Die Melodie der Sehnsucht - Michael Romahn - E-Book

Die Melodie der Sehnsucht E-Book

Michael Romahn

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Beschreibung

Wenn die Musik leise verklingt … Der einfühlsame Liebesroman »Die Melodie der Sehnsucht« von Michael Romahn jetzt als eBook bei dotbooks. Wann weißt du, dass es Zeit ist zu gehen – und wann, um zu bleiben? Kurz vor ihrer Hochzeit erkennt Sarah, dass ihr Verlobter nicht der Richtige für sie ist – und verlässt New York Hals über Kopf. Sie findet sich in einer Bar im verregneten Buffalo wieder, wo sie Lenny kennenlernt. Der Mann mit den tiefgründigen Augen ist ebenfalls auf der Durchreise – sein Ziel sind die Großen Seen Amerikas. Kurzerhand schließt Sarah sich ihm an. Auf ihrer gemeinsamen Reise verbringen die beiden Momente, die sich für immer in ihre Herzen einbrennen … und mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbringen, merkt Sarah, wie sie sich Lenny mehr und mehr öffnet. Doch der hütet ein tragisches Geheimnis. Darf Sarah trotzdem auf ein neues Glück an seiner Seite hoffen? Einfühlsam, bewegend und wie von einer leisen Melodie durchzogen: Michael Romahn entführt seine Leser auf einen berührenden Roadtrip von New York bis an die Ufer der Großen Seen Amerikas – und schenkt zwei gebrochenen Herzen neue Hoffnung! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der ergreifende Liebesroman »Die Melodie der Sehnsucht« – für die Fans von Nicholas Sparks Bestseller »Wie ein einziger Tag«. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 370




Über dieses Buch:

Wann weißt du, dass es Zeit ist zu gehen – und wann, um zu bleiben? Kurz vor ihrer Hochzeit erkennt Sarah, dass ihr Verlobter nicht der Richtige für sie ist – und verlässt New York Hals über Kopf. Sie findet sich in einer Bar im verregneten Buffalo wieder, wo sie Lenny kennenlernt. Der Mann mit den tiefgründigen Augen ist ebenfalls auf der Durchreise – sein Ziel sind die Großen Seen Amerikas. Kurzerhand schließt Sarah sich ihm an. Auf ihrer gemeinsamen Reise verbringen die beiden Momente, die sich für immer in ihre Herzen einbrennen … und mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbringen, merkt Sarah, wie sie sich Lenny mehr und mehr öffnet. Doch der hütet ein tragisches Geheimnis. Darf Sarah trotzdem auf ein neues Glück an seiner Seite hoffen?

Einfühlsam, bewegend und wie von einer leisen Melodie durchzogen: Michael Romahn entführt seine Leser auf einen berührenden Roadtrip von New York bis an die Ufer der Großen Seen Amerikas – und schenkt zwei gebrochenen Herzen neue Hoffnung!

Über den Autor:

Michael Romahn wurde 1959 in Stade geboren und lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie im niedersächsischen Harsefeld. Er arbeitet als technischer Redakteur im Flugzeugbau, seine Liebe jedoch gehört der Schriftstellerei.

Michael Romahn veröffentlicht bei dotbooks ebenfalls:

Zwei Augenblicke Glück

Die Website des Autors: www.michael-romahn.de

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eBook-Neuausgabe Mai 2019

Dieses Buch erschien bereits 2001 unter dem Titel Am Ufer der großen Seen bei by RM Buch und Medien Vertrieb GmbH.

Copyright © der Originalausgabe 2001 by RM Buch und Medien Vertrieb GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/sakdam, AVprophoto, havesen und ehrlit

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96148-447-8

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Michael Romahn

Die Melodie der Sehnsucht

Roman

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Dieses Buch widme ich meiner Mutter Rosie in Liebe und Erinnerung

Prolog

Irgendwo, tief im Inneren, lebte die Erinnerung, unterschwellig, wie ein Fluss, der unterirdisch weiterfließt. Es war eine sonderbare Mischung aus Traurigkeit und Freude, und Sarah wusste, dass es das eine ohne das andere nie gegeben hätte. Sie war müde und konnte dennoch keinen Schlaf finden. Manchmal, in stillen Nächten wie dieser, am Rande eines Traums, hörte sie ein Flüstern; gedämpft, von weit her. Dann wachte sie auf, aber es war niemand da. Die Furcht vor der Einsamkeit ließ sie nicht los, und das verwirrte sie.

Sie lag auf dem Bett, den Kopf auf die Hand gestützt, und atmete leise. Sie hörte den klagenden Gesang eines Kojoten, lang gezogen und voller Traurigkeit. Sie sah sein struppiges Fell vor ihrem geistigen Auge und streckte ihren Arm aus, um ihn zu berühren. Dann stand sie auf, um nach Dreamer, Lennys cremefarbenem Labrador, zu sehen, und blickte aus dem Küchenfenster zum See, der im Mondlicht wie flüssiges Silber schimmerte. Der Himmel aus schwarzem Samt ließ die Zeit ruhen. Lichtfunken sprühten herab. Sie sahen aus wie Glühwürmchen, doch sie erloschen, bevor sie auf die Erde fielen. Unwillkürlich tauchten verschwommene Bilder der Erinnerung wieder auf. Ein hölzernes Kreuz am Rand des Highways, darunter ein Strauß frisch gepflückter Wildblumen, friedlich grasende Hereford-Rinder, die träge ihre Köpfe hoben und senkten. Und über all dem lag der leise Ruf eines unsichtbaren Falken. Der Labrador stand unten am Ufer im Wind und bellte in die tiefblaue Nacht.

Am nächsten Morgen starrte sie aus dem Fenster und sah zur nebelverhangenen Bucht hinaus. In ihrer Magengegend rumorte es wie in einem Bergwerk. Der morgendliche Dunst deckte alles zu, selbst die vorüberziehenden Schiffe versanken darin. Sarah blickte suchend umher, aber es machte keinen Sinn, wenn man nicht wusste, wonach man eigentlich suchte. Sie schaute hinauf zur blassen Sonne. Sie war ohne Wärme und ließ das Land gläsern und kraftlos erscheinen.

Das Wasser des Sees war zerfurcht durch den ständigen Wind. An den Ufern verrotteten längst verlassene Stege und zum Schutz vor dem Eis ins Schilf gezogene Boote. An manchen Stellen flossen Abwässer durch versteckte Rohre in den See. Hier war das Wasser brackig vom aufgewirbelten Schlamm. Früher war ihr dies nie so aufgefallen.

Das gebrochene Licht des neuen Tages drang durchs Küchenfenster. Es war kalt und trüb. Selbst der rabenschwarze, bittere Kaffee konnte ihre bleierne Trägheit nicht vertreiben. Dreamer schlich herein, wuselte eine Weile um ihre Beine herum und legte sich schließlich zu ihren Füßen nieder. Es roch immer noch nach Kirschpfannkuchen vom gestrigen Abend. Eine Schüssel mit süßem Apfelmus stand noch auf dem Tisch, in der Spüle türmte sich das dreckige Geschirr der letzten Mahlzeiten. Für Augenblicke ruhten ihre Augen auf einem Foto aus ihren High-School-Tagen. Ihr unbekümmertes Lächeln als junges Mädchen kam ihr seltsam fremd vor.

