Der kompetente Säugling - Martin Dornes - E-Book

Der kompetente Säugling E-Book

Martin Dornes

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Beschreibung

In den letzten Jahren hat sich in der Säuglingsforschung eine geradezu revolutionäre Umwälzung vollzogen. Mit neuartigen Methoden und Fragestellungen sind Psychoanalytiker, Psychologen und Kinderpsychiater bei ihren Untersuchungen von Säuglingen zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Wurde der Säugling früher als ein Wesen angesehen, das seinen körperlichen Bedürfnissen passiv ausgeliefert ist und die Welt und sich selbst nur unscharf wahrnimmt, so scheint heute klar, daß seine Fähigkeiten weit unterschätzt wurden. In den verschiedenen Kapiteln des Buches beschreibt der Autor die neueren Erkenntnisse über die Kompetenz von Säuglingen: Sie sehen, hören, riechen, fühlen und interagieren von Geburt an sehr viel mehr und sehr viel differenzierter, als bisher angenommen wurde. Die Bedeutung dieser Befunde für die psychoanalytische Theorie und Therapie wird ausführlich diskutiert. Der Autor plädiert für eine Intensivierung des interdisziplinären Dialogs zwischen der Psychoanalyse und den Nachbarsdisziplinen.

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dr. Martin Dornes

Der kompetente Säugling

Die präverbale Entwicklung des Menschen

 

 

Über dieses Buch

 

 

In den letzten Jahren hat sich in der Säuglingsforschung eine geradezu revolutionäre Umwälzung vollzogen. Mit neuartigen Methoden und Fragestellungen sind Psychoanalytiker, Psychologen und Kinderpsychiater bei ihren Untersuchungen von Säuglingen zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Wurde der Säugling früher als ein Wesen angesehen, das seinen körperlichen Bedürfnissen passiv ausgeliefert ist und die Welt und sich selbst nur unscharf wahrnimmt, so scheint heute klar, dass seine Fähigkeiten weit unterschätzt wurden. In den verschiedenen Kapiteln des Buches beschreibt Martin Dornes die neueren Erkenntnisse über die Kompetenz von Säuglingen: Sie sehen, hören, riechen, fühlen und interagieren von Geburt an sehr viel mehr und sehr viel differenzierter, als bisher angenommen wurde. Die Bedeutung dieser Befunde für die psychoanalytische Theorie und Therapie wird ausführlich diskutiert. Der Autor plädiert für eine Intensivierung des interdisziplinären Dialogs zwischen der Psychoanalyse und den Nachbarsdisziplinen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Martin Dornes, geb. 1950, promovierte in Soziologie, habilitierte sich in psychoanalytischer Psychologie und arbeitete in Psychiatrie, Psychosomatik, Sexualmedizin und Medizinischer Psychologie. Von 2002 bis 2014 war er Mitglied im Leitungsgremium des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Im Fischer Taschenbuch Verlag ist u.a. von ihm erschienen ›Der kompetente Säugling‹ (16. Aufl. 2015), ›Die emotionale Welt des Kindes‹ (6. Aufl. 2014), ›Die Modernisierung der Seele. Kind-Familie-Gesellschaft‹ (2012), sowie zuletzt ›Macht der Kapitalismus depressiv?‹ (2016).

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Nicole Lange, Darmstadt

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490999-8

 

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Inhalt

[Reihenhinweis]

[Motto]

Danksagung

Einleitung

1. Braucht die Psychoanalyse eine direktbeobachtende Entwicklungspsychologie?

Historisches

Eine neue Sicht des Säuglings

Rekonstruktion versus Direktbeobachtung

Probleme einer rekonstruktiven Entwicklungspsychologie

Psychoanalyse und Direktbeobachtung: vereinbar oder nicht?

Empathie

Verhalten und Erleben

Normalität und Pathologie

Anpassung und Konflikt

Das rekonstruierte und das reale Kind

Resümee

2. Der kompetente Säugling

Untersuchungsmethoden

Das Präferenzparadigma

Das Habituierungsparadigma

Überraschungsparadigma und Familiarisierungs-Neuheits-Methode

Beobachtungstechnologie und Artefaktverdacht

Untersuchungsergebnisse

Visuelle Wahrnehmung

Auditive Wahrnehmung

Geruch und Geschmack

Kreuzmodale Wahrnehmung

Resümee

3. Autismus und Symbiose: Eine Kritik

Autistische Psychosen

Autismus als normales Entwicklungsstadium

Argumente für die Beibehaltung des Autismuskonzepts

Die Relativierung des Konzepts

Autismus als neurologische Entwicklungsphase und die mangelnde psychische Signifikanz früher Kompetenzen

Autismus und Schlaf

Resümee

Symbiose

Begriffsklärung

Symbiotische Psychosen

Symbiose als normales Entwicklungsstadium

Argumente für die Beibehaltung des Symbiosekonzepts

Symbiose als Beziehung

Exkurs: Der kompetente Säugling II: Interaktionskompetenz

Symbiose als Phantasie

Symbiose als prägender Augenblick

Resümee

Der klinische Nutzen des Symbiosebegriffs

4. Die Einheit der Sinne und der Prozeß der Wahrnehmung

Das Selbstempfinden (sense of self) als organisierendes Prinzip der Entwicklung

Die Entwicklungsstufen des Selbstempfindens

Das auftauchende Selbstempfinden

Die präreflexive Natur des auftauchenden Selbstempfindens

Die klinische Bedeutung des auftauchenden Selbstempfindens

Das Kernselbstempfinden und seine Komponenten

Das Selbst als Urheber von Handlungen

Selbstkohärenz

Exkurs: Kritik der Spaltung

Selbstaffektivität und Gedächtnis

Resümee

Self-with-other als Nachfolger der Symbiose

Die klinische Bedeutung des Kernselbstempfindens

5. Die diskreten Affekte

Historischer Abriß

Affekte in der akademischen Psychologie

Affekte in der akademischen Entwicklungspsychologie

Die Wiederentdeckung der Affekte

Ethologische Theorien

Verbesserte Meßmethoden

Gesichtsausdruck und Gefühl

Exposition der Problemstellung

Affektausdrücke im Gesicht von Säuglingen: Ergebnisse

Die initiale Konkordanz von Gesichtsausdruck und Gefühl

Eine Feedback-Theorie des Gefühls

Ergänzungen

Gefühlsvorläufer, Gefühle, Gefühlsfamilien

Der affektive Kern des Selbst und die Kontinuität des Selbstgefühls

6. Die psychoanalytische Theorie der Affektentwicklung

Einleitung

Abriß der psychoanalytischen Affekttheorie

Gemeinsame Themen in der psychoanalytischen und akademischen Affektpsychologie

Eine Fallstudie zur Integration

Konsequenzen

Übertragung und Gesichtsausdruck

7. Intersubjektivität und Affektivität

Intersubjektivität

Affect Attunement

Beispiele

Formen des Attunements

Attunement als Transmissionsriemen elterlicher Phantasien

Harmonie als Entwicklungsmotor

Intersubjektivität und Triebtheorie

8. Kognitive Entwicklung

Piagets Theorie des frühen Denkens

Die Entstehung des permanenten Objekts

Die Entstehung des inneren Bildes

Zusammenfassung

Die psychoanalytische Theorie des frühen Denkens

Infantile Grandiosität

Halluzinatorische Wunscherfüllung

Primär- und Sekundärprozeß

Offene Fragen

Frühe Erfahrungsrepräsentierung, Skripttheorie, Wiederholungszwang

Symbol, Wunsch, Konflikt, Abwehr

9. Phantasie und Interaktion

Einleitung

Der Beitrag der Psychoanalyse zur Säuglingsforschung: Die phantasmatische Dimension der Interaktion

Beispiele

Phantasie in der akademischen Entwicklungspsychologie: Bedeutungszuschreibungen

Innere Repräsentationen vergangener Erfahrung und ihre Bedeutung für die Interaktion: Die Bindungstheorie

Die kausale Rolle unbewußter Phantasien in der Interaktion

Infantile Symptome und unbewußte Bedeutungszuschreibung

Zusammenfassung: Zehn Thesen

Langzeitstudien

Die determinierende Kraft der Initialphantasie

Ein weiterer Beitrag der Psychoanalyse zur Säuglingsforschung

10. Die klinische Bedeutung der Säuglingsforschung

Fallbeispiele und grundsätzliche Überlegungen

Modellszenen

Die fremde Situation als Modellszene

Rekonstruktion und empirische Evidenz

Rekonstruktion, Realtrauma, Wahrheit

Das Kontingenzparadigma als Modellszene

Beispiele

Theoretische und klinische Implikationen

Kontingenzerfahrung und Psychopathologie

Das Mount-Zion-Modell des psychoanalytischen Prozesses

Kontingenzerfahrung und emotionale Einsicht

Zusammenfassung

Anmerkungen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 8

Kapitel 10

Literaturverzeichnis

Namen- und Sachregister

Geist und Psyche Herausgegeben von Willi Köhler

Begründet von Nina Kindler 1964

»Sie wissen, wir waren nie stolz auf die Vollständigkeit und Abgeschlossenheit unseres Wissens und Könnens; wir sind, wie früher so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheiten unserer Erkenntnis zuzugeben, Neues dazuzulernen und an unserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres ersetzen läßt.«

Sigmund Freud

Wege der psychoanalytischen Therapie (1919)

Danksagung

Das vorliegende Buch ist aus einer Reihe von Vorlesungen entstanden, die ich 1989 am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main gehalten habe. Mein Dank gilt Sibylle Drews und Rolf Klüwer, die mich eingeladen und die Vorlesungen ermöglicht haben.

In den folgenden 1 1/2 Jahren haben wir in einem Arbeitskreis, den ich mit Sybille Drews geleitet habe, über Psychoanalyse und Kleinkindforschung rege diskutiert, und ich danke den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für viele Anregungen.

Katherine Stroczan, Birgit Diestel, Benjamin Bardé und Ludwig Dornes haben das ganze Manuskript gelesen und waren mit Verbesserungsvorschlägen behilflich; Marion Ebert-Saleh hat es mit Geduld und Geschick geschrieben.

