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Immer mehr Menschen sind in unserer stark vereinzelten Gesellschaft von Einsamkeit betroffen. Gerade Ältere leiden besonders darunter, denn es ist für sie in der Regel schwierig, sich daraus zu befreien. Zudem schauen viele Menschen beim Thema "Alterseinsamkeit" oftmals lieber weg. Dieses Buch nimmt zum ersten Mal die Einsamkeit der Älteren gezielt in den Fokus. Es versucht, darüber ins Gespräch zu kommen, und zeichnet Lösungen und Wege auf, wie wir der Vereinsamung im Alter individuell und als Gesellschaft entgegenwirken können. Elke Schilling als Gründerin von Silbernetz ist eine ausgewiesene Expertin und zeigt auf, wie wir mit mehr Gemeinsamkeit unsere Gesellschaft stärken können.
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2024
Ebook Edition
Elke Schilling
»Die meisten wollen einfach mal reden«
Strategien gegen Einsamkeit im Alter
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www.westendverlag.de
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ISBN: 978-3-98791-048-7
1. Auflage 2024
© Westend Verlag GmbH, Neu-Isenburg 2024
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt
Fotos S. 25, 89, 129, 157 und 191: © Johannes Bichmann
Titel
Nachtfenster
Wie das Thema zu mir kam
Einsamkeit
Unsichtbar
Vorurteile
Der Generationenkonflikt
Informationsarmut
Ängste
Lebenszeit
Entscheidungen
Hohes Alter
Sterben
Jahre mit Leben füllen – was geht?
Da ist immer noch viel Luft nach oben
Vom Luxus des Alleinseins
Schlusslicht
Literatur und Links
Danksagung
Anmerkungen
Titel
Inhaltsverzeichnis
»Sometimes, making the world a better place just involves creating space for the people who are already in it.«
Jodi Picoult, Mad Honey
Wie hell die Stadt nachts ist, wird mir erst jetzt bewusst, als ich mit der Kamera Nachtfenster suche, die wenigen Fenster, in denen zu solcher Zeit noch etwas Licht zu sehen ist. Ich bin mit dem Rad unterwegs zur 3-Uhr-Schicht im Büro der Telefonseelsorge und etwas früher losgefahren als sonst, um beleuchtete Fenster in dunklen Hausfassaden zu fotografieren, oberhalb der Straßenlaternen, die die Wege erhellen. Fenster, hinter denen keine Lampe Licht spendet, sondern wo das Geflacker von Fernsehbildern die einzige Beleuchtung ist. Die empfindliche Kamera lässt diese Nachtfenster viel heller erscheinen, als sie es in meiner Wahrnehmung sind. Erst die Morgendämmerung bringt Bilder hervor, auf denen die Helligkeiten stimmen.
Fast ein Viertel der Bevölkerung Berlins, weit mehr als 900 000 Menschen, ist 60 Jahre und älter. Mehr als die Hälfte davon lebt allein. Die Anteile sind ähnlich in allen deutschen Bundesländern. Wie viele dieser Menschen sind um diese Zeit gegen drei Uhr nachts wach? Drei Uhr, das ist Nierenzeit, sagt eine Freundin, die Heilpraktikerin ist. Da selektiere der Körper, was letztlich ausgeschieden werden muss. Dinge, die »an die Nieren« gehen. Was Wunder also, dass diese dunkelste, stillste Zeit der Nacht für so manche zur Grübelzeit wird, wo das Gedankenkarussell die kleinen und großen Fragen des Alltags in unfassbar beängstigenden dunklen Schlieren verschwimmen lässt. Wo niemand erreichbar ist, dem man das erzählen kann. Wo Entlastung durch Mitteilen unmöglich scheint. Wo man Kinder, Bekannte, sofern es sie gibt, nicht behelligen mag.
Vergleiche ich die Zahl der Nachtfenster mit den dunklen, sind es weit weniger als jedes zehnte. Die Vermutung liegt nahe, dass hinter diesen halbhellen Rechtecken ein guter Teil derer auf Schlaf wartet, die auch tagsüber wenig mehr als das Verstreichen von Zeit erleben.
Menschen, die am Tage – vielleicht – noch die Möglichkeit zu flüchtigen Kontakten auf der Straße oder beim Einkauf haben. Zum Schwatzversuch mit der Apothekerin, die andere Aufgaben hat, mit der Kassiererin im Supermarkt, die die Not sieht, aber unter dem Druck der Wartenden in der Schlange dahinter nicht darauf eingehen kann. Oder mit dem Doktor, der Anamnesen zu erheben hat und für Diagnosen und Therapien bezahlt wird. Vielleicht sind das Menschen, deren Kontakte beschränkt sind auf die zweimal täglich oder seltener erfolgenden Besuche des ambulanten Pflegedienstes. Der hat minutiös abrechenbare pflegerische Leistungen zu verrichten, wozu Gespräche eher auch nicht gehören. Es sind Individuen, die unendlich verschieden sein können. So unterschiedlich eben, wie ihre persönlichen Geschichten jede und jeden von ihnen geformt haben mögen. Geschichten von sehr anderen Herkünften, Kindheiten, Ausbildungen, Berufen, Übergängen, Erfahrungen, physischen und psychischen Voraussetzungen. Geschichten von entdeckten und verborgenen Begabungen, Erwartungen, Erfolgen und Misserfolgen. Personen, mit denen sie lebten oder die sie vermissten – Eltern, Geschwister, Verwandte, Gefährt*innen, Freundschaften, Begegnungen. Je mehr Jahre sie durchlebten, umso mehr Umwelt hat sie geprägt, neben all dem, was sie zum Zeitpunkt ihrer Geburt schon mit sich brachten. Im Moment haben sie wohl nur gemeinsam, dass sie sich in der Mitte der Nacht mehr oder weniger wach, vermutlich allein hinter einem solchen schwach erleuchteten Fenster befinden.
