Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine junge, beruflich engagierte Frau, beginnt nach einigen unerklärlichen Begebenheiten, an ihrem Verstand zu zweifeln. Da weder psychologische noch medikamentöse Behandlungen anschlagen, versucht sie, die daraus resultierende Verunsicherung durch eine Doppelidentität zu verdecken. Damit begibt sie sich ungewollt auf einen gefährlichen Pfad, der bald keine klare Trennung zwischen ihrem eingebildeten und tatsächlichen Ich mehr zulässt. Die hinzukommende Verbitterung über ein vergebliches Liebeswerben führt zu einem zunehmenden Kontrollverlust ihres Handels. So kommt es auch bald zur Katastrophe, deren Tragweite sie erst nach und nach begreift. Fest entschlossen, sich ihre geheimsten Wünsche dennoch zu erfüllen, beginnt sie, für den Rest der ihr noch verblieben Zeit einen schon lang gefassten perfiden Plan brutal umzusetzen - und dazu ist ihr jedes Mittel recht.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
kristian winter
Liebeswahn
Wenn Leidenschaft tödlich wird
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Nachbemerkungen
Über den Autor
Impressum neobooks
Was du liebst, lass frei, kommt es zurück,gehört es dir – für immer.
Konfuzius
„Wo bin ich?“, stöhnte der Mann, als er aus seinem wirren Traum erwachte. Zu seinem Entsetzen fand er sich auf dem Metallgitterbett wieder und war an Händen und Füßen an den Giebelenden gefesselt. Über ihm blendete eine grelle Deckenlampe, deren kreisrunder Blechschirm den Rest des Raumes verschattete. Während im Hintergrund leise Musik mit den Klängen von Vivaldis L’Inverno eine absurde Festlichkeit verbreitete, dämpften die schweren purpurnen Samtvorhänge an den Wänden jede Akustik. Er war völlig nackt. Lediglich ein Handtuch bedeckte seine Lenden. Sein Kopf schmerzte, seine Glieder brannten und ihm war, als habe man ihn mit tausend glühenden Zangen malträtiert.
„Na endlich“, vernahm er die Stimme einer Frau, die jetzt zögernd näher trat. Ihr Gesicht wirkte blass und müde. Etwas Krankhaftes lag in ihren Zügen, irgendwo zwischen Freude und Argwohn, als bedauere sie etwas, verlor jedoch kein weiteres Wort. Stattdessen begann sie, sich in aller Ruhe zu entkleiden.
Doch die Art, wie sie es tat, war ungewöhnlich. Sonderbar tänzelnd und befangen von der klassischen Musik, streifte sie sich selbstversunken erst die High Heels, dann Bluse und Büstenhalter ab, schließlich folgte die Netzstrumpfhose, das aber reichlich ungelenk, wie jemand, der sich darauf nicht verstand. Zuletzt löste sie den locker aufgesteckten Haarknoten und streifte sich dunkle Strumpfbänder über die Schenkel.
„Ist das nicht genau wie in unseren Bildern?“, fragte sie jetzt.
„Oh Gott, du bist verrückt!“, erwiderte der Geknebelte, als er seine Lage realisierte. „Wie hast du das gemacht?“
„KO–Tropfen“, erklärt sie lapidar. „Ich war erstaunt, wie schnell sie wirken. Richtig komisch sah das aus, als du zusammengesackt bist. Daher auch dein blaues Auge und die Platzwunde an der Stirn. Fast fürchtete ich, du würdest mir unter den Händen wegsterben, denn du warst bereits kollabiert.“
„Beim Himmel, was hast du vor?!“, schrie er mit sich überschlagender Stimme.
„Du wirst verzeihen, aber das war nötig“, erklärte sie und strich ihm mit funkelnden Augen über die schweißnasse Stirn. Sodann glitten ihre Finger über seinen Hals und die Brust hinab zum Bauch und umkreisten seinen Nabel.
„Es klingt sicher albern, aber ich hätte nie gedacht, dass es nochmal dazu kommen würde. Du bist gut gebaut und auch sehr einfühlsam. Alles an dir ist vollkommen, als habe dich die Natur zur Liebe erschaffen. Ich habe da eine Theorie, weißt du? Demnach gibt es eine Vorbestimmung, der wir uns fügen müssen. Jeder Verstoß dagegen wird bestraft. Und so glaube ich, dass auch wir nicht anders können, als zu müssen, was wir sollen. Dies aber liegt nicht immer in unserem Wollen. Das wird ein Mann deiner Bildung doch verstehen, oder?“
Sie entfernte das Tuch von seinem Schoß und berührte seine zum Rudiment verkümmerte Männlichkeit. Doch zu ihrem Kummer zeigte er keine Reaktion, nicht mal den Ansatz einer Erregung, obwohl das Ziel ihrer Stimulation eindeutig war.
„Die Brahmanen meinen, ein verzögerter Koitus könnte mit dem nötigen Feingefühl eine wahre Explosion bewirken, welche die Seele in den Himmel schleudert. Ich war noch nie im Himmel, allenfalls kurz davor. Dabei wäre ich es so gern. Willst du mir nicht dabei helfen?“
„Das ist nicht dein ernst! Das kannst du nicht wollen, nicht nach alledem!“
„Erzähl mir nicht, was ich wollen darf! Was weißt du schon, wie es in mir aussieht, nach allem, was du mir angetan hast!“
„Du bist nicht bei Sinnen! Ich weiß, es ist viel Unrecht geschehen. Aber mache es jetzt nicht noch schlimmer!“, beschwor er sie und zerrte an seinen Fesseln.
Doch sein Bitten ignorierend, fasste sie erneut nach seiner Männlichkeit - jetzt aber schmerzhaft, so dass er zusammenfuhr und am ganzen Leib zitterte. Verschreckte ihn doch die Entschlossenheit in ihren Augen, dieses Funkeln als Zeichen ihrer Unberechenbarkeit. Am meisten aber fürchtete er die Rasierklinge, die sie plötzlich zwischen ihren Fingern hielt und prüfend betrachtete.
„Ich kenne die Anatomie des Mannes genau. Ich habe sie studiert“, erklärte sie. „Es genügt ein Bild oder eine Situation, wodurch das Hirn einen erotischen Reiz assoziiert. Das kann gedanklich als auch real geschehen. Ideal ist ein Zusammenspiel von beidem, so wie jetzt, wenn ich dir meine Bereitschaft signalisiere. Der Rest ist reine Physiologie. Deine Schwellkörper reagieren auf diese Reize und sorgen für den nötigen Blutstau, was dann zur Erektion führt. So ist es doch, nicht wahr? Ein Wunderwerk der Evolution. Die Sache hat nur einen Haken – ein kleiner Schnitt und alles ist vorüber.“
Ihm wurde schlecht. „Hör auf, bitte! Das kannst du nicht tun“, flehte er seine Peinigerin noch einmal an. Doch sie blieb davon unbeeindruckt.