Einleitung

Mit dieser Arbeit möchte ich zu einer empirisch angeleiteten, psychoanalytisch inspirierten Theorie der präverbalen Entwicklung beitragen. Die seelischen Prozesse und Gefühle dieser Zeit zu erhellen ist ein ebenso schwieriges wie reizvolles und lohnendes Unterfangen. Auch klinisch hat es an Reputation gewonnen, seit im Zuge des »widening scope« die frühen Störungen verstärkt diskutiert werden.

Die Erforschung der präverbalen Zeit ist mit den genuin psychoanalytischen Mitteln der freien Assoziation und der Übertragungsanalyse nur begrenzt möglich. Sie können zwar aufklären, wie die frühe Kindheit dem erwachsenen Patienten heute erscheint, aber die Frage, »wie es damals wirklich war«, ist damit nicht beantwortet. Die Geister scheiden sich an der Notwendigkeit und Möglichkeit der Beantwortung dieser Frage.

Unabhängig davon, wie die Antwort darauf im einzelnen ausfällt, halte ich eine stärkere Einbeziehung der Säuglingsdirektbeobachtung in die psychoanalytische Diskussion für wünschenswert. Dadurch wird sich die psychoanalytische Theorie in vielerlei Hinsicht verändern. Diese Änderungen sind mein Hauptthema. Sie ergeben sich, wenn wir akzeptieren, daß Rekonstruktionen aus psychoanalytischen Behandlungen nicht die einzige, ja nicht einmal die wichtigste Quelle von Theorien über die frühe Kindheitsentwicklung sein sollten.

Im ersten Kapitel wird diese Auffassung begründet. Die Direktbeobachtung der Säuglingsforschung und die psychoanalytische Rekonstruktion werden hinsichtlich ihrer methodischen Besonderheiten miteinander verglichen. Die Irrtumsanfälligkeit psychoanalytischer Rekonstruktionen – wenn es darum geht, entwicklungspsychologisch richtige und nicht nur klinisch nützliche Aussagen über die frühe Kindheit zu machen – wird herausgearbeitet. Ich plädiere dafür, Ergebnisse der Säuglings- und Kleinkindforschung bei der Theoriebildung über frühe Kindheitsentwicklung stärker mit heranzuziehen, als das bisher in der Psychoanalyse der Fall war.

Im zweiten Kapitel gebe ich einen kurzen Abriß dieser Forschung. Er dient als Hintergrund für eine Diskussion von Margaret Mahlers Theorie über Autismus und Symbiose im dritten Kapitel. Mahlers Theorie erfreut sich breiter Akzeptanz und erhebt den Anspruch, aufgrund psychoanalytisch orientierter Direktbeobachtung zu ihren Aussagen gekommen zu sein. Es wird gezeigt, daß die zentralen Begriffe von Autismus und Symbiose, die den kindlichen Entwicklungsprozeß im ersten halben Lebensjahr beschreiben sollen, nicht mit den empirischen Befunden der neueren Säuglingsforschung in Einklang stehen und selbst kaum eine empirische Grundlage haben. Die Einbeziehung neuerer Forschungsresultate ergibt, daß der Säugling in den ersten sechs Monaten weder in seiner Wahrnehmungsorganisation noch in seinem Interaktionsverhalten und -erleben autistisch oder symbiotisch ist. Er ist vielmehr in allen Bereichen kompetent, aktiv und differenziert. Dieser Teil der Mahlerschen Theorie sollte deshalb aufgegeben werden.

Im vierten Kapitel stelle ich die Theorie des New Yorker Psychoanalytikers und Entwicklungspsychologen Daniel Stern vor. Sie wird meines Erachtens die Diskussion der nächsten zehn Jahre beherrschen, ähnlich wie Spitz und Mahler das in der Vergangenheit getan haben. Stern geht davon aus, daß die Entwicklung nicht von der Abhängigkeit zur Unabhängigkeit, von der Undifferenziertheit zur Differenzierung, von der Passivität zur Aktivität oder von Autismus/Symbiose zur Loslösung/Individuation führt, sondern daß Unabhängigkeit, Differenziertheit, Aktivität und Individuation von Geburt an in bemerkenswertem und bisher unterschätztem Umfang vorhanden sind. Der Säugling erlebt sich nicht als mit der Mutter verschmolzen, sondern als selbständig und gut abgegrenzt. Auf dieser Basis eines gut abgegrenzten Selbstempfindens sind Gemeinsamkeitserlebnisse mit dem anderen möglich und werden gesucht. Was die bisherigen Theorien Symbiose oder Verschmelzung nannten, wird neu konzipiert als Zustand, in dem das Subjekt mit dem Objekt etwas gemeinsam erlebt, nicht aber dabei mit ihm verschmilzt, sondern vermöge seiner perzeptuellen, kognitiven und affektiven Fähigkeiten das Gefühl eines abgegrenzten Selbst beibehält. Damit wird eine neue Theorie über das Verhältnis von Selbst und Objekt im ersten halben Jahr vorgeschlagen. Den Kapiteln drei und vier gemeinsam ist die Kritik der Vorstellung einer anfänglichen Undifferenziertheit von Selbst und Objekt.

Kapitel fünf und sechs verfolgen dieselbe Absicht im Hinblick auf die Affekte. Im fünften Kapitel beschreibe ich, daß die Affekte schon in den ersten Lebensmonaten äußerst differenziert sind. Fast alle in der Emotionsforschung als »basal« bekannten Affekte existieren bereits beim Säugling. Von undifferenzierten oder bloß in Lust–Unlust bzw. gut–böse differenzierten Gefühlszuständen des Säuglings kann keine Rede sein. Der Säugling fühlt ebenso differenziert und reichhaltig, wie er wahrnimmt und interagiert. Im sechsten Kapitel werden die Konsequenzen dieser Sichtweise für die psychoanalytische Theorie der Affektentwicklung skizziert.

Das siebte Kapitel ist ein Zwischenspiel, das über das bisher im Mittelpunkt stehende erste halbe Jahr hinausführt und neuere Ergebnisse zur Affektkommunikation zwischen Mutter und Kind im zweiten Lebenshalbjahr vorstellt.

Im achten Kapitel werden einige Annahmen der Psychoanalyse über kognitive Aktivitäten des Säuglings rekapituliert und im Licht der Piagetschen Theorie betrachtet. Seine Sichtweise macht deutlich, daß fundamentale psychoanalytische Begriffe zu diesem Thema wie Primärprozeß, halluzinatorische Wunscherfüllung und die Entwicklung der Symbolbildung/Phantasie einer Umformulierung bedürfen, um mit dem Wissen von Piaget und anderen vereinbart werden zu können. Dabei geht es nicht, wie man vielleicht befürchten könnte, darum, die Psychoanalyse mit einer modischen Terminologie aufzuputzen, sondern es wird sich ein aufregendes Resultat ergeben: Wichtige psychoanalytische Theorieteile (wie z.B. der Wiederholungszwang) können durch Einbeziehung dieser Forschungsergebnisse besser formuliert werden als bisher. Der Grundgedanke des achten Kapitels ist, daß Säuglinge nicht symbolisch denken und daß die Eigenart ihres präsymbolischen Denkens die psychoanalytische Theorie vor wichtige Anpassungsaufgaben stellt. Während in den ersten sieben Kapiteln dargestellt wird, daß der Säugling mehr kann, als ihm die psychoanalytische Theorie zutraut, wird in diesem Kapitel gezeigt, daß er in einer wichtigen Hinsicht weniger kann: Er kann nicht phantasieren! Das ist eine weitreichende Behauptung und entsprechend hat mich dieses Kapitel die meiste Anstrengung gekostet. Ich habe versucht, ihre Spuren, so gut es ging, aus dem Text zu tilgen. Es bleibt jedoch ein gelegentlich fast unmögliches Unterfangen, sich mit den Mitteln des symbolischen Denkens die Eigentümlichkeiten des präsymbolischen zu vergegenwärtigen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, meinen Ansatz verständlich darzustellen.

Im neunten Kapitel diskutiere ich den Beitrag der Psychoanalyse zur Säuglingsforschung. Ein zentraler Begriff der Psychoanalyse war schon immer der der Phantasie – der bewußten und der unbewußt gewordenen. Es ist zwar eher unwahrscheinlich, daß kleine Kinder bis 1 1/2 Jahre Phantasien haben (s. Kap. 8), aber ihre Eltern haben welche. Ich befasse mich deshalb mit den Auswirkungen elterlicher Phantasien auf elterliches Interaktionsverhalten und versuche eine »Korrelation« zwischen Phantasie und Verhalten nachzuweisen. Die beobachtbaren Verhaltensweisen der Eltern sind ein wesentliches Medium, in dem sie ihre bewußten und unbewußten Phantasien ausdrücken und kommunizieren, und durch dieses Medium werden sie vom Säugling auch verstanden. Das Rätsel, wie schon Säuglinge die unbewußten Phantasien ihrer Eltern »verstehen« und darauf reagieren, z.B. mit Symptomen, soll so einer Aufklärung nähergebracht werden. Ich votiere für eine verstärkte Berücksichtigung der Phantasiedimension der frühen Interaktion, die in den bisherigen nichtpsychoanalytischen Interaktionsstudien vernachlässigt wurde. In der Berücksichtigung dieser Dimension sehe ich einen wesentlichen Beitrag der Psychoanalyse zur Säuglingsforschung.

Im zehnten und abschließenden Kapitel behandle ich den Nutzen, den die Säuglingsforschung für die psychoanalytische Therapie Erwachsener haben kann.

Die Kapitel zwei, vier und fünf sind überwiegend experimentalpsychologisch bzw. naturalistisch. Sie fordern vom psychoanalytischen Leser eine gewisse Ausdauer und die Bereitschaft, sich auf ungewohnte Methoden und Denkweisen einzulassen. Die anderen sieben Kapitel sind überwiegend psychoanalytisch.

 

Insgesamt gelange ich zu einer etwas optimistischeren Anthropologie als Freud und mache manche kritische Bemerkung zum Stand der psychoanalytischen Theorie. Das sollte nicht zu Mißverständnissen Anlaß geben. Der Psychoanalyse gilt meine ganze wissenschaftliche Liebe. Deshalb ist der Text zugleich eine Liebeserklärung an sie, auch und gerade wo er kritisch ist. Es geht mir nicht darum, den vielen, mehr oder weniger verdienstvollen Widerlegungen der Psychoanalyse eine weitere hinzuzufügen, sondern es geht um eine Reformulierung zum Zwecke ihrer Verbesserung und Erhaltung.

