Beschreibung

Angesichts von "Flüchtlingskrise", fremdenfeindlichen Ausschreitungen und IS-Terror in Europa scheint eine erfolgreiche Symbiose aus den Kulturen des Morgen- und Abendlandes völlig außer Frage. Dabei gab es eine Zeit in Europa, in der Muslime, Christen und Juden nicht immer harmonisch, aber doch weitgehend kooperativ zusammenlebten sowie gemeinsam das Wissen der Welt vergrößerten und bewahrten. Die drei Religionen durchdrangen sich in einer fruchtbaren Zusammenarbeit, die ihresgleichen sucht. Die Rede ist von Emiren und Kalifen der Mauren, die zwischen 711 und 1492 auf der iberischen Halbinsel regierten. Auch wenn nicht alles vergleichbar bzw. übertragbar in die Gegenwart ist, kann aus der Geschichte dennoch etwas gelernt werden? Auf jeden Fall! So zeigt Albert Stähli in seinem neuen Buch "Die Mauren – Meister der Toleranz, Vielfalt und Bildung", dass schon die maurischen Herrscher eine Lösung für multikulturelle Gesellschaften gefunden hatten: Toleranz, Bildung und Glaubensfreiheit. Er zeichnet die Erfolgspfeiler der arabischen Geschichte in Andalusien nach – Bildung, Kunstsinn und Kulturschaffen – und setzt die Integrationsstrategien der islamischen Herrscher in Bezug zur aktuellen Debatte über Migration und Integration. Dabei stellt er sich der Frage, wie eine moderne Gesellschaft unter den Vorzeichen von Globalisierung, Digitalisierung und Individualismus wieder neue Blüten entfalten kann.

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Seitenzahl: 168

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Albert Stähli

DIE MAUREN

Meister der Toleranz, Vielfalt und Bildung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Albert Stähli

Die Mauren

Meister der Toleranz, Vielfalt und Bildung

Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Frankenallee 71–81

60327 Frankfurt am Main

Geschäftsführung: Oliver Rohloff

1. Auflage

Frankfurt am Main 2016

ISBN 978-3-95601-239-6

Copyright

Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Frankenallee 71–81

60327 Frankfurt am Main

Umschlag

Julia Desch, Frankfurt am Main

Satz

Wolfgang Barus, Frankfurt am Main

Titelbild

Julia Desch

Der Schriftzug auf dem Titelbild steht an den Wänden der maurischen Burg Alhambra in Granada und heißt übersetzt

„Es gibt keinen Sieger außer Allah“.

E-Book-Herstellung

Zeilenwert GmbH 2017

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, vorbehalten.

Für Nada, Esther und Elisabeth

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Kapitel 1Im Namen des einen Gottes

Eine Einführung

Kapitel 2Allahu Akbar!

Von der kühnen Eroberung Hispaniens bis zum Untergang der Kulturhauptstadt Córdoba

Kapitel 3Santiago!

Die Reconquista und das unrühmliche Ende der maurischen Herrschaft in Iberien

Kapitel 4Der Paradiesgarten von al-Andalus

Leben und Sterben auf der iberischen Halbinsel

Kapitel 5Kunst und Kultur im maurischen Spanien

Leuchtturm Europas in Wissenschaften, Philosophie, Medizin

Kapitel 6Was wir von den Mauren lernen können

Toleranz, Diversität, Großzügigkeit – und lehre den Nachwuchs alles, was dein Werk braucht, um zu wachsen

Kapitel 7Blick zurück im Dank

Abbildungsnachweise

Literatur

Der Autor

Hinweise

Seit jeher werden die arabischen Schriftzeichen auf unterschiedliche Weise ins Lateinische transkribiert. Der besseren Lesbarkeit halber wird in diesem Buch auf Akzente und Apostrophe außerhalb von Zitaten verzichtet und die gängige latinisierte Variante der arabischen Namen verwendet. Dabei bleibt die Aufteilung in Namensbestandteile weitgehend erhalten.

