Die Liebe hofft und empfängt alles - Andreas Kleinschmidt - E-Book

Die Liebe hofft und empfängt alles E-Book

Andreas Kleinschmidt

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Beschreibung

Die Liebe hofft und empfängt alles Zwei Erzählungen: Die Liebe hört niemals auf Die Liebe erduldet alles In diesen beiden bewegenden, tiefgründigen Erzählungen wird das Wunder der Liebe beschrieben, das Menschen zur letzten Sinnerfüllung ihres Lebens bringt

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Seitenzahl: 270

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Liebe hört niemals auf

Erzählung

Inhaltsverzeichnis

Die Liebe hört niemals auf Erzählung

1. Kapitel Die Übergänge

2. Kapitel Die „Plauderstunde“

3. Kapitel Der Garten

4. Kapitel Die Baccara- Rosen

5. Kapitel Der Misanthrop

6. Kapitel Ewiger Frühling der Gefühle

7. Kapitel Die Stadt aus dem Himmel

Die Liebe erduldet alles Erzählung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

1. Kapitel

Die Übergänge

Es geschah an einem Spätsommertag oder auch Frühherbsttag, wie man ihn sich nicht schöner vorstellen konnte, dass ihm jener Einfall kam, der sein ganzes Leben noch einmal gründlich umkrempeln sollte.

Zum ersten Mal war er durch diesen Teil des Stadtparks gegangen, über schmale Holzbrücken, die einen Bach überquerten, über Kieswege und Rasenflächen, die jetzt mit kleinen braunen Birkenblätter bedeckt waren.

„Wie schade, Frieder,“ sagte seine Nichte mit einem Seufzer. „Der Sommer ist vorbei, morgen schon soll es kühler werden, der letzte warme Tag vielleicht.“ Einen Augenblick schwieg sie. Dann tröstete sie sich selber: „Dann freue ich mich eben schon auf den nächsten Frühling, er wird ja gewiss kommen.“

Ihre traurige Stimmung hatte sich auch ihm mitgeteilt, aber anders als sie, die schon im nächsten Augenblick wieder vergnügt und lebensfroh sein konnte, hielt bei ihm diese Stimmung immer länger an und es bereitete ihm Mühe, sich wieder daraus zu befreien.

Frieder Herz mochte seine Nichte, sie verband Sensibilität mit Lebensfreude, als sie ihn jetzt wieder einmal besucht hatte, wollte sie mit ihm unbedingt durch einen bestimmten Teil des Stadtparks in die Innenstadt gehen, diesen hatte er bisher noch nie betreten, und er machte sich dies jetzt zum Vorwurf, bevor er dann wie stets daraus für sich eine Lehre zog: Man konnte jahrelang meinen, mit etwas wie einer Stadt vertraut zu sein, und es doch nicht vollständig kennen – dies galt ja nicht nur für Orte, sondern auch für Menschen.

„Früher hast du dich doch auch immer auf die dunklen Novembertage gefreut,“ sagte er. Sie lachte. „Daran siehst du, auch ich werde älter.“

Sie blieben vor einem Kiosk stehen, wie zu Kontrast zum Frieden und der Schönheit im warmen, sonnendurchfluteten Park mit seinen Bäumen, Pflanzen und Gräsern schrien sie, die gerade ihr Zusammensein und den letzten Zauber des Sommers genießen wollten, die dort ausgestellten Tageszeitungen und Illustrierten mit ihren grausamen Schreckensmeldungen über Terroranschläge, Krieg und Zerstörung an: Wacht auf aus euren Träumen und seht, wie die Welt wirklich ist.

Es war eine zerrissene, seelenlose Welt, in der sie lebten, und diese Zerrissenheit spiegelte sich in seinem Herzen, Frieder Herz empfand sie schmerzhafter als andere, intensiver etwa als seine Nichte, deren unbeschwerte Lebensfreude und Aufgeschlossenheit für ihre Mitmenschen sie leichter die Negativseiten des Lebens ertragen oder übersehen ließ.

„Grüble nicht“, war eine ihrer Sätze, mit dem sie ihn auch jetzt wieder ermahnte, sich nicht zu tief und zu lange in sich selbst zu verkriechen. „Du lässt dir einfach immer alles zu nahe gehen“, sagte sie in energischem Ton, indem sie ihn unterhakte und von dem Kiosk wegzog. „Und es setzt sich alles immer so tief fest bei dir. Weißt du was, du gehst jetzt dort in das Café und wartest auf mich, ich will noch ein wenig shoppen, das will ich dir nicht zumuten, mich dabei zu begleiten,“ sagte sie, nickte ihm noch einmal aufmunternd zu und schon war sie in einem der Bekleidungsgeschäfte verschwunden.

Im Café bestellte er sich einen Cappuccino und beobachtete die Menschen, die auf dem Bürgersteig vorüberhasteten. Wie gerne hätte ich etwas von der Leichtigkeit meiner Nichte, wünschte er sich, einfach abschalten zu können, das wäre es doch. Aber immer wieder musste er nach Übergängen von der einen Welt in die andere, von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren, vom Unvollkommenen zum Vollkommenen suchen, diese Suche war ihm zutiefst mitgegeben, er konnte sie nicht loswerden.

