Die Magie von Oz - Die Oz-Bücher Band 13 - L. Frank Baum - E-Book

Die Magie von Oz - Die Oz-Bücher Band 13 E-Book

L. Frank Baum

0,0

Beschreibung

Im 13. Band der Oz-Reihe - Die Magie von Oz - freundet sich der rachedurstige Gnomenkönig mit dem jungen Kiki Aru an, der verbotenerweise einen Verwandlungszauber gelernt hat. Gemeinsam wollen sie das Land von Oz erobern! Indessen machen sich Ozmas Freunde auf den Weg, um besondere Geschenke für den baldigen Geburtstag der jungen Herrscherin zu besorgen. Trot und Käpt'n Bill haben sich dabei unwissentlich ein sehr gefährliches Geschenk ausgesucht: Die begehrte Zauberblume befindet sich auf einer verzauberten Insel, und als die beiden Freunde sie betreten, geraten sie in eine äußerst missliche Lage. Aus ihrer Not kann sie nur der Zauberer von Oz befreien - und der hat derweil mit ganz anderen Problemen zu kämpfen ... Empfohlenes Alter: 5 bis 10 Jahre. Große Schrift, auch für Leseanfänger geeignet.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 195

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Die Magie von Oz

Eine getreue Aufzeichnung der bemerkenswerten Abenteuer,

welche Dorothy, Trot und der Zauberer von Oz,

gemeinsam mit dem Feigen Löwen, dem Hungrigen Tiger

und Käpt’n Bill,

bei ihrer erfolgreichen Suche nach einem magischen

und schönes Geburtstagsgeschenk für

Prinzessin Ozma von Oz

erlebten.

Nach dem Text der amerikanischen Erstausgabe von

„ The Magic of Oz” (1919)

übersetzt von Maria Weber.

Inhalt.

An meine Leser.

Kapitel 1: Der Munch-Berg.

Kapitel 2: Der Falke.

Kapitel 3: Zwei Bösewichte.

Kapitel 4: Verschwörer.

Kapitel 5: Ein glücklicher Winkel von Oz.

Kapitel 6: Ozmas Geburtstagsgeschenke.

Kapitel 7: Der Wald von Gugu.

Kapitel 8: Die Aff-Lö-Sel stiften Unruhe.

Kapitel 9: Die Insel der Zauberblume.

Kapitel 10: Auf der Insel gefangen.

Kapitel 11: Die Tiere des Waldes von Gugu.

Kapitel 12: Kiki macht Gebrauch von seiner Magie.

Kapitel 13: Der Verlust der schwarzen Tasche.

Kapitel 14: Der Zauberer erfährt das Zauberwort.

Kapitel 15: Die Einsame Ente.

Kapitel 16: Die Glaskatze findet die schwarze Tasche.

Kapitel 17: Eine außergewöhnliche Reise.

Kapitel 18: Die Magie des Zauberers.

Kapitel 19: Dorothy und die Hummeln.

Kapitel 20: Die Affen haben Schwierigkeiten.

Kapitel 21: Die Akademie für Athletische Künste.

Kapitel 22: Ozmas Geburtstagsfest.

Kapitel 23: Der Brunnen des Vergessens.

An meine Leser.

SELTSAMERWEISE finden wir in den Ereignissen, die in den letzten Jahren in unserer „großen Außenwelt“ stattgefunden haben, so wundersame und inspirierende Vorfälle, daß ich nicht hoffen kann, sie mit den Geschichten über das Land von Oz zu übertreffen.

„Die Magie von Oz“ ist jedoch wirklich merkwürdiger und ungewöhnlicher als alles, was ich in den vergangenen aufregenden Jahren auf unserer Seite der Großen Sandigen Wüste, die uns vom Land von Oz trennt, gelesen oder gehört habe, daher hoffe ich, daß es euch zusagen wird.

Eine lange und einschränkende Krankheit hat mich davon abgehalten, all die schönen Briefe, die mir geschickt wurden, zu beantworten – es sei denn, Briefmarken wurden beigefügt –, aber ich hoffe, mich von nun an jedem Brief, mit dem meine Leser mich beehren, sofort widmen zu können.

