Die Liebe einer Königin - Lina-Sophia Clement - E-Book

Die Liebe einer Königin E-Book

Lina-Sophia Clement

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Beschreibung

Sechs spannende Kurzromane, die im Mittelalter spielen und von Liebe, Sehnsucht, Macht und Intrigen erzählen. Ursulina soll einen Ritter heiraten, der stinkt wie ein Eber und aussieht wie ein Bär. Die Magd Grethlin wird verdächtigt, einen Ring gestohlen zu haben - sie landet im Kerker. Die Tochter eines Grafen verliebt sich in einen einfachen Bogenschützen, die Zwillingsschwestern Katharina und Jorinde in den Bräutigam der jeweils anderen. Cipriana verliert beinahe ihr Leben, als die Rialtobrücke in Venedig einstürzt, Königin Caterina von Zypern wird gezwungen abzudanken und Maria di Giovanni de Medici muss um das Leben ihres Gatten und ihres kleinen Sohnes bangen. Doch mit Klugheit, List und Beharrlichkeit finden diese mutigen und tapferen Frauen immer wieder einen Weg, ihr scheinbar besiegeltes Schicksal zum Guten zu wenden.

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EPUB

Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Lina-Sophia Clement

Die Liebe einer Königin

Sechs historische Kurzromane,

die im Mittelalter spielen

Impressum:

Die Liebe einer Königin

Lina-Sophia Clement

Copyright © 2018 by arp

Herausgeber by arp, Ledererstraße 12, 83224 Grassau, Deutschland

Ausgabe April 2018

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt und darf auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Herausgebers wiedergegeben werden.

Covergestaltung by arp

Besuchen Sie uns im Internet:

http://www.by-arp.de

Inhaltsverzeichnis:

Ursulinas Flucht

Man schreibt das Jahr 1149 - Johann von Donnerstein kehrt in Begleitung eines Ritters, der ihm das Leben gerettet hat, auf seine Burg zurück und eröffnet seiner noch jungen Tochter, dass sie diesen Mann heiraten wird. Ursulina ist entsetzt, denn er stinkt wie ein Eber und sieht aus wie ein Bär! „Niemals!“, schwört sie und plant ihre Flucht.

Der Hausrabe

Dezember anno 1350 - Burgherr Ulrich von Trattnigg hält einen Hausraben, den sein Jäger Thilo hegt. Die Magd Grethlin und Thilo sind heimlich ein Paar. Als plötzlich ein wertvoller Edelsteinring aus dem Schlafzimmer Trattniggs verschwindet, gerät Ketherlin unter Verdacht, ihn gestohlen zu haben.

Elisabeths heimliche Liebe

Ende des 14. Jahrhunderts - Elisabeth von Staden verliebt sich Hals über Kopf in einen jungen Bogenschützen. Heimlich trifft sie sich mit ihm, missachtet dabei alle Schranken, die ihre Herkunft ihr setzt. Doch das Glück währt nicht lange, denn ihr Vater will sie an Randolph, den Sohn Georg des Starken von Bayern, verheiraten.

Gold für Jorinde, rot für Katharina

Burgherr Markwin von Tannwald will seine Zwillingstöchter Jorinde und Katharina mit den Brüdern Ludwin und Wolfram zu Utzenstein verheiraten. Einige Tage vor der Hochzeit erscheinen die Bräutigame auf der Burg. Ein Blick genügt, und die jungen Leute, die sich bislang nicht kannten, haben sich verliebt! Doch als der Vater verkündet, dass Jorinde Ludwin versprochen ist und Katharina Wolfram, bricht die Welt zusammen – gerade falsch herum!

Gondel der Liebe

Anno 1444 wird in Venedig eine Fürstenhochzeit vorbereitet. Cipriana näht mit anderen Frauen am Kleid der Dogaressa. Als ihre Mutter erfährt, dass sie sich bei dieser Gelegenheit heimlich mit dem Gondoliere Antonio trifft, will sie Cipriana mit einem anderen verheiraten. Der Tag der Hochzeit naht. Noch ahnt niemand, dass ein schreckliches Unglück geschehen wird.

