Die Lohensteinhexe - Kristian Winter - E-Book

Die Lohensteinhexe E-Book

Kristian Winter

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Beschreibung

Magister Daniel Titius, höfischer Camerarius der Comturei Lohenstein, klagt vor dem heiligen Tribunal eine Hexe an. Als sie während der peinlichen Befragung gesteht, überkommen ihn plötzlich Skrupel. Im Versuch, den Menschen hinter der Hexe verstehen, dringt er immer tiefer in ihr Wesen ein und riskiert damit sein eigenes Leben. Auf der Suche nach der Wahrheit gerät er in einen Strudel von Ereignissen, in deren Folge ihn ihr Schatten dauerhaft verfolgt.

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Kristian Winter

Die Lohensteinhexe

Gesamtausgabe

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Verhör

Die peinliche Befragung

Das Geständnis

Die Hexe Liese Kolken

Der Entschluss

Im Verlies

Etwas Ungeheuerliches

Die Suche

Die Wendung

Die Festnahme

Der Arrest

Der Besuch

Die Zusammenkunft

Die Erlösung

Ein neuer Anfang

Erste Einsichten

Die Vorahnung

Ein erster Angriff

Der Plan

Die Zusammenkunft

Eine wundersame Wendung

Die Probe

Das Hexenbad

Der Versuch

Die Abrechnung

Die Aufgabe

Impressum neobooks

Das Verhör

4. nach Trinitatis, A.D. 1632, Comturei Lohenstein, Gewahrsam im Keller des Ratshauses

„Marie Schneidewind, Tochter des Joseph und dessen Frau Magda Gräber, die du am 18. September 1612 in reinem und keuschen Ehebett geboren bist. Du wirst der Hexerei bezichtigt, da du den Erbkrüger Jacob Bellach vernarrt hast, dass er darüber sein vor Gott angetrautes Weib Mechthild mit einer Axt erschlagen und im Wald verscharrt hat, um dir hernach in ehebrecherischer Wollust beizuwohnen!“, zitierte Magister Daniel Titius aus dem vorliegenden Insiegel.

„Rede, Weib! Wie ist es dir gelungen, solche Macht über ihn zu gewinnen, dass er bald darauf den Verstand verlor und sich selbst entleibte?“

„Oh, edler Camerarius, so ist es nicht gewesen!“, beteuerte die auf die Bank Gebundene und musste mit Entsetzen ansehen, wie der Büttel ein glühendes Eisen aus dem Feuer zog. „Ich habe ihm niemals schöne Augen gemacht! Ich schwöre es bei meinem Leben! Vielmehr stellte er mir nach, wo er nur konnte, nur weil er …“

„Lüge mich nicht an!“, fuhr ihr der Magister über‘s Maul und machte ein Zeichen, worauf sich der Büttel mit der rotglühenden Zange näherte. „Gestehe! Du hast den armen Mann mit Satans Hilfe in deine Fänge gebracht und ihn so lange genarrt, bis er dir hörig war! So sollst du in einem Trog gebadet und ihm danach völlig schwarz entstiegen sein. Weiterhin hast du Kröten gegessen und einer Natter den Kopf abgebissen! Das Blut sei in Milch verrührt und durch dich getrunken worden! Das alles ist durch Zeugen belegt!“

„Wie soll ich etwas gestehen, was ich nicht getan habe!“, schrie sie, angststarr das rotglühende Eisen vor Augen. „Wenn es solche Zeugen gibt, dann lügen sie!“

Doch der Magister blieb unerbittlich. Er wusste längst mehr. Gestern erst wurde er bei der gütlichen Befragung fast selbst Opfer ihrer boshaften Aura.

Obwohl sie nach Vorschrift rücklings und ohne Schuhe an beiden Arme von den Bütteln gestützt, hereingeführt wurde, fühlte er sofort eine große Befangenheit. Dieses verstärkte sich noch, als sie sich umdrehen durfte.

Noch jung an Jahren, in der Blüte ihrer Fruchtbarkeit, widersprach sie allen Ankündigungen. Eine hässliche Hexe sollte sie sein, alt, gebrechlich und mit hohlwangigem, gelben Gesicht. Doch vor ihm stand ein Weib von bezaubernder Schönheit. Sie war blass, hatte klare Augen, sehr weiße Lippen und ein weiches Gesicht. Ihr mittig gescheiteltes Haar war nach bäuerlicher Art im Nacken verknotet und von seidigem Glanz.

Ihre Stirn war hell und klar, das Oval ihres Gesichts von harmonischer Symmetrie und ihre vollen Lippen von verführerischer Sinnlichkeit. Unter ihrem ärmlichen Kleid zeichnete sich ein wohlgeformter Körper ab, dessen stolze Haltung allen Anschuldigungen zu trotzen schien.

Während der Prozedur ihrer Entkleidung wurde sein Unbehagen so groß, dass er den Anblick ihres nackten Leibes nicht unbefangen ertragen konnte, wie es der ‚Malleus maleficarum‘ vorschrieb, jenes von Magister Heinrich Kramer 1486 als Hexenhammer verfasstes Traktat, wonach Hexen zweifelsfrei zu überführen waren.

Von ihren zarten Brüsten und dem dunkel verschatteten Geschlecht verschreckt, wurde ihm schmerzlich das eigene Unvermögen zur Mannbarkeit bewusst – ein Mangel, worunter er schon seit langem litt. Und als sie dann noch ihre Scham mit den Händen bedeckte und errötend den Kopf senkte, quälte ihn eine große Pein.

Er versuchte zwar, die nachfolgende Leibesvisitation mit der gebotenen Sorgfalt durchzuführen, damit ihm bloß nichts entginge, was ihr der Satan an verräterischen Zeichen eingepflanzt haben könnte. Als ihm aber jener betörende Moschusduft wider die Nase fuhr, der jeden Mann unweigerlich verlockte, wandte er sich erschrocken ab.

„Weiche von mir, Satan!“, hatte er gerufen und befohlen, ihr ein Büßerkleid überzuwerfen. Und obwohl er sein Gesicht hinter einer Maske verbarg, um sich vor ihrem bösen Blick zu schützen, verstand sie ihm Bilder von martialischer Schönheit zu zaubern.

Es waren die zinnoberroten Zitzen, deren Knospen starr wie Lanzen emporstanden, dazu ihre wohlgeformten, wollüstig ausladenden Hüften samt dem dunklen Flaum, der sich verführerisch kringelte. Alles an ihr war wohlgeformt und makellos gleich dem Ideal einer antiken Statue. Ihr ganzes Wesen atmete den Hauch eines Weibes mit jenen tiefen, auf dauerhafte Genüsse gerichteten Begierden, die jeden Mann unweigerlich in ihren Bann zogen. Mit Grausen dachte er an das Untier in der heiligen Schrift. Sein bloßer Geruch erstickte alle Welt mit Fäulnis.

Dennoch starrte er sie gleichsam gebannt wie fasziniert an, bis ihm plötzlich, als er die Lider schloss, um nichts mehr sehen zu müssen, das Tier aus der Finsternis erschien. Es streckte die Hände nach ihm aus und drohte ihm völlig zu erliegen.

Verstört wies er den Büttel an, die Maßnahme an seiner statt fortzusetzen. Der ging auch gleich daran, wurde aber so grob, dass sie vor Schmerzen schrie.

