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Acht spannende und zu Herzen gehende Kurzromane aus der Feder der Autorin Lina-Sophia Clement, die von starken Frauen handeln und Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts spielen. Stolz und mutig treten sie allen Widrigkeiten entgegen, die sich ihnen entgegenstellen, kämpfen um ihre Liebe und bieten Macht und Intrigen tapfer die Stirn.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2018
Tausend Sterne über der Wüste
Acht historische Kurzromane, die im 19. Jahrhundert spielen
Impressum:
Tausend Sterne über der Wüste
Lina-Sophia Clement
Copyright © 2018 by arp
Herausgeber by arp, Ledererstraße 12, 83224 Grassau, Deutschland
Ausgabe November 2018
Alle Rechte vorbehalten
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt und darf auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Herausgebers wiedergegeben werden.
Covergestaltung by arp
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Inhaltsverzeichnis
Tausend Sterne über der Wüste
Für immer und ewig
Ein Maskenball
Die wahre Braut
Eine heimliche Liebe
In meinem Herzen bist nur du
Das Gute siegt am Ende doch
Emmi und die Puppe
Lady Jane Ellenborough klopfte an die Wand des Wagens. „Anhalten!“, rief sie dem Kutscher zu.
Er stoppte, machte jedoch keine Anstalten vom Bock zu steigen, um ihr zu helfen. Sie wusste, weshalb er ihr so unhöflich begegnete – eine Frau, die allein reiste, das war hier ungehörig. Aber man würde sich daran gewöhnen müssen! Daran und an vieles mehr. Eine Lady Jane Ellenborough tat wonach ihr der Kopf stand, und ganz gewiss nahm sie keine Rücksichten auf Gepflogenheiten, die ihr unsinnig erschienen.
Aus schwarzen Augen beobachtete er, wie sie sich mit ihren weiten Röcken abmühte und schließlich an den Rand der Straße trat. Die Pferde stampften auf den trockenen Boden, der Staub, den die Kutsche aufgewirbelt hatte, legte sich nur langsam.
Jane zog den Schleier ihres Hutes vor Nase und Mund, ließ dann ihren Blick über die Talsenke schweifen, in der Damaskus lag. Strahlendweiße Häuser drängten sich aneinander, zwischen denen sich hie und da, wie ein kostbarer Edelstein zwischen blankgeputzten Flusskieseln, eine türkisfarbene Kuppel aus dem Häusermeer wölbte. Unzählige Minarette stachen wie Mahnmale in den gleißend blauen Himmel, Palmen, die in den Gärten der Reichen wuchsen, neigten sich wie schützend über die Häuser, um ein wenig Schatten zu spenden.
Lady Jane Ellenborough lauschte den Gesängen der Muezzins, die ein lauer Wind über den Hügel zu ihr herauftrug. „Das ist ein Traum!“, flüsterte sie und griff sich dabei ans Herz, das aufgeregt in ihrer Brust hämmerte. „Mein Gott, wie schön!“
Lange blieb sie so stehen, ehe sie wieder einstieg, um sich als erstes zum britischen Konsul bringen zu lassen.
Im höchsten Maße erstaunt über ihren Besuch, empfing er sie umgehend. Natürlich wusste er, wen er vor sich hatte. Eine Dame aus höchsten englischen Kreisen! Wenn auch dreimal geschieden und darüber hinaus die ehemalige Maitresse eines Bonaparte, eines bayrischen und eines griechischen Königs!
„Mylady“, er küsste ihre Hand und bot ihr Platz an. „Darf ich Euch eine Erfrischung anbieten?“
„Gerne. Über eine Tasse Tee würde ich mich freuen.“ Sie nahm ihren Hut ab und lehnte sich aufatmend zurück. Drei Tage war sie in diesem Wagen gereist, den man nur schwerlich Kutsche nennen konnte. Ihre Glieder schmerzten, sie fühlte sich schmutzig in ihren verstaubten Kleidern und wünschte sich nichts sehnlicher, als ein Bad zu nehmen.
