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Die Marxloh-Power - Integration im Alltag erleben Geschichten zum Staunen und Schmunzeln, die vielleicht auch nachdenklich machen. Geschichten über das Ankommen und das Türen-öffnen. Aus dem Alltag. Erzählt von Menschen in Duisburg-Marxloh mit unterschiedlichsten Berufen, darunter Stahlkocher, SchulhausmeisterIn, InhaberInnen von Brautmodengeschäften und Reformhaus, Café, LehrerInnen, Lötmeister, Hotelbetreiber und viele andere. Sie alle meistern mit Fleiß, und Mut, Toleranz und Humor ihren Alltag und öffnen die Türen für alle, die hier leben möchten. Seit mehr als 60 Jahren. Sie haben nie aufgehört, zu träumen. Der Stadtteil verwandelt sich: von "No-go" zu "To-go" – daran haben auch die Schulen einen maßgeblichen Anteil. Beeindruckende Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Die Marxloh-Power. "Marxloh ist überall!" sagt Margarete Zander, die den Stadtteil von Kindheit an kennt. "Nur nirgendwo so schön!" I
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Seitenzahl: 574
Veröffentlichungsjahr: 2023
MARGARETE ZANDER
DIE MARXLOH- POWER
Integration im Alltag erleben
zanderfisch
Impressum
Lektorat: Barbara Schulz
Korrektorat: Maike Zürcher
Fotos privat Margarete Zander, Melisa Küccük (Brautmoden) und Anke Schmaler (Hochofen, Innenteil), Delal (Name geändert)
Ich danke allen, deren Fotos ich veröffentlichen durfte, insbesondere auch der
thyssenkrupp Steel Europe AG, der Merkez Moschee, dem Landschaftspark Duisburg-Nord, dem Petershof e.V. und dem Klavier-Festival Ruhr
Fotos, an denen jemand Rechte besitzt, von denen ich nichts wusste, bitte umgehend bei mir melden. Sie werden sofort herausgenommen!
Zeichnungen Pollmann-Eck, Hochofen, Montan, Marxloh-Karte: Abdullah Sarikaya Traumsteine Projekt: Alice Nierentz
Cover: Roland Albrecht
© 2023 Margarete Zander
Verlagslabel: zanderfisch
ISBN Softcover: 978-3-347-76027-1
ISBN Hardcover: 978-3-347-76028-8
ISBN E-Book: 978-3-347-76029-5
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Für meinen Vater
1985 wollten wir ein Buch schreiben über das Ankommen.
Über Arbeiter wie Dich, die Menschen beim Ankommen begleiten
und ihnen Türen öffnen und ihre Herzen.
In ihrem Alltag.
Nun habe ich unser Buch geschrieben, mit Menschen in Marxloh,
die angekommen sind und Türen und ihre Herzen öffnen für alle,
die gerne in Deutschland leben möchten. Und über LehrerInnen,
die Wege in eine gemeinsame Zukunft gehen.
Dabei habe ich die Werte wiederentdeckt, die Du gelebt hast, die
dieses Zusammenleben so erstrebenswert und unsere Gesellschaft
wirklich stark machen.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Einleitung
Coffeeshop
Straßenbahn Linie 903: Schockierende Selbsterkenntnis
Fundamentalist?
Toleranz?
Menschen in Marxloh begegnen
Kapitel 1: Begegnung mit Gänsehaut
Was will das Klavier-Festival Ruhr in Marxloh?
Eine Grundschule in Marxloh
Laut und leise, schnell und langsam, schön und – stopp!
„Guten Morgen!“ in mehr als zehn Sprachen
Schöner Schock
Mal den Blick verändern
„Ich bin da und ansprechbar – also: die Schule ist für Sie da!“
Eine glanzvolle Sonderwelt
Das war filmreif!
„Willkommen, lieber Herr Bundespräsident!“
Kapitel 2: Typisch Kohlenpott – mein Vater
Der Gebetsteppich
Wohnung mit Waschkaue
Koran Sure 5 Vers 32
Gleichberechtigung der Frau
Polnischer Migrationshintergrund
Schulausbildung abgebrochen
Migrationshintergrund Ostpreußen
Linie 903: Glitzermädchen
Kapitel 3: Mädchen in Marxloh
Informationsbörse
„Hier beginnt unser attraktives Einkaufsviertel“,
Pollmann-Eck
Möbel Pollmann
Der schwarze Riese
Lebensqualität
60er Jahre Shopping
Luxus der 60er und 70er
Die Merkez Moschee
Dialog unter der Kuppel
Spannende Fragen
Religiöse Andacht
Rückhalt für Mädchen?
Nicht provozieren lassen
Wunderbares Lebensgefühl
Kapitel 4: Zurück in den Irak?
Marxloh- seit achtzehn Jahren Sheribans Zuhause
Keine Flucht. Ausreise!
Acht Kinder – ein Segen
Ohne Bevormundung
„Willkommen“
Linie 903: Theater in der Straßenbahn
Déjà-vu
Kapitel 5: Kartenspiel und Schicksalsparagraf: 51
Deutscher Staatsbürger
§ 51
Am Pollmann-Eck
Zurück in den Irak?
Der Glaube
Kapitel 6: Schwarzfelder Kirschtorte
Hier zahlt ihr für Merkel!
In Duisburg geboren und aufgewachsen
„Oh, mein Gott!“
„Was soll die Brüllerei?“
Erfolgsrezepte
Kopftuch?
Linie 903: Obdachlos?
Kapitel 7:: „Ich werd mal Millionär!“
Eigene Schneiderwerkstatt
„Ich werde mal Millionär!“,
Das Vertrauen seiner Vorgesetzten beflügelte ihn.
Die Schritte zur Romantischen Hochzeitsmeile
Zukunft mitgestalten
Ins Gespräch kommen
Saz und Keyboard
Ein Wir-Gefühl?
Zuwanderer sollten Deutsch lernen
Kapitel 8: Wir waren zuerst da!
Den Laden gibt es am Pollmann-Eck seit 1947.
„Ja!“
Rechnet sich das?
Zukunft durch kulturelle Vielfalt und Junge Leute
Mundpropaganda
In den 80ern
Nachbarschaftshilfe
Linie 903: „Wo fahrt Ihr hin?“
Kapitel 9:: „Das ist mein Himmel!“
„Ja“ zur großen Familie
Happy End –
Vom Entwurf bis zum Traumkleid
Das Nadelöhr
„Das ist mein Himmel“,
Erfolg in die Wiege gelegt?
Zusammenhalt
Der Traum
Im Flow
Kapitel 10: Teamplayer für die Demokratie
Was wird das hier?
Lernklima schaffen
Zweite Chance für den Star
Demokratie leben
Das sprachliche Umfeld
Jahrgangsübergreifender Unterricht
Handwerkszeug für eigene Ideen
Kinderleicht? Wow! Was die können!
Was sollen die Kinder lernen? Was ist wichtig?
Strom auf der Tapete!
Magic Moment
Linie 903: So alt, wie man sich fühlt
KAPITEL 11: SchulhausmeisterIn als Berufung
Die Visitenkarte
„Wenn ich wat seh, dann mach ich dat weg!“
Ein Sack Reis
„Iiii, Ratten!“
Vertrauen in die Zukunft
Linie 903: Kinder machen Freude
Kapitel 12: Erst dienen, dann verdienen!
Ein Gesellschaftsroman
Rumänische Brücken
Flucht in eine ungewisse Freiheit
Eine Diktatur
Europäischer Bildungsgedanke
‚Macht das, woran euch etwas liegt!‘
Reiches Erbe
Spitzensportler
Beim Militär
Internationale Freundschaftsspiele
Flucht
Ein 68er
Figaro!
„Wir Möchten dich als Spieler bei Hamborn 07!“
„Sie haben mir etwas anderes versprochen!“
Lehrjahre
„Erst dienen, dann verdienen!“
Nachdenklich
Linie 903: Dosensammler
Kapitel 13:: „Ich hab malocht“
Geranien-Kaskaden
Reich durch Immobilien?
Automechaniker oder Koch oder Maurer?
Eine Kupferkanne aus Gold
„So sauber, da kannst du vom Boden essen!“
„Hier vermisse ich nichts!“
Kapitel 14:: „Wir sind alle Schauspielerinnen“
Elterncafé mit Power
Vorsicht: Selbstbestimmung
Leben einrichten in Deutschland
Charly
Später zurück nach Marokko?
„Möge ihn Allah mit dem Paradies belohnen!“
Teenagerträume
Meisterprüfung
Ungeschriebene Gesetze
Ein Spagat
Ihr könnt das schaffen!
Allah ou Akbar
Mütter
Niederschwellige Angebote
Ausflug nach Kevelaer
Kopftuchmädchen
Neuer Schwung
Kapitel 15: Das Erfolgsrezept der Oma
„Ich bin ein weltoffener Weltbürger!“
SV Gelb Weiß Hamborn 1930 e.V.
Kumpel unter Tage
Döner mit Vor- oder mit Nachnamen?
Wer lebt hier?
Teamgeist als Motor
Wunderbares altes Türkisch!
