie die Lippen aufeinander. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und sah dem Bader fest in die Augen. »Was hältst du davon, wenn wir dich auf deiner Wanderschaft begleiten?«

»Wozu soll das gut sein? Auf die Dauer könnte ich euch wohl kaum ernähren.«

»Glaub das nicht. Gemeinsam könnten wir zu Reichtum gelangen. Warte, ich zeige dir wie.« Yda fasste Griet an die Hand und zog sie hinter die Trümmer der Hütte.

»Was hast du vor? Mir ist schon ganz bange zu Mute«, flüsterte Griet mit zittriger Stimme.

»Das wirst du jetzt sehen. Hock dich hier hin und warte, bis ich dich wieder hole.« Yda ging zurück zu dem Bader. Als sie vor ihm stand, schob sie den Ärmel ihres Kleides hoch und zeigte ihm die Schramme, die sie sich vorgestern bei der Arbeit zugezogen hatte. »Dafür hast du doch gewiss eine Salbe, oder?«

Quirin blies die mageren Wangen auf. »Ja, sicher.«

»Dann gib sie mir.«

Ohne weiter zu fragen, entknotete der Bader erneut sein Bündel, holte einen Tiegel hervor und reichte ihn Yda. »Hier nimm das.«

Yda öffnete das Gefäß. Die Salbe roch ranzig und schwach nach Gras. Dennoch rieb sie sich etwas davon auf den Arm. Dann gab sie dem Bader den Tiegel zurück. »Bin gleich wieder da.« Yda ging wieder zu Griet hinter den Trümmerhaufen.

»Was soll das alles«, blitzte die Schwester sie an.

»Wir sind gleich fertig. Vertrau mir einfach.« Yda schob ihr ebenfalls den Ärmel hoch. Dann erklärte sie der Schwester, was sie zu tun hatte.

»Yda, wir haben bestimmt andere Sorgen als ein Possenspiel zu veranstalten.« Verständnislos schüttelte Griet den Kopf.

»Nun geh schon. Oder willst du dich dein Leben lang von Wurzeln ernähren?«

Allmählich begann die Schwester wohl zu begreifen. Wenn auch immer noch kopfschüttelnd, trat sie auf den Bader zu und wiederholte, was Yda ihr geflüstert hatte.

Yda vernahm sein lautes Lachen und gesellte sich wieder zu den Beiden.

»Ich glaube, ich weiß nun, wer von euch beiden die Tochter des Teufels ist.« Quirin wischte sich eine Lachträne aus den Augenwinkeln.

Griet fand das wohl nicht lustig, denn sie sah Yda mit verengten Augen an. »Siehst du, was du angerichtet hast? Wegen dir werden wir in noch größere Schwierigkeiten geraten, als wir ohnehin schon sind.«

»Nein, Griet. Nicht wegen mir. Die Männer, die unsere Felder verwüsten, unser Oheim, der uns mit Füßen tritt. Das ist die wahre Brut des Teufels.«

Griet zog sie am Arm wieder hinter die Trümmer der Hütte. »Kannst du eigentlich nicht mehr richtig denken?«

»Was soll das denn nun heißen? Was ist so verkehrt an meinem Vorschlag?« Yda verstand es nicht. Eine bessere Gelegenheit, dem Hunger zu entkommen, gab es für die Beiden nicht.

»Ich ziehe nicht mit diesem fremden Mann durch die Lande. Glaube mir, er wird uns bei der nächstbesten Gelegenheit verraten und verkaufen.«

»Was gedenkst du denn sonst zu tun?«, funkelte Yda ihre Schwester an. »Willst du dich bis an dein Lebensende im Wald verstecken?«

Griet verschränkte die Arme vor der Brust. »Das ist immerhin noch besser, als im Hurenhaus oder gar auf dem Sklavenmarkt zu landen. Aber wenn du mit dem Bader gehen willst, dann lass dich nicht aufhalten. Ich jedoch bleibe hier.«

»Ach, komm schon, Griet. Das wird Quirin gewiss nicht. Mit unseren Vorführungen wird er mehr verdienen, als wenn er uns verkaufen würde.« Versöhnlich legte Yda die Hand auf Griets Arm.

Die Schwester schüttelte sie jedoch ab und blickte finster drein. »Wenn die Leute hinter unser Possenspiel kommen, knüpfen sie uns schneller auf, als wir laufen können.«

»Wenn wir achtgeben, wird das nicht geschehen.« Yda wusste, wenn Griet störrisch war, setzte sie keinen Fuß mehr vor den anderen. Da konnten sie weder Geld noch gute Worte locken.

2.Kapitel

Luca zog den Kittel aus und grub die Zehen in den Kies. Obwohl die Strahlen der Sonne schon Kraft besaßen, blies ihm der Wind hier unten am Rhein einen Schauder auf den Rücken. Vorsichtig setzte er einen Fuß in das Wasser. Wieder einmal fürchtete Luca, beim Bad zu erfrieren. Dennoch wagte er sich auch heute vor, bis die seichten Wogen gegen seinen Bauchnabel schwappten. Luca schnappte nach Luft. Dann biss er auf die Zähne, tauchte die Hände in das Wasser und wusch sich das Gesicht, um den Aasgestank aus der Nase zu vertreiben. Vielleicht ließe man ihn ja heute in ein Wirtshaus einkehren. Bei dem Gedanken an ein saftiges Stück Bratenfleisch vergaß Luca die Kälte. Rasch wusch er sich noch das Haar und stieg aus dem Rhein. Am Ufer hatte er sich bereits ein frisches Hemd zurecht gelegt, das nach Rinchens Blütenseife roch. Er band sich das gelbe Band des Unehrlichen um den Oberarm und lief zu seinem Heim, das er sich auf dem Acker südlich der Kölner Stadtmauer nahe dem Judenbüchel gebaut hatte. Als er die Tür öffnete, sah er, wie Rinchen mit einem schwarzen Hund spielte.

Das Mädchen sprang ihm auf seinen pummeligen Beinchen entgegen und breitete die Arme aus. »Luca! Du bist da!«, schrie sie wie jeden Tag, wenn er heimkehrte. Da sie ihm nur bis zur Hüfte reichte, schmiegte sie ihre Wange an seinen Bauch und umfasste ihn mit festem Griff.

