6,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 6,99 €
Sie kommen aus verschiedenen Welten: die Fabrikantentochter Gerta Taro träumt von Luxus, der jüdische Kommunist Robert Capa hat nur das Fotografieren mit seiner Leica im Sinn. Doch im Paris der dreißiger Jahre werden sie zu einem Liebespaar, die Leidenschaft scheint größer als alle Gegensätze, das gemeinsame Streben nach Wahrheit und künstlerischem Ausdruck überstrahlt alles. Gemeinsam gründen sie eine Bildagentur, die die berühmteste der Welt werden sollte: Magnum. Doch Gerta geht ihren eigenen Weg und riskiert als Bildreporterin an der Front alles. Eine große Liebesgeschichte aus der Schicksalszeit Europas und eine leidenschaftliche Hommage an die Fotografie, die auf wahren Begebenheiten beruht.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 678
Veröffentlichungsjahr: 2015
Ulrike Mirjam Wilhelm
Roman
Dieser Roman ist all jenen gewidmet, die im Dienst der Presse und für das Recht der Bevölkerung auf Information gestorben sind. Jeder einzelne ist einer zu viel. Im Jahr 2003 wurden 51 Journalisten in Ausübung ihres Berufs und im Kampf um die Wahrheit getötet. 2002 waren es 46; im Jahr 2001 sind es 6o Journalisten gewesen. Hinter jeder Zahl steckt ein Mensch. Für mich war es Gabriel Grüner, mein beruflicher Mentor, der in den letzten Tagen des Bürgerkrieges in Ex-Jugoslawien gestorben ist. Trotzdem muss es Journalisten wie ihn geben, die diesen höchsten Preis zu zahlen bereit sind, damit Menschen anderswo die Hoffnung nicht verlieren.
Außerdem widme ich diesen Roman meinem Bruder Knut, der kein Journalist, aber ein Wahrheitssuchender war. Er starb am 15. Oktober 2003, in den letzten Wochen der Arbeit an diesem Roman.
59 West, 44thStreetThe Algonquin HotelNew York City, Januar 1953
Für die Cocktailparty hatte er die legendäre Blue Bar des Algonquin gemietet, eines der ältesten und berühmtesten Hotels von New York. Hier traf sich seit Jahrzehnten die kulturelle Schickeria. Die Auftragslage war schlecht, und der Empfang würde die Agentur vermutlich an den Rand des Ruins treiben, aber wie sagte man so schön: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.
Die Redakteure der wichtigsten Zeitschriften der Welt mussten glauben, dass die MAGNUM-Fotografen in Geld und Aufträgen schwammen. Es wurde an nichts gespart. Zu den Cocktails gab es New York Pastrami, gegrillte Hähnchenbrust und Garnelenspieße als Appetizer.
Gläser klirrten, Lachen perlte, die eleganten Ladys der Upper East Side von Manhattan stießen mit den Fotokünstlern an; Redakteure mischten sich zwischen Fotomodelle, plauderten mit dem Schriftsteller John Steinbeck oder versuchten an Howard Hawks, John Huston und Ah Khan heranzukommen. Am begehrtesten war sicher das orientalische Fotomodell Ala, das aus Paris eingeflogen war und mit dem er eine Affäre hatte.
Während er sein berühmtes Lächeln trug wie andere Leute ihren besten Anzug, hielt er sich an einem Glas Whiskey fest, sein Hauptnahrungsmittel in diesen Tagen, unverdünnt, Glenfarclas.
Was er sah, bedeutete ihm nichts, und was er hörte, sagte ihm nichts. Inmitten all des Trubels war er ein einsamer Mann, der seinen Abschied nahm.
André Friedmann, genannt Bandi, genannt Robert Capa, genannt Bob, würde heute Abend sein Amt als Präsident der besten Fotoagentur der Welt niederlegen: MAGNUM.
MAGNUM, das war ein Name, der nach Champagner schmeckte, von Größe kündete und die Assoziationen von Brillanz und Fröhlichkeit und Erfolg wecken sollte.
Er selbst hatte sich diesen Namen ausgedacht.
Es war ihr Traum von damals, herübergerettet aus einer Welt, die in Flammen und Asche versunken war: dem alten Europa. Sie, das waren junge Menschen aus Budapest und Berlin und Leipzig und Warschau und Paris gewesen, die geglaubt und gehofft hatten, dass man mit Bildern die Welt verändern könnte.
Ihre Welt war untergegangen.
Doch ihre Fotos wurden rund um den Globus gedruckt.
Sie hatten Büros in der Pariser Rue du Faubourg Saint-Honoré und im New Yorker Fawcett-Building. Und sie hatten sich die besten Bedingungen geschaffen, die es für Fotoreporter gab: Wer bei MAGNUM arbeitete, durfte seine Aufgaben selbst aussuchen und so lange daran arbeiten, wie es notwendig war. Die Agentur stand dem Fotografen bei, und das Copyright blieb bei ihm; Redakteure hatten in die Arbeit nicht reinzureden. Für MAGNUM zu fotografieren war story telling – die Kunst, mit Bildern Geschichten zu erzählen. MAGNUM war sein Baby. Und nun war es groß geworden.
Der Mann, den die Freunde von damals Bandi nannten und die von heute Bob, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Whiskeyglas und zündete sich eine Chesterfield an. Es war still geworden in der Blue Bar; man erwartete Worte von ihm, Worte, die dem Augenblick angemessen waren, doch er war viel zu tief in Erinnerungen versunken, um groß reden zu wollen.
Gemächlich setzte er sich in Bewegung, die Chesterfield im Mundwinkel, eine Hand in der Jackentasche. Er ignorierte das Rednerpult und kletterte auf einen Barhocker; die Ladys lachten, jemand klatschte. Erwartung lag in der Luft.
Er zeigte auf seinen Nachfolger, John Morris, den er persönlich dazu überredet hatte, ihn abzulösen.
»Also Jungs«, sagte er lapidar, an seine Fotografen gerichtet und ohne die Chesterfield aus dem Mund zu nehmen. »Von jetzt an geht ihr gefälligst mit euren Problemen zu diesem Herrn.«
Damit stieg er vom Hocker herunter und schaffte es, sich in einen Winkel der Bar zu verdrücken, bevor die Gäste begriffen, dass dies seine Abschiedsrede gewesen war.
Er war ein Mann der Tat, nicht der großen Worte.
Die Worte sollten andere führen, die sie noch brauchten und jünger waren als er.
Andere Redner stellten sich ans Pult, um ihn zu loben. Er hörte kaum hin. Erst als eine junge Frau mit fein geschnittenen Zügen ans Pult trat, nahm er einen tiefen Zug an seiner Zigarette und zog konzentriert die Augenbrauen zusammen. Sein größter Einsatz in den letzten Jahren hatte dem Nachwuchs gegolten. Er wollte die besten, die begabtesten und fleißigsten Talente der Welt für MAGNUM, und er wollte das Beste aus ihnen herausholen, mehr, als sie selbst in sich sahen.
»Es hilft dir nichts, dich da hinten zu verstecken. Du wirst dir dein Lob schon anhören müssen«, sagte die junge Inge Morath, auf die er große Stücke hielt. »Capa ist der Größte, Capa ist immer der Boss. Wir brauchen seine Erfahrungen, seine Großzügigkeit, seine Verbindungen, seine Aggressivität und die Vision von MAGNUM; dies alles hält uns auf Trab. Und nicht zuletzt brauchen wir seine Ideen.«
»Ideen zu haben ist nicht schwer«, sagte er grinsend und mit der Zigarette im Mundwinkel in den Applaus hinein. »Schwierig ist nur, denen, die sie ausführen können, das Gefühl zu geben, sie hätten sie zuerst gehabt.«
Man lachte, man klatschte.
Der Beifall beschämte ihn. Er merkte, dass ihm heiß wurde. Er wollte keine sentimentale Abschiedsveranstaltung. Trotzdem berührten ihn die Worte der Redner auf merkwürdige Weise, und er beschloss, sich für einige Momente aus dem Staub zu machen. Er wollte allein sein. Während sein persönlicher Liebling, Ernst Haas, zum Mikrofon schritt, schlüpfte er unbemerkt aus der Bar hinaus.
»Capa ist der größte Kriegsfotograf der Geschichte«, hörte er noch in seinem Rücken, bevor die Stimme verklang.
Allein mit seinen Chesterfields und dem Whiskey wanderte er durch die Galerie des Algonquin, die sie für den Abend zum Dinner angemietet hatten. Es sollte ein rauschendes Fest werden, und danach – so wusste er aus jahrzehntelanger Erfahrung – würde es Aufträge nur so regnen.
Er war müde geworden.
Langsam schritt er an der Wand entlang, die von Kronleuchtern angestrahlt wurde; der nostalgische Charme des alten Algonquin stand in scharfem Kontrast zu den Fotografien, die an der Wand hingen. Es waren die seinen.
Foto: André Friedmann.
Foto: Robert Capa.
Foto: Capa/MAGNUM Inc.
Doch er wusste, dass ein Name fehlte.
In den Fotos waren der Schrecken und die Poesie des wirklichen Lebens eingefangen, entscheidende Momente der Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert.
Er hatte alles gesehen, zu viel, wie er fand.
In den Qualm seiner Chesterfield gehüllt wie in einen wärmenden Mantel, schritt er die Reihe jener Bilder ab, die ihm persönlich am wichtigsten waren, Meilensteine seiner Karriere und der Zeitgeschichte.