„Du bist beschnitten. Das ist sehr erotisch. Darum werde ich jetzt noch ein wenig weiter schneiden. Das ist noch erotischer. Blut ist eine eigenartige Substanz, weißt du? Es ist der Saft des Lebens. Sechs bis sieben Liter sind im menschlichen Körper. Wenn es raus ist, ist es vorbei.“
„Tu das nicht! Ich bitte dich! Ich werde alles machen, was du willst. Nur tu das nicht!“
„Hast du etwa Angst? Du weißt doch gar nicht, was das ist! Ich sage dir jetzt, was Angst ist! Wenn man unter ständigen Verfolgungen leidet und dennoch kein Gehör findet; wenn sich fremde Hilfe lediglich auf ein paar Pillen und gute Sprüche beschränkt und man genau dann, wenn man neuen Mut schöpft, von einem fremden Kerl im Park niedergerissen und bis zur Besinnungslosigkeit gewürgt wird. Natürlich trägt er eine Maske, drückt dir die Beine auseinander, dass du denkst, es zerreißt dich. Dann zückt er ein Messer und kitzelt deine Kehle, jederzeit bereit, sie zu durchstoßen - das ist Angst!
Dem Gefesselten dämmerte etwas. „Mein Gott, der Tote aus der Zeitung!“, schloss er einer spontanen Eingebung folgend. „Du warst es! Du hast ihn getötet!“
„Hatte ich nicht ein Recht dazu?“ erwiderte die Angesprochene erregt. „Ich habe mich nur verteidigt! Sein Pech, aber er hatte sich die Falsche ausgesucht. Nur weißt du, wer sein Auftraggeber war? Deine Frau! Sie hatte ihn geordert, um mich zu beseitigen.“
„Das ist gelogen“, erwiderte der Mann. „Völlig unmöglich!“
„Sie hat es aber zugegeben.“
„Das glaube ich noch weniger.“
„Und das sagt ausgerechnet jemand, dessen ganzes Leben eine einzige Lüge ist? Deine Frau wusste sich keinen anderen Rat mehr, griff aber leider zu einem untauglichen Mittel. Sie hat eben keine Ahnung von solchen Dingen. Dafür nimmt man Gift, aber so dosiert, dass sich das Opfer noch aus eigener Kraft weit genug entfernen kann, um jeden Verdacht von der wahren Ursache abzulenken. Unser guter Freund Hövelmann hat es vorgemacht. Er war eben ein Trottel und Dummheit wird bestraft.“
Hendrik war jetzt so durcheinander, dass er nicht glauben wollte, was er jetzt hörte. Was redete sie da? Meinte sie das im Ernst? Ihr zynisches Grinsen ließ aber keine Zweifel.
„Um Gottes willen! Der auch?“
„Ja, der auch!“, räumte sie mit Genugtuung ein. „Er musste verschwinden, denn er hätte die Sache ans Licht bringen und somit auch dich gefährden können. Außerdem war er ein gewissenloser Lump und hatte mit seiner Geliebten bereits Pläne gegen dich geschmiedet. Diese gingen noch viel weiter, als du dir vorstellen kannst. Du solltest mir also dankbar sein. Und wenn du jetzt vernünftig bist und wir zusammenhalten, wird man niemals dahinter kommen. Ich habe dafür gesorgt, dass es unmöglich ist! Darin liegt unsere Chance.“
„Das ist nicht dein Ernst! Du bist verwirrt und sagst das nur so.“
Ihre Miene verfinsterte sich. Die Ernüchterung über seinen Unverstand traf sie tief. Noch mehr aber litt sie unter seiner offenkundigen Ablehnung, die ihr bewies, dass er zu keiner Zeit wirkliche Ambitionen hatte. Alles war nur gespielt und ihre Gefühle nichts weiter als das Resultat einer bloßen Einbildung. Allein dafür verdiente er eine Strafe.
„Das ist schade, wirklich. Ich hätte mehr von dir erwartet. Aber so ist das nun mal, wenn man mit dem Feuer spielt. Irgendwann wird man sich verbrennen.“
Erneut fasste sie nach seiner Männlichkeit und setzte zum Schnitt an.
„Halt, warte!“, schrie der Mann, halb wahnsinnig vor Angst. „Ich bitte dich, hör auf! Vielleicht hast du Recht! Ich werde mit dir kooperieren! Wir werden die Sache zusammen durchstehen, zu deinen Bedingungen!“
„Tut mir leid, aber ich glaube, dafür ist es jetzt zu spät. Und jetzt schließe die Augen. Dann erträgt man es besser.“
****
Zwei Monate zuvor
Es war Spätsommer. Schon seit Wochen hatte es nicht geregnet, so dass die Pflanzen welkten und die Flüsse Niedrigwasser führten. Wieder einmal lag eine drückende Hitze über der Stadt und ließ die Luft in den Straßen flimmern. Die meisten Menschen waren an diesem Wochenende ins märkische Umland geflüchtet oder suchten Abkühlung in den nahen Freibädern. Nur vereinzelt waren Passanten unterwegs.
Unter ihnen fiel eine Frau im weißen Trenchcoat auf. Sie trug eine große Sonnenbrille, hatte trotz der Hitze den Kragen aufgeschlagen und verbarg ihr Haar unter einer hellblonden Perücke. Eilig huschte sie zur anderen Straßenseite hinüber. Ihre Bewegungen waren fahrig und unkoordiniert und zeugten von großer Angst. Immer wieder sah sie sich um, als suche sie nach etwas Bestimmten. Manchmal ging sie sogar einige Schritte zurück, setzte dann aber ihren Weg verstört fort. An der nächsten Kreuzung schlug sie plötzlich einen Haken und verschwand in das kleine Café an der Ecke, an dem sie schon fast vorüber war.
Allerdings handelte es sich um kein gewöhnliches Lokal, sondern um das weithin bekannte ‚Savoir-vivre‘ - eine Begegnungsstätte der hiesigen Intellektuellen mit vornehmlich frankophoner Klientel, das um diese Zeit reichlich besucht war. Hier setzte oder besser quetschte sie sich an einen der hinteren Tische, jedoch so, dass sie die Straße noch einsehen konnte. Das schien ihr wichtig, denn sie zog sogleich ihre Brille etwas herab und fixierte fortwährend die gegenüberliegende Seite. Dabei war sie so konzentriert, dass sie den inzwischen herantretenden Kellner, übrigens ein überaus gutaussehender Bursche mit kleinem Oberlippenbärtchen und dunklem Wuschelkopf, gar nicht bemerkte.
„Bonsoir, Madame, Sie wünschen?“, fragte dieser bereits zum zweiten Mal mit französischem Akzent und deutete eine höfliche Verbeugung an.
Die Frau sah erschrocken auf und schien ihn erst jetzt wahrzunehmen.
„Was darf ich Ihnen bringen?“, wiederholte er nun bereits zum dritten Mal.
„Ach ja, einen Kaffee mit Milch ohne Zucker, ein wenig geschäumt, wenn es geht, und bitte, schließen Sie die Tür gegenüber“, antwortete sie zögernd, wobei sie sein Namensschild auf der linken Brustseite betrachtete. „Ich bin empfindlich gegen Zugluft, Francois“, setzte sie noch schnell hinzu.
„Liebend gern, Madame“, erwiderte der Kellner charmant. „Nur bitte ich zu bedenken, dass es draußen drückend warm ist und andere Gäste wiederholt um diese - wie sagt man auf deutsch? - Ventilation gebeten haben.“
„Was kümmert mich IhreVentilation!“, empörte sie sich sofort, seinen frankophonen Slang nachäffend. „Zugluft ist schädlich für die Bronchien. Das wird Ihnen jeder Arzt bestätigen. Außerdem weht er den Straßenstaub herein. Also bitte!“
Doch Francois zögerte. Verunsichert über diese unerwartete Forschheit schlug er vor, den Platz zu wechseln. Auf der anderen Seite wäre es sicher angenehmer.
