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Camilos Vater arbeitet zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur als Folterarzt. Sein Job ist es, die Gefolterten länger überleben zu lassen. Eines Tages bringt er ein Waisenkind namens Cosme mit nach Hause. Cosme ist etwas älter als Camilo, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, genau weiß er es nicht. Er zeigt dem wohlbehüteten Camilo eine völlig neue Welt hinter den Toren des Grundstücks. Die beiden Jungen verlieben sich ineinander, bis ein Gewaltakt ihre zarte Intimität zerstört und Camilos Leben für immer verändert. Als Camilo Jahrzehnte später in seine Heimatstadt zurückkehrt, wird er von seiner ersten Liebe und dem langen Schatten der Militärdiktatur heimgesucht. Bei der Durchsicht alter Unterlagen stößt er auf ein schreckliches Geheimnis seines Vaters ... Victor Heringers Roman ist eine prägnante und schonungslose Analyse der brasilianischen Gesellschaft, die ihre eigene Vergangenheit nie richtig aufarbeiten konnte, und eine fließende, queere Coming-of-Age-Geschichte. Gekonnt führt er uns vor Augen, dass jedes kollektive Trauma aus der Summe individueller Schreckenserfahrungen besteht. Zadie Smith über ›Die Liebe vereinzelter Männer‹: »Wenn man etwas wirklich Neues liest, ist es stets schwer, es zu beschreiben. Und am Ende gibt man sich mit Vergleichen zufrieden. ›Die Liebe vereinzelter Männer‹ ist wirklich ein einzigartiger Roman. Heringer schreibt genial wie Cortázar oder Nabokov, elliptisch wie Grace Paley, lustig wie Donald Barthelme. Wenn man dieses Buch beendet hat, möchte man sofort den jungen Mann treffen, der es geschrieben hat, ihm kräftig die Hand schütteln und ihm zum Beginn einer glänzenden Karriere gratulieren. Aber Victor Heringer ist weg. Er hat dieses schöne Buch zurückgelassen.«
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Die Liebe
vereinzelter Männer
Victor Heringer
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Maria Hummitzsch
MÄRZ
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Eine Sonne im Haus
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Danksagung
Glossar
Abbildungsnachweise
Kaum auf der Welt, schon schreit das Kind
Da sein Geist es sicher weiß
Eine Weile nur, dann geht der Tag
Ein Weile nur, dann liegts im Grab
Kitty Smart, Der IrreHymns for the Amusement of Children (1771)
Tausend ungeborene Augen weinen über sein Leid
Antinoos ist tot, ist tot auf immer
Fernando Pessoa
Die Temperatur dieses Romans liegt immer über 31° C.
Die relative Luftfeuchtigkeit beträgt: nie weniger als 59 %.
Wind: kaum je mehr als 6 km/h, ganz gleich welche Richtung.
Das Meer ist sehr weit weg von diesem Buch.
Zu Anbeginn war unser Planet heiß, gelb und stank nach schalem Bier. Der Boden war verdreckt von kochendem, klebrigem Schlamm.
Die Randbezirke von Rio de Janeiro waren das Erste, was in die Welt kam, noch vor Vulkanen und Pottwalen, noch bevor die Portugiesen einfielen und bevor Getúlio Vargas den Bau von Sozialwohnungen befahl. Queím, wo ich geboren und aufgewachsen bin, ist so ein Randbezirk. Eingezwängt zwischen Engenho Novo und Andaraí entstand das Viertel aus dem Urlehm, der sich in verschiedene Formen fügte: frei herumlaufende Hunde, Fliegen und Hügel, einen Bahnhof, Mandelbäume, Bretterhütten und Stadthäuser, Kneipen und Munitionsdepots, Kurzwarenläden, Jogo-do-Bicho-Stände und ein riesiges, für den Friedhof reserviertes Stück Land. Aber noch war alles leer: Es fehlten die Menschen.