Er suchte die Übergänge draußen und in seinem Inneren, manchmal meinte er, sie erahnen, ja fassen, erfassen zu können, dann aber entzogen sie sich ihm wieder, und dies – so sagte er sich – mussten sie ja auch, denn diese andere Welt musste ihm ja von dieser Welt aus verschlossen bleiben, denn andernfalls wäre es ja nicht mehr eine andere Welt. Er suchte die Übergänge zur unsichtbaren, seelischen, Geisteswelt umso sehnsuchtsvoller je inhaltloser, geistloser ihm die sichtbare Welt wurde.

Weil die Gesellschaft, in der er lebte, die ihn täglich umgab, mehr und mehr ihre Inhalte, die Dimension der Tiefe verlor und zu einer oberflächlichen, geistlosen Medien- und Informationsgesellschaft wurde, die sich mit „panem et circensis“ begnügte, mit Brot und Spielen, die mit einer Reduktion auf den Materialismus und mit einer oberflächlichen Unterhaltungsindustrie der Sinnfrage permanent auswich.

Und auch jetzt in diesem Augenblick wurde diese seine Sicht auf die Gesellschaft, in der er lebte, wieder bestätigte: Als er seinen Blick über die Menschen in dem Café schweifen ließ, sah er an allen Tischen Menschen, die den Nacken über ihr Handy gebeugt hatten, selbst wenn sie in Begleitung waren, und als er seinen Blick abwandte und auf die Straße hinaussah, stellte er fest, dass auch dort kaum ein Passant vorbeiging, der nicht mit seinem Handy oder Smartphone beschäftigt war.

Er musste kurz auflachen, bei aller Tragik über diese Massensucht hatte der Anblick sich verneigender Köpfe auch etwas Komisches an sich – sie dienten einem toten Götzen und merkten es nicht einmal. Und es schien ihm, je mehr dies geschah, je größer und schneller die Möglichkeiten wurden, sich gegenseitig zu informieren, um so inhaltsloser wurden diese Informationen, ja der Vermittlungsvorgang, der eigentlich nur dienende Funktion für die Inhalte haben sollte, wurde selbst zum Inhalt, ja zu einem Art Sinn- und Gottersatz, eine wahrlich teuflische Perversion des dem Menschen eingegebenen Suchens nach Wahrheit. In krassem Gegensatz zur materialistischen globalen Informations- und Spaßgesellschaft standen die Eruptionen von Hass und Gewalt zwischen den Völkern, oder war dieser vielleicht eine Kompensation für die Nichtbeachtung tieferer Gefühlschichten im Menschen, die nicht mehr wahrgenommen und verarbeitet wurden?

Sie zeigten zwar, dass die Sinnfrage nicht gelöst war, aber zu einer tiefgreifenden, globalen Neuorientierung führten sie nicht. Die Frage nach dem lebendigen Gott und seiner unsichtbaren, vollkommenen Welt kam nicht in den Blick. Die Suche nach tiefer, beständiger Freude wurde aufgegeben zugunsten einer Spaßgesellschaft, die sich durch Ablenkung und Vermeidung von der Sinnfrage hatte abbringen lassen, und die auf Gewaltausbrüche, Krieg, Terrorismus ohne wirkliche und wahrhaftige Aufklärung des „Warum“, der tieferliegenden Gründe nur pragmatisch und machtförmig reagierte. Die Frage nach Gott wurde nicht gestellt, wenn von ihm geredet wurde, dann so, dass er für die eigenen nur scheinbar religiösen, in Wahrheit machtförmigen Interessen vereinnahmt wurde. Offenbarungsurkunden wie die des Neuen Testamentes wurden in ihren Aussagen nicht mehr zur Kenntnis genommen, wenn, dann wurden sie angepasst an die eigenen Vorstellungen: Ein Kollege hatte ihm einmal gesagt, wenn überhaupt könne er mit dem Liebesgebot etwas anfangen, an einen persönlichen Gott, oder etwa an den richtenden, Menschen und Völker vernichtenden Gott des Alten Testamentes könne er nicht glauben.

Er hatte dann selbst die Aussagen Jesu in den Evangelien über Gott nachgeprüft und gefunden, dass diese sogar noch radikaler waren als die des Alten Testamentes, einen Sohn Gottes, der von Gott, seinem Vater zur Sünde gemacht und in die Gottverlassenheit des Kreuzes dahingegeben wurde, war ein Gericht, das nicht radikaler und furchtbarer sein konnte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, fragte der Mensch, der als einziger in vollkommenem Gehorsam seinem Gott und Vater gegenüber gelebt hatte.

Wenn selbst dieser das Gericht Gottes erfuhr, um wieviel mehr musste es die treffen, die aneinander und an Gott vielfach schuldig wurden.

Er hatte dann sogar ein Seniorenstudium an der Uni begonnen, um sein Theologiestudium, das er seinerzeit zwar beendet, aber nie beruflich umgesetzt hatte, insbesondere Altgriechisch und Neues Testament, aufzufrischen.