„Das hätten Sie wohl gern!“, blaffte ihn die Frau erneut an.
„Ich verstehe nicht!“
„Oh, ich glaube,Sie verstehen das sehr gut! Sie wollen mich nur aus einem ganz bestimmten Grund hier weg haben. Meinen Sie, ich merke das nicht? Aber das könnte Ihnen so passen!“
Der völlig verblüffte Kellner hielt für einen Moment die Luft an. Dann besann er sich aber und entgegnete gleichmütig: „Wenn Sie meinen! Nur fürchte ich, dann müssen Sie mit der Zugluft leben. Ich werde die Tür jedenfalls nicht schließen!“
„Wie bitte? Das ist ja wohl die Höhe! Ich möchte den Chef sprechen! Sofort!“ Ihre Empörung war so groß, dass sich gleich einige der Gäste umdrehten und zu ihr hinschauten. Man schüttelte die Köpfe und tuschelte, was die Frau nur noch mehr verärgerte. „Da haben Sie es! Das haben Sie doch beabsichtigt! Aber Ihr Plan wird nicht aufgehen! Ich habe Sie durchschaut und werde das verhindern! Was ist? Worauf warten Sie? Nun gehen Sie schon!“
Der Kellner blies die Backen auf und hatte alle Mühe, nicht laut aufzulachen. „Wie Sie wünschen.“ Daraufhin ging er mit einem schiefen Lächeln davon.
Am Tresen erwartete ihn bereits der Chef, ein kleiner seriös, wirkender, überaus schmächtiger Mittfünfziger mit silbrigem Haar und dunklem Anzug. Er hatte das Geschehen bereits beobachtet und machte sich seinen Reim darauf.
„Schon wieder?“, fragte er schmunzelnd den Zurückkehrenden.
„Oui. Heute möchte sie die Tür geschlossen haben. Angeblich zieht es.“
„Na, wenigstens nicht die Stores wie beim letzten Mal.“
„Soll ich rufen die Gendarmerie?“
„Nein, nicht wieder so ein Aufsehen. Das können wir uns nicht leisten. Ich werde noch einmal mit ihr reden. Vielleicht kann ich sie beruhigen.“
„Und wenn nicht?“
„Dann bleibt uns immer noch die Polizei. Aber ehrlich gesagt, möchte ich das nicht, denn irgendwo tut sie mir leid. Sieh‘ sie dir nur an, dieser elegante Gang, diese vornehme Zurückhaltung. Ohne diese Brille und den albernen Mantel sähe sie sicher ganz passabel aus, eine richtige ‚belle femme‘. Ich wette, sie hat studiert, vielleicht sogar promoviert. Und doch hat sie irgendein Problem. Deshalb auch diese Aufmachung.“
„Aufmachung?“ Francois sah ihn fragend an.
„Ja natürlich! Diese alberne Perücke wirkt doch lächerlich. Sie versucht, sich zu verstecken. Das merkt man doch sofort! Womöglich leidet sie unter einer Paranoia? Solche Leute versuchen sich immer zu verstecken.“
„Mon dieu!“
„Und jetzt guck‘ nicht so! Ich werde jetzt zu ihr gehen und sehen, was ich für sie tun kann.“
Mit diesen Worten begab sich der Chef zum betreffenden Tisch. Dort klopfte er mit einer Serviette einige Krümel vom Tischtuch, richtete die kleine in der Tischmitte stehende Blumenvase zurecht und legte vorschriftsmäßig die Serviette über den Arm. „Sie wünschen, verehrte Dame?“, fragte er in Erwartung ihres Anliegens und deutete eine höfliche Verbeugung an.
Die Frau wollte gleich auffahren und hatte auch schon einiges parat. Doch das verständnisvolle Lächeln ihres Gegenübers samt dem mitfühlenden Blick irritierten sie. Verdammt, da war doch was! Im Nu wurde aus Wut Verlegenheit und sie lächelte verschämt, als wüsste sie genau, dass sie sich wieder einmal verrannt hatte und in Erklärungsnot befand.
„Sie werden entschuldigen“, wich sie verstört aus. „Aber ich habe es mir anders überlegt. Ich werde doch besser das Lokal wechseln.“
„Das steht Ihnen selbstverständlich frei, Madame“, erwiderte der Chef nachsichtig. „Nur würde ich es bedauern, wenn Sie mit unserem Service nicht zufrieden sind.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Ich muss es aber annehmen, nachdem Sie mich über meinen Kellner haben rufen lassen.“
„Dann nehmen Sie falsch an! Das scheint Ihnen öfter zu passieren!“
„Sie meinen doch nicht etwa wie beim letzten Mal?“
Bei diesen Worten schreckte die Frau zusammen und zog fröstelnd den Kragen enger um den Hals. Gott, war ihr das peinlich, auf diese Weise an den jüngsten Fauxpas erinnert zu werden, als sie in der sicheren Annahme, verfolgt zu werden, Schutz in eben diesem Café suchte. Der gleiche Mann sicherte ihr damals seine Hilfe zu und hatte sogar die Polizei alarmiert. Jetzt erkannte sie ihn wieder. Am Ende war das ganze Lokal in heller Aufregung. Doch ihre Befürchtung fand keine Bestätigung. Alles blieb bei unbewiesenen Behauptungen und der ganze Eklat verpuffte. Die Polizei nahm ihre Personalien auf und verschwand wieder.
Sollte sie sich auch diesmal geirrt haben? Unmöglich! Dazu war es zu intensiv. Zwar bewegte sich alles noch im Vorfeld, blieb bei Ahnungen und Befürchtungen. Doch die vielen kleinen Nadelstiche waren nicht nur Produkt ihrer Einbildung. Kaum eine Nacht, in welcher ihre Beklemmung nicht in Todesangst umschlug. Selbst die stärksten Beruhigungsmittel halfen nicht.
„Ist Ihnen nicht gut, MadameRitter?“, hörte sie von Ferne die Stimme des Chefs.
„Wie bitte? Oh, doch natürlich… Aber woher wissen Sie …?“
„Ihre Personalien wurden doch beim letzten Mal notiert. Erinnern Sie sich nicht? Carola Ritter, 35 Jahre, wissenschaftliche Assistentin, ledig, keine Kinder.“ Er tippte mit dem Zeigefinger an seine Stirn. „Ich habe ein gutes Gedächtnis. Dort drüben haben Sie gesessen und den Beamten den Sachverhalt geschildert und gleich daneben stand ich. Ich hatte Ihnen noch das Glas Wasser gereicht und Sie versprachen mir, künftig auf sich achtzugeben.“
Jetzt erinnerte sie sich. Ein winziges Lächeln irrte über ihr Gesicht. „Oh ja, Sie waren sehr nett zu mir. Und jetzt – jetzt bin ich schon wieder ... Das ist mir sehr peinlich.“
„Das muss es nicht. Immerhin sind wir alle nur Menschen und haben unsere Schwächen. Benötigen Sie etwas?“
„Oh, nein danke.“
„Geht es Ihnen wirklich gut?“
„Was soll das? Selbstverständlich geht es mir gut!“ Sie schlug seine Hand weg, die gerade tröstend ihre Schulter berührte.
