Die Modernisierung der Seele - Martin Dornes - E-Book

Die Modernisierung der Seele E-Book

Martin Dornes

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Beschreibung

Kinder und Eltern haben derzeit eine schlechte Presse. Kinder sind angeblich entweder verwöhnt und tyrannisch oder verwahrlost und gewalttätig. Eltern setzen angeblich keine Grenzen , fordern die Kinder zu wenig oder fördern sie falsch. Trotz guten Willens seien viele Eltern einfach überfordert. Der Autor untersucht den Realitätsgehalt dieser Meinungen; sein Ergebnis: Kinder und Eltern sind besser als ihr Ruf.

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Seitenzahl: 652

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Martin Dornes

Die Modernisierung der Seele

Kind – Familie – Gesellschaft

 

 

Über dieses Buch

 

 

Kinder und Eltern haben derzeit eine schlechte Presse. Die Kinder sind angeblich entweder verwöhnt und tyrannisch oder verwahrlost und gewalttätig. Die Eltern sollen es an Disziplin und Grenzsetzung fehlen lassen, ihre Kinder zu wenig fordern oder falsch fördern. Zwar seien sie guten Willens, aber aus verschiedenen Gründen oft überfordert. Auch der Gesellschaft wird nachgesagt, sie überlaste die Menschen mit Anpassungszumutungen und trage so dazu bei, dass die Zahl seelischer Erkrankungen immer weiter ansteige.

Im vorliegenden Buch wird der Realitätsgehalt dieser Wirklichkeitsvorstellungen genauer untersucht. Die Bedingungen, unter denen Kinder heute aufwachsen, werden einer umfassenden Betrachtung und Analyse unterzogen. Nur so lassen sich Risiken und Gefährdungen moderner Kindheit realistisch einschätzen.

Das Ergebnis der Untersuchung ist: Kinder, Jugendliche und Eltern sind besser als ihr Ruf.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Covergestaltung: bürosüd°, München

Coverabbildung: Ron Mueck,»Big Baby #3«,1997 ©Foto: Dieter Rüchel

 

Originalausgabe

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2012

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-401715-0

 

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Inhalt

Einleitung

Kapitel 1 Kindheit heute: Ein problemorientierter Überblick

Einleitung

Medien

Der Einfluss der Medien: Ein Verfallspanorama

Historische Relativierungen des Verfallspanoramas

Systematische Relativierungen des Verfallspanoramas

Zeitmangel in der Familie

Auflösung der Familie und Bindungsschwäche

Konflikte

Schule

Freizeit

Verlust der Familie als schützende Hülle?

Die Lebens- und Familienzufriedenheit heutiger Kinder: Eine Bilanz

Kapitel 2 Die Situation der Erwachsenen

Einleitung

Narzissmus

Symbolisierungsmängel

Bilderflut

Theoretische Kurzschlüsse zwischen Individual- und Gesellschaftsdiagnosen

Exkurs: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung als Zeitkrankheit

Körperstörungen und Körperkult

Exkurs: Tattoo und Piercing

Wo bleibt das Positive?

Verschwindender Geschlechter- und Generationsunterschied

Medizintechnik und Medikamente

Grundsätzliches

Vorkommenshäufigkeiten

Noch einmal: Desymbolisierung

Noch einmal: ADHS und Ritalin

Noch einmal: Grundsätzliches

Fazit

Kapitel 3 Neue Freiheiten: Von der Selbstverwirklichung zur Selbsterfindung

Einleitung

Die Theorie der Selbsterfindung

Exkurs: Begriffliche Fragen

Fortsetzung

Die Bedeutung der Selbsterfindung – kritisch betrachtet

Philosophische Einwände

Soziologische Einwände

Entwicklungspsychologische Einwände

Psychoanalytische Einwände

Essentialismus und Konstruktivismus: Eine Annäherung am Beispiel der Jugendgewalt

Resümee

Nachgedanken: Ablösung der Eltern durch Gleichaltrige?

Kapitel 4 Adoleszenz, Autoritätsverlust und Erziehungsprobleme

Einleitung

Teil 1: Wandel der Adoleszenz

Entstrukturierung

Entkonfliktualisierung: Pro und Contra

Adoleszenz als Entwicklungsbruch?

Teil 2: Autoritätsverlust und Erziehungsprobleme

Konfliktvermeidung

Leben Erwachsene und Kinder in unterschiedlichen Welten?

Ist demokratische Erziehung überhaupt möglich?

Erziehungsprobleme: Eine Bilanz

Warum Katastrophenszenarien so weit verbreitet sind

Kapitel 5 Die veränderte Integration in die Gesellschaft

Einleitung

Teil 1: Die »Privatisierung« der Erziehung

Familie und Gesellschaft: Überwärmung

Familie und Gesellschaft: Unterschiedliche Handlungslogiken

Identifizierungsschwäche und das Verblassen des Allgemeinen

Psychoanalytische Überlegungen zum Verblassen des Allgemeinen

Teil 2: Soziologische Überlegungen zum Verblassen des Allgemeinen

Sozialpsychologische Implikationen

Teil 3: Führt Individualismus zum Schwinden von sozialem Engagement und Solidarität?

Kapitel 6 Der Erziehungswandel und seine Folgen für die Psyche: Die postheroische Persönlichkeit

Einleitung

Teil 1: Erziehungswandel

Teil 2: Autonomieentwicklung

Begriffsklärung

Gefahren für die Autonomieentwicklung

Empirische Überprüfung der Gefahren

Zwischenbilanz zur Autonomieentwicklung in der Familie

Nachgedanken: Autonomie außerhalb der Familie

Teil 3: Strukturwandel der Persönlichkeit

Charakterstärke und Charakterstarre

Charakterstärke und Charakterflexibilität

Empirische Belege

Begriffliche Probleme

Teil 4: Welche makrosozialen Entwicklungen verunsichern die Psyche?

Fazit

Kapitel 7 Weitere Überlegungen zum Verhältnis von kulturellem und psychischem Wandel

Einleitung

Teil 1: Interaktion und psychische Strukturbildung

Psychische Bearbeitung

Überich

Familienrealität und Neurose

Trennung und Phantasie

Selbstsozialisation

Fallbeispiele

Sexualität I

Sexualität II

Teil 2: Zum Verhältnis von psychischer Struktur, individuellem Symptom und kultureller Neubildung

Resümee

Kapitel 8 Haben psychische Krankheiten zugenommen?

Einleitung

Historisches

Exkurs: Erschöpfung und Burn-out

Fortsetzung: Historisches

Krankheitshäufigkeiten und Befindlichkeitsstörungen bei Erwachsenen

Krankschreibungen

Druck am Arbeitsplatz

Krankheitshäufigkeiten und Befindlichkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Fragebogenuntersuchungen

Das Problem der Vorverlagerung psychischer Erkrankungen

Weitere Studien

Weitere Probleme

Krank oder unerzogen?

Rückblick und Ausblick

Nachgedanken

Danksagung

Literaturverzeichnis

A–K

L–Z

Einleitung

Seit Ende der 1960er Jahre ist in vielen Familien eine Veränderung der Erziehungseinstellungen und -praktiken zu beobachten, die man in Kurzform als Verschiebung »vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt« kennzeichnen kann. Nicht nur die Beziehung zwischen den Geschlechtern ist egalitärer geworden, sondern auch die zwischen Eltern und Kindern. Diese »Demokratisierung« der Eltern-Kind-Beziehung hat zu vielerlei Hoffnungen und Befürchtungen Anlass gegeben, wobei in jüngster Zeit die Befürchtungen zu überwiegen scheinen. Kinder und Jugendliche sollen unter dem Einfluss einer liberalisierten Erziehung zunehmend aus dem Ruder laufen: Verhaltensstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Aggressivität und Gewalttätigkeit sowie subklinische Phänomene wie Unhöflichkeit, Mangel an Leistungsbereitschaft und Anspruchshaltung sollen das Ergebnis einer übermäßig nachgiebigen Erziehung sein, welche die Kinder schlapp, verwöhnt und undiszipliniert macht und damit ihre Entwicklung bedroht.

Auch andere Faktoren wie Patchworkfamilien, Einelternfamilien, mütterliche Berufstätigkeit und der wachsende Einfluss aggressiv oder sexuell aufgeladener Mediendarstellungen geben Anlass zur Besorgnis. Gehetzte, zeitknappe oder interesselose Eltern »parken« ihre Kinder vor diesen Medien, und die Kinder reagieren darauf mit den beschriebenen Symptomen: Sie werden dumm, dick, faul, traurig, aggressiv, alles zusammen oder von jedem etwas. Eine oft zu hörende psychoanalytische Diagnose lautet, dass ihr »psychischer Apparat« aus den Fugen gerät: Das Es wird ansprüchlich, das Überich lückenhaft, das Ich sublimierungsunfähig. Psychostrukturell gesprochen beobachten wir eine »Regression«, psychosozial eine Zunahme seelischer Auffälligkeiten und Abweichungen.

Dieses Szenario exploriere ich im ersten Kapitel und komme zu dem Ergebnis, dass solche Befürchtungen überwiegend unbegründet sind. Die meisten Kinder und Jugendlichen entwickeln sich gut, fühlen sich in ihren Familien wohl, verbringen genug Zeit mit ihren Eltern und Freunden, sind mit der Art, wie sie erzogen werden, zufrieden, haben genügend Zeit für sich selbst, sind in Schule und Freizeit nicht gestresst, kommen mit den neuen Medien gut zurecht und liefern insgesamt wenig Gründe für pessimistische Einschätzungen.

Im zweiten Kapitel gehe ich entsprechenden Befürchtungen in Bezug auf die Erwachsenen nach. Sind sie narzisstisch, zu Symbolisierung und Triebaufschub zunehmend unfähig, vom Jugendwahn befallen, dem Körperkult in Gestalt schönheitschirurgischer Eingriffe verhaftet, schlucken sie Pillen, um ihre Probleme zu lösen, und erliegen so einer »Abfuhrkultur« und Sofortbefriedigungsmentalität, die sie von der langfristigen Lösung ihrer Probleme abhält? Auch hier zeige ich, dass das Gesamtbild weniger furchteinflößend ist und die Erwachsenen reifer sind, als ihnen in der einschlägigen Literatur nachgesagt wird.