Lächelnd fuhr ihr Luca mit der Hand durch das honigblonde Haar, das in wilden Zotteln von ihrem Kopf abstand. »Ich freu mich auch, dich zu sehen, kleiner Käfer. Aber du sollst die Hunde nicht in die Hütte lassen.« Dass die Schwester nur drei Lenze weniger als er mit seinen fünfundzwanzig zählte, vergaß Luca oft, denn Rinchen war ein Narrenkind.

»Gehen wir zur Mutter? Ja? Bitte, bitte.« Rinchens Augen wurden kugelrund.

»Willst du das wirklich?« Luca sah sie skeptisch an. Bis zum Neujahrstag hatte Rinchen noch mit der Mutter im Hurenhaus gewohnt. Der alte Wirt hatte sie stets in Frieden dort leben lassen. Aber dann verstarb er von einem Tag auf den anderen an einem Fieber. Kurz darauf übernahm ein neuer Wirt das Hurenhaus und bemerkte schnell, dass Rinchen unter ihren Röcken wie eine normale Frau gebaut war. Natürlich dauerte es nicht lange und er bot sie ebenfalls den Freiern an. Immer mehr Männer suchten das Hurenhaus auf, um die Zwergenfrau zu besteigen. Und der Henker, dem das Haus der schönen Frauen unterstand, hörte nicht auf Lucas Bitten. Viel zu sehr war er dem Suff verfallen, um überhaupt etwas zu unternehmen. Rinchen verstand nichts von dem, was die Kerle mit ihr trieben, dennoch drohte sie daran zu zerbrechen. Als Luca sie eines Tages dann weinend in der Ecke der schäbigen Kammer vorfand, nahm er sie kurzerhand mit in seine Hütte nahe dem Schindanger.

»Ich hab keine Angst mehr vor dem Eberhard, du bist ja bei mir«, holte Rinchen ihn aus den Gedanken.

»Gut, aber erst gehen wir ins Wirtshaus. Einverstanden?«

»Oh, ja!« Das Mädchen hüpfte wie ein Frosch durch die Hütte. Dann nahm es seinen Umhang auf und warf ihn sich über die Schultern.

Im Gegensatz zu Rinchen hatte Luca braunes Haar und feine Gesichtszüge. Nur die Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen und die Sommersprossen auf der Nase erinnerten daran, dass sie Geschwister waren. Beides hatten sie von der Mutter geerbt. Ihre Väter kannten sie nicht. Jeder Zunftbruder in der Stadt könnte es sein.

Kurze Zeit später liefen Luca und Rinchen über den Schindanger vorbei an dem Judenbüchel mit den Galgen, an denen er gestern zwei Männer aufgeknüpft hatte. Da Meister Hens viel zu tief in den Becher geschaut hatte, war er gerufen worden, um den Henker zu vertreten. Über den Acker hallte das Geschrei der Krähen, die sich um die Augen der Gehenkten zankten. Rinchen suchte Lucas Hand und hielt sie fest. Schweigend näherten sie sich der Mauer und traten durch die Severinstorburg in die Lebendigkeit der Stadt.

In der Gasse, die zum Neuenmarkt führte, kamen Rinchen und Luca nur schwer voran, denn eine Magd trieb eine Horde Gänse vor sich her. Es bereitete der Frau sichtlich Mühe, die Vögel mit der Rute beisammen zu halten. Als dann auch noch ein Hund um die Ecke schoss, stob der Schwarm schnatternd auf. Die Gänse flatterten umher, doch eine bekam der Hund zu packen, biss ihr in den Hals und trug sie davon. Es war einer der Hunde, die Luca heute entwischt waren. Als er daran dachte, musste er grinsen. Die Magd jedoch fluchte wie ein Fuhrmann und versuchte die Gänse wieder zusammen zu treiben. Luca und Rinchen nutzten den Augenblick, um an ihr vorbeizulaufen. Bald schon erreichten sie den Goldenen Krug und Luca stieß durstig die Tür auf.

Zu seiner Erleichterung herrschte im Wirtshaus wenig Betrieb. Nur drei Herren aus der Zunft der Zimmerleute saßen an dem Tisch neben dem Tresen und vertrieben sich die Zeit mit einem Würfelspiel. Luca schritt zur hintersten Ecke unter dem Dachgiebel und setzte sich auf den dreibeinigen Hocker, der für den Henker oder seine Knechte dort stand. Aus den Augenwinkeln sah Luca, wie die Zimmermänner von ihrem Spiel ließen und ihn argwöhnisch beäugten. Rinchen schob einen Stuhl zu Luca und kletterte hinauf. Neugierig reckten die Männer die Hälse, dann begannen sie zu tuscheln, bis der Glatzköpfige unter ihnen auflachte und mit der flachen Hand auf den Tisch schlug. Luca sah zu dem Wirt, der hinter dem Tresen mit einem fleckigen Tuch die Krüge auswischte und bestellte Bier und Braten.

»He, Henkersknecht«, rief plötzlich einer der Männer am Tisch, »du darfst hier nur bleiben, wenn du die Zwergenfrau tanzen lässt.«

Die anderen begannen zu johlen und mit den Händen auf den Tisch zu trommeln. Und auch der Wirt zeigte belustigt die schwarzen Zahnreihen.

Rinchen hatte wohl ebenfalls ihren Spaß, denn sie klatschte lachend in die Hände. Dann sah sie zu Luca. »Soll ich tanzen? Ja?«

Bevor Luca antworten konnte, rutschte Rinchen auch schon von ihrem Stuhl. Sie raffte die Röcke und wackelte breitbeinig auf die Männer zu. Dabei erinnerte ihr Gang an einen Bären, der auf den Jahrmärkten über glimmende Scheite geführt wurde.