Meine grundlegende Überzeugung ist, daß sich die Psychoanalyse in den aktuellen Diskurs der Wissenschaften einmischen und sich von ihm berühren lassen muß. Ein »disziplinärer« Autismus wäre ebenso falsch, wie der entwicklungspsychologische es ist, und würde die Psychoanalyse zu der Sekte machen, für die andere sie schon lange halten. Daß sie an den Universitäten und besonders den psychologischen Fakultäten oft nicht auf Gegenliebe stößt – woran sie selbst nicht ganz schuldlos ist –, sollte sie nicht entmutigen, sondern anspornen. Wohin das führen kann, zeigt die Säuglingsforschung. Ein guter Teil der international führenden Forscher auf diesem Feld sind Psychoanalytiker. Sie gestalten das Gespräch ebenso mit, wie sie von ihm beeinflußt werden. Von welcher anderen Disziplin innerhalb der Psychoanalyse kann man das heute noch behaupten?

1.Braucht die Psychoanalyse eine direktbeobachtende Entwicklungspsychologie?

Historisches

Seit einiger Zeit gibt es einen Trend in der Entwicklungspsychologie, der auch unter Psychoanalytikern zunehmend Beachtung findet: die direkte Säuglings- und Kleinkindbeobachtung. Für das Interesse der Psychoanalyse an diesem Gebiet gibt es gute Gründe. Einer davon ist, daß sich die Psychoanalyse schon immer für die Kindheit interessiert und ihr eine überragende Bedeutung zuerkannt hat. Psychoanalyse ist essentiell Entwicklungspsychologie, und es gibt kaum eine psychoanalytische Teiltheorie (Neurosenlehre, Theorie der Technik usw.), die nicht zumindest implizit entwicklungspsychologische Annahmen enthält. Die genetische Betrachtungsweise, die seelische Erscheinungen unter dem Blickwinkel ihres Gewordenseins und ihrer späteren Transformationen im Lebenslauf betrachtet (Abrams 1977), wurde zwar erst von Rapaport und Gill (1959) in den metapsychologischen Korpus der psychoanalytischen Theorie aufgenommen; dennoch ist klar, daß auch Freud den genetischen Gesichtspunkt als für die Psychoanalyse wesentlich und unverzichtbar ansah. Er war stolz darauf, daß die Psychoanalyse als erste Psychologie mit der alten Weisheit, daß das Kind der Vater des Mannes sei, Ernst gemacht hat (Freud 1913 b, S. 411f.).

Konsequenterweise verfügt die Psychoanalyse über eine reiche entwicklungspsychologische Tradition, auch und gerade was die direkte Beobachtung von Säuglingen und Kleinkindern angeht (Überblick bei Berna-Simons 1982; Tyson 1989). Diese war schon ziemlich früh, wenn auch nicht unumstritten, gewissermaßen das dritte Standbein der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie, neben der Kinderanalyse und den Rekonstruktionen aus Erwachsenenanalysen. Besondere Hervorhebung verdient Bernfelds große Monographie über die »Psychologie des Säuglings« (1925). Obwohl Bernfeld selbst keine kleinen Kinder beobachtet hat, hat er in einem wahrhaft enzyklopädischen Versuch das gesamte damalige Wissen über die Säuglings- und Kleinkindentwicklung gesammelt und mit psychoanalytischen Hypothesen zu diesem Thema verglichen. In diesem Sinne ist er der Urvater einer systematischen psychoanalytischen Beschäftigung mit dem Säugling. Ab Anfang der 40er Jahre haben dann – auch mit eigenen Untersuchungen – Margaret Fries, René Spitz, Margaret Mahler, Ernst Kris u.a. das Feld der Direktbeobachtung bearbeitet, und in Gestalt des viel zuwenig bekannten Peter Wolff (1959, 1966) verfügt die Psychoanalyse über einen großen Pionier der Beobachtung von Neugeborenen aus der Zeit, als der »Boom« begann (Anfang der 60er Jahre).

Auf den »Schultern dieser Riesen« können die heutigen psychoanalytischen Säuglingsforscher aufbauen. Ein Vermächtnis dieser Tradition besteht darin, daß die Trennung zwischen psychoanalytischer und akademischer Entwicklungspsychologie nicht ganz so groß und der Graben nicht ganz so tief ist wie auf anderen Gebieten, z.B. der Gedächtnis- oder der Wahrnehmungspsychologie. Dadurch ist ein Minimum an interdisziplinärer Dialogfähigkeit geschaffen und bewahrt worden, das sich in Zukunft als ein Pfund erweisen wird, mit dem die Psychoanalyse kräftig wuchern kann – wenn sie will, und sie sollte wollen (s.a. Leichtman 1990).

Eine neue Sicht des Säuglings

Trotz dieser beeindruckenden Tradition ist der Säugling in der psychoanalytischen Theorie bis in die jüngste Zeit hinein nicht gut genug verstanden worden. Überwiegend wurde von ihm das Bild eines passiven, undifferenzierten und seinen Trieben ausgelieferten Wesens gezeichnet, das in einem langen und dramatischen Kampf die Schrecken dieser Zeit der Hilflosigkeit und Abhängigkeit bewältigen muß. Obwohl diese Sichtweise ihre Berechtigung hat, ist sie einseitig und gibt einen Teil der Säuglingserfahrung als ihr Ganzes aus. Deshalb ist es angebracht, einen neuen Blick auf den Säugling zu werfen. Das Ergebnis dieses Perspektivenwechsels ist eine veränderte Sicht der ersten 1 1/2 Lebensjahre mit beträchtlichen Konsequenzen für die psychoanalytische Theorie. Der Säugling erscheint nun als aktiv, differenziert und beziehungsfähig, als Wesen mit Fähigkeiten und Gefühlen, die weit über das hinausgehen, was die Psychoanalyse bis vor kurzem für möglich und wichtig gehalten hat.

Als Kurzcharakterisierung für diese neue Sicht hat sich die Rede vom »kompetenten Säugling« (Stone et al. 1973) eingebürgert. In ihr kommt die Überzeugung zum Ausdruck, daß der Säugling nicht in einer »blooming buzzing confusion« (William James) lebt, sondern daß er, vermöge seiner noch zu schildernden Fähigkeiten, die Welt und sich selbst von Anfang an eher als geordnet denn als Chaos empfindet. Ab Anfang der 80er Jahre haben Psychoanalytiker mit einer systematischen Rezeption dieser Ergebnisse begonnen (Emde/Robinson 1979; Sander 1980; Dowling 1981; Lichtenberg 1981, 1982, 1983; Esman 1983).

Rekonstruktion versus Direktbeobachtung

Warum hat die psychoanalytische Theorie so lange am Bild des passiven, hilflosen und undifferenzierten Säuglings festgehalten? Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Eine Besonderheit der entwicklungspsychologischen Dimension vieler psychoanalytischer Begriffe ist es, daß sie vorwiegend auf rekonstruktivem Wege gewonnen wurden. Freud hat nach Begründung der Psychoanalyse keine kleinen Kinder mehr beobachtet, jedenfalls nicht systematisch, sondern eher zufällig.[*] Die prominenteste seiner Kinderbeobachtungen findet sich in »Jenseits des Lustprinzips« (Freud 1920 b), wo er das Garnrollenspiel seines eineinhalbjährigen Neffen Ernst schildert, mit dessen Hilfe dieser das Verlassenwerden durch die Mutter bewältigt. Dieser Neffe hat übrigens später selbst einige bedeutende Beiträge zur psychoanalytischen Säuglingsforschung geleistet (W. E. Freud 1967, 1971, 1975).

In erster Linie hat Freud jedoch erwachsene Patienten behandelt und in ihren und seinen eigenen Assoziationen, Träumen und Symptomen Spuren kindlicher Sexualwünsche entdeckt. Die Entdeckung der infantilen Sexualität war im wesentlichen ein Resultat seiner Selbstanalyse, auch wenn eingeräumt werden muß, daß die Sexualforschung seiner Zeit sich dieses Themas ebenfalls annahm und Freud, was die Entdeckung der infantilen Sexualität angeht, nicht ganz so einsam dastand, wie die psychoanalytische Geschichtsschreibung behauptet (Sulloway 1979).

Die Aufdeckung infantiler Wünsche durch die Analyse von Symptomen, Träumen und Assoziationen gerät indessen an eine Grenze, wenn man die ersten 1 1/2 Lebensjahre zum Gegenstand der Aufmerksamkeit macht. Diese präverbale und präsymbolische Zeit ist auf der Couch über den Prozeß der verbalen Assoziation und symbolischen Kommunikation nur beschränkt zugänglich.

»Ein nicht unbeträchtlicher Teil psychoanalytischer Theoreme bezieht sich auf einen Zeitraum, auf den die psychoanalytische Methode der freien Assoziation nicht angewendet werden kann, da es noch keine verbale Kommunikation gibt und Erinnerungen an die präverbale Zeit nicht auftauchen oder unzuverlässig sind« (Spitz 1950, S. 66f.; s.a. Hartmann, 1950, S. 109).[*]

Die relative Unzugänglichkeit der ersten 1 1/2 Lebensjahre gegenüber rekonstruktiven Bemühungen war ein Grund für die Einbeziehung von Direktbeobachtungsmethoden und ein Grund für Freud, seinen Schülern und Freunden dazu zu raten (Freud 1909 a, S. 13f.).

Trotz dieser Einbeziehung, besonders deutlich bei Spitz und Mahler, haben diese Theoretiker, so wertvoll ihre Beiträge waren, im wesentlichen die Sicht des passiven, undifferenzierten Säuglings beibehalten. Spitz (1955, 1965 a) spricht von einer Phase der Nicht-Differenziertheit des Säuglings und bezweifelt, daß der Säugling in den ersten drei Monaten zu bedeutsamen visuellen Sinneswahrnehmungen fähig ist. Er behauptet, die Distanzwahrnehmung beginne erst mit drei Monaten. Vor dieser Zeit sei der Säugling hauptsächlich mit der Wahrnehmung innerer Zustände beschäftigt. Das affektive Spektrum beschränke sich auf die Erfahrung von Unlust und Ruhe, später Unlust und Lust. Mahler (1974) und Mahler et al. (1975) bezeichnen das Neugeborene als autistisch, ab vier bis sechs Wochen als symbiotisch. Es könne innere von äußeren Reizen nicht unterscheiden, interessiere sich auch zunächst nicht für äußere, verfüge über keine getrennte Wahrnehmung von sich und seiner Mutter u.ä.m.