Seelsorgetelefone wurden in vielen Ländern unserer Welt in den letzten 60 Jahren für die Suizidprävention gegründet. Die an solchen Telefonen weltweit besprochenen Probleme der anonym Anrufenden jeden Alters sind überall menschliche Nöte bis hin zur akuten Absicht der Selbsttötung. Es sind oft einsame Menschen, die das Gefühl haben, von allen verlassen zu sein, nicht aufzulösenden Fragen oder Ängsten ausgeliefert, aufgegeben zu sein, keine Hilfe zu finden, sich aufgeben zu wollen. Besprochen werden meist die Folgen solcher Einsamkeit, die Probleme, die allein nicht lösbar scheinen. Manche rufen an, um Begleitung zu suchen in dem Moment, in dem sie ihr Leben beenden wollen. Die Organisationen wählen ihre Freiwilligen sorgsam aus und bieten ihnen eine gute Ausbildung und Vorbereitung für die Tätigkeit am Telefon. Alle paar Jahre veranstalten sie Welttreffen zum internationalen Erfahrungsaustausch. Sie lernen voneinander, erleben im Gespräch, wie ähnlich und doch unterschiedlich menschliche Fragen sich in den Ländern und Kulturen unserer Welt darstellen. Es sind Tausende, die weltweit in jeder Stunde eines jeden Tages am Telefon im Kontakt sind, ihre Freizeit schenken, um anderen Menschen zuzuhören. Sie spenden Anteilnahme und Unterstützung und stellen sich als Gegenüber in kritischen Lebenssituationen zur Verfügung.
Der Heimweg von der ersten Nachtschicht nach zwei Uhr führt mich um diese Zeit durch eine nahezu leere Stadt, wo kaum Menschen zu Fuß unterwegs sind. Wo ich auf den vier Kilometern meines Weges per Fahrrad unbesorgt außerhalb von Kreuzungen und Schutzwegen die Straßen queren kann, weil auch kaum Autos vorbeikommen. Wo unterwegs das eine oder andere Gespräch der letzten vier Stunden in mir nachhallt. Viele Nachtschichten habe ich im menschenleeren Büro der Telefonseelsorge verbracht. Nachts sind die Gespräche oft intensiver, berührender als am Tage. Zwei Menschen – jeweils allein – an verschiedenen Orten dieses Landes in Resonanz, ungestört Bilder und Erfahrungen austauschend, Lebenspakete im Dazwischen ausgepackt und gemeinsam mit etwas Abstand aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Immer wieder bin ich berührt und erstaunt, welche Nähe dieses eindimensionale Medium Telefon zulässt, eröffnet. Nachtfenster geben mir ein Bild von dieser so intensiven wie anonymen Distanz, die den Raum für solche Nähe im Gespräch zweier einander zuvor unbekannter Menschen schaffen kann.
2013 wurde im englischen Manchester die Silverline Helpline als Pilotversuch gestartet. Die Gründerin der Initiative wollte nicht hinnehmen, dass alte Menschen einsam werden können, hilflos, unerhört, dass Hilfe und Unterstützung sie nicht rechtzeitig erreichen, weil niemand von ihnen weiß. Es war ihre Antwort auf die Frage: Wie können wir Ältere erreichen, ihnen neue Kontakte bieten, Ariadnefäden knüpfen, an denen sie sich aus der Falle der Einsamkeit hangeln können? Anrufen konnten bei der Helpline alle Menschen in dieser Lebensphase, die reden wollten. Ein Jahr später war die Rufnummer in ganz England durchgängig Tag und Nacht freigeschaltet. Eine Million Anrufe erfolgten in den ersten drei Jahren. Knapp zwei Drittel der Gespräche fanden am Wochenende oder nachts statt.
Ich denke, dass auch in England Nachtfenster die Situation spiegeln. Wie an vielen Orten dieser Welt. Die meisten auch der sehr alten Menschen, mehrere Millionen in ganz Deutschland, leben in ihren vier Wänden. Weit mehr als die Hälfte von ihnen meistert ihren Alltag eigenständig und auf ihre jeweils eigene und unterschiedliche Weise. Diese ist geprägt von den Einstellungen, Erfahrungen und Strategien, die ihnen ein langes Leben beschert hat. Viele von ihnen sind allein. Zurück- und Alleingelassene, Hinterbliebene. Jede*r Dritte fühlt sich mehr oder weniger einsam. Ihnen widme ich seit Jahren einen großen Teil meiner Zeit – und nun auch dieses Buch.