Er begann mit seinen Fotos aus Israel, und er dachte an das, was er über dieses Land der Hoffnung geschrieben hatte: »Israel, dieser Staat, der als einziger geboren wurde in der Mitte unseres Jahrhunderts, das den Untergang so vieler Staaten gesehen hat, ist der rauste und härteste Ort, wo man heute leben kann. Es ist aber auch ein Ort, wo man nachts die jungen Leute singen hört und wo selbst die Alten über die Zukunft reden.«
Er betrachtete sein berühmtestes Israel-Foto, aus dem Jahre 1948, das David Ben Gurion zeigte, als er die Errichtung des Staates Israel proklamierte und damit die Erfüllung des zweitausend Jahre währenden, jüdischen Traums.
Er betrachtete seine Fotos von den Einwanderern, die aus den Todeslagern Europas in Haifa ankamen: »Die Einwanderer auf diesen Schiffen«, hatte er geschrieben, »sind die kunterbunten Reste eines Volkes, das vor zweitausend Jahren dieses Gestade verließ und sich über die ganze Welt verstreute, und jetzt kehren sie zurück in das Heilige Land, um dort zu leben, und manche auch, um dort zu sterben.«
Vielleicht würde auch er nach Israel ziehen, dachte er zum ersten Mal und wunderte sich, warum ihm der Gedanke erst so spät kam, denn schon vor Jahrzehnten hatten sie in Paris mit heißen Köpfen über Eretz Jissrael diskutiert, und für ihn – der die Schrecken des Naziregimes kannte – war es sein Wunderland.
Ein Satz fiel ihm ein, den sie damals gesagt hatte: »Wenn ich vor dir sterbe, werde ich für dich leuchten. Dann kannst du heimgehen, wo du hingehörst. Nach Eretz Jissrael. Ins Land der Orangenhaine.«
Er seufzte und ging weiter an der Wand entlang und weiter zurück in die Vergangenheit, 1945, die Trümmerlandschaft von Berlin, seiner Heimat von ehedem, der Weltstadt, die die Nazis zerstört hatten. Er war für die Zeitschrift Life ins zerbombte Deutschland gereist, und dann hatte er Ingrid Bergman fotografiert, in den Resten einer Badewanne, in Ruinen.
Es war eine heiße Liebschaft geworden, er und der Filmstar, gerade oscargekrönt und auf dem Weg zu Weltruhm. Er hatte ihre Fröhlichkeit geliebt und sie seinen Charme. Sie hatte ihn heiraten wollen, doch er lehnte ab.
»Ich bin keiner, den man heiratet«, hatte er zu ihr gesagt. Doch die Wahrheit war eine andere.
Die Frau, die sein Herz bewohnte, die er liebte und verfluchte und immer noch begehrte, war für ihn niemals gestorben.
Vielleicht war sie es gewesen, in deren Gedenken er am 6. Juni 1944 das größte Risiko seiner Karriere eingegangen war, damals, an Bord der USS Henrico, eines Transportschiffs der US-Flotte vor der Küste der Normandie. Damals hatte er ins Feuer gehen wollen, ganz nach vorn, an die Seite der ersten alliierten Soldaten, die im besetzten Frankreich landeten.
Es war mörderisch gewesen, das eisige Wasser, die Feuergarben der deutschen Abwehr, die Minen, die Bomben. Rings um ihn rissen die Kugeln Löcher ins Wasser, die Flut drängte ihn ab, Stacheldraht schützte den Strand, der noch hundert Meter weit weg war, eine ganze Welt entfernt.
Für die Frau von einst war er ins eisige Wasser gesprungen und hatte an diesem grauen Tag mit dem grauen Wasser und dem grauen Himmel und mitten im Kugelhagel die Fotos gemacht, auf die die ganze Welt gewartet hatte.
Verwischte, dramatische Aufnahmen der Armee der Befreier bei ihrem ersten großen Sieg im Kampf um Europa.
Er merkte, dass seine Hände zu zittern begannen, und nahm einen Schluck Whiskey, um sich von innen zu wärmen.
Das letzte Bild an der Wand konnte er kaum ansehen. Sooft er zu diesem Bild befragt wurde, schwieg er.
Es war sein berühmtestes Foto, jenes, das ihn unsterblich machen sollte und das wie kein anderes je zuvor die Grausamkeit des Krieges auf Film gebannt hatte.
Das Foto des »Fallenden Soldaten«.
Aufgenommen am 5. September 1936, bei Cerro Muriano, zeigte es einen jungen Soldaten der Republikanischen Garden, der von einer Kugel, tödlich getroffen, mit ausgebreiteten Armen fällt.
Es war überall gedruckt worden, Vu, regards, The Illustrated London News, Berliner Illustrirte, und wurde auch heute noch immer gedruckt.
Die ganze Welt kannte dieses Bild als die dramatischste und erregendste Momentaufnahme des Krieges, und jahrelang hatte es leidenschaftliche Debatten um seine Echtheit gegeben.
Er hatte dazu geschwiegen.
Denn die Wahrheit wussten nur er und die tote Frau in seinem Herzen.
Alles begann im Schnee.
Und mit dem kleinen Fotoapparat, den er zum ersten Mal um den Hals baumeln hatte, jenem Apparat, der später ihr Schicksal werden sollte: eine Leica.
Es war zwei Tage vor Weihnachten. Er hatte von Berlin nach Leipzig reisen müssen, für den ersten Auftrag seines Lebens. Er sollte eine Demonstration fotografieren, die man – von Berlin aus gesehen – für mäßig bedeutsam hielt.
Nur deshalb hatte sein Chef ihn wohl ausgewählt, zur ersten Fotoreportage seines Lebens. Wenn er den Auftrag vermasselte, würde daraus kein Drama entstehen.
Und wenn er es gut machte, war es eine Chance.
Es war ein kalter Winter, dieser Winter von 1931. Die Regierung Brüning geriet täglich mehr unter Druck, während NSDAP und Kommunisten immer stärker wurden. Jede Woche gab es Massenaufmärsche und Straßenschlachten. Kurz vor Weihnachten hatte die Sozialistische Arbeiterpartei zum Protest gegen die Nazis in Leipzig aufgerufen, und Tausende waren dem Ruf gefolgt.
Bandi, selbst ziemlich arm, bemitleidete die Arbeiter und Arbeitslosen in ihren dünnen Jacken und zerschlissenen Stiefeln.
Ein eisiger Wind trieb die Schneeflocken vor sich her, kroch unter Jacken und Mützen und schnitt den Demonstranten ins Gesicht. Bandi wickelte den Schal enger um seinen Hals.
Er war dankbar für seine guten Stiefel, ein Geschenk seiner Mutter, zu Hause in Budapest. Im Schnee verschafften sie ihm sicheren Halt, während um ihn herum die Ärmsten der Armen in ihren abgetretenen Halbschuhen hilflos umherschlitterten. Doch ihrem Kampfgeist tat das keinen Abbruch.
»Nieder mit den Nazis!«, riefen Frauen, die sich hustend unterbrechen mussten, und Männer, denen man die Staublungen aus den Bergwerksgruben ansah. »Leipzig für die Einheitsfront! Raus mit den Braunen!«
Bandi hörte alles und sah alles, er hatte seine Antennen auf Empfang eingestellt: Metallgitter trennten die Menschen vom Leipziger Bahnhof. Dahinter waren Schutzpolizisten aufgestellt, die warnend ihre Knüppel durch die Luft sausen ließen, um die Massen davon abzuhalten, den Bahnhof zu stürmen.
Und dann bemerkte er die Gruppe junger Männer mit kurz geschorenen Haaren, die in Schnürstiefeln – von der Innenstadt kommend – aufmarschierten. Sie marschierten mit dem Wind. Es wirkte gespenstisch, wie sie mit forschen Schritten aus dem Schneetreiben hervortraten.
Bandi kniff die Augen zusammen, um sich vor den eisigen Flocken zu schützen. Anders als die Demonstranten waren die SA-Leute bewaffnet. Sie trugen sogenannte Totschläger bei sich, Lederschläuche, die mit Blei gefüllt waren.
Ein Blick zu den Schupos, und er wusste, dass sie die Nazis nicht gesehen hatten. Oder, fragte eine kleine, böse Stimme, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte, wollten sie die Nazis vielleicht gar nicht sehen?
Ungehindert marschierten die Schläger zum Portal.
Bandi drängte sich an ausgezehrten Gesichtern vorbei, an Frauen, die ihre plärrenden Kinder an der Hand hielten. Wie unter Zwang versuchte er, sich nach vorn durchzuschlagen. Dorthin, wo es jeden Moment gefährlich werden musste, wenn Nazis und Demonstranten aufeinanderprallen würden.
Ohne hinzusehen, zog er seine kleine Leica aus der Schutzhülle, damit er im entscheidenden Augenblick abdrücken konnte. Mit der Fotografie war es wie mit der Jagd, dachte er mit zusammengebissenen Zähnen: Die Kunst lag darin, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein und dann das Ziel zu treffen.
*
Lustlos trottete Gerta Pohorylle dem Chauffeur ihres Vaters hinterher. Sie hatte keine Eile, nach Hause zu kommen, überhaupt keine, denn was sie zu berichten hatte, würde Konsul Pohorylle wohl kaum zu Freudenausbrüchen verleiten. Sie fürchtete sich davor, ihm in die Augen zu sehen und ihr Geständnis zu machen.