Luca ließ sie gewähren. Solange Rinchen ihr Vergnügen dabei hatte, fand er nichts Verwerfliches daran. Die Männer trommelten weiter mit flachen Händen im Gleichklang auf der Tischplatte und pfiffen durch die Zähne. Rinchen drehte sich im Kreis. Immer schneller und schneller trippelten ihre Füße und wirbelten das Stroh in der Gaststube auf. Kurz darauf wurde es ihr wohl schwindelig, denn sie torkelte und fiel wie ein Sack Mehl zu Boden. Dabei rutschten ihr die Röcke hoch und ihr Hintern blitzte hervor. Die Hälse der Männer wurden länger. Luca sprang von dem Hocker, um ihr rasch die Blöße zu bedecken. Dann half er Rinchen auf die Beine und führte sie wortlos zu dem Tisch unter dem Giebel. In seinem Rücken hörte er das enttäuschte Grunzen der Männer.

»Das Schauspiel ist beendet!«, rief er ihnen über die Schulter zu und setzte sich auf den Hocker.

Rinchen schüttelte sich kurz und klomm ebenfalls auf den Stuhl. »Hab mir wehgetan.« Sie schob den Ärmel ihres Leibchens hoch und zeigte Luca den Ellbogen.

Kurz blies Luca auf den roten Fleck und zog den Ärmel wieder zurück. »Das wird vergehen.« Er sah zu den Männern, die immer noch zu Rinchen hinüber starrten.

Der Glatzköpfige wischte sich mit dem Handrücken den Geifer vom Kinn. »He, Schinder. Wir wollen die Zwergenfrau noch einmal tanzen sehen.«

Luca beachtete ihn nicht und sah nach dem Wirt. Doch anstatt den Braten und das Bier zu bringen, stand dieser vor dem Tresen und grinste wie ein Geisteskranker.

Luca nickte ihm auffordernd zu. »Was ist mit dem Braten, Köbes? Wenn du weiterhin dort stehst, wächst dir noch das Efeu um die Beine.«

Aus dem Gesicht des Wirtes schwand das Lächeln. »Du hast doch gehört, was der Zunftbruder gesagt hat. Los, lass die Zwergenfrau wieder tanzen!«

Rinchen gab ein Schnauben von sich und verschränkte die kurzen Arme vor der Brust. »Will aber nicht mehr. Hab mir doch wehgetan.«

In Lucas Herz keimte der Unmut. Außerdem knurrte sein Magen. »Köbes, du siehst doch, sie hat keine Lust mehr.«

Der Wirt sah zu den Zunftbrüdern. »Hat jemand von euch etwas dagegen, wenn der Henkersknecht in meiner Stube sitzt?«

»Nun ja, jetzt wo die Zwergenfrau nicht mehr tanzt, will ich ihn nicht hier haben«, murrte der Glatzköpfige.

Luca wusste, nun musste er auf der Stelle das Wirtshaus verlassen, ansonsten drohte ihm die Verbannung aus der Stadt. Also erhob er sich und zog Rinchen am Arm von ihrem Stuhl. Als er dann an dem Tisch der Zunftbrüder vorbeiging, schlug er einen Haken in deren Richtung und streckte seine linke Hand aus. Aus den Gesichtern der Männer wich jegliche Farbe. Dem Glatzköpfigen fiel vor Schreck der Krug aus der Hand.

Luca berührte die Männer nicht, doch wenn er es getan hätte, wären sie nun genau wie er geächtet. Allein der Gedanke daran verschaffte ihm Genugtuung.

Auf dem Weg zu dem Hurenhaus in der Schwalbengasse schwieg Luca, und auch Rinchen sagte nichts. Zu seiner Verwunderung hatte sie ein Gespür dafür, wenn ihm nicht der Sinn nach Reden stand. Luca hob den Blick, denn das Schlagen von Hufen war zu vernehmen.

»Sieh mal«, sagte Rinchen und zeigte auf den Mann samt Pferd, der ihnen entgegen ritt. »Der sieht aber fein aus.«

Luca erkannte ebenfalls, dass dieser Mann kein gewöhnlicher Bürger von Köln war, denn er trug lederne Stiefel und eine blaue Cotte mit einem Bärenfellkragen. Das Wappen auf seiner Brust zeigte blau-gelbe Federn über einem Ritterhelm. Luca sah dem Edelmann fest in die eisgrauen Augen. Seine Wimpern waren ebenso von rotblonder Farbe wie sein Haar, das jedoch an den Schläfen schon ziemlich ergraute. Der Mann zügelte sein Ross und beugte sich zu ihm hinab. »Sag, Bursche, wo finde ich das Haus des Gerhard Overstolz?«

Mit knappen Worten erklärte Luca ihm den Weg zum Haus des Patriziers. Nachdem der Ritter auf seinem Rappen davon geritten war, kniff Luca die Augen zusammen. Was dieser Mann wohl von Overstolz wollte?

Rinchen zupfte ihn am Hemdsärmel. »Wer war das?«

»Was weiß ich? Aber komm, Mutter besuchen wir später.«

Kurz darauf schlichen sie am Dom vorbei, bis Luca das Haus des Gerhard Overstolz fest im Auge hatte. Luca entdeckte den Rappen des Edelmannes, der an den Pferdetrog vor dem Portal gebunden war.

»Was machen wir hier?«, fragte Rinchen.

»Wir warten auf den feinen Herrn.«

»Weshalb?«

»Das wirst du schon sehen. Aber nun sei still.« Luca blickte weiterhin gebannt auf das herrschaftliche Haus. Dann trat endlich der Edelmann auf die Straße und schritt in seinen Lederstiefeln zu dem Rappen. Er blickte grimmig. Luca erhob sich aus der Hocke und gab Rinchen einen Wink, damit sie ihm folgte. Der Edelmann wollte gerade auf sein Pferd steigen, da sprach Luca ihn einfach an.

»Sagt Herr, hattet Ihr den Gerhard Overstolz antreffen können? Oft ist er nämlich nicht in der Stadt.«

Der Edelmann kniff die Augen zusammen. »Bist du nicht ein wenig arg neugierig?« Sein Blick wanderte zu Rinchen, die er nun ausgiebig musterte.

