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Katharina von Thürnheim ist siebzehn Jahre jung, wunderschön und ebenso naiv. Sie glaubt, das Leben hält alles für sie bereit. Als sie auf einer Fuchsjagd Sebastian von Stetten, ihren Freund aus Kindertagen wiedertrifft, verliebt sie sich Hals über Kopf in ihn. Doch ihre Eltern verheiraten sie mit einem viel älteren Fürsten, der sie auf sein Schloss in Ungarn bringen lässt und dort wie eine Gefangene hält. Katharina muss erwachsen werden. Sie kämpft um ihr Glück – aber wird sie ihren Geliebten je wiedersehen …? Clarine, eine junge Adelige, leidet unter der Eifersucht ihres Ehemanns. Beide, er und sie, spinnen Intrigen, um jeweils dem anderen zu beweisen, dass er sich irrt. Dabei verwickeln sie sich immer tiefer in ihren eigenen Netzen. Merle, eine junge Bauerntochter aus Schleswig-Holstein, rettet im Deutsch-Dänische Krieg von 1864 einem dänischen Soldaten das Leben und pflegt ihn gesund. Sie verlieben sich ineinander, doch das bringt sie in höchste Gefahr, zumal Merles Bruder Fiete den beiden auf die Spur kommt.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2017
Lina-Sophia Clement
Im Feuer der Liebe
Drei historische Liebesromane
Impressum:
Copyright © 2023by arp
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Kläffend setzte die Meute hinter dem Fuchs her. Die Hatz ging über abgemähte Felder, die Hügel hinunter, Richtung Weißenburg, von dort in großem Bogen zu Schloss Thürnheim zurück. Am Marienkreuz überquerte die Jagdgesellschaft den Bach, nahm am Waldrand einige Hindernisse und raste im Galopp über ein Feld, auf dem noch vor ein paar Tagen goldgelber Weizen gestanden hatte.
Katharina von Thürnheim sah sich um. Ihr Vater und Graf von Pollak, ein alter Haudegen, der noch unter Kaiser Franz dem II. gedient hatte, waren ihr bis zur Mühle dicht auf den Fersen gewesen. Doch inzwischen waren die beiden ein ganzes Stück zurückgefallen. Ihre Mutter und der Rest der Jagdgesellschaft lagen so weit ab, dass Katharina sie nur noch als einen einzigen, schattenhaften Pulk wahrnahm.
Das Mädchen lachte. Es hatte sie alle abgehängt. Es hatte ihnen gezeigt, wer hier die beste Reiterin war und das beste Pferd unter dem Sattel hatte! Doch als Katharina nun wieder nach vorne sah, gefror ihr vor Schreck das Blut in den Adern. Nur ein paar Galoppsprünge weiter lag ein umgekippter Baum, und sein Geäst war viel zu hoch, um darüber hinwegspringen zu können. Kurz entschlossen riss sie die Zügel herum, ihre Stute schlug einen Haken, Katharina wurde aus dem Sattel katapultiert und blieb mit einem Aufschrei bewegungslos am Boden liegen.
Eine Weile war es dunkel vor ihren Augen. Sie hörte nur das Zwitschern der Vögel und ein Knacken im Geäst. Als es ihr schließlich gelang, die Augen wieder zu öffnen, sah sie ein Gesicht über sich. Es gehörte einem jungen Mann, den sie zuvor noch nie gesehen hatte. Er war etwa fünf Jahre älter als sie, hatte dunkles gelocktes Haar und strahlende dunkle Augen, die sie besorgt anblickten.
'Es muss ein Traum sein', dachte sie. 'Dieses Gesicht - dieses schöne Gesicht und die dunklen sanften Augen! Und wenn es kein Traum ist, dann ist es ein Engel, und ich bin gar nicht mehr unter den Lebenden, sondern im Himmel!'
Doch im nächsten Moment fühlte sie eine Hand auf ihrer Wange und hörte den Mann ganz irdisch fragen: „Was ist mit Ihnen, haben Sie sich verletzt? Katharina! So antworten Sie doch!“
Nein, es war kein Traum und auch kein Engel, die Stimme war Wirklichkeit!