Kapitel 1

Im Namen des einen Gottes

Eine Einführung

Zwischen 711 und 1492 gehörte der Islam zu Europa. Fast acht Jahrhunderte lang regierten Emire und Kalifen im Südwesten des christlichen Abendlandes, auf der iberischen Halbinsel, die sich heute Spanien, Gibraltar, Portugal und Andorra teilen. Den Herrschern im Hispanien dieser Epoche galt nicht die Bibel als Buch der Bücher, sondern die Botschaft des Korans, der den Anspruch erhob, alle Lebensbereiche, religiös wie weltlich, neu zu bestimmen. Verkündet wurde er um das Jahr 610 von Mohammed, einem gut angesehenen und redegewandten Kaufmann aus Mekka. Erzengel Gabriel hatte ihn der Überlieferung zufolge zum Gesandten Allahs erkoren. Mohammed tat, wie ihm geheißen, und das Wort des Propheten griff um sich wie ein Feuersturm. Es sprang von Herz zu Herz und raste in einem einzigen Menschenalter über einen Raum, der vom Ufer des Indus über Nordafrika bis zum Atlantik reicht.

Um die entflammende Wirkung der Lehre Mohammeds verstehen zu können, muss man wissen, dass die Hauptstadt der Provinz Mekka in der Region Hedschas nach dem Zerfall des jemenitischen Reiches wirtschaftlich und kulturell eine zentrale Stellung innerhalb Arabiens innehatte. Mekka bewahrte zahlreiche Heiligtümer, allen voran die Kaaba, ein fensterloses, würfelförmiges Gebäude im Hof der Hauptmoschee, das nach islamischer Auffassung erstmals vom Propheten Adam errichtet und später vom Propheten Abraham wiedererbaut wurde. Es ist historisch gesichert, dass die Kaaba schon in vorislamischer Zeit ein zentrales Heiligtum der arabischen Stämme des Umlandes war. In ihrer südöstlichen Ecke befindet sich ein schwarzer Stein – möglicherweise ein Hadschar (Meteorit), den der Überlieferung nach der Prophet Abraham vom Erzengel Gabriel empfing.

Nach Mohammeds Tod im Jahr 632 traten orthodoxe Kalifen (auf Arabisch bedeutet „chalifa“ Nachfolger) an seine Stelle. Sie setzten das Werk des Religionsstifters fort und festigten es, indem sie Persien, Syrien und Ägypten eroberten. So entstand ein großes, theokratisch geprägtes Reich, in dem der Kalif im Namen Allahs die islamische Gemeinschaft politisch und religiös einte.

Was der Koran die Gläubigen lehrt

Die Lehre des Islam (arabisch: Ergebung in Gott) wird durch den Koran (Lesung, Rezitation) bestimmt. Er ist in einer speziellen Reimprosa abgefasst und besteht aus 114 Suren, die wiederum eine unterschiedliche Anzahl an Versen umfassen.

Neben der göttlichen Botschaft enthält der Koran Verhaltensregeln für das Leben in Gesellschaft und Familie. So bildet er die wichtigste Grundlage der islamischen Gesetzgebung. Eine zweite kam später hinzu. Weil nicht alle Lebensbereiche im Ursprungskoran erfasst sind, wurde das Werk noch zu Lebzeiten Mohammeds um Aussprüche und Taten des Propheten sowie seiner Gefährten und Nachfolger ergänzt. Man nennt dies die islamische Tradition (Sunna).

Der Koran gibt die Pflichten eines gläubigen Muslims enumerativ an. Es sind dies: (1) das Glaubensbekenntnis („Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet“), (2) das fünf Mal am Tag zu verrichtende Gebet (salat), (3) die Almosenabgabe (sakat), die von einer ursprünglich freiwilligen Gabe in eine Steuer umgewandelt wurde, (4) das Fasten im Monat Ramadan (saum) von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sowie (5) die Hadsch, die mindestens einmal im Leben durchzuführende Pilgerfahrt nach Mekka.

Die Gemeinschaft aller Muslime bildet das sogenannte Haus des Islam (Dar al-Islam), die der Nichtmuslime das Haus des Krieges (Dar al-Harb). Das führt zum Begriff des Dschihad (Heiliger Krieg). Anders als es kämpferische Islamisten verstehen und glauben machen wollen, ist der Dschihad aber kein Pfeiler des Islam. Denn es lebten und leben viele nichtmuslimische Völker unter seiner Herrschaft, darunter Juden und Christen, die mit Verweis auf gemeinsame Wurzeln mit dem Islam einen Sonderstatus genossen und genießen.