Wohlgemerkt – es ist nicht mein Anliegen, ein Stereotyp, das Stereotyp von der Alterseinsamkeit, als unvermeidlich zu vertiefen. Es geht vielmehr darum, ein gesellschaftliches Problem mit schwerwiegenden sozialen, gesundheitlichen und auch wirtschaftlichen Folgen zu beleuchten und zu hinterfragen. Ein Problem, das viele Menschen jeden Alters betrifft. Ältere kann es jedoch vor Herausforderungen stellen, die sie allein mitunter nicht lösen können.
Was verschwiegen oder nur unter Fachleuten besprochen wird, bleibt unsichtbar und wird als individuelles Problem einsam erlitten. Nur wenn wir darüber reden, können wir Ursachen und Wirkungen erkunden und jeweils angemessene Lösungen finden.
»Die Reihen rund um mich haben sich geleert. Da ist niemand mehr. Können Sie mir sagen, warum ich noch leben soll?«
Die trockene Stimme des 85-Jährigen, die mich das vor vielen Jahren nachts am Seelsorgetelefon fragte, war mein erster Trigger. Es sind Männer ab 85, die am häufigsten erfolgreich ihrem Leben ein Ende setzen. Die Furcht vor Nachahmung und die Unfähigkeit unserer Gesellschaft, Ursachen zu ergründen und Rahmenbedingungen zu verändern, machen das Thema Suizid zum Tabu. Es wird wenig berichtet, und nach Statistiken muss man suchen.
Einige Jahre danach zog ich in eine andere Stadt, eine andere Wohnung. Mein alter Nachbar dort half mir, die Spüle in der Küche aufzubauen. Da bekam er noch gelegentlich Besuch. Das hörte irgendwann auf, und er wurde unsichtbar. Natürlich stand ich dann vor seiner Tür und klingelte, bis er sich zeigte. Mein Angebot, als Nachbarin gern zur Verfügung zu stehen, wenn er Unterstützung brauche, lehnte er ab. Das musste ich akzeptieren. Irgendwann hing tagelang ein Pizzeriaflyer an seiner Türklinke. Die Polizei, die ich daraufhin rief, wollte nicht nachschauen, er konnte ja auch verreist oder bei einer Freundin sein. Wenn ich die Wohnung öffnen ließe und er wäre nicht drin, hätte ich den Schaden zu zahlen, erklärten die Polizisten. Das bremste mich. Vielleicht war er ja wirklich verreist oder bei Bekannten. Dann kamen Schmeißfliegen in stetig wachsenden Mengen, sie kamen von irgendwoher, füllten mein Wohnzimmer, meine Küche, brummten im Hausflur. Ich war ratlos und fand am Ende nur eine Erklärung. Da informierte ich den Vermieter. Als die Wohnung dann geöffnet wurde, lag er schon lange tot in seinem Badezimmer.
In jeder deutschen Großstadt gibt es jährlich etwa 300 solche »stille Tote«, wie der Gerichtsmediziner Michael Tsokos sie schon 1999 in einem Zeitungsartikel nannte.1 Die meisten von ihnen sind Menschen in höherem Lebensalter.
Der Tod meines Nachbarn trieb mich dazu, endlich Antworten auf die mir so offensichtlichen Fragen zu suchen. Warum werden Menschen so einsam, dass sie sogar in Einsamkeit sterben? Warum bemerkt das niemand?
Auf einem Kongress bot ich 2014 einen Workshop unter dem Titel »Arm, alt, krank, einsam, was nun?« an. Ich wollte wissen, ob und wie andere das Phänomen wahrnahmen und welche Lösungen sie dafür hatten. Die Mehrheit der Teilnehmenden – meist Vertreter*innen von Wohlfahrtsverbänden und anderen Trägern von Altenhilfeprojekten – vertraten vor allem eine Ansicht: »Die haben sich zurückgezogen, die wollen allein sein.«
Das schien mir zu einfach. Also begann ich zu suchen. Nach Möglichkeiten, um die zu erreichen, die aus dem Netz sozialer Beziehungen gefallen sind, warum auch immer.
Es war ein Krimi von Minette Walters, der mich auf die Spur führte. In Acid Row (deutsch Der Nachbar) ist ein tragender Teil der Handlung eine Telefonkette alter Bewohner*innen in einem eng umgrenzten Stadtviertel. Geknüpft durch die Gemeindeschwester, die diese meist immobil und isoliert in ihren Wohnungen lebenden Alten regelmäßig besuchte und versorgte. Die ihnen die Sicherheit bot, dass der unbekannte Mensch, mit dem sie über das Telefon ins Gespräch kommen konnten, sich wahrscheinlich in einer ähnlichen Situation befand und der Kontakt durchaus anregend und ungefährlich sein könnte. So riefen sie einander an, wenn sie es brauchten, waren miteinander verbunden, konnten nach Bedarf jederzeit miteinander reden.
Als ich das las, hörte ich förmlich die trockene Stimme meines 85-jährigen Gesprächspartners aus jenem Nachtgespräch am Hilfetelefon. Und gleichzeitig war mir schmerzlich bewusst, dass die Gemeindeschwestern der DDR, des Landes, in dem ich aufgewachsen war, nach dem Systemwechsel 1989 wie so manches andere Sinnvolle abgeschafft worden waren. Also schrieb ich eine E-Mail – ich wollte von Minette Walters erfahren, ob es diese Telefonkette wirklich gab und wie sie konstruiert war. Die Antwort kam nach dem Kongress, auf dem ich die überfüllten Workshops gegeben hatte.