Luca räusperte sich, um wieder die Aufmerksamkeit des Edelmannes auf sich zu ziehen. »Es wird gemunkelt, eine Schlacht stünde bevor. Wenn Ihr Talismane braucht, wendet Euch an mich. Mein Name ist Luca, der Schinder. Ich kann Euch einige abgeschlagene Hände besorgen, die Euch und Eure Männer beschützen werden.«

Der Edelmann verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen. Dann stieg er wortlos auf sein Pferd und ritt davon.

Rinchen legte die Hand auf ihren Bauch. »Hab Hunger.«

»Lass uns erst einmal die Mutter besuchen. Vielleicht bekommen wir ja bei ihr etwas zu essen.«

Als sie das Hurenhaus betraten, stieß Luca der vertraute Geruch von Schweiß, Urin und Bratenfleisch entgegen. Aus der Schankstube im Untergeschoss drangen Flötenklänge, die gegen das schrille Gelächter der Huren ankämpften. Luca warf einen kurzen Blick durch den Spalt der Tür. Die dicke Trin saß bei einem Freier auf dem Schoß und bedeckte seinen Hals mit Küssen. Ihre prallen Brüste hatte sie bereits aus dem Mieder befreit, so dass diese schwer auf ihrem Bauch lagen. An einem anderen Tisch saß Judith in der Mitte von zwei jungen Kerlen, die nicht viel älter als Luca waren. Den Rock gehoben und die Beine gespreizt, gewährte die Rothaarige den Männern einen Blick auf ihre Leibesmitte. Als sie Luca in der Tür stehen sah, zwinkerte sie ihm zu und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Luca blickte zu Boden. Als Kind hatte er nie in die Schankstube gedurft, wenn Herren zu Besuch gewesen waren. Und nachdem seine Stimme tiefer geworden war, hatte Mutter ihn rasch zu Meister Hens in die Lehre geschickt. Kurze Zeit später hatte Judith ihn dann auf dem Schindanger aufgesucht und ihm gezeigt, wie er das Blut einer Frau in Wallung bringen konnte. Der Gedanke daran bereitete Luca immer noch Unbehagen.

Er schloss die Tür und wandte sich zu Rinchen, die verloren an der Stiege zum Obergeschoss stand. »Ist Mutter da drin?«, fragte sie fast flüsternd.

»Nein, sie wird wohl oben in ihrer Kammer sein. Komm, lass uns nachsehen.« Inständig hoffte Luca, sie würde alleine sein.

Auf dem oberen Flur herrschte Stille. Doch als Luca und Rinchen sich Mutters Kammer näherten, war ein leises Weinen zu hören. Rasch stieß Luca die Tür auf.

Mit entblößtem Leib stand die Mutter vor der Waschschüssel und rieb sich mit einem Lappen ab. Ihre rechte Gesichtshälfte schillerte violett im einfallenden Sonnenlicht. Als sie Luca und Rinchen in der Tür stehen sah, griff sie nach ihrem Kleid und zog es sich schnell über. Doch so sehr sie sich auch beeilte, ihre Blöße zu bedecken, entging Luca nicht, dass auch ihr Leib rot von Hieben war. Augenblicklich ließ die Wut ihn zittern.

»Wer hat das getan?«, schrie er in die Kammer.

Rinchen warf sich auf den Strohsack, der als Lager diente und weinte.

Mit dem Handrücken wischte sich die Mutter die Tränen aus dem geschundenen Gesicht. »Es ist nichts, Junge. Es kommt immer vor, dass ein Freier die Beherrschung verliert.« Ihre grünen Augen wirkten müde. Clara setzte sich zu Rinchen auf den Strohsack und strich dem Narrenmädchen über das Haar. Auch ihre Hand zitterte. »Seine Manneskraft hat ihn im Stich gelassen, weil ich ihm zu welk war, wie er behauptete.«

Luca knetete die Faust. »Wie sah er aus?«

»Lass gut sein, Junge.« Mutter griff nach ihrem Zopf und öffnete die Flechte. Einst war ihr Haar goldbraun gewesen, doch nun durchzogen silbrige Fäden die Locken. »Ich bin nicht zimperlich.«

»Keinen Tag länger bleibst du in diesem Haus. Du kommst sofort mit mir.«

Clara schüttelte den Kopf. »Nein, ich bleibe hier bei Judith und Trin. Sie brauchen mich.«

»Du hättest sie gebraucht, als der Kerl dich zusammengeschlagen hat!« Lucas Stimme schwankte, so sehr zitterte er nun. Wenn er Mutter in seine Hütte gebracht hatte, würde er jede einzelne Gasse nach diesem Bastard absuchen. »Und außerdem, warum lässt der Hurenwirt das zu? Hat der dich nicht schreien gehört?«

»Der Freier war halt ein Edelmann. Da sieht der Eberhard schon mal gerne aus dem Fenster, wenn geschlagen wird.« Seine Mutter schritt auf ihn zu und legte ihm eine goldene Kette in die Hand. »Nimm sie an dich. Ich schätze, sie ist wertvoll.«

Luca betrachtete den Anhänger, der aussah, wie ein in Gold gefasster Dorn. »Wo hast du das her und was ist das?«

»Der Freier hat es wohl in meiner Kammer verloren. Nimm es und mach es irgendwie zu Geld. So zahlt er wenigstens sein Tribut.«

Luca band sich die Kette um den Hals und verstaute den Anhänger unter seinem Hemd. »Du sagtest, der Freier sei ein Edelmann gewesen?«

»Ja, aber der ist bestimmt längst aus Köln verschwunden. Der kam nämlich nicht von hier.«

»Woher willst du das wissen?«, harkte Luca nach.

Clara beschrieb genau den Mann, dem Luca den Weg zum Haus des Patriziers gezeigt hatte. Sein Rücken versteifte sich und das Zittern erstarrte zu kalter Wut. Er raste die Stiege hinab und stieß die Tür zum Schankraum auf.

Eberhard füllte gerade einen Krug mit Bier und knallte ihn auf den Tresen. »Bring das deinem Freier!«, schrie er Trin zu.

Diese verdrehte die Augen und löste sich aus der Umarmung. Als sie an Luca vorbei auf den Tresen zuschritt, schenkte sie ihm ein Lächeln.