(Frei nach einer wahren Begebenheit)

Die Liebe einer Königin

1489 - Königin Caterina von Zypern verbringt eine Nacht mit ihrem Liebsten und wähnt sich glücklich. Sie ahnt nicht, dass in der Bucht vor ihrem Palast die Kriegsflotte Venedigs ankert. Die Serenissima wird sie zwingen, abzudanken, und die Verliebten werden getrennt.

(Frei nach einer wahren Begebenheit)

Dann pflückte man Blumen, wo jetzt Schnee liegt

Florenz anno 1522 – Maria di Giovanni de Medici muss um das Leben ihres Gatten bangen, denn als Heerführer des Papstes zieht er immer wieder in den Krieg. Bald hegt sie den Verdacht, Clemens VII. schickt ihn aufs Schlachtfeld, um ihn in den Tod zu treiben und so den Weg für seinen illegitimen Sohn Alessandro frei zu machen. Verzweifelt versucht sie, Mann und Sohn vor den Intrigen des Papstes zu schützen.

(Frei nach einer wahren Begebenheit).

Ursulinas Flucht

Ursulina kroch aus dem Dickicht des Waldes bis ans Ufer der Ache. Dort sackte sie zusammen und blieb bäuchlings liegen. Mit dem Ohr auf der Erde lauschte sie auf Hufgetrappel oder Schritte. Doch alles was sie hören konnte, war das angstvolle Pochen ihres Herzens.

Sie drehte sich auf den Rücken und starrte ins Dunkel der Nacht. Über ihr der Schatten des Donnerfelsens, darauf die Burg, die ihr Zuhause war. Ein mächtiger schwarzer Klotz vor einem mondhellen Himmel.

Nach einer Weile setzte sie sich auf, schob ihren Rock hoch, und starrte auf die Wunde. Sie hatte sich an Dornen verletzt. Ein warmes Rinnsal von Blut rann von ihrer Wade über den Knöchel in den Schuh. Schließlich tastete sie nach dem Stein, den sie an einem Lederriemen um den Hals trug. Erleichtert stellte sie fest, dass er bei all der Kletterei durch dichtes Gestrüpp nicht verloren gegangen war. Sie küsste ihn und murmelte ein Gebet: „Liebe Mutter, hab Acht auf mich, und wenn du kannst, hilf mir in meiner Not!“

Plötzlich hörte sie das knacken von Ästen. Ihr Herz machte einen Satz. Also doch! Man hatte ihre Flucht entdeckt und war ihr bereits auf den Fersen! Sie griff hinter sich, bewaffnete sich mit einem dicken Stock, war bereit zuzuschlagen, als aus dem Dickicht eine zierliche Frauengestalt trat. Sie schrie auf, als Ursulina plötzlich hochsprang und ihr mit dem Stock drohte.

„Heilige Maria - wer bist du denn?“, fragte sie mit einem Griff an ihr pochendes Herz.

„Und du?“, antwortete Ursulina mit einer Gegenfrage.

„Die Anna bin ich und sammle Kräuter.“

„Jetzt, mitten in der Nacht?“ Ursulina ließ langsam die Hand mit dem Prügel sinken.

„Hm“, erwiderte die andere, „von Kräutern scheinst du jedenfalls nichts zu verstehen. Manche sammelt man nachts bei Vollmond, andere an Neumond in der Morgendämmerung, und wieder andere nur zu bestimmten Tagen im Jahr. Aber du schleichst zu solcher Stunde bestimmt nicht hier herum, um dich von mir in die Kräuterkunde einweisen zu lassen.“

„Nein, sicher nicht!“ Ursulina ging ein paar Schritte und setzte sich auf einen Baumstumpf.

„Was humpelst du, hast du dich verletz?“, fragte Anna. „Zeig her, besser ich sehe es mir einmal an.“

„Ach, lass, es ist nur ein Kratzer an der Wade, so schlimm wird es schon nicht sein“, wehrte Ursulina ab.

