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Ein opulenter Roman über eine unmögliche Liebe nach einer wahren Begebenheit. Sie ist einer der größten Theaterstars des 19. Jahrhunderts: Die junge Rachel Félix erobert als »Theaterprinzessin« die Bühnen von Paris. Mit einem Naserümpfen toleriert die feine Gesellschaft Rachel, denn sie stammt aus armen Verhältnissen, ihr Vater ist ein jüdischer Straßenhändler. Doch als sie sich in den französischen Kronprinzen von Joinville verliebt, kommt es zum Eklat. Plötzlich steht für den Star von Paris alles auf dem Spiel: Ihre Karriere, ihre Ehre und schließlich sogar ihr Leben.
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2015
Ulrike Mirjam Wilhelm
Roman
Kairo, 30. November 1856
Ich war eine Frau, die alles hatte: Schönheit, Ruhm, Geld, Männer. Nun bedrängen Schatten mein Bett, und ich fürchte, dass ich sterben muss. Die Zeit zerrinnt. Sechs Stunden des Tages verbringe ich mit Hoffen, den übrigen Tag mit Verzweiflung. Aber ich will nicht klagen; mein Fieber ist gefallen.
Man schob mich auf den Balkon, wo ich die herrliche Aussicht genießen konnte. Wir wohnen im »Hotel d’Orient«, dem prunkvollsten Haus in Kairo. Es liegt hinter dem westlichen Tor Bab-el Guenéné, am berühmten Platz Esbekieh. Von meiner Suite blicke ich hinunter auf das dichte Laubdach der Akazien und auf Paläste wie aus einem morgenländischen Märchen. Dort drüben hat Napoleon gewohnt, der hier als Abu-Napartu oder Sultan Kebir verehrt wird. Sein Enkel ist mein Sohn – was mir wie ein Wunder erscheint!
Noch in meiner Kindheit gehörte ich zu den Verbannten. Überall wurde ich beschimpft und verjagt, und nun residiere ich hier wie eine Königin. Hinter dem Horizont, irgendwo östlich, liegt das Land meiner Väter. Ein türkischer Korvettenkapitän, den ich hier im Hotel getroffen habe, erzählte mir, dass der Anblick von Jerusalem sehr traurig sei. Eine arme, siechende, dem Ansturm der Winde preisgegebene Stadt. Vielleicht hätte ich nach Jerusalem reisen sollen, um dort zu sterben.
In diesen dunklen Tagen ist Sarah bei mir. Sie belagert mich mit ihrer Fürsorglichkeit, doch ihr Lächeln kaschiert kaum ihre Unruhe. Sie hat Heimweh, sehnt sich zurück in den Lichterglanz von Paris. Dabei wird sie leben können; sie wird das junge Grün im Bois de Boulogne, den silbernen Glanz der Seine sehen.
Am liebsten möchte ich nicht denken müssen; ich wünsche mir lautes Leben um mich, sehne mich hinaus in die Basare, in die Düfte des Orients, den Überschwang Kairos. Ein sagenhaftes Getümmel herrscht in den Gassen: Fußgänger, Wasserträger, Händler, dazwischen die Reiter mit dem golddurchwirkten Sattelzeug, die Kamelführer, die ihre stolzen Tiere durch die engsten Gassen zwängen und dabei alles Volk an die Wand drücken. Einmal sah ich sogar einen ganzen Harem, unterwegs ins Bad, die Damen schwarz verhüllt und vor dem Gesicht eine Maske mit weißer Leinwand.
Wie gerne würde ich dort unten sein! Für eine Weile würde ich die dunklen Gedanken und Erinnerungen vergessen können. Was für eine Aufregung, wenn der schwere Samtvorhang aufging, wenn im Saal das Geflüster vor dem ersten Akt verstummte, und später dann der brausende Applaus, an dem ich mich berauschte! Blumen, die mir zu Füßen fliegen, das Blinken der Kristalle und Lüster und Diamanten, Abendroben, tausend Männeraugen, die sehnsüchtig zu mir hin auf die Bühne blicken.
Paris, die grausame Stadt, wird mich womöglich schon vergessen haben. Ich mag nicht wissen, was meine Verehrer in meiner Abwesenheit tun. Umschmeicheln sie nun La Ristori, während sie mir verlogene Worte schreiben? Aber was nützen ihre schmachtenden Briefe, ich habe kein Lächeln, keine Worte mehr zu verschenken. Ich bin eine Frau von 37 Jahren, mein Ruhm und mein Leben verblassen. Und was die Liebe betrifft … ja, sie war groß und golden und ging doch so traurig zu Ende …
Vorhin kam Sarah ins Zimmer. Ich erkannte sie gleich am Takt ihrer Schritte, hörte es an der Art, wie sie den linken Fuß nachzog. Ganz leise öffnete sie die Tür, und als sie sah, dass ich wach war, stellte sie mir einen Teller auf den Nachttisch. Unter der Damastserviette kamen Milchbrötchen zum Vorschein, herrlich duftend und ofenfrisch.
»Für den Hunger.« Sarah schüttelte meine Bettdecke auf. »Du siehst aus, als könntest du einen Bissen vertragen.«
Der Duft der Brioches, den die französische Köchin mir als petite douceur bereitet hat, umschmeichelte meine Nase. Trotzdem kann ich nicht essen. Traurigkeit stieg in mir auf, wie eine innere Säure, die mich zerfrisst.
»Mon Dieu, was hätte ich dafür gegeben, als ich ein Kind war. Sarah, weißt du noch, wie viel Hunger wir hatten?«
Ich weiß selbst, wie brüchig meine Stimme klingt, die, tief und dunkel, vor kurzer Zeit noch ganz Paris und halb Europa verzaubert hat. Nein, es ist nicht mehr viel übrig von der Grande Tragédienne. In meinen besseren Momenten versuche ich, mich mit fremden Augen zu sehen: ein Bündel Knochen, in den Faltenwurf einer weißen Robe gehüllt, und darüber schwarzes Haar, kunstvoll unter einem Turban verborgen. Kein sehr erhebender Anblick.
Das Bettlaken entglitt Sarahs Hand. Sie ging ans Fenster. Ich sah ihren blonden Nackenknoten, die knisternde schwarze Seide, ein trotz der Hitze immer noch zu eng geschnürtes Mieder. Meine Schwester ist eine Frau von fast vierzig Jahren, aber selbst hier am Krankenbett kann sie sich und mir die Eitelkeit nicht ersparen.
Sarah blickte über die Minarette und Kuppeln von Kairo hinaus, stützte sich schwer auf dem Fensterbrett ab. Möglich, dass der Ansturm der Bilder von damals auch sie traurig stimmt. Wir waren so arm, und unser Leben schien so trostlos, als es begann.
»Weißt du noch?«, fragte ich. »Es war deine Idee. Ohne dich wäre alles ganz anders geworden.«
Dreißig Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal vor Publikum sang. Was waren das für Zuschauer gewesen! Fischhändler und Dirnen, kaum reicher als wir. Zwei hungrige jüdische Straßenkinder, die in ihren zerrissenen Kleidern und den wirren Haaren dürren, verwilderten Kätzchen glichen. Eine Ewigkeit trennt mich von damals, und doch kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen, als wäre dazwischen ein Loch in der Zeit.
Ein neuer Fieberschub plagte mich gestern Nacht. Die Pyramiden von Gizeh, die ich fern im Licht des Sonnenuntergangs am Horizont sehe, werde ich nicht mehr erreichen können. Die Reise wäre zu strapaziös. Umso entschlossener bin ich, die Wunder von Theben zu erblicken. Morgen werden wir aufbrechen, werden in zwei Nilbarken, unter Geleit der Garden von Suleiman-Pascha, dem Tal der Toten entgegengleiten.
Ich hoffe, auf der langen, beschaulichen Reise nach Oberägypten neue Kräfte zu finden. Das Klima sei sehr heilsam, hat mir der arabische Arzt Suleiman-Paschas versichert. In jedem Fall werde ich viel Zeit haben und abgelenkt sein. So habe ich einen neuen Plan gefasst: Kann ich schon mein geliebtes Théâtre français nicht regieren, so möchte ich doch einen kleinen Fingerabdruck in der Ewigkeit hinterlassen. Ich will mein Leben aufschreiben.
Mon cher Alexandre, geliebter Sohn und Enkel des großen Kaisers, du sollst meine Memoiren erben. Ich wünsche dir gesunde Kinder. Wenn ein Mädchen dabei ist, so Gott will, sollt ihr es nach mir Elisabeth nennen. Sie soll diese Aufzeichnungen erhalten, die Tragödie einer Frau und Künstlerin.
Vielleicht wird es eine Enkelin geben, eine Urgroßtochter, eine entfernte Verwandte in irgendeiner fernen Zeit, die meine Memoiren lesen kann und daraus etwas lernt. Ein Mädchen, das meinen Namen tragen wird, das vielleicht die Wende zum nächsten Jahrhundert oder sogar Jahrtausend erlebt. Wie wird die Welt dann sein? Wird es noch Theater geben?
Ein eisiger Luftzug streift meinen Arm. Ja, gewiss, ein Engel ging durchs Zimmer. Tränen steigen in meinen Augen auf. Vielleicht hat sie meinen Ruf gehört. Dann wäre möglich, dass im nächsten Jahrhundert, im nächsten Jahrtausend jemand sich an mich erinnert. Man lebt ja nur fort, solange die Erinnerung besteht. Wenn ihr meiner gedenkt, tut es mit einem Lächeln. Ich habe meinen Namen so weit getragen, wie mir möglich war. Ich bin Elisabeth Félix, genannt Rachel. Und das hier ist mein Leben.