Und wieder konnte er es nicht ertragen. Sie war so zart und rein, er hingegen so brutal und dumm, dass er es nicht ertrug.

Es sei schon gut. Er habe genug gesehen, unterbrach er und griff sich schwer atmend an die Brust. Und als man sie hinaus führte und er noch einmal ihren ängstlich-flehenden Blick einfing, las er eine Frage darin, die er nicht beantworten konnte. Es war die Frage nach dem Warum.

Seltsam war das. Anstelle einer Hexe erblickte er eine Venus. Ihre Stimme war die eines Engels und nicht einer Hure, ja ihr ganzes Wesen atmete Liebenswürdigkeit anstatt Abscheu. So sehr er sich auch mühte - er konnte nichts Böses an ihr finden.

Das war aber nötig, um den Prozess mit dem gebotenen Augenmaß zu führen. Wie sollte er also die Schuldfrage beantworten können, wenn er selber daran zweifelte?

Man hatte sie angezeigt, weil ungehörige Dinge geschehen waren, die überall Ängste schürten. So wurde glaubhaft berichtet, dass der Blitz in die Kirche zur Liebfrauen einschlug, nachdem ihr der Küster den Zutritt verweigert hatte. Weiterhin soll dessen Schwester Gertrud nur deshalb ihr Kind verloren haben, weil sie zuvor ihren bösen Blick empfing, und die Ferkel der Bäuerin Diethild wären nur deshalb krepiert, weil sie mit ihr im Hader lag.

Aber selbst wenn man nichts Genaueres wusste und sich oftmals nur in Mutmaßungen erging, genügten allein die unabhängigen Feststellungen zweier glaubhafter Zeugen zur Einberufung des Tribunals.

Aber die Angst vor einem neuen Hexenkomplott wie im Jahre 1615, als in vielen Flecken die Cholera wütete, nur weil man die Verursacher nicht rechtzeitig richtete, saß den Menschen noch immer in den Knochen.

Gewiss muss die Welt vor teuflischen Verwerfungen bewahrt werden, und seine Aufgabe als Magister disciplinae und städtischer Camerarius bestand darin, in aller Schärfe darüber zu wachen. Dass er aber ihretwegen litt und erstmals zweifelte, blieb ihm unbegreiflich.

Zwar hatte er in vorangegangenen Prozessen ebenfalls gelitten, doch niemals gezweifelt. Sein Leid resultierte aus einer Art stumpfem Rausch infolge des quälenden Bewusstseins des Unausweichlichen, was mit anzusehen nicht immer einfach war. Dabei kann fremdes Leid niemals freuen oder gar befriedigen, es sei denn, man ist von krankhafter Natur, was er jedoch von sich ausschloss, im Gegensatz zu manch anderem seiner Zunft.

Jetzt aber vermeinte er ihren Schmerz wie den eigenen zu spüren, und das war neu. Selbst abends in der Kammer noch versuchte er diese innere Qual zu vertreiben, indem er sich die ganze Nacht, das ‚Cor meum‘ betend, mit einer Rute geißelte.

„Herr, befreie mich von dieser Last!“, stöhnte er, als ihn wieder jener Lendendruck quälte, den er durch den Eingriff des Medicus Gregorius vor Jahren hatte dämmen lassen. Seither trug er einen Reif unter seinem Rock, der eine Schamkapsel in seinen Schoß drückte. Diese bereitete ihm Schmerzen, sobald ihn unzüchtige Gedanken peinigten.

Das kam hin und wieder vor, blieb aber meist nur von kurzer Dauer. So aber vermochte er die Entsagung besser zu ertragen, und niemals war es in den letzten Jahren dazu gekommen, dass er eines Weibes bedurfte, wenngleich sich Möglichkeiten dafür genug boten.

Das war vor allem im städtischen Badehaus der Fall, wo er öfter weilte und die Bäderinnen alles andere als zimperlich zu Werke gingen, wenn es galt, ihre Gäste zu stimulieren.

Er aber lehnte ihre Dienste stets ab und genügte sich in der Passivität fremder Beobachtungen. Allerdings bereitete ihm diese mehr Ekel als Vergnügen, vor allem, wenn er mit ansehen musste, wie leicht und schnell sie doch ihr Geld verdienten ohne nur das geringste Gefühl.

Leicht beschürzt und in den Künsten der Verführung geübt, handelten sei rein mechanisch, allein vulgären Notwendigkeiten gehorchend, die normalerweise eine Schande für Anstand und Moral darstellten, hier aber Gang und Gäbe waren. In Wahrheit gab keine von ihnen nur einen Dreck für das Wohl eines Gastes außerhalb ihrer Dienste. Alles bleibt anonym, kalt, ohne jede Harmonie.

Männer, die darauf hereinfielen, waren in seinen Augen Narren. Sie konnten nicht begreifen, dass ihre Rolle als Verlangende sie zu Sklaven machte. Sie wären für sein Amt allesamt ungeeignet.

Lange glaubte er sich darüber erhaben, doch jetzt war er sich da nicht mehr sicher, fürchtete er das Schlimmste, was ihm als Magister disciplinae passieren kann - die Befangenheit.

Nicht auszudenken, wenn er ihr schon verfallen war. Er brauchte Gewissheit. Noch am selben Abend ritzte er sich mit dem Dolch in den Arm, fing das Blut in einem Becher auf und tat etwas Bilsenkraut hinzu. Angstvoll erwartete er das Ergebnis.

Glücklicherweise blieb die Verfärbung aus. Er hatte den Mächten des Bösen widerstanden. Erleichtert verband er die Wunde und war entschlossener denn je. Und sollte sie es wagen, ihn noch einmal zu foppen, würde er ihr jeden Schandpflock einzeln in die Gelenke rammen.

Als Mann in den reiferen Jahren verkörperte er mit seiner imposanten Erscheinung einen würdevollen Repräsentanten des hiesigen Tribunals. Dieses Amt genoss hohes Ansehen, aber auch Respekt, da es wegen seiner Unerbittlichkeit gefürchtet war.

Dabei mochte man ihn mit seinem schulterlangen, hellbraunen Haar und dem sorgsam gestutzten Bart beim ersten Hinsehen eher für einen Krämer halten - aber das täuschte. Sein unbestechlicher Blick für das Wesentliche, kombiniert mit einer geschliffenen Logik, verriet schnell den messerscharfen Kasuisten, der selbst unscheinbarste Dinge als Ausdruck der Verderbtheit zu entlarven wusste.

Und er ließ nicht locker, bis sie eingestanden waren, selbst wenn er dabei bis zum Äußersten gehen musste. Darin hatte er Erfahrung. Deshalb hatte man ihn auch mit der Leitung des Prozesses beauftragt, denn es ist vor allem eine Frage des Prestiges für die hiesige Comturei, eine Hexe möglichst schnell und ‚sauber‘ zu überführen.

Vom Wesen her war er sensibel, still und belesen, kurzum, ein Mensch, der die Künste liebte als auch die Auseinandersetzung mit ihnen. Seine Wirkung auf andere wurde als angenehm bezeichnet, und sein Wort hatte Gewicht.

Auch wenn er sich stets bescheiden gab und keinen Wert auf diesen Umstand legte, so schmeichelt ihm doch der damit verbundene Respekt.