„War es denn heute wieder wie beim letzten Mal?“
„Ja natürlich! Oder meinen Sie, ich komme umsonst herein? Es ist immer das gleiche! Das ist es ja, was ich den Beamten begreiflich machen wollte! Doch niemand glaubt mir … Warum gucken Sie so? Aber ich sehe schon! Auch Sie glauben mir nicht und spielen nur den Verständigen. In Wahrheit machen Sie sich über mich lustig!“
„Oh nein, keineswegs!“
„Geben Sie sich keine Mühe! Ich habe Sie durchschaut! Sie sind auch einer von denen! Sie machen mir nichts vor!“
„Bitte beruhigen Sie sich, Frau Ritter! Ich versichere Ihnen …“
„Versichern Sie lieber nichts, denn ich habe einen guten Anwalt! Im übrigen können Sie sich Ihr Mitgefühl sparen! Ich brauche es nicht, von niemandem, verstehen Sie?“ Dann aber, als wäre sie über die eigene Lautstärke erschrocken, mäßigte sie erneut ihren Ton und sah sich scheu um. „Eine Bitte noch. Wenn ich Ihr Café verlasse, möchte ich das unauffällig tun. Verstehen Sie? Das ist doch auch in Ihrem Interesse.“
„Ja natürlich, Madame - nur wie kann ich dazu beitragen?“
„Indem Sie ganz einfach wieder zum Tresen gehen und mit Ihrem Kellner scherzen. Tun Sie das am besten möglichst laut und ungezwungen. Das wird die Aufmerksamkeit der Gäste von mir lenken und ich werde diesen Moment nutzen.“
Der Chef hob verwundert die Brauen, fragte dann aber erstaunlich naiv, ob das auch wirklich alles sei.
Ohne darauf zu antworten, erhob sich die Frau und begab sich mit kurzen, schnellen Schritten zur Tür, allerdings so übereilt, dass es jedem auffiel. Kurz davor stolperte sie auch noch und wäre fast gefallen, hätte sie nicht im selben Moment ein gerade hereinkommender Gast aufgefangen. „Hoppla“, sagte er freundlich und stützte galant ihren Arm.
Daraufhin färbte sie sich krebsrot und entwand sich ihm bitterböse. Dann rannte sie, ohne auch nur ein Wort zu erwidern, aus dem Café, indes er ihr völlig verblüfft nachschaute. Kaum draußen, hastete sie um die nächste Ecke, sank dort rücklings gegen die Hauswand und schnappte nach Luft.
‚Verdammt, wer war dieser Kerl?‘, schoss es ihr durch den Kopf und sie sah ängstlich zurück. Wieso kam er gerade jetzt herein? Aber das war kein Zufall. Niemand kommt ausgerechnet im Augenblick ihrer größten Erregung herein. Das war sonnenklar. Es gehörte dazu. Das alles war nur ein Spiel. Man wollte sie hierher treiben, immer an den gleichen Ort, damit sie sich jedes Mal vor dem gleichen Publikum unmöglich machte. Wie abgekartet! Das musste ein Ende haben, sofort!
Kurze Zeit darauf saß sie in der Bahn und fuhr zu einer bestimmten Adresse eines bestimmten Herrn. Zwar mochte sie ihn nicht, doch konnte sie in letzter Zeit nicht auf seine Hilfe verzichten. Dabei handelte es sich um niemand anderen als den stadtbekannten Neurologen und Psychiater Prof. Dr. Wolfgang Weidenfeller, eine Kapazität auf dem Gebiet der kognitiven Verhaltenstherapie und schizophrener Paranoia. Verständlicherweise vermied sie unangemeldete Besuche, denn sie fürchtete seine mitunter doch sehr ruppige Art. Doch das heutige Erlebnis war derart beunruhigend, dass sie ihre Furcht überwand und gegen diese Regel verstieß.
Als sie sein Behandlungszimmer betrat – ein geräumiger Raum mit hellen, sterilen Wänden, einem rustikalen Schreibtisch und Freud‘scher Couch in der Ecke - huschte ihr verstörter Blick sogleich durch das Zimmer und blieb, Gott weiß warum, an dem schweren Brieföffner auf dem Schreibtisch haften. Eigenartige wulstige Rillen zierten die Seiten des barocken Gegenstandes. Warum ihr das auffiel, konnte sie nicht erklären, ebenso wenig wie das plötzliche Verlangen, ihm dieses Ding an den Kopf zu schleudern.
Der Professor war ein stattlicher, bereits bejahrter Mann mit buschigen ergrauten Augenbrauen und einem markanten, scharf geschnittenen Gesicht. Er kannte die Patientin schon länger und hatte in letzter Zeit einige durchaus bemerkenswerte Erfolge erzielt, schien aber noch nicht recht zufrieden. Im Grunde war er wortkarg und entnahm vieles den Augen und vor allem der Mimik seiner Patienten, so dass längere Diskussionen nicht nötig waren. Es hasste so etwas. Vielmehr liebte er die Schweigsamkeit, durchbrochen von gelegentlichen Monologen.
So war es auch jetzt. Statt etwas zu sagen, schnitt er ein höchst unzufriedenes Gesicht. Mehrmals setzte seine Patientin an, sich ihm zu offenbaren, brach aber immer wieder ab. Schließlich zog sie entnervt ihre Perücke vom Kopf, legte die Brille auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber auf den knarrenden Stuhl.
„Ich bin gekommen, weil…“, versuchte sie es erneut, geriet jedoch nach seinem finsteren Blick ins Stocken.
„Ja, ich weiß“, kam er ihr zuvor, erhob sich und schritt, die Hände über dem Rücken verschränkt, nachdenklich vor ihr auf und ab. Hin und wieder blieb er stehen und betrachtete sie überaus besorgt. „Es ist also wieder passiert“, folgerte er.
„Ja, leider.“
„Und wo dieses Mal?“
„In der alten Linienstraße. Dort habe ich die Nerven verloren und bin weggelaufen.“
„Aber warum? Wir hatten doch vereinbart, dass Sie nicht davonlaufen, sondern sich den Dingen stellen! Warum, um Himmels Willen, tun Sie nicht, was man Ihnen sagt?“
„Ja, ich weiß! Aber ich hatte plötzlich Angst, obgleich ich mir ständig sagte, keinen Grund dafür zu haben. Ich meine, wir sind doch alle Menschen! Geht es Ihnen nicht ebenso, Herr Professor?“
„Um mich geht es hier nicht!“, wehrte er ab. „Sie sind doch nicht etwa wieder in diesem Café gewesen?“
„Doch!“
„Hat Sie das Personal erkannt?“
„Nun ja“, wich sie verlegen aus und senkte den Blick, was ihn nur noch weiter verärgerte.
„Was heißt hier: ‚Nun ja‘? Hat man es mitbekommen oder nicht?“, forderte er eine Antwort.