Also versuchte sie Zeit zu gewinnen, indem sie ihre Schritte immer mehr verzögerte, bis sie Herrn Schulze mit seiner blauen Livree und den Gepäckträger mit den Koffern im Schlepptau schließlich aus den Augen verlor. Es waren fünf große Koffer sowie ein kleiner für Schmuck und Kosmetik. Alles, was Gerta besaß. Denn sie würde niemals unter die Fuchtel von Madame Véron in die Villa Florissant zurückkehren.
Gerta bog den Kopf zurück und bewunderte die Kuppeln des neuen Leipziger Hauptbahnhofs, die sich majestätisch über die Gleise spannten. Der größte Kopfbahnhof Europas, dachte sie, der Stolz der internationalen Messestadt. Stimmengewirr mischte sich mit dem Gebrüll der Zeitungsjungen mit ihren riesigen Ohrenschützern. Gepäckträger bahnten sich ihren Weg durch die Menge, Damen in langen Mänteln und steifen Hüten stolzierten hinterher, und an den Waggons der dritten Klasse drängten sich die Armen mit ihren zerschlissenen Kleidern.
Vor den Gesichtern der Passanten hatten sich dünne, weiße Atemwolken gebildet, es war sehr kalt, viel kälter als in Lausanne, und die Menschen waren ernster.
Gerta wärmte die Hände in ihrem Nerzmuff und trat durch das Portal hinaus auf den Bahnhofsvorplatz. Dort fluteten, völlig unerwartet, die Demonstranten auf sie zu. Ein Meer aus Menschen, in dunklen Kleidern und mit roten Fahnen, wogte auf dem Vorplatz des Leipziger Bahnhofs und zertrampelte das Rondell, wo im Frühling die Osterglocken blühten.
»Leipzig für die Einheitsfront!«, hörte sie es brüllen.
Gerta wusste, dass es klug gewesen wäre, nach Herrn Schulze Ausschau zu halten, damit er sie behütet und sicher zur Limousine ihres Vaters geleiten würde.
Aber ihre Neugier war stärker als alle Vernunft.
Sie rutschte tiefer in ihren Nerzmantel, um sich vor dem Schnee zu schützen, der ihr ins Gesicht schlug. Dann ging sie bis zur Absperrung und blieb dort stehen.
»Stoppt die Braunen!«, hörte sie eine junge Frau rufen, die etwa in ihrem Alter war und scharfe Falten um den Mund hatte.
»Wählt Rot, für Arbeit und Brot!«
Natürlich hatte Madame Véron ihren jungen Damen im Pensionat von den Krawallen in Deutschland erzählt, die es in den letzten Wintern immer wieder gegeben hatte: Millionen von Menschen waren seit dem Börsenkrach ohne Arbeit. Aber niemand hatte dem eine weitere Bedeutung zugemessen.
Erstens war es – aus Sicht Madame Vérons und ihrer hochnäsigen Lieblingsschülerinnen – sowieso nur das Lumpenproletariat, das auf den Straßen marschierte. Und zweitens hatte Deutschland eine starke, mächtige Wirtschaft und die tüchtigsten Ingenieure der Welt und würde sich bald von der Krise erholen. Und abgesehen davon war es für junge Damen aus gutem Hause ohnehin nicht schicklich, sich mit Politik zu befassen. Politik war Männersache.
Bei dem Gedanken an Madame Véron runzelte Gerta unwillig die Stirn.
Sie fand, dass Mädchen sich durchaus mit Politik beschäftigen sollten.
Nur war sie leider mit dieser Ansicht im Pensionat nicht weit gekommen. Und hatte den Fehler gemacht, ihre Meinung unverblümt zu sagen.
Was einer der Gründe dafür war, dass sie bald ihrem Vater gegenüberstehen und sich würde rechtfertigen müssen …
Gerta wagte kaum daran zu denken, was er zu dem Schreiben sagen würde, das Madame Véron ihr für ihn mitgegeben hatte. Der Konsul hatte Sinn für alles Mögliche, aber nicht für schlechte Manieren. Wenn sie dann noch seinen Jährzorn in Rechnung stellte, musste sie kein Prophet sein, um zu wissen, dass es keine angenehmen Stunden sein würden, die ihr zu Hause bevorstanden …
Das Gebrüll der Demonstranten holte sie in die Gegenwart zurück. Es klang laut, wütend, abgehackt. Und dann ging alles unglaublich schnell. Wie in einem Film, dachte sie später, den man im Schnelldurchlauf sieht. Eine Horde bewaffneter Männer in dicken Jacken und schweren Stiefeln marschierte auf die Demonstranten zu.
Totschläger schwangen durch die Luft, Schreie wurden laut, und dann hörte man ein dumpfes Klatschen. Gerta stand regungslos da, als wäre sie am Boden festgewachsen. Sie wollte etwas tun, um Hilfe schreien, Hilfe holen. Stattdessen sah sie mit schreckgeweiteten Augen zu, was passierte.
Panik brach aus.
Die Menschen drückten gegen die Absperrungen; versuchten, sich darunter durchzuzwängen, um zum Bahnhof zu flüchten, wobei sie aber von den Schupos zurückgeprügelt wurden, die den Auftrag hatten, die Leipziger Bürger zu schützen.
Die Demonstranten galten anscheinend nicht als Bürger. Man schien sie als Menschen zweiter Klasse zu betrachten.
Warum tut denn keiner was, man muss doch die Demonstranten vor den Nazis schützen, dachte Gerta, aber auch sie tat nichts, sondern stand nur da, eine entsetzte Beobachterin, wehrlos, ohnmächtig.
Und dann geschah das Unfassbare.
Gerta sah, dass eine alte Frau es nicht geschafft hatte, vor den Nazi-Schlägern zu flüchten. Wie in Zeitlupe sah sie den aufgerissenen Mund, die Augen, die vor Entsetzen groß wie Murmeln wurden. Sie sah die Totschläger, die durch die Luft zischten und Blut hinterließen, wo sie getroffen hatten, Blut, das sich mit Schnee vermischte, und wieder ein zischendes Sausen, mehr Blut, Schreie, die leiser wurden und schließlich verklangen.
Die Zeit schien immer langsamer zu werden, die Bewegungen schienen zu gefrieren, als die alte Frau schließlich in den Schnee taumelte und regungslos liegen blieb.
Eine rote Lache breitete sich unter ihrem Körper aus, ein dunkler Fleck im Schnee.
*
»Verdammt«, knirschte Bandi zwischen den Zähnen.
Wieder und wieder drückte er auf den Auslöser. Die Leica war schnell wie ein Gewehr, konnte sechsunddreißig Bilder in Folge aufnehmen. Auslöser, Film nachspulen, draufhalten, Auslöser.
Bandi dachte an nichts anderes als daran, alles festzuhalten, diesen Augenblick des Grauens auf Zelluloid zu bannen. Er durfte den Schlägern nicht so nahe kommen, dass er sich und damit seine Kamera gefährdete, musste aber so nah ran, dass er das Entsetzen und das Blut im Gesicht der Frau dokumentieren konnte, die von niemandem beschützt wurde. Mit seinem letzten Bild hielt Bandi fest, wie sie zusammensank und in den Schnee stürzte, stumm, zerbrochen wie ein Spielzeug.
Er nahm seine Leica und spulte den Film zurück, den er dann mit einer schnellen Drehung seines Handgelenks in seiner Jacke verschwinden ließ.
Inzwischen waren die Schupos aufmerksam geworden und musterten den jungen Mann misstrauisch. Er lächelte zornig.
Mit Mord wollte wohl auch die Schutzpolizei nicht in Verbindung gebracht werden, egal, wie bemüht sie wegsah, was die Nazis betraf. Ein kurzes Handgemenge, dann waren die SA-Schläger zurückgedrängt worden. Einer der Polizisten trat prüfend nach dem Körper der Frau, der sich nicht mehr regte. Dann blickte er auf, und sein Blick traf sich mit dem Bandis.
Der Polizist und er waren nur wenige Meter voneinander entfernt, und Bandi wusste, dass er handeln musste, um unnötigen Fragen aus dem Weg zu gehen, die nur ins Unheil führen konnten. Vor seinem inneren Auge sah er lange Verhöre auf einer Polizeistation oder eine zertretene Leica. Oder beides.
In Sekundenschnelle taxierte er seine Möglichkeiten.
Und dann sah er die rettende Lösung direkt vor sich.
Eine rothaarige junge Dame im Pelzmantel, die mit verlorenem Blick auf die getötete Frau starrte. Sie stand hinter der Absperrung, gehörte nicht hierher, war vollkommen aus der Welt gefallen.
»Liebling!«, rief er aus und lief mit ausgebreiteten Armen auf die Absperrung zu. »Da bist du ja! Ich hab dich überall gesucht! Mein Gott, du musst doch aufpassen! Du siehst doch, wozu dieser Pöbel fähig ist! Nicht mal die Polizei kann dich davor schützen!«
*
Es ging so schnell, dass Gerta überhaupt nicht begriff, was eigentlich geschah. Sie sah einen jungen Mann aufgeregt auf sich zu rennen und mit einem eleganten Seitenschwung über die Absperrung hechten. Dabei rief er irgendetwas, dessen Sinn sie nicht verstand.
Es hörte sich an wie: »Liebling!«
Im nächsten Moment fühlte sie seinen Körper an ihrer Seite. Sein Atem ging stoßweise. Die Kälte hatte rote Flecken auf seine Wangen gemalt, und seine Augen blitzten schwarz wie Kirschen unter der Schiebermütze. Eine dunkle Haarlocke fiel ihm in die Stirn, und auf seiner Nase, einer ziemlich großen Nase, thronte ein Häubchen aus Schnee.