Noch niemals hatte er eine Hexe geschont, und das würde auch jetzt so bleiben, denn er verstand sich als Verfechter der heiligen Inquisition, jener vor Gott geschaffenen Instanz der Wachsamkeit vor dem Bösen dieser Welt, ohne dem – davon ist er überzeugt – sie für alle Zeit verloren wäre.

Dennoch war heute etwas anders, verspürte er eine unbestimmte Unruhe, die ihm sagte, dass dieser Prozess kein gewöhnlicher war. Auch wenn er es noch nicht benennen konnte, würde er es herausfinden.

*****

Die peinliche Befragung

Nach der Leugnung in der gütlichen Befragung, folgte gemäß Protokoll nun das ‚peinliche Verhör‘.

Dazu lag sie splitternackt, von Kopf bis Fuß epiliert, am ganzen Leib zitternd, auf der Bank. Die Büttel hatten sie bis zur Bewegungsunfähigkeit geknebelt und ihre nach außen gedrehten Füße mit einem Keil fixiert. Komisch sah es aus, mit den riesigen Schellen an Händen und Füßen, dazu ihr Gewimmer. Er wusste, dass sie gleich leiden wird und mochte sich nicht vorstellen, jetzt an ihrer Stelle zu sein. Schmerz ist etwas Schreckliches, vor allem, wenn er nicht dosierbar war. Er hätte es ihr gern erspart, doch die Wahrheit duldet keinen Kompromiss.

Ob er sie bedauerte? Kaum, auch wenn er in Gedanken das ‚Miserere‘ für sie klagte. Aber das tat er für jede verlorene Seele, obgleich er um dessen Sinnlosigkeit wusste. Sie waren dem Satan verfallen und bekamen ihre gerechte Strafe. Nur ein Wunder konnte sie noch erretten.

Auf Geheiß ihres Defensors genannten Verteidigers, des ehrwürdigen Syndikus Knospe, wurde ihr Vater herbeigeholt, ein alter, kränklicher Mann in einer grauen Strumpfhose und ärmlicher Mantille, damit er sie gütlich stimmte. Dieser hustete schwer wie alle unter der Schwindsucht Leidenden und konnte sich vor Schwäche kaum auf den Beinen halten. Fassungslos starrte er auf sein Kind und wusste ihr nichts anderes zu raten, als ‚vernünftig‘ zu sein; Se. Cantorius und Dn. Consul - zwei Zeugen des Gerichts, die der Befragung beiwohnen - wären dann vielleicht gnädig gestimmt.

Doch sie hörte gar nicht hin, stammelte immer wieder etwas von Unschuld und Verleumdung, und wenn es einen Herrgott gäbe, würde er sie erlösen. Das waren Sprüche, die man hier schon kannte und kaum noch jemanden rührten.

„Hör auf zu jammern!“, erboste sich der Magister. „Wenn du unschuldig bist, wird es sich zeigen, ebenso, ob du Mitgefühl verdienst. Solltest du allerdings lügen, dann Gnade dir Gott!“

Dann ordnete er die Blutprobe an. Dazu kam der Büttel herbei und stach ihr mit einer Nadel in die Hand. Doch sie zeigte keine Reaktion. Ebenso trat kein Blut aus der Einstichstelle, wie eine Nachschau mit dem Glas ergab. Die Anwesenden zeigten sich entsetzt.

Damit nicht genug. Nun spreizte man ihre Schenkel und verwies vor den Zeugen auf jene wunde Grotte, in welcher der Teufel in schändlicher Buhlschaft gedrungen sei. Dazu drückte der Büttel ihre Scham auseinander und deutete auf ein bestimmtes Mal, das nicht natürlichen Ursprungs wäre. Zweifellos ein Stigma diabolicum (Teufelsmal), konstatierte Dn. Consul mit sachlichem Urteil. Besaß doch der Satan die Eigenart, sich nach jeder Kopulation durch ein Zeichen in sein Opfer ‚einzubrennen‘ und sich somit auf ewig mit ihm zu verbinden.

Ihr Vater bat den Syndikus, für sie einzutreten, da dieses natürlichen Ursprungs sei. Schon ihre Mutter habe am Körper reichlich Male gehabt, das könne er bezeugen.

Der aber wirkte unentschlossen, schien beeindruckt von den Beweisen und der Härte der Anklage. Vielmehr riet er ihm, besser zu schweigen, bevor er sich selber noch um Kopf und Kragen brächte. Oder wollte er vielleicht selbst visitiert und als Hexenmeister entlarvt werden?

Verzweifelt sank der Alte vor dem Magister auf die Knie, umfasste den Saum seiner dunkelroten Schaube und stammelte etwas. Dabei war er kaum zu verstehen, denn ihn schüttelte ein erneuter Hustenanfall. Aber das war auch nicht nötig. Seine gebrochene Haltung und das jämmerliche Schluchzen verrieten seine tiefe Bestürzung.

Er wusste, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb. Liebend gern würde er jetzt mit der Tochter tauschen, gab das auch zu verstehen, blieb aber unerhört.

„Was soll das, alter Mann?“, wies ihn der Magister ab. „Wollte man jeder Bitte um Gnade nachkommen, bräuchte man keine Gerichtsbarkeit mehr. Die Welt wäre voller Chaos, und am Ende würde der Teufel triumphieren. Darum sage ich dir, wahre Gnade kann nur Gott allein gewähren. Aber man muss sie auch verdienen. Es liegt also nur an deiner Tochter.“ Dann aber wandte er sich dem Büttel zu, damit er ihr die Instrumente und deren Wirkung erkläre.

Dieser trat auch gleich hinzu und fuhr sie barsch an: „Sieh her, Weib. Das hier sind die Daumenschrauben. Ich drehe sie langsam zu, bis dir das Blut aus den Fingerspitzen spritzt. Wie du sehen kannst, sind sie noch rot vom Blut der alten Liese, welche im vorigen Jahr gebrannt und zunächst auch nicht bekennen wollte. Willst du das ebenfalls nicht, so ziehe ich dir die spanischen Stiefel an, und sind sie dir zu groß, haue ich einen Keil hinein, dass dir das Blut aus den Füßen schießt. Genügt das immer noch nicht, werde ich dir heißen Schwefel auf den Leib streuen, auf dass du gebrannt wirst wie ein Stück Ochsenlende.“

Der Scriba (Schreiber), ein kleines buckliges Männlein in grauen Pumphosen, saß auf einem Hocker zur Linken des Magisters Titius und notierte eifrig jede Äußerung. Dabei war er sehr genau. Die relevanten kennzeichnete er mit einem Strich, die vermeintlichen Lügen mit einem Punkt. So ergab sich am Ende ein klares Bild über die ‚Wahrhaftigkeit‘ ihrer Aussage, woran sich letztlich das Strafmaß bemisst. In Fällen wie ihrem stand es jedoch meist fest. Lediglich die Art der Vollstreckung blieb noch offen.

Zu seinen weiteren Aufgaben gehörte die Überwachung der Sanduhr. Sie wurde zu Beginn der Befragung umgestülpt, und nach Ablauf von etwa fünfzehn Minuten folgte ein Ruf zur Unterbrechung, wie es das Protokoll vorschrieb. Der Angeklagten blieb dann Zeit zur Besinnung.

Diese war ganz starr vor Entsetzen und begann erneut um Gnade zu flehen, als der Sand zu verrinnen begann. Doch der Magister blieb unbeeindruckt. Die Beweise seien erdrückend und jedes Leugnen zwecklos. Sie solle endlich bekennen. Dann könne man von weiterem absehen. Das wäre die letzte Ermahnung.