Wie die Korona eines Sterns entzündete die Lehre Mohammeds bei ihrer Verbreitung durch Zeitzeugen und Mitstreiter die Begeisterung der Menschen. „Was das Faszinierende am Koran auszumachen scheint, ist die Mischung von vertrauter, völlig verständlicher Rede mit Unvertrautem, nie in dieser Weise Gehörten“, mutmaßt der Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin, schreibt dieses Faszinosum vor allem dem Propheten selbst zu und verweist auf zeitgenössische Quellen, die den „Zauber in der Rede“ loben.

Inhaltlich richtet sich die neue Religion entschieden gegen den damals in Arabien herrschenden Polytheismus und die Verehrung von Götzenbildern. Bereits vor Mohammeds Erleuchtung hatten die beduinischen Einwohner Zentralarabiens den Hochgott al-ilah als Schöpfer der Welt verehrt. Sein Wirken wurde von dem einer ganzen Reihe anderer Götter umrahmt. Sehnten sich die Araber womöglich nach einer singulären Licht- und Hoffnungsgestalt, wie sie Mose im jüdischen und Jesus im christlichen Glauben verkörperten? „Bis heute gibt es keine restlos überzeugende historische Erklärung für den ungeheuren Erfolg von Mohammeds Auftreten und die dadurch initiierte rasche territoriale Ausbreitung des Islams“, lässt Bobzin die Frage offen. Der Islam habe sowohl altarabische als auch jüdische und christliche Elemente in sich aufgenommen, verkörpere aber gleichwohl etwas völlig Neues, „das in keiner Weise als bloße Summe altarabischer, jüdischer und christlicher Einflüsse verstanden werden kann.“ (Bobzin, H., 2000/2011, S.52)

Nach dem Tode Mohammeds spaltet sich die islamische Urgemeinde (umma). In der einen politischen Partei (Schia) sammeln sich die Anhänger Alis (Schiiten genannt), des Schwiegersohns Mohammeds und vierten Kalifen. Die andere (Sunna), der Tradition des Propheten stärker verbundene Gruppierung, geht zurück auf Muawija, den Begründer der Umayyadendynastie. Die bis heute zahlenmäßig weit überlegenen Sunniten stellen den orthodoxen Flügel im Islam, nach Ali die Abfolge der arabischen Kalifen in den Dynastien der Umayyaden und Abbasiden und später auch die osmanischen Sultane, welche die Nachfolge der Kalifen von Bagdad antraten (vgl. Buchta, W., 2004, S.11ff.). Nach dem islamischen Schisma entstanden um bedeutende geistliche Führer herum weitere islamische Sekten, deren politische Bedeutung aber nicht an die der Schiiten und Sunniten heranreicht.

Der Koran trifft auf die Bibel

Im siebten Jahrhundert, während sich die christlichen Franken zur bedeutendsten Macht in Westeuropa formieren (vgl. Stähli, A., 2015a) und den byzantinischen Kaisern im Osten mit den arabischen Völkern ein neuer Gegner erwächst, fällt Mohammeds Botschaft im arabischen Raum auf fruchtbaren Boden. Binnen weniger Jahrzehnte nehmen Arabien, Syrien, Persien, Ägypten, die Levante sowie die von Berbern besiedelten Regionen des Maghreb den neuen Glauben an. Doch weit entfernt vom Brandherd auf der arabischen Halbinsel, an den südwestlichen Gestaden des Mare Nostrum, des Mittelmeeres, leben Menschen fremder Art. Sie glauben an Gott, dessen Sohn Jesus und den Heiligen Geist, folgen der Bibel und sind vom Ruf Allahs nicht berührt. Die Meeresstraße, die Karthago von Sizilien scheidet, und die Meerenge, die zwischen Afrika und dem spanischen Festland liegt, sind für die Ausbreitung des Islams nicht nur natürliche, sondern auch geistige Grenzen. Und doch werden sie überwunden – an ihrer schwächsten Stelle.