Jetzt, da er seine Praxis aufgegeben hatte, hatte er genug Zeit für solche Studien, und er hatte festgestellt, dass er nicht der einzige ältere Mensch war, der sich für Religion interessierte, es gab einige ergraute Häupter unter den jungen Studierenden.

Und wieder war es für ihn faszinierend, wie sehr doch die neutestamentlichen Texte immer wieder das traditionelle Gottesbild und Christentum in Frage stellten, so die Annahme, die Bibel spräche immer nur von dem „lieben Gott“, dessen „Beruf“ es sei, zu verzeihen, wie Heinrich Heine angenommen hatte. So fand er im Lukasevangelium die Erzählung von Menschen, die Jesus davon berichteten, dass der Statthalter Pilatus Galiläer beim Opfern hatte töten lassen. Die Reaktion Jesu: „Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle anderen Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen seien als alle anderen Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.“

Ohne Metanoia, so der griechische Begriff, ohne Sinnesänderung, die das ganze Denken und das innere und äußere Leben eines Menschen erfasste und neu auf Gott ausrichtete, hatte kein Mensch ein Lebensrecht mehr, durch die Sünde hatten alle dieses verloren, und nur durch Jesus und den Glauben an ihn war für jeden Menschen die Umkehr zu Gott möglich, so die vielfältige, aber letztlich einhellige Botschaft aller Zeugnisse und Zeugen des Neuen Testamentes, Frieder Herz hatte es mehrere Male und mit Hilfe verschiedener Kommentare gelesen.

Nur entschiedene und ganze Abkehr von allen verkehrten Wegen des Denkens, Fühlens, Redens und Handelns konnte allein retten vor ähnlichen Gerichten. Diese Umkehr, die Abkehr von den Sünden und Rettung aus dem Tod zum ewigen Leben geschah allein durch den Glauben an Jesus, Hoffnung auf die himmlische Herrlichkeit bei Gott gab es nur in der Lebens- und Glaubensgemeinschaft. Da diese Umkehr im ersterwählten Volk Gottes, in Israel, weitgehend nicht geschehen war, ja, weil sie ihn als ihren Messias verworfen hatten, kamen die Gerichte vierzig Jahre später über sie, als die Römer Jerusalem zerstörten.

Er merkte: Es war leichter zu sagen, welche Dinge den Weg in das ewige Leben und in die die vollkommene Welt versperrten als zu sagen, welche sie ermöglichten. Die Übergänge mussten auf jeden Fall mit Sehnsucht zu tun haben, mit Gefühl, mit Unsagbarem, nicht Vermittelbaren, denn Worte und Zeichen, ja Bilder dieser Welt, jede Form von Kommunikation war da ausgeschlossen, wo es um jene unsichtbare vollkommene Welt ging – ihr Geist, ihre Inhalte ließen sich nicht in dieser sichtbaren, sündigen Welt auffinden oder einfach in sie transponieren, denn dieser Vorgang hätte sie ja schon ihres Wesens beraubt.–

Er sah eine Wiese am Waldrand. Dort lag er mit dem Mädchen, in das er verliebt war und hatte alles vergessen, hinter sich gelassen bis auf ihre Zweisamkeit, alles in ihm und um ihn herum war hell, leicht, warm, der Boden unter ihm und der in seinem Herzen waren zu einer Einheit verschmolzen, das Glück war hier und jetzt, es waren Jahrzehnte seither vergangen, aber dies Bild hatte sich in seiner Seele festgebrannt, mit einer Urgewalt hielt diese es fest, so sehr auch die Zeit an ihm arbeiten wollte, es blieb unverändert. In dieser seligen Zweisamkeit kam er der Ewigkeit sehr nahe, aber dieser Übergang war ohne Erfahrung, alles eine Illusion, eine Einbildung einer überreizten Phantasie.

Aber war das wirklich ein Defizit, war es nicht vielmehr not-wendig für diesen Übergang zum vollkommenen Glück, dass alle Erfahrungen der unvollkommenen Welt nicht vorhanden waren oder nicht mehr vorhanden waren.

War vielleicht auch der Sinn der Erfahrung, die Quintessenz eines langen Lebens nicht der, durch Erfahrung gereift zu sein, sondern wieder Kind zu werden, wieder aus allem Irdischen zum Ursprung zurückzukehren, zu seinem eigenen Inneren, das bereits himmlisch gefüllt war und sich gegen und in den irdischen Erfahrungen behaupten musste – die Welt wird euch ein Himmelreich, hatte Johann Sebastian Bach vertont – und waren die Erfahrungen nur lästiges Geröll über der ursprünglichen Quelle, dies Geröll galt es, wegzuschaffen, um wieder an die ersten Urerlebnisse heranzukommen.