„Weiß man's? Zuerst war's nur ein kleiner Kratzer, doch am Ende fault dir das Bein ab.“ Anna stellte ihren Korb nieder und beugte sich hinunter, um die Wundränder zu betasten. „Damit musst du vorsichtig sein. Kommt Dreck hinein, gibt es den Wolf, Krebs oder eine Blutvergiftung!“ Sie richtete sich wieder auf. „Warte hier, ich kümmere mich darum.“

Sie verschwand im Dickicht, und Ursulina setzte sich ans Ufer. Es war flach und von großen runden Flusskieseln bedeckt. Dort, wo das Wasser über die Steine schwappte, glänzten sie im Mondlicht. Leise, gurgelnde Geräusche waren zu hören, sonst war es still.

Auf der anderen Uferseite lag ein Stück freies Land, dahinter ein Wald, und hinter dem Wald ein Dorf, bestehend aus etwa zwanzig Häusern und einer kleinen Kirche. Doch das wusste sie nur vom Hörensagen, denn so weit war Ursulina nie gekommen.

Ein Kauz rief, ein anderer Nachtvogel krächzte.

Wieder griff Ursulina nach dem Stein, der an ihrem Hals hing, umfasste ihn mit den Fingern und spürte, wie er sich langsam erwärmte. Er sah aus wie ein Auge, und für Ursulina lebte der Geist ihrer verstorbenen Mutter darin fort.

Anna kam zurück, hielt ein Büschel Kräuter in der Hand. „Stell dich da drauf!“ Sie deutete auf einen stierkopfgroßen runden Kiesel, der ein paar Schritte entfernt aus dem Wasser ragte.

Ursulina blieb trotzig sitzen. Was bildete sich diese Anna überhaupt ein! Wer war sie schon, dass sie der Tochter des Burgherren Johann Ritter von Donnerstein Befehle gab! Aber dann fiel ihr ein, dass Anna ja gar nicht wusste, wen sie vor sich hatte, und dabei sollte es auch bleiben.

„Na, komm schon!“ Anna zog Ursulina hoch, stellte sie auf den Stein, schöpfte mit der hohlen Hand Wasser und goss es über der Verletzung aus.

Ursulina betrachtete währenddessen im fahlen Licht des Mondscheins Annas Gesicht. Die Bogen ihrer Augenbrauen waren flach und wuchsen bis weit zu den Schläfen hin, ihre Nase war lang und schmal und ihre Lippen voll. Ursulina fand sie hübsch, zumindest für eine Bauerndirn. Wie alt mochte sie wohl sein? Vielleicht fünfundzwanzig Jahre oder ein wenig mehr?

Ursulina war sechzehn, würde in drei Monaten siebzehn werden.

Anna richtete sich auf, griff nach den Kräutern, hielt sie eine Weile ins Wasser, legte sie dann auf Ursulinas Wunde und befahl: „Drück dagegen und setz dich wieder.“

„Ich will mich aber nicht setzen, ich muss weiter!“

„Im Dunkeln, ohne den Weg zu kennen?“, wundere sich Anna.

„Woher willst du wissen, dass ich ihn nicht kenne!“, fuhr Ursulina sie an.

„Ach, ich weiß es eben.“ Anna lachte und ließ sich dann doch zu einer Erklärung herab: „Ich habe dich hier noch nie gesehen. Wenn du aus dem Dorf stammtest, würde ich dich kennen. Also kommst du entweder von der Burg oder du bist vom Himmel gefallen.“

„Also bin ich vom Himmel gefallen“, murrte Ursulina. Sie setzte sich, drückte die Kräuter gegen die Wunde und schwieg.

Anna griff in ihren Korb, holte einen Kanten Brot heraus, teilte ihn in zwei Stücke und gab eines davon Ursulina. „Warum bist du denn weggelaufen?“

„Das bin ich doch gar nicht!“, empörte sich Ursulina.

