Beschreibung

Weltmännisch, gemeinschaftsbewusst und technologische Weltspitze: Bei diesen Attributen denkt man sicherlich nicht zuallererst an die Wikinger. Dabei waren es gerade sie, die mit ihren Eroberungen und Handelszügen dazu beitrugen, dass Europa das finstere Mittelalter überwinden konnte. Lange vor Kolumbus waren die Nautik-Experten mit ihren Schiffen bereits in Amerika und kontrollierten über Jahrhunderte auch den Warenaustausch nach Asien. Neben einem historischen Blick auf die Wikinger zeigt Albert Stähli, wie Gesellschaften bis heute von den Wikingern geprägt sind und was sie von ihnen lernen können.

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Sammlungen



Albert Stähli

WIKINGER UND WARÄGER

Die Pioniere der Globalisierung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Albert Stähli

Wikinger und Waräger

Die Pioniere der Globalisierung

Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Frankenallee 71–81

60327 Frankfurt am Main

Geschäftsführung: Hans Homrighausen

1. Auflage

Frankfurt am Main 2016

ISBN 978-3-95601-235-8

Copyright

Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Frankenallee 71–81

60327 Frankfurt am Main

Umschlag

Anja Desch, F.A.Z.-Institut für Management-, Markt- und Medieninformationen GmbH, 60327 Frankfurt am Main

Satz

Wolfgang Barus, Frankfurt am Main

Titelbild

© thinkstock, Artwork: Anja Desch

E-Book-Herstellung

Zeilenwert GmbH 2017

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, vorbehalten.

Für Nada, Esther und Peter

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Kapitel 1Zur Einführung

Die Antwort des Nordens auf den Handel der Römer, Phönizier und Araber

Kapitel 2Wikinger und Waräger

Entdecker, Krieger, Händler, Staatengründer

Kapitel 3Die Gesellschaft der Nordmänner

Von der Regionalkultur zur skandinavischen Identität

Kapitel 4Händler von Thors Gnaden

Der Austausch liegt den Nordmännern im Blut

Kapitel 5Erziehung und Eliteausbildung im Einzelunterricht

Die Väter auf großer Fahrt, die Söhne bereiten sich vor

Kapitel 6Was wir von Wikingern und Warägern lernen können

Neugier auf die Welt, eine Welt voller Mut und Mut, auf Status verzichten zu können

Epilog

Das Weltkulturerbe der Wikinger

Abbildungsnachweise

Literatur

Der Autor

KAPITEL 1

Zur Einführung

Die Antwort des Nordens auf den Handel der Römer, Phönizier und Araber

„In jenem Frühling wurden längs der nordischen Küsten viele Schiffe gebaut; man teerte Kiele, die lange trocken gelegen hatten, und Buchten und Sunde spien Flotten aus, die Könige und königlichen Zorn an Bord hatten; und große Unruhe herrschte in jenem Sommer auf den Meeren.“

Das Schreckensbild, welches der schwedische Schriftsteller Frans G. Bengtsson in seinem 1941 entstandenen und weltberühmt gewordenen Wikingerepos „Röde Orm“ (1941/1993, S.213), vor uns erstehen lässt, gibt nur die halbe Wahrheit wieder. Tatsächlich waren die Wikinger, je nach besiedeltem Landstrich auch Normannen oder Waräger geheißen, ein kämpferisches Seefahrervolk. Es zog etwa zwischen 800 bis 1050n.Chr. von Skandinavien aus über die Flüsse Europas und durchkreuzte die Meere der nördlichen Hemisphäre. Dabei gründeten die rauen Nordmänner Siedlungen wie Dublin im heutigen Irland und Kiew in der Ukraine. Mit einem von keiner monotheistischen Religion eingeschränkten Blick trieben sie Handel mit Christen, Juden und Arabern und landeten schon 500 Jahre vor Kolumbus auf dem nordamerikanischen Kontinent. Gewiss, das Klischee sieht sie als mordende und brandschatzende Unholde. Historiker und Ethnologen freilich betrachten sie vor allem als unternehmungslustige Bauern, Händler, Staatengründer und Nebenerwerbs-Piraten, die sich von den reichen Kirchen- und Klösterschätzen im Süden angelockt fühlten. Und für die Fachleute für Handel und Ökonomie sind die geheimnisumwitterten Männer aus Skandinavien Nordeuropas Antwort auf die von den Phöniziern, Arabern und Römern eingeleitete Globalisierung. Mit ihren Eroberungen und Handelsreisen, ja, auch mit ihren Beutezügen trugen die Wikinger entscheidend dazu bei, das finstere Mittelalter in Europa zu überwinden und Menschen und Kontinente einander näher rücken zu lassen.