Am Gegenufer Nordwestafrikas liegt die spanische Küste. Aus südlicher Sicht beginnt hier das Reich der Westgoten. Sie sind ein kriegerisches Volk, das vielen germanischen Völkern Niederlagen bereitet hat. Die Westgoten haben gegen Hunnen, Burgunder, Franken, Vandalen, Alanen und Sueben gefochten und ihre Erfolge allein nach der Kopfzahl der getöteten Feinde bemessen. Kampfeswütig haben sie einen Großteil der Vandalen fast vollständig vernichtet, die Sueben teils in die Bergwüste Asturiens und Galiciens gehetzt, teils nach Nordafrika vertrieben, freie Bauern zu Knechten gemacht und sich in internen Machtkämpfen ihrer eigenen Adligen entledigt. Die iberische Halbinsel gehört ihnen, aber es drohen Gefahren. Zu Beginn des 8. Jahrhunderts preschen im Norden die Franken heran, die Sueben erheben sich, und dem westgotischen König Roderich erwächst mit dem Fürsten Agila ein Gegenspieler. Als die Anhänger Mohammeds an der afrikanischen Küste zum großen Sprung ansetzen, ist das westgotische Spanien bis ins Mark geschwächt. Ringsum nur versengte, in endlosen Bruderkriegen leer geblutete Gaue. Jetzt, in der Stunde der furchtbaren Bedrohung, fehlen ihnen die Bundesgenossen.

Zu dieser Zeit – wir stehen an der Wende des 7. zum 8. Jahrhundert – ist die Botschaft des Korans bis weit zu den Berberstämmen in Nordafrika vorgedrungen. Sie leben als Bauern und Handwerker oder ziehen als Nomaden durch die kargen Landstriche des Maghrebs. Bereits die Römer hatten es in Nordafrika oft mit plündernden Stämmen zu tun gehabt, die man „Mauri“ oder „Marusier“ (möglichweise von griechisch mauros, dunkel) nannte. Während des Zerfalls des weströmischen Reiches in der Spätantike hatten sich kleine, maurische Fürstentümer gebildet, mit denen sich schon die Vandalen und das Exarchat von Karthago auseinandersetzen mussten. Erst den muslimischen Arabern gelingt es, die kämpferischen Berber, die nun den Islam annehmen, zu kontrollieren und als Bundesgenossen für ihren Feldzug gegen die „Ungläubigen“ jenseits der Straße von Gibraltar zu gewinnen.

Von den Berbern zu den Mauren

Der Begriff „Mauren“ wird heute im Deutschen für die Gesamtheit der muslimischen Bewohner von al-Andalus in der Zeit von 711 bis 1492 verwendet: Das islamische Spanien entspricht dem maurischen Spanien. Im engeren Sinne gilt dieser Terminus aber ausschließlich als Bezeichnung für die aus Nordafrika nach Iberien gekommenen Berber. Franz Wördemann (1985) präzisiert noch weiter, wenn er das Wort „Mauren“ nur für die iberischen Muslime ab dem zehnten Jahrhundert anwendet, weil sich ab jener Zeit Zugehörigkeitsgefühl und Identität nicht mehr über die ethnische Abstammung definieren, sondern vielmehr über die Region, in der man lebte. Wissenschaftlich ist diese idealisierende Definition allerdings nicht haltbar. Vor allem das berberische Element hat für viele Jahrhunderte seinen identitätsstiftenden Charakter beibehalten und besonders bei den Dynastien der Almoraviden und Almohaden (siehe Kapitel 3) noch an Wichtigkeit zugenommen.