Doch sie ließen nicht lange auf sich warten. Auf den Straßen sammelte sich so viel Staub, dass dem Mensch keine andere Wahl blieb, als in Erscheinung zu treten und sie zu kehren, sich am späten Nachmittag auf die Balkone der Häuser zu setzen und über die Armut zu jammern, über andere zu lästern, auf die sonnengewaschenen Bürgersteige zu schauen, und auf die von der Arbeit zurückkommenden Busse, die alles wieder verdreckten.
In einem meiner Schulbücher stand, dass es in der Nähe der heißesten Regionen der Erde ein Volk gab, das die Sonne verwünschte. Die Männer schrien jeden Tag fünf Mal fluchend zu ihr hinauf, und wenn die Nacht anbrach, beteten sie froh. Sobald die Frauen die ersten Strahlen sahen, bedeckten sie ihre Häupter und Augen mit einem bloßen Tuch, so wie sie es taten, wenn sie ihre Toten begruben, und erst in der Abenddämmerung legten sie es wieder ab. Wegen der Sonne waren diese Menschen schwarz, und ihr Kontinent hieß Afrika.
Obwohl ich fast weißgrün aussehe, bin ich ein Sohn jenes Volkes. Von klein auf habe ich die Sonne gehasst, aber mein ganzes Leben bin ich von ihr abgeleckt worden wie ein Welpe. Inzwischen habe ich mich an ihre Anwesenheit gewöhnt, in manchen Momenten glaubte ich sogar, sie zu lieben, aber nein: Ich hasse die Sonne. Ich verfluche sie jeden Tag fünf Mal.
In den Ferien 1976 war ich dreizehn Jahre alt. Der Sommer hatte noch nicht einmal richtig begonnen, und meine Haut schälte sich schon zum dritten Mal. Meine Arme und Schultern, von winzigen Bläschen überzogen, würden schon bald Hautspäne fallen lassen. Meine Nase bekam eine weitere verbrannte Schicht. Mein gerösteter Kopf ließ nicht zu, dass ich mir die Haare kämmte. Mein Rücken ließ nicht zu, dass ich schlief. Es war fast Mittag.
Wir waren schon seit dem Morgen am Pool. Joana, meine kleine Schwester, tauchte, plantschte und lachte, nur mit einem Bikinihöschen bekleidet, obwohl ihre Brustwarzen schon hervorstanden. Ich konnte nicht schwimmen, ich musste am Rand sitzen, die Füße im Wasser und die Oberschenkel auf dem heißen Granit, und mitansehen, wie die Sonne langsam den Schatten auf dem Boden wegaß. Maria Aína saß im zweiten Stock auf dem Balkon und passte auf uns auf, während sich Paulina, die Hausangestellte, um das Essen oder den Staub kümmerte.
Meiner kindlichen Berechnung nach musste Maria Aína 279 Jahre alt sein. Sie war eine der Nachbarinnen, die auf uns aufpasste, wenn Mama sie darum bat. (Ob sie Geld dafür bekam, weiß ich nicht.) Sie war hier in Queím geboren, sie lebte hier und starb hier in einer Hütte, die es schon gegeben hatte, als das Viertel noch eine Fazenda gewesen war. Sie hatte Rio nie verlassen – der weit entfernteste Ort, den sie je in ihrem Leben besucht hatte, war Jurema, wo die Seelen der Indios weilen.
Sie stieß beim Atmen lange Pfeiftöne aus wie ein altes Tier und hatte die Geburt jedes lebenden Menschen miterlebt, sogar die meines Vaters. Extrem dünn und die Tochter von Sklaven, sprach sie in der Sprache der Ururgroßeltern, wenn sie nicht wollte, dass man sie verstand. Sie schaute auf grüne Früchte, und schon waren sie reif. Am St. Kosmas- und St. Damianstag machte sie Doce de Abóbora und brachte sie uns noch warm. Den Geschmack habe ich nie vergessen, außen knusprig und innen sandige, fleischige Creme. Wir waren die Ersten, die die Leckereien essen durften, gleich nach den Erês: Ihnen stellte sie eine volle Schüssel in den Wald. Die Gaben verdorrten und verschwanden. So ernähren sich die Geister.