»Geht es dir gut, Kleiner?«

Luca sah auf sie hinab. Für Trin blieb er wohl immer ein Knabe. »Meine Mutter ist zusammengeschlagen worden.«

»Ja, das kommt in der letzten Zeit häufiger vor«, seufzte sie.

Luca blickte zu Eberhard. »Warum passt du nicht besser auf die Frauen auf?«

Der Wirt zuckte nur mit den Schultern. »Was bekomme ich hier unten denn schon mit?«

Trin fasste nach dem Krug auf dem Tresen. »Tu doch nicht so scheinheilig. Deine Ohren verschließt du, wenn du uns schreien hörst.«

Luca ballte die Faust und hielt sie Eberhard unter die Nase. »Gleich morgen früh werde ich Meister Hens bitten, einen neuen Wirt zu suchen. Und wage es ja nicht, diesen Freier von heute noch einmal ins Haus zu lassen.«

Eberhard trat einen Schritt zurück. »Und du wagst es besser nicht, mich anzufassen, du elender Schinder.«

Luca verengte die Augen. Augenblicklich donnerte seine Faust auf den Tresen. Die schmutzigen Krüge klirrten aneinander. »Ich hab dich gewarnt.« Er wandte sich ab und verließ den Schankraum. Vor der Tür kauerte Rinchen und weinte bitterlich. Luca zog sie auf die Beine und nahm sie in den Arm.

3.Kapitel

Mittlerweile brach die Dunkelheit über den Acker herein. Griet hatte sich immer noch kein Stück vorwärts bewegt. Wie eine Statue verharrte sie hinter dem Schutt der Hütte und würdigte Yda keines Blickes. Mit Engelszungen hatte Yda auf sie eingeredet, doch langsam riss ihr der Geduldsfaden. Sie ließ die Schwester stehen und setzte sich neben den Bader ans Feuer. »Lass uns aufbrechen und uns im Schutz der Bäume ein Nachtlager aufschlagen.«

Quirin sah sie erstaunt an. »Willst du deine Schwester etwa zurücklassen? Was soll ich denn mit dir ganz alleine anfangen?«

»Griet wird uns schnell folgen, glaube mir.« Yda wusste, die Angst der Schwester wog mehr als ihre Sturheit.

Nach einigen Schritten musste sie jedoch feststellen, wie sehr sie sich geirrt hatte. Griet blieb zurück, als hätte sie Wurzeln geschlagen. Yda wandte sich um und sah von der Schwester nur noch ein kleiner Schatten in der Dämmerung, der sich nicht regte. Yda blieb stehen und seufzte schwer.

Neben ihr hob Quirin die Augenbrauen. »Und nun?«

»Glaubst du, ich lasse sie alleine zurück?«, giftete Yda.

»Das wollte ich von Anfang an nicht. Wahrscheinlich trennen sich hier unsere Wege.« Mit Bedauern im Blick sah Quirin zu der Ziege.

»Vielleicht ja auch nicht. Warte hier.« Yda lief zurück zu der Schwester.

Dicke Tränen rollten über Griets Wangen. Die bebenden Lippen fest aufeinander gepresst, sah sie an Yda vorbei.

»Herrgott nochmal, was willst du denn hier alleine zurückbleiben?«, schimpfte Yda und kämpfte dabei selbst mit den Tränen.

Griets finsterer Blick traf sie wie ein Steinschlag. »Und was willst du durch die Lande ziehen wie eine Fahrende?«

Schwer stieß Yda den Atem aus. »Na, und? Was ist daran so verwerflich? Unsere Mutter war ebenfalls eine Fahrende. Hast du das schon vergessen?«

»Nein, hab ich nicht. Und ich will nicht …« Griet biss sich auf die Unterlippe.

Mit zusammengekniffenen Augen sah Yda sie an. »Was willst du nicht? So enden wie sie?«

»Nein, das meine ich nicht«, schrie Griet ihr ins Gesicht. »Ich will nur nicht als Hure beschimpft werden.«

In Ydas Ohren rauschte es. »Glaubst du etwa den Lügen des Oheims?«

Statt zu antworten, schaute Griet auf ihre Füße.

»Unser Vater hat also gelogen. Denkst du das? Du weißt ganz genau, dass ihre Leute sie verstoßen haben, weil sie den Sippenältesten nicht heiraten wollte. Vater hat sie dem Tod nahe im Wald gefunden. Erinnerst du dich nicht, als er das erzählt hat?«

»Doch«, gab Griet nun klein bei, »aber sie könnte ihn doch belogen haben. Vielleicht war es ein Freier gewesen, der sie ausgepeitscht hat.«

Die Worte schnitten Yda ins Herz. »Nun ist aber langsam gut. Denkst du das wirklich von unserer Mutter? Warum lässt du sie nicht einfach nur ruhen? Und jetzt komm.« Unwirsch griff sie nach Griets Arm.

Die Schwester blieb jedoch weiterhin stur stehen. »Yda, ich habe Angst.«

»Denk nicht so viel darüber nach. Wir müssen einfach nur auf der Hut sein.«

Wenn auch noch zögernd, bewegte sich Griet endlich von der Stelle. »Wo sollen wir denn nun hin?«

»Erst einmal in den Wald, um uns im Schutz der Bäume ein Lager zu suchen.« Yda fasste nach der Hand der Schwester, damit diese einen Schritt zulegte.

In dem kleinen Buchenwald hinter dem Acker, teilte Quirin seine Decken mit ihnen. Ein Käuzchen schrie in die Dunkelheit und in Ydas Bauch grummelte erneut der Hunger. Als hätte Griet es gespürt, holte sie den Kanten Brot aus der Schürzentasche und teilte ihn in drei Stücke.

Yda schüttelte den Kopf, als Griet ihr eines davon anbot. »Ich hatte meine Ration schon, nun iss du deine.«

»Ich kann dich aber nicht zusehen lassen.« Griet legte Yda das Stück Brot in den Schoß.

»Du sollst aber wegen mir keinen Hunger leiden.« Den Hunger in ihrem Bauch scheltend, legte Yda das Stück Brot neben Griet und ließ sich unter der Decke nieder. Wenn sie schlief, würde das Gurgeln in ihrem Magen schon nachlassen.