Doch zurück zu den Anfängen. Nicht nur die fruchtbare Region des südlichen Hispaniens und die junge, begeisternde Religion treiben Araber und Berber über das Meer und auf das ihnen unbekannte Land. Es geht auch gegen die Herrschaft von Byzanz, das sich bislang auf den Meeren übermächtig zeigt, den Ost-West-Handel kontrolliert und deshalb viele Feinde hat. Im Zweistromland, in der Kyrenaika, in Karthago erheben sich die Völker gegen den oströmischen Kaiser. Der Wasserweg nach Byzanz liegt offen vor den arabischen Flotten. Zypern und Rhodos sind bereits gefallen. Schon stehen arabisch-islamische Truppen weiter im Osten als einst der große Alexander, und sogar das Pandschab brennt. Aber auch westwärts, entlang der nordafrikanischen Küste, flammen die Dörfer auf, und langsam dringen die Eroberer gegen den Atlantik vor. Nun beginnen die Streiter Allahs auch hier, Schiffe zu bauen. Und die Reiter der Wüste erweisen sich plötzlich als tüchtige Seeleute und führen den Kampf auf den Planken von wendigen Hochseeschiffen fort.

Das ist die Ausgangslage, bei der die hochdramatische Geschichte um Glauben gegen Glauben, Toleranz gegen Intoleranz, Moscheen gegen Kathedralen und Kalifenwürde gegen Königskrone einsetzt. In ihrer Folge wird die iberische Halbinsel knapp achthundert Jahre lang eine islamische Enklave sein, zunächst ganz, später nur im sonnenverbrannten Süden. Doch im maurischen Andalusien entflammen die Feuer nicht, die nach der Zurückeroberung Spaniens durch die katholischen Könige Ferdinand und Isabella die Scheiterhaufen der Welt in Brand setzen werden. Diese besonders dunkle Epoche des Christentums hebt erst an, nachdem der letzte Muslim zwangsgetauft oder aus Spanien vertrieben und der letzte Koran in al-Andalus dem Feuer übergeben worden ist.

Kapitel 2

Allahu Akbar!

Von der kühnen Eroberung Hispaniens bis zum Untergang der Kulturhauptstadt Córdoba

Es beginnt wie ein ganz normaler Raubzug. Ghassiya oder, abgeleitet davon, Razzia heißen die plötzlichen Überfälle der nordafrikanischen Reiternomaden, bei denen sie vor allem christliche Sklaven verschleppen, aber auch gern Wertsachen, Hausgerät und Vieh erbeuten. Jeder Bewohner im Maghreb, ob Besitzender oder besitzloser Sklave, fürchtet sich vor den wilden Horden, denn sie nehmen alles und schonen dabei nur selten ein Leben, das sich ihnen in den Weg stellt. Diese Razzia unter der gleißenden Julisonne des Jahres 710 jedoch ist besonders. Sie wird Geschichte schreiben.

Denn als sich der Berber Tarif Abu Zura mit 500 Mann von Afrika aus über das Mittelmeer in das von den Westgoten beherrschte Südspanien aufmacht, wird sein Trupp zur Vorhut einer Invasion, die Hispania, so der lateinische Name der iberischen Halbinsel, für Jahrhunderte beherrschen wird. Davon ahnt Tarif freilich nichts, als er mit seinen Gesellen auf christlicher Erde raubt und plündert und anschließend mit reicher Beute nach Afrika zurücksegelt. Am Ufer angelangt, dankt er seinem Gott für die geglückte Überfahrt, schwingt sich auf sein Pferd und eilt zu seinem Zeltlager. Doch 20 Seemeilen entfernt, am südlichen Rand Westeuropas, wird man den Namen des ersten muslimischen Eindringlings niemals vergessen. Tarifa heißt bis heute der Ort am windumtosten Ende Europas, an dem Tarif, der Berber, einst sein Lager aufschlug.

Der Reichtum Andalusiens ist verlockend für die Araber, zumal er kaum gesichert ist. Bereits auf dem ersten Streifzug durch al-Andalus wird ihnen klar, dass das Land politisch zerrissen und in seiner Identität fragil ist. Die dunkelhäutigen, bärtigen Männer treffen auf eine einheimische Bevölkerung von Kelten und Iberern, die gegen die fremden westgotischen Herrscher opponieren, auf widerwillig getaufte Juden und auf schwache Fürsten, die Gewalt wenig entgegenzusetzen haben. Die Chancen auf Beute stehen gut. Es braucht nur einen Mutigen, der sie ergreift und zu nutzen versteht.