Nun beugte er sich noch weiter zu ihr herunter. Sein Gesicht kam ihr so nahe, dass sie seinen Atem spüren konnte. Sein Blick war so besorgt und so voller unverhohlener Liebe, dass ihr Herz ein paar Takte lang stillstand, nur um danach doppelt so schnell weiterzuschlagen.
„Tut dir ... tut Ihnen etwas weh?“, fragte er.
„Weiß nicht. Vielleicht hier?“ Sie legte ihren Finger auf ihre Lippen. „Ich glaube, hier sollten Sie einmal nachfühlen ...“ Sie griff in seinen Nacken und zog ihn zu sich herunter, dann schloss sie die Augen und spürte seinen Kuss. Ein sanfter Kuss, nur ein Hauch, und trotzdem traf er sie ganz tief im Innersten.
Es war um sie geschehen. In einem Roman, den sie sich heimlich aus der Bibliothek ihres Vaters geholt hatte, hatte sie einmal gelesen, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gab. Aber sie hatte geglaubt, dass es sich dabei nur um die Phantasiegespinste von Dichtern und Schriftstellern handelte. Doch es war nicht gelogen - jetzt war sie selbst von so einem berauschenden, alles überragenden Gefühl getroffen. Wie von einem Blitzschlag aus heiterem Himmel!
„Haben wir uns denn wirklich noch nie zuvor gesehen?“ Sie stützte sich auf die Ellenbogen und sah ihn forschend an.
„Aber ja doch - ich bin Sebastian von Stetten. Der Enkel von Herbert von Stetten. Ich bin jedes Jahr im Herbst ein paar Wochen auf dem Gut meines Großvaters zu Besuch. Weißt du denn nicht mehr? Du warst sechs, ich elf Jahre alt, als ich dich einmal über den Bach trug, damit du keine nassen Füße bekamst. Du hattest ein aprikosenfarbenes Kleid an, dazu weiße Strümpfe und dunkelblaue Schuhe. Die Haare hattest du seitlich zu Zöpfen geflochten und um die Ohren geschlungen, dass sie aussahen wie die kleinen Nussschnecken, die Großvaters Köchin immer bäckt.“ Er lachte.
„Das weißt du alles noch?“ Sie runzelte die Stirn.
„Natürlich. Und danach sind wir den ganzen Nachmittag über die Wiesen gelaufen. Ich habe Frösche für dich gefangen, und du hast mir einen Kranz aus Gänseblümchen gebunden. Und ein Spiel hast du mir beigebracht, dass du Spion nanntest.“
Katharina nickte. „Ja - dabei muss einer irgendetwas verstecken und der andere muss dann herausfinden, was es sein könnte und danach suchen.“
„Du hast einen Tannenzapfen versteckt, und als ich es herausgefunden hatte, hast du behauptet, es sei etwas ganz anderes gewesen!“ Sebastian lachte. „Schon damals habe ich gewusst, dass ich dich …“ Er brach ab, war erschrocken darüber, dass er ihr fast gesagt hätte, was er dachte und seit ihrer beider Kindheit für sie empfand. Aber es stand ihm nicht zu. Er war der Nachkomme eines verarmten Barons, Katharina war die Erbin des Grafen von Thürnheim. Dazwischen lagen Welten.
Abrupt stand er auf und reichte ihr die Hand. Als sie auf die Beine kam, lächelte sie ihn an. „Dass ich dich liebe, wollten Sie wohl sagen, Herr Baron?“
Sie streifte den Rock ihres Reitkostüms glatt, rückte den kleinen flachen Zylinder gerade, zupfte sich die Stocklocken zurecht und sah sich um. Vom Tal herauf kamen nun auch die anderen. Zehn oder zwölf Reiter im ersten Pulk. Ganz vorne ihr Vater und neben ihm ein Mann, der ihre Stute eingefangen hatte und am Zügel mit sich führte. Katharina hatte ihn natürlich im Schloss schon gesehen, aber sie kannte ihn nicht, und er wurde ihr bisher auch nicht vorgestellt. Er war etwa vierzig Jahre alt, groß und korpulent, hatte ein hartes Gesicht und eine wulstige Narbe unter dem rechten Auge.
„Weißt du, wer das ist?“ fragte sie Sebastian.