„Nicht direkt.“
„Tut mir leid, Frau Ritter! Aber wenn die Therapie anschlagen soll, müssen Sie sich an die Abmachungen halten! Widerstehen Sie Ihrem Drang, Ihre Sehnsüchte zu realisieren. Das sind nur unsinnige Verlockungen und somit Prüfstein Ihrer Willensstärke. Sie können sie nur in dem Maße beherrschen, wie Sie sich selber beherrschen. Jedes Nachgeben wäre kontraproduktiv.“
„Das mag wohl sein. Aber ich fürchte bereits, dass er das längst weiß.“
„Das wer was weiß?“
„Er.“
Der Professor zog die Stirn kraus. „Reden Sie nicht solchen Unsinn! Nichts weiß er, weil er gar nichts wissen kann! Sie müssen sich zusammennehmen, Frau Ritter! Es gibt keinen Er und das ein für alle Mal!“
„Meinen Sie wirklich?“
„Ganz bestimmt! Haben Sie Ihre Medikamente genommen?“, fragte er jetzt streng.
„Ja.“
„Bitte öffnen Sie Ihre Bluse. Ich muss Sie untersuchen.“ Der Professor griff zum Stethoskop.
„Untersuchen?“
„Ja, IhreAtmung geht wieder schwer, vermutlich wieder Ihr Stressasthma. Wir müssen aufpassen, dass es nicht chronisch wird.“
„Soll ich mich entkleiden?“
Der Psychiater schaute seine Patientin verdutzt an. „Wozu das denn?“
„Ich weiß es nicht. Aber manchmal spüre ich diesen Zwang.“
„Welchen Zwang? Werden Sie bitte deutlicher!“
„Mich vor einem Mann zu entkleiden“, fuhr sie errötend fort. „Aber er müsste dabei wehrlos sein, am besten gefesselt, damit er gezwungen ist, mich anzusehen. Diese Konzentration seiner Aufmerksamkeit muss doch zu seiner Gier führen, nicht wahr?“
„Nicht unbedingt. Ich befürchte eher das Gegenteil. Wie kommen Sie eigentlich darauf?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß es nicht. Ich fühle nur so. Ist das schon krank?“
„Normal ist es jedenfalls nicht. Denken Sie dabei an jemand Bestimmten?“
„Ja, an meinen Chef.“
„Warum gerade an ihn?“
„Das weiß ich nicht. Er ist so anders, wissen Sie?“
Davon beeindruckt hörte er sie ab, leuchte ihr in den Rachen und betastete routiniert Hals und den Nacken, konnte jedoch keine Auffälligkeiten feststellen.
„Das hatten wir doch schon“, bemerkte er beiläufig. „Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass es vergeblich ist, einen Mann zu lieben, der Ihre Liebe nicht erwidert! Das führt zu Ihrer emotionalen Verwirrung, was wir uns in Ihrem Zustand nicht leisten können.“
Sie überlegte einen Moment, wobei ein leichtes Zucken ihre Lippen umspielte.„Ja, ich weiß! Aber ich kann es nicht abstellen.“
„Das sollten Sie aber. Es hat keinen Sinn, Ihr Verlangen nach ihm zu intensivieren und dabei anderen Dingen keinen mehrRaum zu lassen.“ Der Professor sah der Patientin jetzt tief in die Augen. „Sie sind doch eine attraktive junge Frau! Sie sollten einfach mal ausgehen oder ein gutes Buch lesen. Auch ein längerer Spaziergang an der frischen Luft könnte nicht schaden. Das bringt Sie auf andere Gedanken, dann werden Sie Ihre Verfolgungen bald nicht mehr spüren.“
„Aber wenn es doch so ist?“
„Es ist eben nicht so!“, herrschte er sie an, nahm sich jedoch gleich wieder zusammen. „Welchen Sinn sollte es machen, eine Frau zu verfolgen, von der man nichts will! Ein Stalker verfolgt sein Opfer stets zum Zwecke des Eigennutzes, das heißt, er will es unter seinen Willen zwingen, da er es als sein Eigentum betrachtet. Das kann aber in Ihrem Fall kaum sein!“
„Ich hatte mehrmals versucht, ihn dabei zu ertappen“, fuhr sie jedoch unbeeindruckt fort, als hätte sie gar nicht zugehört. „Es ist mir jedoch bisher noch nicht gelungen. Er ist jedes Mal schneller.“
„Sehen Sie“, der Professor klatschte begeistert in die Hände. „Das erklärt alles. Sie versteigen sich in eine Vision und kollidieren dabei mit der Realität. Sie müssen aber die Realität zulassen, sonst kommen Sieniemals aus diesem Kreislauf heraus … Sie hatten doch sicher schon mal einen Partner?“
„Eigentlich schon, aber nicht wirklich.“
Er sah sie verwundert an. „Wie darf ich das verstehen?“
„Nun ja, es ist nie dazu gekommen, wissen Sie? Der Gustl war zwar ganz patent und sogar beinahe intelligent. Wir waren auch zweimal bei ihm zuhause und er stellte mich seiner Mama vor, einer herzensguten alten Dame, die wunderbare Ringelsöckchen strickte. Er hatte sogar eine Bierdeckelsammlung und war für Halma zu begeistern. Nur war da nichts weiter außer Halma.“
„Verstehe! Und das ist jetzt bei Ihrem Chef anders, obgleich da ebenfalls nichts ist.“
„Er macht einen großen Eindruck auf mich, weshalb mich sein Bild auf Schritt und Tritt verfolgt. Steht er mir dann aber gegenüber, könnte ich ihn erschlagen, schon allein dafür, dass er mich so unverschämt angafft. Es ist mir peinlich, aber auch irgendwie schmeichelnd.Warum müssen Männer immer so gaffen?“
„Was sehen Sie in ihm?“, wich der Professor aus. „Oder was konkret fasziniert Sie an ihm?“
„Das kann ich nicht genau sagen. Es ist einfach seine Art zu reden und sich zu geben, sein Blick und sein Lächeln, eben sein Vermögen, ganz Mann zu sein. Vielleicht ist es meine Ursehnsucht nach … “
„Reden Sie weiter! Was meinen Sie?“
„Es klingt vielleicht albern, wenn ich es so sage, aber ich liebe seine Hände. Sie sind so schlank und zart und jedes Mal, wenn ich sie berühre, beim Morgengruß zum Beispiel, durchschauert mich eine heiße Welle. Manchmal fürchte ich, er könnte es merken, vor allem, wenn mir die Knie weich werden. Doch ich nehme mich immer zusammen.“
„Das ist schon bedenklich“, folgerte der Professor. „Nehmen Sie auch bitte die verschriebenen Medikamente. Ich stelle Ihnen noch ein weiteres Rezept aus und vermeiden Sie unbedingt jeden körperlichen Kontakt und sei es nur die flüchtigste Berührung.“
„Aber wie soll ich das, da ich ihm doch jeden Tag begegne! Er ist mein Vorgesetzter und mir weisungsbefugt.“
„Dann sollten Sie eine Versetzung in Erwägung ziehen. So geht das jedenfalls nicht weiter. Sie ruinieren sich ja.“
„Oh nein!“, intervenierte sie sofort. „Das ist völlig unmöglich! Ich kann dort nicht weg! Es muss eine andere Lösung geben. Verstehen Sie doch, meine Tätigkeit ist mein Leben! Ich kann nicht ein Übel gegen ein anderes tauschen. Ich muss das Problem dort besiegen, wo seine Ursache liegt. Nur so kann ich gesunden. Anderenfalls werde ich daran sterben.“
Der Professor wich erschrocken zurück. „Aber aber, was sind denn das für Reden, Frau Ritter? Sie machen es mir nicht leicht! Sie müssen sich strikt an die Medikation halten und erscheinen bitte weiterhin einmal wöchentlich bei mir zur Kontrolle! Ich weiß ja, dass der Prozess Ihrer Heilung langwierig ist. Sie dürfen nur nicht aufgeben und müssen aufpassen, nicht mit Streichhölzern zu spielen und dabei ein ganzes Haus zu entzünden, wenn Sie verstehen.“
Natürlich verstand sie das. Doch was sollte dieser anmaßende Ton? Erneut fühlte sie sich versucht, ihm den Brieföffner gegen den Kopf zu knallen. Ohne etwas zu erwidern, erhob sie sich und versprach ihm, was er forderte. Der Professor verlor noch einige tröstende Worte und begleitete sie zur Tür, wo er sie dann mit einem unguten Gefühl entließ. Kaum war sie verschwunden, ging er zum Schreibtisch zurück und machte mit sorgenvoller Miene ein paar Notizen in ihre Akte.