Die Eroberung von al-Andalus im Handstreich

Im Jahr darauf ist der gefunden. Tariq Ibn Ziyad, Gouverneur von Tanger, überquert mit rund 7000 Soldaten im Gefolge die schmale Meerenge zwischen Nordafrika und der iberischen Halbinsel. Von Ceuta aus segelt er auf einen hoch aufragenden Felsen auf dem europäischen Festland zu. Dschabal Tariq, Berg des Tariq oder Gibraltar wird dieser Vorposten im äußersten Südwesten Europas bis heute genannt.

Abbildung 1: Tariq Ibn Ziyad

Entgegen dem ausdrücklichen Befehl seines Vorgesetzten Musa Ibn Nusair, dem arabischen Statthalter der römischen Provinz Ifriqiya – von der sich übrigens das Wort „Afrika“ ableitet –, dringt Tariq Ibn Ziyad immer weiter in das Festland vor. Die Westgoten sind alarmiert. Rasch eilt der in Toledo residierende König Roderich (Rodrigo) mit seinen Soldaten herbei, um sich den heranstürmenden Berbern entgegenzustellen. Am 28. Ramadan des Jahres 92 (nach christlicher Zeitrechnung 711) kommt es am Rio Barbate zwischen Cadiz und Sevilla zu einer entscheidenden Schlacht. Roderichs Heer wird vernichtend geschlagen, er selbst getötet.

Rodrigo und Cava Florinda: Eine mittelalterliche False Flag-Operation?

Der Sage nach hat Tariq Ibn Ziyad einen triftigen Grund, Roderich persönlich zu bekämpfen. Graf Julian, Gouverneur der seit 616 von den Westgoten regierten nordafrikanischen Stadt Ceuta, hatte wenige Jahre zuvor seine Tochter Cava Florinda an Roderichs Hof nach Toledo gesandt. Der König fand Gefallen an dem schönen jungen Mädchen, missbrauchte und schwängerte sie. Um sich für diese Schmach zu rächen und um die Ehre seiner Tochter wiederherzustellen, hatte sich Julian mit Tariq Ibn Ziyad gegen Roderich verbündet. Ob in dieser Geschichte ein wahrer Kern steckt, ist umstritten. Viele Forscher bezweifeln, dass es Julian je gegeben hat. Auch sei Ceuta nie wirklich westgotisch gewesen, sondern immer byzantinisch.

Trotzdem greift das Rachemotiv um sich, wird geglaubt und liefert beiden Seiten Rechtfertigungsgründe für den Kampf. Für die hispanischen Christen ist Julian ein ehrloser Verräter, der das Abendland den Muslimen ausliefert. Die Muslime wiederum verachten in Roderich die angebliche Verderbtheit und Dekadenz der Westgoten.

Nach dem Sieg über Roderich kann Tariq ohne größeren Widerstand die Stadt Toledo einnehmen. Die westgotische Besatzungsmacht hat ihm wenig entgegenzusetzen. „Von inneren Auseinandersetzungen geschwächt, häufig von schwachen Königen regiert, zu gering an Zahl, geradezu verloren in der Masse der einheimischen Bevölkerung, werden die Westgoten zur leichten Beute für kühne und landhungrige Krieger.“ (Clot, A., 2002, S.19) Die überlebenden Adligen fliehen nach Norden oder unterwerfen sich den neuen Machthabern, um ihre Privilegien, ihren Reichtum und ihre Macht zu sichern. Tariq bekommt Unterstützung durch 18.000 vorwiegend arabische Soldaten unter Führung von General Musa Ibn Nusair. Es ist ein starkes, ein kämpferisches, ein hochmotiviertes Heer, denn im Diesseits winken Schätze und im Jenseits die Belohnung durch Allah. Innerhalb weniger Jahre gerät fast die gesamte iberische Halbinsel unter muslimische Vorherrschaft.