Sarah setzte sich an den Küchentisch und stützte das Kinn in die rechte Hand, während die andere den Kaffeebecher fest umschloss. Lennys Gegenwart schwebte immer noch durch den Raum, klebte an allen Gegenständen. Sie wurde unruhig und wusste nicht, warum. Es gab solche Tage, es würde sie immer geben, Tage, die bedrohlich wirkten wie schwarze Wolkentürme am Himmel. Sie goss den Rest des Kaffees in die Spüle, ging ins Bad und sah in den Spiegel. Sie betrachtete ihre blassen Lippen, blickte in Augen, die nichts zurückgaben. Sie strich sich durchs rote Haar. Sie trug es jetzt kürzer als früher. Das Leben veränderte Menschen.

Wenn Sarah in den leeren Tag hinausging, glaubte sie, sich im Kreis zu drehen. Der See lag unberührt im Morgennebel. Die dünnen Äste der Uferweiden hingen schlaff herunter. Weit oben, über den trägen Schleiern, vernahm sie das ferne Geräusch eines Flugzeugs. Sie hob ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Es fiel ihr immer noch schwer, die Einsamkeit zu akzeptieren. Sie war hier nicht aufgewachsen, vielleicht lag es daran. Doch Iowa, ihre Heimat, kam ihr vor wie ein fernes, längst vergessenes Land.

Sarahs Eltern, Ed und Betty, weigerten sich immer noch, ihre schöne Farm in Iowa zu verkaufen. Immer und immer wieder hatte Sarah versucht, sie davon zu überzeugen, aber Stunden voller bittender Worte hatten nicht ausgereicht, sie umzustimmen. Ed meinte, dass man alte Bäume nicht mehr umpflanzen könne, dass es sinnlos wäre, die verschlungenen Wurzeln aus der harten Erde ziehen zu wollen. Vielleicht hatte er sogar Recht, nein, ganz sicher sogar, aber er war zu schwach geworden, um sechzig Hektar Land alleine zu bestellen. Sie sah das Gesicht ihres Vaters wie ein verschwommenes Bild vor sich. Seine wettergegerbte Haut war von tiefen dunklen Falten durchzogen, die Risse in getrockneter Erde ähneln.

Mom ging es nicht gut. Die Ärzte hatten sie nach Hause geschickt. Sie schwiegen beharrlich, sagten nicht, wie viel Zeit ihr noch blieb. Die Krankenschwestern lächelten milde, um zu beruhigen, aber das Lächeln war nicht ehrlich – es war gestellt und gefühllos. Ed hatte erzählt, dass Mom oft im Schlaf sprach, von Engeln mit goldenen Flügeln phantasierte. Ed glaubte zu spüren, wie die Seele aus ihrem alten Körper wich. Letzte Woche erst hatte Sarah sie besucht. Mutters Haare waren stumpf und glanzlos geworden. Ihr Gesicht wirkte bleich und eingefallen. Sarah brachte ihr einen Becher heiße Milch mit Honig und setzte sich zu ihr auf die Bettkante.

»Wenn du wieder gesund bist, fahren wir an den Michigan-See«, versprach sie, aber Mom war in Gedanken zu weit weg, um die Worte ihrer Tochter zu hören. Sie blickte Sarah mit verwirrten Augen an, während sich ihre Hände um den wärmenden Becher klammerten.

»Du hast mir versprochen, dass wir beide hinfahren.«

»Du bist zu ungeduldig, Mom«, sagte Sarah. »In deinem Zustand holst du dir dort den Tod.«

»Immer noch besser, als hier im Bett zu liegen und dieses süße Zeug zu trinken.« Mom versuchte aufzustehen, aber sie war zu schwach und sank wieder ins Kissen zurück.

»Die Beine wollen nicht mehr so«, sagte sie milde lächelnd, aber ihre Stimme klang flach und tonlos.

»Mom, bitte!« Sarah führte ihr den Becher zum Mund und zog ihre Hand erst wieder zurück, als ihre Mutter einen kräftigen Schluck genommen hatte. Als Sarah ihre Grimasse sah, musste sie lächeln.

»Erinnerst du dich noch daran, was du mir zu trinken gabst, als ich nach einer Woche Zeltlager so erkältet war, dass ich kaum noch ein Wort herausbekam?«

»Heiße Milch mit Honig, nehme ich an«, knurrte Mom mit verkniffenem Mund.

»Heiße Milch mit Honig«, bestätigte Sarah, strich ihr liebevoll über die Wangen und machte sich auf den Weg nach Hause.

Sarah war ihren Eltern unendlich dankbar, dass sie zu ihr gehalten hatten, auch wenn sie nie richtig verstanden hatten, weshalb sie Robert hatte verlassen müssen. Sarah schloss die Augen, sah im Geiste Roberts erhobene Hand, wie sie zuschlug, wie er höhnisch lachte. Sie hatte es Mom nie erzählt. Die Erinnerungen glitten vorüber wie ein sanft dahinströmender Bach. Aus Tagen wurden Stunden, aus Minuten flüchtige Augenblicke, bevor sie im Nichts zerflossen, als hätten sie niemals existiert. Später am Morgen hörte sie kreischende Seemöwen, sah hinauf zu Wildgänsen, die aufgereiht wie Perlen davonschwebten. Der Himmel war farblos. Es war kalt geworden. Sogar im Haus spürte man den nahen Winter.

Sarahs Träume hingen wieder einmal der Zeit nach, alles andere verlor mit jeder verstrichenen Sekunde an Bedeutung. Das Tageslicht erlosch um diese Jahreszeit viel zu früh. Es begann zu regnen, wie so oft, aber es war erst der Beginn eines langen Winters, und ein neuer Anfang am Ende der Zeit.

In einsamen Nächten ging sie hinunter zur Bucht, lauschte den aufbrausenden Wellen und fühlte tief im Inneren ihres Herzens, dass der Wind ihre Botschaft zu Lenny trug. Zu ihren Füßen lag Dreamer und spitzte jedes Mal seine wachsamen Ohren, wenn ihr Lennys Name über die Lippen kam.

Ihre Gedanken schweiften in die Ferne, zu Jason, dem ausgeflippten Rastaman, zu Rosas andalusischer Fischsuppe, zu dem heiligen Berg der Ojibwa-Indianer.

In jenen schicksalhaften Stunden damals in New York, als sie den Entschluss gefasst hatte, nicht als Roberts unglückliche Braut vor dem Altar zu stehen und ihre Gefühle zu verleugnen, konnte sie noch nicht ahnen, dass sich ihre und Lennys Lebenswege in einer unscheinbaren Bar in Buffalo kreuzen würden. Es war so, als wäre sie einem sinkenden Schiff entronnen und durchs eisige Wasser ans rettende Ufer getrieben worden. Sie lebte mit der Gewissheit, dass die Erinnerungen an diese Zeit niemals verblassen würden, so wie die diesige Sonne allmorgendlich aufgehen und ein neuer Tag erwachen würde.