Seefahrtstechnisch über Jahrhunderte hinweg an der Weltspitze

Auf den Weltmeeren gelangen den Männern aus Dänemark, Norwegen und Schweden verblüffende seemännische Leistungen, und ihr nautisches Wissen war dem der Phönizier und Araber mindestens ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Ihre Ältesten kannten die Küstenlinien Europas ebenso gut wie ihre heimischen Wald- und Gebirgspfade. Auf hoher See orientierten sie sich an den Sternen und an geheimnisumwitterten „Sonnensteinen“ aus dem in Skandinavien vorkommenden Mineral Kalzit (oder Doppelspat), dessen lichtbrecherische Eigenschaft sie auch bei Wolken und Dunkelheit ihren genauen Standort wissen ließ. Dank dieses über Generationen erworbenen und weitergegebenen Wissens gelangten die Wikinger über den Atlantik bis nach Nordamerika, nach Spanien, Portugal und Nordafrika. Und zurück nach Hause, in den hohen Norden Europas: „Sie wußten …, daß sie zuletzt immer Land finden würden, Irland, England oder die Bretagne, wenn sie, wie der Sturm sie getrieben, nach Norden hielten.“ (Bengtsson, F.G., 1941/1993, S.110)

Mit ihren Drachenbooten lagen die Nordmänner zu ihrer Zeit technologisch an der Weltspitze: Sie waren leicht, schnell und blieben auf Kurs. Dank dieser Schiffe, einer großen Portion Neugier und grenzenlosem Eroberungsmut woben die Wikinger binnen zweieinhalb Jahrhunderten ein gewaltiges Handelsnetz, das sie an die Grenzen Europas und bis nach Amerika kommen ließ, über das Nordmeer und die Barentssee bis zu den entlegenen Handelsplätzen des heutigen Russland – wo die dort lebenden Wikinger unter dem Namen Waräger im Reich von Kiew einen neuen Staat gründeten – und über das Schwarze Meer bis hin nach Bagdad und Byzanz, das von den Wikingern Miklagård, „große Stadt“, genannt wurde. Ende des 9. Jahrhunderts lief der gesamte Handel nach Asien über diese Stadt. Über mehrere hundert Jahre wurde die Lebensader des Warenaustauschs zwischen West und Ost von den Männern aus dem Norden Europas kontrolliert.

Abbildung 1: Ihre Reisen führten die Wikinger in alle Teile der damals bekannten Welt und darüber hinaus

Globalisierung jenseits von Gut und Böse

Die Reisen der Wikinger über den sturmumtosten Nordatlantik zeugen von Wagemut, beachtlichen Navigationskenntnissen und der ruhelosen Suche nach Tauschpartnern für Holz, Edelsteine und Felle. In Nordfrankreich wurden sie als Normannen heimisch. Auf Island und Grönland gründeten sie Niederlassungen, und mit dem waldreichen „Markland“, das sie auf Labrador, und dem sagenumwobenen „Vinland“, das sie auf Neufundland fanden, drangen sie unter der Führung von Leif Eriksson bis auf den nordamerikanischen Kontinent vor. Bis ins heutige New York sollen sie nach Süden vorgestoßen sein, vermuten einige Wissenschaftler. Und doch hielten sich die Wikinger nicht lange in der Neuen Welt auf. Wie sie überhaupt nur eine Zeiterscheinung des Hochmittelalters waren: Ohne einen zentralen Machthaber, einen Kaiser oder König, ohne ein vom Christentum auferlegtes Sendungsgebot und ohne jedes Fünkchen imperialistischen Herrschaftswillens verlaufen sich die Spuren der Wikinger nach dem Jahr 1100n.Chr. im Dunkel der Geschichte.