Minette Walters schrieb mir, dass ihr die Idee angesichts der Sehnsucht ihrer sehr alten Eltern gekommen war. Diese vermissten schmerzlich Altersgefährten, mit denen sie ihre Geschichte und ihr Erleben hätten teilen können, ohne ihnen Selbstverständliches erklären zu müssen. Dann vermittelte sie mir den Kontakt zum Büro der Silver Line.
Die war 2012 als Pilotprojekt im Raum Manchester gestartet und nun seit Kurzem englandweit aktiv. Ihre Gründerin, Esther Rantzen, war eine sehr bekannte Journalistin der BBC. Lange Jahre hatte sie die Samaritans, die englische Telefonseelsorge, gefördert und danach eine Kinderhotline aufgebaut und betreut. Nach dem Tod ihres Mannes erlebte sie die Stille zu Hause, wenn sie nach einem geschäftigen Tag ihre Wohnung betrat. Es war niemand mehr da, mit dem sie beim Tee die Ereignisse dieses Tages hätte teilen können. In einer Talksendung im Fernsehen sprach sie über ihre Einsamkeit, diese immer wieder schmerzhaft empfundene Leere. Sie erntete das Übliche, was geschieht, wenn jemand sich öffentlich zu einem Tabu bekennt – Empörung, Unverständnis und Schuldzuweisung vieler, bekannter und unbekannter Menschen. Das andere Echo, das auf diese Äußerungen erfolgte, war die Dankbarkeit ähnlich Betroffener: Endlich benannte ein sehr wahrnehmbarer Mensch, was sie selbst so unaussprechbar betraf. Ein Gefühl, über das eben nicht geredet werden konnte ohne Scham und Schuldzuweisung.
Für Esther Rantzen war es danach logisch, ihre Erfahrungen mit Telefonseelsorge und Kindernotruf auch auf dieses Feld menschlicher Not zu übertragen. Es dauerte nur 18 Monate, bis 2012 im Raum Manchester das Pilotprojekt der Silver Line mit seiner Helpline startete. Ein soziales Callcenter des medizinischen Dienstes baute in seiner 24/7/365-Hotline professionell den Anrufservice für den Testlauf der Silver Line ein. Parallel zur wachsenden Inanspruchnahme wurden mehr und mehr Mitarbeiter*innen dieses Callcenters in der besonderen Gesprächsform der Silver Line geschult. Zunächst integrierte man die zu Beginn nur wenigen Gespräche dieser Art in die Abläufe des professionellen Informationsangebotes. So konnte die Anzahl der Anrufe bei der Rufnummer der Silver Line mit dem Maß ihres Bekanntwerdens ohne Auslastungsdruck wachsen. Das Projekt musste auf diese Weise nur für die Kosten der tatsächlich geführten Gespräche aufkommen, nicht für die Leerlaufzeiten der Startphase, die mit wachsender Bekanntheit immer geringer wurden. Von Beginn an konnte so ein 24-Stunden-Angebot geschaffen werden. Im Geschäftsbericht der Silver Line ist nachzulesen, dass etwa jeder dritte der Anrufe nachts und am Wochenende erfolgte.
Ein Jahr nach dem Start des Pilotprojektes nahm die Silver Line englandweit ihre Arbeit auf, stand damit für ältere Menschen mit Einsamkeitsgefühlen Tag und Nacht zum entlastenden Gespräch zur Verfügung. Dazu gehörten auch die Silver Line Friends, Ehrenamtliche, die einmal pro Woche für ein einstündiges Gespräch »ihren« von der Silver Line vermittelten älteren Menschen anriefen. Es waren Freiwillige zwischen 18 und 80, die gern bereit waren, einmal in der Woche eine*n einsame*n Ältere*n anzurufen für ein vertrauliches Telefongespräch, um den Alltag mit allen Aspekten zu teilen.
Einige Wochen nach der E-Mail von Minette Walters fand ich mich im April 2014 im Zentrum von London ein, um die Silver Line kennenzulernen. Ich begegnete einer Gruppe von Menschen voller Begeisterung für die komplexe Aufgabe, die sie zu bewältigen hatten. Sie antworteten mir überaus offen und bereitwillig auf alle meine Fragen und zeigten mir, was sie wie bewältigten. Danach war mir klar: Das können wir auch!
Zurück in Berlin, suchte und fand ich Mitstreiter*innen, die sich anstecken ließen von den Erfahrungen, die ich aus London mitbrachte. Ein Arzt, eine Krankenschwester, eine Journalistin, die nun als Trainerin in sozialen Projekten unterwegs war, und noch einige mehr. Eine kleine Gruppe von Menschen, die im privaten oder beruflichen Leben mit eigenen Einsamkeitserfahrungen oder denen anderer und vor allem Älterer konfrontiert waren, die wie ich nach Lösungen suchten.