Nachdem solcherart das Szenario einer regressiven Entdifferenzierung der Seele abgehandelt ist, wende ich mich im dritten Kapitel ihrem Gegenteil zu, der Theorie progressiver Differenzierung. Sie besagt, dass in Anbetracht tiefgreifender Enttraditionalisierungs- und beschleunigter Modernisierungsschübe der ständige Umbau der Persönlichkeit in den Vordergrund tritt. Er wird unter dem Begriff der Selbsterfindung behandelt, welche das Ziel der Selbstbefreiung abgelöst oder zumindest überlagert haben soll. Die Psyche befindet sich dieser Sichtweise zufolge in einem nicht nur erzwungenen, sondern auch erwünschten Prozess ständiger kreativer Selbsttransformation, die Identität wird patchworkartig, das Selbst situativ oder transitorisch, was von den einen begrüßt, von den anderen bedauert wird. Ich halte die Nachricht vom Verschwinden fester Persönlichkeitsstrukturen für übertrieben und arbeite neben den Stärken die meines Erachtens wesentlichste Schwäche der Selbsterfindungstheorie heraus: Sie überschätzt das Ausmaß der neuen Freiheiten ebenso wie die Fähigkeit zur Selbstgestaltung. Kehrseitig unterschätzt sie sowohl die Bedeutung sozialstruktureller Restriktionen für die Möglichkeiten der Selbsterfindung als auch den sie begrenzenden Einfluss frühkindlicher Erfahrungen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die Entwicklung der Persönlichkeit von den Beziehungserfahrungen in der frühen Kindheit abhängt und dass späteren Persönlichkeitsveränderungen engere Grenzen gesetzt sind, als die Theorie der Selbsterfindung annimmt.

Im vierten Kapitel befasse ich mich mit dem Wandel der Adoleszenz sowie erneut mit der Frage, welche Probleme sich mit der Erziehungsliberalisierung und der sie begleitenden Entkonfliktualisierung der Eltern-Kind-Beziehung ergeben haben. Ein wesentliches Problem soll im Autoritätsverlust der Eltern bestehen, der durch übermäßige Nachgiebigkeit, Konfliktscheu und Erziehungsvermeidung hervorgerufen wird. Er soll kuriert werden durch eine Rückkehr zu mehr Disziplin. Ich »dekonstruiere« diese Idee und spezifiziere, was unter einer demokratischen Erziehung zu verstehen ist. Außerdem gebe ich einen Überblick über die Vorkommenshäufigkeit von gravierenden Erziehungsproblemen. Abschließend versuche ich zu klären, warum in Erziehungsdebatten – unbegründeterweise – meist Katastrophenszenarien vorherrschen.

Im fünften Kapitel gehe ich der Frage nach, wie Kinder und Jugendliche unter modernen Bedingungen des Aufwachsens, in denen die Eltern stärker Emotionseltern sind als früher und weniger Rollenvorbilder, die für ein Leben in der Gesellschaft vorbereiten, überhaupt noch in die Gesellschaft integriert werden. Ich behandle Befürchtungen, die besagen, der Prozess der Individualisierung und Pluralisierung habe dazu geführt, dass sich jeder nur noch um sich selbst kümmert, eine Ellenbogenmentalität entwickelt hat und soziales Engagement vermissen lässt, weshalb der soziale Zusammenhalt verlorengehe. Auch hier komme ich zu anderen Ergebnissen, unter anderem dem, dass der wachsende Individualismus kooperativ, nicht egozentrisch ist, soziales Engagement kausal hervorbringt und nicht zu dessen Niedergang beiträgt. Dadurch wird der Wegfall von Traditionen hinsichtlich möglicher negativer Folgen für die Sozialintegration kompensiert, und es wird verhindert, dass sich spätmoderne Gesellschaften in eine Ansammlung von Monaden verwandeln.

Im sechsten Kapitel frage ich zunächst, ob liberalisierte Erziehungs- und Sozialisationspraktiken zu einem Gewinn an Autonomie geführt haben oder nicht auch zu allerlei Fehlentwicklungen, wie sie unter Stichworten wie »fürsorgliche Belagerung«, »Hotel Mama«, »Parentifizierung«, »Kind als Projekt« etc. thematisiert werden. In diesen Konzepten wird die Befürchtung angesprochen, zuwendungsorientierte und demokratisierte Erziehungsweisen würden die kindliche Autonomieentwicklung gefährden. Träfe dies zu, so wäre die ursprüngliche Absicht, die mit ihnen verbunden war, nämlich Selbständigkeit und freie Entfaltung der Persönlichkeit zu fördern, als »Schuß nach hinten« losgegangen. Die Befundlage hierzu ist komplex, deutet aber insgesamt in Richtung einer autonomieförderlichen Wirkung moderner Erziehungsmethoden. Danach wende ich mich der Frage nach den psychostrukturellen Folgen dieser Erziehung zu und postuliere, in Abgrenzung von den bekannten Typen der autoritären Persönlichkeit (Adorno et al. 1950) und des narzisstischen Sozialisationstyps (Ziehe 1975), eine »postheroische Persönlichkeit«. Ich beschreibe ihre Merkmale und stelle das Problem in den Mittelpunkt, ob ihre wesentlichen Eigenschaften, nämlich die größere Flexibilität und größere innere Freiheit und Lebendigkeit, nicht um den Preis einer größeren Labilität und Verletzlichkeit erkauft werden. Der Verlust von Charakterstarre ginge dann mit einem Verlust von Charakterstärke und Belastbarkeit einher. Dies ist teilweise der Fall, weshalb ich diese Entwicklung als ambivalent betrachte.

Im siebten Kapitel behandle ich einige mögliche Einwände gegen den von mir behaupteten Zusammenhang von Erziehungswandel und Persönlichkeitswandel. Manche Theorien und Autoren gehen nämlich davon aus, dass die psychische Strukturbildung Eigengesetzlichkeiten gehorcht und deshalb kulturelle Veränderungen die Persönlichkeit in ihren Tiefenstrukturen nicht nachhaltig affizieren, sondern nur deren Oberfläche und Erscheinungsbild verändern. Diese Behauptung einer Tiefenstrukturkonstanz bei bloß symptomatischem Oberflächenwandel hat Vor- und Nachteile, die gegeneinander abgewogen werden. Die Nachteile überwiegen, so dass in der bis zu diesem Punkt entwickelten »Vierfelderwirtschaft« (regressive Entdifferenzierung, progressive Differenzierung, ambivalente Entwicklung, Strukturkonstanz bei Oberflächenwandel) das dritte Szenario einer ambivalenten Entwicklung am meisten überzeugt. In ihm ist, trotz aller Ambivalenz, insgesamt eine »Nettofortschrittsdiagnose« bezüglich des kindlichen Wohlbefindens enthalten.

Im achten Kapitel befasse ich mich mit einer der wichtigsten Herausforderungen für eine solche Diagnose, nämlich der weitverbreiteten Überzeugung, Kinder, Jugendliche und Erwachsene würden unter dem Einfluss moderner Lebens- und Arbeitsbedingungen – die häufig als neoliberal, turbokapitalistisch, leistungshypertrophiert, übermäßig beschleunigt und prekär beschrieben werden – seelisch immer kränker. Ich zeige, warum wir das glauben, obwohl (mich) die Anhaltspunkte dafür nicht überzeugen. Eine der zentralen Ideen in diesem Kapitel ist, dass nicht die Krankheiten zunehmen, sondern die Sensibilität für sie sowie für Befindlichkeitsstörungen, die früher entweder gar nicht wahrgenommen oder sehr viel rustikaler weggesteckt wurden.

Ich betrachte den Sensibilitätszuwachs im Umgang mit psychischen Problemen als einen zivilisatorischen Fortschritt, der allerdings auch seine Kehrseite hat: eine erhöhte (Dauer-)Besorgnisbereitschaft hinsichtlich immer auch vorhandener und neu entstehender Probleme. Gibt man diesbezüglichen Befürchtungen übermäßig Raum, so führt das jedoch zu einem verzerrten Bild von Kindern und ihren Familien. »Die Geschichte der Kindheit, man schaue sich um, ließe sich in Deutschland als Erfolgsgeschichte erzählen. Man könnte aus ihr Kraft schöpfen, eine Idee für die Zukunft entwickeln und eine Vorstellung von dem, was fehlt. Auch für das, was möglicherweise verloren geht. Statt dessen spricht das Land in Moll. Kinder? Sehr problematisch!« (Krupa 2006, S. 4). Um diese Molltöne durch eine andere Tonart anzureichern, plädiere ich für eine realistische Einschätzung von Chancen und Gefahren, nicht für eine »Spürhundmentalität«, die jede individuelle, familiäre und soziale Veränderung vorwiegend auf ihre potentiellen Gefährdungen hin absucht und damit unvermeidlich aggraviert. »Jede Epoche erzeugt ihre eigenen Eltern-Kind-Spannungen; dem ausgehenden 20. Jahrhundert gebührt das Verdienst, im Verhältnis der Generationen die Gewalt zugunsten der Diplomatie zurückgedrängt zu haben. Hinter diese Leistung sollte niemand mehr zurückwollen …« (Sichtermann 2001, S. 55).

Vielleicht ist noch mitteilenswert, dass mich die Befunde und Ergebnisse, die in diesem Buch dargestellt werden, selbst überrascht haben. Aufgeschreckt von dramatischen Zeitungsmeldungen und schrillen Fernsehsendungen bin ich zunächst davon ausgegangen, dass die Lage bedenklich ist. Fast jedes Mal jedoch, wenn ich solchen Berichten genauer nachgegangen bin, stellte sich heraus, dass die Lage besser war, als die Berichte suggerierten. Nach fast fünf Jahren Arbeit geht es mir nun wie dem Ethnologen, der einem Witz zufolge eines Tages beim Frühstück zu seiner Frau sagt: »Liebe Frau, es existieren so viele Mythen, Gerüchte und schreckliche Geschichten über die Indianer. Ich will das alles einmal genauer untersuchen.« Seine Frau antwortet: »Nun ja, wenn’s der Wahrheitsfindung dient.« Nach vielen Jahren kehrt er zurück. Die Frau begrüßt ihn an der Haustür und sagt: »Schön, dass du wieder da bist. Nun erzähle doch mal: Was hast du bei den Indianern eigentlich gelernt?« Und der Ethnologe antwortet: »Ich habe gelernt, dass alles halb so wild ist.« So ist es mir beim Studium zu diesem Buch über die Situation von Kindern, Eltern und ihren Familien auch ergangen.

Kapitel 1Kindheit heute: Ein problemorientierter Überblick

Einleitung

Die in den 1960er Jahren einsetzende Erziehungsliberalisierung scheint mittlerweile an ihre Grenzen gekommen zu sein. Es mehren sich die Stimmen, denen zufolge dieser Prozess mehr Schaden als Nutzen gestiftet hat. Die Demokratisierung der Eltern-Kind-Beziehung, aber auch die der Paarbeziehung, soll – unter anderem wegen ihres erhöhten Aushandlungbedarfs – zu Nebenwirkungen in Gestalt dauerhafter Konfliktspannungen, Überanstrengung und wachsender Unzufriedenheit geführt haben, welche die Stabilität der Familien und damit die Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern gefährden. Auch andere gesellschaftliche Entwicklungen wie die wachsende Bedeutung der elektronischen Medien, die zunehmende Berufstätigkeit von Müttern oder der Leistungsdruck in Schule und Freizeit werden überwiegend als Bedrohungen für die kindliche Entwicklung wahrgenommen.