Auf Werkseinstellung zurücksetzen!
Ein Lebenstraum
Linie 903: Die Gang
Kapitel 16: Mit Wallraff auf einer Schicht
Typisch Trinkhalle
Backstage
Schweinekolonie
Fußball
Die ersten Gastarbeiter
Günter Wallraff „Ganz unten“
Ahmet und der halbe Pokal
Weltoffen
Geselligkeit oder Lärm?
Bankraub
„Lass bitte dein Handy in der Tasche.
Internationaler Tag der Roma
Schrottimmobilien geräumt
Kapitel 17: Treffpunkt für alle
Der Charme von früher – auf Hochglanz poliert
„Dann gehmwa einfach ma Gas!“,
Das Erbe des Kohlenpotts
Auf Veränderungen reagieren
Der legendäre Besuch von Angela Merkel
Das Motto „Reden hilft“
Bitte das Potenzial nutzen
Geplatzte Jugendträume
Keine Chance?
Hotelier mit Leidenschaft
Radikaler Neuanfang
Marxlohs Attraktivität liegt in der Vielfalt
Kapitel 18: Harter Mann am Hochofen
Naci ist Boxer – seit seinem neunten Lebensjahr.
Sein Herz schlägt für Thyssen
Die Merkez-Moschee
Linie 903: Castingshow
Kapitel 19: Image und Wirklichkeit
Was ihn nach Marxloh gelockt hat?
Ein Platz an der Sonne
Gemeinsam Erfahrungen machen
Jeder ist gleich wichtig
Awards
Vorsicht!
Kapitel 20: Geschlossene Gesellschaft?
Dieser blöde Computer
Tradition oder Geschäftemacherei
„Das war unser großes Glück“,
Warum Lesen lernen?
Kleidung als Schutz und Identifikation
Eine Wohnung in der sog. „No-go-Aera“
Ein Leben ohne finanzielle Sorgen!?
Geld verdienen!
Respektvolles Miteinander
Segenssprüche
Linie 903: Leben und leben lassen
Kapitel 21: Trennung im Herzen
Im Flow
Ein Schulleiter „von uns“
Man muss sich einen Ruck geben
„Man darf den Widerstand nicht unterschätzen!“
Alles locker?
Gibt es nur ein Entweder - oder?
Linie 903: Shoppingtour
Kapitel 22: Bitte alle auf die Bühne!
Da ist dann die Musik der Puls seines Lebens.
Von Bedeutung für die Seele
Jede und jeder eine KünstlerIn
Chinesisch-deutsche Methode
Kinder im Ausnahmezustand
Glanzlichter
Armutssafari
Charismatiker Richard McNicol
Ein Freund!
Bühne als Spiel-Raum
Der Schock sitzt tief und bewegt!
Linie 903: Die Zukunft kann kommen
Kapitel 23: Lehrer verteilen Lebenschancen
Schulfamilie und Krise
Herbert Grillo-Gesamtschule
Mal die Position des Gegenübers einnehmen
Fühler in die Gesellschaft ausstrecken
Einblicke in die Arbeitswelt
Lernen sie auch wirklich genug?
Talente fördern
Ein vegetarisches Mittagessen in Bio-Qualität
Linie 901: Ein Nostalgietrip
Schimanski hat hier gedreht
Kapitel 24: Von “No-go“ zu „To-go”
Der digitale Stahlmann
Sponsoring als Chance
Weltwirtschaftsforum
Die ganze Gesellschaft im Blick
Zukunftsmodell
Kapitel 25: Ein Haus wie im Märchen
Demenz
Hilfe!
Seit 1957
Das Elternhaus zu verkaufen, fiel mir schwer.
Neue Nachbarschaften
Fazit und Ausblick
Danke von Herzen
Margarete Zander, Dr. phil.
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Kapitel 25: Ein Haus wie im Märchen
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Einleitung
Marxloh, ein Samstagmorgen im August 2022.
Der Sperrmüllwagen der Wirtschaftsbetriebe hallt durch die engen Straßen mit den alten Arbeiterhäuschen beim Hotel Montan. Die Nacht war ruhig. Nur ab und zu ein paar Betrunkene auf dem Weg nach Hause. Ich stehe auf und will erleben, wie Marxloh aufwacht. Heute Mittag werden die Straßen wieder sehr belebt sein – große Familien, oft mit drei oder vier Genrationen, werden aus einem Umkreis von hundert Kilometern anreisen, um gemeinsam etwas Schönes zu erleben. Osnabrück, Emsland, Luxemburg, Köln, Düsseldorf, Moers, Balingen, Dinslaken.
Der Grund: Hier gibt es Luxus: Goldschmuck, Eleganz für die häusliche Einrichtung, traumhafte Hochzeitskleider und Anzüge und schicke Restaurants, die darauf eingestellt sind, dass große Familien kommen und gemeinsam mit vielen Einkaufstüten an großen Tischen sitzen und zusammen essen. Das gemeinsame Shoppen mit der ganzen Familie erinnert besonders die älteren türkischen Frauen und Männer an frühere Zeiten in Istanbul oder Izmir. Und so ein bisschen weht mitten in Marxloh das Flair des Orients durch die Straßen. Schon diese Atmosphäre erleben die Menschen als ein Highlight ihrer Woche, hier gibt es das Lebensgefühl, bei dem sie durchatmen können.
Doch vor elf Uhr tut sich da nichts. Ich gehe los. Gleich an der ersten Straßenecke fegt der bulgarische Besitzer eines kleinen Supermarktes mit einem handlichen, durch die Stille ringsherum heute aber besonders lauten Laubbläser mühsam die Schalen von Pinienkernen zusammen.
„Gar nicht so leicht, diese Teile zu entfernen“, sage ich.
„Geht, ich mach das dreimal am Tag.“ Sein Tonfall sagt: Muss sein. Nervt aber.
Ich biege in die Kaiser-Wilhelm-Straße ein. Kein Autoverkehr, keine Fahrräder, keine Straßenbahn. Alles leer. Aber vor und in den Geschäften ist es wuselig. Überall werden Schaufenster geputzt, Tische und Stühle gesäubert, gefegt, geschrubbt, aufgeräumt. Eine ältere Frau wienert die Haustüre des Mehrfamilienhauses samt Klingelbrett, obwohl der ganze Eingangsbereich ziemlich lädiert aussieht. Die Stimmung ist gut. Ich atme Kohlenpott.
Viele der vierstöckigen Häuser der Jahrhundertwende sind noch vom Kohlenstaub verdunkelt, einige sind renoviert wie das Haus mit dem Türmchen am Pollmann-Eck. Die Ladenbesitzer setzen ihre Angebote in Szene und versuchen, ihrer Ware im Parterre eine Art magische Anziehungskraft zu geben. Die Luft ist hier mitten im Kohlenpott immer noch dreckiger als woanders, aber so schlimm wie früher, als unsere Fenster in Walsum mindestens dreimal in der Woche von einer roten oder schwarzen Staubschicht bedeckt wurden, ist es wohl nicht mehr.
Coffeeshop
An der Trinkhalle in der Weseler Straße, die hier „Coffeeshop“ heißt und während der Woche die erste Anlaufstelle für die Männer auf dem Arbeiterstrich ist, steht heute noch niemand. Ich schau mir mal in Ruhe die Stellwände voller Tüten mit Chips, Sonnenblumen-, Mais-, Kürbis- und sonstigen Kernen genauer an und auch das Plastikspielzeug – trommelnde Äffchen oder Rad fahrende Bären, meist mit Bonbons gefüllt. Außerdem gibt es eine Reihe von Barbiepuppen mit dicken Zöpfen mit exotischem Charme und kleine schicke Döschen mit Dollarzeichen in Gold und einem aufgesetzten Ring von Plastikdiamanten für das Zerkleinern von Haschisch oder Marihuana, wie mir die Verkäuferin erklärt.
In der Bäckerei des Schnellrestaurants Ali Baba steht schon eine kleine Schlange an der Theke. Überwiegend Familienväter, manche mit einem Kind an der Hand. Sie kaufen frisches Brot und Brötchen fürs Frühstück. Doch der Boom kommt noch, so gegen elf bis zwölf Uhr. Die meisten der Stammkunden schlafen gerne lang. Ich entdecke ein neues Geschäft. Exotische getrocknete Früchte, von Mandarinen-scheiben bis zu Blaubeeren, rustikal schick verpackt, Marmelade ohne Zucker, kaltgepresstes Olivenöl. Vielleicht sogar bio? Das wäre eine neue Nuance. Möchte ich später unbedingt hingehen. Öffnet natürlich auch erst um elf Uhr.
Marxloh wirkt beschaulich. Noch sitzen hier keine Bettler, die sich ihre Plätze strategisch günstig an den Laufstrecken der Kundschaft zwischen den schönsten Geschäften suchen, und noch gibt es keine kleinen Grüppchen von Menschen an den Ecken der vielen schmalen Parkwege, die Marxloh durchziehen, die mit ihren Flachmännern, Bierdosen und Energydrinks in der Hand gefühlt permanent und lautstark miteinander diskutieren. Auf Gott und die Welt schimpfen. Noch sind auch keine Mütter mit Kinderwagen und vielen Kindern im Schlepptau unterwegs. Es ist ruhig. Die Sonne scheint. Die Kirchturmuhr schlägt.