Ich versichere euch, daß meine Zuneigung für euch niemals ins Wanken geraten ist, und verbleibe in der Hoffnung, daß euch die Oz-Bücher weiterhin Freude bereiten werden, solange ich in der Lage bin, sie zu schreiben,

Mit freundlichen Grüßen

L. FRANK BAUM.

„Königlicher Historiker von Oz.“

„Ozcot“

bei Hollywood in Kalifornien

1919.

Kapitel 1.

Der Munch-Berg.

AM östlichen Rand des Landes von Oz, im Munchkin-Land, befindet sich ein großer Hügel namens Munch-Berg. Auf der einen Seite grenzt dieser Hügel an die Tödliche Sandige Wüste, die das Märchenland von Oz vom Rest der Welt trennt, auf der anderen Seite an das schöne, fruchtbare Land der Munchkins.

Die Munchkins halten sich jedoch vom Munch-Berg fern und wissen sehr wenig darüber; denn nach etwa einem Drittel des Aufstiegs sind die Hänge zu steil, um sie zu erklimmen, und falls irgendein Volk auf der Spitze des hoch aufragenden Gipfels lebt, der beinahe bis zum Himmel reicht, sind die Munchkins sich dieser Tatsache nicht bewußt.

Aber es leben nichtsdestotrotz Leute dort. Der Gipfel des Munch-Berges ist wie eine breite und tiefe Untertasse geformt, und in der Untertasse befinden sich Felder, auf denen Getreide und Gemüse wachsen, Viehherden grasen, Bäche fließen und Bäume alles Mögliche hervorbringen. Hier und da gibt es Häuser, von denen jedes von einer Familie von Hochobnern bewohnt wird, wie die Leute sich nennen. Die Hochobner steigen selten den Berg hinab, aus demselben Grund, aus dem die Munchkins niemals hinaufklettern: Die Hänge sind zu steil.

In einem der Häuser lebte ein weiser alter Hochobner namens Bini Aru, der ein kluger Zauberer war. Aber Ozma von Oz, die alle im Land von Oz regiert, hatte ein Dekret erlassen, daß niemand in ihrem Reich Magie üben sollte außer Glinda der Guten und dem Zauberer von Oz, und als Glinda den Hochobnern diese königliche Anordnung von einem ausdauernden Adler überbringen ließ, hörte der alte Bini Aru sofort damit auf, magische Künste zu praktizieren. Er zerstörte viele seiner magischen Pulver und Zaubereiwerkzeuge und war fortan äußerst gesetzestreu. Er hatte Ozma noch nie gesehen, aber er wußte, daß sie seine Herrscherin war und daß ihr gehorcht werden mußte.

Es gab nur eine Sache, die ihn betrübte. Er hatte eine neue und geheime Methode zur Veränderung der Gestalt entdeckt, die keinem anderen Zauberer bekannt war. Glinda die Gute kannte sie nicht, und ebensowenig der kleine Zauberer von Oz, Dr. Pipt, die alte Mombi oder sonst irgend jemand, der sich mit magischen Künsten beschäftigte. Es war Bini Arus Geheimnis. Mit seiner Methode war es das Einfachste auf der Welt, jemanden in ein Tier, einen Vogel, einen Fisch oder irgend etwas anderes und wieder zurück zu verwandeln, sobald man wußte, wie man das geheimnisvolle Wort „Pyrzqxgl“ auszusprechen hatte.

Bini Aru hatte dieses Geheimnis viele Male benutzt, jedoch nicht, um anderen etwas Böses oder ein Leid zuzufügen. Wenn er weit von zu Hause fortgewandert war und hungrig wurde, sagte er: „Ich möchte eine Kuh werden – Pyrzqxgl!“ Sogleich wurde er zu einer Kuh, und dann aß er Gras und konnte seinen Hunger stillen. Alle Tiere und Vögel im Land von Oz können sprechen, so daß er als Kuh, wenn er nicht mehr hungrig war, sagen konnte: „Ich möchte wieder Bini Aru sein: Pyrzqxgl!“, und das Zauberwort, richtig ausgesprochen, verwandelte ihn sofort wieder in seine richtige Gestalt.