All diese Eindrücke nahm sie wahr, während sie noch immer wie betäubt auf die tote Frau starrte.
Aber jetzt riss der junge Demonstrant sie ohne Vorwarnung an sich. Er war stark. Sie versuchte, ihn wegzuschieben, aber seine Hände zogen sie erbarmungslos an sich, bis ihr Kopf an seine Schulter knallte und so ihren Aufschrei erstickte.
Sie roch das Leder, spürte Finger in ihrem Haar, die ihren Kopf gegen seine Jacke pressten, und hatte keine Chance, sich zu wehren.
Sie prustete und zuckte, doch er hielt sie fest wie in einem Schraubstock, genau vor den Augen der Polizei.
*
Bandi brauchte seine ganze Kraft, um die kleine Hexe in seinen Armen zu bändigen. Sie zappelte wie ein Fisch, und dabei musste ihre Umarmung doch wie die eines Liebespaars wirken, um jeden Argwohn der Schupos zu zerstreuen. Sie durften ihn auf keinen Fall für einen Fotografen halten; sonst würde er sofort seinen Film abgeben müssen. Er versuchte, ihren Kopf festzuhalten, und tauchte dabei in den Duft ihres Haars ein, der süß und teuer roch.
»Stillhalten«, zischte er und machte dabei den Fehler, seinen Griff ein bisschen zu lockern.
*
»Was fällt Ihnen ein, Sie Flegel?«, sagte sie mit einer hohen, arroganten Stimme, die so durchdringend war, dass auch die Schupos sie hören mussten. »Lassen Sie mich sofort los, sonst schreie ich!«
Er hatte keine andere Wahl. Er drückte seine Handflächen links und rechts an ihr Gesicht, um es festzuhalten. Dann beugte er sich zu ihr hinunter und erstickte den grellen Protest mit seinem Mund.
*
Gerta versuchte vergeblich, sich dem Griff dieses unverschämten Fremden zu entwinden. Seine Hände waren kräftig, seine Lippen entschlossen, sie zum Schweigen zu bringen.
Sie quietschte, woraufhin seine Finger drohend ihre Schläfen umschlossen und seine Zunge in ihren Mund eindrang, und während er ihr seinen Kuss aufdrückte, wollte sie ihn hassen und konnte doch spüren, wie sie unwillkürlich nachgab, die Augen schloss und sich fallen ließ, in den Kuss, in die Umarmung und in seine Arme, die sie mit einer solchen Kraft hielten, dass sie ein paar Zentimeter über dem Boden schwebte und doch nicht den Anflug von Angst verspürte, sie könnte stürzen.
Dann, völlig unvermittelt, ließ er sie los, und sie brauchte einen Moment, um in die graue Welt aus Schnee und Not zurückzukehren, in die Wirklichkeit von Leipzig.
»Sie müssen mir helfen«, keuchte er. »Tun Sie’s für die Kunst, wenn schon nicht für die armen Leute. Haben Sie gesehen, was da passiert ist? Ich hab alles fotografiert. Ich muss meine Fotos vor den Barbaren retten, die sich Schupos nennen. Tun Sie so, als ob Sie meine Freundin wären, und gehen Sie mit mir fort. Ich darf keinen Verdacht erregen.«
Gerta zögerte.
Er sah ganz anders aus als die jungen Offiziere, die Brüder ihrer Kameradinnen im Pensionat, mit denen sie bei Frühlings- und Herbstball hatte tanzen dürfen. Sie sah, dass sein abgetragenes Jackett für die Kälte viel zu dünn war und dass die Lederstiefel an den Kappen abgeschabt waren. Eisklumpen hatten sich an den Spitzen gebildet. Aber der junge Mann hatte blitzende Augen und ein gut geschnittenes Gesicht.
Und dann dachte sie, dass er vielleicht der Einzige war, der etwas unternommen hatte. Vielleicht hatte er der alten Frau genauso wenig helfen können wie sie selbst. Aber er hatte wenigstens diese unglaubliche Grausamkeit festgehalten.
»Also, was ist?«, zischte er zwischen den Zähnen.
»In Ordnung«, sagte sie hastig. »Ich helfe Ihnen. Tun Sie alles, was notwendig ist.«
Lächelnd beugte er sich zu ihr herunter, bis sein Gesicht vor ihr so groß wurde, dass es verschwamm. Seine Augen verdunkelten sich und wurden starr. Abermals drückte er seinen Mund auf ihre Lippen, und seine Hände fuhren in ihr Haar und bogen ihren Kopf zurück. Sie ergab sich diesem Kuss und auch dem kleinen Schwindelgefühl, das sie erfasste.
»Was fällt Ihnen ein?«, protestierte sie, mehr zum Schein.
»Halten Sie den Mund, und kommen Sie mit.«
Er legte seinen Arm um ihre Schultern und zog sie eng umschlungen mit sich, an den Absperrungen vorüber, in Richtung der Parkplätze, wo die Limousine von Konsul Pohorylle auf die einzige Tochter des Hauses wartete. Der Hispano-Suiza, ein extravaganter großer Sportwagen, war der einzige Luxus, den der Konsul sich gönnte.
Als Gerta hochmütig das Kinn in die Höhe reckte, machten die Schupos ihnen beflissen den Weg frei; allerdings konnten sie sich einen skeptischen Blick auf die abgerissene Erscheinung ihres Begleiters nicht verkneifen.
»Geschafft«, sagte er schließlich grinsend.
Sie hatten den Parkplatz erreicht, der sicheren Abstand zu Demonstranten und Gendarmen bot.
»Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages die Hilfe einer kleinen Bürgertochter brauchen würde. Trotzdem besten Dank, dass Sie mir geholfen haben.«
Eine spöttische Verbeugung, und sie fühlte sich auf sonderbare Weise verlassen.
Und fast im selben Moment packte sie die Wut.
Wut, weil er sie provoziert und geküsst hatte, Wut, weil es ihr gefallen hatte, Wut, weil sie durcheinander war und mit ihm reden wollte und er sie ganz einfach stehen ließ.
Ehe sie wusste, was sie tat, war ihre rechte Hand aus dem Nerzmuff hervorgeschossen.
»Sie Flegel!«, hörte sie sich selbst mit aufgebrachter Stimme sagen, und dann schaute sie zu, wie ihre Hand durch die Luft schoss und gegen seine Wange flog.
Es gab ein Knallen, und danach war es sehr still.
Ihre Hand schmerzte von dem Schlag.
Staunend blickte er zu ihr, dann tastete er mit den Fingern nach seiner Wange, die sich zu röten begann.
»Sie können von Glück reden, dass Sie eine Frau sind«, sagte er langsam. »Ich schlage keine Frauen.«
Er warf ihr einen finsteren Blick zu, und Gerta wich unwillkürlich zurück, nicht sicher, ob der Fremde nicht doch noch von seinen Prinzipien abweichen würde.
Doch er drehte sich auf dem Absatz um und schritt mit weit ausholenden Schritten davon, in Richtung Innenstadt.
»Lumpenpack! Einsperren sollte man die alle. Kommen Sie, gnädiges Fräulein! Sie sollten sich mit dem Pack nicht abgeben.« Herr Schulze hatte sie endlich entdeckt, führte sie zu dem Hispano-Suiza und riss die Tür zum Fond auf. »Diesem Abschaum sollten Sie aus dem Weg gehen.«
Gerta ließ sich in die weichen Polster sinken, ohne ein Wort zu sagen. Ihr war schwindlig. Schwindlig von dem Kuss des Fremden und schwindlig von allem, was sie gesehen hatte.
Durch die getönten Scheiben des großen Sportwagens wirkten die Demonstranten sehr weit entfernt, verschwammen zu einer fernen dunklen Masse. Schupos räumten ihnen die Absperrungen zur Seite, dann glitt die Limousine vornehm surrend am Bahnhofsvorplatz vorüber und ließ die böse Wirklichkeit jenseits ihrer Welt weit hinter sich.
Irgendwo dort war der junge Mann verschwunden, und sie hätte alles darum gegeben zu wissen, wo er jetzt war.
Mit den Fingerspitzen betastete sie ihre Lippen, die ihr plötzlich weicher vorkamen. Sie hatte nie geahnt, dass Lippen so viel empfinden konnten.
Versonnen griff sie in ihre Handtasche und zog den silbernen Taschenspiegel heraus. Zum ersten Mal im Leben war sie geküsst worden, und sie war neugierig, ob man es sah.
Im Spiegel schaute ihr ein fein geschnittenes Gesicht entgegen; unter der Wolke aus rotem Haar wirkte es bleich. Ihre grünen Augen waren noch größer als sonst. Aber ihrem Mund sah man nichts an von diesem sehnsüchtigen Brennen, das die fremden Lippen hinterlassen hatten.
Sie sah aus wie immer.
*
Bandi marschierte zornig durch die Leipziger Innenstadt. Seine Wange schmerzte, und er fühlte sich gedemütigt, da vermutlich alle Passanten den Abdruck ihrer Hand darauf sahen. Er verabscheute es, geschlagen zu werden. Seine Mutter hatte es ihm oft genug angetan, um ihn hinterher dann reumütig und liebevoll abzuküssen.
Auf die Ohrfeigen fremder Fräuleins konnte er verzichten. Inzwischen bedauerte er, dass er nicht zurückgeschlagen hatte. Vielleicht, dachte er, hätte es der arroganten Ziege sogar gutgetan.