Ich weiß: Über Mittag wird es am Samstag sehr geschäftig und belebt in der Geschäftsmeile rund um das Pollmann-Eck. Überall wird dann angeregt miteinander geredet und gelacht. Männer stehen in kleinen Gruppen im Kreis und reden miteinander, gern an den Eingängen von Spielhallen oder neben Trinkhallen und Coffee-Shops. Frauen ziehen große Einkaufsshopper hinter sich her, sie sind meist zu zweit oder zu dritt und treffen sich gern vor den Discountern und den Lebensmittelgeschäften, die Obst und Gemüse auf großen Stellagen weit in den Bürgersteig hinein ausbreiten.
Die Straßencafés werden sich füllen und auch dort werden nur wenige Pärchen sitzen, dafür umso mehr große Familien und Freundeskreise, die sich samstags gern verabreden. Und je später der Tag, umso mehr große Einkaufstüten und prall gefüllte Taschen werden um sie herum stehen. Man hat den Eindruck, die Geschäfte florieren.
Politessen laufen dann herum und schreiben die auf, die die Parkbucht nicht genau getroffen haben und mit einem Rad auf dem Bürgersteig stehen. Es gibt viele dicke Autos und wenig Parkraum. Hier sieht man die neuesten Modelle der gängigen Nobelfabrikate – Mercedes, BMW, ab und zu auch einen Maserati oder Jaguar. Viele SUVs. Und neue Mittelklassewagen. Meist Toyota. Die Autos haben bulgarische, rumänische, polnische, niederländische, belgische und deutsche Kennzeichen. Eine verrückte Mischung aus Familienautos und Geschäftskarossen, die Erfolg demonstrieren. Dazwischen große weiße Lieferwagen mit getönten Scheiben, in denen Arbeiter und Baumaterialien transportiert werden. Das regt die Fantasie an. Krimiautoren, Romanschriftsteller: Hier liegen die Storys auf der Straße!
Ich schlendere zurück ins „Montan“. Frühstücken. Luzie ist da. Wie sie das Buffet herrichtet, ist es eine herzliche Einladung, ein echtes Willkommen. Sie hat ein Händchen für Gastlichkeit. So kann der Tag beginnen.
Warum ich über Marxloh schreibe? Das erzähle ich in meiner ersten der vielen Marxloh-Geschichten, die ich in der Straßenbahn erlebt habe. Und diese hat mich so aufgewühlt, dass ich einfach mehr erfahren wollte. Und anfangen musste, zu erzählen.
Marxloh hat viel Potenzial
Straßenbahn Linie 903: Schockierende Selbsterkenntnis
Ein extrem heißer Sommertag. Ich fahre mit der Straßenbahn 903 von Duisburg-Walsum zum Hauptbahnhof. Die Bahn ist mehr als voll besetzt, jeder bewegt sich so wenig wie möglich. Auf den Kinderwagen im Tiefeneinstieg türmen sich grellbunte Picknickdecken mit Einhörnern und Rennwagen, riesige Kühltaschen, XXL-Flaschen mit Softdrinks, Wasserpistolen im Maschinengewehr-Design, Plastikeimer und Schaufeln für den Sandkasten, Roller und Dreiräder. Die Menschen hängen schlaff auf den dunkelroten Plastikdoppelsitzen, es ist ungewöhnlich ruhig.
Mein Blick streift über viel nackte Haut mit Tattoos, die über gewölbtem Fleisch zu zerfließen scheinen, über weiße Söckchen in Paillettensandalen, die unter gemusterten Röcken hervorblitzen, über Badiletten mit Plüschknöpfen, riesige dünne Kopftücher und bodenlange bunte Sommerkleider mit langen Ärmeln über Jeans getragen. Ich sehe fleckig bedruckte kurze Baumwoll-Shorts und graue Socken in Sandalen, verschwitzte T-Shirts mit Motiven von Rennwagen und Statements wie „Big is beautiful“ und „New York“. Ob dieser Mann in den mittleren Jahren schon mal in New York war? Oder ob diese Stadt sein großer Traum ist? Wer weiß. Zwischen das gleichmäßige Rattern der Straßenbahn und die Stationsansagen „Heckmann“ und „Wolfstraße“ mischt sich ein mauliges Lamento zweier junger, schmächtiger, sportlich durchtrainierter Männer. Sie tragen weiße T-Shirts mit japanisch anmuten-den Mustern und schwarze, locker fließende Polyesterhosen. Die Gespräche und ihre Sporttaschen lassen darauf schließen, dass sie auf dem Weg zum Boxtraining sind.
Im Gelenk zwischen den Wagen steht ein gutaussehender junger Mann um die Fünfundzwanzig, dunkler Teint, dichte, schwarze Haare, weißes Polo-shirt, beige mittellange Baumwollhose, Flipflops. Unbeirrt von den hohen Temperaturen und dem Gedränge um sich herum liest er konzentriert in einem dicken Buch. Es ist ein wunderschönes Buch in einem dunklen grünen Ledereinband, verziert mit goldenen arabischen Schriftzeichen. Auch die Anfangsbuchstaben einiger Kapitel sind auffallend und aufwendig verziert. Es ähnelt kunstvollen Bibelausgaben, und es ist auch ungefähr so dick wie eine Bibel. Vielleicht der Koran?
Fundamentalist?
Ohne, dass ich bewusst darüber nachdenke, startet der Film – das ganz große Kopfkino: Ist das vielleicht einer jener jungen Männer, die unter dem Druck eines Imam stehen, der eine fundamentalistische Gesinnung indoktriniert und sie dazu bringen möchte, ihre Koranauslegung und Werte über die des deutschen Grundgesetzes zu stellen? Einer derjenigen, die die Gesetze des muslimischen Glaubens nach ihren kämpferisch fanatischen Welteroberungsfantasien auslegen? Ist dieser junge Mann auf dem Weg zu einer Lehrstunde in Fundamentalismus? Wird er dort auf Glaubenssätze eingeschworen, die er über die Gesetze unseres Staates stellen soll? Über die Regeln der Demokratie?
Mit beinahe fanatischer Akribie schlägt der junge Mann immer wieder die Fußnoten am Ende des Buches nach, offensichtlich sorgfältigst darum bemüht, alles genau zu verstehen. Was mag ihn antreiben, bei fast unerträglicher Hitze diese Texte so intensiv zu studieren? Neugierig nähere ich mich ihm, um vielleicht den Titel des Buches zu erkennen. Als Journalistin habe ich normalerweise keine Hemmungen zu fragen, und doch zögere ich. Er könnte es als Belästigung empfinden. Noch während ich versuche, einen genaueren Blick in das Buch zu werfen, sind wir leider schon an der Haltestelle Duisburg Hauptbahnhof angekommen, und ich muss aussteigen.
Freundlicherweise ist mir jemand behilflich, den dicken Koffer die steilen und schmalen Stufen der Straßenbahn herunterzuheben – es ist mein eifriger Leser! Ich bedanke mich, er lächelt. Zwei Minuten später registriere ich, dass er auf der langen Rolltreppe zum Fernbahnhof hinter mir steht. Ich fasse mir ein Herz, drehe mich um und spreche ihn an: „Entschuldigen Sie bitte, Ihr Buch sieht so wunderschön aus, darf ich fragen, was Sie da vorhin in der Straßenbahn gelesen haben?“ Er schaut mich verblüfft an und druckst ein bisschen herum. „Ja, hm, ich weiß nicht, ob Sie schon einmal etwas davon gehört haben. Das sind Aphorismen von Wittgenstein.“ Das saß. Ein Buch eines der größten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Ich hätte zu gern gesehen, wie ich da geguckt habe! Vermutlich stand mir die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Wir blieben noch einige Minuten zusammen oben an der Rolltreppe, und er erzählte mir, dass er aus Syrien kommt und auf dem Weg zu einer Tante sei, die ihm das Buch des Philosophen vor einigen Wochen geschenkt hatte. Sie unterrichtet in Essen, und die beiden wollten sich gleich darüber unterhalten.
Toleranz?
Mehr habe ich nicht über ihn erfahren. Und doch sollte diese kurze Begegnung nachhaltige Folgen haben. Ich war erschrocken über meine Wahrnehmung. Was war mir in der Straßenbahn alles durch den Kopf gegangen? War ich schon so von all den negativen Nachrichten geprägt, dass sich die Angst, ein Anschlag durch den IS könnte direkt hinter jedem noch so friedlichen Gesicht lauern, schon verselbstständigt hatte und ich im Prinzip hinter jedem, dessen Äußeres auch nur im entferntesten ahnen lässt, dass er aus einer anderen Kultur kommt, einen möglichen Attentäter vermute?