Nun würde ich es natürlich nicht wagen, dieses magische Wort so deutlich aufzuschreiben, wenn ich glaubte, meine Leser würden es richtig aussprechen und dadurch in der Lage sein, sich und andere zu verwandeln; denn es ist eine Tatsache, daß niemand auf der ganzen Welt außer Bini Aru jemals (bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese Geschichte beginnt) „Pyrzqxgl!“, auf die richtige Weise aussprechen konnte. Daher glaube ich, daß es ungefährlich ist, es euch zu offenbaren. Es könnte jedoch besser sein, beim lauten Lesen dieser Geschichte darauf zu achten, Pyrzqxgl nicht auf die richtige Art und Weise auszusprechen, um jegliche Gefahr zu vermeiden, daß das Geheimnis Unheil anrichten kann.

Bini Aru, der das Geheimnis der sofortigen Verwandlung entdeckt hatte, die keinerlei Werkzeuge oder Pulver oder andere Mixturen oder Kräuter benötigte und immer einwandfrei funktionierte, gefiel es nicht, eine solch wunderbare Entdeckung gemacht zu haben, die allen anderen völlig unbekannt war. Er entschied, den Zauber nicht noch einmal zu verwenden, da Ozma ihm dies verboten hatte, aber er überlegte, da Ozma ein Mädchen war, daß sie eines Tages ihre Meinung ändern und ihren Untertanen erlauben könnte, Magie zu praktizieren. In diesem Fall könnte Bini Aru sich und andere erneut nach Belieben verwandeln – vorausgesetzt natürlich, er vergaß in der Zwischenzeit nicht, wie man Pyrzqxgl aussprechen mußte.

Nachdem er die Angelegenheit gründlich durchdacht hatte, beschloß er, das Wort und wie es ausgesprochen werden sollte, an einem geheimen Ort niederzuschreiben, so daß er es nach vielen Jahren finden könnte, wo es aber niemand sonst finden würde.

Das war eine kluge Idee, aber es bereitete dem alten Zauberer große Mühe, einen geheimen Ort zu finden. Er wanderte durch die ganze Mulde auf dem Gipfel des Munch-Berges, fand aber keinen Ort, an dem er das geheime Wort niederschreiben konnte, und wo es unwahrscheinlich war, daß andere darüber stolpern würden. Schließlich entschied er, daß es irgendwo in seinem eigenen Haus aufgeschrieben werden mußte.

Bini Aru hatte eine Frau namens Mopsi Aru, die für ihre köstlichen Heidelbeerkuchen berühmt war, und er hatte einen Sohn namens Kiki Aru, der überhaupt nicht berühmt war. Er wurde als mißgelaunt und griesgrämig empfunden, weil er nicht glücklich war, und er war nicht glücklich, weil er den Berg hinuntersteigen und die große Welt unter sich besuchen wollte, und sein Vater es ihm nicht erlaubte. Aber niemand schenkte Kiki Aru Beachtung, weil er ohnehin nichts bedeutete.

Einmal im Jahr wurde auf dem Munch-Berg ein Fest veranstaltet, an dem alle Hochobner teilnahmen. Es wurde in der Mitte des untertassenförmigen Landes abgehalten, und der Tag wurde mit Schlemmen und Feiern verbracht. Die jungen Leute tanzten und sangen Lieder, die Frauen beluden die Tische mit köstlichen Speisen, die Männer spielten auf Musikinstrumenten und erzählten Geschichten.

Kiki Aru ging normalerweise mit seinen Eltern zu diesen Festen und saß dann mürrisch außerhalb des Kreises und tanzte oder sang nicht oder sprach auch nur mit den anderen jungen Leuten. Das Fest machte ihn also nicht glücklicher, als er es an anderen Tagen war, und diesmal sagte er Bini Aru und Mopsi Aru, daß er sie nicht begleiten würde. Er wolle lieber zu Hause bleiben und ganz alleine unglücklich sein, sagte er, und so ließen sie ihn gerne zu Hause zurück.

Nachdem er jedoch allein war, beschloß Kiki, das Privatzimmer seines Vaters zu betreten, was ihm untersagt war, und zu sehen, ob er irgendwelche Zaubereigerätschaften finden konnte, mit denen Bini Aru arbeitete, als er noch Zauberei praktizierte. Als er hineinging, stieß Kiki mit seinem Zeh gegen eine der Bodendielen. Er suchte überall, fand aber keine Spur von der Magie seines Vaters. Alles war zerstört worden.