Er versuchte, den Gedanken zu verdrängen, und konzentrierte sich lieber auf das, was er ringsumher sah.
Überall hingen Plakate und Werbebanner für die Präsidentenwahl, die für den 13. März 1932 angesetzt war. An den Litfaßsäulen hatten die Nazis Bilder von Adolf Hitler angebracht, und nicht minder zielstrebig hatten die Genossen von der SAP sie mit Schweineblut übermalt.
Bald ging es in die große Schlacht gegen die Nazis, dachte Bandi. Hitler hatte angekündigt: »Ich habe mir ein Ziel gesetzt: die dreißig Parteien aus Deutschland hinauszufegen!« Dies war ein Angriff auf die Demokratie, den freiesten Staat, den Deutschland je gesehen hatte, freizügiger noch in seiner Verfassung als die ältesten Demokratien der Erde. Diese galt es zu verteidigen, und die Fotos, die Bandi mit der geliehenen Leica aufgenommen hatte, würden sein Beitrag dazu sein.
Bilder der Wahrheit, die er dem Augenblick entrissen hatte; Bilder, die zeigten, wie die Schutzpolizei zu den Nazis stand. Man könnte sie gleich in SA-Uniformen kleiden, dachte er finster und formulierte in Gedanken schon Schlagzeilen.
So machten sie sich schuldig,
oder:
Schutzpolizei unterstützt Nazi-Schläger.
Bandi wusste, dass es holprig klang. Es ging ihn ohnehin nichts an. Es würden die Textredakteure sein, die sich die schreienden Lettern zu seinen Bildern ausdenken würden. Er sah sich schon auf den Titelseiten von Berliner Allgemeine Zeitung und BZ am Mittag gedruckt. Die Bildagentur Deutscher Photodienst, abgekürzt DEPHOT, in deren Auftrag er unterwegs war, arbeitete in erster Linie für die Berliner Blätter der Brüder Ullstein, einem großen liberalen Verlagshaus in der Charlottenstraße.
Jetzt musste er nur noch den Film sicher zurück in die Redaktionsräume der Agentur in der Friedrichstraße bringen und dann in der Nacht die Fotos entwickeln, um sie schließlich seinem Chef Simon Guttmann vorzulegen.
Vorläufig aber blieb ihm nichts anderes zu tun, als ziellos durch das verschneite Leipzig zu streifen, bis der Aufruhr am Bahnhof sich gelegt hatte und er eine Fahrkarte lösen könnte, ohne den Schupos unter die Augen zu kommen und damit sich und seine Fotos zu gefährden.
Ein Café schimmerte im Schneetreiben, eine sichere, goldene Insel. Aber er hatte keinen Groschen übrig. Allein für die Fahrt nach Leipzig war alles Geld draufgegangen, das er für die Miete zurückgelegt hatte.
Wenn er die Leipziger Bürger sah, die mit prallen Einkaufstaschen im Schneetreiben unterwegs waren, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu machen, erfasste ihn eine stille Wut. Pelzmützen, Zylinderhüte, seidene Tücher: Die einen hatten alles – die anderen nichts.
Mittlerweile fielen die Schneeflocken dichter; wilde, tanzende Schleier, die das Wasser in die Augen und die Kälte unter seine Jacke trieben. Leipzig versank im Schnee, weihnachtlich für die Bürger, bedrohlich für die Armen.
Bettelnde Frauen und Kinder irrten zwischen den Passanten umher, ohne Beachtung zu finden. Niemand schenkte ihnen einen Pfennig. Aber in den Schaufenstern der Kaufhäuser reihten sich, verführerisch und dekadent, die wunderbarsten Geschenke.
Eine Welt der Ungerechtigkeit, dachte Bandi, und unwillkürlich sah er wieder diese verwöhnte Bürgerstochter im Pelzmantel vor sich. Wie die eben aus der Wäsche geschaut hatte. Er musste grinsen und fasste sich an die Wange. Eins stand jedenfalls fest: Sie hatte Temperament.
Bandi liebte Frauen mit Eigensinn. Eine kapriziöse Hexe wie sie, dachte er, konnte einem Mann die Hölle im Leben und den Himmel im Bett bereiten.
Er lächelte.
Immer noch hatte er den Duft ihres Parfüms in der Nase, ein sehr teurer, dekadenter Duft. Der Pelzmantel war warm und weich gewesen. Und seine Lippen spürten noch die sanfte Nachgiebigkeit ihres Mundes. Zu seiner Verblüffung hatte sie für einen Moment die Augen geschlossen, als er sie küsste. Er ertappte sich bei dem Gedanken, dass es ihm durchaus gefallen hatte.
Unwillig stopfte er die Fäuste in die Jackentaschen. Er war nach Leipzig gekommen, um seine Arbeit zu machen, und nicht, um höheren Töchtern nachzustellen.
*
Der Chauffeur parkte den Hispano-Suiza vor der Villa und geleitete Gerta mit einem altmodischen schwarzen Regenschirm durch den Schnee zur Tür. Goldenes Licht hinter den Fenstern ließ die Villa Pohorylle noch größer und gediegener wirken. Wäre ihr Sündenregister nicht gewesen, hätte Gerta sich über den Anblick gefreut.
So allerdings blickte sie eher unbehaglich zur Bibliothek ihres Vaters. Sie war nicht beleuchtet. Ein kleiner Aufschub, und sie atmete erleichtert auf.
Als die Eichentür geöffnet wurde, knickste ein Dienstmädchen in Uniform, und Gerta brauchte einen Moment, bevor sie Rosa erkannte, die Tochter der Haushälterin, mit der sie seit ihrer Kindheit befreundet war.
»Rosie!«
Gerta flog der Freundin um den Hals. Ihre Freude legte sich jedoch, als sie spürte, wie Rosie sich versteifte und dass sie die Umarmung nicht erwiderte.
»Gnädiges Fräulein«, fing Rosie an …
»Wie redest du denn mit mir? Hallo, ich bin’s, Gerta.«
»Das weiß ich, gnädiges Fräulein.«
»Nun hör doch auf mit diesem dummen Gequatsche, du bist doch meine Blutsschwester.«
Gerta erinnerte sich noch gut, wie sie in ihrem kleinen Spielhaus im Garten gesessen und sich gegenseitig die Handgelenke zerkratzt hatten, um ihr Blut zu vermischen und ihre Freundschaft zu besiegeln, nach altem Brauch der Indianer.
»Bitte«, flüsterte Rosie und blickte zu Boden. »Meine Brüder haben alle ihre Arbeit verloren. Vater auch. Wir haben nur Mutters Verdienst. Und deine Eltern waren freundlich genug, mich einzustellen. Bitte, benimm dich einfach, als ob ich irgendein Dienstmädchen wäre. Ich brauche die Arbeit.«
»Aber Rosie, die wird dir doch niemals weggenommen. Das würde Mutter nie zulassen«, setzte Gerta an, unterbrach sich jedoch, als sie Rosies Gesichtsausdruck bemerkte.
Etwas verstört ließ sie sich den Mantel abnehmen. Gerta hatte außer Rosie nie eine Freundin gehabt. Die Mädchen aus dem alteingesessenen Leipziger Musiker-Viertel hatten sie zu ihren Tanztees nicht eingeladen; sie war nicht vornehm genug dafür. Auch die Töchter der jüdischen Oberschicht blieben unter sich. Und die Kinder der Lehrer und Ärzte waren vom Reichtum des Konsuls zu eingeschüchtert gewesen, als dass sie sich mit Gerta angefreundet hätten.
So kam es, dass nur Rosie geblieben war, die ihre Mutter begleitete, wenn diese in der Villa arbeitete.
Tempi passati, dachte Gerta etwas wehmütig, bevor sie in den Gelben Salon hastete, wo ihre Mutter sitzen würde, eine Zeitschrift oder ein Buch auf dem Schoß, und manchmal würde sie hinaus in den Park blicken, wo die Sträucher und Bäume nach und nach unter der weißen Last aus Schnee versanken.
Sie würden Tee trinken, heiß und duftend, aus Tassen vom Meißner Geschirr, die von der Hitze klirrten.
Und dann würde der Moment kommen, um ihr Geständnis zu machen. Gerta spürte, wie ihr Herz zu klopfen begann, wenn sie nur daran dachte.
Konsul Pohorylle war so stolz darauf, dass sein einziges Kind ein Schweizer Pensionat besuchte, in das sonst nur die Kinder aus den großen, alten Fabrikanten- und Adelsfamilien gingen. Er hatte nie gefragt, ob sie sich dort auch wohlfühlte.
Gerta hatte es nie gewagt, ihm anzuvertrauen, wie sehr sie die Villa Florissant vom ersten Tag an gehasst hatte. Unter den Diplomatentöchtern und Adligen hatte sie sich fremd und einsam gefühlt. Die Töchter der besseren Gesellschaft waren immer makellos gekleidet, konnten in mehreren Sprachen parlieren und kannten sich schon von der Schulzeit in Eliteinternaten.
Außerdem redeten sie den lieben, langen Tag dummes Zeug. Ganz wie es sich gehörte, dachte Gerta sarkastisch.
Konnte man sich ernsthaft für die richtige Abfolge eines Menüs interessieren? War es überlebenswichtig, dass man mit geschlossenen Knien aus einem Sportwagen stieg? Gelangweilt hatte Gerta die Lektionen in Etikette über sich ergehen lassen. Sie wusste, wie man für eine Tischordnung gesellschaftliche Klippen umschifft, sie konnte tanzen, Tennis spielen, reiten und zeichnen und in fließendem Französisch ein Gespräch bestreiten.