Der Arzt, der im OP-Saal die Verlorenheit und Sprachlosigkeit so manches alten Patienten erlebte, für dessen organisches Leiden Abhilfe geschaffen wurde, für dessen Bedürfnis auf Anteilnahme, Gespräch, Wahrnehmung als Person im Klinikalltag aber kaum Raum war. Die energische Krankenschwester, die selbst schon an der Schwelle zum Alter ihre Sicht und Erfahrungen überaus pragmatisch in die Entwicklung unseres gemeinsamen Projektes einbrachte. Die Beraterin, die für und mit ihrer alten Mutter für ein ganzes Seniorenwohnhaus und deren Bewohner*innen gegen einen Investor kämpfte, der dieses Haus an seinem attraktiven Standort gern ohne seine bisherigen Bewohner gewinnbringend vermarkten wollte.
Was uns alle antrieb, war das im eigenen Erleben begründete Wissen um die Acht- und Rücksichtslosigkeit gegenüber alten Menschen, die Ungerechtigkeit im Umgang mit vielen derer, die in ihrem Leben die Voraussetzungen für das unsere geschaffen hatten. Von Menschen, die Kriege und Nachkriegszeiten, Zerstörung, Vertreibung und Wiederaufbau und einen beispiellosen Umbruch erlebt und überlebt hatten. Deren Wissen, Kenntnisse und Bedürfnisse wenig Beachtung und kaum Wertschätzung erfuhren. Es war auch die immer wieder beobachtete buchstäbliche Hilflosigkeit so mancher Älterer, die sich als abgeschrieben, von allen verlassen und unversorgt sahen und resigniert, ratlos oder zornig dennoch beharrlich irgendwie weiterlebten. Und die Bewunderung für die, die ihre sehr eigenen Strategien entwickelt hatten, mit solchen Rahmenbedingungen umzugehen und dennoch heiter und gelassen ihr Leben zu leben, so gut es eben möglich war.
»Deutschland ist anders als England«, sagten uns die Altersforscher und andere Fachleute, mit denen wir unsere Beobachtungen und Schlussfolgerungen zu teilen versuchten. »Alterseinsamkeit ab 75 ist rückläufig« und »man würde Bedarfe wecken, die nicht vorhanden sind«. Oder »eine interessante Idee, aber wir brauchen nicht schon wieder ein neues Projekt«, »ein Loch ohne Boden – immer nur Kosten und nie wirklich ein Ertrag«.
Wir ließen uns nicht entmutigen. Aus den wenigen vorliegenden Studien deutscher Quellen suchten wir die Zahlen zusammen, mit denen wir die Notwendigkeit eines Silbernetzes, wie wir es knüpfen wollten, belegen konnten. Wir kamen auf die Zahl von etwa acht Millionen Menschen ab 60 Jahren in Deutschland, die mindestens zeitweise Einsamkeitsgefühle hatten. Unseren Kollegen aus dem Gesundheitswesen war klar, dass die Vernachlässigung der gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit erhebliche Kosten verursachen musste. Berechnen konnten wir es nicht, da es hierzulande – anders als in England – keine Forschung dazu gab, die Zahlen dafür hätte liefern können.
350 Tage eines jeden Jahres spielte die Einsamkeit der Alten keine Rolle, wurde als Stereotyp betrachtet, das man lieber nicht bedienen sollte, um Älterwerdende nicht zwangsläufig in diese Falle zu schicken. Regelmäßig zu Weihnachten poppte das Problem für zwei Wochen auf. Nicht ignorierbar. So wirkungsmächtig, dass eine Einzelhandelskette sich dieses Themas für ihre Festtagswerbung bediente. Der alte Herr in dem Filmchen versandte seine Sterbeanzeige an seine Kinder und lud sie mit ihren Familien zu seinem Begräbnismahl ein, um die weither Gereisten und dann sehr Überraschten wenigstens auf diese Weise alle noch einmal bei sich begrüßen zu können. Der Spot ging im Dezember 2014 viral und wurde innerhalb von sieben Tagen über 80 Millionen Mal aufgerufen! Faktisch jede*r Deutsche hatte ihn innerhalb einer Woche angeschaut.
Deutschland ist tatsächlich anders als England. Weniger in Sachen Einsamkeit, wo es erst einer Pandemie bedurfte, um dieses in allen Altersgruppen ähnlich vorhandene Problem endlich aus der Tabuzone zu holen. 2019 hatten die Briten ihr Einsamkeitsministerium gegründet. 2020 war das Jahr, wo in Deutschland zum ersten Mal ein Bundestagsausschuss und eine Enquete-Kommission eines Landtages darangingen, Einsamkeit und ihre Wirkungen hierzulande öffentlich zu hinterfragen: »Generell war eine Erfahrung unserer Arbeit, dass noch viel Forschungs- und (Auf-)Klärungsarbeit zu diesem Themenfeld geleistet werden muss.«2
Es gab wenig belastbares Wissen und dennoch an vielen Orten im Land eine große Menge unvernetzter, meist ehrenamtlicher Initiativen gegen Einsamkeit im Alter. Deutlich wurde auch in all diesen Debatten die unterschiedliche Bewertung desselben Phänomens in Bezug auf die verschiedenen Lebensphasen. Während bisher Einsamkeitserleben pauschal dem Alter zugeordnet war, wurde nun nachgewiesen, dass es über die verschiedenen Lebenszeiten hinweg drei sehr deutliche Einsamkeitsgipfel gibt.