Maria Aína hatte mich gern, weil ich genau wie sie mit der Nabelschnur um den Hals geboren war. Jahre später, wenige Tage vor ihrem Tod, sagte sie zu mir: »Wer auf diese Weise geboren wird, steht immer im Vorzimmer der Gefahr, Camilo.«
Joana kam zum Rand und bespritzte meine verbrannten Schenkel, damit sie nicht so schmerzten. Sie kletterte aus dem Pool und schützte mich mit einem Sonnenschirm. Ich erinnere mich gut an das Gesicht, das sie machte, wenn sie sich um mich kümmerte: ein angespanntes Lächeln, schüchtern, wegen ein paar fehlender Zähne, die Augenbrauen in einer traurigen, festlichen Form, weil ich nicht so gut zu Fuß war wie sie. Mein Bein ist schwach. Monoparese der linken unteren Extremität. Verkrüppelt, ja, aber nicht schlimm. Mit fünf ging es schon humpelnd, mit acht an Krücken.
In den Ferien versteckte ich die Krücken und benutzte eine Art Hirtenstab aus Guavenbaumholz, der fast so groß war wie ich und an der Spitze gebogen. So fühlte ich mich wild, ein Wanderer oder ein Schamane, wie ein normaler Junge. (Die meiste Zeit musste ich mich mit beiden Händen festhalten.) Dasselbe Stück Holz dient mir heute als Stock. Auf ihn gestützt bin ich alt geworden. Er gehörte irgendeinem Verwandten von Maria Aína, sie hat ihn mir geschenkt. Wer ihn gemacht hat, weiß ich nicht, aber er zählt zum Liebsten, was ich habe. Wenn es weich ist in mir, kann ich in allem, das aus diesem Holz gemacht ist, eine Seele spüren.
Ich bekomme keine Guaven herunter.
Joana sprang erneut ins Wasser. Lustlos schwamm sie ein paar Züge und kam wieder zu mir zurück. Sie grinste und entblößte ihre kleinen Zähne.
Dieses Grinsen kannte ich: Sie wollte mir etwas erzählen. Meine Schwester schämte sich wegen ihrer Zahnlücken zu Tode, aber sie grinste, wenn sie ein Geheimnis verraten oder erfahren wollte. Sie grinste, um zu zeigen, dass auch ihr Mund frei von Mysterien war, dass ihre Zunge niemandem Schaden zufügen würde. Sie war ein offenes Mädchen. (Als unsere Mutter Anfang der Nullerjahre starb, grinste Joana breit, danach überbrachte sie mir die Nachricht.)
»Mama hat die Pflanzen nicht gegossen, sie hat sie heute wieder nicht gegossen«, sagte sie und sah mich an wie eine Detektivin. Zum Beweis kletterte sie aus dem Pool, hüpfte zu dem kleinen Garten und kam mit Farnblättern zurück. Ich zwickte eines, das zwischen meinen Fingern zerfiel. Die Sonne hatte Mutters Garten versengt. Anscheinend hatte sie ihn seit Wochen nicht gegossen.
Joana fragte mich etwas mit den Augenbrauen. Ich antwortete mit einem Fischmund. Sie seufzte und ahmte die Erwachsen nach, stemmte die Hände in die Hüften und verdrehte die kleinen Augen. Sie wusste viel mehr als ich, und trotzdem wusste sie nichts.
Ich hatte nur eine Sorge: Wenn die Pflanzen vertrockneten, würden sie bald gelb werden. Wenn sie gelb wurden, war der Herbst vor seiner Zeit gekommen und der Sommer vorbei. Ohne Sommer würde es auch keine Sommerferien geben. Dann würden wir wieder in die Schule gehen müssen.
Wir hatten keine Ahnung von der Krise, die die Ehe unserer Eltern seit Monaten traf. Wir wussten nicht einmal, wer das Land regierte. Wir lebten unter der eigenartigen Diktatur der Kindheit: wir sahen, ohne zu erkennen; wir hörten, ohne zu verstehen; wir redeten, und keiner nahm uns ernst. Aber wir waren glücklich unter dem Regime. Der Stoff unserer kleinen Leben war dunkel und verbarg uns völlig, eine Burka ohne Augen.