„Nein!“, schrie sie und versuchte, sich aufzubäumen.

„Also willst du dich der Marter unterziehen?“

„Die Wahrheit, die ihr hören wollt, ist eine Lüge! Ich aber kann nicht wider der Wahrheit reden!“

„Wie erklärst du dir dann die Blutprobe?“, setzt er unerbittlich nach.

„Das weiß ich nicht! Ich habe nichts gespürt! Aber da war auch nichts. Ich schwöre es, bei meinem Leben! Untersucht das Gerät!“

„Das können wir gern tun.“ Und schon führte man auf sein Zeichen eine Magd herein. Man hatte ihr die Augen verbunden, damit sie der Anblick der Hexe nicht verschreckt. An ihrem Arm führte der Büttel die Probe durch. Sie schrie laut auf und aus der Einstichstelle quoll Blut. Zum Beweis wurde ihr Arm den Zeugen gezeigt.

„Was sagst du nun?“

Die Angeklagte blieb daraufhin stumm.

„Und was ist mit dem Mal in deiner Scham?“, warf ihr der Magister weiter vor.

„Das habe ich schon immer, edler Camerarius, seit meiner Geburt“, beschwor sie unter Tränen.

„Seit deiner Geburt? Das ist seltsam, zumal solche Male bei Kleinkindern noch nicht beobachtet wurden, wie mir der ehrwürdige Medicus Gregorius in diesem Schreiben glaubhaft attestiert.“ Dazu hielt er es hoch und zeigte es den Zeugen. Der Schreiber machte einen weiteren Strich.

„Ich, ich kann es nicht sagen, Dominus“, stammelte sie.

„Aber wir können es! Niemand hat dort ein Zeichen! Das ist völlig ungewöhnlich, es sei denn, es wurde auf schändliche Weise eingebrannt, wie es nur der Teufel kann.“

„Wie kommt es eigentlich, dass dein Vater davon nichts weiß?“, mischte sich Se. Cantorius in gespielter Einfalt ein - ein hoffärtiger Mann mit dickem Bauch, großem Hut und stutzerhaften Silberschnallen an den Waden. Er war es auch, der sich bei ihrer Visitation viel Zeit ließ und mit dem Finger in sie eindrang, um ihn danach einer Geruchsprobe zu unterziehen.

„Mein Vater ist ein rechtschaffender Mann“, verteidigte sie sich. „Er hat mich niemals so betrachtet, geschweige untersucht. Woher sollte er das also wissen?“

„Aber es ist doch hinlänglich bekannt, dass Hexen mit ihren Vätern buhlen“, ergänzte Dn. Consul verschmitzt und fühlte sich durch ihr Erröten bestätigt. Auch ihn erregte ihre Verlegenheit sehr, und er würde noch viel lieber ins Detail gehen, wagte es aber nicht.

Selbst der Magister war nicht wie sonst. Noch immer schien es ihm unmöglich, ihren Blick länger als zwei Sekunden zu ertragen, vor allem nach solch widerwärtigen Attacken.

Wieder spürte er eine tiefe Betroffenheit. Hinzu kam sein Wissen um die Haltlosigkeit einiger Beweise wie der Nadel, die bei leichtem Druck tatsächlich in den Schaft zurückglitt, durch eine Sperre aber arretiert werden konnte. Das war zwar nicht legal, als zusätzliches Druckmittel aber erlaubt.

Das heilige Tribunal duldete keine Schwächen. Es verlangte nach der Wahrheit, wenn nötig mit allen Mitteln. Nichts war schwerer, als einen Dämon zu überführen, der sich mit tausend Gesichtern tarnt. Daher es war nur legitim, ihn zu überlisten.

„Edler Titius“, fuhr sie an ihn gewandt fort. „Sagt doch selbst, wenn ich verhext bin, warum wende ich dann nicht meine Zauberkraft an und erlöse mich aus dieser Pein?“

„Das versuchst du schon die ganze Zeit“, antwortete er und reckte ihr das Kruzifix entgegen. „Doch unter diesem Zeichen hast du keine Macht mehr. Deshalb verschwindet auch geweihtes Wasser auf deinem Leib.“

Rasch trat er auf sie zu, sprenkelte ihr zum Beweis ein paar Tropfen auf den Bauch, und siehe - bereits nach wenigen Momenten waren sie zum Erstaunen der Anwesenden nicht mehr zu sehen. „Und nun versuche nicht, mich zu beirren. Das sind nur weitere Indizien deiner Schuld.“

Wieder beginnt sie zu jammern. „Das tue ich doch gar nicht! Nur weiß ich nicht, wie ich Euch von meiner Unschuld überzeugen soll! Wohin das Wasser ist, weiß ich nicht. Aber es ist so warm hier, da verfliegt es schnell. Ich glaube, dass Ihr das ebenso gut wisst wie ich.“

„Du wagst es?!“, empörte sich der Magister, verstummte jedoch gleich wieder, denn das Wasser verlor durch eine Zusatztinktur tatsächlich an Spannkraft und verflüchtigte sich leichter. Das konnte sie aber unmöglich wissen. Die Rezeptur war streng geheim und nur im engsten Kreis des Tribunals bekannt. Wenn doch, war es nur ein weiteres Zeichen ihrer Magie.

„Ich bitte euch, Dominus“, flehte sie erneut. „Verschont mich, und ich werde Euch zu willen sein wie immer ihr es wollt. Aber bitte, tut mir das nicht an! Ich habe solche Angst.“

„Schweig, du Vermaledeite! Eine solche Schamlosigkeit ist typisch für eine Verworfene wie dich! Aber dein Zauber ist hier unwirksam. Es gibt nur einen Weg zur Erlösung - die Wahrheit!“ Seine Faust donnert auf den Tisch.

„Aber ich kann doch nicht! … Das ist wider Gottes Gebot, das ihr selber predigt! Wie sollte ich da …“

„Der Mut zur Wahrheit ist immer eine schwere Bürde. Wer ihn aber nicht findet, muss zu ihm geführt werden!“, rief er und gab das Zeichen. Daraufhin drückte man ihr die ‚Pfeife‘ genannte Holzklammer in den Mund, jenes mit Schnüren um den Kopf befestigte Instrument, das die Schreie des Opfers dämpfen soll.

Schon sengte sich unter leichtem Zischen das glühende Eisen in ihre Seite. Panisch wand sie sich in den Ketten, verdrehte die Augen und versuchte, die Füße aus der Verkeilung zu befreien, woraufhin sich diese nur noch mehr verquerten. Blut rann aus den Wunden. Noch einmal bäumte sie sich auf. Dann erschlaffte sie.

Der Gestank verbrannten Fleisches lag in der Luft. Die Wärme der Fackeln und die Glut des Messingtroges schufen eine stickige Schwüle. Der Magister tupfte sich die Stirn.

Er hatte nicht zugesehen, obgleich es seine Pflicht gewesen wäre. Das war den Zeugen nicht entgangen. Ihm war heiß und unerträglich stickig, so dass er sich die Halskrause aufzog. Er wusste, dass sie sich fügen wird, spätestens nach wiederholtem Einbrennen. Er hat das schon oft erlebt. Die meisten gestehen dann, allerdings willenlos, im Zustand der Apathie, so dass es nicht unbedingt glaubhaft wirkt. Das war zwar nicht befriedigend, wurde aber rechtlich anerkannt. Manche blieben aber auch störrisch, vertrauten auf Gott, der sie längst verlassen hat.