Dennoch haben die Menschen aus dem Norden Europas tiefe Spuren hinterlassen. Seit knapp eintausend Jahren geben uns die handelsstrategischen Erkundungszüge der Wikinger wertvolle Hinweise darauf, wie man die moderne Geschichte der Außenwirtschaft fortschreiben könnte, ohne die Welt in „gut“ und „böse“, in rohstoffreich und rohstoffarm, in „uns wohlgesonnen“ und „uns nicht wohlgesonnen“ aufteilen zu müssen. Denn das Primat der Wikinger lag, Hollywood zum Trotz, eben nicht auf der unbezwingbaren Gier nach Feindesblut. Weder Kampf noch Eroberung waren ihre obersten Ziele, sondern die Entdeckung neuer Gestade und Orte, auf denen sich Handel treiben ließ. In seinem 1941 erschienenen Wikingerepos „Röde Orm“ führt uns der schwedische Schriftsteller Frans G. Bengtsson die Denk- und – im doppelten Sinne – Handelsweise der Nordmänner anschaulich vor Augen:

„Toke hatte nun die Silberwaage in der Hand und machte sich ans Rechnen. ‚Dreizehn machen mit‘, sagte er, ‚und alle zahlen gleich, ausgenommen Olof Sommervogel, der das Doppelte gibt. Auch dem größten Rechenmeister auf Gotland wäre es nicht leicht, zu sagen, was den vierzehnten Teil vom Drittel von sieben und einviertel Mark ausmacht. Aber ein Schlauberger weiß immer Rat, und die Sache wird gleich einfacher, sobald wir in Marderfellen rechnen. Dann berechnen wir den vierzehnten Teil von sechs Dutzend Marderfellen, und das ist soviel wie der siebente Teil von drei Dutzend; und es muss in ganzen Fellen gerechnet werden, denn beim Wägen verliere ich immer ein wenig, das pflegt so zu sein. Dann wird der Anteil eines jeden in Silber ebensoviel wie der Preis von sechs Fellen, und damit haben dreizehn Mann für Geringes viel Ehre gewonnen. Hier habt ihr die Waage und das Gewicht, das jeder prüfen möge, bevor ich mit dem Wägen beginne.‘ Kundige Männer prüften nun sorgfältig die Waage, denn die der Händler war oft listig eingerichtet, so daß es sich wohl lohnte, sie näher zu betrachten. Aber das Gewicht konnte nur in der Hand abgeschätzt werden, und als einige Männer dessen Richtigkeit bezweifeln wollten, erklärte Toke sich sofort mit jedem zum Zweikampf bereit, der an solchen Zweifeln festhielt. ‚Denn es gehört zum Geschäft des Händlers, daß er sich für seine Gewichtsstücke schlägt‘, sagte er, ‚und dem, der das nicht wagt, ist nicht zu trauen.‘“ (Bengtsson, Frans G., 1941/1993, S.437)

Nicht Kampf war ihr Ziel, sondern das Überleben ihrer Völker

Dieses Buch macht hinter der faktenbelegten Historie der frühen Globalisierer das rationale und utilitaristische Denken ihrer Anführer deutlich: Sie wollten handeln, um zu leben. Die Bekämpfung des Gegners war nicht ihr höchstes Ziel, und sie wollten den Sieg weder um des Sieges noch um des Himmels willen. Was die Wikinger zu ihren Hochleistungen antrieb, war urmenschlicher Erkundungsdrang, gepaart mit der Sorge um die Ihren in einer ihnen zunehmend feindlich entgegentretenden Umwelt. Denn vor rund eintausend Jahren beschnitten gewaltige klimatische Veränderungen ihren Lebensraum – ähnlich, wie es uns heute wieder bevorstehen könnte.