Bertram von Plettenberg trieb sein Pferd zur Eile an. Die Zunge klebte ihm wie ein Heubüschel am Gaumen und er glaubte, an seinem Durst zu ersticken. Nicht einmal einen Becher verdünntes Bier hatte Overstolz ihm angeboten. In seinem Leben waren ihm schon viele Menschen begegnet, aber dieser Kölner Patrizier übertraf sie alle mit seiner Arroganz. Bertram ließ die Felder hinter sich und ritt auf die Mauern der Vogtei Worringen zu, die zwischen Neuss und Köln lag. In dem Wall eingebettet, thronte des Erzbischofs Zollfestung, die wie ein Dorn in die Augen der Kölner stach. Schon vor langer Zeit hatte Siegfried von Westerburg den Patriziern versprochen, den Wegzoll auf dem Rhein vor Köln abzuschaffen. Doch bisher waren es leere Worte gewesen.

Vor der Fallbrücke stieß Bertram einen Pfiff durch die Zähne und winkte mit der Flagge, die das Wappen seines Herrn zeigte – den goldenen Löwen vor einem sattblauen Hintergrund. Ketten rasselten, Eisen knirschte. Dann fiel die Brücke über den Wassergraben. Sein Rappe tänzelte kurz, bevor Bertram ihn über die Holzplanken lenkte. Als er auf dem Burghof zu den Ställen ritt, schob sich der Wachmann den Helm aus der Stirn und nickte ihm leicht zu. Bertram sprang aus dem Sattel und übergab dem Knecht sein Pferd. Dann ging er zum Brunnen, wo eine Magd sich über den Rand beugte. Ihr wohlgeformter Hintern verleitete ihn dazu, ihr einen Klaps darauf zu geben. Vor Schreck fiel der Magd der Eimer in den Brunnen. Ein Platschen war zu hören.

Die junge Frau wandte sich um, doch als sie in sein Gesicht blickte, legte sich rasch ein Lächeln auf ihre Lippen. »Müsst Ihr Euch so heranschleichen, Herr? Seht, nun ist der Eimer verloren.«

In diesem Augenblick fragte sich Bertram, warum er überhaupt das Hurenhaus in der Stadt aufgesucht hatte. Die alte Vettel, die für ihn die Schenkel breit machen sollte, war reinster Hohn gegen die Zahl der Münzen gewesen. Immer noch juckte ihm die Faust als er an ihre welken Brüste dachte.

Leider sah es der Burgherr nicht gerne, wenn die sich die Mägde im Stroh tollten. In seinem Amt als Erzbischof duldete Siegfried von Westerburg keine Unsittlichkeiten auf seiner Burg. Doch unbefriedigt wie er war, scherte sich Bertram in diesem Augenblick keinen Deut darum. Der Erzbischof hielt sich derweil in Brauweiler auf, und was er nicht wusste, dürfte ihn nicht verärgern.

Mittlerweile knabberte die Magd verlegen auf ihrer Unterlippe. Eine blonde Haarsträhne hatte sich aus ihrer Haube gelöst und fiel ihr vor das Auge.

Bertram strich sie ihr mit der Fingerspitze aus der Stirn. »Treff mich heute Nacht in den Ställen und ich mache dir den Verlust wieder wett.« Er zwinkerte ihr zu.

Die Wangen der Magd färbten sich tiefrot. Sie senkte den Blick und er wusste, das hübsche Ding würde kurz nach Einbruch der Dunkelheit im Stroh warten. Einigermaßen mit dem Tag versöhnt, schritt er zum Haupthaus der Burg. Als sich die Tür knarzend hinter ihm schloss, sah er eine Gestalt durch den Flur am Treppenabsatz geistern. Ihre Blicke trafen sich und sein Gegenüber schüttelte unwirsch den Kopf.

»Hat Euch Overstolz länger aufgehalten als nötig, oder habt Ihr die Zeit bei den Huren vergessen?«, blaffte Johann von Bilstein.

Bertram verdrehte die Augen. Der Marschall des Erzbischofes entwickelte sich langsam zur Plage. Höchste Zeit, dass dieser Posten wieder in den Besitz seiner Familie gelangte. Und niemand sonst wäre dazu fähiger als er selbst. Doch leider musste er bis zur Rückkehr des Erzbischofes noch einiges an Unrat fressen, den Bilstein ihm vorwarf.

Die Hände auf den Rücken verschränkt, trat Bilstein auf ihn zu. »Was ist denn nun? Hat Overstolz das Schreiben des Erzbischofes zur Kenntnis genommen? Was sagt er?«

Bertrams trockener Hals meldete sich. Mittlerweile glich seine Zunge einem toten Tier. Er blickte auf den Kelch, den der Marschall in den Händen hielt. Für einen einzigen Schluck von dem Wein wäre er bereit zu töten – erst recht diesen Wachhund. Kurz klopfte er auf seine Brust, dann stürmte er in den Rittersaal, wo die Mägde bereits die Reste des Abendmahls abtrugen. Einer von ihnen riss er einen halbgefüllten Krug aus der Hand und kippte den Wein in einem Zug die Kehle hinab.

Bilstein war ihm gefolgt und stellte sich nun breitbeinig vor ihn. Mit der spitzen Nase und den kleinen braunen Augen erinnerte sein Gesicht an eine Ratte. »Sagt mal, seid Ihr von Sinnen, mich einfach so stehen zu lassen? Ich will auf der Stelle wissen, was Overstolz zu dem Angebot gesagt hat.«

Bertram wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Vor die Füße hat er es mir geschmissen. Ein Vertrag mit dem Erzbischof sei nichts wert, wenn er nicht eingehalten würde. Zu oft hat Siegfried sein Wort gebrochen und weiterhin die Zölle hier vor Worringen eingefordert. Bei den Kölnern hat er endgültig ausgespielt. Auch den Kirchenbann fürchten die Patrizier nicht mehr. Sie wollen nur eins: eine freie Reichsstadt sein.«

»Verdammt!« Von Bilstein knetete seine Faust. »Also werden Sie mit den Brabantern gegen Siegfried reiten.«

»Wird wohl so sein.« Bertram nickte leicht mit dem Kopf. Tief im Inneren gönnte er von Bilstein die Niederlage.