Ich musste an meinen Vater denken, der als Meister bei Thyssen auf jeden Menschen offen zugegangen war. Als die meisten zurückhaltend auf die „Gastarbeiter“ reagierten und voller Furcht und Ablehnung waren, weil sie nichts über die fremde Kultur wussten. Mein Vater sah die Situation menschlich: Diese Männer hatten ihre Heimat verlassen und waren äußerst mutig und arbeitswillig, voller Hoffnung auf ein Leben ohne Armut aus Marokko, der Türkei, Italien oder Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Kontaktfreudig, wie er war, wusste er um ihr Heimweh, kannte ihre Sehnsucht nach ihren Familien. Er machte keinen Unterschied, ob jemand Generaldirektor oder Pförtner war. Er hat die neuen Mitarbeiter unterstützt, und dabei war ihm ganz egal, woher sie kamen und wie gut sie Deutsch sprachen oder welche Religion sie hatten. Wenn jemand freundlich gefragt hat, bekam er auch eine freundliche Antwort. Mein Vater hat den neuen Mitarbeitern geholfen, anzukommen, sich ihr Leben in Duisburg angenehm einzurichten.
Damals, als Günter Wallraff das Buch „Ganz unten“ veröffentlichte und wir schockiert und gleichzeitig dankbar waren, dass jemand die Lage an die Öffentlichkeit brachte, wollten mein Vater und ich ein Buch schreiben, über all jene, die die Fremden willkommen heißen. Über den Reichtum, den sie in unser Leben gebracht haben, ganz konkret sichtbar schon allein durch ihre Gemüse- und Stoffstände auf dem Markt. Damals ist es nicht dazu gekommen. Mein Vater ist früh gestorben.
Nun habe ich mit denen gesprochen, die diese Zeit erlebt haben, die gekommen sind, um zu bleiben. Und ich wurde reich beschenkt: Viele haben mir gern ihre Geschichten erzählt, Geschichten, die das Leben schreibt, zum Staunen, zum Träumen, Schmunzeln und Nachdenken.
Menschen in Marxloh begegnen
Und so lade ich Sie ein nach Marxloh! Erleben Sie einen Stadtteil, der sich permanent verändert. Und der sich doch selbst treu bleibt. Hier leben Menschen, die eines mehr haben als andere: Toleranz. Begegnen Sie mit mir Menschen, die gern in Marxloh leben und arbeiten. Die in Marxloh zu Hause sind, weil sie schon immer hier waren oder in diesem Viertel der Stadt Duisburg Heimat gefunden haben. Lernen Sie die liebenswerte, die wirklich starke Seite des Dorfes – und Sie werden erleben, dass es eins ist! – näher kennen. Mit Menschen, die das Zusammenleben Tag für Tag ein bisschen lebens- und liebenswerter machen.
Ich schreibe nicht über die vielen Initiativen und Institutionen. Hier begegnen Sie Menschen, die die Herausforderungen Ihres Alltags annehmen und Zukunft mitgestalten in einer Gesellschaft, die sich permanent verändert. Demokratische Zukunft. Sie sind Stahlkocher oder Konditorin, SchulhausmeisterIn oder SchulleiterIn, verkaufen Brautmoden oder gesunde Lebensmittel oder organisieren Treffpunkte, um mehr über das Leben in Deutschland zu erfahren und sich über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Kulturen und Traditionen auszutauschen.
Staunen Sie über die Leidenschaft, mit der Schulen die Herausforderungen annehmen, wie sie Vielfalt als ihre Stärke betrachten und damit unsere Gesellschaft stark machen für die Zukunft.
Erleben Sie diesen Stadtteil im Wandel und staunen Sie mit mir, wie das Miteinander unterschiedlichster Menschen im Alltag ganz konkret funktioniert. Denn Marxloh ist auf dem besten Weg, sich von der sogenannten „No-go-Area“ zu einer hippen „Go-to-Area“ zu wandeln.
Sie können nichts tun für Integration, meinen Sie? Ja, das dachte ich auch immer, dieses „Was geht mich das an? Ich bin ja tolerant!“ Aber Sie können etwas tun. Mehr, als Sie denken. Und dass Sie den dumpfen Boden für feindliche Gesinnungen in unserer Gesellschaft nicht stumm nickend stärken, sondern andere Geschichten erzählen, das ist wichtiger, als Sie vielleicht ahnen.
Wegweiser an der Herbert Grillo-Gesamtschule
Kapitel 1:
Begegnung mit Gänsehaut
Während Marxloh immer wieder in den Medien mit Schlagzeilen über Polizeieinsätze, Clan-Kriminalität, undurchsichtige Immobiliengeschäfte und kriminellen Sozialbetrug auftaucht, läuft mir Tobias Bleek über den Weg. Begeistert schwärmt er von seinem Projekt in Marxloh – muss er ja, denke ich, schließlich leitet er das Education-Programm des Klavier-Festivals Ruhr. Aber so, wie er davon berichtet, macht er mich neugierig. Er weiß, dass ich aus dem Stadtteil nebenan komme und Marxloh seit meiner Kindheit kenne, und möchte gern, dass ich einen journalistischen Blick auf das Engagement des Festivals werfe. Und weil es zeitlich passt, sage ich zu, auch wenn ich mich insgeheim frage: Was will das renommierte klassische Klavierfestival in Marxloh? Mehr als Danke sagen für den internationalen Erfolg und davon etwas an einen sozial schwachen Stadtteil abgeben, kann es doch nicht sein – oder? Ich kenne das von vielen Festivals, dass sie ihr Image mit Aktionen für Kinder aufpolieren. Aber denken die Veranstalter ernsthaft, dass sie in Marxloh bei Kindern und Eltern auf Interesse an Klaviermusik stoßen? Und mal ehrlich: Ist es wirklich Klaviermusik, was die Menschen in Marxloh brauchen? Ist es klassische Musik, die den Schulen hilft, ihre Lernziele zu erreichen? Die das Leben im Stadtteil lebenswerter machen könnte? Es ist die falsche Frage, aber das weiß ich da noch nicht.
Was will das Klavier-Festival Ruhr in Marxloh?
Natürlich, auch ich engagiere mich seit vielen Jahrzehnten dafür, Menschen für die klassische Musik zu begeistern. Alle sollen erleben, wie sehr diese Musik die eigene Persönlichkeit und das Seelenleben stärken kann. Natürlich sind solche kostenfreien Angebote und der Eintritt in ein richtiges Festival für Schulen eine willkommene Abwechslung zum normalen Unterricht. Aber:
Tobias Bleek zieht zwei Asse aus dem Ärmel, die mich neugierig machen. Das erste: Das Klavier-Festival unterstützt die Schulen das ganze Jahr über – üblicherweise laufen Education-Projekte nur während der Festivalzeit. Und das zweite Ass ist einer der Musiker, der dieses Projekt mitträgt: Richard McNicol. Ich kenne den Briten von seiner unfassbar eindrucksvollen Education-Arbeit bei den Berliner Philharmonikern. Der Dirigent Simon Rattle hatte ihn bei seinem Amtsantritt 2002 aus London mit nach Berlin gebracht, und der erfahrene Flötist lockte zuerst einmal die gefeierten Orchestermusiker aus der Reserve und konnte sie für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wirklich begeistern. Innerlich applaudiere ich ihm immer noch für so manchen Moment, den ich in seinen Projekten miterleben durfte. Einmal hatte er eine Regel aufgestellt: Wenn wir den Konzertsaal betreten, verständigen wir uns nur noch mit Zeichen, ohne Worte. Alle hielten sich daran - bis auf die beiden Lehrerinnen, die die Klassen begleiteten und die wurden dann auch prompt ermahnt!
Der Flötist hatte einfach ein gutes Gespür für den richtigen Ton und am liebsten hätte ich oft selbst gern mitgemacht, statt nur zu berichten.
Blick aus der Straßenbahn auf den Hochofen
Ich freue mich also darauf, dass ich Richard McNicol in der Grundschule Henriettenstraße wieder begegnen werde. Mit etwas Herzklopfen mache ich mich morgens von Walsum aus auf den Weg nach Marxloh. Die mahnenden Worte meiner damals neunzigjährigen Mutter begleiten mich: „Du weißt, dass in Marxloh die Leute immer wieder überfallen und ausgeraubt werden. Das lese ich jeden Tag in der Zeitung!“
Natürlich weise ich die Bedenken als unbegründet zurück, frage mich aber insgeheim: Ist das wirklich gefährlich? Tatsächlich weiß ich es nicht. Ich bin lange nicht zu Fuß im benachbarten Stadtteil unterwegs gewesen. Fahre ich mit der Straßenbahn 903 von
„unserer“ Duisburger Haltestelle Schwan durch Marxloh zum
Duisburger Hauptbahnhof, fühle ich mich sicher. Auch wenn ich mal ein Stück laufe, ist das kaum anders als in meiner Wahlheimat Berlin. Bislang jedoch gehe ich zu Fuß nur durch die Einkaufsmeile auf den beiden Hauptstraßen, auf denen reger Verkehr herrscht. Heute also soll ich mittenhinein in die sogenannte „No-go-Area“. Dahlstraße. Hier wurde vor einigen Jahren ein Kind bei einer Rangelei zwischen Erwachsenen so schwer mit einem Messer verletzt, dass es an den Folgen starb. Ich habe von verschiedenen Seiten davon gehört. Also steige ich wachsam an der Haltestelle Wolfstraße aus, drei Stationen hinter der Haltestelle Walsum-Schwan. Ich muss beim türkischen Restaurant Ali Baba rechts in die Seitenstraße einbiegen, vor dem Hotel Montan die Straße links und dann die erste Straße rechts nehmen, das ist die Henriettenstraße.