Die Analyse von Mahlers Theorie des ersten Lebenshalbjahres, die ich im dritten Kapitel vornehme, zeigt, daß solche Beschreibungen weniger aus genauer Beobachtung des Säuglings resultieren, sondern eher Schlußfolgerungen sind, die aus der psychoanalytischen Theorie, insbesondere der Metapsychologie, extrapoliert werden. Die Theorie der Reizschranke, der halluzinatorischen Wunscherfüllung, des Lust-Unlust-Prinzips und des primären Narzißmus etwa sind die Hauptinformationsquellen, die festlegen, wie die Wahrnehmungs- und Erlebniswelt des Säuglings diesen Theorien zufolge beschaffen sein muß. Thomä/Kächele (1985, S. 48) haben das als »theoretikomorphen Mythos« bezeichnet. Der Säugling ist so, wie die Theorie über ihn es vorschreibt. Mahler et al. (1975, S. 57) haben übrigens eingeräumt, die ersten fünf Monate weniger beobachtet als erschlossen zu haben.

Was Spitz angeht, so kann man zu seinen Gunsten geltend machen, daß zu seiner Zeit das differenzierte Beobachtungsinstrumentarium unserer Tage noch nicht zur Verfügung stand und sein Hauptwerk (1965 a) publiziert wurde, als die Säuglingsforschung gerade begann. Auch bei ihm ist aber eine Neigung unverkennbar, der Theorie widersprechende Beobachtungsdaten mit Hilfe metapsychologischer oder semantischer Bemühungen zu neutralisieren, wie seine Diskussion der Untersuchungen von Fantz über die visuelle Wahrnehmung von Neugeborenen, die damals (1961) revolutionär waren, zeigt (s. Spitz 1965 a, S. 75ff.).

Zusammenfassend kann man festhalten, daß die Schwerzugänglichkeit der Säuglingserfahrung auf rekonstruktivem Weg, die Voreingenommenheit durch metapsychologische Konstrukte und die unzureichenden Beobachtungsmethoden wesentliche Gründe für das Festhalten am traditionellen Bild des Säuglings waren.

Fußnoten

[*]

In seiner Zeit als Kinderneurologe am Kassowitz-Institut (ca. 1866–1889) hat er allerdings viele Kinder gesehen und war ein hervorragender Beobachter, wovon seine verschiedenen Publikationen über die kindlichen Lähmungserscheinungen Zeugnis ablegen (Jones 1953, S. 253ff.; Novick 1989)

[*]

Die Übersetzung aller englischsprachigen Zitate stammt von mir.

Probleme einer rekonstruktiven Entwicklungspsychologie

Die schon angedeutete Besonderheit eines Teils psychoanalytisch-entwicklungspsychologischer Aussagen – ihre rekonstruktive, vom Erwachsenenalter auf die Kindheit schlußfolgernde Vorgehensweise – verdient besondere Beachtung. Eine ihrer großen Chancen ist, daß so die Entwicklungspsychologie für die klinische Arbeit mit Erwachsenen fruchtbar gemacht werden kann. Sie birgt aber auch Gefahren. Peterfreund (1978) hat mit Nachdruck auf einige aufmerksam gemacht.

Neben dem schon erwähnten theoretikomorphen Mythos nennt er als zentrale Probleme der rekonstruktiven Methode den Adultomorphismus und den Pathomorphismus.

Adultomorphismus meint, daß der Säugling in Kategorien des Erwachsenen beschrieben wird. So etwa, wenn gesagt wird, er habe eine undifferenzierte Wahrnehmung. Die hat er vielleicht im Vergleich zum Erwachsenen, aber es darf bezweifelt werden, ob man der Realität der Säuglingswahrnehmung gerecht wird, wenn man sie an Erwachsenenmaßstäben mißt. Genauere Untersuchungen haben neuerdings eine erstaunliche Präzision der Wahrnehmungsfähigkeit des Säuglings nachgewiesen (s. Kap. 2). Der adultomorphe Mythos birgt weiter die Gefahr, die Phantasien älterer Kinder oder die von Erwachsenen zurückzuprojizieren und zu behaupten, so oder so ähnlich seien die Phantasien kleiner und kleinster Kinder. Die Vorstellung einer infantilen Omnipotenz und einer halluzinatorischen Wunscherfüllung bei Säuglingen ist ein typisches Produkt des Adultomorphismus (s. Kap. 8).

Theoretikomorpher und adultomorpher Mythos gehen oft Hand in Hand mit einem dritten, dem pathomorphen Mythos. Der normale Säugling wird dabei in Begriffen aus der Erwachsenenpathologie beschrieben, etwa wenn man die erste normale Entwicklungsphase des Säuglings autistisch nennt. Als Vorbild dient hier der erwachsene Autist. Er schließt sich von seiner Reizumwelt ab. Beim Neugeborenen soll es wegen der Reizschranke genauso sein. Also spricht man von einer Phase des normalen Autismus. Mit gleichem Recht könnte man folgende Behauptung aufstellen: Die Motorik des Erwachsenen mit einer cerebralen Paralyse ist unsicher. Die Motorik des Säuglings in einer bestimmten Entwicklungsphase auch. Deshalb bezeichnen wir diese Phase als die »normal cerebralparalytische Entwicklungsphase« des Kleinkindes (Mi. Klein 1981, S. 73). Diese nur wenig übertriebene Analogie macht deutlich, wie beliebig und unergiebig ein solches Verfahren ist.

Psychoanalyse und Direktbeobachtung: vereinbar oder nicht?

Empathie

Aus psychoanalytischer Sicht hat auch die Methode der direkten Beobachtung ihre Probleme. Es ist verschiedentlich geltend gemacht worden (z.B. von Kohut 1971, S. 251), daß die dabei verwendeten Verfahrensweisen mit denen der Psychoanalyse inkompatibel seien. Die Psychoanalyse kommt zu ihren Daten und Schlußfolgerungen auf dem Wege der Introspektion und Empathie. Mit ihrer Hilfe versetzt sich der Analytiker in den Patienten und versucht, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Die Direktbeobachtung betrachtet das Subjekt »von außen«, nicht von innen, und deshalb kann sie zwar Verhalten dingfest machen, nicht aber die Gefühlsqualität erfassen, die dieses Verhalten begleitet oder ihm zugrunde liegt. Ähnlich ist es eine Sache, die aktuelle Interaktion von Mutter und Kind zu beobachten, aber eine andere, zu verstehen, wie das Kind die mütterliche Pflegehandlungen erlebt.

Ich denke, daß mit diesem Argument zweifellos vorhandene Unterschiede beider Verfahrensweisen übertrieben werden. Kohut übersieht, daß auch Direktbeobachtung durchaus empathisch verfahren kann. »Die empathische Beobachtungsweise ist in der Behandlung ebenso anwendbar wie in formaleren Forschungssettings …« (Cohler 1980, S. 83; ähnlich Stechler 1983, S. 44f.). Bestimmte Experimente und Beobachtungen wären gar nicht möglich, wenn nicht auch die Direktbeobachter äußerst sensibel auf den Zustand des Kleinkindes eingestimmt wären. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Methoden ist also nicht der, daß im einen Fall Empathie mobilisiert wird und im anderen nicht, sondern er liegt eher darin, daß der Analytiker teilnehmender Beobachter ist, d.h. die Übertragung empathisch begleitet und aktiv interveniert, während der Direktbeobachter sich des zweiten Schrittes in der Regel enthält (s. Loewald 1984, S. 169f.).

Verhalten und Erleben

Es ist allerdings ein Unterschied, ob man die aktuelle Interaktion von Mutter und Kind beobachtet und beschreibt oder ob man eine Aussage darüber machen möchte, wie das Kind diese Interaktion erlebt. In anderen Worten: Verhalten und Erleben sind zweierlei. Verhalten ist oft trügerisch und das Erleben vielleicht ein ganz anderes (Stork 1986, S. 49). Die Verschiedenheit von Verhalten und Erleben ist klinisch gut begründbar. Um nur ein Beispiel zu geben: Intrapsychisch hohe Aggressionsspannung kann mit bemerkenswert unaggressivem Verhalten einhergehen. Ich denke, daß dies beim Erwachsenen und auch beim älteren Kind in der Tat der Fall sein kann,[*] nicht aber beim Säugling oder Kleinkind! Bei ihm sind Körper und Psyche noch so eng verbunden, daß die Empfindungen und das Erleben sich direkt im Verhalten ausdrücken. Der Affektausdruck ist noch nicht sozialisiert, Gefühle können noch nicht verborgen oder verdrängt werden, und deshalb sind Gefühlsausdrücke, Körpermotorik und andere Verhaltensmanifestationen die besten und zuverlässigsten Auskunftgeber für das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein bestimmter Gefühle. Diese Auffassung kann bestärkt werden durch Verweis auf die direktbeobachtende Säuglingsaffektforschung, der es gelungen ist, einiges Licht in das Dunkel des frühesten kindlichen Gefühlslebens zu bringen (s. Kap. 5).

Normalität und Pathologie

Ein dritter Unterschied beider Disziplinen scheint substantieller zu sein als die beiden bisher genannten. Er besteht darin, daß sich die Psychoanalyse mit Pathologie, die Säuglingsforschung mit Normalität beschäftigt. Die Psychoanalyse vertritt die Auffassung, daß Pathologie und Normalität nur gradweise voneinander unterschieden sind und daß die Pathologie oft nur eine besondere Ausprägung allgemeiner und normaler Eigenschaften ist. Verdrängung, Fixierung und Regression sind allgemein menschliche Phänomene, und bestimmte quantitative Faktoren entscheiden, ob ihr Gebrauch zu Symptomen führt oder nicht. Gerade die übertriebene Ausprägung dieser Vorgänge beim Prozeß der Symptombildung macht sie dort besonders deutlich sichtbar, während sie im Normalfall eher unauffällig und damit unzugänglicher sind.