Während ein Beduinenmädchen goldbraunen Tee in feinem englischem Porzellan kredenzte, fragte der Konsul:
„Habe ich recht gehört, Ihr seid hier ohne jegliche Begleitung?“
„Richtig, mein Lieber.“ Sie trank einen Schluck.
„Dann wollt Ihr vermutlich jemandem einen Besuch abstatten?“ Es lebten zurzeit gut ein Dutzend englische Familien in Damaskus – Kaufleute zumeist, aber auch Henry Layard, ein junger Gelehrter, der vorhatte in Ninive Ausgrabungen zu leiten.
„Nein, ich kenne hier niemanden.“ Jane nahm einen zweiten Schluck, stellte dann die Tasse zurück auf den Tisch. „Ich gedenke eine Expedition zu unternehmen – genau genommen drei. Eine gen Osten, eine gen Süden und eine gen Norden.“
Der Konsul wurde blass. „Ganz und gar unmöglich!“, rief er aus. „Nicht alleine! Das kann ich nicht erlauben!“
Jane lächelte milde. „Natürlich nicht alleine. Unter Begleitung eines Führers, eines Einheimischen. Ich denke, es wird Euch möglich sein, den passenden Mann für diese Aufgabe zu finden.“
„Das meinte ich nicht. Natürlich könnt Ihr keinesfalls ohne Führer durchs Land reisen. Ich meinte nicht ohne eine Reisegesellschaft, Mylady.“
Lady Jane hob die Augenbrauen und sah den Konsul entsetzt an. „Auf gar keinen Fall werde ich mich irgendeiner Gruppe anschließen, verehrter Herr Konsul! Ich bin es gewohnt, selbst zu bestimmen, welche Richtung ich nehme und was ich mir ansehe. Natürlich bin ich bereit, für einen ortskundigen Führer und eine Patrouille gutes Geld zu bezahlen.“
Heftig schüttelte der Konsul den Kopf. „Mylady, mit Verlaub, Ihr könnt die Gefahren nicht einschätzen! Es ist ein Leichtes, einen Scheich aufzutreiben, der einwilligt Euch mit seinen Leuten durch die Wüste zu begleiten. Doch leider gilt sein Wort so viel wie das eines Halsabschneiders. Noch bevor er hier eintrifft, um mit Euch einen Vertrag auszuhandeln, hat er sich bereits mit einem anderen Stamm verabredet, einen Überfall auf Euch zu inszenieren!“
Jane winkte ab. „Das mag sich bei einer Reisegruppe lohnen, aber was will er einer einzelnen Frau schon groß abnehmen? Schmuck und Geld lasse ich selbstverständlich in Ihrer Obhut.“
„Es geht nicht um das, Mylady, was Ihr bei euch tragt! Man wird Euch als Geisel nehmen und Lösegeld fordern. Und glaubt mir, eine Gefangenschaft an einem unauffindbaren Ort in der Wüste ist kein Abenteuer, und selbst bei Zahlung der Forderungen ist es höchst ungewiss, ob Ihr lebend in die Zivilisation zurückkehren werdet.“
Der Konsul hatte sich so sehr in Rage geredet, dass sein Gesicht die Farbe eines gekochten Flusskrebses angenommen hatte. Jane war nicht die erste Person, die vor ihm erschien und solche haarsträubenden Wünsche vorbrachte, doch sie war die erste Frau. Für gewöhnlich handelte es sich um Männer, die von Abenteuerlust gepackt waren, oder solche wie der junge Henry Layard, der sich in den Kopf setzte, Ninive und seine Überreste auszugraben.