»Dennoch, wir werden sie schlagen. Mit unseren Verbündeten sind wir ihnen weitaus überlegen.«

»Sollte es eine Schlacht geben, hat Johann von Brabant sie schon verloren. Das Erbe Limburg wird nimmer an ihn gehen.« Bertram sah aus dem Fenster. Mittlerweile war es vollkommen finster über dem Burghof geworden. Er dachte an die hübsche Magd, die in den Ställen auf ihn wartete. Hastig wünschte er Bilstein einen geruhsamen Schlaf und verließ den Saal. Als er in den Burghof trat, sah er einen Schatten in die Ställe huschen. Doch ehe ihm ein Grinsen entfuhr, bewegte sich eine zweite Gestalt auf das Tor zu. Ein Schrei durchbrach die nächtliche Stille. Bertram eilte in den Stall. Ein Wimmern war zu hören. Dann zeterte ein Weib.

»Mit wem wolltest du dich hier vergnügen, du verlottertes Miststück? Dir werde ich helfen.«

Auf leisen Sohlen schlich Bertram davon. Zurzeit war ihm wohl keine Erleichterung auf der Burg vergönnt, denn die Aufseherin des Gesindes wachte schärfer als ein Bluthund über die Mägde.

Hinter dem Fenster seiner Hütte graute allmählich der Morgen. In dieser Nacht hatte Luca kein Auge zubekommen, denn die Sorge um die Mutter nistete tief in seinem Herz. Rinchen wandte sich unruhig auf ihrem Lager. Am gestrigen Abend hatten ihre Tränen nicht versiegen wollen. Erst tief in der Nacht hatte sie sich in einen unruhigen Schlaf geweint.

Luca erhob sich von seiner Bettstatt. Gleich heute würde er Meister Hens von den Zuständen im Hurenhaus berichten. Er hoffte nur, der Henker würde so früh am Tag noch bei klarem Verstand sein. Leise erhob er sich von seinem Lager.

»Musst du schon deiner Arbeit nachgehen?« Rinchen strampelte sich aus den Fellen. »Warte, ich mache dir deinen Mehlbrei.«

»Bleib ruhig liegen. Ich hab noch keinen Hunger.« Luca zog sich das Hemd über den Kopf und schlüpfte in seine Stiefel.

»Kann ich nicht mitkommen?« Rasch sprang Rinchen von ihrem Lager, wobei ihre Locken wirr vom Kopf abstanden.

»Du weißt doch, dass ich dich nicht bei der Arbeit dabeihaben kann.« Luca dachte an Rinchens empfindliches Gemüt. Die Bilder einer Hinrichtung würden sie nächtelang verfolgen. Doch diesmal schob er die Ausrede vor, um sie nicht noch mehr zu ängstigen, was den Zustand im Hurenhaus anbelangte.

Schmollend setzte sich Rinchen zurück auf die Bettstatt. »Immer muss ich alleine hier bleiben.«

»So ist das eben. Außerdem hast du doch genug mit der Hausarbeit zu tun.«

Die Schwester löste die verschränkten Arme vor ihrer Brust und nickte. Dann lächelte sie. »Soll ich dir Blutwurst braten, wenn du nach Hause kommst?«

»Auf jeden Fall.« Luca drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und trat aus der Hütte.

Weißgrauer Nebel waberte über dem Schindanger. Obwohl Luca die Viehkadaver tief in der Erde vergraben hatte, war der süßliche Gestank der Verwesung allgegenwärtig. Zum Schutz vor der feuchten Kälte wickelte Luca seinen Umhang über die Schultern und zog seinen Karren hinter sich her. Abermals musste er an die Mutter denken. Die Sorge grub sich tief in seinen Bauch. Selbst, wenn er den Edelmann fand, der seine Mutter geprügelt hatte, würde der nächste seiner Art schon in der Tür stehen. Am Bayenturm begrüßte Luca den Wachmann und begab sich auf den Treidelpfad am Rhein. Ein Floss trieb über den Fluss, das eine Ladung Trachyt Gestein aus dem Siebengebirge brachte, das für den Bau der neuen Kathedrale gebraucht wurde. Knechte trieben die Gäule an, die Kähne mit Baumstämmen zogen. Luca hatte das Gefühl, die Stadt würde unaufhörlich wachsen, seit die Mauer erweitert wurde. Luca betrat ihr Herz hinter dem Gotteshaus Maria Lyskirchen.

In der Hühnergasse hinter dem Heumarkt trieben sich dunkle Gestalten zwischen den windschiefen Häusern herum. Einige von ihnen konnte kaum aufrecht gehen und waren wohl aus den Schenken vertrieben worden. Luca klopfte an die Tür von Meister Hens. Ein Schlurfen war zu hören, dann öffnete der Henker. Er hielt sich den Kopf und blinzelte in das Licht des frühen Morgen. Sein schulterlanges schwarzes Haar klebte ihm in dünnen Strähnen am Kopf.

»Was willst du denn schon hier?«, knurrte er, als er Luca vor sich stehen sah. Sein Atem stank nach saurem Wein.

»Ich muss mit dir reden. Die Frauen im Hurenhaus sind in Gefahr.«

»Warum das? Der Wirt hat doch ein Auge auf sie.«

»Das kneift er leider gerne zu, wenn ein wohlhabender Freier auf sie einprügelt. Gestern hat es meine Mutter erwischt.«

»Ich werde ihn zur Rede stellen.« Meister Hens schlurfte in die Wohnstube.

Luca folgte ihm. »Du solltest einen neuen Wirt suchen, der besser auf die Frauen aufpasst. Du allein hast Sorge dafür zu tragen.«

»Als wenn das so einfach wäre.« Meister Hens griff mit zitternder Hand nach einem Krug und schnüffelte daran. »Die Miete ist hoch und die Weiber sind alt. Aber ich werde mich umhören.« Er nahm einen tiefen Schluck und wischte sich den Mund an seinem Hemdsärmel ab.

Luca wusste genau, wie wenig er sich auf das Wort des Henkers verlassen konnte. Spätestens nach drei Krügen Wein würde er dieses Zusammentreffen vergessen haben. Wie so vieles in der letzten Zeit. Luca trat wieder auf die Straße, wo ihm ein aufgeregter Mann entgegen trat.