Nein, da war ein Fehler in seinem Denken, stellte Frieder Herz selbstkritisch fest, diese Rückkehr zum Ursprünglichen konnte keine Rückkehr zur Naivität sein, sondern geschah mit Einschluss der emotionalen und gedanklichen Verarbeitung seiner Lebenserfahrungen, denn auch der Erlöser war ja nicht über diese Erde geschwebt, sondern in alle Tiefen menschlichen Seins eingedrungen, er hatte zur Höhe nur durch den Weg in die Tiefe gefunden, er musste leiden, bevor er zum Sieg und zur Freude geführt wurde, vor seinem „Es ist vollbracht“ stand sein „Warum hast du mich verlassen“, standen seine Tränen und sein Schweiß, der wie Blutstropfen war wegen der Menschen und ihrer Nöte, denen er sich ausgesetzt hatte. Und nur die, die bereit waren, sich mit ihm kreuzigen zu lassen, hatten auch die Verheißung, dass sie mit ihm leben sollten. Dass das Kommen, Sterben und Auferstehen des Sohnes Gottes notwendig, weil allein die Not der Sünde wendend war, offenbarte Frieder Herz auch die Wahrheit, dass es keine Ursprünglichkeit, keine natürliche „Naivität“ mehr gab – auch nicht im ersten Verliebtsein, die grüne Wiese war ja nur erst ein Bild seiner Sehnsucht nach der „Himmelswiese“ gewesen, sie war noch nicht das Paradies, es war doch in Wahrheit eine Illusion, ja letztlich ein Irrtum – , weil durch die Sünde auch die Seele des Menschen und seine Sehnsucht nach Liebe verdorben worden war, nur der durch den himmlischen Geist Gottes Wiedergeborene, dessen Seele Gott gereinigt und geheiligt hatte, vermochte wahrhaft „ursprünglich“ zu leben, weil die Früchte dieses Geistes, weil die auch ihm hervorgehende Liebe, Freude und Demut nicht mehr natürlichen, irdischen, sondern himmlischen Ursprungs war. – Da er jetzt mit seinem Berufsleben als praktischer Arzt abgeschlossen hatte, hatte er Zeit, sich über sein bisheriges Leben tiefere Gedanken zu mache – dies war ihm in seiner beruflichen Tätigkeit nicht möglich gewesen, das, was ihm medizinisch und menschlich von seinen Patienten täglich in seiner Praxis und bei seinen Hausbesuchen abgefordert worden war, hatte ihn weder innerlich noch äußerlich zur Ruhe kommen lassen.

Und er erkannte: Hatte ihn sein Mitleid und seine Hilfsbereitschaft seinerzeit den Arztberuf ergreifen lassen, in dem er sich zwar auch um das seelische Befinden seiner Patienten, aber vornehmlich um ihre körperlichen Krankheiten gekümmert und für deren Heilung gearbeitet hatte, so wollte er sich nun um ihr gesamtes, Leib und Seele umfassendes Heil sorgen, dies aber – so hatte er jetzt erkannt – war ja nur dann möglich, wenn die Menschensorge auch die Seelsorge, den Gottesbezug miteinschloss.

Nicht im Sichtbaren, sondern im Unsichtbaren lagen die wahren und wirklichen, wirkenden Unheils- und Heilskräfte, ihnen wollte er auf den Grund gehen, darum - so wurde ihm immer klarer - sollte er nun, da er die nötige Zeit dazu hatte, zu Gesprächs- und Therapiestunden einladen, seine ehemaligen Praxisräume befanden sich in seinem Haus, er konnte sie jetzt einfach für den neuen Zweck weiterbenutzen, dass ihm dabei der Vertrauensvorschuss bei seinen früheren Patienten als ihr ehemaliger Arzt zugutekommen würde, war kein Fehler, sondern hatte indirekt auch mit dem zu tun, was er sich nun vorgenommen hatte: Mit anderen fragenden Menschen nach Übergängen in die jenseitige Welt Gottes zu suchen, sodass aus ihnen himmlisches Heil floss, das irdische Heilung mit einschloss, wenn auch auf gebrochene und unsichtbare Weise, in Demut und in Niedrigkeit und Verborgenheit, so dass es nicht wieder durch menschlichen Hochmut und oberflächlichen Materialismus missbraucht werden konnte.

Das bedeutete wohl für ihn konkret und persönlich „Metanoia“, umdenken, handeln nach Gottes Willen, er hatte bisher zu sehr auf das irdische, zeitliche Wohl der Menschen, die bei ihm Hilfe suchen, geachtet, nun sollte er sich auch um ihr ewiges Heil sorgen.

Frieder Herz beobachtete die Menschen, die draußen auf dem Bürgersteig vorüber eilten, die überwiegende Mehrheit betete den „Gott des Informationsgesellschaft“ an, wie er dies Phänomen bei sich benannt hatte, wenn Menschen fast dauerhaft den Kopf geneigt auf ihr Smartphone oder Handy starrten, sie waren in einer Enge gefangen, obwohl sie meinten, sie hätten so einen weiteren Blick in die Welt. Das erinnerte ihn immer wieder an ein Goethe-Zitat: Den Teufel spürt das Völkchen nie, selbst wenn er es am Kragen hätte. Mephistopheles sagte dies einst zu Doktor Faust in Auerbachs Keller, aber es galt heute so gut wie damals.