Die Säuglingsforschung hingegen macht die Normalität, z.B. die normale Interaktion von Mutter und Kind, zu einem ihrer Hauptuntersuchungsgegenstände und behauptet erstens, daß das Studium der Pathologie oft keine gute Auskunft über den Normalfall gibt, sondern eher zu pathomorphen Verzerrungen unserer Vorstellung von Normalität führt.[*] Sie behauptet zweitens, daß man in Umkehrung der psychoanalytischen Vorgehensweise aus der Normalität viel für die Pathologie lernen kann (Bruner/Sherwood 1983, S. 40; Stern 1983, S. 81). Das genaue Studium der normalen Interaktion gibt Hinweise auf Kräfte und Fähigkeiten, die am Werk sind, um einen guten Ausgang zu produzieren; das Fehlen einiger davon könnte verantwortlich sein für einen weniger guten Ausgang, und so schärft eine gute Kenntnis der Normalitätsfaktoren den Blick für eventuelle Mängel oder das Fehlen dieser Faktoren in Fällen mit schlechtem Ausgang.

Ich denke, daß beide Auffassungen begründet werden können und beide bestimmte Vor- und Nachteile haben (Greenspan/Porges 1984). Diese können am ehesten vermieden werden, wenn beide Vorgehensweisen miteinander kombiniert und sowohl die pathologische als auch die normale Entwicklung studiert werden. Unter wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten handelt es sich bei der bevorzugten Wahl eines Ansatzes um eine Entscheidung, die »vor aller empirischen Arbeit getroffen wird und letztlich nur im Hinblick auf die Fruchtbarkeit der Ergebnisse legitimiert werden kann« (Garz 1989, S. 11). Da beide Verfahrensweisen fruchtbar sind, sollten beide Berücksichtigung finden.

Anpassung und Konflikt

Ähnliches gilt für einen vierten und letzten Unterschied beider Disziplinen. Während die Psychoanalyse sich auf den Konflikt und seine möglichen pathogenen Konsequenzen konzentriert, betrachten die Säuglingsforscher vor allem die adaptiven Potentiale des Subjekts, die wechselseitige Regulierung der Interaktion, ihr Zusammenpassen, fast könnte man sagen, ihre Harmonie. Sie studieren die integrativen Prozesse, die Psychoanalyse die disruptiven. Diese Bemerkung bedarf einer Einschränkung. Disruptiv ist ja nur der pathogene Konflikt. Es gibt aber auch Konflikte ohne pathogenen Ausgang, und diese Konflikte und ihre Lösungen sind es, die in der psychoanalytischen Theorie den Stoff für die normale Entwicklung abgeben (Brenner 1972, Kap. 9). Dennoch bleibt wahr, daß Wachstum und Entwicklung in der Psychoanalyse unter dem Gesichtspunkt des Gegeneinanders, des Zusammenstoßes von Kräften betrachtet werden. In der Säuglingsforschung wird mehr betont, daß Wachstum und Entwicklung aus einem Zusammenspiel von Kräften resultieren.

Auch in diesem Punkt bin ich, ähnlich wie im vorigen Abschnitt, der Meinung, daß sich die unterschiedlichen Betrachtungsweisen eher ergänzen als einander ausschließen. Beide akzentuieren unterschiedliche Aspekte des Entwicklungsprozesses, aber deren Verwandtschaft wird deutlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß auch die Psychoanalyse – etwa im Begriff der synthetischen Funktion des Ich (Nunberg 1930) oder der Psyche (Glover 1943) – die Existenz und Notwendigkeit integrativer Prozesse von Lebensanfang an betont. Integration und Adaption einerseits, Pathologie und Konflikt andererseits sind zwei Seiten derselben Medaille, und man kann die Pathogenese sowohl unter dem Gesichtspunkt gegensätzlicher Kräfte (klassische Psychoanalyse) als auch unter dem eines Mangels an integrativen Kräften (Selbstpsychologie, Säuglingsforschung) betrachten (s.a. Sander 1983 a,b).

Fußnoten

[*]

Wenn auch in geringerem Umfang, als gemeinhin angenommen wird. Weitere Ausführungen dazu in Kap. 6 und 9.

[*]

Stichwort: »Psychotischer Kern« des Menschen.

Das rekonstruierte und das reale Kind

Die Bemühungen um Integration oder zumindest wechselseitige Befruchtung beider Disziplinen sind unter Psychoanalytikern nicht überall auf Zustimmung gestoßen. Es ist geltend gemacht worden, daß die psychoanalytische Entwicklungspsychologie nicht darstellt, wie die Kindheitsentwicklung tatsächlich verläuft, sondern nur die Berichte und Erzählungen von Patienten über ihre Kindheit wiedergibt. Nicht wie es damals wirklich gewesen ist, sondern wie das damals Gewesene dem Patienten heute erscheint – mit allen Erinnerungstäuschungen, Verzerrungen und Lücken – ist der eigentliche Gegenstand der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie, die also eine »transformierte Entwicklungspsychologie« ist (Herzog 1986, S. 381). Als solche ist sie eine Sammlung subjektiv wahrer Geschichten, und eine Überprüfung oder Objektivierung ihres Wahrheitsgehalts ist entbehrlich.

Psychoanalytische Entwicklungspsychologie ist, so könnte man pointiert sagen, keine Theorie, die entwicklungspsychologisch richtige Aussagen anstrebt, sondern eine Mythologie oder, wie ein Vertreter dieser Richtung es ausdrückt, eine »Theorie der Kindheit als konstruierter Mythen« (Tress 1985, S. 407). Das reale und das rekonstruierte Kind fallen damit vollständig auseinander. Einzig mit dem rekonstruierten Kind soll es die Psychoanalyse zu tun haben. Sie kann dann keinesfalls »aufgrund ihrer Erfahrungen aus Behandlungen Erwachsener den rechtmäßigen Anspruch erheben, sie habe überprüfbare Befunde zur kindlichen Entwicklung vorzuweisen« (Tress 1987, S. 144). Das will sie auch gar nicht, und das ist auch kein Nachteil, sondern ein Vorteil, denn dadurch werden die Berichte der Patienten über ihre Kindheitserlebnisse in ihrer psychischen Realität erst richtig ernst genommen und nicht mit einer möglicherweise davon abweichenden tatsächlichen Realität äußerlich verglichen oder konfrontiert. Eine solche Konfrontation ist entbehrlich, weil die Wahrheit einer Rekonstruktion nicht in ihrer Übereinstimmung mit vergangenen, vielleicht gar nicht mehr erinnerbaren oder sonstwie zugänglichen Tatsachen besteht, sondern darin, daß sie zu klinischer Besserung führt.

Deutung und Rekonstruktion[*] sind wahr, wenn sie therapeutisch effektiv sind, und mehr sollte von ihnen nicht verlangt werden. Gelegentlich wird hinzugefügt, daß auch noch andere Kriterien relevant sind, z.B. Konsistenz, Kohärenz und Ästhetik einer Deutung, und zur Abwehr des Suggestionsvorwurfs wird auf die intersubjektive (konsensuelle) Validierungsmöglichkeit von Deutungen verwiesen (Loch 1976; Spence 1982; Schafer 1983, Kap. 11–15). Aber zentral bleibt die Auffassung, daß es keine relevante Hinsicht geben kann, in der eine Deutung falsch ist, wenn sie, vom Patienten angeeignet, diesem ein kreatives und symptomfreies Leben ermöglicht (Tress 1985, S. 392). Ja, man kann sogar sagen, daß die Deutung erst den Sinn und die Realität schafft, auf die sie sich dann bezieht (Loch/Jappe 1974).

Deutung und Rekonstruktion/Konstruktion stellen eine Verbindung von gegenwärtigen Assoziationen und Symptomen mit Erlebnissen oder Ereignissen der Vergangenheit her, die subjektiv sinnvoll ist, ohne daß damit der Anspruch erhoben würde, einen kausal wirksamen Zusammenhang zwischen beiden gefunden zu haben. Retrospektiv sind alle möglichen Zusammenhänge sinnvoll, ohne daß der hergestellte Zusammenhang einen damals vorhandenen kausalen oder realen Zusammenhang der jetzt miteinander verknüpften Elemente abbilden muß. Ein imaginärer Direktbeobachter der Vergangenheit würde eventuell zu ganz anderen Ergebnissen hinsichtlich der krankheitsrelevanten Ursachen gelangen als der Rekonstrukteur. »Indem wir unsere Übertragungsdeutungen formulieren, konstruieren wir die genetische Geschichte, aber wir rekonstruieren nicht die Entwicklungsgeschichte im engeren Sinn« (Loch 1976, S. 886). Deshalb ist es für diese Konzeption »von nachgeordneter Bedeutung« ob der »entwicklungspsychologische Entwurf der Psychoanalyse von der empirischen Entwicklungspsychologie bestätigt wird oder nicht …« (Tress 1986 b, S. 126). Die Empfehlung, psychoanalytische Konzepte sollten »nicht gegen unser sonstiges Wissen vom Menschen und der Welt verstoßen« und die Psychoanalyse sei deshalb »gehalten, sich mit den übrigen Disziplinen abzustimmen« (Tress 1987, S. 145), ist begrüßenswert, aber aus der Logik dieser Argumentation meines Erachtens nicht mehr recht begründbar.

Die geschilderte Auffassung, von der es viele Nuancen gibt, hat durchaus ihre Stärken und ich bin beeindruckt von der intellektuellen Brillanz ihrer Vertreter. Sie hat aber auch Schwächen.1 Eine ihrer entscheidendsten ist die, daß die psychoanalytische Entwicklungspsychologie damit vollständig »klinifiziert« wird. Ihre Aussagen werden nur noch an ihrer klinischen Nützlichkeit gemessen, nicht aber an ihrer inhaltlichen Richtigkeit, wobei unterstellt, aber nicht bewiesen wird, daß Nützlichkeit und entwicklungspsychologische Richtigkeit vollständig auseinanderfallen können. Dies bedeutet, daß die psychoanalytische Entwicklungspsychologie auf die Geltendmachung eines entwicklungspsychologischen Wahrheitsanspruchs verzichtet, daß sie also keine entwicklungspsychologisch richtigen Aussagen mehr machen will, sondern nur noch klinisch nützliche. Die Konsequenz ist, daß die Psychoanalyse konkurrierende entwicklungspsychologische Theorien gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen muß und daß auch über die diversen, miteinander konkurrierenden psychoanalytischen Entwicklungspsychologien nicht mehr entschieden werden kann. Sofern sie alle therapeutisch effektiv sind, sind sie alle wahr.