Im folgenden Kapitel behandle ich Bedenken, wonach Medienkonsum, elterlicher Zeitmangel, Bindungsschwäche und Konflikthaftigkeit in der Familie sowie Schul- und Freizeitstress negative Auswirkungen auf die Kinder haben. Das Ergebnis ist, dass solche Befürchtungen übertrieben oder unzutreffend sind. Die meisten Kinder kommen mit den modernen Bedingungen des Aufwachsens gut zurecht und sind mit sich, ihren Eltern und ihren Lebensumständen überwiegend zufrieden.

Medien

Der Einfluss der Medien: Ein Verfallspanorama

In pessimistischen Einschätzungen der kindlichen Entwicklung wird häufig auf den Einfluss von Fernsehen und Computer hingewiesen. Die dadurch bedingte Medialisierung von Erfahrung soll deren angemessene Verarbeitung beeinträchtigen. Sensorische Überstimulierung und immer schnellere Zeitrhythmen erlaubten es nicht mehr, den Erfahrungen, die man macht, Bedeutung zu geben. Statt dessen förderten sie ein regressives Ausweichen vor diesem Prozess mit dem Resultat, dass die Fähigkeit zur psychischen Repräsentation und Symbolisierung beeinträchtigt werde. Zunehmend würden nur noch Erlebnisfetzen und Erfahrungsfragmente in der Seele zirkulieren, die aber keine entwicklungsfördernde Kraft mehr hätten. In der gegenwärtigen Gesellschaft, so heißt es, treten schnell erreichbare Befriedigung, Abfuhr, Spaß, Nervenkitzel und manische Erregung an die Stelle von Triebaufschub, Verzicht, Einsicht, Trauerarbeit und die Fähigkeit zur Erfahrungsverarbeitung. »Unser Lebenstempo wird immer mehr von der Schnelligkeit der letzten Prozessor-Generation diktiert. Von der Wiege an sind die Kinder mit rasanten elektronischen Medien konfrontiert. … Die Eltern als Medien sind vielfach durch andere Medien ersetzt. Für viele Kinder heißt Objektbeziehung, an superschnelle elektronische Geräte praktisch körperlich angeschlossen und mit ihnen verklebt zu sein … Download tritt an die Stelle von Verinnerlichung, drag and drop an die Stelle tieferer Beziehungen, Optionen ohne Reue ersetzen verantwortliche Entscheidung und ertragenen Verzicht …« (Balzer 2006, S. 30f.).

Der zitierte Autor steht mit solchen Aussagen nicht allein. Auch andere behaupten eine medienbedingte Veränderung der sozialisatorischen Grundkonstellation mit negativen Auswirkungen. Ermann etwa meint: »Der zunehmende Gebrauch von technischen Medien als Mittel der Bezugnahme zum Leben und der Ersatz der personalen durch mediale Bezogenheit spiegelt eine immer weiter verbreitete Qualität in den frühen Objektbeziehungen wider, die man als Tendenz zur Entfremdung in den Primärbeziehungen bezeichnen kann. Tatsächlich sind die gesellschaftlichen Entwicklungsbedingungen mit der Verflüssigung von Strukturen und Beziehungen immer weniger darauf ausgerichtet, soziale Bedürfnisse von Säuglingen, Kleinkindern und Heranwachsenden zu wecken und kontingent zu beantworten.« (2003, S. 187) Aus diesem Mangel resultiert nach Ermann chronische Frustration, süchtige Fixierung auf das Medium und zugleich dauerhafte Leere, die durch noch mehr Medienkonsum gefüllt wird. Den daraus folgenden medialen Sozialisationstyp betrachtet er als zeitgemäße Fortentwicklung des narzisstischen Sozialisationstyps der 1970er und 1980er Jahre. Sein zentraler Bestandteil ist soziale Resignation, weil durch die ausbleibende Spiegelung des nicht antwortenden Mediums eine Überzeugung von der Irrelevanz der eigenen Bedürfnisse entsteht (ebd., S. 186, 191).

Ein dritter Autor (Winterhoff-Spurk 2005) zeichnet ein etwas anderes, allerdings ebenfalls negatives Bild. Er beschreibt weder Leere noch Resignation noch Sucht als kennzeichnend, sondern eher das Gegenteil, ein Hervortreten hysterischer, nicht narzisstischer Persönlichkeitszüge im Gefolge der Allgegenwart von Fernsehen und Computer. Sozialisationstheoretische und medienpsychologische Überlegungen führen ihn zur Diagnose eines neuen Sozialcharakters, den er »Histrio« nennt – in Anlehnung an die sogenannte histrionische (früher: hysterische) Persönlichkeit(sstörung). Der Histrio ist nicht nur »ein guter Darsteller wechselnder Gefühle; vielmehr gelten als weitere Charaktermerkmale seine schnelle Erregbarkeit, auch Aggressivität und Halsstarrigkeit, verführerisches Verhalten, oft verbunden mit sexuellen Problemen, Suggestibilität und aktiven Abhängigkeitstendenzen, ferner Egozentrismus, emotionale Labilität und theatralisches Verhalten« (ebd., S. 38). Diese Eigenarten sind nach Winterhoff-Spurk einerseits durch Bindungsschwäche in der Familie bedingt, welche die Kinder dazu zwingt, durch aufmerksamkeitsheischendes, theatralisches Verhalten die unsichere Zuwendung der Eltern auf sich zu ziehen; andererseits wird die so angelegte Tendenz zum Theatralischen durch die Medien prämiert und stabilisiert. Während der Familienhintergrund des Narzissten durch kalte, dominierende und gleichzeitig überfürsorgliche Mütter gekennzeichnet ist, die ihren eigenen unerfüllten Ehrgeiz an den Kindern auslassen, entstehen Histrios in nahezu entgegengesetzten Kontexten. Ihr familiäres Umfeld ist durch Bindungsunsicherheit, mangelnde mütterliche Zuneigung, geringe Impulskontrolle und theatralische Inszenierungen gekennzeichnet (ebd., S. 173).

Dem Fernsehen wird neben dem Elternhaus auch deshalb eine große Bedeutung zugeschrieben, weil es die Eltern als Sozialisationsinstanz zunehmend ablöst. Diese Aussage wird aus Befunden über die schwindende Vorbildfunktion von Eltern abgeleitet (Winterhoff-Spurk 2008, S. 180ff.). Als Beleg für diesen Schwund wird angeführt, dass Kinder und Jugendliche häufiger als früher Medienstars und seltener ihre Eltern als Vorbilder nennen. Die »parasozialen« Beziehungen zu solchen Stars würden das Denken und Fühlen bestimmen. Insbesondere bindungsunsicher aufgewachsene Kinder seien anfällig für solche Formen medialer Kompensation. In dieser Theorie ist es also – entgegen dem suggestiven Untertitel (2005) – nicht so sehr der Fernsehkonsum, der den Charakter formt, sondern es ist nach wie vor die Familie. Das Fernsehen und andere gesellschaftliche Einflüsse begünstigen oder verstärken nur, was in der Familie grundgelegt wird, insbesondere deren Defizite.

In Absehung von weiteren Feinheiten der Argumentation und diagnostischen Fragen (narzisstisch oder hysterisch) sowie unter Berücksichtigung von hier nicht näher dargestellter Literatur kann man die einschlägigen Topoi der kritischen Diskussion über den Einfluss des Medienkonsums auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern so zusammenfassen (s.a. Ahrbeck 1997, Kap. 6; Ahrbeck 2002): Erstens ist die psychische Integrationsfähigkeit der Kinder von der wachsenden Reizflut überfordert. Zweitens werden die Erwachsenen wegen des zunehmenden Lebenstempos und der Unsicherheit ihrer Existenz immer ängstlicher und unsicherer, was sich den Kindern mitteilt. Drittens führt der wachsende Gebrauch von Computerspielen zu einer Mischung aus Erregung, Monotonie, Disposition zur Sofortbefriedigung und Ablenkung vom inneren Erleben, die eine Konzentration auf innere Erfahrungen und deren Verarbeitung verhindern. Viertens werden infantile Omnipotenzphantasien stimuliert. Fünftens tritt durch den Einfluss des Fernsehens und Internets die Welt der Erwachsenen, unter anderem in Gestalt von Pornographie und Gewalt, ungefiltert ins Kinderzimmer, was zu einer Überforderung der Kinder führt.

In den verschiedenen, hier nur umrisshaft dargestellten Erklärungsansätzen vermischen sich in unterschiedlicher Weise Beobachtungen zum Medienverhalten mit sozialisationstheoretischen Überlegungen über mangelnde Sensibilität in Primärbeziehungen oder Bindungsschwäche in der Familie und konvergieren in der Diagnose des Verlusts stabiler charakterbildender Instanzen und Fähigkeiten.

Historische Relativierungen des Verfallspanoramas

Eine gewisse Skepsis hinsichtlich dieser Diagnose ist angebracht, denn die Geschichte der Medien ist auch eine Geschichte nicht eingetretener Befürchtungen. Zu trauriger Berühmtheit hat es Platons Kritik des Mediums Schrift gebracht. Ihr zufolge ist, wer etwas aufschreibt, nur zu faul zum Auswendiglernen; außerdem verrät er den Geist an die Materie (Hörisch 2004, S. 185); die Einführung von Zeitungen in englischen Kaffeehäusern des 17. Jahrhunderts war von der Befürchtung begleitet, bald sei nur noch das tote Rascheln der Blätter und nicht mehr das lebendige Gespräch zu hören; die stärkere Verbreitung des Lesens ab Mitte des 18. Jahrhunderts führte zu Bedenken über Lesesucht, die im Verdacht stand, insbesondere Frauen träumerisch und realitätsflüchtig zu machen (R. Habermas 2002, S. 352ff.); die Erfindung des Kinos am Beginn des 20. Jahrhunderts war begleitet von Befürchtungen über mögliche Gesundheitsschäden durch die Geschwindigkeit der erstmals bewegten Bilder; außerdem erzeugten die gehetzten, erregten Bilder eine manische Atmosphäre und fieberhafte Vorstellungen, die der Realität nicht mehr entsprächen; deshalb verkümmere bei den betörten Massen das Denken und Argumentieren (Blom 2008, S. 356ff.); die Erfindung des Telefons wiederum führte zu Klagen über nervöse Schocks wegen des überraschenden, schrillen Läutens (Radkau 1998, S. 193, 253); die Fotografie wurde mit großem Misstrauen betrachtet, weil sie zu Momentpersönlichkeiten führe oder die Zeit still stelle (was auch wieder nicht recht war, obwohl man es angesichts des rasenden Kinos als Ausgleich hätte begrüßen können); in einem Kommentar aus dem Jahr 1900 heißt es zusammenfassend: »Es wird immer schlimmer werden. Röntgenstrahlen durchdringen dich, Kodaks photographieren dich im Vorbeigehen, Phonographen zeichnen deine Stimme auf, Flugzeuge bedrohen uns von oben … und wir kommen dem Tag immer näher, an dem nur noch Illusion und Maskerade regieren werden.« (zit. nach Blom 2008, S. 364, 366)