„Sehr verehrter Herr Konsul, ich verstehe, dass Sie mir abraten, denn das ist vermutlich Ihre Pflicht. Und ich sehe auch, dass Sie sich ernsthaft Sorgen um mich machen. Nichts desto trotz werde ich diese Reise unternehmen – mit oder ohne Ihre Hilfe.“
Der Konsul stand auf, ging zum Fenster, starrte eine Weile auf die Gasse, setzte sich dann wieder und sah Lady Jane Ellenborough mit dem Ausdruck der Verzweiflung an. „Also gut“, sagte er schließlich, „ich werde mich bemühen, einen Scheich zu finden, dem man vertrauen kann. Ich bitte Euch jedoch um Geduld! Es kann Wochen und Monate dauern, bis ich die nötigen Erkundigungen eingezogen habe.“
„Ich vertraue auf Ihr Wort und werde warten, Herr Konsul.“ Sie schenkte ihm ihr reizendstes Lächeln. „Noch eine Bitte: Ich brauche ein Haus, das meinen Bedürfnissen entspricht, und ich benötige Personal. Könnten Sie mir auch dabei behilflich sein? Geld spielt keine Rolle.“
„Selbstverständlich Mylady.“ Er verbeugte sich vor ihr. „Wenn Ihr so lange mein Gast sein möchtet? Es wäre mir eine Ehre.“
Diesen Vorschlag nahm Jane gerne an.
Die Villa, die er für sie fand, lag am Rande der Stadt. Zypressen auf der einen, Palmen auf der anderen Seite, spendeten Schatten. Das Gebäude war weiß wie alle Häuser von Damaskus, wirkte zur Straße hin mit seiner fensterlosen Fassade schmucklos und unscheinbar, doch in seinem Inneren kam es einem Palast gleich. Durchschritt man die mit Ornamenten dekorierte Empfangshalle, gelangte man in einen mit bunten Steinen gepflasterten Innenhof, von dem sieben Türen in zwölf wiederum reich verzierte Räume führten. In der Mitte des Innenhofes floss klares Wasser aus einer Fontaine in einen dreistöckigen Brunnen. In großen Topfschalen blühten Blumen, die Jane noch nie zuvor gesehen hatte, und in verschnörkelten goldfarbenen Käfigen sangen zwei Nachtigallen.
Die Dienerschaft, die der Konsul für sie eingestellt hatte, war einheimischer Herkunft, doch eine der Frauen, sie hieß Aaminah, sprach ausgezeichnet Englisch und war auch sonst sehr gebildet und gelehrig.
An ihrer Seite erkundete Jane Damaskus, und bald schon verfiel sie ganz dem Zauber dieser Stadt. Sie kaufte Seide vom Feinsten, Gold und Smaragde, erstand türkischen Honig, Datteln und exotische Gewürze, die sie zuvor nie gerochen oder geschmeckt hatte. Sie ließ sich kunstvolle Gefäße und Möbel aus edlen Hölzern liefern und lauschte verzückt nach den einschmeichelnden Gesängen der Muezzins, die fünf Mal am Tag zum Gebet riefen. Aaminah führte sie zu den Karawansereien der Stadt, sie besichtigten die Zitadelle, besuchten Saladins Grabmal und genossen zusammen mit anderen Frauen das türkische Bad.
Bald schon beherrschte Lady Jane die Sprache der Einheimischen und kannte sich im Gewirr der Gassen so gut aus, dass sie es wagte, allein durch Damaskus zu streifen. Dabei trug sie die Gewänder der Beduinenfrauen, Dschador genannt, die nicht verschleiert gingen, ihr Haar nur mit einer Kapuze bedeckten.
Die wenigen in Damaskus ansässigen englischen Familien kamen hin und wieder zu Besuch. Man trank Tee und sprach über dies und das, am liebsten über zu Hause, womit man England meinte. Zu Lady Ellenboroughs Plänen, in Begleitung einer Horde ‚halbwilder Araber‘ die Wüste zu durchqueren, äußerte man sich lieber nicht, denn man hielt sie für ausgesprochen extravagant, um nicht zu sagen für verrückt.
Drei Monate gingen ins Land, ehe der Konsul Jane zu sich bestellte, um ihr mitzuteilen, dass er endlich glaubte, den geeigneten Führer gefunden zu haben.