Eine Grundschule in Marxloh
Außer mir sind nur einige Schulkinder und Mütter mit Kleinkindern unterwegs. Die Sonne scheint, die Straße macht einen friedlichen, ruhigen Eindruck. Üppige rot blühende Geranien auf den Balkonen der vierstöckigen Reihenhäuser lassen die Umgebung freundlich wirken, die Grünanlagen sind gepflegt. Dazwischen immer wieder typische Siedlungshäuser aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – die Fassaden noch wie früher aus alten schwarzen Backsteinen, die Fenster neu. Man sieht, die Häuser werden sorgfältig instand gehalten.
Plötzlich entdecke ich die Grundschule. Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt hatte – das jedenfalls nicht: Ich stehe vor einem großen alten Backsteingebäude, das wirkt wie eine alte Dorfschule. Bei dieser ersten Begegnung scheint sie mir wie vom Himmel gefallen. Sie lacht mich geradezu an mit ihren bunt bemalten Fenstern und dem großen Schulhof mit Kletternetz und dem üppigen alten Baumbestand. Einige SchülerInnen spielen Ball, kommen neugierig näher und grüßen mich.
Ich gehe die Treppe hinauf und komme an einer Bücherei vorbei. Ein Blick durch die offene Tür zeigt einen bunten, ordentlich aufgeräumten Raum mit Regalen voller Bücher, gemütlichen Sitzecken und kleinen Tischen, im hinteren Bereich sitzt eine Frau an einem Pult, die mich freundlich grüßt. Ich frage nach dem Weg zum Musikraum. Oben im Flur würde ich ihn schnell selbst finden, lacht sie, da würde mich die Musik schon leiten, aber: Sie bringt mich gerne hin. Hier ist alles still. Im Moment hören wir nur unsere eigenen quietschenden Gummisohlen auf der Steintreppe. Bis mir fröhliche Klänge von Trommeln, Rasseln, Glockenspielen und Klangstäben entgegentönen. Richard McNicol macht mit etwa fünfundzwanzig SchülerInnen des ersten Schuljahres Musik in einem riesigen hellen Saal, der gefühlt über zwei Etagen geht.
Alles wirkt luftig, großzügig. Die Kinder trommeln und hämmern mit Schlägeln für Xylofone auf ihren Instrumenten herum. Wer hier schüchtern ist, hat keine Chance, gehört zu werden – oder?
Richard McNicol entwickelt einfache Frage- und Antwortspiele ohne Worte: Er selbst spielt eine Melodie auf seiner Querflöte, die Kinder antworten mit ihren Instrumenten. Er gibt die Lautstärke vor, das Tempo und die Intensität. Und ganz wichtig sind ihm die Pausen.
Er gibt ganz klare Zeichen und fordert konsequent, dass niemand in diesen kurzen musikalischen Pausen auch nur einen Ton spielt oder sich bewegt.
Und dann nimmt er wieder seine Flöte, und spielt mit so viel Freude, dass man einfach mitmachen möchte. Die Atmosphäre ist gut. Richard McNicol lacht mit den Kindern, und wenn mal etwas nicht gleich gelingt, macht man es eben noch mal. Niemand wird ausgelacht. Er wiederholt und wiederholt und wiederholt. Das, was er sagt, hört sich an, als würde er mit den Kindern in einem spannenden Bilderbuch blättern: „Das ist, als wenn man unter Wasser die Luft anhält“, erklärt er gerade, auch wenn die meisten das nicht verstehen, denn hier spricht kaum jemand deutsch. Und doch lernen die Kinder zuzuhören und entwickeln den Ehrgeiz, so schön zu spielen wie der Flötist es vormacht. Immer wieder fragt er: „Könnt ihr das vielleicht noch schöner? Könnt ihr versuchen, mit euren Instrumenten zu zaubern, zu tanzen, zu flüstern, zu singen?“
Dass der Musiker damit kokettiert, als Brite ja auch nicht perfekt Deutsch zu sprechen, bringt eine gewisse Leichtigkeit in den Prozess. Dabei sind es nicht unbedingt seine Worte – es ist einfach die Art, wie er mit den Kindern spricht, wie er arbeitet und Ruhe in den Unterricht bringt. Und über das gemeinsame Musizieren lernen alle so ganz nebenbei auch einige deutsche Wörter und ihre Bedeutung kennen:
Laut und leise, schnell und langsam, schön und – stopp!
Doch nun bin ich hereingekommen, und natürlich bleibe ich nicht unbemerkt. Richard McNicol gibt uns einen Moment für die Begrüßung. Klar, mein Aufnahmegerät und das Mikrofon sind supercool. Spontan lasse ich die Kinder ihre Namen ins Mikrofon sprechen, dabei dürfen sie über Kopfhörer ihre eigene Stimme hören. Das macht ihnen einen Riesenspaß, und die Art, wie sie reagieren, ist von Kind zu Kind verschieden. Einige albern herum, andere sind ganz ehrfürchtig, wieder andere haben fast Angst, die eigene Stimme zu hören. Die Atmosphäre ist so gut, dass es ein Leichtes wäre, mit den Kindern weiter mit diesem Equipment zu arbeiten. Ihre Neugier – Pädagogen sprechen von intrinsischer Motivation – und Begeisterungsfähigkeit sind geradezu greifbar und machen einfach Lust auf mehr. Den Kindern und mir. Doch mit dem Zauberton seiner Flöte fängt Richard McNicol die Kinder im Nu wieder ein, und sie machen weiter zusammen Musik. So hat mich der Flötist einmal mehr beeindruckt.
Ich beschließe spontan, einen Radiobeitrag über dieses Projekt des Klavier-Festivals Ruhr in Marxloh zu produzieren. Was mir dazu allerdings noch fehlt, ist eine kompetente Stimme, sind authentische Hintergrundinformationen über die Arbeit an dieser Grundschule. Gibt es ein spezielles Lernkonzept? Montessori-Pädagogik oder eine andere Methode, die ich noch nicht kenne? Am besten wäre natürlich ein Interview mit der Direktorin der Schule. Ganz spontan? Schwierig. Ich konnte nicht ahnen, was mich dort erwartet.
Aber: Tobias Bleek kommt mit einer guten Nachricht von der Schulleiterin zurück: Sie sagt mir in ihrem eng getakteten Tagesablauf spontan zehn Minuten Interview zu. Wunderbar. Das reicht fürs Erste für einen Kurzbeitrag fürs Radio.
„Guten Morgen!“ in mehr als zehn Sprachen
In sportlichem Tempo kommt Regina Balthaus-Küper am großen Besuchertisch ihres gemütlichen Büros dann auch direkt zur Sache und bringt die Lage ihrer Grundschule ungeschönt und empathisch auf den Punkt: „Ja, Marxloh ist schwierig. Aber der Stadtteil kommt in den Medien oft zu schlecht weg. Natürlich gibt es Probleme an der Schule, aber da ist auch viel Potenzial. Unsere Aufgabe ist es, dieses Potenzial hervorzulocken und zu stärken.“ Das kommt überzeugend, und diese Einstellung erklärt die Atmosphäre, die man in dieser Schule spürt.