Das, und nicht etwa die Suche nach dem schnellen Gewinn, ließ die Wikinger nach neuen Ufern mit neuen Handelspartnern Ausschau halten. Es ging ihnen nicht um die Übermacht. Es ging ihnen um das Überleben ihrer nordischen Völker.

Einer für alle, alle für einen

Es waren und sind dies noch immer Völker mit einer für Europa eher ungewöhnlichen kulturellen Prägung. Die Nordmänner dachten nicht nur an sich selbst, sondern stets auch an die Gruppe, der sie sich zugehörig fühlten und die sie zu beschützen trachteten. Hauptgrund dafür war die spärliche Besiedlung im kargen und gefahrenreichen Norden des Kontinents. Wollte man nicht in jungen Jahren sein Leben an feindliche Krieger, wilde Tiere oder die Naturgewalten verlieren, dann mussten Familien, Sippen und Clans Seite an Seite zusammenstehen und bereit sein, einer für den anderen Hab und Gut und sogar sein Leben zu geben. Sie wussten, dass sie unter den harten Lebensbedingungen in Nordeuropa voneinander abhängig waren und deshalb einander Solidarität schuldeten. Hätten sie sich davon abgewendet, wäre das Zeitalter der Wikinger längst im Dunkel der Geschichte untergegangen. Weil sie das aber nicht taten, hat sich das Erbe bis zum heutigen Tage in ihren Nachfahren bewahrt.

Seit langem differenziert die interkulturelle Wissenschaft (vgl. Hofstede, G., 2001, und House, R. J. et al., 2001, 2004) die modernen Nationalgesellschaften nach verschiedenen Dimensionen ihrer kulturellen Genese, wie zum Beispiel Machtdistanz, Unsicherheitsvermeidung, Maskulinität versus Feminität oder individualistisches versus kollektivistisches Denken. Das Bemerkenswerte, das Wikinger mit modernen Skandinaviern verbindet: Legt man die letztgenannte Dimension unter das Brennglas, so erkennt man, dass Niederländer und vor allem Schweden als einzige Völker Europas starke Ansätze eines kollektivistischen Denkens entwickelt haben, wie es sonst in China und Japan anzutreffen ist.

Die Individualismus/Kollektivismus-Dimension Hofstedes (2001) ist wohl eine der am meisten angewendeten und besprochenen Dimensionen kultureller Prägungen. Sie fokussiert vor allem auf die Prioritätensetzung innerhalb der Gesellschaft, nämlich entweder auf das Individuum oder auf die Gruppe. In einer individualistisch ausgeprägten Gesellschaft steht der Einzelne im Vordergrund: Es ist wichtig, „seinen Weg zu gehen“, „gegen den Strom zu schwimmen“. Bezeichnend für die höchst individualistische Kultur der Nordamerikaner ist der Erfolgssong von Frank Sinatra „I did it my way“. Die Chinesen, weit entfernt von dieser Haltung, kontern mit dem Sprichwort „Der Nagel, der herausragt, wird in das Brett gehämmert“. Im Reich der Mitte steht die Gruppe als Gesamtheit im Vordergrund. Entsprechend versteht sich der Einzelne stets als Teil einer Gemeinschaft. Leistungen für die Gruppe überragen die Selbstverwirklichung der einzelnen Gruppenmitglieder. In Kulturen mit kollektivistischer Prägung wie in China, Japan und eben auch in Schweden, einem der Herkunftsländer der Wikinger, fördern Organisationen und soziale Institutionen eine Gleichverteilung der Ressourcen und ein gemeinsames Handeln. Die Menschen haben diese Prioritätensetzung verinnerlicht und stellen sie nicht in Frage.

Diese besondere mentale Verfasstheit der nordischen Menschen bildet bis heute den kulturellen und politischen Hintergrund der modernen Staatswesen Nordeuropas. Sie erklärt das hohe Maß der Solidarität aller gesellschaftlichen Gruppen, Familien wie größere Verbände, das für Skandinavien so typische kollektive Wohlfahrtsdenken und den gleichmäßigen ökonomischen Erfolg – nicht zuletzt im Welthandel.