Dann folgte als Letztes die ‚hochnotpeinliche Befragung‘, wobei sie der Henker aufs Härteste ran nahm und nicht selten den Rand des Ablebens erreichte, ohne ihn jedoch zu überschreiten. Darauf verstanden sich nur versierte Meister des Quälens. Der Heutige war einer davon.

Aber der Magister wollte ihr das ersparen. Sie war so zart, wirkte so rein, so ganz anders als die gemeinen Bauernhuren, die bei der Tortur wie die Säue quiekten. Darüber hinaus schien sie von scharfem Verstand. Ihre Antworten kamen klar und waren von bestechender Logik.

Gestern noch hatte sie die unzüchtigen Unterstellungen eines Zeugen mit einem Psalm aus der heiligen Schrift pariert und damit das ganze Tribunal verblüfft. Antwortete sie doch auf die Frage, warum sie dem Tribunal Voreingenommenheit vorwerfe, in bestem Latein: ‚Ubi libido dominatur, innocentiae leve praesidium est‘. (Wo die Begierde gebietet, hat die Unschuld schwache Schutzwehr)

Beim Himmel! So etwas war ihm noch nie untergekommen. Das jagte ihm Furcht ein.

Jetzt trat er vor sie hin und entfernte die Klammer, obwohl die ersten 15 Minuten noch nicht vorüber waren. Dann goss er ihr einen Zuber mit kaltem Wasser über den Leib, woraufhin sie zusammenzuckte. Ihr irrer Blick wanderte ziellos umher und blieb schließlich an ihm hängen.

„Confiteor!“ schrie er, was nichts anderes als ‚Bekenne‘ heißt, malte das Kreuz in die Luft und versprach, sie zu erlösen.

Sie murmelte etwas Unverständliches, so dass der Büttel herantreten und sich zu ihr herab neigen musste. Doch kaum kam er ihr näher, rotzte sie ihn an, und er wich erschrocken zurück.

Der Magister war irritiert und wusste nicht zu reagieren. Sofort setzte der Büttel die Tortur fort, noch bevor er das Zeichen dazu bekommen hatte. Mit aller Kraft drehte er die schwere Kurbel, bis ihr Leib gestrafft in einer absurden Schwebe verharrte. Speichel rann aus ihren Mundwinkeln. Ihre Schreie hatten nichts Menschliches mehr. Die Anwesenden zeigten keine Regung. Der Magister, starr vor Schreck, griff sich ans Herz.

Wieder flehte sie um Gnade, dabei immer wieder ihre Unschuld beteuernd, worauf ihr Vater zusammensank. Doch der Magister wusste längst mehr. Sie würde gestehen, spätestens, wenn ein erstes Knacken Wirkung zeigt, wenn die Sehnen bersten und der Schmerz sie in den Wahnsinn treibt. Noch ein Ruck und noch ein Ruck. Der Büttel zerrte mit aller Kraft an der Kurbel.

Verdammt! Wann gibt sie endlich auf! Kein Mensch kann so etwas ertragen.

Noch war sie störrisch wie ein Ziegenbock. Dann aber überstreckte sie den Kopf in den Nacken, drang ein gellender Schrei aus ihrer Kehle, und sie begann hastig zu nicken.

Endlich!

Sie schien gebrochen. Eine Spur der Erleichterung huschte über des Magisters Gesicht und er ordnete sofortiges Innehalten an. Aber er wusste auch, dass manche nur neue Kraft tankten, um danach nur noch störrischer zu werden. Schon deshalb durfte er jetzt nicht nachlassen.

„Rede, Weib! Willst du gestehen, dann will ich dich erhören“, setzte er sogleich nach, in der Hoffnung auf ihre Vernunft.

Sie nickte.

„Dann ist deine Seele noch nicht verloren.“ Sofort lockerte er ihre Ketten, wischte ihr den Speichel vom Kinn und stabilisiert ihre Lage. Um sie besser zu verstehen, kniete er neben ihr nieder, umfasste ihre Hand und wickelte zum Zeichen seines Vertrauens das Velum genannte Schultertuch des Priesters darum. Das verdutzte die Anwesenden.

Sie zitterte noch immer. Die erlittenen Qualen lähmten ihre Zunge. Er kannte das. Es war jene Schockstarre, die den Körper in einen Dämmerzustand versetzt. Erst ganz allmählich wurde sie ruhiger, ihr Atem gleichmäßiger, und ihre Sinne kehrten zurück.

„Sei ohne Furcht, mein Kind. Es ist vorüber. Wir leiden mir dir … Und nun rede. Sage mir alles, was dich bedrückt, und ich werde es verstehen.“ Fast fühlte er sich versucht, ihr tröstend übers Gesicht zu streichen, wusste es aber zu unterdrücken.

Sie holte tief Luft, schloss die Augen und seufzte: „Macht das nie wieder, hört Ihr? Falls doch, werdet Ihr ebenso enden wie ich. Das ist mein Fluch über Euch.“

Diese Bemerkung verwirrte ihn. Sie konnte nur Folge ihres Durcheinanders sein.

„Es ist schon gut. Wenn du jetzt die Wahrheit sagst, wirst du nicht länger leiden. Ich verspreche es.“

„Schwört es, bei allem, was euch heilig ist!“

„Ich schwöre es.“

Nachdem er diesen Eid geleistet hat, schien ihr Widerstand gebrochen. Kaum zu Atem gekommen, gestand sie und das so schnell, dass es der Schreiber kaum protokollieren konnte.

So gab sie zu, verhext zu sein und zaubern zu können, mit dem Teufel gebuhlt zu haben und dessen Schandmal an sich zu tragen. Sie sei auch schon auf einem Besen geritten und habe im Kreis der Dämonen einen ganzen Krug gegorener Jauche gesoffen; ein Schwein wäre ihr Bruder, und geboren wäre sie in einer Neumondnacht unter einer abgestorbenen Weide, in welcher Raben nisten.

Die Züge des Magisters verfinsterten sich. Noch niemals wurde er so infam gedemütigt. Dieses Geständnis war eine Posse. Wollte sie ihn zum Narren halten? Hier tagte ein ordentliches Tribunal und kein Bauernhaufen. Wo blieb die Reue, wo die Aufrichtigkeit, vor allem aber der Respekt vor der Würde dieses Gerichtes? Kein seriöses Protokoll kann so etwas ernst nehmen, nicht so, wie sie es vorträgt.

Aber womöglich lag gerade darin ihre Absicht. Sie wollte ihn und das ganze Verfahren vorführen. Zweifellos redete sie nur so, um weiteren Schmerzen zu entgehen. Er sollte sie dafür züchtigen, doch er hat ihr sein Wort gegeben. Diese Schlange!

„Wer hat dich ein solches gelehrt?“, fuhr er fort, sich zur Sachlichkeit zwingend.

„Der Leibhaftige selbst.“

„In welcher Gestalt erschien er dir?“

„Als Geißbock.“

„Wie ist sein Name?“

„Dismonia.“

Hier erschauerte er. Das ist griechisch und bedeutet in der Abwandlung so viel wie ‚bewundernswertes Weib‘. Eine erstaunliche Duplizität, was allerdings ein Weib wie sie niemals wissen kann. Er wurde unsicher. Vielleicht sagt sie doch die Wahrheit?