Und so ging es weiter. Die Verbreitung der Comics Anfang der 1960er Jahre führte zur Kritik, durch sie gingen Vorstellungsfähigkeit und Phantasie verloren (die 50 Jahre vorher noch durch das Kino überhitzt worden waren); die Befürchtung der Phantasieverarmung durch Bilderflut begleitete auch die Einführung des (Privat-)Fernsehens und heute die der Computerspiele. Die Chronologie der Bedenken ist häufig dieselbe: Am Anfang stehen solche über die Förderung von Regression, Realitätsflucht, Gesundheitsschädigung und Gewalttätigkeit, dann folgen andere Gefährdungen wie Verarmung der Konzentrations-, Lese- oder Sprachausdrucksfähigkeit. Alle diese Befürchtungen sind, was die Zeitungen, das Kino, das Telefon, die Fotografie, das Flugzeug und die Röntgenstrahlen angeht, nicht eingetroffen. Wie sieht es diesbezüglich mit Fernsehen und Computer aus?[1]

Systematische Relativierungen des Verfallspanoramas

Medienkonsum: Umfang und Folgen im Überblick

Zunächst einige Daten zum Medienkonsum. Kinder und Jugendliche verbringen heute gut ein Drittel ihrer Freizeit von täglich etwa sechs Stunden mit Medien. Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt sehen Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren durchschnittlich 76 Minuten am Tag fern; zwischen 6 und 13 Jahren steigt der Konsum auf 90 Minuten; bei den 13- bis 19-Jährigen beträgt er zwei Stunden. Bezieht man andere Medien wie PC und Videospiele mit ein, so liegt der Gesamtmedienkonsum höher. Fernsehen bleibt allerdings das Hauptmedium. Die Streubreite ist erheblich und erstreckt sich von einer Stunde bei »Wenigsehern« bis auf drei Stunden und mehr bei »Vielsehern«. Etwa 10% der Kinder sind Vielseher, ein harter Kern von 5% sieht täglich fünf Stunden fern. Erwachsene sehen im Mittel dreidreiviertel Stunden fern. Ihr Konsum hat sich seit der Einführung des Privatfernsehens 1985 fast verdoppelt (Winterhoff-Spurk 2008, S. 173). Diese Durchschnittszahl kommt durch den hohen Fernsehkonsum alter Leute zustande. Erwachsene unter 65 Jahren sehen im Durchschnitt knapp drei Stunden fern, alte Menschen bis zu fünf Stunden. Unklar ist, ob sie wirklich so viel fernsehen oder den Fernsehapparat nicht teilweise nur als »Hintergrundgeräusch« benutzen.[2]

Anderen Angaben zufolge verbringen Kinder im Alter von 6–13 Jahren zweieinhalb Stunden mit Medien, einschließlich Printmedien. Die Hälfte der Zeit entfällt auf Fernsehen, eine halbe Stunde auf den PC. Der Fernsehkonsum sinkt und der PC-Gebrauch steigt in den Folgejahren. Ein großer Teil der Mediennutzung findet in Gesellschaft statt. Bei 54% der PC- und bei zwei Dritteln der Fernsehaktivitäten sind Eltern, Geschwister oder Freunde zugegen. Klischeevorstellungen von Kindern, die einsam vor sich hinschießend Gewaltspielen frönen, sind weit verbreitet, zeigen aber nur, wie wenig Kontakt die Erwachsenen zur Lebenswelt ihrer Kinder manchmal haben oder wie sehr sie medialen Alarmberichten aufsitzen (Casu/Krebs 2010, S. 21). Beispiele wie das folgende sind also eher selten. »In einem Extremfall bei einer amerikanischen Untersuchung verbrachte ein Kind nach Angaben der Eltern fast 40 Stunden wöchentlich vor dem Fernsehgerät; tatsächlich hingesehen hat es – wie die Auswertungen von Videoaufnahmen des Kindes beim Fernsehen zeigten – während dieser Zeit aber nur 3,4 Stunden« (Winterhoff-Spurk 2004, S. 59f.). Das Beispiel verdeutlicht, dass die wirkliche Gefahr eher vom Parken des Kindes vor dem Fernsehen ausgeht als von seinem exzessiven Konsum. Dann aber sozialisiert nicht das Medium das Kind, sondern die Eltern vernachlässigen es. Dieser Sachverhalt der Bedeutung der Eltern für Häufigkeit und Wirkung des Medienkonsums kommt auch in den bekannten Befunden zum Ausdruck, dass Eltern, die sich wenig mit ihren Kindern beschäftigen, Kinder haben, die relativ mehr fernsehen (Petzold 1999, S. 121), dass elterlicher und kindlicher Fernsehkonsum hoch korrelieren (Fries 2002, S. 139) und dass Familien mit einer entwickelten Gesprächskultur weniger Zeit mit Fernsehen und mehr mit Lesen verbringen (Fuhrer 2005, S. 318).

Der grundlegende Einwand gegen die These von der Sozialisation durch Medien lautet also: Sie berücksichtigt zu wenig, dass der Medienkonsum und seine Effekte stark vom familiären Kontext abhängen, in dem er stattfindet. Letztlich ist es dieser Kontext, der hauptsächlich die Effekte bestimmt, und nicht so sehr der Medienkonsum selbst. Insbesondere die Wirkung von Gewaltdarstellungen hängt nachweislich in hohem Maße davon ab, ob die Eltern mit dem Kind fernsehen und solche Szenen mit ihm besprechen oder nicht. Im Übrigen gilt, dass Medienbrutalität eher vorhandene Aggressionen kanalisiert als neue hervorruft, auch wenn Letzteres ebenfalls eine Rolle spielen kann (Huesmann et al. 2003; Gleich 2004, S. 610). Die Befürchtung, Fernsehen oder Computerspielen würde die Phantasietätigkeit, die Sprachfähigkeit, die Lesefähigkeit oder die Emotionsverarbeitung beeinträchtigen, erweist sich bei genaueren Untersuchungen entweder als falsch, übertrieben oder nur für bestimmte Subgruppen exzessiver Konsumenten zutreffend. Bei ihnen ist es aber, wie erwähnt, regelmäßig nicht der exzessive Konsum als solcher, sondern in erster Linie der ihm zugrundeliegende vernachlässigende familiäre Kontext, der die primäre Ursache für Einschränkungen in den genannten Bereichen darstellt (Hoppe-Graff/Kim 2002, S. 916ff.; Winterhoff-Spurk 2004, S. 72, 164, 171).[3]

Auch die häufig zu hörende Idee, Fernsehen oder Computerspielen sei ein Medium der Erregungssuche und -abfuhr, ist unterkomplex. Zum einen wird in der Regel ein mittleres Erregungsniveau gesucht und kein maximales; zum andern sind eine Reihe anderer Motive ebenso wirksam, die in direktem Kontrast zu der behaupteten Erregungssuche stehen, wie etwa das Bedürfnis nach Entspannung, Geselligkeit, Ablenkung und Information (Winterhoff-Spurk 2004, S. 49).

Schließlich ist auch der Verdacht, Medien förderten die Oberflächlichkeit, nicht neu. Schon 1787 diagnostizierte der Hallenser Universitätsdirektor August Hermann Niemeyer bei der jüngeren Generation einen Mangel an Bereitschaft, sich anzustrengen und eine schleichende Erschlaffung der ganzen Denkungsart, die zu einer Verschiebung des Tugendkanons von Arbeit, Wissenschaft und Pflichterfüllung hin zu Trägheit, Sinnlichkeit und Hedonismus führe. Für die Untergrabung wahrer Geisteskultur verantwortlich waren damals nicht Fernsehen und Computer, sondern der schöne Schein des bürgerlichen Schauspiels, die Imaginationskraft der populären Unterhaltungsliteratur und die Sensationshascherei in den Journalen. Statt Licht in die dunklen Tiefen des Daseins zu bringen, würden Oberflächen ausgeleuchtet. Nicht mehr die inneren Qualitäten des Mitmenschen, sondern lediglich die »Figur«, die er mache, die Dreistigkeit oder Blödheit, mit der er sich produziere, das glatte Gesicht, das er der Welt entgegentrage, bestimmten die gesellschaftliche Wertschätzung (ref. nach Veith 2001, S. 33). Das klingt erstaunlich modern und lässt die zeitgenössischen Klagen über die durch televisionären Medienkonsum angeblich beförderte Oberflächlichkeit, Abfuhrkultur oder narzisstische Inszenierungen ziemlich alt aussehen, denn genau dasselbe wurde schon vor mehr als 220 Jahren dem Schauspiel, den Unterhaltungsromanen und den Zeitungen angelastet.

Resümieren wir die dargestellten Forschungsergebnisse über die Folgen des Medienkonsums, so lautet die Zwischenbilanz, dass es trotz vieler Einzelbefunde – etwa über den Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Gewaltneigung oder Medienkonsum und Schulleistungen – letztlich keine überzeugenden Belege für einen Einfluss auf die Charakterbildung gibt (Petzold 1999, S. 121f.). Am besten gesichert ist derzeit die Schlussfolgerung, dass a) andauerndes Fernsehen oder Computerspielen (> 2–3 Stunden täglich) die Schulleistungen beeinträchtigt, und zwar am ehesten bei weniger intelligenten Kindern der Unterschicht; und dass b) exzessiver medialer Gewaltkonsum die Gewaltbereitschaft steigert, aber nur oder besonders bei schon vorhandener Gewaltneigung. Zwar hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen in einer Befragung unter anderem herausgefunden, dass bei männlichen Viert- und Neuntklässlern aus relativ heilen Familien diejenigen Jugendlichen gewaltbereiter sind, die häufiger Kampfspiele spielen. Andere Forscher weisen hingegen darauf hin, dass dies kein Beleg für die gewaltfördernde Wirkung dieser Spiele ist, weil der Zusammenhang auch umgekehrt sein kann: aggressivere Kinder bevorzugen aggressivere Spiele. In dieser Sicht sucht sich jeder Jugendliche diejenigen Spiele aus, die zu seiner Persönlichkeit passen (Gleich 2004, S. 596; Goddar 2007). Vermutlich wird sich bei weiterer Forschung herausstellen, dass beides richtig ist: Aggressiv disponierte Kinder und Jugendliche bevorzugen aggressive Spiele und deren exzessiver Konsum führt dann zu weiterer Aggressionssteigerung (Lukesch 2008, S. 388, 392). Auch ein von soziodemographischen und psychologischen Faktoren unabhängiger aggressionsfördernder Effekt dauerhaften Konsums kann nicht ausgeschlossen werden. Manche metaanalytische Studien kommen zu dem Ergebnis, dass es keine oder kaum Evidenz für den aggressionsfördernden Effekt gewalthaltiger Videospiele gibt (z.B. Ferguson/Kilburn 2009). Andere finden einen eindeutigen, wenn auch nicht besonders stark ausgeprägten Zusammenhang zwischen häufigem Konsum gewalthaltiger Computerspiele und erhöhter Aggression sowie eingeschränkter Empathie (z.B. Anderson et al. 2010). Die zukünftige Diskussion wird sich voraussichtlich daran festmachen, ob und welche Eingriffe die festgestellten, recht moderaten Effektstärken rechtfertigen. Was immer dabei herauskommt, es ändert nichts an der obigen Zentralthese, dass die Wirkung des Medienkonsums in hohem Maße vom familiären Umfeld abhängt, in dem er stattfindet. Summa summarum kann man festhalten: Selbst der teilweise ausgeprägte mediale Gewaltkonsum führt nur bei einer Minderheit der Jugendlichen zu problematischen Folgen. »Von entscheidender Bedeutung hinsichtlich möglicher negativer Effekte von Mediengewalt auf Kinder und Jugendliche ist die familiäre Situation: Kinder aus intakten Familien sind wenig gefährdet, weil genügend kompensierende Einflüsse vorhanden sind.« (Kunczik/Zipfel 2002, S. 32)[4]