„Ja, ich kenne ihn. Das ist Herzog Karl von Landau-Rotherich“, antwortete er. „Er hat einige Jahre in Ungarn gelebt. Vor zwei Jahren starb seine Frau bei der Geburt ihres ersten Kindes. Der Mann ist sehr vermögend und hat keine Erben. Er sucht eine Frau, deshalb kam er im Winter nach Deutschland zurück und lebt nun auf seinem Landgut in der Nähe von Augsburg.“
Vor Katharina und Sebastian parierten die Reiter durch. Graf von Thürnheim sprang vom Pferd und legte seiner Tochter die Hände auf die Schultern. „Fehlt Euch etwas, Kind?“
„Aber nein - Herr von Stetten hat sich vorbildlich um mich gekümmert!“ Lachend sah sie von ihm zu ihrem Vater. Dann nahm sie Karl von Landau-Rotherich den Zügel ihrer Stute aus der Hand, bedankte sich flüchtig und wandte sich wieder an Sebastian. „Wenn Sie mir jetzt noch den Bügel halten würden, Baron von Stetten?“
Er half ihr in den Sattel, und Katharina sah von oben auf ihn herunter.
„Bestimmt sehen wir uns heute Abend zum Fest auf Schloss Thürnheim? Sie kommen doch? Dann kann ich mich mit einem Tanz bei Ihnen bedanken.“
„Ich nehme die Einladung gerne an.“ Sebastian lächelte, und zwei Grübchen bildeten sich auf seinen Wangen. „Ganz bestimmt werde ich da sein, ich verspreche es.“
Er verneigte sich. Ein letzter Blick, dann wendete Katharina ihre Stute und ritt davon.
Sebastian von Stetten stieg ebenfalls auf sein Pferd. Er gehörte nicht zur Jagdgesellschaft, war nur zufällig vorbeigekommen, hatte den umgestürzten Baum gesehen und wollte ihn für die Waldarbeiter seines Großvaters kennzeichnen. Doch jetzt war der Baum nicht mehr wichtig, er musste nach Hause. Bis zum Abend gab es noch vieles zu tun, und um den Baum konnte er sich auch morgen noch kümmern.
Gerade wollte er in den Waldweg einbiegen, als ihm plötzlich Mechthild von Thürnheim, Katharinas Mutter, den Weg abschnitt. Wie ihre Tochter hatte sie blondes Haar, ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und schöne volle Lippen. Aber im Gegensatz zu den strahlenden blauen Augen Katharinas wirkten ihre kalt und abweisend.
„Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Tochter geholfen haben, Herr von Stetten.“
„Das war doch selbstverständlich.“ Er deutete eine Verbeugung an.
„Das heißt aber nicht, dass Sie sich andere Rechte herausnehmen können!“
Sebastian fuhr zusammen. Plötzlich war da so viel Verachtung in ihrer Stimme, dass ihm ganz kalt wurde.
„Sie sollten sich vor Augen halten, was Ihnen zusteht und was nicht. Ich verbitte mir, dass Sie meiner Tochter den Kopf verdrehen!“ Sein Wallach scheute, als sie ihm grob in die Zügel griff. Mit funkelnden Augen sah sie ihn an. „Ich gehe davon aus, dass sich Ihr Großvater heute Abend nicht wohl fühlt und Sie bei ihm zu Hause bleiben müssen.“
Er öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, schloss ihn dann aber wieder. „Natürlich …“ murmelte er und sah ihr nach, wie sie davontrabte und sich neben ihrem Mann in den Pulk einreihte.
*
Lachend drehte sich Katharina vor dem Spiegel. „Steht mir das?“, fragte sie und strich mit beiden Händen über die türkisblaue Seide ihres Kleides, das mit silbernen Bändern und kleinen gelben Stoffröschen verziert war.
„Wunderschön!“ Annie, ihre Zofe, die früher einmal ihre Kinderfrau gewesen war, hatte Tränen in den Augen. Ach, ihre liebe Kleine, ihr wildes Fohlen, das so viel vom Leben erwartete und nicht ahnte, wie grausam es in Wirklichkeit war!