Und nun ereignete sich in seinem Leben wieder einer jener merkwürdigen „Zufälle“, die ihn die Suche nach jenen Übergängen von der sichtbaren in die unsichtbare Welt nicht hatte aufgeben lassen.

Bei seinem Blick aus dem Fenster des Cafés, an dem er saß, fiel sein Blick plötzlich auf einen Mann, der sich im Unterscheid zu den meisten anderen vorübereilenden Passanten sehr langsam fortbewegte, ja mitunter stehenblieb und wie gedankenverloren in sich hineinzuhören schien.

Er erkannte ihn sofort als den Ehemann einer Krebspatientin, die er bis zu ihrem Tod vor einigen Monaten ärztlich betreut hatte.

Er verspürte trotz seines gerade gefassten Entschlusses im Augenblick wenig Lust auf eine Wiederbegegnung, er würde sich wieder einmal die gesamte Krankengeschichte anhören müssen, und als er dies dachte, musste er fast über sich lachen, Theorie und Praxis fielen bei ihm wieder einmal auseinander, dies hatte ihm seine verstorbene Frau wiederholt vorgehalten, und sie hatte damit recht gehabt, und er hatte sich damit entschuldigt, dass der „Geist eben willig, aber das Fleisch schwach“ sei.

Aber hatte er nicht gerade eben noch in sich die Berufung dazu verspürt, eben nicht unbeteiligter Zuschauer wie jetzt hinter einer trennenden Glasscheibe zu bleiben, wie konnte er da in seinem Entschluss jetzt, da es zum ersten Mal um die konkrete Umsetzung ging, schon wieder wankend werden?

Es war für ein Ausweichen ohnehin bereits zu spät, und auch darin erlebte er wieder einen dieser Übergänge, dass ihm die Entscheidung zuletzt abgenommen wurde, dass ein höherer die Führung übernahm: Der Mann seiner ehemaligen Patientin hatte „zufällig“ aufgeblickt und ihn erfreut hinter der Fensterscheibe des Cafés wahrgenommen und ihm zugewunken.

Einige Minuten später stand er an seinem Tisch und fragte höflich: „Darf ich mich zu Ihnen setzen, ich bin so froh, dass ich sie getroffen habe.“

Er war ein bescheidener Mann von zurückhaltendem Wesen, Frieder Herz mochte ihn, er gehörte zu den Menschen, von denen es zu wenige gab, und die von anderen Unsensibleren immer wieder mit ihren Ellenbogen zur Seite geschoben wurden.

„Nehmen Sie Platz“, sagte er. Und ergänzte:

„Herr Reinfeld, nicht wahr?“. Der Name passte zu ihm, dachte er. Leise, sanft, bescheiden, von reinem Wesen, das war er wirklich.

„Sie kennen meinen Namen noch“, sagte Reinfeld, und er schien sich sichtlich darüber zu freuen, dieses kleine Zeichen von Beachtung tat ihm schon gut.

„Selbstverständlich“, sagte Frieder Herz. Und er ergänzte: „Und Matthias ist Ihr Vorname.“

Das war etwas, das er sich in seinem Beruf angeeignet hatte, um mögliche emotionale Defizite, die sein eher introvertiertes Wesen bei seinen Patienten hinterlassen konnten, auszugleichen, dass er sich irgendetwas Besonderes aus ihrer Vita merkte, um es bei Gelegenheit zu erwähnen. So konnte er sie spüren lassen, dass er Interesse an ihnen hatte.

Sonst – das wusste er – wirkte er oft eher kühl und zurückhaltend, aber dies war nur der äußere Schutz, den er aufbaute, um sein intensives, reiches Innenleben, das wegen seiner hohen Sensibilität durch starke äußere Eindrücke immer wieder in hohem Maße aufgeregt wurde, zu schützen. Seine Anteilnahme für seine Patienten ging immer sehr tief, sodass er sie oft hinter scheinbar allgemeinen Redewendungen und Floskeln versteckte, sie spielte sich in seinem Inneren ab, nach außen wirkte er mit seiner schlanken Gestalt, sensiblen Gesichtszügen und hoher Stirn eher wie ein vergeistigter, etwas abwesender Intellektueller, dieser Eindruck hatte sich in seinem Alter mit zunehmender Stirnglatze und starken Brillengläsern noch verstärkt.

Die Kellnerin erschien.

„Was darf ich Ihnen bringen?“ fragte sie.

Einen Augenblick zögerte Reinfeld, dann fragte er: „Haben Sie Marzipantorte?“

„Und wie wir die haben,“ antwortete die Kellnerin, sie hatte eine burschikose, dabei aber mütterliche Art, war mittleren Alters und von kräftiger Gestalt, ihr Haar hatte sie zu einem Knoten zusammengebunden, sie ging sichtlich in ihrem Beruf auf.

„Das ist eine unserer Spezialitäten.“

Als sie gegangen war, glaubte Reinfeld, sich entschuldigen zu müssen.

