Die Mittendurcher - Heinrich Ernst Kromer - E-Book

Die Mittendurcher E-Book

Heinrich Ernst Kromer

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Beschreibung

Verstreut erschienene Texte des Schriftstellers und Malers Heinrich Ernst Kromer.

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Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Heinrich Ernst Kromer

Das literarische Werk

Herausgegeben von

Jürgen Glocker und Klaus Isele

Band 2

INHALT

Die Mittendurcher

Ein Opfer

Lena

Ein Luftschiffer

Komödie

Der Kinderwagen

Die Frühmesse

Hartes Holz

Eine seltsame Begegnung

A

NHANG

Nachwort

Editorische Notiz

Die Mittendurcher

Es gibt irgendwo in der Welt eine kleine Stadt, die heißt Mittendurch. Warum sie so heißt, weiß niemand genau zu sagen; doch sollen ihre Bewohner, wenn man über den Ursprung dieses Namens eine unverbürgte Überlieferung erzählt, ernstlich böse werden, so bös, als es ihnen bei ihrer angeborenen Gemütsruhe überhaupt möglich ist. Danach hätte einst ein König, dem in seiner Bedrängnis die Vorfahren der heutigen Mittendurcher Heeresfolge geleistet und zum Siege verholfen hätten, der Stadt alle Abgaben erlassen und ihr ein Wappen zu führen erlaubt, entweder mit einem Zaunkönig oder mit einem Adler im Felde. Es ist unbekannt, warum der König gerade diesen beiden Tiere für die tapfere Stadt als Sinnbild ausersah; als man aber nach langem Beraten in der Wahl nicht hatte schlüssig werden können, indem ein Teil den Adler, der andere den Zaunkönig haben wollte, trat einer der angesehensten Bürger vor und sprach: Warum sollen wir gerade einen Adler oder einen Zaunkönig im Wappen führen? Gibt es nicht noch andere Vögel: Dohlen zum Beispiel, und Elstern und Tauben? Und erlaubt es unser gnädigster König und Herr, so nehmen wir weder den größten Vogel noch auch den kleinsten, sondern wir wählen – mittendurch. Das gefiel gleicherweise dem König wie den Vätern der Stadt; also wurde man einig und setzte eine Dohle ins Wappen, wie vorgeschlagen war; die Bürger sollen von jener Zeit ab Mittendurcher genannt worden sein; und die Stadt selber bekam schließlich, als sie diese Bezeichnung nimmer ausrotten konnte und ihr tieferer Sinn durch langen Gebrauch abgeschliffen und unkenntlich geworden war, den Namen Mittendurch.

Seit jener sagenhaften Begebenheit entwickelten sich die Mittendurcher recht seltsam, indes ganz im Geiste dieser Überlieferung und gewiß nicht zum eignen Nachteil, wenn man näher hinsieht. Die Reisenden berichten nämlich von ihnen, daß sie alles, was sie tun, für sehr groß und rühmlich ansehen, wie mittelmäßig und klein es auch den Fremden erscheinen mag, welche die Stadt besuchen. So nennen sie den kleinen See, daran das Städtlein liegt, das Mittendurcher Meer; einige Boote darauf gelten ihnen als ihre Handelsflotte, und die nahen sanften Hügel, welche die Stadt und den See umschließen, heißen sie die Alpen – und dies alles nicht etwa aus Eitelkeit, wie man meinen könnte, noch aus Großmannssucht, sondern weil ihnen ihre Augen alles größer vorzaubern, als es in der Schätzung anderer Menschen ist.

So kann es denn auch kaum verwundern, daß die Stadt sich für ein großes Seebad ausgibt und darum auch einen Kurgarten besitzt, das ist ein kleiner Vorsprung Landes in den See, bepflanzt mit einigen Kastanienbäumen, unter denen eine kleine Quelle – der Mittendurcher Springbrunnen – durch den Sand fließt. Ein besonderer Gärtner wartet den Garten, und dort ergehen sich abends die Mittendurcher und ihre Badegäste bei den Klängen der Stadtmusik und ergötzen und erholen sich von der Hast und der Mühe des Tages.