Sarah schaute seufzend auf die Armbanduhr, es war kurz nach zwei. Sie machte sich wieder auf den vertrauten Weg zu ihrem kleinen Blockhaus in der Nähe der Bucht. Sie ging die abschüssige Asphaltstraße hinunter, vorbei an einer Reihe von Briefkästen auf verwitterten Pfählen.

Auf einem vor der Wand seines Bootshauses stehenden Stuhl saß Donovan Parson. Er nahm einen letzten Zug von seiner Pfeife und hob die Hand zur Begrüßung. Sein grauer Rauschebart und die tiefen Furchen, die sich durch sein sonnengebräuntes Gesicht zogen, ließen sein Alter nur erahnen. Sarah schätzte ihn auf Mitte sechzig, vielleicht auch weniger. Sein Haar erinnerte sie an spanisches Moos, das in den Sümpfen Louisianas von den Bäumen hing, strähnig und wirr. Der alte Fischer bot ihr ein Stück Cheddar-Käse mit Brot an und reichte ihr .einen Becher mit dampfendem Kaffee. An dem schmalen Bootssteg vor dem Haus lag sein Fischerboot im unruhigen Wasser der Bucht. Es hatte einen Kajütaufbau aus von der Sonne verblichenem Mahagoni. Der grüne Außenanstrich des Schiffsrumpfs schien noch ziemlich frisch zu sein, und der Namenszug Antonia war mit schwarzer Farbe darüber gemalt. Am Heck zerrte das Beiboot an der Leine wie ein junger Hund, während das Pfahlwerk unter dem Druck der wechselnden Strömung ächzte.

»Deine Frau?«

»Antonia? Nein! Gott bewahre!«, rief Donovan mit erhobenen Händen, und ein Lächeln erhellte seine verwitterten Gesichtszüge. Dann machte er eine lange Pause, als würde es ihm schwer fallen, darüber zu reden.

»Ich hab sie mal in New Mexico getroffen, als ich dort meine Cousine besuchte. Ist schon 'ne Weile her, aber wer's einmal mit Antonia zu tun hatte, vergisst sie nie mehrt«

»Immerhin hast du dein Boot nach ihr benannt«, bemerkte Sarah lächelnd.

»Eine kleine Sentimentalität«, murmelte Donovan, als ob es ihm peinlich wäre. »Ein Mordsweib. Aber ich war bei Gott nicht der Einzige, der so dachte.«

Er wischte sich über die grauen Augen und blinzelte Sarah an. »Sie war Bardame in so einem Countryschuppen, irgendwo an der Grenze zu Texas. Hab den Namen vergessen, so wie du das ganze Land vergessen kannst.«

»Ich war noch nie in New Mexico«, seufzte Sarah.

»Vergiss es!«

»Warum?«

»Überall verdorrtes Gestrüpp, ausgetrocknete Erde, die sich anfühlt wie Beton, und im Hochsommer fegen die Sandwolken tief über das knochentrockene Land, auf dem kein Grashalm mehr wächst. Nur die Eidechsen sonnen sich auf den glutheißen Steinen am Wegesrand, grinsen dich höhnisch an.«

»Es ist doch nicht überall so ...«, sagte sie.

»Ich hab nichts anderes gesehen«, antwortete Donovan und begann, seine Pfeife neu zu stopfen. Die fleckigen Finger glitten mechanisch in den Tabaksbeutel, jede seiner Bewegungen wirkte geradezu behäbig, als würde er es hassen, unnötige Kraft zu vergeuden. Er riss ein Streichholz an und zog genüsslich an der Pfeife, bis die bläulichen Schwaden wie geheimnisvolle Rauchzeichen in die Höhe stiegen.

»Wie lange willst du eigentlich noch Trübsal blasen und mit einem alten Knochen wie mir die Zeit totschlagen?« Sarah zuckte zusammen. Für Sekunden brachte sie keinen Ton heraus. Erinnerungen stiegen plötzlich auf, breiteten sich unkontrolliert aus.

»Ich bin gern hier«, sagte sie trotzig und blickte unschlüssig zur Seite.

»Du verschwendest nur deine kostbare Zeit.«

»Ich habe niemanden außer dir«, antwortete Sarah tonlos.

»Papperlapapp«, grantelte der Alte mit krausgezogener Stirn. »Du solltest endlich eine Entscheidung treffen!«

Sie senkte achselzuckend den Blick.

»Wenn ich morgens aufwache, sehe ich in den Spiegel und erkenne mich nicht.« Sarah sah fast ängstlich zu ihm nieder, hielt plötzlich inne, um ihre wirren Gedanken zu ordnen. »Du willst es nicht verstehen«, sagte er und kniff die Augen zusammen. »Glaubst du, der da oben hätte die Nacht erschaffen, wenn er nicht genau wüsste, dass ein neuer Tag folgen würde?« Seine fleckige Hand umfasste den Pfeifenkopf, als wollte er sich an ihm wärmen. Weiter draußen im Fahrwasser schob ein Frachter eine riesige Bugwelle vor sich her. Am Heck badeten hungrige Möwen in der aufsprühenden Gischt.

»Ich habe nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren«, sagte sie, wendete ihr Gesicht von ihm ab und blickte sehnsüchtig zu den Fischerbooten, die abseits des Hauptfahrwassers vor Anker lagen. Die alten Gefühle kamen wieder hoch, als hätte ein Windstoß die Flamme neu entfacht.

»Ich mag vielleicht alt und vertrottelt sein«, sagte er im mürrischen Ton, »aber ich merke doch, wie du ständig irgendwelchen Dingen nachhängst, die nicht mehr zu ändern sind? Gab es nicht schon früher Momente, in denen du geglaubt hast, die ganze Welt hätte sich gegen dich verschworen?« Sarah sah ihn befremdet an, während die anbrandenden Wellen des Frachters das hölzerne Gefüge des Stegs zum Knarren brachten.

»Gab es die nie?«, drängte er weiter.

»Doch ... natürlich gab es die«, antwortete sie, ohne ihn anzusehen. Dann erzählte sie ihm, dass sie von Ed und Betty, ihren Eltern, zum 16. Geburtstag eine junge Stute mit schwarzem glänzendem Fell geschenkt bekommen hatte, die sie auf den Namen »Ella« taufte. In den Sommerferien war sie immer mit ihrem Vater in die Berge geritten, und da sei es dann geschehen. Irgendetwas musste Ella aufgescheucht haben, eine Schlange vielleicht. Die Stute bäumte sich auf und warf sie ab. Ihr selbst war nicht allzu viel passiert, aber Ella war mit der rechten Hinterhand in eine Felsspalte geraten und hatte sich das Bein glatt durchgebrochen. Obwohl sie ihren Vater angefleht hatte, es nicht zu tun, erschoss er Ella auf der Stelle.