„Wann und wo bist du ihm zum ersten Male begegnet?“

„Auf dem Bocksberg, vor zwei Monaten.“

„Wie viele Teufel hast du?“

„Einen, und der ist genug.“

„Hast du mit ihm gebuhlt?“

„Ja.“

Von den Zeugen geht ein Raunen aus.

„Hattest du Spaß dabei?“

„Ja.“

Es folgen Fragen nach Dauer, Art und Intensität des Aktes, welche die Hexe zu seiner Zufriedenheit beantwortete, da sie dem Detail nach dem geforderten Protokoll entsprechen.

„Hast du mit ihm ein Teufelsbalg gezeugt?“

„Nein.“

Das war nicht ungewöhnlich und somit akzeptabel.

„War der Samen des Teufels kalt oder warm?“

„Kalt, eiskalt!“ schrie sie daraufhin und verfielt einem irrsinnigen Lachen.

Wieder verhärteten sich seine Züge. Er wusste, dass er sie jetzt zu allem Möglichen befragen könnte, sie würde es bejahen. Aber es war die erste falsche Antwort, untauglich für‘s Protokoll. Sofort bemerkte die Ärmste ihren Fehler und versuchte, ihn zu korrigieren.

„Oh nein, er war heiß, glutheiß!“, setzte sie schnell hinzu, bevor die Tortur wieder einsetzte.

„Warum lügst du?!“, brüllte der Magister, der sich erhoben hat und schon Miene machte, sie anzuspucken.

„Ich weiß es nicht.“

„Blasphemie!“, rief der Dn. Consul dazwischen, was nichts anderes heißen soll als: „züchtige sie!“

Doch Titius gebietet dem Einhalt. „Du weißt es nicht?“, fuhr er argwöhnisch fort. „Das ist seltsam, zumal ein Leugnen der Wahrheit niemals unabsichtlich geschieht.“

„Ja.“

„Dann gibt’s du zu, gelogen zu haben?“

„Ja.“

„Du lügst also aus Freude am Lügen?“

„Nein.“

„Warum dann?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wer soll dir das glauben?“

„Oh Herr, bitte, beendet meine Qual! Ihr habt es geschworen.“

Der Magister sah auf sie herab. Wie schrecklich war sie jetzt anzusehen. Ihr ausgemergelter Leib war von der Folter gezeichnet. Blut und Schwellungen an den Gelenken kündeten von großer Qual.

Ihre Hände waren unnatürlich verkrampft, ebenso ihre Füße. Der Brandfleck unter der Brust hatte sich tief in die Haut gesengt und bereitete ihr große Schmerzen. Am liebsten hätte er sich jetzt abgewandt. Aber er durfte es nicht, nicht vor all den Zeugen, die ihn genau beobachteten und vor denen er keine Schwäche zeigen konnte. Alles folgte einem festgefügten Ritus, jeder Verstoß könnte auch für ihn gefährlich werden.

„Aber ich kann es nicht beenden, nur du kannst es“, drängte er sie erneut.

„Aber wie, Herr? Wie?“

„Sag mir nicht, was ich hören will, sondern, was du mir sagen willst, frei heraus. Es muss dir von Herzen kommen. Erst dann bin ich überzeugt.“

Die Zeugen sahen sich verwundert an. Ein solcher Appell war unüblich. Selbst Syndikus Knospe schien verwundert. Doch obgleich es seinen Pflichten entspräche, die Zeugen auf die offenkundige Verwirrtheit des Magisters hinzuweisen, unterließ er es, denn er war ein Feigling und Duckmäuser. Man zog ihn gern zu solchen Prozessen heran, da von ihm der geringste Widerstand zu erwarten war. Seine Fügsamkeit entlohnte man mit 3 bis 5 Gulden, die er gern einsteckte und ein Drittel davon der Mutter Gottes für das Seelenheil seines Mandanten opferte.

Damit glaubte er seine Schuldigkeit getan und wurde nicht einmal rot. Man wusste das und verachtete ihn dafür. Er selbst kam damit aber ganz gut klar, zumal man ihn niemals daraufhin ansprach. Schon deshalb kamen ihm kaum mehr Zweifel an der Rechtmäßigkeit seines Handelns, worüber ihm jedes tiefere Nachdenken längst abhanden gekommen war.

„Wenn dem so ist, dann habe ich es getan, habe alles getan“, gestand sie überraschend deutlich und senkte den Kopf.

„Was hast du getan?“

„Habe dem Jacob den Verstand geraubt.“

„Also willst du jetzt alles erzählen, die reine Wahrheit, nichts hinweg lassen, aber auch nichts hinzufügen?“

„Ja, das will ich. Ich will alles erzählen, so wahr mir Gott helfe.“

Der Magister wirkte erleichtert. Der Vater schaute mit tränenverquollenen Augen zu ihr hin. Man gab ihr zu trinken. Dann hob man sie von der Bank und setzte sie auf einen Stuhl gegenüber dem Tribunal. Sie durfte sich jetzt mit einem Schaffell bedecken. Die Fackel und Öllampen stellte man jetzt so auf, dass sie von allen Seiten gleichermaßen beleuchtet wurde. Nichts durfte den wachsamen Augen der Zeugen entgehen. Selbst die kleinste Kleinigkeit konnte von Bedeutung sein.

Sie wusste, dass sie verloren war und sie ihr Leiden nur noch verringern kann. Noch niemals war es gelungen, die Unschuld einer Hexe zu beweisen und das würde auch jetzt so bleiben.

Seltsam. Beim Anblick dieses bedauernswerten Weibes, das sich in sein Schicksal ergeben hatte, empfand der Magister plötzlich eine tiefe Rührung, ja beinahe Achtung. Jeder Triumph war ihm unmöglich. Statt dessen überwog eine tiefe Scham.

Ihr Blick war in sich gekehrt, kalt und ausdruckslos, ihr Gesicht bleich und starr. Sonderbarerweise bat sie darum, ihren Vater aus dem Raum zu entfernen. Er sollte sie wie bisher in Erinnerung behalten, erklärte sie, und es klang schon wie ein Abschied. Obwohl sich der alte Mann dagegen sträubte, kam man ihrer Bitte nach. Sie wirkte erleichtert, auch wenn ihr Tränen über die Wange rollten.

Noch lange schaute sie ihm nach, während man ihn gegen seinen Willen aus dem Keller drängte. Welches abscheuliche Schauspiel. Immer wieder versuchte er, sich den Bütteln zu entwinden. Am Ende schliff man ihn unter lautem Wehklagen hinaus.

*****

Das Geständnis

Die Tür schlug zu, dann herrschte Stille. Niemand sagte ein Wort, aus Angst, sie könne erneut verstocken. Dabei wollte es fast scheinen, als nötigte ihr letzter Wunsch dem Tribunal Respekt ab. Und doch überwog Argwohn, denn es war unmöglich, dass eine Hexe menschliche Regungen zeigte.

Das war nur ein Trick. Sie blieb gefährlich. Deshalb befahl man die Wache herein, damit sie sich mit ihren Lanzen neben der Tür postierte. Der BütteI warf Schwefel in den Kessel. Sein beißender Geruch sollte den Dämon verschrecken. „Hic fuit!“, (hier ist er gewesen) rief er zum Zeichen seiner Wachsamkeit und spuckte in die Flammen.