Meine erste Erinnerung: Ich bin unterwegs. Rote Ziegeldächer, Zwiebeltürme, Weizenfelder, Weinberge. Verwischende Gesichter, Dörfer, Landschaften, der Rhein, ein breites blaues Band, das in der Sonne glitzert. Mandelbäume, die in Blüte stehen, Kirschen, die wir in den Feldern finden, süße blaue Trauben, die wir im Herbst von den Reben pflücken.
Im Winter hausten wir in Frankfurt. Die Fachwerkhäuser waren so schief, als verneigten sie sich. Jeder kannte jeden in den Gassen, und es gab Männer in langen schwarzen Mänteln, die mir Angst machten. Sie hatten lange Bärte und lange Locken und beteten viel. Ihre Frauen erzählten uns Kindern von großen Feuern, die im Osten brannten.
»Fromme«, nannte Maman sie andächtig.
»Danach haben die Kosaken auch nicht gefragt«, murmelte Papa.
Er konnte es kaum erwarten, Frankfurt zu verlassen. Wenn der Frühling kam, schirrte er den Esel an, und wir zogen in die entlegenen Dörfer der Nordpfalz oder des Taunus. Sarah und ich hockten in Papas Eselskarren, zwischen dem Trödelkram, den mein Vater verkaufte, zwischen Töpfen, Wäsche und unseren viel zu dünnen Decken. Sarah zwickte und knuffte mich, und wenn ich dann aufschrie, war ich es, die Papas harte Hand ins Gesicht bekam, während die hübsche Sarah feixte.
Unterwegs begegneten wir Ochsenkarren und Händlern mit Bauchladen, die noch ärmer waren als wir. Sie grüßten Papa mit seinem Karren. Im Vergleich zu ihnen seien wir reich, erklärte Maman. Wenn wir in die Dörfer kamen, warteten die Bauern schon auf uns. Ihre Teller waren voll, meinte Papa immer, aber ihre Köpfe leer. Auf ihren Höfen waren sie abgeschnitten von den Postkutschen und den Nachrichten, die in der Rheinebene kursierten. Daher gaben sie ein dankbares Publikum für Papa ab, der aus seinem Auftritt ein Kunstwerk machte. Er wartete ab, bis die Bäuerin ein Tablett mit einer Flasche brachte. Papa hob sie an den Mund, tat so, als ob er trinken würde, und stöhnte so komisch, dass Sarah und ich kichern mussten.
»Ah, wunderbar! Habt ihr gehört?! Es gibt Najes in der Welt!«
Papa scheuchte Sarah und mich aus dem Karren, und wir drückten uns am Rücken der Bäuerin vorbei in die Küche, um dort einen Teller Suppe, ein Stück Brot zu erbetteln. Manchmal blieben wir auch hinter dem Karren sitzen und sahen zu, wie Papa zum Zauberkünstler wurde. Mit seinen behaarten Händen löste er die Seile und Ösen, dann endlich hob er die Plane an. In der Sonne glitzerten Ketten aus falschen Steinen und die Schnallen guter Ledergürtel; Lavendelseife und Jasminessenz verströmten ihren Duft, und in einer Schatulle lag eine Auswahl scharfer Messer.
Der Bauer trat näher, ließ den Finger über die Klinge fahren.
»Ein Silberstück, und es ist deins!«, rief mein Vater und hörte sich an, als könne er sich nicht davon trennen. Dabei sagte er sonst, dass es Tinnef sei.
Aber die Bauern in der nördlichen Pfalz waren auch nicht dumm.
»Ganeff!«, schimpfte Papa, wenn er sich wieder einmal hatte herunterhandeln lassen. »No, was soll man machen! Wir brauchen das Geld!«
Manchmal konnten wir zum Schabbes ein ganzes, fettes Hühnchen kaufen und dazu noch einen Krug roten Wein für meinen Vater.
»Jacob«, verkündete Maman dann stets mit vollem Mund, »wir sind zwar nicht reich, aber wir haben uns. Und das ist ein Glück.«
Später, wenn der Mond sein bleiches Licht über die Felder strömen ließ, schickte sie Sarah und mich zurück in den Karren und verschwand mit Papa im Gebüsch. Irgendwann spät kehrten sie flüsternd und kichernd zurück zum Wagen, in dessen Schutz sie sich auf dem Boden ein paar Decken gebreitet hatten.
Manchmal fuhren wir über die »Kaiserstraße« durch die Pfalz nach Mainz, ein ganz gerader Weg, auf dem unser Karren angenehm rollte. Nur einmal gab es eine Kurve, um ein Schloss herum, wo Kaiser Napoleon mit Joséphine übernachtet hatte. Deshalb wollte man später die Bäume im Park nicht für eine gerade Straße fällen lassen.
»Das ist große Liebe, Kinder!«, erklärte uns Papa.
Maman redete auch oft über die Liebe, vor allem im Winter. Dann ging es uns allen sehr schlecht. Es war sehr kalt, und wir hatten nie so viel auf dem Tisch, dass dieser dumpfe Schmerz in meinem Magen aufgehört hätte. Oft blieb mir nur ein Zipfel meiner Decke, an der ich kauen konnte, um wenigstens etwas im Mund zu haben.
Maman fielen die Haare stumpf und wirr ins Gesicht.
»Wärst du doch weiter zur Schule gegangen, Jacob. Du hättest das Zeug gehabt zum Rabbiner.« Sie hob die Hände zum Himmel. »Wie geehrt wir hätten sein können!«
Papa murmelte dann etwas in seinen zottigen schwarzen Bart, und bald darauf knallte die Tür, und er verließ in übler Laune das Zimmer. Wenn Maman mit ihm streiten wollte, redete er tagelang nicht mit ihr. Meine Mutter saß dann auf ihrem Hocker und wiegte ihren Oberkörper vor und zurück, als wäre sie verrückt geworden.
»Alewaj! Wir haben aus Liebe geheiratet. Ich sag euch was: Nehmt euch in Acht vor der Liebe! Ich habe gedacht, wir wären füreinander bestimmt. Was hab ich gekriegt? Einen verrückten kleinen Handelsmann, der die Finger nicht von mir lässt. Und das, wo euer Vater doch gar keinen Geschäftssinn hat. Er wollte ja das Geld von meinen Leuten nicht. Gutes Geld. Und ein guter Name, große Gelehrte. Berühmt von Lissabon bis Odessa, habt ihr gehört? Ihr dürft nie vergessen, dass ihr was ganz Besonderes seid. Habt ihr gehört? Ihr seid Prinzessinnen! Deshalb müsst ihr immer das Kinn hochtragen! Immer! Egal, was kommt! Der Stolz der Prinzessin ist ihre Zierde. Merkt euch das!«
Mein Vater durfte solche Reden nicht hören. Vielleicht, weil er sich nicht gern unterlegen fühlte. Bei uns hatte nur einer das Sagen, und das war Papa. Meine Mutter zitterte vor ihm, wenn er die Stimme hob. Doch immer häufiger war es nicht nur die Stimme, die er hob, denn bald sollten die Zeiten immer schlechter werden.
*
Der Winter 1825 ist mir in schmerzlicher Erinnerung. Papa wurde damals immer gereizter. Wenn Sarah und ich nur einen Mucks machten, setzte es schon Ohrfeigen. Einmal, am Schabbes, als Maman die Kerzen angezündet hatte, verdunkelte auf einmal der Zorn sein Gesicht. Er sprang auf und blies die Lichter aus.
»Schluss damit – einmal und für immer! Was für ein Gott!« Papa lachte in einer sonderbaren Stimme, die mich schaudern machte. »Ein Gott, der uns zwingt, von ihm abzufallen!«
Maman war einen Kopf kleiner als er, aber der Zorn machte sie riesengroß. »Jacob! Setz dich hin! Stör nicht den Frieden!«
Ich traute mich kaum zu atmen. Bestimmt würde gleich etwas Schreckliches passieren! Wir hatten viel zu selten erlebt, dass Maman ihm zu widersprechen wagte. Meist brauchte er nur die Augenbrauen zu heben, dann wurde sie rot, schwieg und senkte den Blick. Nun allerdings starrte sie ihn mit wilder Entschlossenheit an.
Eine lange Weile verging, dann geschah das Wunder: Mein Vater gab nach. Während Maman die Kerzen wieder anzündete und erneut den Segen sprach, stützte er sein Kinn in den Handflächen ab und starrte ins Leere.
»Jeden Tag einer weniger. Aus Wolf wird Wilhelm, aus Enoch wird Eduard, der Löb nennt sich Louis. Soll ich mich Jacques nennen? No, dann wird vielleicht alles besser werden.«
»Jacob! Was für eine Rede führst du da? Genügt es nicht, dass sie uns zwingen, uns Félix zu nennen? Baruch war doch ein guter Name!«
»Die Frage ist, ob wir uns taufen lassen. Dann könnte unser Sohn vielleicht studieren. Ein ordentlicher Christ und Professor werden.«
*
Ich verstand nicht, worum es ging, doch ich sah, dass Maman diesen gewitterblauen Blick bekam, mit dem sie sogar Sarah immer zum Schweigen brachte. Ein paar Sekunden geschah nichts. Schließlich griff sie nach dem Krug mit dem roten Wein, für den sie die ganze Woche gespart hatte, und schüttete ihn meinem Vater ins Gesicht.