****
Es war nicht zu fassen. Aber am nächsten Tag wirkte diese konsternierte Frau wie verwandelt. Als diplomierte wissenschaftliche Assistentin des Amtsrates Dr. Hendrik Willberg im hiesigen Katasteramt zog sie wieder einmal alle Register. Nichts mehr erinnerte an ihre gestrige Entgleisung und sie strotzte nur so vor Energie. Hinzu kam ihre modische Eleganz.
So war ihr seitlich gescheiteltes rötliches Haar sorgfältig gestylt und vermittelte den Eindruck von Exaltiertheit und Selbstwert. Zudem sorgte ein besonderer Conditioner für den nötigen Glanz. Und während ein heller Concealer die beginnenden Schatten unter den Augen wirksam milderte, ergänzte die rahmenlose Designerbrille ihren intellektuellen Touch nahezu perfekt. Lediglich die auffallend spitzen Nägel an den von goldenen Ringen überfrachteten Fingern ließen auf eine krankhafte Manie schließen. Am raffiniertesten jedoch war ihr Kostüm aus grauem Taft, das, hauteng geschnitten, ihre Figur ganz wunderbar betonte. Darin verstand sie vorzüglich zu posieren. Jede Bewegung wirkte wie einstudiert, vor allem, wenn ihr seitlicher Rockschlitz unerlaubt viel Schenkel zeigte, welche zu allem noch in verführerischen Nahtstrümpfen steckten. Abgerundet wurde das Ganze durch einen betörenden Duft nach Amber von Prada, ihrem Lieblingsparfüm, wofür sie regelmäßig ein kleines Vermögen ausgab.
Dabei war sie mit ihrer hochgewachsenen, schlanken Gestalt durchaus nicht unansehnlich. So besaß sie ein längliches Gesicht mit einer leicht vorspringenden Nase, zwei wundervolle blaue Augen, die besonders in emotionalen Momenten äußerst rührselig dreinschauen konnten und einen bezaubernd sinnlichen Mund. Lediglich die zu flache Brust und das etwas zu kräftige Kinn milderten ihren Sexappeal.
Eigentlich hätte sie mit sich ganz zufrieden sein können und mit etwas mehr Charme wäre ihre jahrelange Einsamkeit sicher längst beendet gewesen. Und doch galt die beabsichtigte Wirkung weniger einem Mann als vielmehr einer Frau, welche – und das schien paradox – ihr weder würdig noch gewachsen schien. Unter normalen Umständen hätte sie diese zweifellos ausgestochen. Aber aufgrund der momentanen beruflichen Konstellation war das kaum möglich.
Handelte es sich doch um niemand anderen als die Vorzimmerdame ihres gemeinsamen Chefs – eine aufgedonnerte Blondine mit dem albernen Kürzel ‚Mako‘ - für Maren Kosinski. Als Abteilungsliebling nahm sie sich so manches heraus, was puren Frechheiten gleichkam. Diese beschränkten sich nicht nur auf einen schnodderigen Ton oder aufdringliche Koketterien. Es waren vor allem die ständigen Diffamierungen und verbalen Attacken, womit sie ihre Autorität als Assistentin des Doktors untergrub. Schon deshalb herrschte zwischen ihnen schon seit langem so etwas wie ein Zickenkrieg, sehr zum Amüsement der männlichen Kollegen. Aber mit Eigenschaften wie vorlaut, flippig, mannstoll und maßlos von sich eingenommen, repräsentierte diese Kosinski so ungefähr alles, was eine Frau ihrer Meinung nach nicht sein sollte. Nur sah das niemand.
Vielmehr verstand sie mit ihren Modelmaßen und dem kirschrotem Schmollmund nicht nur ihr Spatzenhirn zu verdecken, sondern auch gewisse Mannesregungen zu entfachen - vor allem die des gemeinsamen Chefs. Dabei hatte der sich anfangs noch gesträubt. Doch spätestens nach dem ersten Augenzwinkern, verbunden mit einer zweideutigen Bemerkung, begann er zu schwächeln.
Aber ehrlich gesagt, befand er sich schon seit langem in der Rolle eines willenlosen Trottels, der ihr aus der Hand fraß. Dabei war diese Mako genau genommen nichts weiter als eine gewöhnliche Tippse, welche Post machte, ihm Kaffee kochte und sich die Nägel feilte. Nicht genug, dass es ihr an fachlicher Qualifikation mangelte - sie war mit ihren gerade mal Mitte zwanzig auch bereits Mutter eines Kleinkindes, natürlich ledig, bis über die Ohren verschuldet und total abgebrüht. Der Kindesvater soll ein Trunkenbold gewesen sein, der sie verprügelte und sogar schon mal auf den Strich geschickt habe. Selbst ein Frauenhaus war ihr nicht unbekannt, wie einigen ihrer Bemerkungen zu entnehmen war. Alimente zahlte er offenbar keine, so dass die junge Mutter auf staatliche Hilfe angewiesen war. Das erzählte sie auch noch überall herum, um bedauert zu werden.
Doch erstaunlicherweise störte das niemandem, am wenigsten den Doktor, obgleich er normalerweise ein von Sachlichkeit und strengen Prinzipien geprägter Mann war. Und doch vergaß er das sehr schnell, sobald es seine Mako wieder mal darauf anlegte. Als man beispielsweise neulich im Rahmen eines wichtigen Gesprächs zusammensaß und nach einer Problemlösung suchte, starrte er ihr während des Kaffeeservierens derart in den Ausschnitt, dass es sogar der sonst so trägen Kollegin Kern aus der Nachbarabteilung auffiel. Darüber entsetzt, warf sie ihm einen empörten Blick zu, was er aber in seiner Gedankenverlorenheit nicht mal mitbekam. In der Tat fehlte nicht viel und er hätte ihr vor versammelter Runde auch noch auf den Hintern geklapst, so vernarrt schien er in sie zu sein.
Was fand er nur an dieser Schlampe? Etwa dieses billige Flitterspray im Haar oder das Piercing an der Lippe? Lächerlich! Ebenso zeigte das ihren ganzen linken Arm bedeckende Tattoo ihre Abgeschmacktheit, vornehmlich, wenn sie ihr verboten knappes Top mit den Spaghettiträgern trug. Am schlimmsten aber war ihre Frisur. Wie konnte man sich nur so entstellen! Während die ganze linke Seite weit ausrasiert war, baumelte das übrige Haupthaar in stumpfen abgebrochenen, mit irgendwelchem Gel versteiften Strähnen ständig wild durcheinander und erinnerte an einen explodierenden Wellensittich. Das war weder hipp noch trendy, sondern einfach nur peinlich.