Zutiefst enttäuscht wollte er eben wieder den Raum verlassen, als er seinen Zeh an der gleichen Bodendiele anstieß. Dies brachte ihn zum Nachdenken. Bei näherer Betrachtung des Dielenbretts stellte Kiki fest, daß es herausgestemmt und dann wieder befestigt worden war, so daß es etwas über die anderen Dielen hinausstand. Aber weshalb hatte sein Vater das Brett herausgestemmt? Hatte er einige Zaubereigerätschaften unter dem Boden versteckt?

Kiki holte einen Meißel und stemmte die Diele hoch, fand aber nichts darunter. Er wollte sie gerade wieder befestigen, als sie ihm aus der Hand rutschte und sich dabei drehte, und er sah, daß etwas auf die Unterseite des Brettes geschrieben worden war. Das Licht war ziemlich trüb, also trug er das Brett zum Fenster und untersuchte es. Er stellte fest, daß der Text genau beschrieb, wie man das Zauberwort Pyrzqxgl aussprechen mußte, das jeden sogleich in jegliche Gestalt und wieder zurück verwandeln würde, wenn das Wort ausgesprochen werden würde.

Nun erkannte Kiki Aru zunächst nicht, was für ein wunderbares Geheimnis er entdeckt hatte. Aber er dachte, es könnte für ihn von Nutzen sein, und so nahm er ein Stück Papier und erstellte eine genaue Kopie der Anweisungen zum Aussprechen von Pyrzqxgl. Dann faltete er das Papier zusammen, steckte es in die Tasche und befestigte das Brett wieder so auf dem Boden, daß niemand Verdacht schöpfen könnte, daß es entfernt worden war.

Danach ging Kiki in den Garten und studierte unter einem Baum sitzend sorgfältig den Text. Er wollte schon immer vom Munch-Berg weg und die große Welt – insbesondere aber das Land von Oz – besuchen, und nun kam ihm der Gedanke, daß er, wenn er sich in einen Vogel verwandeln könnte, an jeden Ort fliegen könnte, zu dem er gehen wollte, und wieder zurückfliegen könnte, wann immer er dies wünschte. Es war jedoch notwendig, die richtige Aussprache des Zauberwortes gründlich auswendig zu lernen, denn ein Vogel könnte keinen Zettel mit sich zu führen, und Kiki würde nicht in der Lage sein, seine wahre Gestalt wiederanzunehmen, wenn er das Wort oder dessen Aussprache vergessen hätte.

Also studierte er die Anweisungen gründlich und wiederholte sie hundertmal in seinem Kopf, bis er sicher war, daß er sie nicht vergessen würde. Aber um auf Nummer sicher zu gehen, legte er das Papier in einer Blechdose in einen vernachlässigten Teil des Gartens und bedeckte die Kiste mit kleinen Steinen.

Zu dieser Zeit war der Tag bereits weit fortgeschritten und Kiki wollte seine erste Verwandlung versuchen, bevor seine Eltern von dem Fest zurückkehrten. Also stellte er sich auf die Veranda und sagte:

„Ich möchte ein großer, starker Vogel werden, wie ein Falke – Pyrzqxgl!“ Er sprach es auf die richtige Weise aus, so daß er im Nu fühlte, daß er in eine andere Gestalt verwandelt war. Er flatterte mit den Flügeln, hüpfte auf das Geländer der Veranda und rief: „Kawu! Kawu!“

Dann lachte er und sagte halblaut: „Ich schätze, das ist der seltsame Laut, den diese Art Vogel macht. Aber jetzt will ich meine Flügel versuchen und sehen, ob ich stark genug bin, um über die Wüste zu fliegen.“

Denn er hatte beschlossen, seine erste Reise in das Land außerhalb von Oz zu unternehmen. Er hatte den Verwandlungszauber gestohlen und wußte, daß er gegen das Gesetz von Oz gehandelt hatte, indem er Zauberei praktiziert hatte. Vielleicht würden Glinda oder der Zauberer von Oz ihn entdecken und bestrafen, so daß es klug sein würde, sich von Oz gänzlich fernzuhalten.

Langsam erhob sich Kiki in die Luft und schwebte auf seinen breiten Schwingen in anmutigen Kreisen über dem untertassenförmigen Berggipfel. Von seiner Position aus konnte er weit in der Ferne, jenseits der brennenden Sande der Tödlichen Wüste, ein anderes Land sehen, das möglicherweise angenehm zu erforschen wäre, und so wendete er sich nach dieser Richtung und begann den langen Flug mit kräftigen Flügelschlägen.