„Scheich Medjuel El-Mezrab heißt er und ist bereit, sich Euch mit seinem Stamm für eine Exkursion zur Verfügung zu stellen“, erklärte er und fügte an: „Er verlangt achttausend Franken für seine Dienste und die Ausstattung der Expedition, was, wenn ich dies sagen darf, reichlich teuer ist. Jedoch stammt er aus bester Familie und spricht ein wenig Englisch und das Französische sehr gut. Allerdings“, fügte der Konsul bekümmert an, „auch für Scheich Medjuel El-Mezrab kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen.“
Jane war begeistert. Endlich war sie der Erfüllung ihrer Träume nahe!
Noch am selben Nachmittag traf sie den Scheich im Haus des Konsuls und war höchst erstaunt, einem so jungen und gutaussehenden Mann gegenüberzutreten. Er mochte Mitte zwanzig sein oder etwas darüber, trug einen schneeweißen Burnus mit einer Kapuze, war kaum größer als sie und sehr schlank. Seine Haut war für einen Beduinen sehr hell, seine Augen schwarz wie sein Haar, das Kinn glattrasiert, seine Nase schmal und etwas spitz, doch seine Lippen voll.
„Ich freue mich, dass Sie mir Ihr wunderschönes Land zeigen wollen“, sagte Jane.
Er neigte leicht den Kopf, und Jane glaubt ein erstauntes Aufblitzen in seinen Augen gesehen zu haben.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, antwortete er auf Englisch, wechselte dann aber zu Französisch. „Und wahrlich, mein Land ist schön. Doch dass ein Europäer so denkt und die Wüste kennen lernen will, ist eher ungewöhnlich.“
Jane lachte. „Mag sein, dass meine Ansichten nicht wie die meiner Landsleute sind, aber ich bin ja auch nicht wie jedermann und schon gleich gar nicht wie jede Frau.“
Sie lächelte, und er lächelte zurück. Medjuel El-Mezrab gefiel Jane, und sie spürte, dass auch sie ihm gefiel.
Der Konsul ließ Tee servieren, und Jane und der Scheich besprachen die Reiseroute.
„Ich möchte die Ruinen von Palmyra und den Tempel von Tadmor sehen, dann weiter über Resefa und Qalaat nach Aleppo. Was meinen Sie, ist meine Wahl gut?“
Medjuels Gesicht blieb unbeweglich, seine Antwort ausweichend. „Das ist sehr weit Mylady.“ Er wusste besser als jeder andere, wie beschwerlich der Weg durch die Wüste war. Wie heiß die Tage, wie kalt die Nächte. Kein Wasser, dafür giftiges Getier und vor allem Beduinenstämme, die Fremde überfielen - er selbst führte ja einen solchen Stamm an, und vermutlich war seine Weste nicht ganz so rein wie sein schneeweißer Burnus.
„Ich werde mich um alles kümmern“, versprach er. „Wir brauchen Zelte, Kamele, Pferde ... können Mylady reiten?“
„Ja, sicher.“ Jane schmunzelte. Sie war mit Pferden aufgewachsen und nahm es beim Reiten mit beinahe jedem Mann auf.
Noch einmal musste sich Lady Jane gedulden, doch fünf Tage später pochte es an ihrer Tür, und Scheich Medjuel El-Mezrab bat darum, eingelassen zu werden.
Aaminah führte ihn zu ihrer Herrin.
„Bring uns Früchte, Gebäck und Tee, Aaminah“, befahl Jane, doch Scheich Medjuel lehnte höflich ab.
„Ich bin gekommen, um Euch zu sagen, dass wir zur Abreise bereit sind. Wenn es Euch recht ist, gleich morgen früh, noch bevor die Sonne aufgegangen ist. In den kühlen Morgenstunden ist das Reisen weniger anstrengend.“
Lady Jane warf den Kopf in den Nacken. „Ich werde bereit sein. Was ich für die Reise benötige ist bereits gepackt. Sie können mein Gepäck noch heute abholen lassen.“
Lady Jane hatte vor Aufregung kaum geschlafen. Als gegen vier Uhr morgens an ihr Tor gepocht wurde, stand sie bereit. Medjuel hatte ihr einen seiner Männer geschickt. Als er sie sah, blieb ihm für einen Moment der Mund offenstehen. Sie trug einen Dschador aus einem feinen blauen Stoff, der das Blau ihrer Augen noch vertiefte, dazu ihr langes goldblondes Haar – für einen Araber musste sie aussehen, wie ein Wesen von einem fremden Stern, einer Göttin gleich!