Medien und Sozialbeziehungen

Es ist jedoch nicht nur die mögliche negative Wirkung auf Schulleistungen oder auf die Neigung zu Gewalt, die im Zusammenhang mit der Nutzung von Medien immer wieder diskutiert wird, sondern auch deren Auswirkung auf die Sozial- und Familienbeziehungen der Nutzer. Schulte-Markwort et al. (2002) referieren einschlägige Studien über den möglichen Zusammenhang zwischen PC-Nutzung und sozialer Isolation, beeinträchtigter physischer und psychischer Gesundheit, Schulleistungen, Gewaltneigung etc. sowie ihre eigene Studie zu Familienbeziehungen und Internet. Sie kommen zu dem Ergebnis, es gebe weder einen Hinweis darauf, dass sich durch die neuen Technologien bei Kindern und Jugendlichen psychopathologisch relevante psychische Störungen entwickelten, noch darauf, dass sich das Leben von Kindern und Jugendlichen durch die Nutzung von Computern und Internet in einem negativen Sinn dramatisch verändere. Es sei aber zu vermuten, dass sich gestörte Kinder und Jugendliche vom PC und damit von der Welt des Internets besonders angezogen fühlten (ebd., S. 189f.).

Zu ähnlichen Resultaten kommt Petzold (2000, S. 80), der zum einen die bekannte Abhängigkeit der kindlichen Computernutzung vom Familienklima bestätigt, zum anderen die pauschale Befürchtung, durch intensive Computernutzung entstünden nachhaltige Persönlichkeitsstörungen, nicht belegen konnte. In seiner Untersuchung wiesen eher die (studentischen) Computerablehner und -hasser bedenkliche Persönlichkeitsprofile auf (gemessen mit dem Freiburger Persönlichkeitsinventar), nicht die Computerfreaks. Des Weiteren fand Zerle (2007) keine Belege für die weit verbreitete Auffassung, »dass Kinder, die sich in ihrer Freizeit gerne mit dem Computer beschäftigen, über wenig Sozialkontakte verfügen und ihre Freizeit eher passiv vor dem Computer verbringen. Kinder, die den Computer nutzen, verbringen einen Großteil ihrer freien Zeit auch aktiv beim Sport, im Kino oder in der Musikschule« (ebd., S. 265). Das in den Medien gerne gezeichnete Bild des einsamen Kindes, das – von berufstätigen Eltern und entfernt wohnenden Großeltern allein gelassen – einsam durch die Spieleabteilungen von Kaufhäusern streunt und sich danach vor dem Computer mit fast food und Gewaltspielen abfüllt, hat mit der Realität der meisten Kinder jedenfalls wenig zu tun (ebd., S. 267f.).

Nahezu sämtliche Studien zur Mediennutzung zeigen im Gegenteil, dass Jugendliche Medien zwar ausgiebig nutzen, aber dadurch weder den Kontakt zur Realität verlieren noch unsozial werden. Selbst wenn die durchschnittliche Nutzungszeit heute zweieinviertel Stunden beträgt, wird die Hälfte davon zum Telefonieren, Chatten, sich Verabreden benutzt, also zur Pflege sozialer Kontakte, ein großer Teil der Restzeit zum Fernsehen. Im Alltag spielt das Internet somit eine paradoxe Rolle. Es wird ausgiebig genutzt, aber es interessiert nicht wirklich, es ist unverzichtbar, aber nur solange nichts Wichtigeres anliegt. Wichtiger sind nach wie vor Sport treiben und sich persönlich mit Freunden treffen (Dworschak 2010 b, S. 120). Entsprechend findet auch die Studie des Hans-Bredow-Instituts zum »Heranwachsen mit dem Social Web«: »Wir haben überhaupt keine Belege dafür gefunden, dass das Internet die Jugend prägt« (ref. bei Dworschak 2010 b, S. 121). Und ein anderer Experte, der sich durch siebzig weltweite Studien zum Thema gearbeitet hat, kommt ebenfalls zu dem Schluss, das Internet habe keinesfalls die Herrschaft über die Lebenswelt der Jugendlichen übernommen, sei nur ein eher triviales Medium unter vielen, und die Jugendlichen fänden es immer noch wichtiger, Sport zu treiben oder sich mit Freunden zu treffen (ebd.).[5]

Generation Porno?

Diese undramatischen Befunde entsprechen auch dem undramatischen Umgang der meisten Jugendlichen mit pornographischen Inhalten im Internet. Meist ist es so, dass sie diese nicht mehr aufsuchen, wenn die erste Neugier befriedigt ist (Schulte-Markwort et al. 2002, S. 189). Der Sexualforscher Schmidt bestätigt: »Daran gemessen, wie leicht zugänglich auch Hardcore-Pornos sind, machen sich Jugendliche enorm wenig daraus« (zit. nach Fritzen 2007). Eine amerikanische Studie stellte fest, dass 40% der 16- bis 17-jährigen Jungen und 10% der Mädchen (also 25% dieser Altersgruppe) mit Internetzugang »gelegentlich« Pornoseiten aufsuchen. Eine Untersuchung der Sexualforscherin Matthiesen kam zu dem Ergebnis, dass 35% der männlichen Jugendlichen gelegentlich und 8% regelmäßig Pornos im Internet schauen (ref. nach Dworschak 2010 a, S. 132). Da bei den Mädchen die Quote erfahrungsgemäß ein Viertel der Jungen beträgt, kam man als Gesamtbilanz festhalten, dass 20–25% der Jugendlichen gelegentlich und 5% regelmäßig Pornos im Internet ansehen. Vermutlich ist es die letzte Gruppe, aus der Problemfälle hervorgehen.

Die bisher vorliegenden Wirkungsstudien zum Zusammenhang von Pornographiekonsum und gewalttätiger Sexualität ergeben meist nur geringe oder gar keine nachhaltigen Effekte (Kurzüberblicke bei Marguier 2007 und Berner 2009; ausführlich Zillmann 2004, Klein 2010, Vollbrecht 2010). Illustrieren kann man den geringen Effekt durch die Tatsache, dass einerseits in pornographischen Darstellungen von Sexualität meist dominierende Männer und unterwürfige Frauen gezeigt werden, wohingegen in der Realität seit Jahren der Anteil sexuell initiativer Mädchen zunimmt und die Sexualität der Jungen romantischer, nicht brutaler wird (Vollbrecht 2010, S. 157; Klein/Sager 2010, S. 110f.). Dies spricht dafür, dass die mediale Darstellung von Sexualität auf ihre reale Praxis wenig Einfluss hat. In dieselbe Richtung weisen Studien, die zeigen, dass Jugendliche sehr gut zwischen realer Sexualität und der im Internet gezeigten unterscheiden können. Nur 10% der Untersuchten einer Studie glaubten, im Internet würde ein realistisches Bild menschlicher Sexualität gezeichnet (Vollbrecht 2010, S. 156, 160); und ungefähr dieselbe Anzahl befürchtete, dadurch würde ihr eigenes Sexualleben verunsichert (Klein 2010, S. 180).

Weiter ist zu berücksichtigen, dass nicht (nur) die Medien etwas mit den Menschen machen, sondern in erster Linie die Menschen etwas mit den Medien. Eine Pro-Familia-Studie weist nach, dass die Struktur des sexuellen Verlangens bereits in der Vorpubertät durch nichtsexuelle Beziehungserfahrungen ausgebildet wird und dass es diese Vorprägung ist, die dann die Vorlieben und Abneigungen in Bezug auf (Inhalte der) Pornographie bestimmt (ref. nach Vollbrecht 2010, S. 161f.). Die Persönlichkeit sucht sich die zu ihr passenden »Reize« stärker, als dass die Reize die Persönlichkeit (ver)formen. Wirkungsstudien, die nicht nur nach Korrelationen, sondern nach (langfristigen) Kausalitäten suchen, sind selten. Die vorhandenen zeigen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Häufigkeit des Pornographiekonsums mit 14 Jahren einerseits und späterer Bereitschaft zur Intimität und Zufriedenheit mit dem eigenen Sexualleben andererseits gibt (Vollbrecht 2010, S. 162). Nur Konsumenten von Sado-Maso- und Gewaltpornographie sind sexuell unzufriedener und zeigen weniger Interesse an Intimität (Grimm/Rhein 2007, S. 47f.). Dies hat aber, wie oben angedeutet, mehr mit ihrer Persönlichkeit zu tun, als dass es eine kausale Wirkung des Konsums wäre.