Idyll am Stadtpark

Nun begab es sich einmal, daß jener Gärtner auf einem Spaziergang ein seltenes Pflänzlein fand, das im stillen, seichten Wasser hinkroch und hellgrüne Blätter von Gestalt und Größe einer Münze hatte. Dies verpflanzte er in die Quelle des Stadtgartens, und da er dessen Namen nicht kannte, hieß er es guten Mutes die »ausländische Pflanze« und umzäunte die Quelle zum Schutz des wertvollen Besitzes mit einem eisernen Gitter. Im Mittendurcher Tageblatt aber gab es eine Beschreibung davon, und es war kein Wunder, daß, da die Mittendurcher aus ihrer Zeitung alle Belehrung und Begeisterung schöpfen, am Abend die ganze Bürgerschaft zu der »ausländischen Pflanze« wallfahrtete und nur noch von ihr zu reden, nur noch sie anzustaunen und zu preisen wußte.

In der Menge aber, welche sich dicht um die Pflanze drängte und den Gärtner wegen seines Fundes beglückwünschte, stand neben diesem ein fremder Mann, nach seinem Aussehen ein Gelehrter, der ebenfalls die Pflanze betrachtete. Und dabei konnte der Gärtner zufällig die Worte hören, die jener, ganz in Bewunderung versunken, halblaut vor sich hinsprach:

»Ein schönes, wirklich ein schönes Pfennigkraut!«

Damit wußte der Gärtner genug. Pfennigkraut also hieß die Pflanze? Pfennigkraut!

Still entfernte er sich aus der zudrängenden Menge und begab sich nach Hause, um noch einen neuen Bericht über die »ausländische Pflanze« zu schreiben und jetzt auch ihren Namen zu verraten. Als er aber daheim ins Zimmer getreten war und wollte zu schreiben beginnen, bemerkte er mit Schrecken, daß ihm der Name entfallen und nimmer zu finden war, wie sehr er auch darüber nachsann und dachte. Und so hätte er seinen neuen Ruhm zerrinnen sehen müssen, wenn ihm auch diesmal nicht das Glück beigesprungen wäre. Es trat nämlich gerade sein Weib ins Zimmer, als er schon alles Nachsinnen aufgeben wollte, und sagte ihm, der Nachbar wäre dagewesen und hätte von ihm wollen tausend Gulden leihen – und siehe da! Nun hatte er ja den Namen der Pflanze wieder: Tausendguldenkraut hieß sie! Und er schlug sich vor die Stirn, daß er das je hatte vergessen können!

Am andern Morgen erfuhr ganz Mittendurch diese Nachricht durch das Tageblatt, und nach solchem Verdienst hatte der Stadtrat nun nichts Wichtigeres zu tun, als den Gärtner zum Stadtgärtner von Mittendurch zu ernennen, sein Gehalt zu erhöhen und ihm, wie sich’s gebührte, ein gutes Ruhegehalt für das Alter auszusetzen.

Denn so ehrt Mittendurch das Verdienst seiner Bürger…

Der fremde Gelehrte aber, der die Stadt in diesem Irrtum gefangen sah, wies nun, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen, nach, daß die Pflanze kein Tausendguldenkraut, sondern Pfennigkraut wäre, ein Unterfangen von dem Manne, das in der Stadt sogleich lauten Widerspruch erfahren und alle gegen den Verblendeten aufregen mußte. Wer wagte es, den Ruhm Mittendurchs zu verkleinern? Wer stellte das Wissen des Stadtgärtners in Frage? Und wer wollte überhaupt was besser wissen als die Mittendurcher?

Waren dies schon Gründe genug, die guten Bürger zu reizen, so mußten sie vollends von Sinnen kommen, als sie gar erfuhren, der Missetäter wäre kein geborener Mittendurcher, sondern ein Fremder, der in der Stadt nur Gastrecht genoß. Daß er etwa nichts verstand, hätte man ihm in Mittendurch, wo das nicht eben auffiel, am Ende nicht besonders übelgenommen; aber als Fremder die Stadt zu schädigen und herabzusetzen, das war Verblendung, Frevel, Verbrechen; und der Staatsanwalt ließ sich das denn auch nicht zweimal sagen: Noch am selben Tage wurde der Gelehrte gefesselt und vor ein Gericht gestellt, in welches man die angesehensten Mittendurcher als Geschworene wählte, um nicht fürchten zu müssen, der Verbrecher könnte etwa seiner gerechten Strafe entgehen.