Auf einem Rastplatz vor den Toren der Stadt wartete eine Karawane von zwanzig Kamelen, die mit Vorräten und dem Gepäck Lady Janes beladen waren. Dazu acht bewaffnete Männer mit ihren Pferden und natürlich Scheich Medjuel. Wie gestern war er mit einem leuchtendweißen Burnus bekleidet, doch heute trug er darüber hinaus zwei silberbeschlagene Pistolen, die mit Sicherheit großen Wert besaßen.
Er führte einen edlen schwarzen Berberhengst am Zügel. Die Mähne hing dem Pferd weit über den muskulösen Hals, die Augen glühten, die Nüstern waren gebläht vor Aufregung. Das Tier ahnte wohl, dass ihm ein langer, abenteuerlicher Ritt bevorstand.
„Guten Morgen, Lady Jane.“ Medjuel deutete eine Verbeugung an. Es war nicht mehr als ein Kopfnicken. Sie war eine Lady, doch er ein Fürst!
„Guten Morgen Scheich Medjuel.“ Auch Jane verneigte sich ein wenig, um ihm zu zeigen, dass sie seine Stellung anerkannte.
Einer der Männer führte ihr eine Schimmelstute zu. Sie musste jung sein, denn sie war noch dunkel, und sie war nicht minder edel als Medjuels Hengst.
Man saß auf und verließ Damaskus Richtung Nordosten, wo Palmyra lag. Medjuel und Jane ritten vorneweg. Ihnen folgten vier der Männer, die nicht gerade Vertrauen erweckend aussahen, wie Jane insgeheim zugeben musste, danach die schwerbeladenen Kamele und noch einmal vier Männer.
Sie durchquerten eine Hochebene, kamen an Dmeir vorbei, wo Baureste des Armamentariums eines altrömischen Kastells zu sehen waren. Für Jane eine willkommene Gelegenheit zu einer ersten Rast. „Können wir anhalten, Scheich Medjuel?“
Er war einverstanden. Die Pferde wurden getränkt, die Kamele legten sich hin, um auszuruhen. Erst spätnachmittags, als die Sonne tiefer stand und die Luft sich etwas abgekühlt hatte, setzte man die Reise fort. Weiter ging es gen Nordosten, Schritt um Schritt, Stunde um Stunde dem fernen Ziel entgegen.
Lange hatte Medjuel geschwiegen, dabei immer wieder seine Blicke verstohlen auf Lady Jane gerichtet. Oft hatte sie das Gefühl, er wolle etwas sagen, wagte es aber nicht. Jane wunderte sich, denn Medjuel war weder schüchtern, noch beeindruckte ihn ihre Stellung.
Auch sie musterte ihn, jedoch ganz offen und ohne jede Scheu. Sein erhabenes vornehmes Wesen, seine stolze Art im Sattel zu sitzen, seine schönen Hände und edlen Gesichtszüge gefielen ihr - und ja, sie hatte sich ein wenig in ihn verliebt!