»Gut, dass ich dich antreffe. Mein Herr schickt mich, dich zu holen. Sein Hund liegt tot dar.«

Luca nickte und zog die Tür hinter sich zu. »Dann lass uns gehen.« Er griff nach seinem Karren und folgte dem Knecht.

Kurz darauf bog Luca gedankenverloren in die Straße Unter den sechzehn Häuser ein. Als ihm bewusst wurde, wo er sich befand, hob er den Blick. »Wer ist dein Herr?«, fragte er nun den Knecht.

»Gerhard Overstolz.«

Luca sah diese Begebenheit als Fügung Gottes an. Insgeheim hoffte er, den Patrizier zu Gesicht zu bekommen, um etwas über den Schläger seiner Mutter zu erfahren.

Das Haus des Overstolzen erstreckte sich über sechs Ebenen stufenförmig in den Himmel. Halbrunde Fenster, zum Teil mit buntem Glas verschlossen, reihten sich aneinander. Genau, wie in der Gasse, die zum Rhein führte, hatte das Patriziergeschlecht auch hier unweit des Doms seine prachtvollen Häuser gebaut. Luca stellte seinen Karren ab und folgte dem Knecht, der mit einem Schlüssel die schwere Tür aus Eichenholz aufschloss. Der Hund des Patriziers lag bereits in einer Wolldecke gehüllt neben dem Eingang.

»Ist dein Herr denn nicht daheim?« Luca sah sich in der Halle um. Durch die hohen Fenster fiel genug Licht ein, dass der Raum zu dieser Tageszeit keine Fackeln brauchte. An einer der Wände türmten sich Stoffballen. In der Mitte führte eine Stiege in das darüber liegende Geschoss.

»Doch, sicher. Aber wozu willst du das wissen?« Der Knecht band sich seine Geldkatze vom Gürtel. »Wenn es um deine Bezahlung geht, hat mein Herr mir genug Pfennige gegeben.«

Luca überlegte kurz, doch vielleicht konnte der Knecht ihm ja auch weiterhelfen. »Sag, Bursche. Gestern habe ich einem edlen Herrn den Weg zum Overstolzenhaus gezeigt. Kannst du mir sagen, wer das war?«

Der Knecht kratzte sich am Kinn, wo ihm ein Bart wie der einer Ziege wuchs. »Das war Bertram von Plettenberg. Soviel ich weiß, hat er dem Herrn ein Schreiben des Erzbischofes überbracht. Besonders willkommen war er jedoch nicht gewesen, denn er war schneller wieder draußen, als der Wind die Wolken bei Sturm bläst.«

Luca kniff die Augen zusammen. »Wo finde ich diesen Plettenberg?«

Der Knecht hob die Achseln und schnürte die Geldkatze auf. »Wenn ich das wüsste, wäre ich ein kluger Mann.«

Luca nahm die Münzen entgegen und zählte drei davon zurück in die schmutzige Hand des Knechtes. Dann hörte er schwere Schritte von Stiefeln und blickte die Stiege hinauf. In eine Cotte aus blauer Seide gekleidet, erschien Gerhard Overstolz am Treppenabsatz. Mit seiner schlanken Gestalt wirkte er wie ein Knabe. Nur die silbrigen Fäden in seinem braunen Haar, und der Bart verrieten sein reifes Alter. Dem Schritt nach zu urteilen, quälte ihn wohl bei jedem Gang ein Leiden.

»Bist du der Schinder?«, fragte Overstolz von oben hinab.

Luca nickte. »Ja, Herr. Der bin ich.«

Overstolz nahm nur wenige Stufen, dann hielt er in seinem Schritt inne, wohl um Luca nicht zu nahe zu treten. Kurz verzog er das Gesicht und bog den Rücken durch.

»Habt Ihr Schmerzen?«, fragte Luca frei heraus.

»Ach, nichts«, winkte Overstolz ab. »Es ist nur mein Allerwertester, der mich plagt.«

»Wenn Ihr wollt, braue ich Euch eine Tinktur.«

Overstolz lachte auf. »Lass mal lieber. Der Medicus wird sich schon kümmern, dass ich ohne Schmerzen wieder im Sattel sitzen kann.«

»Ja, das wird er wohl.« Luca bückte sich nach dem Hundekadaver und hob ihn auf seine Schulter. Dann verließ er mit einem Wort des Abschieds das Haus. Bis zur Severinstorburg fand er noch drei verendete Schweine, die er ebenfalls mitnahm. Nachdem er die Kadaver auf dem Schindanger verscharrt, und sich später in den kalten Fluten des Rheins gewaschen hatte, begab er sich zu seiner Hütte.

An seinem Tisch saß ein ausgemergelter Mann, der einen Becher entgegen nahm, den Rinchen ihm reichte.

Luca trat näher. »Du sollst doch niemanden in die Hütte lassen, wenn ich nicht da bin.«

Rinchen biss sich auf die Unterlippe und senkte den Blick. »Aber Bruder Benedikt hat ihn gebracht. Sehr krank ist er. Schau nur.«

Rinchen zeigte auf den schwarzen Stumpen des Mannes, der einst seine Hand gewesen war. Außer der Nase, die ebenfalls bereits brandig schien, überzog den Mann eine Blässe wie kalte Asche. Die Augen wässrig und rotgerändert starrte er fiebrig vor sich hin.

»Und das soll ich dir geben.« Rinchen reichte Luca einen Schwamm und einen Tiegel mit einer Flüssigkeit. »Atmen soll er das, wenn du ihm die Hand abhackst, hat Bruder Benedikt gesagt.«

Plötzlich riss der Mann die Augen auf. Der Becher in seiner Hand fiel zu Boden. »Da seht! Der Karren der vorbei fährt! Seht, die schönen Frauen auf ihm.« Ein irres Lächeln legte sich auf seine Lippen. Er hob den Arm mit dem schwarzen Stumpen und winkte seiner Wahnvorstellung zu. Dann fiel er wie ein gefällter Baum um und blieb regungslos liegen.