An diesem Tag kam es zum ersten Riss. Vaters Wagen war laut zu hören. Das Licht würde in unser Versteck eindringen. Brumm-Brumm, schon bog der Ford Corcel um die Ecke. Er hielt vor dem Tor und brüllte wieder, Wrumm-Wrumm, und verlangte, eingelassen zu werden. Niemand ging hin und öffnete ihm. Mutter tauchte auf der Veranda auf, wechselte ein paar Worte mit Maria Aína, machte den Eindruck, als würde sie bleiben, aber ging wieder hinein. Vater, der über das Eisentor kletterte, sah sie nicht. Er hielt am Pool, hupte, und die Sonne knallte mitten auf die phlegmatisch-gelbe Karosserie des Corcels, mitten in unsere Augen.
Maria Aína richtete sich Stück für Stück auf, ihr Skelett schwerfällig und schlaff, und schaute von oben zu uns herunter. Joana brachte mir meinen Stock und half mir hoch, ihr zahnloses Lachen wollte wissen, was Vater uns wohl mitgebracht hatte, denn von Reisen kam er immer mit Geschenken zurück. Er stieg aus dem Wagen, schlug die Tür zu und rückte schnaufend die Hose zurecht. Eine Hitze. Mit abgestelltem Motor schnurrte der Corcel asthmatisch, bevor er in Schlaf verfiel. Meine Schwester kreischte kurz und wickelte sich schnell in ein Handtuch.
Erst da sah ich seinen Kopf, eingerahmt von der Heckscheibe: den kahl rasierten Kopf eines Jungen, der so sehr Junge war wie ich.
Nur hatte ich den Kopf voller Haare, und ich war nicht milchkaffeefarben wie er. Im Sommer war ich rot, und im Winter weißgrün. Sein Schädel muss immer diese ewige Dazwischenfarbe gehabt haben, Farbe von Nichts mit wässriger Milch. Er sah stark aus, ich war dünner, gebrechlicher, lahm. Doch sein Blick war schwach, wie der Hals von einem Vogel, von einem Tierjungen, das in einer Mausefalle steckt.
Mein erster Impuls war Hass. Ich wollte ihm die Augen ausstechen, ihn vom Erdboden verschwinden lassen. Keine Ahnung, warum. Hass hat weder Grund noch Zweck. Liebe hat einen Zweck, Hass nicht. Liebe dient der Erhaltung der menschlichen Spezies, schützt vor Unfruchtbarkeit und schlimmster Einsamkeit. Hass ist größer, hat mehr Tentakel und spricht mit mehr Mündern als die Liebe. Liebe ist eine physiologische Funktion, Hass ist eine erhabene und wütende Gier. Er ist der Grund dafür, dass wir die dominante Spezies auf dem Planeten sind. Hass ist die Durchsetzung unserer Art.
Ich hasste die Stimme, mit der Vater sagte: »Komm schon raus, na los«, und ich hasste, wie langsam sich der Junge durch die angelehnte Wagentür schob, ich hasste seinen Namen – »Das ist Cosme«, sagte Vater –, ich hasste das babyblaue T-Shirt, das er trug (sicher von Vater gekauft), und wie er sich unbeholfen unter die Flügel meines Vaters flüchtete, der ihn aufnahm mit seiner riesigen Hand. Ich hasste mit uraltem Hass, in einer Sprache, die nur Maria Aína gekannt haben dürfte und die ich nie entschlüsselt habe.
Das Handtuch um die nackten kleinen Brüste gewickelt, ging meine Schwester hochmütig auf den Jungen zu, schaute ihm mitten auf den Mund und sagte verwundert Hallo. Er hallote zurück, das Kinn auf die Brust geklebt, und ich hasste seine verschreckte Stimme. Sie sagte, sie heiße Joana, und reichte ihm die Hand. Er griff danach und verbeugte sich dabei wie ein Kavalier. Vater harharlachte über die kleinen Erwachsenen und schaute mich an, noch immer Lachtränen in den Augen. Da erst wurde mir bewusst, dass ich nur in Badehose dastand, verwundbar, fast nackt – auf den Stock aus Guavenbaumholz gestützt – wie ein grässlicher Affe.