„Bist du doch.“ Anna hockte sich neben sie. „Vielleicht kann ich dir helfen. Ich kenne mich jedenfalls aus im Umkreis von drei Wegstunden.“

Ursulina biss in ihr Brot und kaute bedächtig. Nach einer langen Weile sagte sie: „Im Frühjahr vorletzten Jahres schloss sich mein Vater mit seinen Mannen den Kreuzrittern an. Sie zogen ins Heilige Land. Ich war vierzehn Jahre alt, die Mutter längst tot. Außer ihm hatte ich niemanden. Er sagte: 'Warte, ich komme zurück!' Und zum Gesinde sagte er: 'Jeder Einzelne von euch bürgt mir mit seinem Leben für das Wohlergehen meiner Tochter und ihre Jungfernschaft!' Die Großmutter war auch noch da, aber sie war taub und fast blind, und wir wussten alle, dass sie bald sterben würde.“

Anna biss nun ebenfalls in ihr Brot, und Ursulina fuhr fort: „Zu Anfang war ich wütend auf meinen Vater. Er ließ mich alleine, und ich wusste nicht, ob er je wiederkommen würde und was, wenn er fortbliebe, aus mir werden sollte. Doch mit der Zeit gewöhnte ich mich an das Alleinsein. Das Gesinde war gut zu mir und sorgte für mich, nur die Burg durfte ich nicht verlassen.“

Ursulina hatte aufgegessen. Sie nahm nun einen Kiesel in die Hand, warf ihn mehrmals hoch und fing ihn wieder auf. „Ich hasse es, so eingesperrt zu werden! Einmal versuchte ich zu entwischen. Es gelang mir auch, doch ich kam nicht weit. Der Stallknecht und der Wachmann fassten mich, zerrten mich zurück und verprügelten mich, dass mir Hören und Sehen verging! Von da an ließen sie mich kaum mehr aus den Augen. Auf Schritt und Tritt folgte mir eine der Mägde.“

Ursulina schleuderte den Stein ins Wasser, nahm einen zweiten und warf ihn dem ersten hinterher. Anna sah ihr dabei zu, wartete geduldig ab, bis sie weitererzählte.

„Eines Tages belauschte ich Orban, einen alten Mönch, der bei uns lebt, wie er sich mit einem der Köche unterhielt. Sie erzählten sich Geschichten von früher, als sie von den Flößern Zölle eintrieben und von den Bauern belagert wurden. So erfuhr ich, dass es einen Geheimgang gibt, der vom Burgkeller zum Fluss hinunterführt. Von da an riss ich manchmal nachts aus. Doch weiter als bis an den Fluss wagte ich mich nie.“

Plötzlich verstummte Ursulina, als hätte ihr einer aufs Maul geschlagen. „Was ist?“, fragte Anna. „Warum redest du nicht weiter?“

„Ach, das alles geht dich doch eigentlich gar nichts an!“

Anna lachte leise. „Falls du glaubst, du hättest mir mit deinem Geheimgang ein Geheimnis verraten - ich kenne ihn! Sein Ausgang liegt dort drüben unter der Felsnase, drei Schritt rechts hinter einem mannshohen Brocken. Ein Holunderbusch wächst davor, so kann man ihn nicht sehen.“

Ursulina klappte den Mund auf und wieder zu. „Aber wenn du ihn kennst, dann ist es ja kein Geheimgang mehr!“

„Andererseits, ein Geheimgang, von dem niemand weiß, wäre doch vollkommen nutzlos!“

„Mag sein, aber du solltest ihn auf jeden Fall nicht kennen“, fauchte Ursulina.

Anna seufzte. Eine Weile schwiegen die beiden, dann stieß Anna Ursulina in die Seite. „Also, warum bist du abgehauen? Ich meine heute Nacht. Soweit ich weiß ist doch dein Vater vor drei Tagen zurückgekehrt? Das ganze Dorf spricht von nichts anderem! Bist du denn nicht froh darüber? Hat denn jetzt das eingesperrt sein nicht endlich ein Ende?“

Ursulina zog die Knie an und legte das Kinn darauf. „Nein“, murrte sie, „nein, ich bin nicht froh, im Gegenteil - ich hasse ihn! Zuerst habe ich mich ja gefreut, hatte ich vor zwei Jahren doch geglaubt, ich würde ihn nie wiedersehen! Aber dann ...“

„Dann?“, hakte Anna nach.

„Er ist nicht alleine gekommen. Er hat einen Ritter namens Roderich von Hochsteffenburg mitgebracht. Du solltest ihn mal sehen! Er hat einen Nacken wie ein Stier! Er hat Hände wie Kanonenkugeln, einen Bart, der länger ist als sein Haupthaar, und er stinkt wie ein Eber. Mein Vater hat ihm das Leben zu verdanken - und jetzt soll ich ihn zur Belohnung heiraten! Schon morgen soll Orban uns trauen, und dann muss ich mit ihm gehen, viele Tagesreisen weit weg, an einen Ort wo ich niemanden kenne!“

„Ach“, sagte Anna.