„Seit meine Frau mich verlassen hat, ich meine, seit sie verstorben ist, suche ich scheinbar etwas Trost im Süßen.“

Es war ein Freud´scher Versprecher, dachte Frieder Herz, er hat tatsächlich den Tod seiner Frau so empfunden, als habe man ihn damit treffen wollen, ihm etwas böswillig genommen. Und ist sein Wunsch nach Ausgleich durch Süßigkeiten nicht eine verständliche Sucht, eine „Suche“ nach etwas, das er verloren hatte. Und offenbarte sich nicht auch in diesem Ersatz nur wieder, wie sehr beim Menschen Seelisches und Leibliches zusammengehörten?

„Ich muss noch einmal mit jemandem über alles sprechen, was meine Frau durchgemacht hat, da sind Sie wohl der beste Gesprächspartner, Herr Doktor,“ sagte Reinfeld. Und dann ergänzte er: „Wenn ich Ihnen nicht lästig bin?“

Ja, dachte Fieder Herz, das ist er mir wohl, und doch ist es ja auch richtig, dass er mich anspricht und mich für die seelische Verarbeitung der Krankheit und des Todes seiner Frau in Anspruch nimmt, und es ist ja auch wie die Antwort aus der anderen Welt, dass er mir gerade dann begegnet, als ich mich entschlossen habe, mich nicht auf mich selbst zurückzuziehen, sondern mich weiter um die Menschen zu kümmern, nun nicht auch in erster Linie um ihre körperlichen, sondern mehr um ihr psychischen Nöte und Probleme.

Das kann jetzt kein Zufall sein, und wenn doch, dann eben in dem Sinn, dass mir hier etwas aus jener unsichtbaren, anderen Welt zufällt, einer jener Übergänge zu ihr, nach denen ich suche.

„Wie geht es ihnen, Herr Reinfeld“, es war die Frage, mit der er in der Regel seine Patienten empfangen hatte. Reinfeld schwieg eine Weile, er war ein bedächtiger, zurückhaltender Mensch, der sich über alles tiefere Gedanken machte, besonders über das Leid, das seine Frau und mit ihr ja auch ihn getroffen hatte.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum es gerade sie getroffen hat, sie war so ein fröhlicher, liebevoller Mensch, für alle war sie voller Anteilnahme, sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse hat sie immer zurückgenommen.“ Ja, dachte er, vielleicht war ja genau dies der Grund, warum der Krebs bei ihr ausgebrochen war, weil sie sich ohne Selbstschutz einfach mit ihrem Mitgefühl und ihrer Hilfsbereitschaft von anderen hatte ausnutzen lassen, ohne an ihre eigene Gesundheit zu denken.

Sie hatte ehrenamtlich in einem Krankenhaus gearbeitet, ihr Mitgefühl hatte sie jedes Mal schutzlos dem Sterbeprozess der Betreuten ausgeliefert, sie war gleichsam immer mitgestorben. Einmal hatte er mit ihr darüber gesprochen und sie auf die notwendige Distanz als Selbstschutz hingewiesen, aber sie hatte gesagt: „Das ist lieb von Ihnen, Herr, Doktor, dass Sie mich darauf aufmerksam machen. Aber ich kann nicht anders, ich bin eben so, ich leide jedes Mal mit, wenn ich einen anderen Menschen leiden sehe.“

Einen Augenblick hatte sie geschwiegen, dann lächelnd wie entschuldigend gesagt: „Und wenn ich dann spüre, dass ich ein wenig trösten konnte, freue ich mich, das wiegt doch allen Schmerz auf.“

„Ja,“ sagte Frieder Herz und winkte dabei der Kellnerin. „Ich muss ihnen Recht geben, das Leben ist ungerecht, das hatte Ihre Frau nicht verdient. Trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir und erzählen Sie mir von ihrer Frau. Ich habe Zeit, ich bin jetzt in Rente.“

„Ich weiß“, sagte Reinfeld, „aber ich will Ihnen nicht auf die Nerven gehen mit meiner Trauer.“

Er war so bescheiden wie es seine Frau gewesen war, sie hatten gut zueinander gepasst, so wie auch ihr Namen „Rein“ - Feld genau das beschrieb, was sie ausstrahlten: Eine Reinheit ohne Hintergedanken, es war wirklich ein tragisches Unglück, dass sie beide so früh durch den Tod getrennt wurden.

Er selber hatte Ähnliches erlebt wie Reinfeld, auch seine Frau war schon in jungen Jahren verstorben.

„Tun Sie nicht,“ beruhigte Frieder Herz ihn. „Wie viele Jahre waren Sie eigentlich verheiratet?“

„Dreizehn Jahre,“ antwortete Reinfeld. „Sie glauben doch nicht, dass es mit der Unglückszahl zusammenhängt, dass sie gerade in unserem dreizehnten Ehejahr verstorben ist.“

Frieder Herz schüttelte den Kopf.