„Gerne würde ich etwas über Sie erfahren“, sagte sie. „Über Ihr Leben, Ihren Stamm – erzählen Sie doch ein wenig von sich.“
Jetzt sah er sie direkt an. „Etwas über mein Leben?“ Er dachte lange nach, bevor er antwortete: „Ich habe acht Brüder und zwei Schwestern. Mein Vater hat uns die beste Erziehung angedeihen lassen. Ich habe einige Zeit in Paris und Madrid gelebt, doch ich wurde nie ein Freund der westlichen Kultur. Ich bin ein Beduine, gewohnt herumzuziehen, liebe die Pferde, das weite offene Land ohne Grenzen und die Sterne am Himmel. Und ich kann nichts mit Mauerwerk anfangen, brauche mein Zelt, das ich jederzeit abschlagen kann, wenn mich die Unruhe erfasst.“ Er strich seinem Hengst über die Mähne. „In Madrid oder Paris“, fuhr er fort, „und vermutlich auch in Ihrem Land, Mylady, jagen die Männer keine Gazellen oder Wüstenfüchse, sondern sind ausschließlich hinter Besitz und Rang her. Doch bei uns gelten Stolz und Freiheit mehr als das!“
„Und die Liebe“, fragte Lady Jane nach einer Weile, „wie stehen Sie dazu?“
Sein langer prüfender Blick lag auf ihrem schönen Gesicht. „Eine Frau“, sagte er schließlich, „kann mir einen Sohn gebären oder meine Sonne sein.“
Es war bereits später Nachmittag, als ein Junge auf einem Kamel heran gejagt kam. Scheich Medjuel ritt ihm ein Stück entgegen. Dort wo sie sich trafen hielten sie an und wechselten ein paar Worte. Als der Junge umgekehrt und Medjuel zurückgekommen war und wieder an Janes Seite ritt, fragte sie:
„Was ist los? Gibt es Probleme?“
Medjuel wich ihrem Blick aus. „Nein, er hat sich nur verritten.“
Lady Jane legte die Stirn in Falten. Das kam ihr irgendwie seltsam vor! Der Junge wirkte keineswegs wie einer, der den Weg nicht kannte, sondern im Gegenteil, er schien genau zu wissen, was er wollte! Sie hatte vielmehr das Gefühl, er hätte eine wichtige Nachricht überbracht.“
Bald ging die Sonne unter. Lady Jane drehte sich um und sah zu, wie der feuerrote Ball in Windeseile hinter den Dünen versank, und kaum war er verschwunden, war es auch schon dunkel! Ein zauberhafter Anblick, der sie von ihrer Grübelei abbrachte.
Sie wandte sich Medjuel wieder zu. „In unseren Breitengraden dämmert es viel länger“, sagte sie und dann mit einem Lächeln: „Aber das wissen Sie ja.“
Er nickte. „Wir werden hier unser Nachtlager aufschlagen, Mylady.“ Damit drehte er sich um und hob die Hand zum Zeichen, dass seine Leute anhalten sollten.
Am nächsten Tag kam ihr Scheich Medjuel ganz verändert vor. Das Tempo, das er vorgab, wurde langsamer. Unruhig blickte er sich immer wieder um, wirkte nervös und mit seinen Gedanken ganz wo anders. Auch seine Leute waren verändert - ungeduldig, irgendwie aufgebracht gegen ihren Führer. Sie bedrängten ihn, man müsse schneller vorwärtskommen, um zur rechten Zeit am vereinbarten Punkt zu sein.
„Seid still!“, herrschte er sie an. Er wusste, dass Jane Arabisch sprach, gut genug jedenfalls, um das Wichtigste zu verstehen. Deshalb bat er sie vorauszureiten, blieb aber selbst bei seinen Leuten zurück und redete gestenreich auf sie ein.
Dieses Verhalten und das ungeduldige Drängen der Männer, verwirrten Jane. Auch wenn sie sich bereits ein wenig in den gutaussehenden Scheich verliebt hatte, war sie nicht blind.
„Das Wort eines Beduinenscheichs gilt nicht mehr als das eines Halsabschneiders“, hörte sie den Konsul sagen: „Mit einem verbündeten Stamm wird er einen Überfall mit Geiselnahme planen und ein horrendes Lösegeld fordern!“
Die Gedanken in Lady Janes Kopf überschlugen sich. Hatte sie gestern nicht Anerkennung und Zuneigung in seinen Augen lesen können? War da nicht diese kurze Berührung gewesen, dieser tiefe Blick, der ihr Herz schneller schlagen ließ? Und nun sah alles so aus, als ob er genau das plante, wovor der Konsul so eindringlich gewarnt hatte! Sollte sie sich also wieder einmal in einem Mann getäuscht haben, der ihr gefiel, dem sie Gefühle entgegenbrachte?