Ich kann mich dieser partiellen Selbstkastration der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie nicht anschließen. Sie hätte beträchtliche – wie ich glaube fatale – wissenschaftspolitische Konsequenzen, weil sie die Psychoanalyse von den Nachbardisziplinen weiter isolieren würde, statt den dringend notwendigen Dialog mit ihnen zu fördern. Fast habe ich den Verdacht, solche Auffassungen gedeihen hauptsächlich in den Köpfen von männlichen Erwachsenenanalytikern, die aus vielfältigen Gründen den Kontakt mit dem realen Kind scheuen und sich statt dessen lieber mit dem rekonstruierten Kind beschäftigen (A. Freud 1970, S. 2560; Wallerstein 1976, S. 204f.).

Würde man tatsächlich die Reichweite der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie auf rekonstruktiv gewonnene Aussagen einschränken, so wüßte man beschämend wenig über die frühe Kindheit, weil auf der Couch über den Prozeß der verbalen Assoziation die präverbale Zeit nur sehr eingeschränkt zugänglich ist. Aus der Analyse erwachsener Patienten könnte man nicht einmal so einfache, aber auch für die Psychoanalyse wichtige Fragen beantworten wie die, ob und was der Säugling sieht, riecht, hört, schmeckt, fühlt und empfindet, sondern nur schildern, was Patienten glauben, was sie als Säuglinge gesehen, gefühlt und erlebt haben. Auch das ist sicher wichtig, aber als alleinige oder Hauptinformationsquelle unzureichend. Auch Freud (1909 b, S. 293) war der Auffassung, es sei nicht der ideale Zustand, wenn die psychoanalytische Kinderforschung sich von den bei Erwachsenen gewonnenen Erfahrungen beherrschen lasse. Das nur rekonstruierte Kind wäre ein

»mythisches Kind, das wir in jeder Sitzung unbekümmert um die lebensgeschichtliche Spur, die es geprägt hat, erschaffen – also eine Illusion eines Kindes, das, je nachdem, wie der Wind des Zufalls in der Kur weht, durch eine andere Illusion ersetzt werden kann« (Cramer 1984, S. 175).

Im Grunde wird ein Plädoyer für eine rein rekonstruktiv verfahrende psychoanalytische Entwicklungspsychologie auch deren Realität nicht gerecht. Keine ihrer großen Vertreter (Spitz, Mahler, Bowlby, Anna Freud, Winnicott, Klein) verfährt rein rekonstruktiv, sondern alle benützen, wenn auch in unterschiedlichem Maße, direkte Beobachtung an kleinen Kindern; und alle – auch die Kleinianer (z.B. Segal 1982, S. 206) – erheben mit ihren Formulierungen implizit oder explizit den Anspruch, zutreffende Aussagen über die tatsächliche kindliche Erlebniswelt und Entwicklung zu machen und nicht nur Berichte von Erwachsenen über ihre Kindheit – wenn auch in theoretisch abstrahierter Form – nachzuerzählen.

Es mag sein, daß es sich bei diesen Nacherzählungen um kreative Mythen oder Fiktionen über die Ursprünge menschlichen Lebens und Leidens handelt; daß auch der Mythos Wahrheiten birgt, soll gar nicht bestritten werden. Aber niemals sollte ausschließlich auf solche Mythen eine Theorie der kindlichen Entwicklung aufgebaut werden (s. Rubinfine 1981, S. 394). Eine solche Theorie ist indessen unerläßlich für die Psychoanalyse als Wissenschaft, auch wenn sie vielleicht entbehrlich ist für die Psychoanalyse als Behandlungsmethode.[*] Als Wissenschaft und psychologische Theorie jedoch sollte sie sich keinesfalls auf das beschränken, was durch Verwendung der psychoanalytischen Methode zugänglich ist (s. Hartmann 1950; Eagle 1984 a, Kap. 14). Kernberg widerspricht mit Recht der unter Psychoanalytikern weitverbreiteten »Neigung, Einwände gegen Beobachtungen geltend zu machen, die aus anderen als dem traditionellen psychoanalytischen Setting stammen«. Er bekräftigt, »daß Säuglingsbeobachtungen Daten liefern, die genauso akzeptabel sind wie jene, die von der Couch stammen« (zit. nach Lester 1982, S. 210f.). Stoller (1985, S. 7) geht sogar noch einen Schritt weiter:

»Obwohl die Analyse der Übertragung eine feine Datenquelle dafür ist, wie der Patient die Kindheit erlebte, sollte man das nicht mit dem verwechseln, was tatsächlich passierte. Um letzterem näherzukommen, müssen wir auch herausfinden, was die Eltern getan und gefühlt haben. Für mich ist die genaue und kontrollierte Beobachtung von Kindern ein großer Fortschritt, der die Psychoanalyse in Richtung auf die Wissenschaft, die sie zu sein beansprucht, voranbringen kann.«2

Fußnoten

[*]

Diese Begriffe sind zwar nicht deckungsgleich (s. Freud 1937 b, S. 398), aber eine genauere Differenzierung ist hier entbehrlich.

[*]

In Kap. 10 werde ich zeigen, daß auch die klinische Psychoanalyse von einer Einbeziehung der Ergebnisse der Säuglingsforschung profitieren kann.

Resümee

Aus den verschiedenen genannten Gründen ist eine Einbeziehung der Ergebnisse der direktbeobachtenden Säuglingsforschung in den Korpus der psychoanalytischen Theorie trotz der zum Teil unterschiedlichen Methodologien beider Disziplinen möglich und wünschenswert. Sie ist sogar unerläßlich für eine psychoanalytisch inspirierte Entwicklungspsychologie der frühen Lebensjahre, die den Anspruch aufrechterhält, zutreffende Aussagen über die tatsächliche Kindheitsentwicklung zu formulieren. Damit befinde ich mich in guter Übereinstimmung mit Freud, der nie, oder nur selten, Zweifel am Wert von Beobachtungsdaten gehabt hat (s. auch Kris 1950, S. 73f.). Zum Abschluß zwei entsprechende Zitate:

»Verstünden es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der Kinder zu lernen, so hätten diese drei Abhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben können« (Freud 1920 a, S. 46).

Und:

»Die Kindsheitsbeobachtung hat den Nachteil, daß sie leicht mißzuverstehende Objekte bearbeitet, die Psychoanalyse wird dadurch erschwert, daß sie zu ihren Objekten wie zu ihren Schlüssen nur auf großen Umwegen gelangen kann; in ihrem Zusammenwirken erzielen aber beide Methoden einen genügenden Grad von Sicherheit der Erkenntnis« (Freud 1905, S. 106).

2.Der kompetente Säugling

Untersuchungsmethoden

Ausgangspunkt der bisherigen Überlegungen war die Tatsache, daß die präverbale Zeit über Analysen auf der Couch nur sehr beschränkt zugänglich ist, und weiter, daß man kleine Kinder nicht fragen kann, was sie sehen, hören, schmecken und fühlen. Die Säuglingsforscher haben in den letzten 20 Jahren eine Reihe faszinierender Experimente entwickelt, um das Rätsel der frühen Kindheit zu lösen. Sie haben Säuglinge mit Hilfe von Experimenten »gefragt«, und ihr beobachtetes Verhalten als »Antwort« auf die im Experiment gestellte Frage verstanden. Einige dieser experimentellen Anordnungen möchte ich nun darstellen.[*]

Das Präferenzparadigma

Man kann einen drei Monate alten Säugling nicht fragen, ob er einen Unterschied zwischen zwei Gesichtern sieht. Aber man kann folgendes Experiment machen: Man zeigt ihm nebeneinander zwei verschiedene Gesichter und mißt die Zeitdauer der visuellen Fixierung. Dabei stellt sich heraus, daß der Säugling eines der beiden Gesichter länger anblickt als das andere. Er zeigt eine visuelle Präferenz für eines der beiden Gesichter, beispielsweise für das seiner Mutter. Daraus kann man schließen, daß er einen Unterschied zwischen beiden Gesichtern wahrnimmt, denn sonst müßte die Fixierungsdauer für beide Gesichter ungefähr gleich sein. Die Antwort des Säuglings – abgelesen an seinem visuellen Verhalten – lautet also: Ja, ich sehe einen Unterschied!

Dieser Typus von Experiment hat weite Verbreitung gefunden. Man nennt ihn das Präferenzparadigma. Im obigen Beispiel wurde eine spezifische Variante dieses Paradigmas geschildert, das sogenannte paarweise Präferenzparadigma. In ihm werden zwei Reize gleichzeitig präsentiert, und der Säugling kann dann wählen. Ein Beispiel für ein einfaches Präferenzparadigma ist folgendes: Man präsentiert einen Reiz und mißt die Fixierungsdauer. Nach einer angemessenen Pause präsentiert man einen zweiten Reiz und mißt ebenfalls die Fixierungsdauer. Signifikant unterschiedliche Fixierungszeiten sind Indikatoren für unterschiedliche Präferenzen und zeigen eine differenzierte Wahrnehmungsaktivität und Wahrnehmungsfähigkeit an. Dabei sollte sich der Säugling bei beiden Durchgängen in etwa dem gleichen Zustand von Wachheit, Aufmerksamkeit und Sättigung befinden. Mit Hilfe solcher und ähnlicher Experimente hat man eine ganze Menge über die Sehfähigkeit von Säuglingen herausgefunden.

Das Präferenzparadigma ist nicht ohne Probleme. Unterschiedliche Fixierungszeiten sollen ein Maß der Präferenzbekundung sein. In den verschiedenen Studien werden aber oft verschiedene Maße für die Fixierungsdauer gewählt. Die eine Studie wertet die Länge des ersten Blicks, die andere die Zahl der in einem bestimmten Zeitraum erfolgten Fixierungen. Dadurch kommt es gelegentlich zu widersprüchlichen Befunden (Sherrod 1981). Etwas Ähnliches gilt für Hörpräferenzen. Verschiedene »respondente Maße« sind im Gebrauch: die differentielle Veränderung evozierter Potentiale je nach Ton, die verschieden ausgeprägten Orientierungsreaktionen, wie Kopf- oder Augenwende nach der Schallquelle usw. Jede Methode hat ihre eigenen Vor- und Nachteile (Diskussion bei Aslin et al. 1983), und es muß immer darauf geachtet werden, daß die Ergebnisse hinsichtlich der verwendeten Antwortmaße vergleichbar sind.