Wahrscheinlich wurde ich verlegen, denn ich bildete mir ein, die Stimme meiner Mutter zu hören. Von drinnen rief sie meinen Namen. Ein gewöhnliches Rufen, als ob sie mich dazu bringen wollte, dass ich einen neuen Schlafanzug probiere oder einen Hustensaft mit Kirschgeschmack, der schmeckte und den ich ohne zu murren trank. Selbst wenn ich es mir nur einbildete, war ihr Rufen ein unwiderstehlicher Magnet, sehr viel mächtiger als die Angst, die Vaters Stimme in mir auslöste, die gewaltig war, deutlich größer als ein ganzes Viertel. Ich musste gehen. Ich entschuldigte mich, ohne zu dem Neuen zu schauen und humpelte in Richtung Herrenhaus. Vater versuchte nicht, mich aufzuhalten. Ein Sohn gehört der Mutter.
»Sag ihr, dass wir da sind.«
Ich drehte mich zu ihnen um und beschirmte mit der Hand meine Augen, um sie vor der verfluchten Sonne zu schützen. Da fragte ich, ob der Junge unser neuer kleiner Bruder sei. Ich fragte, um zu verletzen. Vaters Gesicht zog die Aufmerksamkeit aller anderen Gesichter auf sich.
Er setzte an, es zu erklären, aber letztlich erklärte er nichts. »Er ist … nein, also …« Cosme klebte an diesem Satzanfang. Sein Mund stand offen, als würde er zum ersten Mal einen goldglänzenden Rosenkäfer sehen.
Rua Enone Queirós, ehemals Avenida Suaçu 47. Die Adresse meines Zuhauses aus Kindertagen. Zwei Etagen, vier Schlafzimmer, ein En-suite, sechs Badezimmer. Wohnzimmer und Esszimmer, Veranden, Dienstmädchenzimmer. Ein großer Garten mit Pool. Ein Avocadobaum, eine Palme (die Palme gehörte mir, der Avocadobaum Joana), verschiedene Sträucher, Hecken, unerwünschte Tiere, viele Insekten, ab und zu ein Opossum. Eine familiäre Nachbarschaft, keine Favelas in der Nähe. Lebhafte Geschäfte, der Bus vor der Tür.
Heute befindet sich das Haus zwei Blöcke von einem der größten Einkaufszentren der Nordzone und vier Straßen von meiner jetzigen Wohnung (2 Z, 1 En-suite) entfernt. Nach über dreißig Jahren Abstand von Queím bin ich zurückgekommen. Ich will hier sterben, wo ich geboren bin. Jeder wünscht sich Symmetrie.
Das Viertel ist fast vollständig abgerissen worden. Auf der Enone ist von dem wirklich Alten aus der Zeit der Fazenda Queím nur noch die Fassade des einstigen Sklavenquartiers übrig, weil sie unter Denkmalschutz steht. Aber nur ein Teil der Fassade: Der Teil dahinter ist jetzt ein Parkplatz. Hier und da entstehen Glasgebäude anstelle der ausgezehrten Stadthäuser. Die Straßen wurden asphaltiert, die Straßenecken vom Energiekonzern belebt. Alles ist zusammengeschrumpft.
Diese Stadt leidet an einem Fieber, das von Zeit zu Zeit diese belléepoquiden Halluzinationen hervorruft. Runter damit, fangen wir noch mal von vorne an! Es ist der Modernisierungsparasit, die Miami-Malaria, die früher die Paris-Malaria war. Im einstigen Delirium hat man einen Berg aus der Landschaft gerissen, um ein Stück Meer zu begraben, man hat alles entseucht. Beim nächsten Mal, da habe ich keine Zweifel, wird man die Cariocas endgültig entseuchen.
Aber egal.
Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, gehört jetzt dem Eigentümer eines bekannten Geschäfts für Baumaterialien. Es ist deutlich im Wert gestiegen. Wenn Joana und ich es nicht verkauft hätten, als Mutter starb, wäre ich jetzt in einer besseren Situation. Aber geschenkt, die Verwandten der Besitzer der Fazenda, die diesem Viertel seinen Namen gegeben hat, dürften das Gleiche denken: Tsts! Hätten wir doch bloß nicht alles zerstückelt und an diese kleinen Leute verkauft.
Mama schloss sich den Rest des Tages in ihrem Zimmer ein. Wir wurden gebeten, sie in Ruhe zu lassen, der offiziellen Version nach brauchte sie Ruhe: Kopfschmerzen, Schwindel, Hitzesymptome. Unterdessen richtete Vater für Cosme provisorisch das kleine Bedienstetenzimmer her (Paulina blieb nie über Nacht): Matratze, Bettzeug, Wasser. »Und was noch?«, Vaters alte Kindersachen (die mir niemals passen würden), Mickey-Maus-Hefte. Der Junge folgte ihm fassungslos, sagte zu allem Ja und Amen, und Joana, hyperbar und hilfsbereit, folgte den beiden. Ich spionierte von Weitem, saß im Wohnzimmer im Schaukelstuhl, meinen Stock fest umklammert, um mich abzustoßen. Ich plusterte meine Augenbrauen auf, denn so stellte ich mir die Wut in den Gesichtern der Menschen vor.
Der Abend kam schnell. Kaum war der Junge in sein Zimmer gegangen und hatte die Tür zuschnappen lassen, schnappten auch die anderen Türen zu. Paulina ging früher als sonst, auch Maria Aína verschwand. Die Hunde in der Straße verzichteten darauf zu kläffen. Nicht einmal leichter Wind ging.
Der frühe Morgen drang heiß durch die Ritzen der Fenster und Türen. Die Stille der Grillen nahm Überhand und würde erst nachlassen, wenn die Sonne ihre Kraft wiederfand, aber Vaters und Mutters Stimmen probten den Aufstand. Die Wände, die Münder geschlossen, zerkauten die Worte, aber ich wusste, dass der Klang Wut war und dass das Gelächter nicht wirklich Spaß bedeutete. Sie stritten sich.
Manchmal lange, friedliche Pausen, und nach dem Waffenstillstand das erneute Anschwellen ihrer Hassphonie. Ich wäre so gern hingeschlichen, um sie besser zu hören, aber mein schleppender Gang und das Klack-Klack meines Stocks hätten mich verraten. Ich blieb in meinem Zimmer. Ersticktes Gemurmel. Plötzlich ein deutlich hörbarer Ton: ein Türenknallen! Dann ein anderer: ein Schrei, der in die Luft geschossen wurde, bevor er unbeantwortet in die Stille fiel. Grillen.
Inmitten dieses gedämpften Lärms rannte Cosme weg. Er öffnete eine Tür, sprang aus einem Fenster, irgendwie so – das Haus schlief weit offen. Und ohne zu wissen, wohin, rannte er los, die Muskeln drahtig wie eine Frettkatze. Sprünge an den Straßenlaternen, Gestolper über die Pflastersteine, Schweiß. Nach einer halben Stunde sahen die Straßen alle gleich aus, und er zog sich in ein lang gestrecktes Gebäude zurück, das keine Türen mehr hatte und statt Fenstern nur noch Löcher. Im Inneren war kein Haus, sondern Gestrüpp ohne Dach.
Der Himmel spannte Lilatöne auf.
Die Sonne erwischte uns unerwartet. Vater stand früh auf, um dem Jungen Milch zu bringen, und fand ihn erst eine Stunde später.
Cosme hatte sich in dem alten Sklavenquartier versteckt, von dem schon damals nur noch die Fassade stand. Die Schwarzen aus dem Viertel, viele von ihnen Nachfahren der Sklaven der Fazenda, hatten verständlicherweise eine greuelische Angst vor diesem Gebäude. Sie betraten es nur in Begleitung von Maria Aína, um mit den schwarzen Heiligen zu sprechen und zu tanzen. Die Katholiken nicht mal dann. Der vordere Teil der Fassade steht bis heute, aber das Gelände dahinter ist in einen bewachten Parkplatz verwandelt worden, und alle Welt ist evangelisch. Falls die Heiligen noch dort leben, dürften ihre Lungen längst verrottet sein.