Immerhin das Französisch war nützlich, dachte sie.
Denn ihre französischen Pläne waren der zweite Teil ihrer kleinen Geheimnisse, die sie ihren Eltern zu beichten hatte.
Gerta holte tief Luft und sagte sich, dass sie der Mutter schon alles beibringen würde, und die würde es dann vielleicht beim Vater für sie richten.
Doch in der Tür zum Gelben Salon blieb Gerta überrascht stehen. Ihre Hand sank von der Klinke. Im Kamin prasselte ein Feuer, vor den Fenstern türmte sich Schnee, ein Winterwunderland. Der Samowar für den Tee dampfte. Aber auf dem Tisch standen nur ein Teller und eine Tasse.
Der Salon war leer.
»Ihre Mutter ist unpässlich«, sagte Rosie, die Gerta gefolgt war. »Sie wird erst zum Diner herunterkommen. Sie möchten sich bis dahin ausruhen.«
»Unpässlich?«
Gerta konnte sich nicht vorstellen, was ihrer Mutter fehlen sollte; noch nie hatte sie erlebt, dass sie krank gewesen wäre. Sie nahm sich vor, nach oben zu gehen und sie einfach im Schlafzimmer zu begrüßen.
Aber vorher galt es noch, der Realität ins Auge zu sehen. Der Realität in Gestalt ihres Vaters.
»Wo ist der Konsul?«
Sie hörte selbst, wie ängstlich das klang.
»Er wird in einer Stunde erwartet.«
Gerta seufzte. »Rufst du mich, wenn er kommt?«
Besser, das Donnerwetter sofort hinter sich zu bringen.
*
Sie eilte die elegante Treppe hinauf und durch den langen, mit dunklem Mahagoniholz getäfelten Flur, bis sie das Schlafzimmer ihrer Mutter erreichte. Leise pochte sie gegen die Tür, und als keine Antwort kam, gab sie ihrem Herzen einen Schubs und drückte die Tür einfach auf.
Die Vorhänge waren geschlossen, das Zimmer lag im Dämmerlicht. Gerta sah das dunkle Haar ihrer Mutter, das wie Seide über die Kissen floss.
Auf Zehenspitzen trat Gerta ein paar Schritte näher ans Bett. Ihre Mutter wirkte so verloren darin, so klein in dem wuchtigen Möbelstück aus der eigenen Fabrik.
Sie lag auf der Seite, mit angewinkelten Knien, und Gerta sah, dass sie geweint hatte.
Um sie herum waren, gleich Schnee, weiße Blätter verteilt. »Juden raus«, stand auf einem.
Ratlos starrte Gerta auf das Blatt. Sie vermutete, dass die Mutter irgendwo der abstoßenden Propaganda der Nazis begegnet war und sich darüber aufgeregt hatte, und wollte schon nach den anderen Blättern greifen, als ihre Mutter im Schlaf ein tiefes Seufzen von sich gab.
Plötzlich hatte Gerta das Gefühl, ein Eindringling zu sein, und hastig und leise verließ sie das Zimmer, irritiert und mit dem Gefühl, ihre Mutter bei etwas überrascht zu haben.
*
Erst als sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, kam Gerta die Welt wieder so vor, wie sie sein sollte. Die Tischlampen verströmten ein warmes Licht, und vor den Fenstern trieb still und beharrlich der Schnee.
Sinnend ging Gerta im Zimmer umher, und während sie diesen und jenen Gegenstand berührte, hatte sie das Gefühl, ihr Mädchenzimmer niemals wirklich verlassen zu haben. Es war ganz in Rosa eingerichtet. Über dem Bett hingen Aufnahmen ihrer Idole, Greta Garbo, Lil Dagover und Asta Nielsen.
In den letzten Jahren waren noch die Bilder all der Städte hinzugekommen, die sie eines Tages sehen wollte und von denen sie sehnsüchtig geträumt hatte, wenn sie sich in der Villa Florissant wie eine Gefangene vorgekommen war: Venedig und Rom und Lissabon und Madrid und Barcelona und das vereiste Stockholm.
Und Paris, natürlich.
Gerta dachte an ihre Pläne und lächelte.
Dann allerdings dachte sie an den Brief von Madame Véron, und das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war.
Gleich würde sie ihrem Vater unter die Augen treten müssen. Sie hatte keine Ahnung, wie er reagieren würde. Früher, wenn sie sich schlecht benommen hatte, war seine Reaktion vorhersehbar gewesen: Es gab Prügel.
Aber nun war sie doch wirklich zu alt dafür, dachte sie und gab sich Mühe, wirklich daran zu glauben.
Inzwischen würde sie ein Bad nehmen, um sich von ihren finsteren Befürchtungen abzulenken.
Und tatsächlich beruhigte sie sich ein bisschen, während der Schaum und die Dampfwolken sie umhüllten. Sie sah die rosa Kacheln, die Glasfiguren und die Badesalzgläser und den weißen, flauschigen Bademantel mit den aufgestickten rosa Blüten, stumme Zeugen ihrer Jugend.
Heute, dachte sie etwas pathetisch, ist die Zeit der Unschuld zu Ende gegangen.
So viele Bilder wirbelten durch ihren Kopf: die stürzende Frau, die laute Demonstration und ihr erster Kuss, der immer noch auf ihren Lippen brannte …
Sie ließ sich tiefer in den Schaum sinken und dachte darüber nach, wie sie in ihre missliche Lage gekommen war.
Genau genommen lag es an Amalia, der einzigen Freundin in der Villa Florissant. Beide waren sie Außenseiterinnen gewesen. Beide waren sie den anderen Mädchen gesellschaftlich nicht ebenbürtig. Gerta, weil ihr Großvater ein Tischler gewesen war. Amalia, weil ihre Familie zwar adlig war, aber kein Geld hatte. Die anderen Mädchen hatten auf sie herabgesehen. Doch sie hatten sich nicht daran gestört.
Während die eingebildeten Ziegen sich auf eine gute Partie vorbereiteten, wie andere Menschen auf einen Beruf, hatten Gerta und Amalia von Abenteuern geträumt und von wilden Männern, von Max de Winter aus Rebecca, von Heathcliff aus der Sturmhöhe und natürlich Valentino. Gegen die Stumpfheit und Überheblichkeit ihrer Umgebung hatten sie sich in einer Welt aus Traum und Kunst verschanzt.
Gerta hatte Karikaturen gezeichnet und Amalia getöpfert. Und beide hatten sie ihre Kunstformen viel ernster genommen als ihre hochmütigen Mitschülerinnen, für die alles immer nur Zerstreuung war. Es gehörte zum guten Ton, sich für nichts zu sehr zu begeistern, und blasierte Langeweile beherrschten die meisten Töchter von Natur aus schon perfekt.
Amalia und Gerta hatten eine kleine, aufmüpfige Zelle gebildet, und gemeinsam lachten sie über die Karikaturen, die Gerta von den kleinen, faden Comtessen und Erbinnen angefertigt hatte.
Trotzdem war Amalias Leben in der Villa Florissant um vieles leichter gewesen als das von Gerta. Sie war nicht die Enkelin eines Tischlers, und sie hatte keinen seltsamen Namen wie Pohorylle. Sie brauchte sich keinen Dreck um eine gute Partie zu scheren, weil sie – zumindest von der Herkunft her – selbst eine war. Amalia von Krosigk, die Nichte des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin. Anfang März würde sie in ein kleines Atelier in Paris ziehen, das ihr Cousin, ein künftiger Marquis, für sie gemietet hatte.
Leider hatte sie sich von ebendiesem Marquis auch dazu verführen lassen, von seinem Whiskey und seinen Zigaretten zu probieren, die süßlich rochen und die Welt so bunt und schillernd machten. Großzügig, wie sie von Geburt aus waren, hatten Amalia und ihr Cousin auch Gerta zu ihrer wilden Party eingeladen. Die Stimme der Vernunft hatte Gerta eingegeben, sich davon fernzuhalten.
Aber dann hatte – wieder einmal – die Neugier gesiegt. Sie wollte wissen, was es mit diesem geheimnisvollen Zeug auf sich hatte, das man Haschisch nannte. Und während sie vorgaben, eine Schlittenpartie mit dem Marquis zu machen, hatten sie, in dicke Decken gehüllt, in einem Winkel des Parks gesessen, hustend und keuchend den süßlichen Rauch eingesogen und gekichert wie nie zuvor in ihrem Leben.
Leider hatte der Gärtner – angelockt von den merkwürdigen Geräuschen – sie aufgespürt und ertappt und zu Madame Véron ins Direktionszimmer gebracht.
Das war vor zwei Tagen gewesen. Die restliche Zeit verging mit Kofferpacken und Abfahrt. Jetzt wurde es Zeit, sich den Folgen zu stellen. Allein schon der Gedanke an den Jähzorn des Konsuls verursachte Gerta Kopfschmerzen. Tröstlich war nur, dass sein Zorn genauso schnell verflog, wie er sich einstellte. Dazwischen allerdings konnte ziemlich viel passieren. Genug, um die nächsten Stunden für sie sehr unangenehm zu machen.
Mit wenig Begeisterung stieg sie aus der Wanne, trocknete sich ab und zog ein weißes Kleid an, das ihr einen Hauch von Unschuld verlieh.
Vielleicht würde das den Vater milder stimmen.