»Da hast du deine Taufe!«
*
Bald kam jener Tag, dessen Bilder mir noch so lebendig vor Augen stehen, dass ich sie mit in den Tod nehmen werde.
Es war im Mai, und die Sonne schien, als wir in einer langen Reihe von Ochsenkarren und eleganten Einspännern den Rhein bei Speyer passierten. Der Kaiserdom glänzte über der Rheinebene; eine leichte Brise strich über die Felder. Eine seltsame Stille lag in der Luft. Maman war es, die als erste die Rauchsäule aufsteigen sah. Ein weißes Menetekel am Sommerhimmel.
»Jacob! Es brennt! Vielleicht sollten wir umkehren! Denk an den Sohn, den du von mir willst!«
Sarah und ich drängten uns an den Rand des Wagens. Mamans Tonfall machte uns Angst. Sie klang so schrill, was meinem Vater nie gefiel. Stirnrunzelnd ließ er die Peitsche knallen.
»Wir können uns nicht ständig aufhalten lassen. Das hier ist der Weg, den wir ziehen wollen? No, wir werden ihn ziehen!«
Ich konnte sehen, wie Maman ein Gebet murmelte. Es laut zu sprechen, wagte sie wohl nicht.
Kurz bevor wir den Ort erreichten, kam ein Bursche durch die Felder. Papa zügelte den Esel und fragte, was im Dorf da vor sich gehe. Der Bursche musterte uns argwöhnisch.
»Ich glaube, es ist wegen der Juden.«
»Juden kennen wir nicht«, krähte ich dazwischen. Maman hatte mich den Spruch gelehrt und immer wieder aufsagen lassen. Doch Papa hatte ihn offensichtlich noch nicht gehört. Denn er drehte sich zu mir um und verpasste mir eine Ohrfeige, die mir den Atem nahm. Heulend verkroch ich mich im Wagen. Mir blieb der Trost, dass wir bald bei Onkel Geminder sein würden. Er und die Tante hatten eine Geflügelhandlung und stopften Sarah und mich wie ihre Gänse.
Als wir das Dorf erreichten, hörte ich lautes Gelächter, beißender Rauch ließ mir die Tränen in die Augen steigen. Leise, um Papas Aufmerksamkeit nicht zu erregen, setzte ich mich im Karren auf. Was ich sah, wollte ich nicht glauben. Das Haus von Onkel und Tante brannte lichterloh. Flammen, Funken, überall Feuer. Die hohlen Fenster sahen aus wie schreiende Münder.
»Geminder!«, sagte Papa in einem Ton, der mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ.
»Mach, dass keiner im Haus ist!«, betete Maman.
»Noch mehr Judenpack!«, schrie ein Mann, und die Menge wich vor uns zurück. Auf einmal war eine unsichtbare Mauer um uns gezogen.
Juden? Wir kennen doch keine Juden, dachte ich. Die Zeit verlangsamte sich. Ich starrte in diese wilden, wütenden Gesichter und glaubte, das Hämmern meines Herzens in meinem Kopf zu hören. Was wollten sie von uns? Warum waren sie so böse?
Dann spürte ich am Kopf einen furchtbaren Schlag. Ein greller Blitz flammte vor meinen Augen auf, und ich sah Sarah nur noch durch einen Schleier. Etwas Feuchtes lief meine Stirn herab. Ich blickte in meine offene Hand und sah, dass sie voller Blut war, und irgendwo, ganz weit weg, hörte ich Sarahs schrilles Lachen.
In diesem furchtbaren Moment muss irgendeine uralte Kraft über mich gekommen sein. Trotz meiner Schmerzen sah ich alles ganz kalt und ganz klar. Ein Mann zerrte Maman am Ärmel, sodass der Stoff zerriss. Ein Stein traf unseren Wagen, die Brillen und Operngläser und Uhren zerbarsten, die Flaschen mit Duftessenz zerbrachen, und die Luft roch seltsam nach Jasmin.
Ich sah, wie Papa die Peitsche gegen die Angreifer knallen ließ, während meine Mutter mit verzweifelter Wut nach den Glasscherben griff und sie in die Menge warf. Ich sah, wie ein Spaten in der Sonne blitzte, bevor er den Kopf unseres Esels traf, und das zahnlose Grinsen des Mannes, der dem schreienden Tier in die Flanken trat.
»Maman!«, weinte ich und klammerte mich an Sarah fest, aber meine Mutter konnte uns nicht beschützen. Ich machte die Augen zu, wollte die bösen Männer, die auf uns eindrangen, nicht sehen müssen.
Dann geschah das Wunder. Es wurde still. Ich wartete einen Moment, bis ich es wagte, die Augen zu öffnen. Die hasserfüllten Gesichter wichen zurück. Ich hörte ein lautes Rufen, hörte, wie Maman dem Himmel dankte. Ein grauhaariger Mann hatte sich vor der Menge aufgebaut. Er trug ein langes schwarzes Kleid, das im Wind flatterte, und sah sehr zornig aus.
»Aufhören! Sofort Schluss im Namen Gottes! Was seid ihr nur für ein Pöbel! Ich hole die Grenadiere!«
Wie von Ferne hörte ich Mamans Stimme, die mich immer wieder rief, aber mir war schwarz vor den Augen. Ich ließ mich in einen dunklen Sog fallen …
Im Schlaf, so erzählten sie später, schlug ich um mich, weinte und schrie. Was hatten wir getan? Warum hassten sie uns? Wir kannten sie doch gar nicht! Im Traum sah ich das Blut, sah den Esel sterben, die Flammen, das Feuer und hörte diesen markerschütternden Schrei: »Judenpack!«
*
»Maman, was ist ein Jude?«
Der Pfarrer hatte uns bei sich aufgenommen. Zum ersten Mal im Leben lag ich in einem Bett; es war wunderbar warm und weich. Noch immer schmerzte die Wunde, doch ich sah in lauter freundliche Gesichter. Alle hatten betend an meinem Lager gewacht.
»Dieses Kind kann dumme Fragen stellen«, seufzte Maman.
»Ein Jude«, sagte Papa, »ist ein Mensch, den man totschlagen kann, ohne dafür ins Gefängnis zu müssen.«
»Oft«, Onkel Geminder nickte, »kann man für einen toten Juden sogar eine Belohnung bekommen.«
»Was für ein Glück«, sagte ich zufrieden, »dass wir keine Juden kennen.«
»Alewaj«, seufzte Maman, und mein Vater bekam einen Blick, als hätte er mir am liebsten schon wieder eine Ohrfeige gegeben.
Geminders hatten eine Fahrt zu Kunden unternommen und bei ihrer Heimkehr die rauchenden Trümmer ihres Hauses vorgefunden. Nun würde es kein Hähnchen geben, mit dem Sarah und ich uns vollstopfen könnten.
»Wir sind, Gott sei Dank, am Leben«, sagte die Tante.
Papa kaute auf einem Strohhalm. »Das Leben ist so ziemlich das Einzige, was einem bleibt.« Niemand fiel in sein schroffes Gelächter ein. »No, ich sag euch was, wir werden nach Frankreich gehen. Dort ist alles besser. Hier werden bald Pogrome kommen.«
»Ich hab es immer gewusst«, seufzte Tante Geminder. »Die Leute sind neidisch. Sie neiden uns immer das Geschäft. Hab ich es nicht immer gesagt, Daniel? Wenn sie neidisch werden, kommt die Gefahr. Sie sind überall gleich. Einmal Kosak, immer Kosak.«
»Wenn’s Spaß gibt, sterben die Leut«, meinte Onkel Daniel. »Trotzdem geht es uns hier gut. Wir werden eben wieder von vorn anfangen. Und es gibt ja die anderen. Die Mehrzahl der Leute will so etwas nicht. Sie haben euch gerettet, vergesst das nicht.«
»Totgeschlagen hätten sie uns, wäre der Pfarrer nicht gekommen.«
»Gott sei Dank, dass er gekommen ist.«
»Wir verlassen dieses Land. Wir gehen nach Frankreich, Therese.«
»Du sollst mich nicht mehr so nennen, Jacob. Habe ich keinen guten jüdischen Namen? Ich will den alten Namen zurück. Wenn sie einen totschlagen, fragen sie auch nicht, wie man heißt. Ich will jetzt Esther Haya heißen.« Auf einmal fuhr meine Mutter wütend zu mir herum. »Und was dich betrifft, Elisa, du brauchst nicht zu sagen, dass du keine Juden kennst. Es wird uns doch nichts nützen. Du bist eine Jüdin, merk dir das!«
Eine Woche lang wanderten wir durch die Rheinauen, Wolken aus Mücken schwirrten um uns herum und stachen mich. Maman band mir die Hände fest, damit ich mir die Stiche nicht aufkratzte. Der Weg war schrecklich; ich stolperte mehr, als ich ging. Sarah und ich mussten helfen, unsere letzten Habseligkeiten zu tragen, denn unser Esel war unter den Schlägen verendet. Die Riemen der Tragegurte schnitten in unsere Schultern ein, unsere Füße schmerzten von der harten Erde und den Domen. Wir wimmerten und weinten, doch Papa trieb uns unbarmherzig weiter.