Alterseinsamkeit wurde danach meist nur noch am Rande erörtert und dann dem als üblich angenommenen Krankheitsgeschehen in dieser Lebensspanne zugeordnet. In den Vordergrund rückte die unerwartete Betroffenheit von Menschen in jüngeren Altersgruppen. Angesichts der wenigen, bis dahin vorliegenden Forschungsergebnisse wurde sichtbar, dass Personen zwischen 26 und 35 häufiger einsam waren als Menschen zwischen 76 und 85 Jahren. Deren Maß an Einsamkeit wiederum glich dem der Gruppe der 46- bis 55-Jährigen. Das berichtete auch Sonia Lippke, die Bremer Einsamkeitsforscherin, in der Sendung »Planet Wissen« im Februar 2021. Auf ihrer Grafik war jedoch auch zu sehen, dass ab 86 Jahren die Zahlen alle anderen weit übertrafen. Auf Gründe dafür wurde dort jedoch nicht eingegangen. Dafür kam das Zitat von der »Einsamkeit als neue Volkskrankheit«, die längst »nicht nur alte Menschen« beträfe. Es geschah das Übliche. Mit dem Fokus auf das Unerwartete, auf die Einsamkeitsgefühle der Jüngeren, rückte die Betroffenheit der Alten in den Hintergrund.
Die traditionelle Art, gegen soziale Probleme anzugehen, sah und sieht meist so aus, dass sachkundige Menschen – Fachleute – versuchen, die Lage der jeweiligen Zielgruppe zu erkunden, und Angebote schaffen, die aus der Sicht dieser Sachkundigen sinnvolle Hilfe und angemessene Unterstützung bereitstellen. Selten war es möglich, die Personen aus dieser Gruppe mit ihren eigenen Erfahrungen als Betroffene an der Entwicklung solcher unterstützender Angebote zu beteiligen. Bis heute fragen sich Träger und Entwickler dieser Projekte, wie sie gerade diese aus dem Kontakt Geratenen erreichen können. Sie kommen dann nicht selten auf solche Erklärungen, wie ich sie in den beiden Workshops 2014 erhielt: »Die haben sich zurückgezogen, sie wollen keinen Kontakt mehr.«
Das mag für einige zutreffen. Bei vielen sieht es anders aus. In jedem Fall wird der Rückzug als gegeben angenommen. Ursachen müssen so nicht hinterfragt, Lösungen nicht gesucht werden.
Geht es um Angebote für mehr oder weniger hilfebedürftige oder gar immobile Ältere, wird aus guten Gründen auf Nachbarschaftsarbeit gesetzt. Nachbarschaft kann ein Ort gut funktionierender sozialer Beziehungen sein, vorausgesetzt, dass es über lange Zeit gewachsene, stabile Nachbarschaften sind. Dort sorgen Nachbarn füreinander, oder es können aufsuchende Angebote organisiert werden. Das heißt, man erhält aufgrund der vorhandenen nachbarschaftlichen Achtsamkeit und Verbindungen Kenntnis von der Bedürftigkeit einer Person und sucht sie auf, um ihr die notwendige Hilfe oder Unterstützung zuteilwerden zu lassen. Vorausgesetzt, diese Person ist willens oder fähig, Hilfe anzunehmen und Fremde einzulassen. Oder es sind Angebote, die regional an zentralen und mehr oder weniger gut erreichbaren Orten, Stadtteilzentren oder Ähnlichem organisiert werden. Als Teilnehmer*in muss man dann einerseits hinreichend mobil sein, um hinkommen zu können, und andererseits wissen, dass dort solche Angebote vorhanden sind.
Es gibt vielfältige Gründe dafür, dass potenzielle Nutzer*innen solche regionalen Angebote nicht nutzen können oder wollen. Es gibt auch eine Vielzahl von Gründen, warum aufsuchende Angebote nicht angefragt oder angenommen werden. Bei etwa jedem dritten Betroffenen ist es das fehlende Wissen, welche Arten von Hilfe und Unterstützung überhaupt möglich sein könnten, wonach man suchen kann. Scham, aber auch Ängste im Bewusstsein der eigenen Schutz- und Wehrlosigkeit gegenüber denkbaren Übergriffen im eigenen Wohnraum können ein anderer Grund dafür sein.
Die Silver Line dagegen bietet mit einer kostenlosen Rufnummer die Möglichkeit zum anonymen, vertraulichen Gespräch. Aufgrund der Reichweite können die traditionellen Massenmedien genutzt werden, um die Information Betroffenen zu vermitteln. In fast jeder einsamen Stube übertönt der Fernseher als belebte Tapete die Stille, bringt Unterhaltung, alltägliches Wissen, wichtige Kontakte und eben auch eine solche Telefonnummer. Eigenaktiv ruft ein so informierter Mensch bei Bedarf an. Die Anonymität des Gespräches bietet den Schutzraum, Scham und Schuldgefühle zu überwinden, offen auch über Tabus zu sprechen. Tabus wie Einsamkeit, Krankheit, Hilflosigkeit, Gewalt, Vernachlässigung, Todeswünsche und andere. Das anonyme Telefongespräch ermöglicht, abzubrechen und neu zu starten, wenn »es« zu viel wird. Nichts ist einfacher, als den Hörer aufzulegen, wenn der Gesprächston nicht stimmt. Die gegebene Distanz bietet auch Schutz vor den unerwünschten Lösungen der anderen Seite, die nicht die eigenen sind und dennoch überrumpeln können. Die Anonymität gewährt Schutz vor allzu invasiven, hilfsbereiten Mitmenschen. Auch gut gemeint ist oft nicht gut getan.