*
Doch Konsul Pohorylle interessierte sich überhaupt nicht für ihr Kleid; er hatte nicht mal einen Blick dafür. Fassungslos starrte er auf das Schreiben der Pensionatsleiterin.
Der Konsul war ein untersetzter Mann mit einem mächtigen Brustkorb und an den Schläfen ergrautem Haar. Früher, dachte Gerta etwas trübe, hatte er sie mühelos durch die Luft gewirbelt und auf seinen breiten Schultern spazieren getragen. Jetzt, in seinem Stuhl zusammengesunken, sah er viel schmaler aus. Ein Anblick, der Gerta erschreckte.
Ihr Vater war immer so stark wie ein Fels gewesen. Man konnte sich auf ihn verlassen. Man musste seinen Jähzorn in Kauf nehmen, aber dafür bekam man alle Sicherheit der Welt.
Jetzt wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass seine Kraft nicht für alle Zeit genügen würde. Und das machte ihr mehr zu schaffen als jede Strafe, die ihr bevorstand.
Sie sah, dass seine Augen wieder und wieder nach oben wanderten, um den schrecklichen Brief noch einmal zu lesen, so als hätte er die Hoffnung, der Inhalt könnte sich dadurch verändern.
Aber natürlich veränderte sich nichts.
Müde wischte er sich über die Augen und legte das Blatt seufzend auf den Tisch.
Gerta trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen.
»Als du geboren wurdest, war ich der glücklichste Mann auf der Erde«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Ein vernünftiger Mann hätte sich einen Sohn gewünscht, einen Stammhalter und Erben. Ich war kein vernünftiger Mann. Ich habe mir eine Tochter gewünscht. Willst du wissen, warum?«
Sein großer Kopf hob sich mit einer überraschend schnellen Bewegung, und ihre Blicke trafen sich. Seine dunkelbraunen Augen waren feucht.
»Ich war überzeugt, dass eine Tochter mir so etwas hier niemals antun würde.«
Er griff nach dem Blatt und ließ es mit einer verächtlichen Geste auf den Tisch flattern.
»Alkohol, Haschisch, Schule schwänzen. Du hast dir deine Entschuldigungen selber geschrieben, nein, gefälscht, sollte ich sagen. Außerdem freche Antworten, gemeine Zeichnungen, die du von deinen Lehrerinnen angefertigt hast. Du bist doch kein kleines Mädchen mehr, Gerta. Wie kannst du dich so danebenbenehmen?«
Sie senkte den Blick.
»Na los, erklär es mir. Ich würde dich gern verstehen.«
Dies kam völlig überraschend. Sie hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber damit nicht. Sie suchte nach Worten und fand sie nicht.
»Ich höre.«
Aufmerksam blickte er sie an, den Oberkörper gespannt nach vorne gebeugt, entschlossen, seine Antwort zu bekommen. Es hatte keinen Sinn, auszuweichen oder zu schwindeln.
»Ich hab das Pensionat gehasst«, platzte sie heraus und biss sich im selben Moment auf die Zunge. Sie wusste, was sie ihrem Vater damit antat, der so stolz darauf gewesen war, ihr die beste Erziehung zu geben, die nur möglich war. »Ich wäre viel lieber zur Universität gegangen.«
Als sie aufblickte, stellte sie fest, dass sein Blick sich nicht verändert hatte. Es lag keine Verletzung darin und keine Empörung, sondern einfach nur Aufmerksamkeit.
»Das kannst du immer noch tun«, sagte er. »Es steht dir frei. Du solltest doch nur eine schöne Zeit in Lausanne haben und Sport machen dürfen und Freundinnen kennenlernen.«
»Arrogante Ziegen«, rutschte es ihr heraus.
»Wie bitte?«
»Entschuldigung. Aber du kannst dir nicht vorstellen, wie dumm und wie überheblich diese Mädchen sind. So, als ob sie sich ihren Adelstitel verdient hätten. Oder das Geld, das ihre Väter besitzen.«
Für eine Sekunde glaubte Gerta, auf dem Gesicht ihres Vaters den Anflug eines verständnisvollen Lächelns zu sehen.
»Dann hat sich die Welt also nicht verändert. Sie verzeiht dir nicht, dass dein Großvater ein Tischler war. Nun, du musst dich dafür nicht schämen, Gerta. Dein Großvater hätte über mich und diesen ganzen Traum vom Höhere-Töchter-Pensionat vermutlich gelacht, hätte es für die Flausen eines vernarrten alten Vaters gehalten, der nur das Beste für seine Tochter will. Ich muss zugeben, dass ich an deinen Missetaten nicht unschuldig bin. Ich hab nie gefragt, ob du glücklich bist, Gerta. Ich bin einfach davon ausgegangen.«
Sie glaubte, sich verhört zu haben: War das eine Entschuldigung gewesen? Sie wurde rot. Es gefiel ihr nicht, dass ihr Vater sich so schwach zeigte. Es machte ihr Angst. Sie war immer selbstverständlich davon ausgegangen, dass er stark war wie die Eichen, die er in seiner Fabrik zu Möbeln verarbeiten ließ. Man konnte den Stamm rütteln und schütteln und mit seinen Streichen ärgern – doch er rührte sich nicht.
Heute schien der ganze Baum zu schwanken.
»Du hast gesagt, du willst zur Universität. Sag mir, wovon du träumst! Was willst du studieren, Gerta?«
Sie druckste herum. Sie hatte verworrene Vorstellungen davon, dass Frauen heutzutage Medizin oder Physik studieren konnten oder dass sie das Lehrerinnenseminar besuchten. Aber nichts davon reizte sie wirklich. Sie fand nur schick, was die Brüder ihrer Mitschülerinnen bei den Bällen erzählten, das faule Studentenleben, die langen Nächte in den Cafés.
»Eigentlich will ich nach Paris.«
Der Konsul lächelte. »Paris ist eine Stadt. Kein Studienfach.«
Gerta fasste wieder Mut.
»Du kennst doch meine Freundin Amalia. Sie zieht zu ihrem Cousin. Rupert besorgt ihr eine kleine Wohnung auf dem Montparnasse. Sie will Kunst studieren.«
Von dem Mann hinter dem Schreibtisch war ein Ächzen zu hören.
»Das soll ich dir erlauben? Nach allem, was du in dieser Gesellschaft angestellt hast?« Er rückte seine Brille mit dem Metallrand gerade und vertiefte sich wieder in den Brief, der von ihren Schandtaten handelte. »Du schwänzt, du rauchst, du trinkst mit diesem Fräulein und erwartest tatsächlich, dass ich dir erlaube, mit ihr nach Paris zu ziehen? Diese heruntergekommene Adlige übt keinen guten Einfluss auf dich aus. Paris, das würde ich einsehen. Amalia – nein.«
Da gab es in ihrem Rücken ein Geräusch, Gerta fuhr herum und sah ihre Mutter in der Tür. Sie trug ein langes, blaues Seidenkleid und als einzigen Schmuck eine alte Kamee.
»Eigentlich wollte ich euch nur zum Essen rufen. Aber vielleicht kann ich euch helfen, eine Lösung zu finden«, Sophia Pohorylle gestattete sich ein Lächeln, das für Gerta die Sonne aufgehen ließ, weil es so selten war.
Sophia Pohorylle verströmte immer etwas Trauriges, dachte Gerta, die ihre Mutter ihrer elegischen Schönheit wegen bewunderte. Nie hätte sie sich zu einem Temperamentsausbruch hinreißen lassen, sie hob nicht mal die Stimme.
Und trotzdem hatte Gerta mehr Respekt vor ihr als vor der lautstarken Raserei und den Strafen ihres Vaters.
»Da sind wir aber gespannt!«, dröhnte sein Bass durch die Bibliothek mit den dunklen, wuchtigen Möbeln aus der eigenen Fabrik, zwischen denen die drei ein bisschen verloren wirkten.
»Nun, Sophia?«
In Konsul Pohorylles Gesicht hatten sich Grübchen gebildet, wie immer, wenn dieser kompakte Mann seine feine, zarte Frau anblickte.
»Wie lautet deine Lösung?«
Gerta wagte kaum zu atmen. Gegen das Gebrüll und die Drohungen ihres Vaters wusste sie sich zur Wehr zu setzen. Aber wenn ihre Mutter mit ihrer leisen Stimme einmal ein Urteil gefällt hatte, kam nichts in der Welt mehr gegen sie an.
»Ich finde, dass Paris für eine junge Dame gar keine schlechte Möglichkeit bietet. Paris ist die Hauptstadt der Kultur. Gerta kann dort ihre Manieren verfeinern und in einem halben Jahr mehr lernen als in drei Jahren Pensionat. Und außerdem gibt es noch Ruth.«
»Ruth? Was hat deine Schwester mit diesen verrückten Flausen zu tun? Ruth ist doch in Amerika?«
Gerta erkannte den fiebrigen Glanz in den Augen ihrer Mutter, in denen sich die Flammen des Kronleuchters spiegelten, kleine tanzende Pünktchen. »Ruths Mann wurde von seiner Bank befördert. Er übernimmt die Filiale in Paris. Sie haben ein Palais gekauft – und würden sich bestimmt freuen, wenn ihre einzige Nichte für eine Weile bei ihnen wohnt. Jedenfalls werde ich es schon so einzurichten wissen. Du erlaubst, dass ich deine Tassen abräume? So ein Chaos kann man dem Personal doch wirklich nicht zumuten.«
Gerta sah das tiefe Verstehen zwischen ihren Eltern, während der Konsul sich etwas beschämt erhob und ihre Mutter zum Schreibtisch ging und anfing, das Durcheinander aus Aschenbecher, Kaffeekanne und Tassen aufs Tablett zu ordnen.