Öffnet man sich diesem Gedanken, so folgt daraus manch erwägenswerte Empfehlung für die Entscheider der Gegenwart – und nicht zuletzt für diejenigen, die sich wie ich ein Leben lang der Aus- und Weiterbildung von Führungskräften verschrieben haben. Ich würde mich freuen, wenn die spannende Beschreibung der Wikinger den an der Verbesserung und Ausweitung ihrer internationalen Geschäfte interessierten Unternehmen und Managern mehr als eine Anregung wäre.

KAPITEL 2

Wikinger und Waräger

Entdecker, Krieger, Händler, Staatengründer

Sie sind die Schrecken der Meere. Sobald ihre Schiffe am Horizont auftauchen und der gellende Ruf „Die Wikinger!“ von den Rahen herab schallt, legen sich die schwer beladenen Kauffahrteischiffe hart in den Wind und fliehen. Oder es wird angstvoll eine andere Order gegeben: Gefechtsbereitschaft. Bis an die Zähne bewaffnen sich Kapitän und Mannschaft, denn sie wissen, dass sie es mit starken Gegnern zu tun bekommen. Das ist klug. Denn wenn erst die spitzen, in höllischen Farben bemalten Bugsprits der Langboote pfeilschnell auf die Handelsschiffe zusteuern, ist es zu spät. Auf hoher See kennen Wikinger kein Pardon.

An Land hingegen sind sie brave Handwerker, Händler, Fischer und Bauern. Ihre Schiffsbaukunst übertrifft die aller anderen Völker ihrer Zeit. Als Kaufleute bereisen sie fast die gesamte damals bekannte Welt und einige Teile, die das restliche Europa erst noch entdecken muss. Sie brandschatzen, plündern und morden – und gründen Städte, Reiche und eine der mächtigsten Dynastien des Mittelalters. Wie passt das alles zusammen? Wer waren die Wikinger?

Von der Welt der Nordmänner und -frauen zeugen zahlreiche Artefakte in Museen im gesamten Nordeuropa, von Island bis Russland, von Norwegen bis Norddeutschland. Wir wissen viel über dieses Volk, noch viel mehr aber glauben wir zu wissen – aus den Legenden des Mittelalters, den Berichten römischer, englischer und deutscher Geschichtsschreiber, aus Sagen und Mythen. Die neuere historische Wissenschaft ist vorsichtig geworden mit sicheren Erkenntnissen über die Wikingerzeit. Zu vieles, das man als gesichert annahm, erwies sich anhand jüngerer archäologischer Funde als fragwürdig. Für zahlreiche Klischees – zum Beispiel das der Drachenboote oder der gehörnten Helme –, die fest zum populärwissenschaftlichen Bild der Wikinger gehören, fanden sich gar keine oder keine beweiskräftigen archäologischen Zeugnisse.

Wikinger – ein Name so rätselhaft wie das Volk

Auch die Herkunft ihres Namens ist nicht etymologisch verbürgt. Vermutlich haben sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte verschiedene Bedeutungen und Ableitungen vermischt. „Die Bezeichnung Wikinger (altnordisch vikingr bedeutet Wikinger, viking ist die Wikingerfahrt) ist älter als die Wikingerzeit. Der früheste Beleg stammt aus einem altenglischen Text des 7. Jahrhunderts. Er bezieht sich auf Seeräuberei im Mittelmeer und hat mit Skandinavien nichts zu tun.“ (Banck, C., 2009, S.16) Zur Bezeichnung für Piraten aus dem Norden wird der Begriff erst im 10. Jahrhundert. Auch das Altnordische kennt die Bezeichnung vikingr für Pirat. Auch hier ist die etymologische Ableitung unklar. Einerseits deutet das Wort auf vik für Bucht hin, andererseits könnte es sich um eine konkrete Ortsbezeichnung, nämlich das südnorwegische Vik, das ist die Region um den Oslofjord, handeln. Andere Erklärungen gehen auf die lateinische oder auch altenglische Bezeichnung vicus für einen Ort oder Handelsplatz zurück, der sich auch in einigen skandinavischen Ortsnamen wiederfindet und bis nach Norddeutschland (Bardowick nahe Lüneburg) vorkommt. Einigkeit über die Herkunft des Namens besteht bisher nicht. Eingebürgert hat er sich jedoch als Bezeichnung für „alle Menschen skandinavischer Herkunft vom Ende des 8. bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts, egal welcher Art ihre Tätigkeiten und Absichten waren.“ (Banck, C., 2009, S.17)