Ehrenamt ist in Deutschland sehr anders unterstützt und aufgebaut als voluntary work in England. Es braucht das zivilgesellschaftliche Engagement, um spontan auf dringliche gesellschaftliche Fragen zu reagieren, Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, lange bevor Politik davon Kenntnis nimmt und Verwaltung die Notwendigkeit akzeptieren kann, dass gehandelt werden sollte. Gemeinnützige Vereine und Wohlfahrtsverbände, die akzeptierten Trägerstrukturen für ehrenamtliche soziale Arbeit, sind jedoch in Deutschland sehr anders und sehr viel komplizierter in Finanzierung und gesetzlich legitimierten Gestaltungsmöglichkeiten aufgestellt als britische Charities.
Mit dem Ende der deutschen Teilung entfiel auch der Wettbewerb, sich als das bessere soziale System beweisen zu müssen. Anders als in früheren strukturellen Veränderungsprozessen, die in der Bundesrepublik Deutschland über Jahrzehnte hinweg durch staatliche Förderung und Unterstützung begleitet und abgefedert wurden, überließ man diesen Wandel jetzt im Wesentlichen den Regeln des freien Marktes. Einerseits wurden soziale und Gesundheitsdienstleistungen in privatwirtschaftliche Strukturen übertragen. Zum anderen wurde im schrittweisen Abbau vieler sozialstaatlicher Leistungen die öffentliche soziale Fürsorge in den letzten 30 Jahren oftmals in den Raum ehrenamtlicher Arbeit verlagert. Die Tafeln, wo täglich an vielen Orten in Deutschland Tausende – meist sehr einsame – Menschen aller Altersklassen in wirtschaftlicher Not mit Nahrungsmitteln versorgt werden, liefern nur ein ebenso drastisches wie beschämendes Beispiel dafür. Ist es nicht geradezu peinlich, wenn ein Ministerpräsident eines der reichsten deutschen Bundesländer sich demonstrativ für einige Stunden an einer solchen Tafel an der Essenausgabe betätigt?
Das Spenderverhalten Wohlhabender, aber auch von Unternehmen ist in Deutschland ebenfalls sehr anders als in England. Dort gehört es zum guten Ton, als Unternehmer*in oder Pensionär zum Beispiel Trustee (Unterstützer*in) einer Charity zu sein und deren Arbeit mit den eigenen tragfähigen und erprobten Netzwerken zu befördern. So hatte die Silver Line von Beginn an eine Gruppe namhafter Trustees aus Wirtschaft, Gesundheitswesen und Industrie. Nach den ersten überwältigenden Erfolgen war es dann auch ein Mitglied der königlichen Familie, das als Mäzenin der Silver Line auftrat. Das war und ist bis heute die königliche Hoheit, die Duchess of Cornwall, Camilla, die Frau des britischen Thronfolgers Charles.
Wir gaben es nach vielen Versuchen und reihenweise freundlichen Absagen auf, bei namhaften Persönlichkeiten Unterstützung für unser Silbernetz zu suchen. Zu deutlich wurde, dass die uns motivierenden Themen – Alter und die Einsamkeit Älterer – noch immer Tabus waren, mit denen sich VIPs lieber nicht infizieren mochten.
2018 startete das der Silver Line nachgebaute Silbernetz dennoch zunächst in Berlin. Nach gut 42 Monaten mitunter dramatischer Konflikte und existenzieller Auseinandersetzungen, oftmals am Rande des Scheiterns, wurde endlich das Silbertelefon – die Hotline – freigeschaltet. Das war schon für den Herbst 2017 geplant, fiel jedoch erst einmal aus. Monatelang hatten wir mit zwei Callcentern verhandelt, die ähnlich dem britischen Beispiel unseren Telefonservice gleitend in ihre Arbeit aufnehmen sollten. Wir hatten Abläufe geklärt, Übergänge und Fortbildungen geplant, standen wenige Wochen vor dem Start, als beide kurz nacheinander erklärten, uns nicht helfen zu können.
Anstatt aufzugeben, starteten wir eine Kampagne, die wir »GEiA!« nannten – »Gegen Einsamkeit im Alter!«. Wir stellten eine Petition ins Internet mit der Aufforderung an die zuständigen Ministerien, endlich repräsentative Forschung zu Einsamkeit und ihren gesundheitlichen Folgen in Deutschland in Auftrag zu geben. Eine befreundete Videofilmerin drehte für uns ein berührendes Video zum Thema Alterseinsamkeit. In einem gewaltigen Kraftakt organisierten wir mit 16 Ehrenamtlichen unser erstes Feiertagstelefon: Vom 24. Dezember 12 Uhr mittags bis zum 1. Januar mittags waren wir zum ersten Mal über unsere für Anrufende kostenfreie Rufnummer 0800 4 70 80 90 rund um die Uhr aus dem Berliner Festnetz erreichbar.