Wir schliefen am Wegesrand und in Scheunen. Später folgten wir dem Lauf des Flüsschens Daub. Kähne treidelten durchs glitzernde Wasser, es gab auch Obstgärten, in denen wir Kirschen auflasen. Und in all dieser Zeit wuchs und wuchs Mamans Leib, als ob sie bald platzen würde. Papa legte eine Hand auf ihren Bauch.
»Mach, dass es diesmal ein Sohn wird.«
Wenn er von seinem Sohn sprach, hatte seine Stimme eine Zärtlichkeit, die ich sonst gar nicht kannte. Ich hasste diesen Sohn, schon bevor er das Licht der Welt erblickte. Was sollte an ihm so Besonderes sein? Und was hatte mein Vater gegen mich und Sarah? Eines Tages fragte ich Maman danach.
»Der Herr hat die Menschen verschieden erschaffen. Das Weib, damit es dem Mann zu Gefallen ist.«
»Könnte es nicht auch andersherum sein?«
»Das merk dir für dein Leben: Der Klügere gibt nach.«
»Aber dann würde ja immer die Dummheit siegen.«
»Elisa, wenn du nicht sanfter wirst, kannst du es schwer haben. Männer mögen nicht, wenn man ihnen widerspricht«, erklärte meine Mutter.
Eines Abends machte Papa einen Fehler: Wir hatten versucht, eine Abkürzung zu nehmen. Doch nun war keine Scheune, kein Haus, kein Licht in Sicht. Die Dämmerung legte sich wie ein dunkler Schleier über die Felder; irgendwo rief ein Käuzchen. Papa zündete die Laterne an.
»Gefällt mir gar nicht, dass wir jetzt noch weiter müssen.« Er zeigte zu den Bergen hinauf, gewaltige schwarze Schatten. »Man sagt, dass es da oben noch Wölfe gibt.«
»Jacob! Du machst den Kindern Angst.«
»Das will ich auch! Damit sie die Beine unter den Arm nehmen.«
Furchtsam griff ich nach Sarahs Hand und stolperte mit schweren Beinen dem Lichtschein der Laterne hinterher. Mein Magen knurrte, ich war müde, und doch lief ich weiter. Dabei sah ich kaum noch, wohin ich trat. Es war so dunkel, als habe der Himmel den Mond und die Sterne verschluckt. Bis wir auf einmal in der Ferne ein großes Glitzern sahen.
»Endlich«, seufzte Maman. »Ein Dorf.«
Aber das Dorf bewegte sich, kroch auf uns zu wie eine Schlange.
»Jacob! Eine Karawane!? Wenn es Räuber sind?«
»No, wenn wir uns verstecken, glauben sie nur, dass wir etwas zu verbergen haben.«
Wir gingen noch ein Stück, dann schwenkte Papa die Laterne, und in diesem Augenblick riss der Himmel auf: Der bleiche Mond schien auf eine Weide, die sich zu einem Bach hinabsenkte.
»Hier bleiben wir und warten, bis sie vorüber sind.«
Nun wurden Stimmen laut. Lichter schwankten den Hügel herauf.
»Wie ein Drache«, murmelte ich.
Maman stöhnte auf: »Alewaj! Hoffentlich ein friedlicher Drache.«
»Vielleicht sind es rechtschaffene Leute. Und wer weiß, vielleicht kaufen sie mir sogar ein paar Messer ab.«
»Ach, Jacob, doch nicht mitten in der Nacht!«
Papa griff nach der Laterne und ging zum Weg zurück, ein schwankendes Licht in der Dunkelheit.
Ich konnte Mamans Atem an meinem Ohr spüren. »Euer Papa ist ein hoffnungsloser Träumer.«
Bald darauf hörten wir seine Stimme durchs Tal schallen: »Esther! Es sind Theaterleute! Sie wollen Rast mit uns machen. Hierher, Leute! Hier ist das Wasser!«
Es war wie ein Traum. Ich sah Ochsenkarren, die schwerfällig auf die Wiese rumpelten, bis sie einen Kreis um uns gebildet hatten. Ich sah Männer mit großen Schnurrbärten und ihre Frauen mit bunten, bauschigen Röcken. Bald hatten sie ein großes Feuer in Gang, und fettes Fleisch brutzelte an Spießen.
»Hier ist es warm, Kinder! Und es gibt auch etwas zu essen! Landsleute müssen doch zusammenhalten!«
Die Leute stammten aus Matzenberg, einem Pfälzer Dorf, das Papa von seinen Handelsreisen kannte. Wortreich tauschten sie Neuigkeiten aus. Sarah und ich duckten uns unterdessen in die Dunkelheit, damit Maman uns nicht sah. Mit beiden Händen stopften wir das Fleisch in uns hinein, das eine Frau uns gegeben hatte. Es war verbotenes Fleisch, erklärte mir Sarah. Schweinefleisch. Doch es schmeckte wunderbar.
»War eine gute Saison für unser Theater.« Der Matzenberger wischte sich über den Mund. »Sind durch das Rhonetal gekommen. In Lyon ist es am besten gelaufen. Ich sage dir was, mein Freund: Dort steckt Geld. Die Bourgeois haben gutes Geld in den Taschen. Gutes Geld, das locker sitzt.«
Der Widerschein der Flammen warf huschende Schatten über Papas Gesicht. »Eigentlich wollten wir nach Paris.«
»Theater«, fragte ich aus meiner Dunkelheit. »Was ist das?«
»Leise, Elisa! Wer hat dich gefragt?«
Der Matzenberger griff nach einem brennenden Holzscheit und hielt es vor mein Gesicht. »Was für eine Stimme! So dunkel und doch so grell. Kann sich gut Gehör verschaffen, die Kleine.«
»Das konnte sie schon immer«, murmelte Papa. »Aber das ist auch das Einzige, was sie kann.«
»Das Theater, meine Kleine, ist ein wunderbares Spiel. Du bringst die Menschen zum Weinen und zum Lachen. Du legst die ganze Welt in ihr Herz. Und du selbst kannst die ganze Welt erfassen. Weil du auf der Bühne immer ein anderer bist: heute Prinz, morgen Bettler oder Bauer.«
Ich nickte. Denn ich kannte ja dieses Prickeln, wenn ich mir vorstellte, eine andere zu sein; nicht die hässliche Elisa, die ständig Hunger hatte, Ohrfeigen bekam oder fror, sondern eine Prinzessin mit vielen Kleidern und dicken Locken, die so herrlich blond waren wie Sarahs.
»Wenn ich groß bin, will ich auch zum Theater.«
»Mit deiner ausdrucksvollen Stimme würde das gehen, doch musst du noch hübscher werden. Du hast so magere Schultern, so ein spitzes Gesicht. Auf dem Theater wollen sie Fleisch und Brüste sehen. Aber im Ernst …« Er beugte sich weit vor, fasste mein Kinn und hob es grob hoch. »… da ist ein Feuer in diesen Augen, Flammen im Blick.«
»Setz ihr keine Flausen in den Kopf«, murrte Papa. »Am Ende glaubt sie dir noch. Elisa ist ein hässliches Entlein.«
Ich biss mir auf die Lippe, um nicht weinen zu müssen. In diesem Augenblick betete ich, dass mein Vater sterben würde. Ich hasste ihn!
»Jacob!«, rief Maman warnend von ihrer Decke. »Wir müssen schlafen. Du denkst doch an unseren Sohn?!«
»Weiber!« Der Matzenberger drückte sich eine Flasche aus Büffelfell an den Mund. »Warum können sie nicht ohne Zunge geboren werden? Wie viel schöner wär das Leben dann!«
Ich starrte ins Feuer: Theater … Eine andere Person sein … Auf einmal hatte meine Sehnsucht einen Namen, aber mein Glück währte nicht lange. Dann riss mich eine stählerne Hand aus meinen Träumereien.
»Elisa! Komm!«
»Ich will aber nicht!«
»Wenn du nicht kommst, werde ich dich prügeln müssen.«
Ich starrte Papa an, entschlossen, mich zu widersetzen, doch das nützte mir wenig, denn er schleppte mich einfach fort.
Der Matzenberger lachte. »Alles Feuer der Hölle im Blick. Und vergiss Paris, Jacques Félix! Bald wird Paris im Aufruhr sein. Bleib in Lyon, mein Freund. Da bist du sicher. Und die Bourgeois haben Geld in den Taschen.«
*
Wie so viele Künstler muss der Matzenberger die Gabe der Hellsicht besessen haben. Ein Jahr nachdem wir den fahrenden Leuten aus der alten Heimat begegnet waren, brannte Paris. Das Volk ging im Juli 1830 auf die Barrikaden, besiegte die Truppen Marmonts und stürzte Charles X., den letzten der Bourbonen. Louis-Philippe wurde von der Bourgeoisie zum König deklamiert, unruhige Zeiten, die für die armen Leute nichts wirklich besser machten.
Ich sitze in meiner Kabine auf unserer Kangsche und blicke hinaus über die Ufer des Nils, die an mir vorübergleiten. Längst ist Kairo hinter uns im Flirren des Dunstes verschwunden. Hustend nahm ich Abschied vom Meer der Welt, wie man die Stadt im Morgenland nennt. Schon seit Tagen ist nichts mehr zu sehen von den herrlichen Kuppeln und Minaretten Al-Quahiras, von den herrlichen Gärten von Schubra und den Feueressen der Dampfmaschinen. Sarah, die sich in einen Leutnant verliebt und vor der Abreise Durchfall bekommen hatte, ließen wir im Palast des Pascha zurück.