Um die Sache noch komplizierter zu machen: Während der Wikingerzeit werden unterschiedliche Namen für die Seeräuber aus dem Norden benutzt. Oft heißen sie Dänen nach ihrer Herkunftsregion. Angelsächsische Quellen sprechen häufiger – und abschätzig – von Barbaren. Die vor den Skandinaviern christianisierten Iren nennen sie Heiden oder Ungläubige. Auch Nordmänner ist ein gängiger Begriff. Er bürgert sich für die aus Nordeuropa stammenden Siedler in der Normandie ein und entwickelt sich zum noch heute gebräuchlichen „Normannen“ (siehe Seite 46ff.). Eine Sonderrolle spielen die Skandinavier auch in Osteuropa, wo sie unter dem Namen Waräger zu Ruhm kommen (siehe Seite 50ff.). „Von arabischen, byzantinischen und später altrussischen Chronisten werden die vorwiegend schwedischen Kriegerkaufleute Rus genannt. (…) In slawischen und byzantinischen Quellen findet man die Bezeichnung Waräger (væringjar), was möglicherweise vom altnordischen várar (Gelübde, Treueschwur) hergeleitet werden kann. Die Wikinger einer Fahrgemeinschaft verpflichteten sich per Eid zu gegenseitiger Hilfeleistung.“ (Banck, C., 2009, S.17)

Ebenso wie der Name lässt sich auch die Epoche der Wikinger nicht exakt eingrenzen. Die Wahl des Begriffs beruht ohnehin auf eher praktischen Erwägungen. „Die Epochenbezeichnung ‚Wikingerzeit‘ folgte der Einteilung in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit und wurde in Skandinavien in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts erfunden, als es im Nationalmuseum in Kopenhagen Kisten mit Artefakten zu beschriften galt.“ (Richards, J. D., 2011, S.12) Aus dieser pragmatischen Ordnungskategorie für Schilder, Pfeilspitzen und Werkzeuge wurde eine historische Epoche. Ihr genauer Beginn ist umstritten. Die meisten Historiker orientieren sich jedoch an einem Ereignis, das die damalige Welt erschütterte und als erster belegbarer Piratenangriff der Wikinger gilt.

Überfall auf England: Die Wikinger kommen!

Das Zeitalter der Wikinger beginnt mit einem Überfall. Im Frühsommer des Jahres 793n.Chr. brechen irgendwo im westlichen Skandinavien Männer mit schnellen, wendigen Booten in Richtung England auf. Ihr Ziel ist eine Insel vor der Küste Northumberlands, Holy Island, genaugenommen das dort gelegene Kloster Lindisfarne. Sie wissen, dass sich dort viele Schätze befinden und dass diese kaum bewacht sind, schließlich entstammen sie einem Volk von Seefahrern und Händlern, das seit vielen Jahrhunderten mit den christlichen Ländern Europas in Kontakt steht. „Skandinavien war (…) nicht aus der Welt des frühen Mittelalters; man registrierte die Geschehnisse im Süden und Westen und hatte zahlreiche Informanten, insbesondere Händler, die weit herumkamen. Durch sie wussten die heidnischen Nordgermanen von den reichen Tempeln des Christengottes, die so gut wie ungeschützt von dessen Dienern bewohnt wurden.“ (Krause, A., 2006, S.48)