Dummer Cosme, der Esel. Fast kann ich ihn sehen: ein Meter und na ja, etwas mehr, vierzig Kilo braunes, verschwitztes, zitterndes Fleisch in dem herrenlosen Sklavenquartier, fest überzeugt, dass man ihn niemals finden würde. Doch instinktiv war es der erste Ort, an dem Vater nach ihm suchte.
Cosme versuchte nicht noch einmal wegzulaufen. Die Tage darauf saß er schmollend in seinem kleinen Zimmer und winselte. Er kam nur heraus, wenn man ihn zwei, drei, fünf Mal rief. Er sagte keinen Ton. Wenn wir ihm Essen brachten, reagierte er grob, zerrte die Teller über den Zimmerboden, aß mit den Fingern und schimpfte mit der primitiven Empörung gezähmter Jungs von der Straße. Wenn Mutter nicht zu Hause war, setzte er sich zu uns an den Tisch (Vater bestand darauf), weigerte sich aber zu essen.
Mutter war in diesen Ferien ziemlich viel unterwegs. Es war das Jahr, in dem meine Großmutter mütterlicherseits starb, einsam und beschwerlich. Sie lebte irgendwo am Rand von Campos. Mutter hatte große Wut auf sie und keine Geschwister, also war sie gezwungen, sich um die Krankheit und die Beerdigung zu kümmern, die wenigstens schnell vorbei waren. Vater war Arzt und musste los, wann immer es einen Notfall gab. Und so kam es nicht selten vor, dass wir mit Paulina allein blieben. Manchmal kam Maria Aína vorbei und half mit dem Mittag oder der Betreuung von uns Kindern.
Sie ließen mich nicht auf der Straße spielen. Ein lahmes Kind würde in den Händen der Gangster von Queím nicht lange überleben. Joana durfte nicht hinaus, weil sie ein Mädchen war. Wir lasen, wir malten, das Programm im Fernsehen gab nicht annähernd so viel her wie heute.
Ich war noch nicht diese Hyäne. Bevor es vorbei war, würde ich noch eine ganze Welt erleben. Ich mochte Jules Verne, Henry Haggard, die Reisen um die Welt und Die Schatzinsel. Ich träumte davon, wie wohl der Weg nach Minas Gerais war (Gab es dort Gold? Gab es noch Sklaven? Sprechende Ochsen? Bäume mit Geistern? Salomonische Könige?) und hatte vor, Gott zu werden, um einen Planeten zu erschaffen. Wie war der Geruch von Kaffee erfunden worden? Die Farbe unserer Haut? Verschiedene Zivilisationen?
Ich hatte in mir eine gewisse Liebe für Männer.
Heute erscheint mir das albern.
Ich habe noch nie etwas Unheilvolleres gesehen als Maria Aína beim Kochen einer Rinderzunge. Eines Tages, kurz vor dem Mittag, lockte mich ein säuerlich warmer Geruch in die Küche. Da stand die alte Frau mit verschwitztem Schnurrbart (einige dicke, weiße Haare über der Oberlippe). Der Druckkochtopf dampfte, Pff-Pff, Pff-Pff. Sie zeigte Paulina, wie man das Fleisch schälte, dafür musst man zunächst die Haut der Zunge abziehen. Man muss sie zunächst abkochen und den Ansatz wegschneiden, aber auch dann ist das Abtrennen der Haut nicht leicht. »Du musst kräftig ziehen«, sagte sie, die knorrigen Finger ins Fleisch vergraben, Lederfetzen an den feuchten Handrücken.