Kapitel 2.

Der Falke.

SOGAR ein Falke muß hoch fliegen, um die Tödliche Wüste zu überqueren, aus der ständig giftige Dämpfe aufsteigen. Kiki Aru war übel und schwindelig, als er wieder gutes Land erreichte, denn er konnte sich den Auswirkungen der Gifte nicht ganz entziehen. Aber die frische Luft stellte ihn bald wieder her und er flog in eine ausgedehnte Hochebene herab, die Hochland genannt wird. Gleich dahinter befindet sich ein Tal, das als Unterland bekannt ist. Diese beiden Länder werden von einem Pfefferkuchenmann namens Hans Teig regiert, dessen Premierminister Chick der Cherub ist. Der Falke blieb nur lange genug hier, um sich auszuruhen. Dann flog er nach Norden und passierte ein schönes Land namens Merryland, das von einer schönen Wachspuppe beherrscht wird. Dann folgte er dem Rand der Wüste nach Norden und ließ sich im Königreich Noland auf einem Baumwipfel nieder.

Kiki war zu dieser Zeit müde und die Sonne ging jetzt unter, also beschloß er, bis zum Morgen dort zu bleiben. Von seinem Baumwipfel aus konnte er ein Haus in der Nähe sehen, das sehr einladend aussah. Ein Mann melkte im Hof eine Kuh, und eine hübsche Frau kam zur Tür und rief ihn zum Abendessen.

Das brachte Kiki dazu, sich zu fragen, welche Art von Nahrung Falken aßen. Er war hungrig, wußte aber nicht, was er essen sollte oder wie er es sich beschaffen könnte. Er dachte auch, daß ein Bett bequemer zum Schlafen wäre als ein Baumwipfel, also hüpfte er zu Boden und sagte: „Ich möchte wieder Kiki Aru werden – Pyrzqxgl!“

Sogleich hatte er wieder seine natürliche Gestalt angenommen, ging zum Haus, klopfte an die Tür und bat um etwas zu essen.

„Wer bist du?“, fragte der Mann des Hauses.

„Ein Fremder aus dem Land von Oz“, antwortete Kiki Aru.

„Dann bist du herzlich willkommen“, sagte der Mann.

Kiki bekam ein gutes Abendessen und ein gutes Bett, und er war auch sehr artig, obschon er sich weigerte, alle Fragen zu beantworten, die die guten Leute von Noland ihm stellten. Da der junge Mann aus seinem Zuhause entflohen war und einen Weg gefunden hatte, die Welt zu sehen, war er nicht länger unglücklich und daher nicht mehr verdrießlich und mißgelaunt. Die Leute hielten ihn für eine sehr angenehme Person und gaben ihm am nächsten Morgen ein Frühstück, woraufhin er sich recht zufrieden auf den Weg machte.

Nachdem Kiki Aru ein oder zwei Stunden durch das hübsche, von König Bud regierte Land gelaufen war, entschied er, daß er als Vogel schneller reisen und mehr sehen könnte, also verwandelte er sich in eine weiße Taube und besuchte die große Stadt Nol und besah den Königspalast und die Palastgärten und viele andere Sehenswürdigkeiten. Dann flog er nach Westen in das Königreich Ix, und nach einem Tag in Königin Zixis Land ging es weiter nach Westen in das Land von Ev. Jeden Ort, den er besuchte, hielt er für viel angenehmer als das Untertassenland der Hochobner, und er beschloß, daß er, wenn er das schönste Land von allen erreichte, sich dort niederlassen und sein zukünftiges Leben in vollen Zügen genießen würde.

Im Land von Ev nahm er seine eigene Gestalt wieder an, denn die Städte und Ortschaften lagen dicht beieinander und er konnte leicht von einer zur anderen gehen.

Gegen Abend kam er zu einem Wirtshaus und fragte den Wirt, ob er etwas zu essen und ein Zimmer haben könne.