Sarah hatte es ihm so übel genommen, dass sie ihn erst mal völlig ignorierte. »Ich war so schockiert«, sagte sie zu Donovan, »dass ich mich auf mein Zimmer verkroch und wie ein Schlosshund losheulte. Mom musste eine ganze Stunde auf mich einreden, bis ich endlich herauskam. Irgendwann hab ich's dann doch eingesehen.«

Donovan sagt nichts. Nur ein flüchtiges, beinahe hochmütiges Kopfnicken war zu erkennen, bevor er seine Pfeife ausklopfte und hinunter zum Steg ging. Es war seine Art, ein Thema zu beenden.

»Ich muss noch drei Fischreusen einholen.«

»Dann werde ich wohl jetzt gehen!«, rief sie ihm hinterher, doch der Alte schüttelte unnachgiebig den Kopf und winkte sie an Bord.

Dann fuhren sie mit der Antonia hinaus.

»Das Paradies«, sagte Donovan geheimnisvoll, »liegt irgendwo hier draußen, wo die Sonne ihr Licht noch ungetrübt aufs Wasser werfen kann?«

Sarah versank im gleichmäßigen Rauschen der Wellen und spürte den kalten Wind im Gesicht. Am Horizont schienen Himmel und Erde ineinander überzugehen.

Nach einiger Zeit deutete Donovan mit ausgestrecktem Arm gen Norden. »Überall hier in der Gegend erzählen die Alten denen, die es hören wollen, noch die Geschichte von Willie Haggard. Hab ich dir schon von ihm erzählt?«

»Nein, ich glaube nicht«, antwortete Sarah, obwohl sie es nicht zugegeben hätte, wenn es so wäre. Sie liebte seine Geschichten, die tiefe, beruhigende Stimme, die sie eine Zeit lang aus der Wirklichkeit riss.

»Er war Fallensteller in den Wäldern oberhalb des Lake Superior. Er lebte von den Fellen der Tiere, die in seine illegalen Fallen tappten. Eines Tages fing er eine alte Bärin, aber das Fell war ihr an einigen Stellen schon ausgegangen und viel zu fleckig, als dass er dafür einen guten Preis bekommen hätte. Das Junge der Mutter, das im dichten Gebüsch Schutz gesucht hatte, beobachtete Haggard dabei, wie er die Bärin aus der Falle zerrte und einfach liegen ließ. Das Fell des Kleinen war ebenfalls struppig und voller weißer Flecken. Zwei Monate später kam ein Fellhändler an Haggards Blockhütte vorbei, um die versprochenen Felle abzuholen. Die Hütte war unverschlossen und leer. Der Mann machte sich auf die Suche nach Haggard und fand ihn zwei Meilen weiter oben an der Flussbiegung. Haggard war tot. Vermutlich war er rückwärts in eine seiner eigenen, längst vergessenen Bärenfallen getreten. Er hatte am ganzen Körper Bisswunden, und sein rechtes Bein war unterhalb des Knies zerfetzt. Der Fellhändler berichtete später, dass er ganz in der Nähe einen Bären mit struppigem Fell und weißen Flecken gesehen hatte, der gemächlich davontrottete, als er ihn sah!«

Sarah schwieg nachdenklich, ließ ihre Augen am Horizont entlangschweifen. Als sie einen Weißkopfadler dicht über das Wasser fliegen sah, spürte sie, wie eine schwermütige Sehnsucht in ihr aufstieg.

»Es sieht so aus«, sagte sie schließlich, »als könnte man seinem Schicksal nicht entkommen.« Donovan Parson zog an seiner Pfeife und nickte.

»Nur wer die Vergangenheit akzeptiert, kann die Gegenwart verstehen. Ich weiß, dass es nicht leicht für dich ist, aber manchmal kann die Erinnerung auch wie ein inneres Feuer sein, an dem man sich erwärmen kann.« Er lächelte zu Sarah hinüber. Danach schwieg er, bis sie wieder am hölzernen Steg anlegten.

Es war Ende November. Die zerbrechliche Stille des Spätsommers war von Herbststürmen vertrieben worden. Die Zeit, in der das flammende Laub des Indian Summer von den Bäumen geweht wurde, war längst vorüber. Jetzt wanderten nur noch zitternde Schatten kahler Äste über den ersten Schnee. Bald würde eine andere, eigenartige Stille über dem Land liegen. Eiszapfen, so spitz wie Dolche, würden an den Dachrinnen hängen, und der treibende Schnee würde die schwachen Stimmen schlucken, jegliches Leben für eine ganze Weile an den Rand der Welt drücken.

Saks Jeep rollte langsam den Kiesweg entlang und blieb vor der Gartenpforte stehen. Sak kam auf sie zu und tippte mit zwei Fingern an seinen Stetson. Er trug immer diesen beigen Hut mit breiter Krempe, der seine Augen in den Schatten legte.

»Wenn du zu viel besitzt«, meinte er eines Abends, »achtest du nicht auf jedes Teil. Es gehört dir zwar, aber du bemerkst es nicht?«

Sarah lächelte ihn an.

»Ich für meinen Teil«, entgegnete sie, »bin ganz froh, ein paar Dollar zu haben – die Fenster im Dachgeschoss müssen erneuert werden.«

Sie studierte sein indianisches Gesicht, musterte seine grauen Augen, das schwarze, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haar.

»Und überhaupt ... du brauchst dich nicht zu beschweren. Du besitzt mehr als die meisten.«

Sak lachte laut auf: »Einen alten Jeep, eine heruntergekommene Galerie ...«

»... und geniale Hände!«

Doch am meisten von allem bewunderte Sarah seine Fähigkeit, das Leben als dahinfließenden Strom zu betrachten. An manchen Tagen ging sie mit ihm auf den Berg hinauf. Dann schaute er mit geheimnisvollen Augen über das Land seiner Väter und Großväter und erzählte ihr die alten Sagen und Märchen der Indianer Nordamerikas.

Sak hatte aber auch andere Geschichten parat. Sarah erinnerte sich daran, wie sie lachend den Kopf in den Nacken geworfen hatte, als er ihr von dem Waschbären erzählte, der die gesamten Vorräte eines Ehepaares aus New Mexico im Fluss versenkt hatte.

Sarah begann schon wieder zu prusten, aber dann holte er sie in die Wirklichkeit zurück.

»Hast du dir eigentlich die Sache mit der Galerie überlegt?«, fragte er in ihr Lachen hinein. »Ich könnte deine Hilfe wirklich brauchen.«

»Ich weiß nicht, ob ich das wirklich will«, antwortete Sarah. Sak sah an ihr vorbei zu den Fischerbooten, die in der Bucht vor Anker lagen.

»Woran denkst du gerade?«

»An Quiche Lorraine ...«, sagte sie, ohne nachzudenken.

Sak warf die Stirn in Falten.

»Sarah, es wird Zeit, dass du dich von Lenny löst.«

»Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal eine gegessen habe.« Sie lächelte, aber es lag eine tiefe Unsicherheit in ihren Augen. Zerstreut betrachtete sie die zerrissenen Wolken über der Bucht. Sie färbten sich, wechselten vom verwaschenen Orange ins leuchtende Rot, das für Augenblicke den Horizont entflammte. Sak war ein Genie. Sie bewunderte seine Bilder, die ineinander fließenden Farben und die Holzskulpturen alter Indianerhäuptlinge, aber sie hatte Angst, ihm zu nahe zu kommen.