Auch hier kann es nicht schaden, dem Standardrefrain zu folgen, der da lautet: »More research is needed«. Auch ohne diese Forschung lässt sich jedoch mit einiger Sicherheit prognostizieren, dass sie ähnliche Ergebnisse erbringen wird wie die zur Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien: dass nämlich der exzessive Konsum harter Pornographie erstens bevorzugt bei schon vorbelasteten Individuen zu finden ist und zweitens deren schon vorgeschädigte Sexualität dadurch weiter brutalisiert wird. Das damit verbundene Gefahrenpotential muss weder dramatisiert noch verharmlost werden, wird aber aller Voraussicht nach nur eine Minderheit der Jugendlichen (und Erwachsenen) betreffen. In diesem Sinn äußern sich auch fast alle vom Magazin »Der Spiegel« für eine einschlägige Reportage befragten Sexualwissenschaftler (s. Hardinghaus/Krahe 2010). Die gelegentlich vermutete »Pornographisierung der Sexualität« wird dadurch so wenig eintreten wie durch Hildegard Knefs nackte Brust, Ingmar Bergmans »Das Schweigen«, die »Sexwelle«, die Pille oder der Auftritt einer 18-Jährigen, die 1970 in der Fernsehsendung »Wünsch’ Dir was« eine durchsichtige Bluse trug. All diese Ereignisse waren Anlass exaltierter Befürchtungen, ebenso wie später »Big Brother« oder das »Dschungelcamp«. Sie erschütterten Teile der Nation – für kurze Zeit, dann waren die Vorkommnisse vergessen bzw. ohne nachhaltige oder nachteilige Folgen geblieben. In diesem Sinne resümiert Hurrelmann (2009, S. 15) bezüglich der Sexualität von Jugendlichen: »Die Generation Porno ist ein Schreckgespenst. Das kann man schon nicht mehr in Prozenten ausdrücken – es sind Promilleanteile eines Jahrgangs, bei denen es, wie wir sagen, zu riskantem Sexualverhalten kommt.« Die Studie »Jugendsexualität 2010« der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gelangt zu ähnlichen Ergebnissen. »Die Generation Porno ist eine Schimäre.« Es gab noch keine Generation, die so verantwortungsbewusst, aufgeklärt und rücksichtsvoll mit Sexualität umgegangen ist wie die untersuchte (ref. nach Becker 2010 und Tichomirowa 2010; skeptischer ist Twenge 2006, Kap. 6). Die Beobachtung zweier Berliner – Pfarrer bzw. Sozialarbeiter – aus dem Problembezirk Hellerhof, dass dort manche Eltern mit ihren Kindern zusammen pornographische Filme ansehen (Siggelkow/Büscher 2008), wurde medienwirksam zu »Deutschlands sexueller Tragödie« hochstilisiert und von der Behauptung flankiert, hier rase eine Katastrophe auf uns zu (Bericht bei Deißner 2008 b). Die geschilderten Beispiele sexueller Verwahrlosung sind aber, wie die obigen Zahlen und Beobachtungen zeigen, in keiner Weise repräsentativ und in ihrer quantitativen Verbreitung so gering, dass sie vernachlässigt werden können. Erwartbar ist schlimmstenfalls, wie in der Gewaltfrage, dass die Varianz steigt. Eine Minderheit wird brutaler und eine Mehrheit bleibt davon unberührt oder wird sogar immer friedlicher. Auch im Bereich der Sexualität ist diese Pazifizierung zu beobachten und wird unter dem Begriff der »Verhandlungssexualität« diskutiert. Bei manchen Beobachtern weckt dies schon wieder die Befürchtung, die Sexualität verliere ihren triebhaften Kern, degeneriere zum »Kuschelsex« oder werde gar durch Asexualität abgelöst (Pfaller 2009 a, b). Das Beispiel erhellt, wie schwer es für Jugendliche ist, in den Augen von Erwachsenen etwas recht zu machen.

Fazit

Fragt man schlussendlich die Kinder selbst, was sie von ihren Eltern in Bezug auf den Umgang mit Medien egal welchen Inhalts erwarten, so lautet der ebenso verständliche wie unspektakuläre Wunsch: »Sie möchten, dass ihre Eltern mit ihren rasant wechselnden Lebenswelten in Kontakt bleiben, ohne sie permanent zu kontrollieren« (Gatterburg 2007, S. 54). Wie das geht, macht der Leserbrief einer Mutter anlässlich des Amoklaufs von Winnenden und der sich anschließenden Diskussion über Gewalt und Medien deutlich. Dort heißt es: »Unsere vier Kinder spielen alle Computer- und Videospiele, je nach Alter und Geschlecht andere Spiele. Unser knapp sechzehnjähriger Sohn spielt Actionspiele … und erzählt uns von seinen Erfahrungen. … Ich habe mit meinen beiden ältesten Kindern das vielgescholtene, in der Tat aber unspektakuläre ›Counterstrike‹ gespielt, und wir haben uns sehr amüsiert über Mamas Unfähigkeit, gleichzeitig geradeaus zu laufen und zu schießen. … Für ihn und seine Altersgenossen spielen Computerspiele eine wichtige Rolle bei der Frage nach dem Sinn der ihn umgebenden Realität, die sich immer mehr mit Virtualität vermischt. Das betrifft keineswegs nur Jugendliche. … Dabei kann man nicht mit Pauschalverurteilungen anfangen. Und letztlich ist es ja nicht so, dass Gewalt etwas bisher völlig Unbekanntes wäre, das aus den Spielen in die Menschen käme, sondern die Gewalt kommt aus den Menschen in die Spiele. Ich warte nur darauf, dass eines unserer Kinder staunend fragt: Wie hat eigentlich die Generation unserer Großeltern den Zweiten Weltkrieg hingekriegt, ohne ein einziges Computerspiel als Vorlage? Die jedem Menschen innewohnende Gewaltbereitschaft und -verherrlichung so zu ›zähmen‹, dass ein Zusammenleben möglich ist, stellt eine Herausforderung für jede Generation dar« (Römelt 2009, S. 8).

Abschließend sei noch auf vier ergänzende Befunde hingewiesen. Erstens: Longitudinalstudien, die den Mediengebrauch von Jugendlichen und den Umgang der Eltern damit untersuchen, kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass die Erwachsenen im Rückblick feststellen, sie hätten sich sowohl über den Umfang als auch über die Inhalte des Medienkonsums übertriebene Sorgen gemacht (Schäffer 2007, S. 469). Zweitens: Die häufig geäußerte Auffassung, die Generationsbeziehungen würden sich grundlegend im Sinne einer Enthierarchisierung wandeln, weil die Eltern von den Kindern in Bezug auf Medienkompetenz mehr lernen könnten als umgekehrt, haben sich bisher nicht bewahrheitet. Vielmehr ist es trotz des unbezweifelbaren Kompetenzgefälles weiterhin so, dass der Umgang der Eltern mit den Medien den ihrer Kinder stärker prägt als beispielsweise die Gleichaltrigengruppe (ebd.). Drittens verfügen Erwachsene über Strategien, das Kompetenzgefälle zu neutralisieren. Eine dieser Strategien etwa ist übertriebenes Lob für kindliche Mithilfe bei der Installation von Computerprogrammen, dessen Unangemessenheit von den Kindern bemerkt wird und ihnen ihren Abhängigkeitsstatus innerhalb der Familie wieder deutlich macht (ebd., S. 476f.). Insgesamt kommen die einschlägigen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass das Wissensgefälle durch vielfältige familiäre Kommunikationsstrategien solidarisch abgepuffert wird und beide Generationen einen gemeinsamen Lernprozess durchlaufen, der aber nicht auf eine Entmachtung der Eltern zugunsten der Kinder oder der Gleichaltrigengruppe hinausläuft.[6] Viertens: Qualitative Studien zum Mediengebrauch zeigen, dass dessen kommunikative Bearbeitung zu einer Begrenzung seines Einflusses führt. Die Tatsache etwa, dass häufig über Fernsehkonsum gesprochen wird, begrenzt gerade dadurch seinen Einfluss, weil eine kommunikative »Brechung« stattfindet, die das Gespräch darüber wichtiger macht als den Akt des Fernsehens selbst (ebd., S. 468). Ähnliches gilt für viele Computerspiele, die häufig nicht einsam, sondern einschlägigen Untersuchungen zufolge von 60–85% der Spieler in Gesellschaft anderer gespielt werden (Palfrey/Gasser 2008, S. 260).

Was heißt Sozialisation durch Medien?

Bei der These von der Sozialisation durch Medien muss zwischen zwei Bedeutungen unterschieden werden. Der eine bisher behandelte Diskussionsstrang fragt nach dem Einfluss des Fernsehens und der Computernutzung auf die Persönlichkeitsbildung oder -fehlbildung und macht diese abhängig von Art und Umfang des Gebrauchs sowie dessen familiärer Einbindung. Ein zweiter Diskussionsstrang thematisiert die Vergesellschaftungsfunktion von Medien gerade hinsichtlich ihrer Funktion, die Familie zu ersetzen. Die Hauptthese ist, dass Medien immer wichtiger werden und die Eltern ein Stück weit ablösen. Dies soll deshalb so sein, weil Kinder und insbesondere Jugendliche ihre Vorbilder, ihre Alltagsgestaltung und Lebensführung, ihre Schönheits- und Fitnessideale mehr als früher den Medien – oder der peer group – entnehmen. Medien, seien es Fernsehen, Internet oder Jugendzeitschriften, stellen so gesehen sowohl »Normierungswissen« bereit, das zeigt, was richtig und wichtig ist, als auch »Orientierungswissen«, das den Jugendlichen hilft, sich in der Welt zurechtzufinden. »Gesellschaftliche Normen, Werte, Wissensbestände und Verhaltensweisen werden der jungen Generation in hohem Ausmaß über elektronische Massenmedien vermittelt, insbesondere Fernsehen und Computer.« »Durch die Massenmedien sind die Angehörigen der jungen Generation genauestens über kulturelle und politische Ereignisse informiert und nicht auf Eltern oder Pädagogen als ›Weltdeuter‹ angewiesen« (Hurrelmann 2002, S. 256, 260). Diese Aussagen über die Bedeutung der Medien als Sozialisationsinstanz sollen für alle Jugendlichen gelten, unabhängig davon, wie viel Zeit sie vor dem Fernsehapparat oder Computer verbringen. Deshalb befassen sich jugendsoziologische Untersuchungen zur Bedeutung der Medien häufig gar nicht oder nur am Rande mit der Dauer des Konsums, weil ihre Bedeutung als Weltdeutungsinstanz nicht in erster Linie von der mit ihnen verbrachten Zeit abhängig ist.

In diesem zweiten Sinne sind Medien nicht Orte der Erzeugung von Entwicklungsstörungen, wie die These vom exzessiven Mediengebrauch oder die vom regressiven Sog der Bilderflut nahelegt (zu Letzterem siehe z.B. Bergmann/Hüther 2006 und Fuchs 2007, S. 96ff.), sondern, im Gegenteil, Orte kollektiver Sinnstiftung (Hoffmeister 2001, S. 304). Manche Wissenschaftler ziehen aus ihren Beobachtungen und Forschungen den Schluss, dass Computerspiele zur Grundlage einer jugendlichen Subkultur geworden sind, die Gemeinschaft erzeugt und gleichzeitig identitätsstiftend wirkt (Hamann 2007). Diese Funktion der Gemeinschaftsbildung wird von anderen Autoren auch mit Aussagen über die individuelle Persönlichkeits- oder Identitätsbildung verknüpft. Mikos (2004, S. 157, 163) etwa meint, dass Jugendliche nicht nur viel Zeit mit Medien verbringen, sondern dass diese auch »eine große Rolle bei der Identitätsbildung und im Prozess der Sozialisation spielen. … Ging man früher davon aus, dass sich Identität in direkter sozialer Interaktion entwickelt, muss man heute mediale Interaktion hinzurechnen. Den verschiedenen Formen der Populärkultur und der Medien, insbesondere aber dem Fernsehen, kann eine Schlüsselrolle bei der Strukturierung von zeitgenössischer Identität zugewiesen werden. … Normen, Werte und Rollenbilder werden nicht mehr nur aus der sozialen Umgebung, sondern vor allem aus den … Medien … gelernt.« (ähnlich Scherr 2004, S. 232f.) Der sozialisatorische Charakter der Medien ergibt sich somit aus ihrer gemeinschaftsstiftenden Funktion sowie aus dem von ihnen bereitgestellten Orientierungs- und Normierungswissen; beides soll die Persönlichkeit prägen.