„Das kannst du, wenn du das Geld dafür hast“, sagte der Mann, „sonst mußt du woanders hingehen.“

Dies überraschte Kiki, denn im Land von Oz wird überhaupt kein Geld verwendet, und jeder darf sich ohne Bezahlung nehmen, was er möchte. Er hatte daher kein Geld, und so wandte er sich ab, um anderswo Aufnahme zu finden. Als er am Gasthaus entlang ging, sah er durch ein offenes Fenster in einem der Zimmer einen alten Mann, der auf einem Tisch einen großen Haufen Goldstücke zählte, die Kiki für Geld erachtete. Eines von ihnen würde ihm ein Abendessen und ein Bett sichern, überlegte er, und so verwandelte er sich in eine Elster, flog durch das offene Fenster, ergriff eines der Goldstücke mit seinem Schnabel und flog wieder heraus, bevor der alte Mann eingreifen konnte. In der Tat war der alte Mann, der ausgeraubt wurde, ziemlich hilflos, denn er wagte nicht, seinen Goldhaufen zu verlassen, um die Elster zu jagen, und bevor er das Gold in einen Sack stecken konnte, war der diebische Vogel außer Sicht, und ihn zu suchen wäre töricht gewesen.

Kiki Aru flog zu einer Baumgruppe und ließ das Goldstück zu Boden fallen, nahm seine wahre Gestalt wieder an, nahm dann das Geld auf und steckte es in seine Tasche.

„Das wird dir noch leid tun!“, rief da eine leise Stimme über seinem Kopf.

Kiki sah auf und sah, daß ein Spatz, der auf einem Ast saß, ihn beobachtete.

„Was wird mir leid tun?“, fragte er.

„Oh, ich habe alles gesehen“, sagte der Spatz. „Ich habe gesehen, wie du durch das Fenster nach dem Gold geschaut hast, dich dann zu einer Elster gemacht und den armen Mann ausgeraubt hast, und dann habe ich gesehen, wie du hierher geflogen bist und dich wieder in deine frühere Gestalt verwandelt hast. Das ist Magie und Magie ist böse und ungesetzlich, und du hast Geld gestohlen, und das ist ein noch größeres Verbrechen. Das wird dir eines Tages leid tun.“

„Und wenn schon“, antwortete Kiki Aru mit finsterem Blick.

„Hast du keine Angst davor, böse zu sein?“, fragte der Spatz.

„Nein, ich wußte nicht, daß ich böse war“, sagte Kiki, „aber wenn ich es war, bin ich froh darüber. Ich hasse gute Leute. Ich wollte immer böse sein, aber ich wußte nicht wie.“

„Ho, ho!“, lachte jemand hinter ihm mit lauter Stimme; „das ist die richtige Einstellung, mein Junge! Ich bin froh, daß ich dir begegnet bin.“

Der Spatz piepste verängstigt und flog davon.

Kapitel 3.

Zwei Bösewichte.

KIKI drehte sich um und sah einen sonderbaren alten Mann in der Nähe stehen. Er stand nicht gerade, denn er war krumm gewachsen. Er hatte einen dicken Körper und dünne Beine und Arme, ein flächiges, rundes Gesicht mit einem buschigen, weißen Bart, der bis zu seiner Hüfte herab reichte, und weiße Haare, die auf seinem Kopf spitz zuliefen. Er trug ein eng anliegendes dunkelgraues Gewand, und seine Taschen waren alle ausgebeult, als wären sie mit etwas ausgestopft.

„Ich wußte nicht, daß Sie hier sind“, sagte Kiki.

„Ich bin erst nach dir gekommen“, sagte der seltsame alte Mann.

„Wer sind Sie?“, fragte Kiki.

„Mein Name ist Schroffo. Ich war früher der König der Gnome, aber ich wurde aus meinem Land vertrieben und bin jetzt ein Wanderer.“

„Weshalb hat man Sie vertrieben?“, fragte der Hochobner-Junge.

„Nun, es ist heutzutage in Mode, Könige zu vertreiben. Ich war ein ziemlich guter König – für mich jedenfalls – aber diese schrecklichen Leute aus Oz ließen mich einfach nicht in Ruhe. Also mußte ich abdanken.“

„Was bedeutet das?“

„Es bedeutet, vertrieben zu werden. Aber laß uns über etwas Angenehmes reden. Wer bist du und woher kommst du?“

„Ich heiße Kiki Aru. Ich habe auf dem Munch-Berg im Land von Oz gelebt, aber jetzt bin ich ein Wanderer wie Sie.“

Der Gnomenkönig sah ihn scharf an.