„Ach! Was heißt hier 'ach'!“ Ursulinas Augen füllten sich mit Tränen. „Ich hasse dieses stinkende Ungeheuer! Wie kann mein Vater nur ernsthaft glauben, ich würde mich unter ihn legen!“ Ursulina nahm wieder einen Kiesel auf und schleuderte ihn ins Wasser, diesmal mit so viel Wut und Kraft, dass es aufspritzte.

„Und da bist du weggelaufen wie ein störrisches Kind?“ Anna hob beide Augenbrauen. „Etwas Besseres ist dir nicht eingefallen?“

„Natürlich! Was hättest du denn getan?“

Es war nicht wirklich als Frage gemeint, trotzdem antwortete Anna. „Weiß nicht. Weggelaufen wäre ich jedenfalls nicht.“

„Ha!“ Ursulina lachte bitter. „Du hast ja keine Ahnung! Du hast ein schönes Leben in deinem Dorf, läufst frei herum, streunst alleine durch Wald und Wiesen, gehst nachts Kräuter sammeln und wirst nicht verheiratet, mit einem dahergelaufenen Ritter, den du gar nicht kennst, und der dich in seiner Burg einsperren wird, die irgendwo in fernen Landen liegt! Und der überdies aussieht wie ein Ungeheuer.“

Jetzt war Anne es, die auflachte. „Ein schönes Leben? Glaubst du das wirklich? Warst du je in unserem Dorf? Hast dich umgesehen, dich gekümmert, wie es uns, wie es den einfachen Leuten geht? Zu wenig haben wir zum Leben und zu viel zum Sterben! Die Abgabenlast an deinen Vater und an die Kirche erdrückt uns! Von uns reitet keiner im edlen Harnisch auf wackeren Rössern dem Morgenland entgegen, um für Kaiser und Kirche Ruhm und Ehre zu erlangen, während das edle Fräulein zu Hause nicht mehr zu tun hat, als zu warten und ein wenig zu folgen. Uns haben euresgleichen alles genommen, damit sie für Gott und den Kaiser in den Krieg ziehen können! Wir haben nicht einmal mehr einen Ochsen, um ihn vor den Pflug zu spannen; den ziehen die Frauen auf nackten Füßen durch schlammigen Boden, der halb gefroren ist! Dabei stoßen sie sich die Zehen blutig, und am Leib tragen sie nichts als einen löchrigen Mantel, und ein Kleid darunter, das in Fetzen hängt. Und vielleicht noch ein dünnes Tuch auf dem Kopf, das ein wenig vor Wind und Wetter schützt.“

Anna warf beide Hände hoch.

„Und der Mann hinterdrein geht“, fuhr sie fort, „der schiebt den Pflug und kratzt die Steine aus dem Boden. Seine Hosen bedecken kaum die dünnen Beine, der Mantel ist durchnässt und alles über und über von Schlamm bedeckt! Und am Ende der Furche sitzen die Kinder und können an nichts anderes denken, als an den Hunger, der sie quält. Der Jüngste brüllt, das Mädchen muss ihn beruhigen und hat doch selbst nichts zu essen. Und der Vater schreit vor Wut und die Mutter vor Schmerzen. Und wenn einer käme und würde zu dem Mädchen sagen: mag ich aussehen wie ein Bär, mag ich Fäuste haben wie Kanonenkugeln und stinken wie ein Eber, ich nehme dich mit und geb' dir ein Dach über dem Kopf, ein Feuer im Kamin und eine warme Suppe jeden Tag - sie würde sich gerne und dankbar unter ihn legen, nur um dem Elend ein Ende zu bereiten!“ Anna lachte auf. „Weiß Gott, von einem Leben in Freiheit ist bei Leuten wie uns nicht zu reden.“

„Das glaube ich nicht!“, zischte Ursulina.