Dabei darf allerdings zweierlei nicht übersehen werden. Erstens: Selbst wenn man den Medien eine gewisse normenvermittelnde und orientierende Kraft zuspricht, so entfalten sie diese nicht unabhängig von Personen, denn die Aneignung medial vermittelter Inhalte und Normen erfolgt in Gesprächen mit Eltern, Freunden und Gleichaltrigen, also in personaler sozialer Interaktion (s.o.; sowie Hurrelmann 2002, S. 255 und Mikos 2004, S. 163). Dadurch wird die Behauptung, Jugendliche seien nicht mehr auf Eltern und Pädagogen als Weltdeuter angewiesen, wieder erheblich relativiert.

Zweitens: Die normenvermittelnde oder gar persönlichkeitsprägende Kraft der Medien ist häufig geringer bzw. oberflächlicher als angenommen. Wenn etwa die Zunahme von Anorexien mit Ideal- und Leitbildern aus Medien begründet wird (s. z.B. Bauer 2002, S. 126), so wird nicht hinreichend berücksichtigt, dass die Magersucht eine seltene Erkrankung ist, deren Prävalenzrate selbst bei der am häufigsten betroffenen Gruppe der 12–25 Jahre alten Mädchen und Frauen gerade einmal 0,7% beträgt (Resch 2010, S. 507f.; Gerlinghoff/Backmund 2010, S. 550), diese Erkrankung in den letzten 50 Jahren kaum zugenommen hat (Resch, ebd.) und es sich um eine recht schwere Erkrankung handelt, die von Medien allenfalls ausgelöst, nicht aber verursacht werden kann. Wenn Fernsehshows wie »Big Brother«, »Deutschland sucht den Superstar« oder »Germany’s Next Topmodel« eine Einübung in die Konkurrenzgesellschaft sein sollen, bei der Sieger gekrönt und Verlierer abgewählt werden, wie Sieder (2008, S. 20) meint, so steht in Frage, inwieweit hier Persönlichkeiten in ihrer affektiven Tiefendimension strukturiert oder nicht nur kognitiv-oberflächliche Weltbilder vermittelt werden. Konkurrenzpersönlichkeiten entstehen nicht durch Fernsehsendungen, sondern durch Sozialisation und Erziehung in der Familie, beispielsweise durch elterlichen Leistungsdruck aus Angst um die Zukunft der Kinder. Entsprechend ist die Forschungslage zum Einfluss von Medien auf die Persönlichkeit die, dass Medien unabhängig vom familialen Kontext weder nachhaltige noch tiefgreifende Wirkung haben (Schmitt 2004, S. 161ff.).

Fußnoten

[1]

Den beeindruckenden Büchern von Radkau (1998) und Blom (2008) kann man entnehmen, dass praktisch alles, was heute als neu, bedrohlich oder krankmachend angeführt wird – wie Reizüberflutung, Beschleunigung des Lebens und des sozialen Wandels sowie Informationsüberflutung durch Medien –, schon vor 100 Jahren unter demselben Verdacht stand. Die Urbanisierung, der Telegraph, das Automobil, die Zeitungen, das Kino, das Varietétheater, der Terrorismus, der Arbeitsprozess in den Fabriken, der Starkult und, immer wieder, die Tempobeschleunigung, sollten Nervosität und Unruhe bewirken, welche die Verarbeitung von Erfahrung sowie das Erleben von Zeit beeinträchtigen und zu einer Gefühlskultur führen, in der Gefühle nur noch oberflächlich dargestellt, aber nicht mehr erlebt würden. All das wird heute ebenfalls bevorzugt den neuen Medien und der allgemeinen Beschleunigung des Lebenstempos angelastet. Zurückhaltung bezüglich dieser Diagnosen legen insbesondere solche Beispiele aus der Geschichte nahe, die uns heute abwegig erscheinen, damalige Zeitgenossen aber völlig überzeugten, etwa der ausgiebig diskutierte Zusammenhang zwischen Fahrradfahren, Beschleunigung und sexueller Erregung (Blom 2008, S. 293, 310). Shorter (1992, S. 360f.) ist deshalb skeptisch hinsichtlich aller Beschleunigungsdiagnosen: »Es darf füglich bezweifelt werden, daß das ›Lebenstempo‹ jemals wirklich wechselt. Zu allen Zeiten und allerorten glaubten und glauben Menschen, in einer besonders ›hektischen‹ oder ›nervösen‹ Welt zu leben: im Europa des ausgehenden achtzehnten und im Amerika des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts nicht weniger als heute fast überall auf dem Globus.« Und zu allen Zeiten sahen Ärzte oder andere Zeitgenossen das Nervensystem durch zu schnelles Essen, Trinken, Fahren, zu viel Geschäft, Straßengewühl, Verkehrsgetöse in Gefahr. Die Kurempfehlung war auch immer dieselbe: Entschleunigung und auf die Genussbremse treten (ebd.). Böhme (2009, S. 80f.) konstatiert ebenfalls, die derzeitige allseitige Beschleunigung drohe einerseits alle Dimensionen des Menschlichen zu sprengen, andererseits würden die Menschen das Tempo eigentümlich unberührt wegstecken. Eine gänzlich andere Auffassung vertritt Rosa (2005). Er meint, die Beschleunigung habe mittlerweile ein Ausmaß erreicht, welches das aufklärerische Projekt der Autonomie fundamental bedrohe (Kritik bei Reiche 2011).

[2]

Daten nach Fries (2002, S. 138), Spitzer (2005, S. 122), Gatterburg (2007, S. 44), Rittelmeyer (2007, S. 28ff.) und Peuckert (2008, S. 150). In der Gruppe der 15-jährigen männlichen Jugendlichen sind es knapp 16%, deren gesamter Medienkonsum (Fernsehen, DVD, Internet, Handy, Computerspiele) viereinhalb Stunden täglich übersteigt. Als computersüchtig werden in dieser Altersgruppe 3% der Jungen und 0,3% der Mädchen eingeschätzt (Dahlkamp 2009). Weitere Daten zur Mediennutzung, auch anderer Altersgruppen, finden sich bei Lampert et al. (2007). Die Autoren konstatieren unter anderem eine schichtspezifische Häufung von Vielsehern in der Unterschicht, eine geschlechtsspezifische Präferenz von Handygebrauch und Musikhören bei Mädchen bzw. Computer, Spielkonsole und Internet bei Jungen, sowie einen Zusammenhang zwischen Vielsehen und Übergewicht.

[3]

Spitzer (2005) stellt verschiedene Studien dar, die belegen, dass es auch nach Herausrechnung sozialdemographischer und sonstiger Variablen einen eigenständigen negativen Einfluss des Fernsehkonsums auf Schulleistungen und die Neigung zu Gewalttätigkeit gibt. Kunczik/Zipfel (2006) bewerten jedoch in ihrem erschöpfenden Überblick die Befunde zum Zusammenhang von gewalthaltigem Medienkonsum und späterer Gewaltneigung erheblich zurückhaltender als Spitzer. Johnson (2005) vertritt die Auffassung, dass der Anstieg der durchschnittlichen Intelligenz in den Industrieländern unter anderem auf Fernsehen und Computerspiele zurückzuführen ist. Auch andere Autoren sehen durchaus einen förderlichen Einfluss bei gemäßigtem Konsum (Kurzüberblick bei Gatterburg 2007 und Sekareva 2009). Als Standardempfehlung gilt: Zwischen null und drei Jahren kein Medienkonsum, weil die Kinder kaum verstehen, was sich auf dem Bildschirm abspielt; zwischen drei und sechs Jahren zusammen mit den Eltern und nicht mehr als eine Stunde; eine langsame Steigerung bis zum Alter von zehn Jahren ist erlaubt; mit drei Stunden täglich soll auch bei älteren Jugendlichen die Gefahrengrenze erreicht sein. Die kanadische Langzeitstudie von Pagani et al. (2010) ergab recht heterogene Ergebnisse, unter anderem folgende. Erstens: Mit steigendem Bildungsniveau der Eltern sinkt der Fernsehkonsum kleiner Kinder. Zweitens: Mehr als zwei Stunden fernsehen pro Tag im Vorschulalter wirken sich negativ auf eine Reihe von Fähigkeiten und Verhaltensweisen aus, sie beeinträchtigen beispielsweise die Aufmerksamkeit und führen zu mathematischen Minderleistungen im Alter von 10 Jahren. Drittens: Es waren keine negativen Einflüsse auf die Lesefähigkeit oder die Aggressivität nachweisbar. Die Autorinnen empfehlen, entsprechend den Richtlinien der Amerikanischen Akademie für Kinderheilkunde, Kinder in den ersten zwei Lebensjahren überhaupt nicht und im Vorschulalter nicht mehr als zwei Stunden am Tag fernsehen zu lassen.

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In einem anderen Sinn diskutiert Altmeyer (2003, S. 61ff.) den Zusammenhang zwischen Medien und Gewalt. Er will (manche) Gewalttaten, insbesondere die öffentlichkeitswirksamen Amokläufe, nicht aus Ursachen erklären, die sich rekonstruieren lassen, nicht aus der Vorgeschichte von Traumen, Kränkungen, Frustration, sozialer Isolierung, Schulversagen, Waffenvernarrtheit, sondern aus den vorphantasierten Wirkungen, welche die Tat auf das imaginierte Publikum hat. Die vorphantasierte Wirkung ergibt sich aus einer Allmachtsphantasie, in welcher der Täter das Drehbuch schreibt, die Requisiten, den Schauplatz, die Dramaturgie bestimmt und die Opfer für einen grandiosen Akt der allmächtigen Selbsterschaffung gebraucht. Aber wie erklärt sich die Existenz dieser Allmachtsphantasie sowie das Bedürfnis und die Bereitschaft, sie in die Tat umzusetzen? Woher kommt sie, wenn nicht aus der Lebensgeschichte und den aktuell frustranen Lebensumständen? Die Phantasie, die hier inszeniert wird, entsteht ja nicht erst mit der Tat, und selbst wenn sie durch die Medien begünstigt wird, sind die Medien nicht ihre alleinige Ursache. Entsprechend heißt es bei Groebel (2010, S. 111ff.): Erstens: Die öffentliche Aufmerksamkeit kann zu einer wichtigen Triebfeder von Amokläufen werden. Zweitens: Fast immer ist jedoch das konkrete biographische und soziale Umfeld entscheidend. Drittens: Dennoch entziehen sich manche Taten jeder Erklärung.