2005 hat Regina Balthaus-Küper als Konrektorin an der Städtischen Katholischen Grundschule Henriettenstraße in Marxloh angefangen, zwei Jahre später die Schulleitung übernommen. Seither musste sie auf einige gravierende Veränderungen reagieren: „Unsere Schule ist nicht ganz einfach zu beschreiben. Wir sind eine Schule im sozialen Brennpunkt, die sich in den letzten zehn Jahren noch einmal massiv verändert hat. Wir hatten schon immer circa fünfundachtzig bis neunzig Prozent Migranten. Bis vor zehn Jahren waren davon etwa sechzig Prozent türkischen Ursprungs. Dann gab es noch eine etwas größere Gruppe libanesischer Herkunft und ganz viele andere Nationalitäten. Und dann begann ganz langsam die Zuwanderung von Menschen aus Osteuropa, überwiegend aus Rumänien und Bulgarien. Dazu kommen – ebenfalls ohne Deutschkenntnisse – die aus anderen europäischen, aber auch aus afrikanischen Ländern und Flüchtlinge aus Syrien, aus dem Irak. Alle ohne Deutschkenntnisse. Sechzig Prozent der Kinder sprechen kein Deutsch, wenn sie in unsere Schule eintreten. Das heißt, wir alphabetisieren ganz am Anfang, im ersten Schuljahr, mit Händen und Füßen. Gleichzeitig lernen die Kinder aber auch erst einmal Gruppen- und Arbeitsstrukturen, überhaupt ein soziales Gefüge von Gruppen kennen. Wie verhalte ich mich, wie gehe ich mit Schere, Kleber und Knete um und so weiter. Das sind alles Dinge, die die Kinder nicht kennen. Und trotzdem machen wir gute Erfahrungen!“
KGS Henriettenstraße
Regina Balthaus-Küper brennt für ihre Arbeit und wirkt dabei sehr besonnen. „Wir müssen als Lehrer unser Konzept, unsere methodischen Vorgehensweisen, auch unsere inneren Zugangsweisen komplett umstellen. Aber wenn wir uns auf die Kinder einlassen und sie auf ihrem Stand fördern, gelingt es, und die Kinder gehen gern zur Schule. Viele von ihnen erscheinen anfangs noch unregelmäßig, weil die Eltern erst einmal das Schulsystem kennenlernen und Vertrauen entwickeln müssen. Aber die Kinder kommen mit leuchtenden Augen. Sie sind sehr aufnahmefähig, und es macht großen Spaß, mit ihnen zu arbeiten!“
Ich bin beeindruckt von so viel Empathie und der nach all den Jahren noch so engagierten offenen Haltung der Schulleiterin. „In wie vielen Sprachen können Sie inzwischen ‚Guten Morgen‘ sagen?“, frage ich. „Oh, das sind schon einige. Also, in zehn Sprachen bestimmt, ja!“
Was für eine Persönlichkeit! Diese Schulleiterin steht nicht mit dem Rücken an der Wand, sie entwickelt mit ihrem Team aus LehrerInnen, dem Schulhausmeister und seinem Team, KüchenhelferInnen und diversen Sozial-arbeiterInnen ein anregendes ruhiges Lernklima für die Kinder, die ihr anvertraut werden. Und welche Rolle spielen dann Impulse und Projekte wie die des Klavier-Festivals Ruhr? Warum nimmt sie die zusätzliche Arbeit, die dabei für die Schule entsteht, in Kauf?
„Es ist eine sehr ermutigende Erfahrung für uns, dass dieses Team des Klavier-Festivals – auch der Intendant selbst und die Sponsoren, die wir bisher kennengelernt haben – das Ganze nicht nur als irgendein Projekt sehen, das sie finanziell unterstützen, sondern wirklich an den Kindern und an ihrer Entwicklung interessiert sind. Sie fördern uns. Das gesellschaftliche Interesse an unserer Arbeit hier ist ja nicht so breit gesät. Da tut das schon sehr gut!“ Die Angebote des Klavier-Festivals Ruhr werden in zahlreichen Gesprächen mit allen Beteiligten tatsächlich auf die Bedürfnisse der Schulen zugeschnitten. Unglaublich!
„Es tut einfach sehr gut zu spüren, dass es auch Menschen gibt, die unsere Sicht auf die Situation teilen.
Das heißt ganz konkret: Menschen, die die Kinder nicht nur defizitorientiert sehen“, erklärt Regina Balthaus-Küper. „Natürlich haben die Kinder im Vergleich zu den bei uns gängigen gesellschaftlichen Maßstäben viele Defizite. Aber sie haben eben auch sehr viel Potenzial. Und auch wenn Marxloh in den Medien meist mit der ,No-go-Area‘ in Verbindung gebracht und als Problemzone dargestellt wird – ich erlebe es anders. Nämlich so, dass die Fähigkeit der Bewohner, mit Verschiedenheit umzugehen, in Marxloh sehr, sehr groß ist. Viel größer als in den sogenannten etablierten Stadtbezirken von Duisburg oder anderen Städten. Ich denke mal, dieses Riesenpotenzial ist den Menschen hier gar nicht bewusst. Dabei überwiegt es die Probleme, die es hier gibt, meiner Meinung nach bei Weitem. Der Alltag in Marxloh ist davon geprägt, dass die Menschen sich hier gegenseitig tolerieren. Wie gut sie sich wirklich verstehen, das ist noch mal eine andere Frage, aber sie tolerieren sich, und sie können mit dieser Verschiedenheit – Sprache, Kultur, Aussehen, Kleidung – viel besser umgehen als ein großer Teil der restlichen deutschen Bevölkerung!“
Was für ein Kompliment an die Bewohnerinnen und Bewohner von Marxloh! Und das hat umso mehr Gewicht, weil man von dieser Schulleiterin nun wirklich nicht sagen kann, dass sie alles durch eine rosarote Brille sieht. Sie arbeitet mitten im Brennpunkt. Über die Lebensbedingungen dort macht ihr niemand etwas vor.
Schöner Schock
Ich bin beeindruckt und weiß, dass ich mehr erfahren möchte. Auch von ihr. Dieses Gespräch hier ist erst der Anfang. Sie freut sich. „Noch was“, sagt sie, als ich mein Mikrofon und das Aufnahmegerät einpacke. „Der Name Zander kommt mir so bekannt vor. Haben Sie Verwandte in Walsum – eine Cousine vielleicht?“ Ich bin verblüfft. Nein. „Eine Schwester?“ Auch das nicht. „Jahrgang 57?“
Ich sehe sie an und habe plötzlich das Bild eines Teenagers vor Augen – vierzig Jahre jünger. Ganz langsam sage ich: „Regina! Ich weiß noch, wo du in unserer Klasse gesessen hast!“
„Und du hattest so lange Haare!“, lacht sie und hält ihre Hand auf Brusthöhe. Wir stehen auf und umarmen uns. Lachen. Neun Jahre, bis zum Abitur sind wir zusammen zur Schule gegangen. Auf das Kopernikus-Gymnasium Walsum. Dass wir uns nach so langer Zeit auf diese Weise wiederbegegnen, ist ein Moment mit Gänsehaut, und wenn wir später uns oder anderen davon erzählen, schütteln wir immer noch den Kopf, dass wir uns nicht gleich wiedererkannt haben.
Wir mochten uns zu Schulzeiten und mögen uns heute. Und da ist eine Vertrautheit, die man nicht beschreiben kann. Seither sehen wir uns häufiger. Reginas guter Ruf ist für manche Gespräche in Marxloh mein Türöffner geworden.
Ihre Schule erlebe ich wie die anderen Schulen in Marxloh: als Ort der Deeskalation für unsere Gesellschaft. Orte, an denen die Basis für ein Zusammenleben in Demokratie und Frieden mit gelegt und gefestigt wird.
Regina Balthaus-Küper, weitere Schulleiter aus Marxloh, LehrerInnen und das Klavier-Festival Ruhr werden noch häufiger in den Geschichten über Marxloh auftauchen. Denn sie sind ein zentraler „Energiewandler“ im Leben des Stadtteils. Lehrkräfte und KünstlerInnen schaffen gemeinsame gute Erfahrungen für Kinder und Eltern verschiedener Kulturen im Umgang miteinander.
Ich hoffe, Regina wird irgendwann – nach ihrer Pensionierung – Zeit finden, diese Erfahrungen aufzuschreiben, von den vielen kleinen und großen Erfolgen ihres Alltags berichten, uns sensibilisieren für unser Verhalten, für andere Werte und Lösungswege und die Potenziale aufzeigen, die im Miteinander liegen. Damit alle davon profitieren können. Denn in der dynamischen Entwicklung – das sagen Hirnforscher wie die Neurowissenschaftlerin Maren Urner – liegen die Chancen für unser Glück als Individuum und Gesellschaft.
Mal den Blick verändern
Bei einem meiner zahlreichen mehrtägigen Marxloh-Besuche taucht das Thema Müll auf. Man hat gemeinsame Aktionen geplant, es gibt Plakate mit Androhung von bis zu 50.000 € Strafe bei illegaler Müllentsorgung auf den Straßen, man hat Müllsammler engagiert, und die Stadt hat Mittel freigesetzt, das Problem in den Griff zu bekommen. Oft fällt es mir gar nicht so auf, wenn ich aus Berlin komme, dass es hier dreckiger ist als anderswo, aber derart darauf gelenkt, sehe ich in den nächsten Tagen mehr Müll als sonst. Besonders in der Fußgängerzone – wo die Wirtin der Marktschänke mir erzählt, dass sie dreimal am Tag den Müll aufsammelt, damit es für ihre Gäste vor der Kneipe „gemütlich“ bleibt. Ich sehe genauer hin. Auf Marxlohs Straßen liegen leere Tetra-Pak- und Chipstüten, Papier von Schokoriegeln, Kopf-hörerverpackungen, dünne Plastikbecher für Kaffee, Küchenabfälle in durchsichtigen Mülltüten, aber auch mal Herdplatten, Toaster, Matratzen, Kinderklamotten. Das ist für alle, die hier leben und den Stadtteil für Besucher attraktiv halten wollen, natürlich mehr als ärgerlich. Die Wirtschaftsbetriebe Duisburg sorgen mit Verstärkung dafür, dass es wieder sauber wird. Anlieger helfen mit. Ich möchte nicht so auf das Thema fokussiert bleiben und beschließe, morgens früh aufzustehen und vielleicht einen anderen Blick auf den Alltag zu erleben, ich möchte einfach mal sehen, welche Kinder hier leben und wie sie zur Schule gehen.