Ein zweites Problem ist grundsätzlicher: Die Bekundung einer Präferenz besagt noch nicht viel darüber, wie der Säugling den wahrgenommenen Unterschied erlebt und was er ihm bedeutet. Damit zusammen hängt ein drittes Problem: Wenn der Säugling im Experiment keine Präferenz bekundet, geht man davon aus, daß er keinen Unterschied bemerkt. Aber diese Schlußfolgerung ist problematisch, denn es könnte ja sein, daß er zwar einen Unterschied wahrnimmt, ihm aber keine Bedeutung zumißt. Hierzu eine Analogie: Ein Erwachsener geht durch den Wald und bemerkt sehr wohl den Unterschied zwischen den verschiedenen Bäumen, schaut aber keinen Baum länger an als einen anderen, weil er daran z.B. gar nicht interessiert ist oder aber ganz andere Sorgen hat. Aus der Nichtbekundung einer Präferenz läßt sich nicht mit Sicherheit schließen, daß kein Unterschied wahrgenommen wird, und in der Tat kann man auch experimentell demonstrieren, daß Säuglinge Unterschiede bemerken, ohne notwendigerweise eine Präferenz zu bekunden (Bower 1977, S. 10f.; Kagan 1984 a, S. 37ff.). Das ist jedoch kein gravierender Mangel, weil dadurch die Wahrnehmungsfähigkeit des Säuglings nur unterschätzt, nicht überschätzt werden kann. Man kann deshalb sagen, daß sie mindestens so gut ist, wie in Präferenzexperimenten festgestellt, möglicherweise aber noch besser.

Das Habituierungsparadigma

Die Schwächen des Präferenzparadigmas können durch Verwendung anderer Methoden kompensiert werden, z.B. durch das Habituierungsparadigma. Dem Säugling wird ein Reiz gezeigt, und nach einer gewissen Zeit erlahmt die Aufmerksamkeit. Der Säugling »habituiert«. Daraufhin führt man einen neuen Reiz ein, und siehe da, die Aufmerksamkeit kehrt zurück, er »dishabituiert«. Dieses Ergebnis zeigt zum einen, daß die Habituierung kein physiologischer Prozeß und nicht auf die Ermüdung von Sinnesrezeptoren zurückzuführen ist, sonst wäre die frische Aufmerksamkeit beim zweiten Reiz nicht erklärlich. Zum zweiten zeigt es, daß der Säugling einen Unterschied zwischen beiden Reizen bemerkt, denn sonst würde er bei Einführung des zweites Reizes nicht dishabituieren.

Als Maß für die Habituierung kann die Dauer der visuellen Fixierung oder die differentielle Saugaktivität benutzt werden. Man läßt einen Säugling beispielsweise an einem Schnuller saugen. Das Saugen löst die Vorführung eines Films aus. Nach einer bestimmten Zeit nimmt die Saugaktivität ab, und der Säugling beginnt, sich zu langweilen. Koppelt man nun den Schnuller mit einem neuen Film, so nimmt die Saugaktivität wieder zu. Dadurch zeigt der Säugling, daß er den Unterschied zwischen beiden Filmen bemerkt. Ähnlich kann man bei auditiven Reizen verfahren.1

Auch das Habituierungsparadigma und seine verschiedenen Varianten sind nicht ohne Probleme (Hay 1986, mit weiterer Literatur), aber im großen und ganzen kann man damit bzw. mit einer Kombination von Habituierungs- und Präferenzparadigma zuverlässige Ergebnisse über die Wahrnehmungsfähigkeiten des Säuglings erzielen.

Überraschungsparadigma und Familiarisierungs-Neuheits-Methode

Zwei andere Paradigmen werden noch häufig verwendet. Beim Überraschungsparadigma will man wissen, ob der Säugling feststehende Erwartungen hat und Abweichungen davon bemerkt. Hierzu konfrontiert man ihn mit einem »unmöglichen« Ereignis. Man zeigt etwa das Gesicht einer Frau, die spricht (hinter einer schalldichten Glasscheibe), spielt aber den Ton ihrer Stimme so ein, daß er nicht aus dem Mund, sondern von der Seite kommt. Schon im ersten Monat sind Säuglinge darüber erstaunt, und daraus kann man schließen, daß sie erwarten, daß beides, Mund und Ton, zusammengehört. Ob diese Erwartung angeboren oder im Laufe des ersten Lebensmonats gelernt wird, ist strittig. Die Reaktion des Erstaunens kann an verschiedenen Äußerungen des Kindes abgelesen werden. Am häufigsten sind Änderungen des Gesichtsausdrucks, Unruhe, Erregtheit und Pulsfrequenzänderungen. Das eben geschilderte Experiment, das Unruhe auslöst, macht deutlich, daß die Wahrnehmung eines Unterschiedes durchaus psychische Bedeutung haben kann. Die Affektlage ist nämlich eindeutig negativ.

Ähnlich verhält es sich bei der interaktionellen Variante des Überraschungsparadigmas, der sogenannten »still-face-procedure«. Dabei wird die Mutter angewiesen, ihr natürliches Interaktionsverhalten zu verändern und ohne Veränderung der Gesichtsmimik auf die Annäherungsgesten ihres Säuglings zu reagieren. Schon drei Monate alte Säuglinge sind darüber erstaunt, bemerken also, daß sich die Mutter nicht benimmt wie sonst, und unternehmen nachdrückliche, von starken affektmotorischen Äußerungen begleitete Versuche, die Mutter umzustimmen (Tronick et al. 1979; Cohn/Tronick 1983; Lamb et al. 1987).

Beim Familiarisierungs-Neuheits-Paradigma werden zwei gleiche Reize paarweise präsentiert, beispielsweise zwei rote Kugeln. Nach Erlahmen der Aufmerksamkeit wird eine Kugel gegen eine neue Figur, z.B. einen gleichgroßen roten Würfel, ausgetauscht. Kehrt die Aufmerksamkeit zurück und wird der Würfel mehr angesehen als die Kugel, so ist das ein Zeichen dafür, daß der Säugling einen Unterschied zwischen beiden Figuren bemerkt.

Beobachtungstechnologie und Artefaktverdacht

Außer den genannten experimentellen Designs hat in den letzten 20 Jahren ein gewaltiger Fortschritt in den Aufzeichnungsverfahren zu einer Explosion des Wissens beigetragen. Die Verbesserung der Zeitlupentechnik bei Filmaufnahmen; die Entwicklung der Videotechnik, die ein unkompliziertes, beliebig häufiges Vor- und Zurückspulen von Aufnahmen erlaubt; die Erfindung der tragbaren Videokamera und der sogenannten split-screen-Technik, die es ermöglicht, zwei oder mehrere Bilder gleichzeitig auf einem Bildschirm nebeneinander abzuspielen: all das hat Beobachtungen ermöglicht, die mit dem bloßen Auge nicht zu machen sind. Vor allem die Details der wechselseitigen Regulierung der Interaktion und die genaue zeitliche Abgestimmtheit der in sie eingebundenen Verhaltensweisen, die sich im Millisekundenbereich bewegt, sind dadurch erhellt worden. Infrarotkameras, mit denen Säuglinge im Dunkeln und im Schlaf störungsfrei beobachtet werden können, und komplizierte, aber nicht intrusive Apparaturen zur Aufzeichnung und Auswertung von Augenbewegungen, vokalen Äußerungen usw. vervollständigen das Bild.[*]

Bei aller Begeisterung für den technischen Fortschritt kann man sich jedoch fragen, ob eine solche technologische Aufrüstung im Kinderzimmer und Labor nicht Artefakte produziert. Die beobachteten Säuglinge könnten ja durch die ganzen Apparaturen aufgeregt oder sensibilisiert werden und dann Ergebnisse produzieren, die untypisch sind. Man kann sich auch fragen, ob nicht die Begeisterung und Sensibilität der Säuglingsforscher für ihre Subjekte untypisch sensible und begeisterte Säuglinge produziert hat. Haben die erzielten Resultate also überhaupt eine ökologische Validität, d.h., stellen sie Wissen dar, das für den Säugling unter natürlichen Lebensumständen aussagekräftig ist? (Kaplan 1978, S. 229f.; Golinkoff 1983, S. 186ff.).

Ich glaube, ja. Von den meisten Säuglingsforschern wird die Meinung vertreten, daß bei entsprechend einfühlsamer Handhabung des Instrumentariums durch die Anwesenheit von beobachtenden Dritten keine dauerhaft verzerrenden Effekte zu befürchten sind. Der Dritte wird schnell vergessen und/oder sein Einfluß kann erfaßt und dokumentiert werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen Thomä/Kächele (1988, S. 344ff.) hinsichtlich der Frage, ob Tonbandaufnahmen den psychoanalytischen Prozeß stören oder nicht. Auf alle Fälle überwiegen die Vorteile, und ein grundsätzliches Verdikt scheint ungerechtfertigt.[**]

Fußnoten

[*]

Die grundlegenden Methoden werden in allen einschlägigen Monographien behandelt. Besonders empfehlenswert sind, Bower (1977, 1979), Keller/Meyer (1982), Lamb/Bornstein (1987) und Rauh (1987 a).

[*]

Auf die so erhobenen Befunde sind die klassischen behaviouristischen Begriffe wie Stimulus, Response und Latenz nicht mehr sinnvoll anwendbar, weil z.B. die Reaktionszeit in Interaktionen jede bekannte Latenz unterschreitet. Die Antwort (Response) ist oft in einem Maße gleichzeitig und synchron auf den Reiz abgestimmt, daß der Eindruck eines gemeinsamen Tanzes entsteht und nicht der einer linearen, nacheinander ablaufenden Sequenz (s. Stern 1977, Kap. 6).

[**]

Das Artefaktproblem gibt es in jeder Forschung, auch in der Psychoanalyse. Die psychoanalytische Situation ist ebenso künstlich wie das Laborexperiment und die Frage berechtigt und erlaubt, ob die in ihr erhobenen Daten und gegebenen Deutungen valide sind. Dieses Problem beschäftigt die Psychoanalyse seit ihren Anfängen und hat die verschiedensten Lösungsvorschläge nach sich gezogen, die hier nicht diskutiert werden können. Ausweichen kann man diesem Problem nicht.