Für die auf Lindisfarne lebenden Mönche ist der Überfall am 8. Juni 793 eine Katastrophe. Aus dem Nichts scheinen sie zu kommen, die finsteren Männer. Was sich ihnen in den Weg stellt, machen sie erbarmungslos nieder. Sie brandschatzen, sie rauben, sie töten, rücksichtslos und ohne Hemmungen. Ungeheuer schnell kommen die Feinde über das Meer. Ohne Sinn für die Heiligkeit des Ortes plündern und morden sie, um dann, sieges- und ruhmestrunken, ihre Boote zu wenden und von dannen zu eilen. Auf der kleinen englischen Insel indes löst der Überfall ein Trauma aus.

Zwar sind Piraterie und Raubzüge im Mittelalter nichts Ungewöhnliches. Allerdings ist der Angriff wohl mit ungewohnter Schnelligkeit und für die Zeitgenossen sagenhafter Rücksichtslosigkeit geführt worden. Der aus dem nordenglischen York stammende Aachener Gelehrte Alkuin zeigt sich entsetzt über die frevelhafte Tat: „Siehe, die Kirche St. Cuthberts ist bespritzt mit dem Blut der Priester Gottes, beraubt all ihres Schmuckes. Der ehrwürdigste Ort Britanniens wurde Heiden zur Beute gegeben.“ (zitiert nach Krause, A., 2006, S.49). Wie viele andere sieht er in der unbegreiflichen Tat eine Strafe Gottes für den unchristlichen Lebenswandel des englischen Volkes. Unversehens werden also die ersten Wikinger mit ihren schnellen, wendigen Schiffen von abenteuer- und kampfeslustigen Männern, die auf Reichtümer aus sind, zu den übermächtigen Handlangern einer strafenden Göttlichkeit. „Den Zeitgenossen mutete diese Schnelligkeit unheimlich, ja geradezu dämonisch an. Folgerichtig sahen sie die heidnischen Piraten als Ausgeburt der Hölle und wie Alkuin als Menetekel für Schlimmeres.“ (Krause, A., 2006, S.50)

Abbildung 2: Angriff auf das Kloster Lindisfarne

Durchaus zu Recht. Die Nordleute, wie sie damals noch hießen, sind auf den Geschmack gekommen. Die langen, größtenteils ungeschützten Küsten Englands und des europäischen Festlandes bieten ihnen reichlich Ziele für lohnende Beutezüge. In den drei auf den Angriff auf Lindisfarne folgenden Jahrhunderten sind die Wikingerschiffe mit ihrer nach Reichtum und Ruhm trachtenden Besatzung kräftiger junger Männer eine ständige Bedrohung für die Küsten Europas von Russland über das Mittelmeer bis nach Grönland.

Aber aus Skandinavien kommen nicht nur raue, mordlustige Gesellen auf flinken Schiffen, sondern auch kluge Händler, mutige Entdecker und fleißige Siedler. Die Nordleute erreichen sogar die Küsten Nordamerikas und gründen dort kleine Kolonien. Vielleicht sind sie gar noch weiter nach Osten und Süden vorgedrungen, ohne dass die Nachwelt davon Kunde erhalten hat. In der Normandie und in England begründen die Männer und Frauen aus dem Norden ganze Königreiche und einflussreiche Herrscherdynastien. Um die erste Jahrtausendwende prägen und verändern sie Europa.