„Ich hörte diesen Vogel sagen, daß du dich in eine Elster und wieder zurück verwandelt hast. Ist das wahr?“

Kiki zögerte, sah aber keinen Grund, es zu leugnen. Er hatte das Gefühl, es würde ihn wichtiger erscheinen lassen.

„Nun – ja“, sagte er.

„Dann bist du ein Zauberer?“

„Nein, ich verstehe mich nur auf Verwandlungen“, gab er zu.

„Nun, das ist ein ziemlich guter Zauber“, erklärte der alte Schroffo. „Ich besaß früher selbst sehr schöne Zauber, aber meine Feinde haben mir alles weggenommen. Wohin gehst du jetzt?“

„Ich gehe in den Gasthof, um etwas zu essen und ein Bett zu bekommen“, sagte Kiki.

„Hast du das Geld dafür?“, fragte der Gnom.

„Ich habe ein Goldstück.“

„Das du gestohlen hast. Sehr gut. Und du bist froh, daß du böse bist. Noch besser. Ich mag dich, junger Mann, und ich werde mit dir in die Herberge gehen, wenn du versprichst, zum Abendessen keine Eier zu essen.“

„Mögen Sie keine Eier?“, fragte Kiki.

„Ich habe Angst vor ihnen, sie sind gefährlich!“, sagte Schroffo mit einem Schaudern.

„In Ordnung“, stimmte Kiki zu. „Ich werde nicht nach Eiern fragen.“

„Dann komm mit“, sagte der Gnom.

Als sie den Gasthof betraten, sah der Wirt Kiki finster an und sagte:

„Ich habe dir gesagt, daß ich dir nichts zu essen gebe, wenn du kein Geld hast.“

Kiki zeigte ihm das Goldstück.

„Und was ist mit dir?“, fragte der Wirt und wandte sich an Schroffo. „Hast du Geld?“

„Ich habe etwas Besseres“, antwortete der alte Gnom, indem er einen Beutel aus einer seiner Taschen zog und eine Masse glitzernder Edelsteine – Diamanten, Rubine und Smaragde – auf den Tisch schüttete.

Der Wirt war danach sehr höflich zu den Fremden. Er servierte ihnen ein ausgezeichnetes Abendessen, und während sie es aßen, fragte der Hochobner-Junge seinen Gefährten:

„Woher haben Sie so viele Juwelen bekommen?“

„Nun, ich sage es dir“, antwortete der Gnom. „Als diese Oz-Leute mir mein Königreich wegnahmen – nur weil es mein Reich war und ich es nach meinem Gutdünken regieren wollte – sagten sie, ich könnte so viele Edelsteine mit mir nehmen, wie ich tragen könnte. Also ließ ich viele Taschen in meine Kleidung machen und belud sie alle mit Juwelen. Juwelen sind schöne Dinge, um sie auf Reisen mit sich zu führen; man kann sie gegen alles eintauschen.“

„Sind sie besser als Goldstücke?“, fragte Kiki.

„Das kleinste dieser Juwelen ist einhundert jener Goldstücke wert, wie du dem alten Mann eines gestohlen hast.“

„Sprechen Sie nicht so laut“, bat Kiki unbehaglich. „Jemand anderes könnte hören, was Sie sagen.“

Nach dem Abendessen gingen sie zusammen spazieren, und der ehemalige Gnomenkönig sagte:

„Kennst du den Zottigen Mann, die Vogelscheuche, den blechernen Holzfäller, Dorothy und Ozma und all die anderen Leute aus Oz?“

„Nein“, antwortete der Junge, „ich war noch nie vom Munch-Berg fort, bis ich gestern in der Gestalt eines Falken über die Tödliche Wüste geflogen bin.“

„Dann hast du die Smaragdstadt von Oz noch nie gesehen?“

„Noch nie.“

„Nun“, sagte der Gnom, „ich kenne alle Leute aus Oz, und du kannst dir vorstellen, daß ich sie nicht liebe. Während meiner Wanderungen habe ich darüber nachgedacht, wie ich mich an ihnen rächen kann. Jetzt, wo ich dich getroffen habe, kann ich eine Möglichkeit sehen, das Land von Oz zu erobern und dort selbst König zu sein, was besser ist, als König der Gnome zu sein.“

„Wie könnten Ihnen das gelingen?“, fragte Kiki Aru verwundert.