»Denk darüber nach«, sagte Sak und beobachtete, wie Sarah die Brauen in die Höhe zog.

»Bekomme ich dann meine Quiche Lorraine, oder nicht?«

Als Sak Sarahs forderndes Gesicht sah, musste er lächeln.

»Ich möchte nur nicht, dass du daran zerbrichst. Das ist alles.«

»Ich weiß, Sak. Aber ich gehe immer noch aufrecht, wenn du das meinst.«

»Pass auf, dass du es nicht verlernst«, sagte Sak, drehte sich um und ging die Böschung hinunter zum Steg.

Sarah schloss die Augen und erinnerte sich an knorrige Zedern vor roten Felswänden, verrostete Straßenschilder mit Einschusslöchern, und irgendwo im Hintergrund das eintönige Geräusch einer Klimaanlage. Erinnerungen wie verschwundene Augenblicke, Fußspuren im feinen Sand, die mit der nächsten Welle über den See getragen werden. Vielleicht würde sie sogar einmal die Kraft besitzen, an die Küste von Maine zu fahren, zum kleinen Holzsteg, an dem wahrscheinlich heute noch der Graureiher auf einem Pfahl hockte und aufs wogende Meer hinausstarrte. Eines Tages würde sie bereit sein.

In dieser Nacht stand sie noch lange auf der Veranda und sah auf die Bucht hinunter, die längst von der schwarzen Dunkelheit verschluckt worden war. In ihren Gedanken ließ sie sich treiben, zurück an die Ufer der Großen Seen. Jede einzelne Meile, mit der sie sich seit jener Nacht von New York entfernt hatte, erweckte sie noch einmal zum Leben. Sarah trug sie auch heute noch in sich, die traurigen Lieder des Lenny Hyde, und die einsamen, verworrenen Träume. Sie bewahrte und behütete sie wie ihren eigenen Augapfel – wie einen kostbaren Schatz, der am Ende des Regenbogens verborgen war und von dessen Existenz nur sie etwas wusste.

Kapitel 1

Ich sehe alte Männer in Latzhosen mit Zigarettenstummeln im Mundwinkel. Sie sitzen auf Holzstühlen vor dem alten Drugstore und blättern gelangweilt in der Zeitung. Rote Ziegelsteinhäuser säumen die einzige Straße des Dorfes. Ihre bemoosten Dächer aus schwerem Schiefer scheinen alles unter sich zu begraben. Die alte Uhr am Kirchturm schlägt schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich kann sich auch niemand daran erinnern, wann sie ihren Geist aufgegeben hat. Vom Himmel ist ein fernes Grollen zu hören.

Vor mir holpert ein klappriger Lastwagen über den Schotter der Dorfstraße, die Hühner auf der vergitterten Ladefläche gackern ängstlich durcheinander. Die alten Männer sehen auf. Misstrauische Blicke, scharf wie Rasierklingen. Einer von ihnen grinst und zieht mit den Daumen seine Hosenträger zurecht. Danach fällt er wieder zurück in seine Lethargie. Er ist kugelrund, sein Gesicht ist zerfurcht wie totes Fleisch, er trägt das gleiche karierte Hemd wie Lenny.

Vor Bill Gasbys Gemischtwarenladen hält ein Pritschenwagen. Der Fahrer zieht Kartons mit Konserven über die Ladefläche und schleppt sie träge und verdrossen in den Laden. Ich höre das Klacken des Tankstutzens und wäre am liebsten losgefahren, ohne zu bezahlen. Einfach nur so, ohne besonderen Grund. Später frage ich mich, warum ich es nicht getan habe.

Erinnerungen an ein Dorf westlich von New York

Es war erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Sarah alles zurückließ – nicht einmal ein Hauch von Wehmut erfasste ihr Herz, als das Lichtermeer New Yorks in der Dunkelheit der Nacht versank. Sarah dachte an das glanzlose Wasser der Flüsse, das verwaschene Grau der Berge. Am trüben Himmel türmten sich schwarze Wolken, zogen so träge und schwer über das Land, als würden sie im nächsten Moment herunterfallen.

Sie konnte sich kaum noch an die letzten Stunden ihrer Reise erinnern, und als sie am späten Nachmittag über die Elmwood Avenue in Buffalo schlenderte, empfand sie ein eigenartiges Glücksgefühl. Auf einem riesigen Plakat am Rande des Highways warb ein Kaufhaus mit einem Supermodel, dessen endlos erscheinende Beine in eine hauchdünne Strumpfhose gezwängt waren. Sie verzog das Gesicht und streckte dem Model ihren Mittelfinger entgegen.

Tony's Pub war wohl kaum der passende Ort, um sich am Ziel seiner Träume zu wähnen. Vielleicht die elterliche Farm in Iowa, die sie in all den Jahren ihrer Kindheit behütet und beschützt hatte, oder Ed und Betty, die sie liebten wie ihre eigene Tochter. Sarah war gerade mal ein paar Wochen alt gewesen, als die beiden sie zu sich genommen hatten. Sarah nannte sie Mom und Dad, obwohl sie es eigentlich nicht waren. Sie musste lächeln, als sie sich daran erinnerte, wie sie sich einmal mit dem Dreirad überschlagen und eine ziemliche Beule am Kopf eingehandelt hatte. Es war hinter dem Haus bei den Kaninchenställen gewesen. Sie war mit dem Vorderrad gegen einen Stein gefahren. Das Rad stellte sich quer und sie flog im hohen Bogen über den Lenker. Als Sarah ihre Augen wieder öffnete, lag sie in ihrem Bett und ihre Mom hielt ihr den eiskalten Waschlappen auf die Stirn. Am Abend hörte sie oben auf der Treppe sitzend, wie Betty ihrem Mann mächtige Vorwürfe machte, dass er nicht besser auf sie aufgepasst hatte. Sie schrie ihn an, dass er unfähig sei, ein Kind zu erziehen. Sarah erschrak ein wenig, aber Mom war in solchen Sachen ziemlich rigoros und hatte garantiert das letzte Wort. Dabei war es auch immer geblieben. Sie erinnerte sich an einen Nachmittag vor vielen Jahren, als ihre Mutter ihr bei Charlton's ein anthrazitfarbenes Kleid kaufen wollte. Der Saum reichte bis zu ihren Knöcheln. »Mom, kein Mädchen in der Stadt trägt so etwas!«, hatte Sarah sich entrüstet, aber ihre Mutter schüttelte resolut den Kopf und sagte: »Dann wirst du eben die Erste sein.«

Nie hatten sie ein Wort darüber verloren, dass sie sich jeden Cent vom Munde absparen mussten, um sie großzuziehen. Auf dem Markt verkaufte Mom Sojabohnen in Jutesäcken, Äpfel in Pappsteigen und selbst gemachte Marmelade. Auf den Regalen im Keller türmten sich Unmengen von Einmachgläsern. Apfelgelee, Pflaumenmus und Johannisbeermarmelade standen fein säuberlich mit Datum versehen nebeneinander, und es war schier unmöglich, den Bestand bis zur nächsten Ernte aufzubrauchen; selbst dann nicht, wenn eine Eiszeit über das Land hereingebrochen wäre.