Vergebens, daß der Angeklagte nachwies, wie sehr er im Recht war; vergebens, daß ihn sein Verteidiger als das Vorbild eines guten Mannes erklärte, der nur den selbstlosen Drang fühlte, in Mittendurch die Wahrheit zu verbreiten und dadurch der Menschheit zu dienen: Der Staatsanwalt, die Richter, die Geschworenen und die vielen Mittendurcher, die im Gerichtssaal zugegen waren – sie alle wußten recht wohl, was der Verbrecher im Schilde geführt; und der Scharfrichter von Mittendurch durfte hoffen, er habe sein Beil nicht vergebens geschliffen.

Als endlich das Todesurteil verkündet wurde, da klatschte alles Volk Beifall und jubelte dem Richter zu. Mittendurch war gerettet; die Wahrheit hatte gesiegt; das unerhörte Verbrechen fand seine Sühnung…

Und um dem Urteil des Gerichts nicht nachzustehen, beschloß der Stadtrat, die Familie des Verurteilten für alle Zeit aus Mittendurch zu verbannen und sein Haus zu verfemen und nie mehr bewohnen zu lassen.

Auf dem Richtplatz, wohin dem Verurteilten alles Volk der Stadt gefolgt war, wurde ihm noch einmal das Todesurteil verlesen und dabei verkündigt, daß er zu lebenslanger Kerkerstrafe begnadigt würde, wenn er seine Behauptung widerriefe. Der Gelehrte aber blieb standhaft. Da zerbrach der Richter unter wildem Jubel der Menge den Stab über ihm, und die Henkersknechte ergriffen und banden ihn. Als er aber sein Haupt auf den Block legte, trat im Volk lautlose Stille ein, und vernehmbar hörten alle das letzte Wort des Unglücklichen:

»’s ist doch nur Pfennigkraut!«

Damit rollte sein Haupt vom Blocke…

* * *

Manche Jahre waren dahingegangen und hatten manche Freude und manches Leid mit sich weggeführt. Mancher Frühling schüttelte seine Blüten, mancher Herbst gab seine Früchte her. Mancher Bürger war ins Grab gestiegen, und mancher hatte Zeit gehabt, Söhne und Töchter zu zeugen, damit das Geschlecht der Mittendurcher zahlreich würde und immer zahlreicher und nicht aussterben müßte in dieser Welt. Auch das Tausendguldenkraut war gediehen, und in dem Maße, wie es weiterwucherte, wuchs auch die Stadt und ihr Ansehen, so daß die guten Bürger schließlich all ihr Gedeihen dem unschuldigen Kraut zuschrieben und deshalb endlich beschlossen, es ins Mittendurcher Wappen aufzunehmen. Unter großen Festlichkeiten wurde das neue Wahrzeichen drei Tage lang eingeweiht und dann am Rathaus und über allen Toren der Stadt angebracht.

In dieser langen Zeit nun war ein Sohn des Enthaupteten in der Verbannung herangewachsen und genoß überall großes Ansehen unter den Gelehrten. Der beschloß, das Andenken an den Namen seines Vaters von der Entehrung zu reinigen, welche die mächtige Meinung Mittendurchs überall hingetragen. Also schrieb er über das vermeintliche Tausendguldenkraut ein Buch, und dies gelangte – niemand wußte, wie – auch nach Mittendurch. Denn die Wahrheit – sagt man – ist unwiderstehlich und schlüpft durch eiserne Türen und steinerne Wände. Und es wurde bald ruchbar in der Stadt, daß die alte Irrlehre wieder umginge und sich als Wahrheit gebärde. Daher bedrohte der Staatsanwalt jeden mit strenger Strafe, der es wagen sollte, Mittendurchs Wahrzeichen zu verdächtigen und anzuzweifeln; und so kam es, daß jeder, der das Buch las, erst noch vorsichtig mit seiner Überzeugung hinterm Berge hielt, sofern er überhaupt sich belehren ließ. Denn man fürchtete die Macht der öffentlichen Meinung, und den Hals an eine Wahrheit zu wagen, war für die Mittendurcher eine kitzlige Sache, vor allem aber nicht einträglich genug, sich ernstlich damit zu befassen.

Aber es gab böse Menschen.