Aber dann dachte sie: Wenn es Abmachungen zu einem Überfall gab, hatte Medjuel sie vermutlich getroffen, bevor er sie gesehen und kennengelernt hatte, und dann täte es ihm jetzt vielleicht leid. Aber was nützte ihr das? Er war seinen Männern und dem verbündeten Stamm verpflichtet und konnte sie nicht so einfach um ihren Anteil bringen! Selbst wenn also sein Herz sich inzwischen für sie entschieden haben sollte, seine Ehre als Mann und Führer verpflichtete ihn, zu seinem Wort zu stehen.
Ihr Herz klopfte plötzlich zum Zerbersten, denn sie begriff, dass sie in der Falle saß und Medjuel und seinen Männern vollkommen ausgeliefert war.
Sehr still war Lady Jane geworden. Sie wusste, mit jeder Sekunde kamen sie diesem ominösen vereinbarten Punkt näher, der ihr Schicksal besiegeln und sie vielleicht sogar das Leben kosten würde!
Als vor ihnen Qasr al-Hallabat aus dem Wüstendunst auftauchte, eine quadratische Verteidigungsanlage mit vier Wachtürmen, ließ Medjuel plötzlich anhalten. Seine Leute erzürnten sich darüber, meuterten, riefen seinen Namen und drängten ihn, weiterzureiten.
Er fuhr sie barsch an, dass sie zu gehorchen hätten, doch im selben Moment brachen gut drei Dutzend Reiter in gestrecktem Galopp hinter den Mauer Qasr al-Hallabats hervor, schwangen ihre Gewehre, feuerten in die Luft und schrien: „Holt euch die Engländerin!“
Jane blickte Medjuel an. Wie versteinert saß er auf seinem Pferd und rührte sich nicht. Dieser Mann, dem sie vertraut und in den sie sich verliebt hatte, er hatte sie tatsächlich verraten! Zusehen würde er, wie man sie gefangen nahm, fesselte und fortschleppte, um sie in irgendeinem Kellerloch gefangen zu halten und Geld für sie zu erpressen. Hatte er nicht gestern noch behauptet, Geld sei ihm nicht so wichtig? Und jetzt das!
Schon waren sie von der hitzigen Meute herangepreschter Beduinen umzingelt, und Medjuels Männer fielen prompt in das wilde Getümmel mit ein.
Plötzlich waren da diese Hände, die in die Zügel von Lady Janes Stute griffen, und ein anderer der Männer packte sie am Arm, um sie aus dem Sattel zu zerren. Doch so leicht wollte Lady Jane es ihm nicht machen. Sie schlug nach ihm, sie nannte ihn Sohn einer Hure.
„Halt ein, Weib!“, brülle er und funkelte sie aus schwarzen Augen mit vernichtendem Blick an. „Ein Beduine lässt sich nicht von einer gottlosen Christin beschimpfen und schlagen!“
Da sah sie plötzlich einen Dolch aufblitzen. Doch bevor der Mann zustoßen konnte knallte ein Schuss, und er sank von seinem Pferd.
Jane fuhr herum, sah dass es Medjuel gewesen war, der sie verteidigt hatte. „Ich bin euer Fürst, kämpft an meiner Seite, oder ihr seid verflucht!“, schrie Medjuel seine Männer an.
Auf einmal wurde Jane abgedrängt, eine Mauer entstand zwischen ihr und den Angreifern, und da begriff sie, dass Medjuels Männer sich besonnen und auf die Seite ihres Scheichs geschlagen hatten. Fluchend und Verwünschungen ausstoßend traten die Angreifer schließlich die Flucht an.
Medjuel kam zu Lady Jane. „Sind Sie unverletzt, Madame?“
„Ich ... ja! Aber Sie nicht, Scheich Medjuel.“ Jane deutet auf seinen blutigen Burnus.