„Aberglauben kann man mit dem Glauben überwinden, und ich glaube, Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebenden“, zitierte er ein Wort Jesu. „Ihre Frau lebt, Herr Reinfeld, nur jetzt auf eine andere Weise.“

Plötzlich merkte er, dass seine neue Tätigkeit als „sympathischer“, einfühlsamer Therapeut nicht zu der förmlichen Anrede des „Sie“ passte, ohne menschliche Nähe war hier kein Heilungsprozess möglich, auch wenn viele Psychologen zu dieser Distanzierung rieten, aber um seine Ziele zu erreichen, musste Frieder Herz sich ähnlich persönlich einbringen und hingeben wie es zu ihren Lebzeiten die Frau seines Gegenübers getan hatte.

Und war es nicht auch so bei seinem großen Vorbild gewesen, der sich in seinem Leben und Sterben ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben für andere hingegeben und dabei auch sein Leiden und Sterben in Kauf genommen hatte? –

„Onkel, Du grübelst ja schon wieder“, hörte er plötzlich die Stimme seiner Nichte neben sich, sie war vom „Shoppen“ zurückgekehrt und stand nun bepackt mit einigen Tüten vor seinem Tisch. „Onkel“ nannte sie ihn immer nur dann, wenn sie meinte, ihn ermahnen zu müssen, sonst war er „ihr Manuel“ und sie „seine Christine“.

„Christine“, erwiderte er, „diesmal war das Grübeln nicht ergebnislos. Ich habe einen Entschluss gefasst und ihn dann auch gleich umsetzen können.“

Sie sah ihn fragend an und sagte dann: „Tut mir leid, dass ich dich so lange habe warten lassen. Hast du dich nicht gelangweilt so allein?“

Er lachte und schüttelte den Kopf. „Ich war nicht allein, ich hatte Besuch von einem meiner ehemaligen Patienten.“

„Ach du liebe Zeit,“ bedauerte sie ihn. „Lässt man dich noch immer nicht in Ruhe?“

„Es war schon in Ordnung“, beruhigte er sie.

„Er kam sozusagen wie gerufen.“

Er hatte sich über eine Stunde mit Reinfeld unterhalten, er hatte ihn dann zu einer Therapiesitzung am nächsten Montag in seine Praxisräume eingeladen.

Er winkte jetzt der Kellnerin, nachdem er bezahlt hatte, blieb sie noch an seinem Tisch stehen und sagte: „Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?“

Frieder Herz nickte. „Ich habe eben etwas von Ihrem Gespräch mit dem anderen Herrn mitbekommen, dass Sie ihn in Ihren Gesprächskreis eingeladen haben, da würde ich gerne dabei sein.“

Frieder Herz war etwas verwundert, sie wirkte nicht wie eine Frau, die über Einsamkeit und mangelnde Kontakte zu klagen hatte, und er sagte ihr dies auch.

Sie lachte. „Natürlich nicht, aber der Herr tat mir leid, und ich würde Ihnen gerne dabei helfen, ihm und anderen neue Lebensfreude zu geben, ich glaube, das ist so ziemlich meine wichtigste Lebensaufgabe.“ –

Zu Hause setze Frieder Herz sich zuerst wieder einmal vor die Fotografie seiner verstorbenen Frau, es war ein Ritual, das er jeden Tag mindestens einmal vollzog, und sprach mit ihr, und jedes Mal wurde sie in seinem Herzen lebendig, die engelhaft zarte Schönheit ihres Gesichtes überwältigte ihn immer wieder.

Er hatte erkannt: Alles wahrhaft Schöne ist liebenswert und alles Liebenswerte ist schön, wahre Schönheit und wahre Liebe wollen beide

Ewigkeit, wollen und sollen nicht wie die Erde vergehen, nicht zur Hölle fahren, sondern in den Himmel kommen. Friedrich Nietzsche hatte geschrieben: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Wie schade, dachte Frieder Herz, dass der Pfarrerssohn Nietzsche Gott für tot gehalten hatte, dass ihm die unvergängliche Freude verborgen geblieben war, die dadurch möglich und wirklich geworden war, dass einer das ganze Weh und Vergehen und Zerstören dieser Welt durchlitten und in ewiges Heil verwandelt hatte für die, die an ihn glaubten:

Jesus, der Retter, der Heiland, der Sohn Gottes, den Gott selbst aus Liebe zu seinen Menschen gesandt hatte, damit sie nicht verloren und die Hölle, sondern ins ewige Leben in den Himmel kommen. Dies Heil sollte er nun individuell und mit seinen besonderen Begabungen den Menschen bringen, die nicht nur an ihrem Körper, sondern an ihrer Seele krank geworden waren. So, dachte Frieder Herz, sollte er im Gegensatz zu seinem Namensvetter, der Gott geleugnet hatte, als Friedensstifter wirken und die wahre Bedeutung seines Vornamens verwirklichen.