Alle Augen waren auf die Angeklagte gerichtet. Man hatte zusätzlich zwei Schöffen zur Beglaubigung des endgültigen Urteils geordert, sobald das ‚Articulum principalem‘ benannt war. Das war der Hauptartikel, auf den sich die Anklage stützte. Es musste durch die Beklagte eingestanden und schlüssig bewiesen sein. Erst dann bekam es - durch die Signaturen der Zeugen und des Magisters beglaubigt - die erforderliche Rechtskraft.

Die Angeklagte wirkte erstaunlich gefasst. Ihr Blick war in sich gekehrt und voller Ruhe. Inmitten des Kerzen- und Fackellichtes wirkte sie sonderbar erhaben, fast wie eine Königin mit ihren regelmäßigen Zügen und dem blassen Oval ihres Gesichts. Nichts vermochte diesen Ausdruck zu stören. Selbst das zottige Fell, womit sie ihre Blöße bedeckt, schien ihre Anmut zu erhöhen.

Doch dann, als sei ihr plötzlich ein anderer Gedanke gekommen, ließ sie es von ihren Schultern gleiten und legte die Hände zwischen die gespreizten Schenkel. So stellte sie sich den edlen Herren in obszöner Schamlosigkeit dar.

Sie befühlte sich mit den Fingern. Dazu holte sie tief Luft, wodurch sich ihre jugendlichen Brüste strafften und das goldene Fleisch ihres Leibes aus jeder Pore Wollust atmete. Ihre Lippen waren geschwollen und ihr Blick sinnverklärt. Nach dieser schmerzhaften Tortur glich das einem Wunder, aber alles an ihr wirkte geradezu magisch und anziehend.

So sehr sich die Herren auch bemühten - es war ihnen unmöglich, den Blick von ihr zu nehmen. Niemand konnte sich ihrem Reiz entziehen. Selbst die Wachen starrten sie mit bleichen Lippen und zusammengekniffenen Nasen an. Ihre Münder waren verzerrt und ausgetrocknet, ihre Gesichter von innerer Spannung verkrampft.

Nicht anders erging es den Schöffen und Zeugen. Sogar der Magister wirkte wie gelähmt. Fassungslosigkeit weitete seine Augen, und er empfand diese ‚Darbietung‘ als einzige Provokation.

Es war, als bäume sich dieses Weib mit aller Macht noch einmal auf, beklemmend und ängstigend mit dem Wahnsinnsausbruch ihres Geschlechtes, als könne sie das allein noch erretten.

Und in der Tat dachte niemand jetzt noch an Befragung. Sie wirkte auf eine seltsame Weise schön, ja ist die leibhaftige Sünde selbst. Fast wollte es scheinen, als fände sie eine bittere Wollust darin, die Edlen mit den Gluten ihre Leidenschaft zu versuchen. Und sie verstand sich darauf sehr gut. Kaum jemand, dem jetzt nicht absurde Phantasien kamen im Spiel mit diesem Weib voller Leidenschaft und Hingabe.

Aber ihre Mühen blieben vergebens. Schnell wurden Rufe der Empörung laut. Se. Cantorius nannte sie ‚schamlos‘, Dn. Consul ‚dreckige Hure‘. Selbst der Büttel - davon angesteckt - griff zur Siebenschwänzigen, wurde aber vom Magister zurückgewiesen.

Sie war nicht die Erste, die es so versuchte. Manche gelobten alles, was man von ihnen verlangte, sogar die Ehe mit dem Henker war dann kein Tabu mehr. Andere flehten um ein erlösendes Elixier kurz vor Vollstreckung, und wieder andere waren bereit, selbst die letzte Marter zu ertragen, wenn ihnen nur diese Todesart erspart blieb. Diese aber würde keine Gnade finden, nicht nach einem solchen Affront.

Sie schien das auch zu ahnen, denn augenblicklich bedeckte sie sich und gab sich erstaunlich demütig, nannte die Herren ‚gute Christenmenschen‘ und sei nun bereit, ihr Urteil zu empfangen.

„Doch wenn ich vor meinen Schöpfer trete, werde ich es ohne Reue tun, denn ich handelte aus Not“, stellte sie klar. „Schon deshalb wird euer Urteil unvollständig bleiben, als Zeichen eurer Schuld an mir und meiner unsterblichen Seele.“

Erneut durchfuhr die Anwesenden Unruhe. Was erlaubte sie sich, so zu reden? Man empfand das als Kränkung. Se. Cantorius bestand auf einen Vermerk im Protokoll mit dem Zusatz der ‚Drohung‘.

Doch der Magister lehnte das als irrelevant ab.

„Es war im Jahr 1629 nach unser aller Erlösers Geburt“, fuhr sie unbeeindruckt fort. „Damals lebten wir noch in unserem Flecken am Waldesrand. Der Winter war hart und endlos. Hinzu kamen die plündernden Truppen der Schweden, die marodierend durchs Land zogen und sich nahmen, was sie finden konnten.

Auch bei uns fielen sie ein, verwüsteten die Stallungen, raubten das Vieh und brannten das Dorf nieder. Wer sich ihnen in den Weg stellte, wurde gnadenlos von ihren Schwertern niedergehauen. Den Weibern schnitten sie die Brüste ab, nachdem sie sie geschändet, und kleine Kinder spießten sie wie Trophäen auf ihre Lanzen. Manchen Bauern flößten sie Jauche ein, bis ihnen die Mägen aufquollen. Dann schlitzten sie ihnen die Bäuche auf und ergötzten sich an den herausbrechenden Gedärmen. Wahrlich, selbst die Hölle kann nicht schlimmer sein.

Wir aber konnten entkommen. Trotz eisiger Kälte wagten wir uns tagelang nicht zurück, haben Schnee gegessen und uns in einer Höhle versteckt. Mit unseren Leibern wärmten wir einander, so gut es ging, und waren doch froh, jeden neuen Morgen zu erleben. Die Schweden zogen weiter, doch das Elend blieb. Einen von ihnen konnten die Bauern noch ergreifen.

Sie haben ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen und in Streifen über einen Zaun gehängt. Dann schnitten sie ihm den Kopf ab und banden ihn an seinem langen blonden Haar an einen Ast, worauf er noch weit zu sehen war. ‚Mit vielen Grüßen an Gustavum Adolfum!‘ johlten die Kinder und bewarfen ihn mit Steinen.

Damals herrschte eine schlimme Zeit. Dem Landvolk erging es überall schlecht. Man aß Rinde und Wurzeln und trank Wasser aus dem Fluss. Das Vieh krepierte und mancherorts wurden in der Not Kadaver gefleddert.

Mein Kind schrie, weil mir meine Milch ausging. Hinzu kam, dass Hubertus, mein Mann, bald darauf an schwerem Fieber starb. Nun fürchtete ich, dass der Herr mir auch bald mein Kind nähme, denn es wurde von Tag zu Tag schwächer. Sein Bauch quoll auf und es bekam überall dunkle Flecken.

In meiner Not ging ich betteln, doch man jagte mich fort. Der Truchsess verwehrte mir die Unterkunft im Armenhaus, da ich keine Bürgerin der Stadt war. Mein guter Vater lag selbst krank darnieder und konnte uns nicht helfen, so dass ich in unser Dorf zurück musste. Hier ergab ich mich meinem Schicksal und hoffte, dass es mir bis zum Ende gnädig bliebe.