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Untersuchungen bei Erwachsenen kommen zu ähnlichen Ergebnissen (Münker 2009, S. 87). Internet-Nutzer treiben mehr Sport, gehen öfter ins Theater, Kino oder Konzert und engagieren sich häufiger in Vereinen und Bürgerinitiativen als eine Vergleichsgruppe von Nicht-Nutzern. Die Zahl der unmittelbaren face-to-face-Kontakte ist nicht geringer, allerdings auch nicht größer (Bauernschuster et al. 2010). Die Gesamtdatenlage erlaubt den Schluss, dass elektronische Medien die Anbahnung und Aufrechterhaltung (dauerhafter) sozialer Beziehungen eher fördern als behindern (Fischer 2011, S. 96, mit weiterer Literatur).

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Die These vom Bedeutungsschwund der Eltern wird in den Kapiteln 3 und 4 ausführlicher behandelt.

Zeitmangel in der Familie

Oft ist zu hören, dass Kinder nicht nur zu viel fernsehen oder computerspielen, sondern dass ihre Eltern auch keine Zeit mehr für sie hätten. Etwas abgeschwächt lautet die Behauptung, sie würden heute weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen als früher (Gaschke 2001, S. 47, 59, 119f., 235; Winterhoff-Spurk 2005, S. 246) – sei es, weil die Kinder zu viel fernsehen, die Mütter häufiger berufstätig oder beide Elternteile durch berufliche Anforderungen überlastet sind. Morgenroth (2005, S. 1007) beschreibt folgende Familiensituation als nicht selten: »De-Synchronisation und berufliche Selbst-Überforderung oder Überbeanspruchung haben eine innerfamiliäre Struktur zur Folge, in der die Familie als ›haltende Institution‹ versagen muss. Die Lebensbedingungen der Eltern selbst sind derart instabil und erschöpfend, dass sie für die emotionalen Bedürfnisse der Kinder nicht mehr in hinreichendem Umfang zur Verfügung stehen. … Die … Arbeitsbedingungen der Elterngeneration führen zu einer besondern Gefährdung der Kinder, die emotional depriviert, sich selbst oder medialen Babysittern überlassen sind.« Solche Konstellationen kommen sicher vor, aber die berufliche Beanspruchung von Eltern war – wie Historiker der Kindheit berichten (z.B. de Mause 1974, Johansen 1978, Badinter 1980) – in früheren Zeiten in weiten Teilen der Bevölkerung erheblich größer als heute; und die bloße Behauptung, die geschilderte Familiensituation sei in der heutigen Zeit »nicht selten«, reicht nicht aus, um deren Verbreitung oder Typizität angemessen einzuschätzen.[1]

Immerhin kommt in dieser Beschreibung noch eine Einfühlung in die Situation der Eltern zum Ausdruck, die andere Autoren gänzlich vermissen lassen. Kirschenbaum etwa steigert das Szenario der emotionalen Deprivation zu der Behauptung, heutige Eltern hätten nicht nur keine Zeit mehr für ihre Kinder, sondern schlicht das Interesse an ihnen verloren, und würden sie statt dessen mit technischem Spielzeug überhäufen, wofür sich der Begriff der Wohlstandsverwahrlosung eingebürgert hat. Ausgehend von einer Begebenheit in Atlanta, bei der Jugendliche Sexparties feierten, schildert er deren Familienhintergrund wie folgt: »Wenn die Eltern zu Hause waren, beschränkten sich die Gespräche auf zehn bis zwanzig Minuten pro Tag, auf einen jahrelangen oberflächlichen Kontakt zwischen Kindern und Eltern: ›Wie geht’s, was macht die Schule? Hast du deine Hausaufgaben gemacht? Laß uns schnell was essen und fernsehen. Ich habe noch Arbeit aus dem Büro mitgebracht.‹ Die amerikanische Mittelklasse hat sich von dieser Generation getrennt. Die Jugendlichen haben sich von ihren Eltern getrennt; sie sind alleingelassen, hungrig nach Anerkennung, Gespräch und Berührung. Es ist eine Illusion, zu denken, daß all diese technischen Spielzeuge, ein Anruf pro Tag und ein manikürter Rasen ein gutes Zuhause ausmachen.« (2002, S. 11)[2]

Die Unterstellung, dieses Beispiel illustriere den Normalzustand familiärer (Mittelklasse-)Beziehungen in den Vereinigten Staaten, entbehrt jeder empirischen Grundlage. Auch Hochschilds (1997, S. XXX; 2003, S. 145) sanfter vorgetragene Aussage über einen Rückgang der mit den Kindern verbrachten Zeit hält empirischer Überprüfung nicht stand und beruht auf unzulänglichen statistischen Daten. Abgesehen davon, dass die quantitativ verbrachte Zeit noch nicht viel über die Beziehungsqualität aussagt, zeigen eine Reihe von Zeitbudgetstudien (ref. in BMFSFJ 2006, S. 30f., 224, 232), dass die Zeit, die amerikanische Eltern mit ihren Kindern verbringen, in den letzten 20 Jahren konstant geblieben ist, sich auf etwa 20 Stunden pro Woche beläuft und von den meisten Kindern zwischen acht und 18 Jahren als zufriedenstellend betrachtet wird. Sayer et al. (2004) kommen in ihrer sorgfältigen Studie zu dem Ergebnis, dass nicht nur die Väterbeteiligung seit 1965, insbesondere aber seit 1985, kontinuierlich angestiegen ist, sondern dass auch die amerikanischen Mütter des Jahres 1998 mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr Zeit im direkten Umgang mit ihren Kindern verbracht haben als die von 1965 – obwohl sie 1998 entschieden häufiger berufstätig waren als 1965. Vergleicht man nur die berufstätigen Mütter von 1965 mit denen von 1998, so ergibt sich, dass Letztere mehr Zeit mit ihren Kindern verbrachten als Erstere (ähnlich Coontz 2005, S. 443; Bertram/Bertram 2009, S. 181; Fischer 2010, S. 161, 302f.).

Auch für Deutschland gilt, dass Eltern heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als vor 20 Jahren (Bertram 1997, S. 128ff., 136ff.; BMFSFJ 2006, S. 221f.; Bertram/Bertram 2009, S. 180). Die Aussage von Besser (2010, S. 84), hierzulande würde die durchschnittliche Kommunikationszeit vieler Kinder und Jugendlichen mit ihren Eltern nur noch wenige Minuten pro Tag betragen, ist deshalb nicht nachvollziehbar. In absoluten Zahlen ausgedrückt betrug die tägliche Zeit für aktive Kinderbetreuung durch beide Eltern im Jahr 2003 für Kinder unter drei Jahren 290 Minuten, für Kinder zwischen drei und sechs Jahren 198 Minuten, für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren 120 Minuten und für Kinder zwischen zwölf und sechzehn Jahren 48 Minuten (Nave-Herz 2004, S. 214; ähnlich Walter/Künzler 2002). Diese Zeit wird von den Kindern mehrheitlich als ausreichend erachtet. Nur 20% der 12- bis 13-Jährigen und 13% der 17- bis 18-Jährigen wünschen sich einer repräsentativen Hamburger Studie zufolge mehr Zeit von den Eltern (Schulte-Markwort et al. 2002, S. 187). Andere Untersuchungen bestätigen dieses Bild. Schneekloth/Leven (2007, S. 93f.) fanden, dass sogar nur 13% der 8- bis 11-Jährigen sagen, ihre Eltern hätten zu wenig Zeit für sie. Bei den anderen 87% ist zumindest ein Elternteil zufriedenstellend verfügbar. Dies gilt auch für die Kinder berufstätiger Eltern, die sowohl mit dem von den Eltern gewählten Betreuungsarrangement als auch der Menge der gemeinsam verbrachten Zeit überwiegend zufrieden sind (BMFSFJ 2006, S. 232f.). Fragt man 9- bis 14-Jährige, was ihr dringendster Wunsch in Bezug auf Änderungen in der Familie sei, so ist es nur bei 10% der Wunsch, mehr Zeit mit den Eltern zu verbringen (Klöckner et al. 2004, S. 136).[3]

Eine Befragung 10- bis 12-jähriger amerikanischer Kinder ergab, dass ihnen weniger wichtig ist, wie viel Zeit die Eltern mit ihnen verbringen bzw. ob sie berufstätig sind oder nicht, sondern ob sie ihre Arbeit mit nach Hause bringen. Die Kinder möchten, dass die Eltern, wenn sie da sind, für sie da sind (Bertram 2007, S. 25). In Anbetracht all dieser Befunde erscheint es wenig überzeugend, wenn etwa Largo (2009) den Zeitmangel von Eltern für den wichtigsten Grund gegenwärtiger Erziehungsschwierigkeiten hält. Plausibler ist es, Zeitprobleme aus der Zunahme unregelmäßiger Arbeitszeiten herzuleiten. So hat zwischen 1990 und 2005 die Zahl derer, die angeben, gelegentlich außerhalb der regulären Arbeitszeit arbeiten zu müssen, von 40 auf 60% zugenommen (Schmidt-Lüer 2009). Sollte sich diese Entwicklung verstetigen, werden Synchronisierungsprobleme zwischen Beruf und Familie zunehmen (weitere Überlegungen dazu bei Bertram/Bertram 2009, S. 180ff.).

Ein weiterer interessanter Befund ist, dass berufstätige Mütter kaum weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen als nicht berufstätige (etwa 30 Minuten am Tag), sondern vor allem weniger mit Hausarbeit und dem Partner (BMFSFJ 2006, S. 31). An anderer Stelle (ebd., S. 224) heißt es jedoch, dass vollzeitberufstätige Mütter mit Kindern unter sechs Jahren in Deutschland täglich gut zwei Stunden mit dem Kind verbringen, nichtberufstätige Mütter jedoch drei Stunden und 40 Minuten. Die Differenz betrüge dann nicht dreißig Minuten, sondern eineinhalb Stunden. Ähnliche Daten gibt es für die Vereinigten Staaten (Bianchi 2000). Eine gewisse Differenz erscheint plausibel, auch wenn Mehrarbeit empirisch nicht unbedingt als Zeitknappheit auf die Kinder durchschlagen muss, weil durch Hausarbeitszeitreduzierung oder weniger Zeit für sich selbst oder den Partner mehr für die Kinder zur Verfügung stehen kann. Manche Studien (z.B. Vorheyer 2005, S. 41) berichten auch, dass vollzeitberufstätige Mütter sich mehr Zeit für gemeinsame Aktivitäten mit ihren Kindern nehmen als gar nicht berufstätige. Die Autorin führt dies auf die mangelnden ökonomischen Ressourcen der Nichtberufstätigen zurück. Diese Interpretation wird dadurch gestützt, dass Kinder aus sozial niedrigeren Schichten generell weniger Zeit mit ihren Eltern verbringen als solche aus höheren Schichten.