Am Nachmittag, als Katharina von der Jagd zurückgekehrt war, hatte sie ihr von diesem jungen Mann erzählt: „Meine herzallerliebste Annie, du, ich habe mich verliebt! Und weißt du, was ich glaube - er liebt mich auch! Nein, ich glaube es nicht, ich bin mir ganz sicher! Wie zärtlich er mich angesehen hat! Und was er alles von mir wusste! Sogar wie ich meine Haare als Kind trug, konnte er noch sagen.“
Ihr Blick schweifte über Annie hinweg in die Ferne, so als ob sie dort irgendwo Sebastian erkennen könnte. Doch plötzlich sah sie ihre Zofe wieder an. „Und heute Abend wird er da sein, und wir werden tanzen, und ich werde in seinen Augen lesen, was er für mich empfindet!“ Glücklich hatte Katharina Annie in die Arme geschlossen, sie voller Übermut auf den grauen Scheitel geküsst und dann lachend herumgewirbelt.
Auch jetzt nahm das Mädchen ihre alte Kinderfrau wieder in die Arme. „Aber was weinst du denn, dumme Annie!“ Katharina schüttelte den Kopf. „Das Leben ist doch so wunderbar, und du bist traurig?“
„Ja, dumm bin ich, da hast du recht …“ Annie seufzte und wischte sich die Tränen ab. Was hätte sie ihrer Kleinen sonst auch antworten sollen? Dass das Leben keineswegs so wunderbar war, wie sie jetzt noch glaubte? Dass ihre Eltern längst einen Mann für sie gefunden hatten? Dass in ihren Kreisen Geld und Titel die Gefühle regierten und man sie nicht fragen wird, in wen sie sich verliebt hatte und ob er noch wusste, wie sie die Haare als Kind einmal trug?
Traurig sah sie ihren Schützling an. „Amüsiere dich gut, mein Engel!“ Sie drückte ihr einen Kuss aufs Haar und ließ sie gehen.
Das kleine Orchester spielte bereits. Man trank Champagner aus gläsernen Kelchen, redete, lachte und tanzte. Doch als Katharina die Treppe herunterschritt, richteten sich alle Blicke auf sie, und die Gespräche verstummten. Sie lächelte und grüßte artig nach rechts und nach links. Doch in Wahrheit suchte sie unter all den Leuten nur nach einem - nach Sebastian! Sie hatte sich ausgemalt, dass er, sofort wenn er sie sah, zu ihr kommen würde, um ihr die Hand zu reichen und sie in den Saal zu führen. Sie hatte sich nach seinem Lächeln und seiner schönen warmen Stimme gesehnt. Sie hatte geglaubt, auch für ihn wären die Stunden bis zum Abend so quälend langsam verstrichen, dass er keine Minute zu spät da sein würde. Doch jetzt war nichts von ihm zu sehen …
Vor Enttäuschung schnürte sich ihr Herz zusammen. Wie weh das tat! Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre wieder nach oben gelaufen. Hinauf zu Annie, um sich in ihre Arme zu werfen, sich von ihr trösten zu lassen.
Plötzlich stand ihre Mutter vor ihr.
„Da bist du ja, Liebes!“ Sie nahm sie am Ellenbogen und führte sie quer durch den Saal zu ihrem Vater, der mit Karl von Landau-Rotherich und einigen anderen Gästen am Fenster stand und über eine Lady Jane Ellenborough aus London sprach, die sich derzeit in München aufhielt und gute Aussichten hatte, in König Ludwigs ‚Galerie der schönen Münchnerinnen‘ aufgenommen zu werden. Wie es hieß, hatte er seinem Hofmaler Stieler bereits den Auftrag erteilt, diese Dame von etwas zweifelhaftem Ruf zu portraitieren.
„Ah, da ist ja das reizende Fräulein Tochter!“ Gräfin Reinwegen, eine Freundin ihrer Mutter, die immer etwas zu laut sprach und zu auffällig gekleidet war, tätschelte Katharina die Wange. „Aber was ist denn, Kindchen - eben haben Sie noch gestrahlt wie die aufgehende Sonne, und nun sehen Sie plötzlich so traurig aus?“
Katharina versuchte zu lächeln. „Bitte entschuldigen Sie, Gräfin. Es ist nur … der Kopf!“
„Ach, der Kopf. Ja, ja, das kenne ich.“ Gräfin Reinwegen verzog den Mund zu einem mitleidigen Lächeln.