Daraus blieb nur zu folgern, dass dieser hochgestochene Analytiker und wohlkalkulierende Übermensch gar nicht so hochgestochen war. Vielmehr entpuppte er sich als armseliges Würstchen, sobald ihm das Hirn unter die Gürtellinie glitt. Dabei hatte seine Assistentin doch wesentlich mehr zu bieten. Nur sah er das nicht. Selbst als er neulich infolge eines flüchtigen Zusammenstoßes ihre Brust berührte und damit eine heiße Welle in ihr auslöste, zeigte er sich eher erschrocken.
Die Sache war die, dass sie, vor einem Regal stehend, an ihm vorbei musste, indes er aufgrund Platzmangels noch höflich sein Jackett gegen den Bauch drückte. Im Moment ihres Passierens aber blieb ihr Hacken so unglücklich an einer Linoleumkante hängen, dass sie beinahe gefallen wäre. Glücklicherweise fing er sie auf, wobei es dann zu dieser Berührung kam und sie sich darüber ganz pikiert gab. Dabei wollte ihr scheinen, als währte seine Hilfe länger als nötig. Natürlich konnte das auch trügen, zumal er sich auch sofort entschuldigte. Und doch plagte sie seither die Ungewissheit. Die Folge waren mehrere schlaflose Nächte mit der quälenden Frage, was wohl geschehen wäre, hätte sie ihm in diesem Augenblick statt Ablehnung ein Wohlgefallen signalisiert.
Es blieb unbegreiflich, aber obwohl Carola wusste, dass ihr Schatz (wie sie ihn insgeheim längst nannte) verheiratet war und neben zwei Kindern noch diese Geliebte besaß, konnte sie ihre Gefühle für ihn nicht abstellen. Ihr Verlangen nach ihm führte zu einer geradezu schmerzhaften Sehnsucht, die nicht selten in überaus bizarren Träumen endete, deren Inhalt sie niemandem gestehen konnte.
Das war ja auch kein Wunder, denn nach ihrer letzten großen Enttäuschung vor nunmehr gut zehn Jahren mit einem völlig ungeeigneten Mann, musste ihr dieser Doktor mit seinem resoluten Auftreten und der geschliffenen Kasuistik wie ein Ideal erscheinen. Zudem entsprach er mit seinem Gardemaß von 190 cm, der schlanken Gestalt und den fein geschnittenen Zügen durchaus dem Sinnbild der Männlichkeit schlechthin, auch wenn seine Stirnecken bereits weite Schneisen aufwiesen und zahllose Fältchen sein fortgeschrittenes Alter verrieten. Aber womöglich war es gerade das, was sein Charisma ausmachte. Allein sein Lächeln vermochte in ihr ein Feuerwerk zu entfachen und jeder noch so flüchtige Körperkontakt einen Schauer.
Wie wundervoll hätte doch alles sein können ohne dieses verdammte Miststück! Es war zum Auswachsen! Wie vermochte er seinen Arbeitstag so oft zu verlängern, ohne sich die geringsten Gedanken ob der Glaubhaftigkeit der Ausflüchte gegenüber seiner Frau zu machen? Vor allem aber, wie konnte er so naiv sein, nicht zu sehen, was um ihn herum geschah? Ständig scharwenzelte dieser widerliche Lucas Hövelmann aus der Nachbarabteilung um ‚seine Mako‘ herum und selbst dessen Chef nannte sie mitunter sein ‚süßes Schneckchen‘. Verwunderte ihn nicht, wieso dieser Trottel von Systemtechniker auffallend lange unter ihrem Tisch hockte und an ihrem Tower nach einer Problemlösung suchte, während sie Solitär spielend die Beine auffallend weit auseinander stellte?
Das war doch alles offensichtlich! Nein, er konnte diese Tusse nicht lieben, das war unmöglich und allein nur ihren körperlichen Reizen zu verfallen, erschien kaum wahrscheinlich. Es musste etwas anderes geben, was ihn an seinem ‚Hasenfratz‘, wie er sie albernerweise nannte, faszinierte. Und während er nicht müde wurde, ihr neue Kosenamen zu geben, blieb sie für ihn Kollegin Ritter, die unscheinbare Assistentin, mit der man hin und wieder ein nüchtern-sachliches Gespräch führt. Das war schon sehr ernüchternd. Kein Wunder, dass ihr Hass auf ihre Rivalin wuchs und sich bald in allerlei absurden Phantasien entlud.
Wie wäre es mit einem kleinen Unfall? In der Tat hatte Carola schon darüber nachgedacht und einen Stoß in den Rücken kurz vor der einfahrenden U-Bahn in Erwägung gezogen. So aus dem Gedränge heraus könnte es unbemerkt bleiben. Ebenso wäre die Verabreichung eines gewissen Medikamentes denkbar, das über einen längeren Zeitraum schlimme Folgen bewirkt. Darin kannte sie sich aus, nicht zuletzt aufgrund der eigenen Medikamentensucht. Doch immer wieder zögerte sie, zumal es auch hoffnungsvolle Zeichen gab.
Denn während er sich in Makos Beisein niemals verstimmt zeigte, änderte sich das bei ihrer Abwesenheit. Dann wurde er manchmal ganz melancholisch und redete sogar mit einem gewissen Respekt von seiner Frau, als bedauere er, ihr so etwas anzutun. Schon deshalb fühlte sich Carola versucht, ihm endlich die Augen zu öffnen, mit welchem Früchtchen er sich umgab.
Und eine solche Gelegenheit ergab sich tatsächlich bald. Wie es der Zufall wollte, gab es an diesem Tag ein wichtiges Projekt zu besprechen. Bereits zwei geschlagene Stunden saßen sie beide am Versammlungstisch und grübelten über Lösungswege. Es war aber auch wie verhext. Alles, was der Doktor vorschlug, wurde von ihr offenbar schon aus Prinzip abgeschmettert, ohne dass sie selbst eine gangbare Lösung aufzeigte. Das begann ihn zunehmend zu reizen, zumal das dafür vorgesehene Zeitbudget längst überschritten war.
Da platzte ihm der Kragen. „Tut mir leid, aber ich verstehe Sie nicht, Frau Ritter! Diese Antwort war wieder einmal typisch! Warum sagen Sie ja, wenn Ihre Antwort doch nein bedeutet?“
Die Angesprochene sah ihn erschrocken an und meinte für einen Moment, irgendeine Finte zu wittern. Dann aber erwiderte sie gelassen, wenn man Diskussionen von vornherein auf ihr Ergebnis beschränke, kämen sie wohl kaum zustande.
„Das ist nicht die Frage! Nur muss man das Ergebnis auch zulassen! Aber diesen Eindruck habe ich bei Ihnen leider nicht!“, intervenierte ihr Chef, der nicht mochte, wenn man ihm in Grundsatzdingen widersprach.