»Ein solcher Gast wird mir eine Freude sein«, sagte der alte Soldat.
Suleiman-Pascha hat meine Kangsche mit jedem Komfort ausstatten lassen. Ich ruhe gemütlich auf den Kissen meiner Ottomane, umsorgt von meiner guten Rose und dem Rais, dem Schiffsführer, der gehalten ist, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Die ägyptische Dienerin bringt mir die herrlichsten Spezialitäten, sogar Bananen, die himmlischste aller Früchte, deren Fleisch einem auf der Zunge zergeht. Ich möchte jedoch am liebsten nichts davon anrühren. Ich möchte alles mit den armen Menschen dort draußen teilen.
Der Anblick draußen ist trostlos. Weil der Nil hier so oft über die Ufer tritt, wurden ihre Dörfer auf Hügel aus grauem Sand erbaut. Die Häuser sind meist klein und schwarz, aus Erdziegeln errichtet. Sie erinnern mich an die rußgeschwärzten Häuser meiner Kindheit, und vermutlich ist es trotz der ägyptischen Hitze im Inneren genauso feucht wie in unseren Mansarden.
Es macht mich frösteln.
Am meisten schockiert mich jedoch der Anblick der Sakis am Ufer. Die Schaufelräder fördern laut knarrend Wasser zutage und begleiten den Nil auf seiner ganzen Reise. Seit Minieh hinter uns liegt, sieht man aber kaum noch Tiere vor den Rädern. Nein, es sind Menschen! Halbnackte, abgemagerte Männer, die nichts als ein zerschlissenes blaues Gewand am Leib tragen. Fellahs, wie mir mein Schiffsführer erklärte. Unter stechender Sonne ziehen sie den ganzen Tag wie stumpfsinnig vor dem Rad ihre Kreise. Die Kinder sehen zerlumpt und mager aus.
Der Anblick dieser Armut deprimiert mich. Wie gut kenne ich den Hunger! Und wie habe ich früher die feinen Damen gehasst, die alles hatten und doch nichts abgeben wollten! Das Herz Frankreichs gehörte der Börse, und dem Wesen der Spekulation ist die Mildtätigkeit fremd. Um ein Stückchen Brot habe ich mich mit Gassenjungen prügeln müssen; oft bin ich blutend und weinend nach Hause gekommen, wo es dann noch weiteren Ärger gab. Wenn ich die erbärmlichen Kinder am Ufer winken sehe, dann glaube ich, in mein eigenes Elend von damals zu blicken.
Ich sah die Stadt und wusste, dass ich sie hasste. Lyon war grau und trostlos, voller Ruinen alter Adelspaläste, die von den Revolutionstruppen 1789 niedergebrannt worden waren. Niemand machte sich die Mühe, sie wieder herzurichten. Wir zogen auf den Speicher eines verkommenen Palais am Ostufer der Rhone. Die Bretterverschläge bildeten kleine, enge Räume, in denen es ständig laut wurde. Unter anderem auch, weil unsere Familie Zuwachs bekommen hatte: Citoyen Raphael Félix war zur Welt gekommen, Vaters ersehnter Stammhalter, sein Goldkind. Ich hasste dieses Bündel wimmerndes Fleisch vom ersten Moment an und hätte es am liebsten ertränkt. Seit Raphael auf der Welt war, hatte Papa kaum noch einen Blick für mich. Und mit Maman ging es nicht viel besser. Sarah war zwar kein Sohn, hatte aber das Glück, hübsch und blond zu sein. Mir blieb nur die Wahl, mit schlechtem Benehmen auf mich aufmerksam zu machen. Bald war ich diejenige in der Familie, die am lautesten heulen und kreischen konnte.
Das Einzige, was mir an Lyon gefiel, war unser Haus. Ich liebte den verblichenen Glanz: die breite Marmortreppe, die steinernen Gesimse und bröckelnden Arkaden. Wenn ich durch das Entree zu unserem Speicher schritt, konnte ich mir vorstellen, wirklich eine Prinzessin zu sein, wie Maman es früher immer erzählt hatte. So wie die beiden in schwarze Seide gehüllten Damen, die in ihrem abgedunkelten Salon saßen und die vergangenen Tage in Erzählungen auferstehen ließen, die ich heimlich belauschte.
Ich wollte wissen, worüber die beiden Damen redeten! Dabei merkte ich zuerst gar nicht, wie das Lauschen mein Französisch verbesserte. Ich hatte die Sprache in der Gosse gelernt. Die Prinzessinnen sprachen vollkommen anders, nicht so hart wie mein Vater, der aus Metz kam. Von Maman ganz zu schwiegen; sie redete ohnehin nur Jiddisch.
Manchmal hatte ich das Gefühl, Jiddisch sei nur für den Streit erfunden worden. Wenn ich die Treppe zu uns emporging, sank meine Laune mit jedem Schritt. Das letzte Stück zu unserem Speicher führte eine hölzerne Stiege hinauf. Schon am letzten Treppenabsatz hörte ich die bösen Worte aus unserer Wohnung. »Von Luft können wir nicht leben«, keifte Maman.
»No, ich hab keine Frau, ich hab eine Quetsch geheiratet!«
»Und was bist du für ein Mann?«
Mein Vater machte einen schnellen Schritt auf sie zu. Es kam vor, dass ihre Streitereien handgreiflich wurden. Warum konnte Maman ihren Mund nicht halten? Ich wollte nicht hinsehen, verbarg das Gesicht in meinen Armen und weinte.
Wenn Papa bei seinem Goldkind wachte, verhielt er sich ganz anders. Ich glaube, für Raphael hätte er alles getan. Stundenlang saß er bei der Stoffwiege, die Maman aus einem Kopftuch genäht hatte, sang Raphael Kinderlieder vor und schaukelte ihn.
»Es ist schön, wenn ein Vater sein Kind liebt«, giftete Maman. »Aber noch schöner, wenn er es auch ernähren kann.«
»Das schönste Geschenk ist eine Frau, die schweigt.«
Wir hatten nur dünne Suppe auf dem Tisch, die nach Wasser schmeckte, und Maman hielt Gott lange Vorträge, dass er uns vor dem Hungertod erretten möge. Papa, der es im Gegensatz zum Allmächtigen vielleicht vermocht hätte, unternahm in dieser Hinsicht wenig. Er war ein »elender Luftmensch«, wie Maman sich ausdrückte.
»Lyon ist die Stadt Molières, eine kultivierte Stadt!«, verkündete Papa. »No, gebildete Leute wie wir werden unser Auskommen finden.«
*
Im ersten Winter in Lyon hatte Maman angefangen, Litzen und Bänder anzufertigen, die sie verkaufte. Sie nähte am Tag und halbe Nächte hindurch. Am Donnerstag ging sie dann zu einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie, um dort die Böden zu schrubben und das Silber zu polieren. Nachts backte sie die Challe für den Schabbes. Oft hatte sie Augen, die vor Müdigkeit so groß wie Murmeln waren.
Eines Abends warf sie auf einmal ihr Nähzeug auf den Tisch.
»Ich weiß nicht mehr, wie es gehen soll, Jacob. Bald kommt der Winter. Wir müssen heizen und das Essen für die Kinder zahlen. Es gibt doch so viele Manufakturen in dieser Stadt. Unsere Leute kommen sogar aus dem Osten, um hier Arbeit zu finden. Kannst du dich nicht in einer Seidenspinnerei verdingen? Es ist doch keine Schande!«
»No, und mir die Gesundheit ruinieren? Ist es das, was du willst? Du hast keine Ahnung, wie giftig die Luft in diesen Schinderstätten ist. Wer sich dort verdingt, hat sein Todesurteil unterschrieben. Außerdem flüstert man überall, dass sie dabei sind, einen mechanischen Webstuhl zu erfinden. Dann wird es blutige Unruhen geben!«
Während mein Vater sich in Rage redete, beobachtete ich Maman: Ihr Blick bekam einen feuchten Schimmer. Papa konnte ihr alles antun – wenn er so glutvoll sprach, würde sie ihm alles verzeihen, immer und immer wieder.
Später trommelte Regen auf das Dach. Papa kam nicht nach Hause. Von Stunde zu Stunde verlor Mamans Gesicht an Farbe. Sie jammerte nicht, sondern schwieg, und das war am schlimmsten. Im Schein der Öllampe saßen wir um den zerschrammten Küchentisch. Ich sah, dass ihre Lippen bebten, vermutlich wollte sie ihre Tränen vor uns verbergen.
Schließlich waren seine Schritte auf der Treppe zu hören; die Tür flog auf, und eine Wolke aus Whisky wehte ihm voraus.
Maman starrte ihn an wie eine Erscheinung.
»Jacob, du Schlemihl!«
Dann machte sie drei Schritte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. Lachend wirbelte er sie durch die Luft, schob sanft ihre Hände fort und überhäufte Sarah und mich mit Küssen.
»Die Stadt Molières wird uns nicht verhungern lassen! Ich habe Arbeit gefunden. Beim Theater!«
»Du wirst Schauspieler?«
»No, dafür ist mein Französisch zu schlecht. Dennoch«, er richtete sich zu voller Größe auf, was in Anbetracht seiner Körpermaße immer etwas seltsam wirkte, »liegt das Wohl des Theaters in meinen Händen.«
Wie sich herausstellte, war er einem alten Bekannten begegnet, dem er früher einmal in einer Notlage geholfen hatte und der den Concierge des Théâtre des Celestines kannte. Der Concierge wiederum hatte Papa eine Stelle als Kulissenschieber und Feuerwehrmann verschafft.