So lebte ich von dem, was ich finden konnte. Aber das war nicht viel. Ich fing Kröten und kochte einen Sud daraus wie früher die Wenden. Auch sammelte ich Würmer und verrührte sie zu Brei, den ich mit Holzmehl streckte. Doch ich merkte bald, dass ich damit kaum über‘s Jahr käme.

Da ich mich von Gott verlassen glaubte und keinen Ausweg mehr sah, versuchte ich mich in der Magie, von der ich schon einiges gehört hatte.

Eines Abends entzündete ich auf dem Bocksberg ein Feuer. Dazu hatte ich eigens eine Natter gefangen und ihr den Kopf abgebissen. Das Blut träufelte ich in die Flammen. Den Kadaver schlitzte ich auf und sengte ihn in der Hitze, bis ich ihn, zu Mehl zerrieben, ebenfalls ins Feuer streuen konnte.

Dazu sprach ich das Diabulorum, jene Zauberformel, womit ich die Mächte der Finsternis beschwor, mir den Erlöser zu senden, damit er wenigstens mein Kindlein versorge. Dafür wäre ich auch bereit, meine Seele zu opfern. Das wiederholte ich dreimal, zog mich aus und rieb meinen Leib mit Ruß ein. Doch der Teufel zeigte sich nicht und ich glaubte mich selbst von ihm verlassen.

Dann aber lief mir eines Tages eine Katze über den Weg. Ein räudiges, abgemagertes Tier war es, das bei meinem Anblick stehen blieb und mich anknurrte. Ich trat auf sie zu und wollte sie fangen. Doch blitzschnell entwischte sie ins Unterholz. Als ich ihr nachlief, erblickte ich plötzlich einen Mann.

Es war der Jacob Bellach. Er stand an einem Baum und verrichtete die Notdurft. Ich erschrak, denn er erschien mir wie ein Geist aus dem Nichts und starrte mich sonderbar an. Ich wandte mich sofort ab. Ihm aber schien das nicht unangenehm, denn er lachte nur und machte keine Anstalten, sich zu bedecken. Im Gegenteil. Er trat noch so vor mich hin, worauf ich es mit der Angst bekam.

Ich wollte weglaufen, doch er sagte, dass er gekommen wäre, um mir zu helfen - wenn ich ihm helfe. Dabei nahm er meine Hand und führte sie in seinen Schoß. Er habe mich in seinen Träumen erhört, sagte er weiter, und fände nun keine Ruhe mehr. Was er dann tat, war eindeutig.

Ja, Ihr edlen Herren! Ich war verwundert und bestürzt zugleich über seine Schamlosigkeit, die er mir so deutlich zeigte. Aber sollte mir der Satan wirklich in Gestalt dieses sonderbaren Kauzes erschienen sein, der wegen seiner wunderlichen Frömmelei weithin bekannt war und den man deswegen überall für einen Narren hielt?

Er hatte eine schwachsinnige Frau und vier Kinder und verdingte sich als wundersamer Geschichtenerzähler. Dazu trug er einen bunten Rock, der mit Schellen und Flicken übersät war und an einen höfischen Narren erinnerte. Zwar war er mit den krummen Beinen und dem blatternvernarbten Gesicht alles andere als wohl anzusehen, doch hätte niemand besser in diese Rolle gepasst.

Als er mir dann aber etwas Brot und Käse gab, dazu sogar noch einen Schlauch mit Ziegenmilch für mein Kindlein, erschien er mir wie ein Engel des Herrn, der mich wie St. Petrum von meinem Übel erlöste. Was machte es da, dass ich vor ihm niederkniete, indes er mit verklärtem Blick in den Himmel starrte, bis er weiche Knie bekam. Das hatte ihm wohl sehr gefallen, denn er kam fortan beinahe täglich und brachte mir Milch.

Mein Kind erholte sich schnell, und ich wurde nicht müde, ihm meine Dankbarkeit zu bezeigen, indem ich ihm zu Willen war, wann immer es wollte.

Aber hatte ich denn eine Wahl? Gewiss war es gegen die Gebote und es ekelte mich. Mehr als einmal musste ich ausspucken, um mich nicht zu übergeben oder biss mir in die Hand, wenn er mich mit aller Härte nahm. Und doch war es das kleinere Übel verglichen mit dem, was mich ohne ihn erwartet hätte.

Schon deshalb war ich bemüht, ihm meine Abscheu zu verbergen, nicht aus Angst, sondern um ihn mir gewogen zu halten, selbst wenn er mir dadurch nur noch mehr verfiel.“

„Du hast ihn also behext“, konstatierte der Magister erschüttert.

„Jede bedrängte Frau kann zur Hexe werden, sobald sie um das Leben ihres Kindes fürchtet.“

„Also gibst du es zu, oder?“

Daraufhin hob sie den Blick und sah ihn überaus unehrerbietig an. „Ihr könnt nicht jede menschliche Schwäche als Hexerei diffamieren.“

„Das tun wir auch nicht, solange sie nicht den Tod zweier Menschen bewirkt.“

Sie wollte noch etwas einwenden, blieb aber stumm. Man sah, wie sie mit sich kämpfte, dass ihr etwas auf der Zunge lag, was unbedingt heraus musste. Doch sie wusste um die Sinnlosigkeit, also spottete sie: „Ich weiß zwar nicht, warum das Böse hässlich und das Gute schön ist, aber mir ist jetzt klar, warum sich das Gefühl für diesen Unterschied bei Menschen wie Euch verliert. Ihr urteilt von oben herab, ohne jede Kenntnis des wirklichen Lebens. Wisst Ihr, wie es ist, wenn einem die Gedärme zusammenschnurren und man vor Schmerzen kaum mehr schlafen kann? Der Herrgott hat uns ein einfaches Leben geschenkt, und es ist an uns, unsere Schmerzen zu ertragen. So steht es in der Schrift. Was spricht also dagegen, sich den Schmerz erträglicher zu machen?“

Diese Offenheit verblüffte ihn. Er verwies entrüstet auf die christliche Moral, die schließlich höher stehe als lasterhafte Triebe.

„Meint Ihr die Moral des Stärkeren?“, fragte sie provokant.

„Nein, die des Rechts.“

„Welches Recht? Jenes, vor Hunger zu sterben oder aus Willkür zu töten?“

Der Magister bebte am ganzen Leib und war kurz davor, sie zu züchtigen.

„Das ist Blasphemie!“ Er hatte sich so erregt, dass er dem Büttel die Katze aus der Hand riss, indes sie ihn regungslos ansah. Das brachte ihn nur noch weiter auf. Er stand jetzt drohend vor ihr, die Peitsche in der erhobenen Hand. Er deutete sogar einen Hieb an. Sie reagierte jedoch nicht.

Aber er hatte ihr sein Wort gegeben. Also legte er die Peitsche zurück und begab sich aufs Podest. Dort stand er mit geschlossenen Augen und psalmodierte das ‚Te deum‘, in der Hoffnung, diesen Anfall der Schwäche schnell zu überstehen.

Die Zeugen waren verwundert und deuteten es als erste Anzeichen einer Befangenheit. Sie sahen einander vielsagend an.

„Woher weißt du, was in der Schrift steht?“, mischte sich Dn. Consul in gespieltem Erstaunen ein.

„Ich habe sie gelesen.“