„Ich bin da und ansprechbar – also: die Schule ist für Sie da!“
In der Henriettenstraße herrscht um Viertel vor acht Hochbetrieb. Laila, eine der Sprachintegrationspädagoginnen der Grundschule, steht vor dem Schultor. Wach und gut gelaunt. Sie grüßt die Kinder mit Namen. Und einige würden ihr am liebsten in die Arme laufen. Als Mitarbeiterin des Projekts „Eltern für Eltern“ ist Laila innerhalb des Familienzentrums der Schule ansprechbar für alle, die mit dem System Schule in Deutschland noch nicht zurechtkommen und Fragen haben. Schon eine halbe Stunde vor ihrer offiziellen Sprechzeit (morgens zwischen acht und zehn Uhr) steht sie auf dem Bürgersteig, und weil sie die Namen aller Kinder kennt und sie so freundlich begrüßt, wächst allmählich auch das Vertrauen der Eltern. Laila signalisiert:
Mit ihrer offenen, herzlichen Art gibt sie jedem Einzelnen das Gefühl, zur großen Schulfamilie dazuzugehören.
Hier kommen alle zusammen: Bulgaren, Rumänen, Libanesen, Türken, Deutsche – man kann ihre Herkunft nur vermuten, aber das Bild ist bunt und schön. Ein Bild aus ganz verschiedenen Kulturen. Das zeigen alle stolz nach außen! Die meisten Erstklässler werden von ihren Müttern gebracht. Ihre Kleidung ist Ausdruck ihrer Persönlichkeit und scheint ihnen Sicherheit zu geben auf einem Boden, der ihnen noch eher fremd ist. Nur die Schulranzen der Kinder und ihre Kleidung, die sind sich erstaunlich ähnlich: Angesagt ist Pink bei Mädchen mit Disney, Ballerina, Pferden und Einhörnern, Blau bei Jungen mit Weltall und Fußball.
Die Kinder strahlen, wenn die Mütter ihnen beim Betreten des Schulhofs ihre Schulranzen aufsetzen. Die Mütter grüßen sich und bleiben noch ein bisschen auf dem Bürgersteig hinter der Schulmauer stehen.
Eine glanzvolle Sonderwelt
Ich habe Glück: Gerade heute kommt Regina mit einem Mikrofon auf den Schulhof, sie hat ihre Gitarre dabei. „Heute ist der Tag der Bücherei“, sagt sie und lässt sich von den Kindern erklären, was man in der Bücherei macht. Ein schöner Zufall, dass die Frau, die die Kinder dort betreut, Frau Buch heißt.
Nun wird gesungen: „Guten Morgen“ (auf Deutsch, Französisch, Polnisch, Spanisch, Englisch, Türkisch, Rumänisch, Bulgarisch, Albanisch, Arabisch und Kurdisch) und „Alle Kinder lernen lesen“ – die Kinder johlen und klatschen, die Stimmung fühlt sich ein wenig nach Popkonzert an. Regina erinnert sie, beim Singen nicht ins Schreien überzugehen und es klappt. Die Kinder sind begeistert. Viele der Mütter sind stehen geblieben, einige haben Tränen in den Augen. Heute werde ich durch Marxloh gehen und sie sehen, die Mütter, die ihre Kinder in der Schule in guten Händen wissen, die Vertrauen haben, dass es ihren Kindern dort gut geht. Und die Kinder, die sich freuen, dass sie zur Schule gehen dürfen.
Mir fällt das Gespräch wieder ein, in dem ich mit Regina auch über die Kinder gesprochen habe, die aus osteuropäischen Familien kommen. „Schule ist besonders für diese Kinder eine glanzvolle Sonderwelt, und diese Sonderwelt lieben sie!“ Denn – so hat sie mir erklärt – in der Schule werden sie in dem bestärkt, was sie können, sie lernen jeden Tag etwas Neues und werden dafür gelobt. „Unser Ziel ist, dass alle Kinder, auch die in sozial schwierigen Situationen, einen Zugang zu ihren Potenzialen finden“, erklärt sie mir. Und dass dazu der Grundsatz gehört: „Wir müssen vom Kind her denken!“ Dieser Gedanke prägt Reginas Handeln im Leben der Schule.
Das war filmreif!
Und damit das gelingt, muss das Schulsystem eigentlich über sich hinauswachsen. Es muss Freiräume geben für Kinder, die allein aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse mehr Zeit brauchen, die besser in kleineren Gruppen arbeiten. Und es braucht mehr Zeit für LehrerInnen, die individuelles Schulmaterial vorbereiten und sehr gezielt auf jedes einzelne Kind schauen müssen, um Potenziale zu erkennen und entsprechend zu fördern. Fertige Bücher und Materialien gibt es dafür nicht. Das müssen die Lehrenden individuell erstellen!
„Wir gehen auch zu den Kindern nach Hause und fragen nach, was mit ihnen ist, wenn sie nicht in die Schule gekommen sind.“ Regina lacht. Sie erinnert sich an eine Szene, als eine Familie auf wiederholtes hartnäckiges Klingeln nicht reagierte und die Nachbarn schon auf der Straße stehen blieben und ihr gestikulierten, es sei jemand zu Hause. Nach gefühlten zehn Minuten rief Regina vom Bürgersteig aus nach oben: „Wenn Sie jetzt nicht öffnen, holen wir die Polizei!“ - „Das war natürlich filmreif“, meint sie rückblickend über sich selbst schmunzelnd, und sie hätte es sich lieber erspart, aber sie sah keine andere Möglichkeit. Und - es hat funktioniert: Zwei Minuten später standen die beiden schulpflichtigen Kinder mit ihren Schulranzen neben ihr.
„Man muss die Kinder emotional stärken“, erklärt sie. Denn einigen Eltern ist es egal, ob ihre Kinder zur Schule gehen, besonders wenn sie selbst nie Lesen und Schreiben gelernt haben. Aber die Erfahrung bestätigt ihr Handeln: „Die Kinder sind unglaublich dankbar dafür.“ Und Regina hat das Wohl der Kinder im Blick.
Ideen mit Augenzwinkern
Und dann sagt sie etwas, was ihre Stärke und Souveränität ein bisschen erklärt, was ihr einen ganz besonderen Schlüssel zur Lebens-wirklichkeit der Kinder gibt: „Meine Mutter hatte durch die widrigen Umstände in ihrer Jugend keine abgeschloss-ene Berufsausbildung. Ich weiß, wie schwer es für ein Kind emotional ist, den Bildungsstand der eigenen Eltern zu überschreiten.“
In der Konsequenz heißt das für ihre Beziehung zu den Kindern: „Letztlich können wir nur versuchen, den Kindern den emotionalen Spagat erträglicher zu machen, ihnen Sicherheit zu geben. Die Konfrontation können wir ihnen nicht ersparen.“
Doch diese Distanz der Eltern zur Schule hat auch eine gute Seite: „Wir haben das Glück, dass von ihnen kein Druck ausgeht. In einer entspannten Situation entwickeln sich Leistungen. Sobald die Eltern Druck machen, überträgt sich der auf das Verhalten, und der Lernprozess leidet darunter.“
Es war die Städtische Katholische Grundchule Henriettenstraße in Marxloh, die sich der Bundespräsident 2017 unter anderem für seine Deutschlandreise ausgesucht hatte. Und was hat die Schulleiterin gemacht? Sie hat die Kinder Bilder malen lassen, „Willkommen in Marxloh“, und hat Frank-Walter Steinmeier zur Begrüßung eine Mappe mit diesen kleinen Kunstwerken überreicht. Es sind fröhliche Bilder – Bilder, die die Schule zeigen, Spielplätze, Schaukeln, Bänke, Bäume, die Kinder selbst, ihre Freunde, Eltern, Geschwister, Regenbögen, Waffeln mit Eiskugeln, Herzen, Sterne,
Schmetterlinge, Bilder, auf denen die Sonne scheint. Und die größeren Kinder haben etwas dazugeschrieben:
„Willkommen, lieber Herr Bundespräsident!“
„Gefällt es Ihnen hier in Marxloh? Mir gefällt es hier sehr. Ich bin in Marxloh groß geworden. Wie ist es in Berlin? Ist es in Berlin auch so groß und schön? Mir gefällt Marxloh sehr, weil es so viele Parks gibt. Für mich ist der beste Park der Schwelgernpark. Ich komme ursprünglich aus Bosnien. Hier meine Nationalflagge. Viele Grüße.“
Auf anderen Bildern kann man lesen: „Lieber Herr Bundespräsident, willkommen in Marxloh. Ich lebe gern in Marxloh. Die Bäume finde ich toll. Ich komme aus dem Libanon. Ich liebe die Schule und die Menschen hier in Marxloh. Ich liebe die Sonne. Viele Grüße.“
„… Ich liebe spielen und ich liebe meine Schule. Hier in Deutschland geht es mir gut …“
„… ich spreche Rumänisch, Ungarisch, Englisch, Deutsch. Ich bin drei Jahre in Deutschland. Marxloh ist schön. Es ist mein Zuhause. Schule ist schön! …“
„… Was ich nicht in Marxloh mag, ist, dass hier überall Müll liegt. Was ich in Marxloh mag, ist, dass wir was zum Essen haben. Ich hasse, dass man raucht …“
Der Besuch des Bundespräsidenten und seiner Ehefrau wurde zu einem großen Fest. Im Treppenhaus holte Regina ihre Gitarre heraus und dann wurde gesungen. Auf dem Schulhof wurde getrommelt, dabei haben besonders einige sehr talentierte Schüler aus Rumänien alle beeindruckt. Als sie ihr Stück gespielt hatten, ging einer der Trommler auf die Besuchergruppe zu, den Bundespräsidenten mit seinen Bodyguards und den zahlreichen Begleitern aus Politik und Medien und fragte:
„Und wer ist hier jetzt der Präsident?!“
Zusammen mit den Bildern der Kinder hat Regina dem Bundespräsidenten einen Informationsbrief über die Katholische Grundschule Henriettenstraße überreicht. Nach der Reise sollte er in Ruhe zu Hause lesen können, welche Unterstützung sie vor Ort bräuchten, wie das Schulsystem sich öffnen sollte, damit alle Kinder echte Chancen haben, sich einen guten Platz in der Gesellschaft zu erarbeiten.