»Ich sage euch, gute Taten lohnen sich immer. Gutes kommt immer zurück! Gleich morgen kann ich anfangen!«
*
Von da an bekamen wir Papa kaum noch zu sehen. Abend für Abend, so schwärmte er, könne er durch sein Guckloch die Vorstellungen sehen. »Was für ein Spektakel! Was für ein Glanz! All die feinen Leute! Und wie begeistert die Zuschauer sind!«
Immer wieder erzählte er voller Stolz, wie man ihm Mademoiselle Déjazet vorgestellt habe, die berühmte Pariserin, deren Bild an allen Wänden Lyons hing. »Lyon ist Geschichte«, habe sie gesagt. »Aber Paris ist Gegenwart.« Das wurde zu Papas Lieblingssatz.
Meine Mutter konnte es bald nicht mehr ertragen. »Ich kann es nicht mehr hören. Man könnte diese Déjazet für eine Halbgöttin halten.«
»Halbgöttin? Sie ist eine Göttin! Nicht ganz von dieser Welt!«
»Jech! Dann sieh besser zu, dass du auf der Erde bleibst, Jacob. Vergiss nicht, du bist ein verheirateter Mann.«
Früher war meine Mutter sanft und weich gewesen. Nun hatte sie scharfe Falten um Mund und Nase. Sie nähte, putzte, kochte, wusch Windeln aus, wiegte das Baby, kaufte und verkaufte, und in den Nächten, wenn er vom Theater zurückkam, verlangte mein Vater dann noch nach seinem Recht. Oft hörte ich, wie sie versuchte, ihn fortzuschieben. »Jacob, du bringst mich um.«
Bald erwartete sie wieder ein Kind. Bitte, nicht noch ein Sohn, hoffte ich. Maman klagte unablässig über ihre Müdigkeit, und eines Abends war sie früh schon eingeschlafen. Papa saß mit mir am Küchentisch, während Sarah neben Raphael döste. Auf einmal legte er seine Bibel weg und musterte mich. Ich weiß nicht, was in ihm vorging. Vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er mich immer links liegenließ. Jedenfalls muss er einen Entschluss gefasst haben. Denn er griff erst nach seinem Spazierstock und dann nach meiner Hand.
»Komm mit, Elisa, ich will dir was zeigen.«
Ich fühlte mich, als ob ich träumte. Ich, die kleine hässliche Elisa, durfte abends an Papas Hand ausgehen. Die ganze Zeit hindurch hatte ich Angst, ich könnte aus meinem Traum erwachen.
Wir gingen durch die Stadt, bis zum Hintereingang des Théâtre des Celestines, das hell und einladend glänzte wie ein Palast in einem Märchen. So viel Licht hatte ich noch nie auf einmal irgendwo gesehen. Mein Vater stieß eine Tür auf, und wir tauchten in einen dunklen Gang ein.
»Hier sind die Künstlergarderoben«, erklärte er mir. »Hier spart man an der Beleuchtung.«
Am Ende des Flurs öffnete er eine weitere Tür. Eisige Luft schlug mir ins Gesicht. Es war ein unermesslich großer Raum, so groß, wie ich nie zuvor einen Raum gesehen hatte. Darin stand ein riesiges Holzpodium, zu dem eine eiserne Treppe hinaufführte. Ein Ofen verströmte den Geruch von Kohle, Gips und Ammoniak.
»Papa! Darf ich raufgehn, bitte?«
»Das ist die Bühne, Elisa! Aber tu, was du nicht lassen kannst.« Vorsichtshalber blickte er sich um; der Bühnenraum war leer, nur draußen, aus den Garderoben drangen vereinzelte Stimmen. »Mach schon! Sie werden bald kommen.«
Bei jedem meiner Schritte machte die Eisentreppe ein tönendes Geräusch. Es war herrlich. Doch als ich oben angekommen war, fing ich erst wirklich an zu staunen. Eine ganz andere Welt lag vor mir, eine Welt ohne Dunkelheit und Armut, eine Welt, die aus einem herrlichen Palast bestand und sonderbaren Bäumen und riesigen weißen Säulen. Ich streckte die Hand nach ihnen aus.
»Nicht!«, rief mein Vater. »Das ist nur Pappmaché, Elisa!«
Dann sah ich einen schweren rubinroten Vorhang. Was konnte sich dahinter befinden? Wahrscheinlich ein großes Geheimnis!
»Nicht weiter!«, befahl Papa von unten.
Aber ich konnte nicht gehorchen. Ich ging durch den Staub und über das zerriebene Harz, das die Bretter bedeckte. Ich musste den rubinroten Stoff berühren und sein Geheimnis entdecken. Doch wie enttäuscht war ich dann! Vor mir war nichts als Dunkelheit und lange Reihen schwarzer, leerer Stühle.
Weiter kam ich mit der Erkundigung nicht, denn erst riss mich ein Arm von der Kante weg, dann prasselten die Ohrfeigen links und rechts auf mich herab. Mein Vater zerrte mich zurück und die Treppe hinunter, durch finstere Gänge und über knarrende Treppen, bis wir den Raum des Feuerwehrmannes erreichten: die Soffitte, wie er mir erklärte. Dort setzte er sich auf einen strohgeflochtenen Stuhl und nahm mich auf den Schoß. Ungeduldig wartete ich ab, bis er mich zu dem Fenster treten ließ. Es war vergittert und von einem rötlichen Lichtschein umgeben.
»Das da unten ist der Orchestergraben. Und da oben sind die Logen. Dort sitzen die feinen Leute.«
Bald schritt eine Dame dort hinauf: Riesenhut mit einem ganzen Blumengarten darauf, Paillettenkleid und Perlen.
»Die Gräfin de Montgelas«, flüsterte Papa ehrfürchtig. Das grüne Licht ließ sie blass wie eine Puppe aussehen. Dann schrillte eine Glocke, das Gemurmel aus den Rängen verstummte. Das Licht erlosch.
»Was ist das, Papa!«
»Leise, es beginnt.«
Ich umklammerte die Lehnen, starrte auf die bunten Frauen, die wie Schmetterlinge über die Bühne tanzten, und versuchte, jedes Wort der lauten Stimmen aufzunehmen. Ich verstand nicht, worüber sie sprachen, verstand aber sehr wohl, dass über der Welt auf der Bühne ein wunderbarer Zauber lag, der mir ein Hochgefühl verschaffte.
»Na?«, fragte Papa später, als wir über das regennasse Kopfsteinpflaster nach Hause gingen. »Wie hat es dir gefallen?«
»Oh!«, sagte ich andächtig. »Darf ich morgen wieder mit, Papa, bitte?«
Am zärtlichen Druck seiner Hand konnte ich spüren, dass dieser Abend ein Band zwischen uns geknüpft hatte, wenn er auch nicht sehr zuversichtlich wirkte. »Wir müssen deine Maman fragen.«
Meine Mutter stemmte ihren schweren Leib aus dem Bett, als wir strahlend und glücklich auf den Speicher zurückkehrten. Anscheinend gefiel es ihr nicht, Vater und Tochter so miteinander vereint zu sehen.
»Das fehlte noch, Jacob. Erst packt dich der Wahnsinn. Und jetzt setzt du deiner Tochter noch Flausen in den Kopf. Kommt nicht in Frage, Elisa. Das Theater ist kein Ort für Töchter aus gutem jüdischem Hause!«
*
Der Winter 1828 war stürmisch und kalt und ohne jeden Zauber. Ich erinnere mich nur an Kälte, steife, schmerzende Gliedmaßen und an Sarah, die sich eng an mich kuschelte, um sich zu wärmen. An unserem Speicher zerrte und rüttelte unablässig der Wind. Aus unzähligen Ritzen, die wir mit unseren Lumpen nicht abdichten konnten, regnete und schneite es herein. Ganze Tage verbrachten wir im Bett, wo wir vor dem eisigen Zug wenigstens ein bisschen geschützt waren. Maman nähte und jammerte, Raphael wimmerte, und mein Vater hüllte sich in Schichten aus zerschlissenen Überkleidern.
Bei Wind und Wetter stapfte er zu seinem geliebten Theater. Spät in der Nacht brachte er Einkäufe und Feuerholz mit, was er in seiner Pause besorgt hatte. Denn Maman war wegen ihrer neuerlichen Schwangerschaft kaum fähig, sich von ihrer Pritsche zu rühren. Sarah und ich mussten vom vereisten Brunnen Wasser holen, mussten kochen und das Feuer schüren. Vom Bett aus überwachte Maman, ob wir alles richtig machten: Eier durften nicht gegessen werden, wenn sie Blutflecken hatten, und von dem wenigen Teig, den wir hatten, musste immer ein Stückchen für die Vögel übrigbleiben.
»Warum?«, fragte ich.
»Weil meine Mutter es auch so gemacht hat.«
Manchmal beschwerte ich mich auch, dass ich so viel helfen musste.
»Elisa, du bist schon acht Jahre alt. Andere Kinder müssen in den Manufakturen arbeiten.«
Wenn wir aus dem Bett kamen, schlug uns draußen die Kälte umso härter ins Gesicht. Eine von uns war eigentlich immer krank. Zu allem Überfluss fing mein Vater zum Jahreswechsel 1829 mit dem Husten an.