Karl von Landau-Rotherich verbeugte sich vor Katharina, dabei betrachtete er sie in einer Weise, die ihr unangenehm war. Als würden sie sich näher kennen. Als hätten sie etwas miteinander zu schaffen. „Ich hoffe, Sie haben den Sturz ohne Folgen überstanden, gnädiges Fräulein?“
„Ja, danke der Nachfrage.“ Ihre Antwort klang schnippisch. Sie starrte die wulstige, rotglänzende Narbe unter seinem rechten Auge an. Nun er auch noch ihren Arm, als hätte er irgendwelche Rechte! Was glaubte er eigentlich, was nahm er sich heraus! Nur weil er diesen Namen trug, war es ihm noch lange nicht erlaubt, sich ihr gegenüber so ungebührlich zu benehmen!
„Bitte entschuldigen Sie mich.“ Auf einmal drehte sich Katharina um und lief mit hastigen Schritten davon. Nur weg von hier!
Es war die erste Soiree, an der sie teilnehmen durfte. Was hatte sie sich davon Großartiges erhofft! Und nun war alles so enttäuschend für sie. So steif und verlogen und kein bisschen amüsant! Und dass Sebastian von Stetten nicht gekommen war, obwohl er es ihr doch versprochen hatte … nur mit Mühe schaffte sie es bis auf ihr Zimmer, bevor sie in Tränen ausbrach.
Sie lag auf dem Bett und weinte. Annie saß neben ihr und versuchte sie zu trösten. Plötzlich flog die Tür auf, und Mechthild von Thürnheim stand im Zimmer.
„Lass uns allein!“, herrschte sie die Zofe an, und als Annie die Tür hinter sich zugezogen hatte, befahl sie ihrer Tochter: „Steh auf, und sieh mich an!“
Langsam richtete sich Katharina auf.
„Nun - ich warte. Steh auf!“
Katharina stellte sich vor ihre Mutter hin.
„Solltest du auf diesen von Stetten gewartet haben, so muss ich dir sagen, er wird nicht kommen. Weder heute noch ein andermal. Du bist nicht irgendein Mädel, das einer wie der heiraten könnte. Du bist eine von Thürnheim und deinem Namen verpflichtet. Im Frühjahr wirst du ganz offiziell dein Debüt haben, und du wirst einen Mann heiraten, der zu dir passt.“
„Aber …“
„Ein Aber gibt es nicht!“, schnitt ihre Mutter ihr das Wort ab.
„Aber die Liebe, ich muss meinen Mann doch auch lieben können“, begehrte Katharina dennoch auf.
„Liebe vergeht so schnell wie Schönheit!“ Ihre Mutter sah sie mitleidig an. „Wenn dann noch etwas bleibt, was dir das Leben erleichtert und du einem gewissen gesellschaftlichen Stand angehörst, kannst du von Glück reden. Tausende von Mädchen, die sich einmal von ihren Gefühlen foppen ließen und sich voller Illusionen irgendeinem Mann an den Hals warfen, würden liebend gerne mit dir tauschen und einen Herzog von Landau-Rotherich heiraten!“
Katharina erblasste. „Du willst doch nicht etwa sagen, dass ihr vorhabt …“
„Ich will nichts Anderes sagen, als dass du erwachsen werden und der Wahrheit ins Gesicht schauen sollst. Für heute bleibst du auf deinem Zimmer. Ich werde dich bei unseren Gästen entschuldigen. Morgen packt Annie das Nötigste für dich ein, und deine Tante wird dich mit nach München nehmen.“
„Nein!“ Katharina schlug beide Hände vors Gesicht. Ihre Tante, Margarete von Trattnigg, war eine kaltherzige Frau … beinahe noch kaltherziger als ihre Mutter! Und München war so weit weg, und sie kannte dort niemanden! Und Sebastian …, wenn sie erst einmal in München war, würde sie ihn dann je wiedersehen?
Tapfer kämpfte sie gegen eine neuerliche Tränenflut an. „Darf ich wenigstens Annie mitnehmen?“, fragte sie verzweifelt.
„Wozu? Eine von Margaretes Zofen wird sich um dich kümmern, da brauchst du Annie nicht.“