Zwei Wochen zuvor luden wir zu einer Pressekonferenz ein, mit der wir unsere Kampagne vorstellten. Es kamen nur zwei Journalistinnen, die sich von unserer Begeisterung anstecken ließen und uns sehr wirksam zur notwendigen Bekanntheit verhalfen. 35 000 Unterschriften bekam unsere Petition, unser Video wurde nicht ganz so oft angeschaut, aber in der Folge gern von Fernsehsendern genutzt, wenn sie über unsere Arbeit berichteten.
»Ich habe jetzt zehn Minuten hier vor meinem Telefon gesessen, um auf jeden Fall die Erste zu sein!«, sagte uns die alte Dame, die uns am 24.12.2017 Punkt zwölf Uhr mit dem ersten Klingeln des Silbertelefons erreichte. Es war ihr sehr wichtig, uns mitzuteilen, wie notwendig sie unsere Initiative fand und wie sehr sie hoffte, dass es nicht bei dieser einen Aktion bleiben würde.
»Ich bin jetzt zwei Kilometer durch die Nacht gelaufen bis zur nächsten Telefonzelle, weil ihr ja nur über Festnetz zu erreichen seid!«, begann mitten in der zweiten Nacht am Feiertagstelefon ein 68-Jähriger das Gespräch. Danach ließen wir auch Mobilanrufe zu. Über 350 Gespräche führten wir in diesen knapp acht Tagen und konnten mit unserer Auswertung eindrücklich beweisen, dass wir gebraucht wurden. In den folgenden Monaten bauten wir unser eigenes kleines Callcenter auf.
»Es kann doch nicht so schwer sein, eine Telefonnummer freizuschalten!«, beschwerte sich in dieser Zeit eine Anruferin im Büro, die seit Langem sehnsüchtig darauf wartete, dass wir endlich begannen. Nun, es war nicht leicht.
Wenige Wochen nach dem Start im September 2018 wurden auch die ersten Silbernetz-Freund*innen vermittelt. Seitdem werden in beiden Gesprächsformen Älteren neben Austausch und Ermutigung bei Bedarf auch Informationen zu Unterstützungsangeboten und Beteiligungsmöglichkeiten in der Nachbarschaft der Anrufenden gegeben – die Silberinfo. Diese drei Teile des Silbernetzes – Silbertelefon, Silbernetz-Freundschaft und Silberinfo – zusammen mit der Anonymität, Vertraulichkeit und Kostenlosigkeit für alle Älteren mit Einsamkeitsgefühlen stehen für die Einzigartigkeit des deutschlandweit verfügbaren Angebotes.
Seit März 2020 – dem ersten Lockdown der Corona-Jahre – ist das Silbertelefon aus allen deutschen Bundesländern erreichbar. Bis heute können Menschen ab 60 Jahren dort nur von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr abends anrufen. Lediglich zwischen Weihnachten und Neujahr wird seit 2017 immer wieder mit großer Kraftanstrengung und dem zusätzlichen Einsatz vieler Ehrenamtlicher das Feiertagstelefon organisiert. Nur in diesen acht Tagen ist das Silbertelefon ununterbrochen Tag und Nacht erreichbar. Jedes Jahr hat es sich bestätigt – wie in England erfolgt jeder fünfte Anruf in den Nachtstunden. Um das nicht nur in diesen acht Tagen zu ermöglichen, fehlt es an Geld. Jährlich ein Euro pro schlaflosem Älteren würde sichern, dass da rund um die Uhr immer jemand im Silbernetz wäre, um mit ihm oder ihr einfach mal zu reden.
»Zu wissen, dass ich bei euch anrufen kann, dass da jemand zuhört, den Augenblick mit mir teilt, mir antwortet, gibt mir das Gefühl zurück dazuzugehören, ein Mensch zu sein«, sagte eine Anruferin, die den Verlust ihres nach vielen gemeinsamen Jahren verstorbenen Partners nur schwer verwinden konnte und nun niemanden mehr hatte.
»Nein, einsam bin ich nicht, ich habe nur die letzten drei Tage mit keiner Menschenseele reden können.«
Es waren Sätze wie dieser, die wir in den ersten Monaten am Silbertelefon immer wieder hörten. Nur die Zeitangaben waren verschieden: mal waren es »zehn Tage«, dann »in der letzten Woche«. Es war die Reaktion auf unseren ersten Slogan: »Keine Frage zu groß, kein Problem zu klein, kein Grund, damit allein zu sein – Silbernetz, das Hilfetelefon für ältere vereinsamte oder isolierte Menschen.« Danach haben wir ihn geändert zu »einfach mal reden«. Das benennen tatsächlich die meisten der Anrufenden als einen Grund: »Wie schön, dass ich darüber einfach mal mit Ihnen reden kann!«
Über Tage hinweg nur die eigene Stimme zu hören oder den Fernseher, das Radio, Geräuschtapete zu erzeugen, um die komfortable oder schreckliche Stille zu übertönen, nicht erhört zu werden, das kann eine Begleitung frei gewählten, akzeptierten Alleinseins oder chronischer Einsamkeit sein.