Es war eine elende Schinderei für ein paar mickrige Dollar gewesen. Aber sie hatten es geschafft, die Farm abzubezahlen. Letztendlich aber brachte es Mom einen kaputten Rücken und Dad ein Magengeschwür ein, weil er sich Tag für Tag über die katastrophalen Marktpreise aufgeregt hatte. Der Williams-Clan hatte seit jeher unter dem sturen Regiment des männlichen Geschlechts gestanden, doch Mom hatte nicht im Traum daran gedacht, sich diesem unumstößlichen Gesetz zu fügen. Es war irgendwie beschämend, mit ansehen zu müssen, wie Ed mit gleichgültiger Miene die Familiengeschicke in die Hände seiner Frau legte und es stattdessen vorzog, heimlich in den Keller zu schleichen, um sich aus der Whiskyflasche im Werkzeugschrank zu bedienen.

Einmal zu Weihnachten hatten sie Sarah eine sündhaft teure Daunenjacke geschenkt. Sie war gerade mal zwölf oder dreizehn gewesen und mächtig stolz auf die Jacke. Einmal hatte sie sogar geheult, weil sie sie zwangen, sie während des Abendessens auszuziehen.

Sarah beobachtete einen betrunkenen Kerl an der Musikbox, der auf dem beschwerlichen Weg zurück zu seinem klebrigen Tisch ins Schwanken geriet. Er musste sich sogar an einem der Hocker festhalten, die in Reih und Glied vor dem verwaisten Tresen standen und noch ganz feucht vom Abwischen waren. Es hatte aufgehört zu regnen. Beim Juwelier gegenüber wurde das schwere Metallgitter heruntergelassen. An der Garderobe baumelten gelbe Regenmäntel, noch immer triefend nass vom letzten Schauer.

Sarah überkam ein Gefühl der Hilflosigkeit, das einen niederdrückt und die Luft zum Atmen raubt. In Roberts Nähe fühlte sie sich wie ein winziges hilfloses Wesen mitten im übermächtigen Ozean. Sie spürte die Kälte der schäumenden Wellen, die über ihr zusammenschlugen, und ihre Lungen allmählich mit Wasser füllten. Sie wehrte sich gegen das Absinken und Auftauchen ihres Körpers, als würde der Ozean mit ihm jonglieren. Zum ersten Mal versuchte sie jetzt, gegen den ablandigen Wind zu schwimmen, weil es nichts gab, was sie sonst hätte tun können, um nicht unterzugehen. Sarah fragte sich, ob die Erinnerungen, die man zu vergessen hoffte, in den Träumen neue Kraft schöpften, um sich am Morgen des neuen Tages wieder ins Bewusstsein zu drängen.

Draußen schleifte ein alter Mann graue Müllsäcke über den nassen Bürgersteig und stellte sie im milchigen Lichtkegel der Straßenlaterne ab. Die monoton blinkende Neonreklame von Tony's Bar spiegelte sich auf dem nassen Asphalt. Sarah sah, wie der Alte in die Bar kam, den gekrümmten Rücken mit schmerzverzerrtem Gesicht aufrichtete und versuchte, die Kälte aus seiner klammen Kleidung zu schütteln. Er ließ sich zwei Tische weiter nieder und bestellte einen wärmenden Punsch. Sein graues Haar blitzte unter der Wollmütze hervor, die er vergessen hatte abzusetzen. Sarah fing die neugierigen Blicke des Barkeepers auf, der bis dahin gelangweilt Gläser poliert hatte.

Sie dachte an ihren Traum, in New York studieren zu können, in einer pulsierenden Stadt, die niemals schlief. Sie träumte von einer eigenen Anwaltskanzlei in einem dieser gläsernen Wolkenkratzer, von denen man über ganz Manhattan, den Hudson River und auf die restliche Welt sehen konnte. In ihren Träumen joggte sie im Morgengrauen durch den Central Park und kaufte in den edelsten Boutiquen der Fifth Avenue ein. Doch jetzt saß sie hier, im verregneten Buffalo, trank statt prickelndem Champagner kaltes Budweiser aus der Flasche und hatte ihr cremefarbenes Kostüm gegen ein knallbuntes T-Shirt eingetauscht, auf dem der gute alte Bob Marley von einer graublauen Rauchwolke umhüllt war.

Sarah hatte sich drei Postkarten im Schreibwarenladen gekauft. Den Sankt-Lorenz-Strom für Abigail, ihrer besten, wenn auch einzigen Freundin aus dem Coffee Shop in der Amsterdam Avenue, die nächtlichen Niagarafälle für Mom und Dad in Iowa, und Buffalo's 30-stöckige City Hall für Mrs Warfdale, der unermüdlichen Bibliothekarin, die eines fernen Tages ihr Leben zwischen den deckenhohen Regalen und engen Gängen still und leise beenden würde. Während Sarah über einen geeigneten Anfang für ihre Eltern brütete, kam der schlaksige Barkeeper an ihren Tisch und brachte ein neues Bier.

»Geht aufs Haus, schöne Frau. Ich bin Tony!«

Sarah blickte mit gelangweiltem Blick zu ihm auf und sah in ausdruckslose, glasige Augen. »Freut mich«, sagte sie mit tonloser Stimme und nannte ihm ihren Namen.

»Hab dich hier noch nie gesehen. Wie lange bleibst du?«

»Werde versuchen, morgen früh den ersten Bus nach Toronto zu erwischen«, erwiderte sie und sah, wie Tony einen Moment verunsichert innehielt und nach einer Weile murmelnd zu seinen Gläsern zurückkehrte. Sarah dachte an New York, an die nächtliche Fahrt mit Jason, dem Rastaman. Sie zündete sich eine Zigarette an und blies kleine Rauchringe in die Luft, denen sie mit ihren traurigen Augen gedankenverloren folgte.