Frank-Walter Steinmeier war beeindruckt. In „Stimmen der Demokratie“, einer Sammlung von Erfahrungsberichten von dieser Deutschlandreise mit seiner Ehefrau Elke Büdenbender, schreibt er später auch von dieser Begegnung in Marxloh.
Bildung sei ihm ein besonderes Anliegen, so beginnt er seinen Bericht über seine Eindrücke dieses Schulbesuches. „An der Städtischen Katholischen Grundschule in Duisburg-Marxloh beispielsweise habe ich erlebt, wie greifbar groß und vielschichtig die Herausforderungen sind, aber auch, dass sich die Lehrkräfte, allen voran die engagierte Schulleiterin Regina Balthaus-Küper, nicht entmutigen lassen.“ Und er zitiert die Schulleiterin unter anderem mit ihrem Appell an die Politik: „Duisburg-Marxloh hat schon oft seine Integrationsfähigkeit bewiesen, angefangen bei den sogenannten Gastarbeitern, die seit den 1950er-Jahren ins Ruhrgebiet kamen. Heute (2017) haben fast drei Viertel der Einwohner im Stadtteil und fünfundneunzig Prozent unserer SchülerInnen eine Zuwanderungsgeschichte. (…) Deshalb sind wir dankbar, wenn die Politik den Bedarf anerkennt, auch wenn die nötigen Fachkräfte nicht von heute auf morgen zur Verfügung gestellt werden können. Ich glaube, die Erkenntnis setzt sich langsam durch:
Bildung unter den aktuellen Umständen gelingt nur als große, wirklich große Kraftanstrengung, mit deutlich mehr Zeit, mit mehr Investitionen und mit dem Mut, neue Wege zu gehen. Wir sind dazu bereit, aber wir brauchen Unterstützung.“
Auch Elke Büdenbender schildert ihre beeindruckenden Erfahrungen im Unterricht der KGS Henriettenstraße und kommt zu dem Ergebnis: „Sozialarbeit an den Schulen braucht nicht nur eine breitere fachliche Fundierung, sie braucht auch eine neue Intensität, wenn in den Unterrichtsstunden Zeit für die eigentlichen Inhalte bleiben soll. Zwischen den Bildungsträgern und Budgetverantwortlichen in der Politik hat diese Diskussion längst begonnen, aber sie muss einen gesamtgesellschaftlichen Widerhall finden, um echten Wandel zu bewirken.“
(aus: „Stimmen der Demokratie. Begegnungen auf einer Deutschlandreise“ von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Herausgeber: Bundespräsidialamt, Berlin, Juni 2018)
Kapitel 2:
Typisch Kohlenpott – mein Vater
„Wir lieben Klaviermusik!“, erklären mir die Jugendlichen aus der Oberstufe des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums – die mit Kopftuch und die ohne, egal, ob sie als Muttersprache Arabisch, Türkisch, Marokkanisch, Syrisch, Kurdisch, Bulgarisch, Rumänisch, Deutsch oder Libanesisch sprechen. Ein großer Teil dieser Verliebtheit geht mit Sicherheit auf die beiden jungen Pianisten zurück, die am Klavier live die Tanz-Performances begleiten, Fabian Müller und Lorenzo Soulès.
Nach dem ersten Besuch des Education-Projektes in der KGS Henriettenstraße komme ich nun regelmäßig nach Marxloh. Es macht mir Spaß, den Stadtteil und seine BewohnerInnen wieder zu entdecken und zu beobachten, wie sich die Projekte des Klavier-Festivals Ruhr entwickeln. Als ich zum wiederholten Mal bei den Proben auftauche und immer wieder nachfrage, was die Arbeit in den Projekten vom Schulalltag unterscheidet, kommt eine Gruppe der älteren Mädchen des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums entschlossen auf mich zu: „Dürfen wir Sie auch mal was fragen?“
„Gern!“
„Sie denken doch auch, wir sind hier die Ghetto-Kinder?!“
„Nein!“
Meine Antwort kommt so spontan und so tief aus dem Herzen, dass die Mädchen des Tanzprojektes aufhorchen.
Ich erzähle ihnen, dass ich mir nicht vorstellen konnte, was das Klavier-Festival Ruhr in Marxloher Schulen macht. Dass ich neugierig bin und im Kulturprogramm des Hörfunks über das „Sacre du Printemps“-Tanzprojekt berichten möchte. Recherchen durch die Medien kennen sie schon, erzählen mir die Mädchen, aber gerade erst hätten sie wieder erlebt, dass man ihnen nicht richtig zuhört. Da wurden sie nach ihren Zukunftsplänen gefragt und ein Mädchen hat geantwortet, dass sie gern in Essen oder vielleicht auch in Berlin studieren würde. In der Zeitung musste sie später lesen „Nix wie weg hier!“. Sie war schockiert. So hatte sie das gar nicht gemeint. Die SchülerInnen mussten schon häufiger die Erfahrung machen, dass ihre Antworten zurechtgebogen werden für ein Bild, das sie selbst so gar nicht haben. Sie fühlen sich ausgenutzt: als Stichwortgeber für Gedanken und Aussagen, die sich über das Thema Marxloh in Verbindung mit Migrationshintergrund und Integration gut verkaufen lassen. Die JournalistInnen – so empfinden es die Jugendlichen – wollen von ihnen Geschichten von Gewalt und Diskriminierung hören, von Problemen und kulturellen Brandbeschleunigern, weil sie Aufmerksamkeit und Platz in den Medien garantieren. Mit ihrem Lebensgefühl aber hat das gar nichts zu tun. Nun verstehe ich die leichte Skepsis mir gegenüber. Journalistin? Vorsicht! Erst mal abwarten.
Ich bin so betroffen, dass ich mich aus der Reserve locken lasse und persönlich werde: „Nein!“, sage ich energisch. „Das ist nicht meine Einstellung. Ich möchte gern wissen, wie man heute hier lebt, allein schon, weil mich der Duisburger Norden geprägt hat.“
Der Gebetsteppich
Und dann erzähle ich: dass ich im Stadtteil nebenan in Walsum geboren und aufgewachsen bin. Dass ich bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr hier gewohnt habe und bis heute regelmäßig komme, weil mein Elternhaus hier steht und ich meine Mutter besuche. Sämtliche Veränderungen von Marxloh habe ich miterlebt: Marxloh, das war in meiner Kindheit unser Einkaufsparadies. Hier habe ich meine erste lange Hose bekommen und das schönste Kleid, das ich als Jugendliche je hatte. Und dann berichte ich von meinem Vater. Als Anfang der 60er-Jahre die ersten Gastarbeiter für das Ruhrgebiet angeworben wurden, war mein Vater Fahrsteiger auf der Kokerei Friedrich Thyssen 4/8 in Duisburg-Hamborn, in dem Stadtbezirk, zu dem auch Marxloh gehört. Er war Sicherheitsbeauftragter des Betriebes und bekam fast einen Herzinfarkt, als er einen türkischen Arbeiter in Gebetshaltung auf einem kleinen Teppich vor der Batterie antraf, wo die Öfen gerade mit tausendzweihundert Grad gedrückt wurden und aus den Türen, die sich nie zu hundert Prozent schließen lassen, die glühende Kohle Funken sprühte.
Mein Vater riss den Mann dort weg: „Das ist gefährlich, du kannst ganz schnell in Flammen stehen!“
Man kann sich gut vorstellen, dass dieser Vorfall in den nächsten Tagen für erheblichen Gesprächsbedarf sorgte. Mein Vater suchte nach einer Lösung für den praktischen Betrieb: Wie könnte man es unter Berücksichtigung des Arbeitsablaufs und sicherheitstechnischer Auflagen einrichten, dass alle, die während der Arbeitszeit Raum und Zeit fürs Gebet gen Mekka möchten, sie auch bekommen?
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