Beim Betrachten des Bildes seiner verstorbenen Frau versank er wieder in ihren strahlenden Augen, die ihn so liebevoll anblickten, die reine Schönheit ihres Gesichtes, ihre sanften Augen berührten ihn wieder zutiefst in seiner Seele, und er spürte:

Ewigkeit ist ein immer gleichbleibendes lebendiges Fühlen der Liebe und des Glücks, das sich nie verbraucht, sondern immer frisch bleibt, in ihm ist keine Zeit, die vergeht, nein, in einem Augenblick, der nicht vergeht, ist alle Ewigkeit zusammengefasst, dieses Wunder hatte sie ja für sich immer gewünscht, alt zu werden und jung zu bleiben, dass es sich jetzt auf diese Weise erfüllte, hatten sie beide nicht gedacht, aber ihrer beider Schöpfer, der ja auch der Schöpfer ihrer Liebe war, hatte es so bestimmt, und er hatte ihnen damit bereits einen Vorgeschmack auf den Himmel gegeben, dass sie jetzt in ihrer himmlischen Liebesehe bereits Gott als ewige Quelle der Liebe erfuhren, die nie durch die Vergänglichkeit der Zeit zu einem wegfließenden oder stehenden Wasser wurde, sondern die ein breiter, endloser ewiger Strom war, ihre Liebe blieb immer im Status nascendi, immer frisch, immer ein göttliches Wunder.

2. Kapitel

Die „Plauderstunde“

Frieder Herz hatte in der Begegnung mit Menschen immer wieder festgestellt, dass Lebensweisheit – besonders als Herzensweisheit und Gotteserkenntnis – nicht an den Intellekt und die Bildung eines Menschen gebunden war. Gut und gern erinnerte er sich immer wieder an jenen älteren Rentner Helmut Diemel, mit dem er auch über religiöse Themen ins Gespräch gekommen war, und als sie bei der Theodizee-Frage, nach der Gerechtigkeit Gottes bei aller Ungerechtigkeit in dieser Welt angelangt waren, hatte dieser einen Satz gesagt, den er nie mehr vergessen hatte, er war für ihn zu einem Art Schlüssel zum Eingang in jene Übergänge geworden, nach denen er suchte:

„Wenn Sie mich fragen, warum Gott all das Unrecht und Leid in dieser Welt noch zulässt, Herr Doktor, dann kann ich nur sagen: Damit wir die Sehnsucht nach dem Himmel nicht verlieren“.

Die Rechnung ging nicht auf, wenn man allein von der Existenz dieser Welt ausging, dann konnte Gott möglicherweise doch tot sein, denn am Sieg der Gerechtigkeit und des Friedens und der Liebe war er nicht erkennbar. Sein Heil ging im Wohl dieser Welt nicht auf, „hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen“ zitierte der bibelkundige Rentner den Apostel Paulus.

„Nein, uns wird es nicht anders ergehen wie dem, dem wir nachfolgen: Dadurch, dass wir mit ihm an und in dieser Welt leiden, werden wir auch mit ihm leben und herrschen in der neuen, gerechten Welt Gottes. Vor seinem Angesicht werden einmal diese alte Erde und der alte Himmel fliehen und es wird keine Stätte mehr für sie gefunden.“

Frieder Herz bewunderte seine Bibelfestigkeit, sie war nicht etwa nur angelesen, sondern kam ihm aus dem Herzen, er war Laienprediger in einer christlichen Gemeinschaft, der er „am Wort diente“, wie er sich ausdrückte, und es gab für Frieder Herz keinen Zweifel, dass er auch Helmut Diemel zu seinen Therapiesitzungen einladen würde.

In seinem Beruf als Handelsvertreter hatte er sich ein zuvorkommendes Verhalten angewöhnt, das für Frieder Herz oft an Servilität grenzte, aber vielleicht war diese Unterwürfigkeit auch Teil seines angeborenen Charakters, den er in seinem Beruf auslebte, um Kunden und in seinem Ehrenamt als Prediger Seelen zu gewinnen. Allerdings wäre es verfehlt gewesen, hätte man ihm Bigotterie vorgeworfen, seine Frömmigkeit war keineswegs aufgesetzt, seine Bibelworte waren keine bloßen Zitate, nein, sie kamen ihm irgendwie doch von Herzen, das hatte Frieder Herz sogleich gespürt.

Seinerzeit war er wegen Bluthochdruck, den er auf den dauernden Druck in seinem Beruf zurückführte, zu Frieder Herz gekommen war, jetzt war er Rentner und suchte nach weiteren Betätigungsmöglichkeiten, mit denen er seine Zeit ausfüllen konnte, hier im Austausch mit anderen Menschen konnte er seine Gedanken, die er sich über Gott und die Welt gemacht hatte, an den Mann und an die Frau bringen. „Plauderstunde“ – so nannte Frieder Herz das Treffen, zu dem er nun Interessierte aus der Schar seiner ehemaligen Patienten einlud, der Name sollte das Niederschwellige seines Therapieangebotes wiedergeben.

Mit ihm ging er nun auf einem Weg, den er einst begonnen, dann aber zugunsten eines anderen abgebrochen hatte: Da er sich nicht sicher war, welchen Berufsweg er einmal einschlagen werde, auf jeden Fall aber den tiefen Wunsch in sich verspürte, anderen Menschen zu helfen, hatte er zunächst Theologie und danach Medizin studiert und sich schließlich dafür entschieden, zunächst Menschen in ihren körperlichen Nöten und dadurch möglicherweise auch seelisch zu helfen.