Vor einer Woche, in einer einsamen Nacht am Washington Square, hatte sie sich entschlossen, davonzulaufen, exakt einen Tag vor der Hochzeit. Als sich das purpurfarbene Licht der Dämmerung über den Hudson River gesenkt hatte, fühlte sie plötzlich eine tiefe, unergründliche Melancholie in ihrem Herzen, und sie spürte eine bedrückende Enge, die ihr die Luft zum Atmen raubte. An jenem Abend waren sie zu einem Empfang für eine neu errichtete Hotelanlage eingeladen worden. Sarah hatte Robert gebeten, allein hinzugehen, da die verdammten Kopfschmerzen einfach nicht nachlassen wollten. Robert strich ihr zärtlich über die Stirn und versicherte mit einem sanften Lächeln, dass es nicht allzu spät werden würde. Irgendwie schien er sogar froh darüber zu sein, aber zum ersten Mal, seit sie zusammenwohnten, war's ihr völlig egal. Als er sich dann spät in der Nacht ins dunkle Schlafzimmer schlich, strömte der Geruch von billigem Parfüm zu ihr. Robert schaltete das Licht seiner Nachttischlampe an, sah zu ihr herab und lächelte. Sie war zu müde, um mit Robert darüber zu diskutieren, aber er las ihr die stummen Vorwürfe von den Augen ab. Er ging hinaus, kam mit einem Whisky auf Eis in der Hand wieder und sagte nur: »Wird nicht wieder vorkommen.« Aber seine Antwort war zu schnell gekommen, um aufrichtig zu sein. Sarah starrte aus dem Fenster, um sein überhebliches Lächeln nicht sehen zu müssen. Er hatte nicht die geringste Absicht, sich zu ändern. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Glaubst du nicht«, sagte Robert wenig später, »dass du in letzter Zeit ziemlich abweisend zu mir bist?«

»Vielleicht«, erwiderte Sarah bissig, »liegt es ja an dem billigen Parfüm deiner Sekretärin.«

Es war das letzte Mal gewesen, dass sie mit Robert sprach. Schon am nächsten Tag hatte sie Darryl angerufen. Von einer Telefonzelle aus, damit Robert keinen Verdacht schöpfen konnte.

Sarah hatte die freie Wahl. Sie konnte nach Galveston im Süden von Texas fahren, wo ein Jugendfreund ihres Vaters einen Country-Club besaß oder an die Westküste, nach San Francisco, wo sie ihr Jurastudium fortsetzen und nebenbei in einer Anwaltskanzlei als Aushilfe arbeiten würde. Doch Sarah hatte sich für den Norden entschieden.

Darryls Eltern besaßen einen Gemischtwarenladen in Fort Dodge, nur ein paar Meilen von der Farm ihrer Eltern am Des Moines River entfernt.

Nach dem High-School-Abschluss hatte es Darryl nach Toronto gezogen, wo sie Tiermedizin studierte und später eine eigene Praxis eröffnete. Das letzte Mal hatten sie sich während der Abschlussfeier auf der High-School gesehen. Darryl hatte ihrem Vater eine halbe Flasche Kentucky-Whisky gestohlen und heimlich in die wässrige Erdbeerbowle geschüttet. Der alte Pencate, ihr Geschichtslehrer, hatte sich jedenfalls mächtig über die ausgelassene Stimmung gewundert.

Darryl war außer sich vor Freude gewesen, als sie Sarahs Stimme erkannte.

Sarah hatte geduldig gewartet, bis es völlig dunkel geworden war. Nachdem die Rücklichter des weißen Pontiacs von der Dunkelheit verschluckt worden waren, hatte sie sich angezogen, die gepackte Tasche unter dem Bett hervorgeholt und sich aus dem Haus geschlichen.

Die schweren Holzbohlen knarrten unter ihren Füßen. Unheilvolle Wolkenfetzen verdeckten den Mond. Sarah lief durch die tiefschwarze Nacht zur nächsten Haltestelle am Riverside Drive. Sie bewegte sich abseits der belebten Straße, wie ein Sträfling auf der Flucht. Mehr als einmal zuckte sie ängstlich zusammen, wenn ein undefinierbares Geräusch jenseits des Weges zu ihr drang oder tote Äste und Zweige unter der Last ihres Körpers zerbrachen.

Tief hängende Wolken schwebten über dem schwarzen Wasser, als würden sie im nächsten Moment darin untergehen. Um ein Haar hätte sie den Nachtbus verpasst, und alles wäre umsonst und sinnlos gewesen. Er fuhr schon an, als Sarah mit hochgerissenen Armen hinterherlief und schrie, als ginge es um ihr Leben. Außer ihr gab es nur noch drei weitere Fahrgäste. Eine Frau mit ihrer Tochter in der Mitte des Busses, und in der letzten Reihe einen älteren Mann, der bewegungslos und geistesabwesend vor sich hin starrte, als wäre er gleich nach dem Einstieg einem Herzinfarkt erlegen. Es gab niemanden, der ihr hätte gefährlich werden können. Nur er. Sie war sich sicher, dass er versuchen würde, ihr zu folgen. Nicht aus Liebe oder Fürsorge. Nein, es war sein gottverdammter Stolz, die gekränkte männliche Eitelkeit, die ihn treiben würde, und die Kohle.

Zwei grölende Trucker kamen zur Tür herein und grinsten Sarah im Vorbeigehen an. Sie lehnten ihre stämmigen Körper an den Tresen und bestellten Whisky. Ihre strähnigen Haare hatten sie mit Gummibändern zusammengebunden, die schwarzen Geldbörsen in der Gesäßtasche ihrer abgewetzten Jeans durch silberne Ketten am Nietengürtel gesichert.

Sarah fuhr mit dem Finger über die feuchte Flaschenöffnung und seufzte lautlos in sich hinein. Sie hatte Städte und Dörfer hinter sich gelassen, deren Namen sie nicht einmal wahrgenommen hatte. Riesige Maisfelder, die den Himmel über Pennsylvania groß erscheinen ließen, Viehweiden, die nirgends enden wollten. Nur die Reste von rostigem Stacheldraht an schiefen Holzpfählen zeugten noch von einer glorreichen Vergangenheit.

Sarah drückte ihre heruntergebrannte Zigarette aus und fuhr mit der Zunge über die ekelhaft schmeckende Klebeschicht einer Briefmarke. Raus aus New York, weg vom stinkenden Dampf, der aus den Kanalisationsschächten quoll, der nervtötenden Rushhour und den Betonburgen, die wie Spargel in den diesigen Himmel ragten – weit weg von einem Geist namens Robert Mitchell, der ihr zwei Jahre ihres kostbaren Lebens geraubt hatte. Nachts tauchte Robert in ihren Träumen auf, in der einen Hand die Rosen, in der anderen die goldenen Trauringe. Während sie sich im Schlaf wälzte, stellte ihr Zukünftiger im noblen Golfclub den blutjungen Kellnerinnen nach oder machte sich vor den alten Augen der gelifteten Millionärswitwe lächerlich.

Endlich konnte sie aufhören, so zu tun, als wäre sie jemand anders. Sie war dieser Art Liebe überdrüssig geworden.

Sie, Sarah Williams, war damals unfähig gewesen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Als Robert mit einem Dutzend roter Rosen und einer Flasche edlem Champagner um ihre Hand anhielt, gab es nichts, dessen sie sich noch sicher war. In diesem Moment hatte sie sich gewünscht, wie ein Eichhörnchen irgendwo in den schwankenden Baumkronen entschwinden zu können, doch letztendlich trat sie in seinen stummen Schatten.

Seit sie nach New York gegangen war, hatte sie den Ort ihrer Kindheit vermisst. Tiefe fruchtbare Böden, das friedlich grasende Vieh und die mächtigen Mähdrescher, die wie ungelenke Ungetüme über die Maisfelder donnerten. Nur im trüben Winterlicht verlor das Land ein wenig von seinem Charme. Es waren stille, einsame Winter, in denen das Leben ruhte. Später in Manhattan hatte sie nie wieder dieses vertraute Gefühl gespürt.