»Es ist nichts«, beruhigte er Maman. »Nur ein kleiner Zug. Es wird rasch besser werden.«
Aber nichts wurde besser. Bald klang sein Husten wie ein dumpfes Dröhnen. Papa versuchte, es abzutun, und lachte mit verzerrtem Gesicht.
»No, wir sind ein altes Volk, wir können kämpfen!«
Maman wiegte Raphael in den Armen, als könne sie sich damit selbst beruhigen. »Ich weiß nicht, was mit eurem Vater ist! Was soll aus uns werden? Wenn ich doch bloß nicht mehr aufwachen müsste!«
Schließlich setzte sie sich doch jeden Morgen auf und nähte an ihren Litzen, die sie im Frühjahr in den Gassen verkaufen würde. Während ihr Bauch von Tag zu Tag dicker wurde, verlor mein Vater von Tag zu Tag an Farbe. Die wenigen Stunden, die er zu Hause verbrachte, saß er, in eine Decke gehüllt, vor dem kümmerlichen Feuer und klapperte mit den Zähnen.
Am 28. März 1829 kam Rébecca auf die Welt. Ich weiß noch, wie ich mich zum ersten Mal über das zerbrechliche Geschöpf beugte. Gott sei Dank kein Junge, dachte ich und sah den schwarzen Flaum auf dem Kopf und die meerblauen Augen. Mich rührte der Anblick. Vielleicht, weil sich niemand sonst darüber freute. Niemand sonst kniete vor ihr nieder. Liebevoll wiegte, fütterte und hütete ich sie, genau wie Papa es bei Raphael getan hatte, während Maman im Bett lag und jammerte und mein Vater mit seiner Krankheit beschäftigt war.
Eines Tages, Anfang April, kam er schwankend nach Hause.
»Schwindlig«, flüsterte er. »Kann nicht mehr.«
Sarah lief unter Mamans besorgten Blicken nach dem Doktor.
»Meschugge!«, krächzte Papa. »Wird uns die Ersparnisse kosten.«
»Und wie teuer würde uns dein Tod zu stehen kommen?« Maman hatte die Hände wie ein Fischweib auf den Hüften abgestützt. »Der Tod ist auch nicht umsonst!«
Als der alte kauzige Doktor seinen Medikamentenkoffer wieder zusammenpackte, verkündete er mit schnarrender Stimme, dass Papa über Wochen, wenn nicht Monate im Bett bleiben müsse.
»Gebt acht, dass er keinen Zug abbekommt. Und päppelt ihn mit Milch und Hühnerbrühe. Dann wird er vielleicht den Winter noch erleben. Wenn nicht, behüte ihn Gott.«
Nach einer kurzen Musterung unseres Speichers weigerte sich der Doktor, von Maman eine Münze anzunehmen.
»Du würdest dein Geld besser sparen!«, schimpfte der alte Mann, der einen haselnussbraunen Spenzer mit silbrigen Metallknöpfen trug.
»Bonapartist«, keuchte Papa von seinem Krankenbett, als der Arzt gegangen war.
»Ein Bonapartist?«, fragte Maman. »Mir schien, er wäre ein gottesfürchtiger Mann. Da sieht man, wie man sich täuschen kann.«
Mein Vater war zu schwach, um ihr zu widersprechen, was vor allem zeigte, wie schlecht es um ihn stand. Drei Tage nach seinem Schwächeanfall schickte das Theater einen Boten vorbei, der uns ein Silberstück übergab und verkündete, dass Papa entlassen sei. Maman stand noch erstarrt an der Tür, als der Bursche längst verschwunden war.
»Alewaj! Von ein paar Lumpen kann ich keine drei Kinder und einen kranken Mann ernähren!«, rief sie. »Was soll mit uns werden?«
*
Für uns begann die dunkelste Zeit des Hungers. Hin und wieder schenkte der Schochet unserer Mutter ein Hühnerbein oder ein paar Innereien für eine dünne Suppe, die dann mein Vater bekam. Für uns Kinder reichte es nicht mehr.
Wochenlang bekamen wir nichts als Kartoffeln zu essen, und am Schabbes manchmal einen Heringskopf.
Eines Abends hatten Sarah und ich überhaupt nichts abbekommen. Ich kauerte in einer Ecke und versuchte an etwas anderes zu denken als an Essen, aber es gelang mir nicht. Der Hunger war wie ein Loch, wie eine Wunde.
Am nächsten Morgen schickte Maman Sarah und mich in die Kälte hinaus. Wir sollten zum Schochet gehen, um ein paar Knochen zu bitten. Folgsam zogen wir unsere alten Mäntel aus Jutestoff an und stapften los. Draußen wehte trotz des Frühlings noch ein eisiger Wind, der uns durch die Kleider fuhr. Die Kälte trieb mir die Tränen in die Augen.
»Ich will nach Hause.«
Sarah griff nach meiner Hand. Auch ihre Finger waren steif vor Kälte. »Lass uns zu der Backstube gehen. Da ist es wärmer.«
Sie hatte recht. In dem Schwall warmer Luft und feiner Gerüche, die aus der Backstube drangen, spürte ich erst, wie hungrig ich war.
»Ich will ein Brioche!«
Auch Sarah stand so dicht vor dem Fenster zur Backstube, dass ihr Atem auf der Scheibe einen blassen Dunstfleck hinterließ.
»Du weißt doch genau, dass wir kein Geld haben.«
Sarah schaute auf ihre abgetragenen Schuhe, die vorn ein großes Loch hatten. Sie presste die Lippen zusammen, wie Papa es manchmal tat, wenn er über den Schriften brütete. Dann zog sie mich auf einmal am Ärmel. Sie hatte einen Geistesblitz gehabt. Mit dem Kinn zeigte sie zum Hauptportal der Kathedrale. Feine Leute strömten ein und aus.
»Du willst Brioches? Dann komm mit!«
Natürlich schlurfte ich mit; halb ängstlich, halb gespannt, um zu sehen, was meine Schwester da wieder ausgeheckt hatte. Eigentlich immer, wenn sie eine Idee hatte, bekam ich hinterher Prügel.
Vor dem Eingang zur Kathedrale zog Sarah ihre Mütze ab. Das schwere blonde Haar, um das ich sie so beneidete, fiel wie flüssiges Gold auf ihre Schultern. Sie sah wie ein kleiner Engel aus.
Sie drückte mir ihre Mütze in die Hand. »Da! Die streckst du den Leuten entgegen!«
Sarah fing an zu singen. Sie sang ein altes deutsches Kinderlied, das von Sommer und Sonne handelte. Die Passanten stutzten, dann blieben einige stehen. Ein paar Matrosen gingen vorbei und machten derbe Witze, aber dann hörte ich das herrliche Geräusch, als die erste Münze in die Mütze fiel. Eine Dame im Pelzjackonett zog ihre Hand zurück, strich mir über den Kopf und schritt anmutig die Stufen hinauf zur Kathedrale.
Sarah sang, bis ihre Stimme heiser wurde. Sie sang auf Deutsch und auf Französisch, sie sang alle Kinderlieder, die Maman uns beigebracht hatte, und auch die traurigen Melodien, die meine Mutter immer summte, wenn sie Streit mit Papa hatte. Ihr Gesang erweichte sogar den Matrosen das Herz; einer kehrte um und schenkte uns eine Münze. Schließlich riss Sarah mir die Mütze aus der Hand.
»Das reicht, Elisa! Komm mit!«
Vor der Backstube zählte sie unsere Münzen und zerrte mich in den Verkaufsraum. Ich war betäubt von der Wärme und den herrlichen Düften. Für unser Geld bekamen wir eine ganze Tüte weicher Milchbrötchen. Mit beiden Händen stopften wir sie in uns hinein. Erst dann machten wir uns auf den Heimweg. Bei jedem Schritt dachte ich daran, wie wunderbar es sein würde, Maman von unserem Abenteuer zu erzählen!
Doch vor der Haustür blieb Sarah stehen. Sie betrachtete mich mit einem bösen Blick: »Du willst doch morgen wieder Brioches? Dann sag kein Wort zu den Eltern! Morgen singen wir wieder!«
Dabei hätten wir uns denken müssen, dass es schlimm für uns enden würde.
»Habt ihr gar keinen Hunger?«, fragte Papa uns von seiner Pritsche aus. »Warum esst ihr denn nicht?«
Vermutlich befahl er Maman in der Nacht, uns nachzuspionieren. Als wir am nächsten Morgen wieder sangen, stand sie auf einmal vor uns.
Mit einer heftigen Bewegung riss sie mir die Mütze aus der Hand und schlug sie uns um die Ohren, dass die Münzen auf die Gasse klirrten. »Wenn das euer Vater hört! Ihr könnt was erleben!«
Bien, das war nicht zu viel versprochen: Zu Hause spielte sich zum ersten Mal das Drama ab, das er später ständig mit einem von uns aufführte. Mein Vater sprang vom Krankenbett auf, langte nach seinem Ledergürtel, packte Sarah und verpasste ihr eine Tracht Prügel. Dann kam ich dran. Es war schlimmer als alles, was ich mir ausgemalt hatte.
In der Nacht lagen Sarah und ich auf dem Bauch. Vor Schmerzen konnten wir nicht einschlafen. Wir hörten, wie die Eltern beratschlagten.