„Was - dass sie es gerne täte?“

„Nichts von alle dem, was du erzählt hast, glaube ich! Du willst mir nur Angst machen!“

Anna zuckte die Schultern. „Na, du wirst es ja bald am eigenen Leibe erfahren. Du wirst sehen, wie es ist, wenn du bettelnd durchs Land ziehst und sie dich fortjagen, weil sie selbst nichts zu essen haben. Du wirst sehen, wie es ist, wenn der Hunger so sehr schmerzt, dass du brüllen möchtest. Und wie es sich anfühlt, wenn sich die Kerle an dir vergehen, und dich ihre Weiber dafür auch noch windelweich prügeln.“

„Windelweich prügeln, das kannst du von mir haben, wenn du nicht endlich still bist!“ Ursulina wollte aufspringen, doch Anna hielt sie am Arm fest und starrte sie aus dünnen Augenschlitzen an. Ihre Stimme klang ruhig und fest als sie sagte: „Vor dir habe ich keine Angst. Aber nimm du dich in Acht vor mir!“

Erst, als Ursulina sich wieder gesetzt hatte, wurde Annas Griff lockerer.

„Und?“, fragte Ursulina in spitzem Tonfall. „Was würdest dann du an meiner Stelle tun, Frau Siebenmalgescheit?“

„Wenn ich du wäre, ich würde den Bären zähmen. Schenke ihm das Gefühl, geliebt zu sein, und er wird dich auf seinen großen Händen tragen.“

„Nie und nimmer!“, schrie Ursulina. Ein Jammerlaut brach unvermittelt aus ihr heraus. Sie verbarg ihr Gesicht in den Armbeugen und schluchzte, dass ihr Körper bebte.

Anna legte eine Hand auf ihren Kopf. „Würde deine Mutter noch leben, sie würde dir dasselbe raten. Du ahnst nicht, welche Macht du haben kannst, wenn du einen Mann im Herzen rührst.“

„Ich will keine Macht!“, behauptete Ursulina.

„O doch, die willst du, sonst wärest du nicht fortgelaufen.“

Ursulina hatte nun wieder Tränen in den Augen. „Das verstehe ich nicht.“

„Musst du auch nicht. Aber ich meine mit Macht auch gar nicht das, was dein Vater unter Macht verstehen mag. Ich spreche von der Möglichkeit, Dinge zu verändern. Etwas zu tun für die Frauen, die wie ein Ochse den Pflug ziehen müssen. Für die Kinder, die frieren und Hunger leiden. Für die Männer, die unter der Fronarbeit und Abgabenlast für ihren Lehns- oder Burgherren zusammenbrechen.“

„Was redest du denn da!“, fuhr Ursulina auf. „Als ob eine Frau Einfluss nehmen könnte! Auch eine Burgherrin hat sich ihrem Mann zu fügen! Er bestimmt, was sie zu tun und was zu lassen hat, und wird ganz sicher nicht auf ihren Rat hören!“

Anna lächelte still in sich hinein. „Es liegt ganz bei dir, ob er deinen Rat hören will oder nicht“, sagte sie. „Liebt er dich erst einmal und liebst auch du ihn ein ganz klein wenig, wird er gerne auf dich hören. Denn dann begreift er, dass du in dir trägst, was ihm selbst fehlt und wonach er sucht, seit er denken kann – die Sanftmut, die Zärtlichkeit einer Frau. Und bist du darüber hinaus klug und gibst ihm das Gefühl, dass alles, was er auf dein Betreiben hin beschlossen hat, nur seinem eigenen Wollen entsprang, wirst du mehr Einfluss auf ihn nehmen können, als alle seine Ratgeber zusammen. Denn nur du bist es, die nachts in seinem Bett liegt!“

Ursulinas Augen blitzen vor Empörung ob solch unanständiger Gedanken! Sie öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder, ohne etwas gesagt zu haben.

Nach einer langen Weile, in der beide geschwiegen hatten, griff sie nach dem Stein, der an ihrem Hals hing und drehte ihn versonnen zwischen ihren Fingern.

„Was ist das für ein Stein?“, fragte Anna.

„Ich habe ihn von meiner Mutter, sie hatte ihn von ihrer. Er beschützt mich.“

„Darf ich ihn ansehen?“, bat Anna.