»Geht schon zum Essen«, brachte ihre Mutter sie zum Schweigen, als Gerta sich überschwänglich bedanken wollte. »Ich trage das weg und komme dann nach.«
Doch als Gerta sich – schon in der Tür – noch einmal umdrehte, bemerkte sie etwas ausgesprochen Merkwürdiges. Die Mutter hatte eine Schublade des Schreibtischs aufgezogen, und Gerta sah, dass sie blitzschnell etwas in die Schublade gleiten ließ, etwas, das aussah wie ein dickes Bündel Briefe.
*
Später, als Gerta in ihrem Bett lag, zwischen den kühlen Leinenbezügen, die so viel bequemer waren als die Pritschen in der Villa Florissant, blickte sie zur Decke und konnte ihr Glück kaum fassen. Gleich morgen würde ihre Mutter an Tante Ruth schreiben. Und niemand konnte sich vorstellen, dass sie Nein sagen würde. Tante Ruth hatte selbst keine Kinder, und sie war schon immer vernarrt in Gerta, die ihr angeblich so ähnlich sah. Zu jedem Geburtstag kamen die teuersten Geschenke.
Paris, dachte Gerta glücklich, die Seine und der Louvre, Sacré-Cœur und der Eiffelturm, die herrlichen Geschäfte und wunderbaren Wohnungen, die Empfänge und Diners.
Sie blickte durchs Fenster hinaus in die Nacht, wo man den Lichtschein einer Laterne sah.
Schneeflocken wirbelten durch das goldene Licht.
Und während Leipzig draußen unter dem Schnee versank, dachte sie an die Umarmung des fremden, frechen Mannes.
*
In der Dunkelkammer war ewige Nacht.
Bandi streckte sich müde, bevor er die letzten Abzüge mit Wäscheklammern an der Leine zum Trocknen aufhängte. Die Fotos, die er aus der Entwicklerflüssigkeit gezogen hatte, waren genauso geworden, wie er es sich vorgestellt hatte. Nah am Objekt, packend, zogen sie den Betrachter in die Geschichte hinein und dokumentierten unwiderlegbar, was sich am Leipziger Bahnhof zugetragen hatte.
Er legte sie nebeneinander und versuchte, sie in eine dramaturgische Ordnung zu bringen. Und da, während er die Fotos immer wieder herumschob und neu anordnete, sah er sie. Im ersten Augenblick wollte er es gar nicht glauben. Aber sie war es wirklich. Auf einem Foto, im Hintergrund, erkannte er die rothaarige junge Dame aus Leipzig, die ihn geohrfeigt hatte und die beim Küssen die Augen schloss …
Bandi lächelte.
Mittlerweile war es fast zwölf Stunden her, und es schien ihm beinahe unwirklich, so gnadenlos hatte die Müdigkeit von ihm Besitz ergriffen.
Es war ein Uhr geworden.
Außer ihm befand sich niemand mehr in den Räumen der Bildagentur DEPHOT in der Friedrichstraße. Die Büros, in denen tagsüber Fernschreiber tackerten, Telefone klingelten, Mitarbeiter in den Hörer schrien und Fotografen ihre Filmrollen in Eingangskörbe warfen, waren in ihrer Stille fast gespenstisch.
Bandi hatte Simon Guttmann nicht mehr in der Agentur angetroffen und überlegte, ob er mit den Abzügen in die düstere Dahlemer Villa fahren sollte, wo der Chef seine Nächte im Goldberg-Zirkel verbrachte. Dort studierte er mit Gleichgesinnten die Geheimlehre der Kabbala.
Verrückte Juden, dachte Bandi, der selbst Jude war. Allerdings ohne Glaubensbekenntnis. Bandi war bekennender Atheist. Deshalb hatte er nur milden Spott für Simon Guttmanns mystische Neigungen übrig. Der scharfsinnige Mann war von der Überzeugung nicht abzubringen, dass die jüdische Zahlenlehre ihre Jünger zu »übernatürlichen Revolutionären« machen könne, mit unbegrenzter Macht zum Guten in der Welt. Guttmanns Kabbala-Kreis, so wusste jeder in der Agentur, war seine Leidenschaft und sein Laster, seine heimliche Sucht.
Bandi versuchte sich vorzustellen, wie Guttmann reagieren würde, wenn der Dunkelkammergehilfe nachts den geheimen Zirkel stören würde, um seine Fotos zu präsentieren. Er seufzte. Und übergab die Idee dem Reich des Vergessens. Auch wenn er vor Aufregung die ganze Nacht keinen Schlaf fand, würde er bis morgen warten müssen.
Ein letzter Blick zu den Abzügen, dann knipste Bandi das rote Licht aus, schloss die Tür zur Dunkelkammer, streifte den Mantel über und trat in die Friedrichstraße hinaus.
Der Mond glänzte silbrig über dem Schnee, ein kaltes, klares Licht, das die Schatten der Großstadt so scharf hervortreten ließ wie in den Filmen von Fritz Lang. Es gab keine Zwischentöne, nur Weiß und Schwarz. Eisig schnitt die Nachtluft Bandi ins Gesicht. Die Straßen waren wie leer gefegt.
Am schlimmsten schmerzte die Kälte an den Füßen. Die doppelt besohlten Bergsteigerstiefel, die seine Mutter ihm bei seiner Flucht aus Ungarn geschenkt hatte, waren inzwischen fast durchgelaufen. Und es gab wenig Aussicht, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern würde, dachte Bandi trübe, während er durch die leere nächtliche Stadt bis zur Schönhauser Allee marschierte.
In der Innentasche seiner Lederjacke knisterte der letzte Brief, den er von zu Hause bekommen hatte. In fliegenden, von Tränen verwischten Zeilen, die an seine eigene Schrift erinnerten, hatte seine Mutter ihm mitgeteilt, dass sie ihm kein Monatsgeld mehr schicken könne. Die ungarische Wirtschaft war zusammengebrochen, und niemand interessierte sich mehr für die Damenkleider, die Julia Friedmann in einem improvisierten Studio ihrer Budapester Wohnung anfertigte.
Sein Vater war auch keine große Hilfe, überlegte Bandi verdrossen. Deszö Friedmann, ein Hochstapler und charmanter Schwadroneur, trieb sich in Kaffeehäusern und Spelunken herum, wettete, spielte Karten und verprasste das wenige Geld, das seine Frau vor den Gläubigern retten konnte.
Trotzdem hatte Julia Friedmann ihrem »Bandi« immer etwas Geld geschickt. Seit er denken konnte, war sie besonders liebevoll zu ihm gewesen, eine Liebe, die ihm Sicherheit gab, ihn jedoch auch bedrängte: Ständig hatte er das Gefühl, ihr etwas schuldig zu sein.
Er wusste, dass seine Mutter alles für ihn tun würde. Doch nun konnte sie nichts mehr tun.
Anfang November hatte sie geschrieben, dass sie kaum noch die Miete zahlen könne. Wenn die Familie überleben wolle, bliebe als Ausweg nur Amerika.
Eisern sparte sie für die Überfahrt und – wie er von seinem jüngeren Bruder Cornell erfahren hatte – schreckte nicht mal davor zurück, seinen Vater in der Wohnung einzuschließen, damit er kein Geld beim Spielen verlor.
Sparmaßnahmen, die auch das angenehme Leben beendeten, das Bandi bisher in Berlin geführt hatte. Bisher war er so unbeschwert gewesen wie jeder andere Student. Jetzt konnte er von Glück sagen, dass er die Stelle als Laufbursche und Dunkelkammergehilfe bei der DEPHOT hatte.
Und demnächst, dachte er mit zusammengebissenen Zähnen, eine große Zukunft als Fotograf.
Seine Schritte knirschten auf dem vereisten Schnee.
Bandi fühlte sich taub wie ein Eisklumpen, als er endlich das Hinterhaus in der Schönhauser Allee erreicht hatte. Sein Zuhause. Eine zugige Dachkammer, die er auf Schleichwegen betreten musste. Jede Nacht befürchtete er, dass Frau Pollock ihm auflauern würde: Er schuldete ihr seit mittlerweile fünf Wochen seine Miete.
Sein Lohn wurde unregelmäßig oder gar nicht ausbezahlt. Simon Guttmann hatte zwar einen scharfen Blick für Bilder und Menschen, aber keine gute Hand für die Geschäfte. Ganz Berlin wusste von dieser Misere. Es kam vor, dass die DEPHOT nicht mal mehr Briefmarken kaufen konnte, um die Fotos an Zeitungen zu verschicken. Dabei kamen ständig Aufträge aus den wichtigsten Redaktionen Deutschlands herein, denn die bedeutendsten Fotografen der Republik waren in der Friedrichstraße beschäftigt.
Niemand wusste, wo das viele Geld, das die Agentur mit ihren Bildern verdiente, eigentlich blieb.
Bei den Mitarbeitern jedenfalls nicht, dachte Bandi, der eher Simon Guttmanns Kabbala-Zirkel im Verdacht hatte.
Im Mondlicht öffnete er die Tür und schlich die Treppen hinauf, um die Witwe Pollock nicht aufzuwecken.
Und als er endlich sein Zimmer betrat, seine sichere Insel inmitten der finsteren Welt, musste er feststellen, dass er Besuch hatte. Er strich sich müde mit der Hand über die Augen.