»Besser als verhungern«, flüsterte Maman. »Oder erfrieren.«
»No, ich lasse mich doch nicht von meinen Kindern ernähren.«
»Denk an deinen Sohn!«
»Jech«, seufzte mein Vater. »Hätte ich sie auch nicht prügeln müssen.«
»Daran ist noch keiner gestorben. Ein Klop vergeht, ein Wort besteht«, sagte Maman. »Lass die Mädchen singen!«
»Singen kann man das Krächzen kaum nennen. Aber gut, wenn ich sie unterrichten würde und wenn sie Gitarre spielen könnten, wer weiß …?«
Von nun beherrschte der Unterricht unser Leben. Jeden Morgen mussten Sarah und ich vor der Pritsche meines Vaters antreten. Wenn sein Husten nicht zu schlimm war, summte er uns französische Lieder vor und zeigte Sarah, wie sie in seine geheiligte alte Gitarre greifen musste. Mir brachte er traurige Reime über das Leben und die Liebe bei.
»Es ist nämlich so«, verkündete er, »dass Sarah sehr hübsch und sehr blond ist und dazu noch musikalisch. Aber du, Elisa, brummst wie ein Bass und siehst aus wie eine Vogelscheuche. Außerdem hast du diese seltsamen Augen. Aber du kannst die Leute zum Weinen bringen.«
Er zeigte, wie ich mir an die Brust fassen musste, wie ich traurig die Augen verdrehen sollte, und beschwor mich, mehr Schmerz in meinen Blick zu legen. Ich übte es immer wieder, aber niemals war er zufrieden. Als es mir eines Morgens wieder nicht gelang, griff er nach seinem Gürtel und legte mich übers Knie.
»So! Und jetzt sag das Gedicht noch mal auf!«
Weinend gehorchte ich, und Papa kreischte triumphierend: »No! Da siehst du, dass du Gefühl zeigen kannst. Gefühl ist alles, Elisa!«
Eine grausame Methode, doch sie funktionierte. Bald konnte ich auf Befehl die Tränen in meine Augen zwingen. Mein Vater begann sich auf Sarahs Sangeskunst zu konzentrieren. Immer öfter bekam sie den Gürtel zu spüren, weil sie beim Singen ständig ins Jiddische zurückfiel.
»Zwei kleine Idioten hat mir die Frau geboren! Eins ist sicher, von mir haben sie die Blödheit nicht! Blöd geboren, blöd gestorben und dazwischen nichts dazugelernt!«
»Jacob! Ist das mein Mann, der da so eine Rede führt?«
»Wer hat dich dazu gefragt? Kannst du uns nicht in Ruhe lassen?«
Doch eines Morgens, als wir schon nicht mehr daran glaubten, war mein Vater schließlich zufrieden.
»Eine Maria Malibran seid ihr nicht, aber einen Versuch könnt ihr jetzt ruhig machen.«
Papa hatte uns so gut geschult, dass wir selbst die hartgesottenen Absinthtrinker in den Cafés erweichten, und Sarah konnte so gut fluchen und spucken, dass sie uns gegen alle Übergriffe von Gassenjungen zu verteidigen wusste. Es war ein langer, harter Tag. Uns schmerzten alle Glieder, als wir am Abend endlich nach Hause kamen. Sarah war ganz heiser vom Singen, und ich hustete vom langen Stehen in der Kälte, aber Papa hatte uns schließlich beigebracht, zäh zu sein. Wie stolz wir waren, als wir die Beutelchen vorzeigten, die uns Maman an den Schürzen angenäht hatte! Sie zählte die Münzen darin, küsste uns, lief los und kaufte Brot und Hähnchen.
*
Mit der Zeit verlor das Singen seinen Glanz. Es war harte Arbeit, oft lohnte uns niemand die Mühe. Dann halfen auch meine flehenden Blicke nichts, dann mussten wir den Platz wechseln oder aufgeben und hungrig schlafen gehen. Ich fror auch im Sommer, und mitunter litt ich an quälendem Husten. An manchen Tagen konnte selbst der Beifall mich nicht aufheitern, ich sah dann wohl so unglücklich aus, dass es den Damen ans Herz griff und sie mir nicht aus Dank für die Musik, sondern aus Mitleid eine Münze gaben.
Eines Spätnachmittags, als der Wind die Blätter von den Bäumen wehte, näherte sich uns ein hochgewachsener Mann mit weißem Haar. Er trug einen Frack mit schwarzem Samtkragen über den seidenen Beinkleidern und wirkte so vornehm, dass ich ganz durcheinander war, als er bei uns stehenblieb. Er gab uns ein Silberstück.
»Singt mir noch ein Lied!« Der fremde Herr wirkte seltsam aufgeregt. Ich griff nach der Gitarre, gab uns den Ton an, und während wir sangen, blitzte und blinkte das Silberstück in der Sonne. Wir hatten den Refrain erreicht, als er die Hand hob und uns Schweigen gebot.
»Aufhören! So ein Talent, so eine Gabe Gottes an die Gosse zu verschwenden! Wie heißt ihr, Kinder? Nennt mir eure Namen.«
»Sarah!« Meine Schwester tippte sich an die Brust. »Und das«, fügte sie mit der ganzen Überheblichkeit der Älteren hinzu, »ist die kleine Elisa.«
»Sarah!« Der Mann zückte sein Lorgnon und betrachtete sie. Ich konnte mir vorstellen, was er dachte: ein richtiger kleiner Engel.
»Und Elisa.« Sein Blick war freundlich, aber so unduldsam, dass ich mich unbehaglich fühlte.
»Gut, meine Kleinen. Ich heiße Monsieur Choron und bin beim Herrn Kardinal zu Besuch. Denn wisst ihr, ich habe in Paris eine Schule für Kirchenmusik. Ich will euch in meine Schule aufnehmen!«
»Schule?«, fragte ich etwas widerwillig, da ich meine Altersgenossen nicht um ihre strengen Hebräischlehrer beneidete.
Auf einmal schimmerten seine Augen, die vorher grün ausgesehen hatten, in einem unergründlichen Blau. »Bringt mich zu eurem Vater!«
Wir gingen durch die Herbstsonne. Obwohl die Gassen Lyons belebt waren, sah und hörte ich die Passanten kaum. Fast, dass ich in Monsieur Chorons Worten ertrunken wäre: eine Schule! In Paris!
Unterdessen fragte uns Monsieur Choron über unsere Eltern aus. Einmal blieb er stehen. Er runzelte die Stirn. »Wäre es möglich, dass ihr Juden seid?«
Sarah nickte, und auch ich wusste ja inzwischen, dass es stimmte.
»Nun, auch ihr seid Geschöpfe Gottes. Wer zum Lobe des Herrn singt, das ist ihm gleich.«
Als wir schließlich unser Haus erreicht hatten, blieb Monsieur Choron stehen. »Seltsam«, er zückte sein Lorgnon, »mir ist, als hätten hier einmal Freunde von mir gewohnt. Ach, sie sind bestimmt auf die Guillotine gegangen. Was für eine grausame Zeit!«
Wir gingen die Treppen hinauf zu unserem Speicher. Ich weiß noch genau, wie ich mich für jedes einzelne Detail schämte. Am Küchentisch saßen Maman und Papa und stritten sich; sie bemerkten uns kaum. Ängstlich beobachtete ich, wie Monsieur Choron den ärmlichen Raum musterte. Als meine Eltern uns endlich zu bemerken geruhten, deutete er eine Verbeugung an, stellte sich vor und unterbreitete sein Anliegen.
Ich könnte heute noch Wort für Wort wiedergeben, was er damals sagte: Seit einigen Jahren führe er eine Schule für geistliche Musik für Kinder aus armen Familien. Gewiss hätte niemand etwas gegen unseren Glauben, es gehe allein um die Musik.
»Glaube ist eine gute Sache«, mischte Maman sich ein. »Aber leben kann man davon nicht. Der Mensch braucht seinen Parnass.«
»Nun, Seine Majestät hat mir ein stattliches Legat ausgesetzt. Ich werde Ihre kleinen Engel nicht nur unterweisen, ich werde sie auch nähren und kleiden und ihnen ein kleines Taschengeld aussetzen können. Ich erwarte die beiden im Frühling in Paris!«
Paris, das Zauberwort. Von Paris träumte Papa, als wir Kinder waren, und von Paris träumt selbst in Ägypten jeder. Mit welchem Glanz bin ich hier in Alexandrien und Kairo aufgenommen worden. Alles stürmte zur Mole, um die Ankunft der »Indus« zu sehen, mit der Grande Tragédienne an Bord, die doch nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.
Der französische Konsul nahm mich wie eine alte Freundin auf. Ich musste ihm alle Neuigkeiten aus Paris erzählen. Erstaunlich, wie viel Heimweh solch ein Weltmann hat. Dabei leben die kaiserlichen Gesandten hier in orientalischem Glanz. Auch Louis de Montaut bat mich in sein Haus, er ist Militärberater von Suleiman-Pascha. In Ägypten setzt man darauf, französische Experten ins Land zu holen; Napoleon gilt noch immer als Held.
Auch in Al-Quahira, der Unbesiegbaren, wie Kairo auf Arabisch heißt, stand ich bald im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. Wie charmant die Herren und Damen vom französischen Konsulat sich gaben! Selbst die preußischen Offiziere waren ganz comme il faut