Ursulina nickte, und Anna griff danach. „Er sieht aus wie ein Auge. Es ist ein schöner Stein, und ich kann seine Kraft spüren.“

Anna ließ ihn wieder los und sah Ursulina fest an. „Ich bin in einem Kloster aufgewachsen. Meine Mutter, weiß Gott, wie sie heißt und wer sie ist, hat mich den Nonnen vor die Tür gelegt. Ich habe es gehasst, so eingesperrt zu sein und niemals tun zu können, wonach der Sinn mir stand. Als ich den Schleier erhalten sollte, beschloss ich zu fliehen. Ich dachte, irgendeine gute Seele wird mir schon helfen. Ich werde arbeiten für ein Stück Brot, und irgendwie wird es weitergehen. Aber so einfach war das nicht, ich habe viel Schlimmes mitgemacht, bevor ich in dieses Dorf kam, wo ich endlich aufgenommen wurde und ein Zuhause fand.“ Sie legte Ursulina eine Hand auf den Arm. „Geh zurück, noch sucht dich keiner! Sei stark und aufrichtig und glaube an dich. Wenn du an dich glaubst und aufrichtig bist, wirst du viel Gutes tun können. Für uns Frauen. Für ihre Männer. Für alle.“

Langsam, und mit einem tiefen Seufzen auf den Lippen, erhob sich Ursulina. Sie drehte sich gen Osten, wo ein silbriger Lichtstreifen den Tag ankündigte. Ein Vogel krächzte, und irgendwo bellte ein Fuchs.

Sie wandte den Kopf und blickte hinauf zur Burg. Die Fahne mit dem Wappen ihrer Familie wehte auf dem Hauptturm.

„Hier wurde ich geboren“, sagte sie, „und jetzt soll ich all das hinter mir lassen?“

„Hier wurdest du geboren, damit du anderswo etwas Gutes tun kannst“, ergänzte Anna bestimmt.

„Und du?“ Ursulina funkelte die Kräuterfrau mit wütendem Blick an. „Was tust du denn schon Großartiges, außer klug daherzureden?“

Anna nahm ihren Korb auf und sah hinein. Ein paar wenige Kräuter und ein Baumschwamm waren alles, was sie in dieser Nacht gesammelt hatte. Schwester Augustina, von der sie in Kräuterheilkunde unterrichtet worden war, wäre mit ihrer Ausbeute nicht zufrieden gewesen. „Ich helfe, wo ich helfen kann“, sagte sie leise. „Jedem das seine.“ Damit drehte sie sich um und ging ohne einen Gruß davon.

Hedwig, Ursulinas Kammerfrau, legte den goldbestickten Überwurf aufs Bett, fuhr dann mit der Hand fast zärtlich über die Blüten und Ranken, die das Wappen derer von Donnerstein umgaben. Drei Winter hatten sie und Ursulina daran gearbeitet, damit das Edle Fräulein irgendwann einmal in Prunk und Pracht heiraten konnte – und jetzt war es also soweit! Heute Nachmittag würde Orban die junge Herrin und Roderich von Hochsteffenburg trauen. Drei Tage würden sie Feste feiern, tafeln, tanzen und singen. Die Männer würden um Ehrenpreise kämpfen und die Frauen, um ihnen zu huldigen, Lieder vortragen.

„Und hast du ...“ Ursulina hielt inne, sie brachte seinen Namen einfach nicht über die Lippen. „Hast du ‚ihn‘ heute Morgen schon gesehen?“

„Euren Bräutigam mein Ihr, Jungfer Ursulina?“ Hedwig öffnete das Haar ihrer Herrin, um es zu kämmen. „Nein, gesehen habe ich ihn nicht. Doch von Erich weiß ich“, Erich war einer der Küchenjungen, „dass er sich das Morgenmahl ans Bett bringen ließ und bei der Gelegenheit nach einem Barbier fragte.“

„Nach einem Barbier?“ Ursulina schlug Blicke zur Decke und seufzte. „Er meinte wohl einen Bader. Ein paar Monate bei den orientalischen Heiden genügen offensichtlich, dass unsere Ritter ihre eigene Sprache verlernen!“