Ich stellte mir vor, wie sie mir ein kleines Stück verbrannter Haut von der Schulter zog, der Fetzen zu einem Streifen und bald zu einem Band wurde, das den Rücken hinunterlief, sodass tausende Bluttröpfchen hervorquollen. Ich stellte mir Paulinas dunkles Lachen vor. Ich erschauderte so sehr, dass ich fast ausgerutscht und hingefallen wäre.
Maria Aína schaute mich an und lächelte. Sie muss meinen angewiderten Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn sie sagte: »Camillo, ossí, willst du’s dir mal ansehen? Weißt du, woher dieser Geruch kommt? Das ist der Geruch all der Wörter, die der Ochse nicht aussprechen kann.« Paulina lachte. (Ihre Nägel waren sehr lang, weinrot wie die Schale von Schaben.) Sie war schon schwanger und wusste es wahrscheinlich nicht.
Das war der besagte Tag. Als das Mittag auf dem Tisch stand, rief uns Paulina, und Cosme kam von allein aus dem Zimmer, geduscht und das weiße Hemd bis zum Hals zugeknöpft. Er setzte sich zu uns, äußerst höflich, und aß die Zunge mit den Kartoffeln, die Maria Aína zubereitet hatte, und die alte Frau lächelte und murmelte zufrieden: »Dejú, Cosmim, dejú …« und er antwortete – und fragte, wie es so gehe, welche Mannschaft wir gut fänden, ob es Pommes gäbe, ob dies, ob das, viel Danke und Bitte.
Ich aß schlecht. Das Fleisch rührte ich nicht einmal an. Grauen in der Magengrube. Es gab einen Zusammenhang zwischen der gekochten Rinderzunge und der gelösten Zunge des Jungen.
Noch heute rieche ich Maria Aína, den Duft der bräunlichen Creme, die sie sich in die Haare schmierte. So wie auch Paulina. Ich erinnere mich an das schwarze Leder an ihren Füßen (es wirkte viel dicker als meine Haut). Die Zärtlichkeit, die ich manchmal für die beiden empfinde, verwandelt sich, sobald sie ein wenig anschwillt, in Schmerz. Soweit ich weiß, wurden sie direkt hier in Queím begraben. Ihre Kinder müssen mit Ehrgeiz über das ganze Land verteilt sein. Es ist unmöglich zu wissen, wo sie Halt gemacht haben, denn niemand kennt das kleine Schicksal von so vielen Menschen. Wahrscheinlich sind sie Gärtner, Viehaufschreiber, Trunkenbolde kleiner Bars, mit Glück Techniker in der Automatisierungsindustrie geworden.
Der Friedhof des Viertels liegt in einer Schlucht, die sich an kalten Morgen mit Nebel füllt. Heutzutage gibt es im Vorort nicht mal mehr kalte Morgen. Wie es aussieht, wird der Planet in Schweiß und Überschwemmung enden, heißt es. Wenn das stimmt, begann das Ende der Welt zuerst in Queím, und das schon vor langer Zeit. Jeden Sommer haben wir hier Überschwemmungen, Erdrutsche, Wasserknappheit und Energiekrisen. Mein Vater hat erzählt, dass in den Wintern seiner Kindheit am Morgen die Leitungen eingefroren waren. Und man im Fluss Carioca schwimmen konnte.
Von mir aus alles gut mit dem Ende der Welt. Bald werde ich die Kohlsuppe der Toten eindicken. Ich bin jung, in meinen Fünfzigern, aber ein halbes Jahrhundert reicht. Cosmim ist mit sechzehn (fünfzehn?) gestorben, ich bin drei Mal so alt. Mir reicht’s.
Kennst du das, wenn man erkältet ist und der Hals wehtut? Wenn man Fieber hat und alles voll mit Schleim und Banzo ist und die rezeptfreien Medikamente aus der Apotheke nicht wirken? Wenn man ahnt, dass es doch mehr ist als eine Erkältung oder ein Infekt, wahrscheinlich sehr viel Schlimmeres? Stell dir vor, du lebst dein ganzes Leben so, immer zwei, drei Töne tiefer als die gesunden Männer, immer vom Schlimmsten ausgehend. Immer zwei, drei Töne tiefer.