„Ich kann Ihnen nur versichern, dass ich meine Überlegungen nach rein sachlichen Aspekten abwäge. Im Übrigen, wo wir gerade dabei sind – ich finde dieses alberne ‚Sie‘ und ‚Frau Ritter‘, nach all der Zeit, die wir uns kennen, unangebracht.“
Er sah sie verdutzt an. „Wie kommen Sie denn darauf?“
„Ich stelle das nur mal fest, nachdem mir in letzter Zeit so einiges durch den Kopf gegangen ist.“
„Durch den Kopf gegangen? Was meinen Sie?“
„Darf ich offen reden, Herr Doktor?“
„Aber natürlich! Ich bitte darum!“ Seine Empörung wich zunehmend echter Verwunderung.
„Ich finde, Sie schenken Frau Kosinski zu viel Aufmerksamkeit und das ist nicht gut für Sie und vor allem das Arbeitsklima.“
„So so, finden Sie das?“ Sein Ton wurde sofort wieder zynisch. „Und deshalb bieten Sie mir das Du an? Wie soll ich das verstehen?“
„So, wie ich es sage! Sehen Sie mich doch endlich als gute Freundin an und nicht als ewige Assistentin. Es kränkt mich.“
„Ja aber, und überhaupt“. Er kam ins Stammeln und wusste für einen Moment nichts zu erwidern. Dann aber schaute er beinahe erheitert drein. „Nun ja, Carola wäre schon einfacher“, kicherte er, wobei man ihm sein Unbehagen ansah. „Aber das ist völlig unmöglich! Man könnte ja sonst etwas denken! Deshalb sollten wir es beim Sie belassen.“
„Interessant, wie Sie das sagen und dabei nicht einmal erröten. Mit ihr da draußen haben Sie offenbar nicht so ein Problem.“ Sie wies mit dem Kinn in Richtung Vorzimmer.
Der Doktor fühlte sich unangenehm berührt. Was erlaubte sie sich eigentlich? Und doch wagte er keinen Einwand. Vielmehr überging er diesen Lapsus mit der Bemerkung, dass dies jetzt nicht das Thema sei. Vielmehr erwarte er bei Sachgesprächen etwas mehr Selbstdisziplin und Zielorientierung.
„Oh ja, vor allem Zielorientierung“, stichelte Carola weiter und deutete mit einem vielsagenden Kopfnicken zu jener Ecke hin, wo sie ihn neulich mit seiner Mako erwischt hatte. An diesem Tag war sie unangekündigt ins Zimmer geplatzt und hatte diese kleine Schlampe vor ihm stehend vorgefunden. Diese rückte gerade ihren Rock zurecht, während er sich, auf dem Stuhl sitzend, die Hose zuknöpfte. Gott, war ihm das peinlich, hingegen dieses Luder nur schamlos grinste. Auch wenn die Hereintretende so tat, als hätte sie nichts bemerkt, tat es dennoch weh.
„Ich glaube, es ist besser, wenn wir das Gespräch ein anderes Mal fortsetzen“, blockte der Doktor peinlich berührt ab, setzte sich an seinen Schreibtisch und widmete sich wieder seinen Akten.
„Ja, natürlich! Es ist ja angenehmer, solche Peinlichkeiten zu vermeiden, nicht wahr? Doch sie werden dadurch nicht besser, im Gegenteil!“
„Ich muss doch sehr bitten, Frau Ritter! Das sind Dinge, die Sie nun wirklich nichts angehen!“
‚Schwein‘ dachte Carola und hätte ihm am liebsten eine geknallt. Was lag ihr jetzt nicht alles auf der Zunge. Und hätte er noch ein Wort gesagt, sie hätte sich vergessen. Er schien das auch zu ahnen, denn er vertiefte sich auffallend schnell in seine Unterlagen. Was blieb ihr, als verbittert den Raum zu verlassen und die Tür hinter sich zuzuknallen? Im Vorzimmer wäre sie beinahe noch mit seiner Gespielin kollidiert, die unmittelbar hinter der Tür in einer Akte wühlte. Natürlich hatte sie gelauscht und freute sich nun diebisch über diese Abfuhr. Carola würdigte sie keines Blickes.
Kaum wieder in ihrem Zimmer, musste sie durchatmen. Dieser Mann war nichts weiter als eine Null, dessen blendende Fassade einen faulen Kern umhüllte! Dabei war er früher ganz anders gewesen. Sie war überzeugt, dass ihn erst Makos Einfluss ruiniert und zur Lachnummer hatte verkommen lassen. Begriff er denn nicht, was sie aus ihm machte? War er wirklich so schwach, sich dagegen zu wehren?
Sie stürzte auf die Toilette und musste sich übergeben. Dort saß sie eine ganze Weile zusammengekauert und heulte Rotz und Wasser. Kaum aber war diese Schwäche vorüber, beschloss sie, ihren schon lange gefassten Plan endlich in die Tat umzusetzen. Dabei rang sie noch sehr mit sich und war so verwirrt, dass sie die beabsichtigte Botschaft in Textform verfassen musste, um sie im Bedarfsfall auch flüssig abzurufen. Immer wieder formulierte sie diese Zeilen, korrigierte, verwarf und schrieb am Ende neu, denn es hing viel davon ab. In jedem Fall aber musste es glaubhaft klingen.
Aber da war noch das quälende Gefühl der Denunziation. Nicht abzusehen die Folgen, wenn er dahinter käme. Dennoch ließen ihr Zorn und Hass keine Wahl. Zuvor aber musste sie sich unbedingt vergewissern, ob es heute auch tatsächlich dazu käme. Dafür genügte es jedoch nicht, nur nachzuschauen, ob sein Wagen noch vor der Tür stand. Nein, sie musste es mit eigenen Augen sehen.
Also blieb Carola an diesem Tag ebenfalls länger. Nachdem bald alle Mitarbeiter das Gebäude verlassen hatten und sein Wagen noch immer auf dem Parkplatz stand, schlich sie durch den Flur zu seiner Bürotür hin, wo sie sogleich lauschte. Doch zu ihrem Kummer war alles still. Nun hätte man meinen können, sie habe seinen Fortgang vielleicht verpasst, wären nicht eindeutig am Dienstterminal die noch offenen Auscheckzeiten von ihm und natürlich der Kosinski zu erkennen. Die Sache war also klar.
Nur, wo steckten sie? Von der anderen Flurseite her, von wo aus ein Blick zu den beiden Fenstern des Chefbüros möglich war, konnte man keinerlei Licht erkennen. Nicht mal der Bildschirmschoner flimmerte. Folglich weilte er nicht im Zimmer und konnte überall sein. Aber ohne eindeutigen Beweis war ihr Vorhaben unmöglich.
Inmitten ihres ganzen Durcheinanders überkam sie plötzlich ein seltsames Gefühl, eigentlich mehr ein Ziehen in der Magengegend als Vorbote sich steigernder Übelkeit. Warum es gerade beim Gedanken an den Duschraum entstand, blieb ihr rätselhaft. Von einer sonderbaren Vorahnung getrieben, schlich sie jetzt in Richtung der Umkleideräume. Oh wie klopfte ihr Herz bei der Annäherung an den Waschraum! Sollte er wirklich so viel Instinktlosigkeit besitzen? Und tatsächlich! Kaum durch die Tür getreten, prallte sie förmlich zurück. Das durfte doch nicht wahr sein! Unter der Dusche also! Das wurde ja immer schöner! Zwar waren ihre nackten Körper von einem heißen Dampfschleier umhüllt, so dass nur Schemen zu erkennen waren - doch war es eindeutig. Wie Amor hielt er seine Venus von hinten umschlungen und koitierte mit ihr im Stehen.