Die wilden Vorfahren der Nordmänner

Die finsteren Angreifer, die die Mönche in Lindisfarne in Angst und Schrecken versetzten, waren bei weitem nicht aus dem Nichts gekommen. Ihre Vorfahren stammten aus skandinavischen Kulturen, von denen schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus im ersten Jahrhundert n. Chr. berichtet und die im Norden Europas eine eigene Kultur und Religion entwickelten, Handel trieben und politische Strukturen aufbauten. Auf die Völker des Mittelmeerraumes wirken die Nordmänner und ihre dunkle Heimat bedrohlich, allerdings in ihrer Fremdheit auch wieder faszinierend: „Die Stämme der Schweden leben im Ozean und sie verfügen außer über Männer und Waffen auch über starke Flotten. Die Form ihrer Boote zeichnet sich dadurch aus, dass beide Enden einen Bug haben und dadurch eine Seite stets zum Landen bereit ist. (…) Nördlich der Schweden erstreckt sich noch ein Meer, das träge und fast unbewegt ist. Dass es den Erdkreis ringsum begrenzt und umschließt ist deshalb glaubwürdig, weil der letzte Schein der sinkenden Sonne bis zu ihrem Wiederaufgang anhält. Er ist noch so hell, dass er die Sterne überstrahlt (…) Dort liegt – und diese Kunde ist wahr – das Ende der Welt.“ (zitiert nach Krause, A., 2006, S.23) Den Römern macht der Gedanke an das Unbekannte, das womöglich hinter dem „Ende der Welt“ lauert, Angst. Ihre unbestimmte Furcht übertragen sie auf die wütenden Anrainer des Landes im Dunklen.

Dabei verläuft das Leben der Skandinavier in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt verhältnismäßig ruhig und geordnet. Sie trotzen der unwirtlichen Natur ihren Lebensunterhalt ab, ob sie entlang der norwegischen Fjorde siedeln, auf den dänischen Inseln oder in den weitläufigen Wäldern und rauen Gebirgen Schwedens. Die Landwege sind – wenn überhaupt vorhanden – beschwerlich und lang. Haupttransportmittel sind Schiffe und Boote, und so entwickelt sich im hohen Norden Europas über die Jahrhunderte eine Bootsbaukunst, die im frühen Mittelalter jene hochseetauglichen, schnellen und extrem wendigen Wikingerschiffen hervorbringt, mit denen junge Männer die Küsten Europas unsicher machen.

Gleichzeitig entstehen an verschiedenen Orten Handels- und Kultzentren mit mächtigen Herrschern, die beträchtliche Reichtümer ansammeln. So zum Beispiel in Gudme, im heutigen Dänemark auf der Insel Fünen, wo auf mehr als fünfzig Höfen einige hundert Menschen siedeln, die von einem mächtigen und reichen Häuptling angeführt werden. Sie kontrollieren und beherrschen diesen wichtigen Handelsplatz und die nahe gelegene, überregional wichtige Kultstätte. „Spätere Generationen verehrten jene Epoche als Goldzeitalter, als Vorzeit der Mythen und Heldenkämpfe, als Vergangenheit eines sagenhaften Reichtums. In der Tat verfügten die Häuptlinge über beachtliche Schätze und pflegten einen für ihre Verhältnisse luxuriösen Lebensstil.“ (Krause, A., 2006, S.28f.)

Auch die Bewohner Schwedens haben ein solches Zentrum. Es liegt in der Nähe des heutigen Uppsala. Hier herrscht das geheimnisvolle und mächtige Königsgeschlecht der Ynglinge über die Svear, von denen Tacitus als Suionen schreibt. Von ihnen kündet eine Saga, die im hohen Mittelalter auf Island niedergeschrieben wird.

Die Angehörigen dieses wichtigen skandinavischen Herrschergeschlechts übernehmen persönlich die Verantwortung für ihr Volk und scheuen dafür kein Opfer. Als unter dem Yinglingkönig Dolmaldi Missernten zu einer großen Hungersnot führen, die sich weder durch Tier- noch durch Menschenopfer abwenden lässt, entscheiden die mächtigen Häuptlinge, dass der König selbst den Opfertod erleiden müsse, „damit sie endlich ein gutes Jahr mit reichen Ernten bekämen. Daraufhin ergriffen sie den König, töteten ihn und besprengten mit seinem Blut den Opferaltar.“ (Krause, A., 2006, S.29). Sie verhalten sich also ähnlich, wie wir das schon bei den Maya und Inka beobachten konnten. „Auf diese Weise nehmen die Könige Schmerzen auf sich, um Schaden von ihrem Volk abzuwenden.“ (Stähli, A., 2012, S.50)