Eines Nachts nämlich, als ganz Mittendurch schlief, wurden von unbekannter Hand große Zettel an alle Straßenecken geklebt, und als die Stadt am andern Morgen erwachte, da las sie in feuerroten Buchstaben das letzte Wort des toten Gelehrten:

»’s ist doch nur Pfennigkraut!«

Der Geist des Toten ging um und lähmte ganz Mittendurch.

Und nun folgte für die gute Stadt ein Schlag auf den andern.

Der junge Gelehrte, der die Sache seines armen Vaters so überzeugend geführt hatte, wurde im Ausland dafür mit Ehren überhäuft und an eine Hochschule berufen. Und das – wegen seiner Verdienste, die er sich mit seinem Buch über das Mittendurcher »Pfennigkraut« erworben hatte! – Was sagt Mittendurch dazu?

Und zugleich begab es sich, daß der Stadtgärtner von Mittendurch auf den Tod erkrankte. Da gestand er in seinem letzten Stündlein, daß er zu der Wahrheit des Gelehrten geschwiegen hätte, aus Furcht, seine Stellung und sein Ruhegehalt zu verlieren. Jetzt aber laste der Geist des Unglücklichen schwer auf ihm und er bekenne mit seinen letzten Worten:

»’s ist doch nur Pfennigkraut!«

Den Worten eines Mittendurchers aber durfte die Stadt Glauben schenken:

Und Mittendurch war gerecht.

Die Stadtväter bereuten die übereilte Bluttat ihres Gerichts und beschlossen fast einstimmig, die verbannte Familie zurückzurufen. Und als der junge Gelehrte mit seiner betagten Mutter und den Geschwistern wiederkam, wurde er vom Stadtrat und allem Volke am Tor der Stadt feierlich empfangen und an sein Haus geleitet. Und er erstaunte sehr, als er dort über der Tür eine eherne Tafel prangen sah, die in goldener Inschrift jedermann verkündete, daß in diesem Hause einst der hochverdiente Gelehrte gewohnt und daß ihm zum dauernden Nachruhm, den Mittendurchern zu ewiger Mahnung diese Gedenktafel gestiftet worden wäre.

Auch die Gebeine des Unglücklichen wurden in geweihter Erde bestattet, unter großem Zudrang und unter echter Trauer der Mittendurcher. Auf seinem Grabmal aber glänzte des standhaften Mannes Name und in goldenen Buchstaben sein letztes Wort:

»’s ist doch nur Pfennigkraut!«

Ein Opfer

Er hieß Wey, und ich lernte ihn während eines Sommeraufenthaltes am Bodensee kennen, in einem kleinen Schweizerdorf, wohin er gekommen war, um Landschaften zu malen. Umfängliche Bildung und eine große Bescheidenheit bei all’ seiner künstlerischen Begabung zeichneten ihn aus, und seine weiten Anschauungen, seine Geradheit und sein geistiger Mut machten mir ihn zum Freunde. Den folgenden Sommer trafen wir uns wieder im selben Dorf. Er war auch den Winter über dort geblieben, der Entenjagd wegen, der er mit Leidenschaft frönte, nicht aber etwa als Sonntagsjäger, wofür man ihn anfangs im Dorfe nahm, sondern als ein Schütze, der sich rühmen durfte, es gehe ihm keine Kugel fehl. Er hatte mich oft auf seinen Fahrten mitgenommen und durch seine Sicherheit im Schießen in Erstaunen gesetzt; auch die übrigen Jäger und die Dorfbewohner konnten sich vor Verwunderung kaum fassen, als sie ihn immer die reichste Beute heimbringen sahen, ihn, der doch ausschließlich mit Kugeln schoß; aber mit der Zeit erschien uns auch das als etwas Altgewohntes, darüber man weiter kaum mehr sprach. Ich mußte frühzeitig wieder in meine Heimat zurück und hörte dann nichts mehr von ihm; nur daß er jeden Jagdtag zur Entenjagd ging, erfuhr ich später.

In meiner Abwesenheit begab sich etwas, das seinen Namen und seine Kunst plötzlich wieder in aller Mund bringen sollte. Seine Mietsfrau erzählte mir’s gleich am ersten Tag, als ich wieder im Dorf war und ihn aufsuchen wollte.