Die Mauren etablieren sich auf der Halbinsel zwischen Mittelmeer und Atlantik

Wer darüber staunt, hat tatsächlich allen Anlass dazu. Zumal die Ausdehnung des Islams auf Südwesteuropa keiner Regieanweisung eines mächtigen Kalifen weit im Osten folgt, sondern allein auf die Neugier, Raublust und Verwegenheit der arabischen Heerführer zurückzuführen ist. Als Musa und Tariq auf spanischem Boden zusammentreffen, kommt es denn auch zum Streit. Musa wirft seinem Untergebenen vor, wider seinen ausdrücklichen Befehl gehandelt zu haben. Tariq kann ihn mit einem Teil der Beute beschwichtigen, und fortan gehen die beiden vereint vor.

Musa ist es, der die entscheidenden Weichen stellt, um in den eroberten Regionen eine feste Herrschaft der Mauren zu etablieren. Denn so werden die muslimischen Invasoren fortan heißen, ganz gleich, ob sie Abkömmlinge eines arabischen Hauses oder eines nordafrikanischen Berbervolkes sind. Musa ist fest entschlossen, in Hispanien zu bleiben, der Fülle und Schönheit des Landes wegen und um die Christen zum einzig wahren Gott Allah zu bekehren. „Ab 714 herrschte sein Sohn ‘Abd al-‘Azîz ibn Mûsâ als wâlî, als Gouverneur in Stellvertretung des Kalifen, über al-Andalus. Von nun an ging es nicht mehr um Beutezüge, sondern um die Errichtung eines stabilen islamischen Staatswesens.“ (Bossong, G., 2007, S.15) Die Araber konzentrieren sich vor allem auf den südlichen Teil der Halbinsel. Allerdings unternehmen sie immer wieder Vorstöße nach Norden. Es gelingt ihnen sogar, über die Pyrenäen bis ins Frankenreich vorzudringen. Jedoch fassen sie weder in Nordspanien noch in Südfrankreich langfristig Fuß.

Der Kalif misstraut den Führern seines Heeres

Zunächst aber muss sich Musa vor dem wichtigsten arabischen Machthaber seiner Zeit für seine eigenmächtigen Eroberungen rechtfertigen. Kalif Walid ist unangefochtener Herrscher über die wachsende Gemeinschaft der Muslime und somit auch der Befehlshaber Tariqs und Musas. Er zitiert seinen Statthalter nach Damaskus und fordert Rechenschaft für den tollkühnen Eroberungsfeldzug. Als Stellvertreter Allahs auf Erden sorgt sich der Kalif um eine zahlenmäßige Schwächung des arabischen Führungspersonals in den eroberten Gebieten Nordafrikas. Dieser Aderlass, so fürchtet er, könnte das Vordringen des Islams verlangsamen.

Abbildung 2: Vorstöße der Mauren auf fränkisches Gebiet im frühen 8. Jahrhundert

Obwohl die wagemutigen Krieger kostbares Beutegut im Gepäck haben, empfängt sie der Kalif mit unverhohlener Ablehnung. Walid wie später auch sein Nachfolger Soliman misstrauen den afrikanischen Gesandten. Die Konsequenzen: Musa verliert seinen Posten als Gouverneur Nordafrikas, Tariq wird entmachtet. Beide sterben einsam und ohne Anerkennung fern des Landes, das sie für ihren Kalifen in Damaskus in Besitz genommen haben. Die muslimische Herrschaft in al-Andalus aber bleibt lebendig – ebenso wie der Eroberungsdrang der Männer aus Afrika, die mit Gebetsmatte und Schwert von weither über das Meer gekommen sind.

Der Franke Karl Martell setzt dem Eroberungszug der Mauern bei Poitiers ein Ende

Immer wieder stoßen die Mauren ins nördliche Spanien vor. Wiederholt überschreiten sie die Pyrenäen und bringen sogar bevölkerungsreiche Städte wie Narbonne, Tours und Toulouse in ihre Gewalt. Doch zu ihrer Überraschung regt sich im Norden weit größerer Widerstand als im Süden. In den für die Araber unwirtlichen, regnerischen Bergen von Kantabrien am Golf von Biscaya fügt ihnen der westgotische Aristokrat Pelayo mit seiner Gefolgschaft eine erste Niederlage zu. Pelayo wird zum Begründer des asturischen Reiches, das bei der christlichen Wiedereroberung in ferner Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird.

Abbildung 3: Die Schlacht bei Poitiers (732)