„Nur ein Kratzer, sieht schlimmer aus als es ist.“ Ein zärtliches Lächeln, ein tiefer Blick aus seinen Augen streifte sie. „Können wir weiterreiten?“
„Ja“, sagte Jane.
Eine Weile trabten sie schweigend nebeneinander her, auch die Männer hinter ihnen murrten nicht mehr.
„Sie wissen was passiert ist, nicht wahr?“, fragte der Scheich, als das Schweigen allzu laut wurde.
„Ja, Medjuel, ich weiß es. Sie haben sich mit diesem anderen Stamm verbündet. Sie wollten Lösegeld für mich erpressen. Aber dann ...“ Sie brach ab.
„Dann habe ich mich in Sie verliebt, Mylady.“
Sie nickte und sah ihn ernst an. „Sie werden Probleme bekommen. Dieser andere Stamm wird das nicht auf sich beruhen lassen.“
„Vermutlich. Aber ich musste meinem Herzen folgen.“
Bei Einbruch der Nacht schlugen sie ihr Lager auf. Lady Jane zog einen roten Dschador aus Seide an und öffnete ihr Haar. Sie wusste, wenn Medjuel mit seinen Männern gespeist hatte, würde er zu ihr kommen.
Als er wenig später ihr Zelt aus schwarzem Ziegenhaar betrat, glänzten seine Augen im Schein des Feuers. Er trat vor sie und ließ ihr goldblondes Haar durch seine Finger gleiten. „Würden Sie bei mir bleiben, Mylady?“, fragte er leise. „Ich meine für immer, als meine Frau?“
Lady Jane sah ihn erstaunt an. „Geben Sie mir ein wenig Zeit, Medjuel? Ich kann nicht so einfach alles hinter mir lassen. Ich muss zu Hause einiges ordnen, muss Abschied nehmen von Menschen, die auf mich warten. Aber wenn mein Herz auch dann noch Ja zu Ihnen sagt, werde ich zurückkommen.“
Er nahm sie in die Arme und küsste sie. „Wenn Sie zurück sind, Madame, schicken Sie Ihre Dienerin zu Mustafa, dem Pferdehändler. Er wird mir die Nachricht überbringen lassen, und ich komme zu Ihnen und lege Ihnen mein Herz zu Füßen.“
Jane reiste nach Griechenland, überschrieb ihre dortige Villa ihrem Stiefsohn, reiste weiter nach Paris und München, um die zu treffen, denen sie sich verbunden fühlte. Doch ihr Herz war in Damaskus geblieben. Nachts, wenn es still um sie hin war, sah sie den samtblauen Sternenhimmel über der Wüste, hörte die Kamele schreien, den Wind um die schwarzen Zelte fegen, sah Palmen vor sich und immer und immer wieder ihn, sein schönes Gesicht - Scheich Medjuel. Sie sehnte sich nach ihm und wusste plötzlich mit ganzer Gewissheit: Sie liebte diesen Mann und gehörte an seine Seite!
Ihre Villa in Damaskus hatte sie nicht aufgegeben, ihre Dienerschaft nicht entlassen. Als sie zurückkehrte, war alles ganz so, als wäre sie nie fort gewesen.
Mit der Botschaft sie sei zurück und würde Scheich Medjuel erwarten, schickte sie Aaminah zu Mustafa dem Pferdehändler, während sie selbst sie zum Haus des Konsuls ging. Doch der, den sie dort vorfand, war ein anderer.
„Mein Vorgänger“, sagte er schmunzelnd, „ist vor zwei Monaten nach London zurückgekehrt und möchte für den Rest seines Lebens nur noch eines: Tee und Sherry trinken und auf grünem englischen Rasen Kricket spielen.“
Lady Jane nahm den Faden auf. „Ich hingegen habe beschlossen, den Rest meines Lebens hier zu verbringen!“ Sie lachte vergnügt. „Ich werde Scheich Medjuel El-Mezrab heiraten.“