Wie hatte sie auch glauben können, dort glücklich zu werden, als stumme Tischbegleitung ihres Gatten, bis an ihr Lebensende die gehorsame Frau eines überaus angesehenen Architekten. Sarah war es leid, ständig gefragt zu werden, wie das Leben an der Seite eines tollen Mannes wäre. Sie lächelte dann immer höflich und wünschte sie alle zum Teufel – einschließlich Robert.

Allmählich fühlte sie sich besser. Roberts Rosen waren nur noch dornige Stängel, die auf irgendeinem Komposthaufen lagen. Ihre Liebe, wenn sie überhaupt jemals existiert hatte, war erloschen und vergessen, wie die rostigen Windräder, die auf eingeknickten Eisentürmen entlang der Highways verrotteten.

Sarah dachte zurück an die Fahrt im fast menschenleeren Nachtbus, über den nebelverhangenen Hudson River, quer durch New Jersey, bis zum Ostufer des Delaware.

An einer Seven Eleven-Tankstelle hatte sie Jason getroffen, schwarz wie die Nacht, mit wirren Rastalocken. Er lehnte sich mit breitem Grinsen aus dem Seitenfenster seines Pick-ups. Sarah stieg ein süßlicher Duft in die Nase, während aus den Lautsprechern wilde Reggae-Rhythmen hinaus in die kalte Nacht dröhnten.

»Wo soll's hingehen, Lady?«

»Toronto wäre nicht übel«, sagte Sarah.

»Kein Problem«, grinste Jason. »Ich will nach South Bend, Indiana, meine Schwester besuchen. Also Zeit genug, es sich noch zu überlegen!« Als er den Motor anließ, schoss eine düstere Qualmwolke in die Luft. Er drehte den Lautstärkeregler auf und trat das Gaspedal durch. Sie fuhren durch enge Straßen, die sich wie Rinnsale durch die Wälder schlängelten. Nachdem sie eine ganze Weile schweigend der Musik gelauscht hatten, sagte Jason: »Ungewöhnlich für eine Lady, mitten in der Nacht ...«

»War nicht anders möglich«, antwortete Sarah, »hätte sonst morgen vor dem Traualtar stehen müssen!«

Jason, der seit ihrer Abfahrt die Hände im Takt der Musik aufs Lenkrad schlug, hielt einen Augenblick lang inne. »Mann, das ist wirklich cool! Sie gefallen mir, Lady!« Er nickte anerkennend und trommelte wieder auf dem Lenkrad herum. Sie spürte, wie die Wut auf Robert von neuem in ihr aufstieg.

»Er war ein Arsch«, sagte Sarah und starrte verächtlich in die schwarze Nacht. »Genau wie seine Freunde und die Flittchen, sie sich von ihnen aushalten lassen! Sie stellten mir immerzu Fragen, weil sie wussten, dass ich sie nicht beantworten konnte. Sie wollten mir einfach zeigen, dass ich nicht zu ihnen gehörte. Und an einem dieser Abende habe ich ihnen gesagt, dass ich nicht daran denke, so zu werden wie sie; Spieluhren, die man aufzieht, wenn man ihre Melodie hören möchte, und wegwirft, wenn man ihrer überdrüssig geworden ist.«

Jason freute sich diebisch, als wäre er höchstpersönlich dabei gewesen.

»Ich nehme an, dass dein Auftritt einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.«

»Darauf kannst du deinen Arsch verwetten!«, sagte Sarah und grinste über das ganze Gesicht.

Jason klemmte das Lenkrad mit den Knien fest und begann sich einen Joint zu drehen. Als er Sarahs verwirrten Blick auffing, zog wieder ein breites Grinsen über sein Gesicht. »Keine Angst, Lady, das Zeug ist völlig harmlos.« Kurz darauf umhüllte eine dicke Rauchwolke sein Gesicht.

»Ich weiß nicht, wie es dir geht, Lady, aber ich für meinen Teil glaube, dass die Menschen nur dafür geschaffen sind, anderen wehzutun. Mein Vater haute mit einer Nachtclubtänzerin ab. Am Anfang schrieb er mir noch Postkarten ... Louisiana, Arkansas und Florida, aber irgendwann blieben auch die aus. Danach habe ich nie mehr etwas von ihm gehört. Und für mich gezahlt hat er natürlich auch nicht!

»Guter Deal«, sagte Sarah. »Und jetzt?«

»Das Einzige, was du bei mir bekommen kannst, sind T-Shirts!« Er deutete nach hinten zur Rückbank, wo ein vom Regen aufgeweichtes Pappschild lag, auf dem drei T-Shirts zum Preis von einem angepriesen wurden. »Ich verkaufe sie auf Flohmärkten, Festivals, eigentlich überall.«

»Und? Wie läuft das Geschäft?«

»Mies!«

»Versuch's doch mal auf den Keys«, schlug Sarah vor. Er war so überrascht, dass er für einige Sekunden sogar vergaß, wie ein Wilder aufs Lenkrad zu trommeln. Er überlegte einen Augenblick lang, bevor er nickte und seine Rastalocken flogen.

»Hätte ich auch selbst drauf kommen können.«

»Bist du aber nicht«, sagte sie.

»Ich weiß, Lady«, antwortete er und grinste breit.

»Warum nennst du mich eigentlich immer Lady?«

»Stört's dich?«

»Nein. War nur eine Frage.« Robert hatte sie einmal auf einer Party so genannt. Aber es klang schäbig und abfällig. Sie hätte ihn dafür glatt ermorden können. Aber Jason sagte es so, als glaubte er wirklich, eine Frau aus gutem Hause neben sich zu haben.

»Also«, begann Sarah von neuem. »Wie wäre es mit den Keys? Nein, warte. Am besten fahren wir gleich zum Sunset-Pier!«

»Sunset-Pier?« Seine Augen wurden so groß wie Pingpong-Bälle.

»Dort gibt's den südlichsten Dudelsackspieler Amerikas«, sinnierte Sarah. »Nicht zu vergessen der Seiltänzer und Feuerschlucker!« Jason schnalzte mit der Zunge.

»Klingt verlockend. Und keine T-Shirt-Verkäufer?«

»Klar gibt's die, aber du findest schon noch einen Platz für deine Dinger.«

»Scheint so, als wären sie alle dort, bis auf den armen Jason! Stimmt's, Lady?«

»Bis auf Jason und Sarah ...«, verbesserte sie.

»Und woher weißt du, was dort abgeht?«

»Eigentlich hatten wir fürs nächste Jahr ein Reise dorthin geplant«, sagte sie mit einem sehnsüchtigen Seufzer. »Key Largo, Marathon, in den Sonnenuntergang segeln ...« Wieder ein Seufzer.

»Ich fürchte, dies ist die falsche Richtung!«

»Nein, ist es nicht. Und außerdem bin ich glücklich, dass du nicht dort bist.«

Jason riss die Augen noch weiter auf und kratzte sich am Hinterkopf.

»Da komm ich nicht mehr mit.«

»Na, wer hätte mich denn sonst mitnehmen sollen?«

Er zeigte seine schneeweißen Zähne und nickte.