Untersuchungsergebnisse[*]

Visuelle Wahrnehmung

Neugeborene folgen einem sich bewegenden Objekt in ihrem Gesichtsfeld mit den Augen. Maximale Sehschärfe besteht auf eine Distanz von 20 cm. Diese Entfernung wird von Eltern intuitiv eingenommen, wenn sie Blickkontakt mit ihrem Neugeborenen aufnehmen wollen. Die Akkomodationsfähigkeit des Auges ist bereits mit einem Monat so gut entwickelt, daß Objekte in verschiedenen Entfernungen recht gut gesehen werden können (Banks/Salapatek 1983).

Von Geburt an werden verschiedene Farben unterschieden. Interessanterweise ist die Farbwahrnehmung wahrscheinlich von Anfang an kategorial. Spätestens mit ein bis zwei Monaten werden rot und rosa als ähnlicher wahrgenommen als rot und grün, obwohl der Unterschied zwischen rot und rosa, gemessen in Wellenlängen, genauso groß ist wie der zwischen rosa und grün. Ähnliches gilt für andere Farben (Lamb/Bornstein 1987).

Ebenfalls von Geburt an werden verschiedene Muster unterschieden, etwa schwarz-weiße Kreise von schwarz-weißen Streifen. Gemusterte Tafeln werden länger angesehen als einfarbige, und es gibt bereits Präferenzen für bestimmte Aspekte eines Reizes. Bevorzugt werden Hell-Dunkel-Kontraste und die Ecken und Kanten eines Reizes, z.B. eines Dreiecks. Haith et al. (1977) und Haith (1978) zufolge exploriert der Säugling in den ersten Lebensmonaten einen visuellen Reiz in einer charakteristischen Reihenfolge. Dieses Abtastmuster gilt auch für die Wahrnehmung des menschlichen Gesichts. In den ersten vier Wochen werden vor allem die kontrastreichen Übergänge zwischen Haarlinie und Stirn sowie der Übergang zwischen Kopfumriß und Hintergrund erforscht. Im zweiten und dritten Monat verlagert sich die Aufmerksamkeit sukzessive auf das Gesichtsinnere, besonders Auge, Nase und Mund. Ab zwei bis vier Monaten werden richtige Gesichter von solchen unterschieden, in denen Mund, Auge und Nase falsch angeordnet sind (Maurer/Barrera 1981; Maurer 1985). Zu diesem Zeitpunkt scheint der Säugling die einzelnen Teile des Gesichts zu einer Gestalt zusammenzufassen.

Ab drei bis fünf Monaten können verschiedene Gesichtsausdrücke wie Überraschung, Freude und Traurigkeit unterschieden werden (Barrera/Maurer 1981 a) und ebenso verschieden starke Ausprägungen ein und desselben Ausdrucks (Kuchuk et al. 1986). Einige wenige Forscher haben die Fähigkeit zur Unterscheidung verschiedener Gesichtsausdrücke schon im ersten Monat gefunden (Field 1985). Ab drei Monaten kann die Mutter visuell von Fremden unterschieden werden (Barrera/Maurer 1981 b). Gelegentlich ist berichtet worden, das sei bereits mit vier bis fünf Wochen möglich. In diesen Fällen wird die Unterscheidung wahrscheinlich anhand der unterschiedlichen Haarfarbe oder unterschiedlicher Kontrastlinien zwischen Haaren und Stirn vorgenommen und nicht anhand des Gesichtsinneren (Bushnell 1982 b).

Zeigt man Kindern im Alter von fünf bis sieben Monaten ein Gesicht frontal und danach von der Seite, so behandeln sie beide Darbietungen richtig als Transformationen eines Gesichts und nicht als zwei verschiedene Gesichter. Ebenso verhält es sich, wenn sie ein freudiges Gesicht sehen und danach dasselbe mit ärgerlichem Ausdruck. Obwohl beide Gesichter ziemlich verschieden aussehen, bemerken die Säuglinge, daß es sich nicht um verschiedene Gesichter handelt, sondern um den Ausdruckswandel eines Gesichts (Fagan 1976; Stern 1985, S. 97f.; C. Nelson 1985, 1987). Dieser Befund ist für die Psychoanalyse besonders interessant, denn in ihrer Theorie der Teilobjekte behauptet sie, daß der Säugling anfänglich die Mutter als verschiedene »Teilmütter« wahrnimmt (»gute« und »böse«) und die verschiedenen Aspekte der Mutter nicht als zwei Ausprägungsformen ein und derselben Mutter erfährt. Ich komme in Kapitel 4 darauf zurück.

Neugeborene suchen bereits aktiv nach Reizen und können verschiedene Reiz voneinander unterscheiden. Ihre Reizverarbeitung ist ein aktiver und selektiver Prozeß, der bestimmten Regeln und Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Der Reizhunger ist so groß, daß sie sogar Fütterungs- und Trinkaktivitäten unterbrechen, wenn ein attraktiver Reiz im Gesichtsfeld erscheint (Stern 1977; Emde/Robinson 1979). Visuelle Exploration kann auch zur Selbstberuhigung eingesetzt werden. Mit fünf Wochen kann man regelmäßig beobachten, wie Kinder, die unruhig und nervös sind, sich einem Objekt in ihrem Gesichtsfeld zuwenden und im Verlauf seiner Betrachtung ruhiger werden (Demos/Kaplan 1986).

Alle diese Befunde stehen im Gegensatz zu psychoanalytischen Hypothesen über den Autismus (s. Kap. 3) oder primären Narzißmus des Neugeborenen, seinen beständigen Versuch, Reize loszuwerden (Freud 1915 a, S. 83f.), seine primär feindselige Einstellung zur Außenwelt (ebd., S. 101) und seine undifferenzierte oder überwiegend coenästhetische, d.h. nach innen gerichtete Wahrnehmung (Fenichel 1945, Kap. 4; Spitz 1945 b).

Auditive Wahrnehmung

Bis etwa 1970 ging man davon aus, daß Neugeborene nichts oder fast nichts hören, u.a. wegen der Verklebung der Gehörgänge mit Käseschmiere. Dies hat jedoch, wie man heute weiß, praktisch keinen Einfluß auf die Hörwahrnehmung. Neuere Forschungen haben ergeben, daß es von Geburt an differentielle Reaktionen auf hoch- und niederfrequente Töne gibt. Hohe Töne sind beruhigender als niedrige und leise beruhigender als laute. Als Maße für die Beruhigung gelten je nach Untersuchung Veränderungen der Pulsfrequenz, der Atmung, des Muskeltonus oder des EEG.

Bereits intrauterin werden akustische Zeichen mit bemerkenswerter Genauigkeit wahrgenommen, und unmittelbar nach der Geburt besteht eine ausgeprägte Präferenz für die mütterliche Stimme. Dazu folgendes Experiment: Eine Gruppe von Müttern liest ihren Kindern im Mutterleib eine bestimmte Geschichte öfter vor. Nach der Entbindung haben die Neugeborenen die Möglichkeit, über einen speziell konstruierten Schnuller und das Saugen daran eine Tonbandwiedergabe der Geschichte abzurufen. Sie haben dabei je nach Saugrhythmus, den sie verwenden, die Wahl zwischen der Geschichte mit der mütterlichen Stimme und derselben Geschichte mit einer anderen Stimme. Sie bevorzugen signifikant die Geschichte mit der mütterlichen Stimme. In einer Kontrollgruppe ohne intrauterine Vorlesungen ist das nicht der Fall. Ähnliche Experimente zeigen, daß eine Geschichte, die bereits intrauterin gehört wurde, einer neuen vorgezogen wird, wenn die Stimme gleich ist. Hier wird also der Text, nicht die Stimme erkannt (DeCasper/Fifer 1980; DeCasper/Spence 1986).

Schon Neugeborene bemerken einen Unterschied zwischen synthetisch erzeugten Geräuschen und der menschlichen Stimme. Condon/Sander (1974) und Condon (1975, 1977) konnten nachweisen, daß bestimmte Mikrokörperbewegungen des Neugeborenen mit bestimmten Phonemen der Erwachsenensprache synchronisiert sind. Das Baby bewegt Rumpf, Arme oder Beine in genau angebbarer Weise als Reaktion auf bestimmte menschliche Lautäußerungen. Diese berühmt gewordenen Ergebnisse zur interaktionellen Synchronie sind allerdings nicht immer repliziert worden (Dowd/Tronick 1983). Ein anderer (replizierter) Hinweis auf die Unterscheidungsfähigkeit zwischen menschlicher Stimme und nicht menschlichen Geräuschen ist die differentielle Reaktion von Neugeborenen auf Babygeschrei. Ihre Antwort ist auch Geschrei, aber signifikant mehr Geschrei bei echtem Säuglingslärm als bei synthetischem (Keller/Meyer 1982, S. 35f.).

Wieder andere Untersuchungen haben ergeben, daß ein Monat alte Säuglinge verschiedene Lautäußerungen, z.B. b und p oder ba und ga, voneinander unterscheiden können (Überblick bei Aslin et al. 1983). Insgesamt gilt für die Gehörwahrnehmung,

»daß Säuglinge schon früh in der Lage sind, eine breite Vielfalt phonetischer Kontraste der gesprochenen Sprache zu unterscheiden. Darüber hinaus scheint klar, daß die grundlegenden sensorischen Mechanismen, die dieser Unterscheidungsfähigkeit zugrunde liegen, innerhalb des ersten Monats – wenn nicht von Geburt an – vorhanden sind« (ebd., S. 634).

Geruch und Geschmack

Zu Geruchs- und Geschmackssinn gibt es vergleichsweise wenige Untersuchungen (Überblick bei Crock 1987). Ich fasse mich deshalb kurz. Der Geschmack ist bekanntlich Geschmacksache – ein paar Präferenzen gibt es jedoch auch hier. Süß ist besser als salzig oder sauer; bitter wird sogar aktiv gemieden. Verschiedene Arten von süß können von Anfang an unterschieden werden. Sacharose wird am liebsten geschmeckt, dann Fructose, gefolgt von Glucose und Lactose. Gemessen werden die Vorlieben mit Hilfe der konsumierten Flüssigkeitsmenge oder anhand differentieller Saugaktivitäten (Keller/Meyer 1982, S. 41).

Was den Geruch angeht, gibt es Experimente mit verschiedenen Substanzen. Das Referat der Präferenzen und Abneigungen erspare ich mir wegen Trivialitätsverdacht. Weniger trivial ist ein Befund von Macfarlane (1974), der die Rolle des Geruchs in der interpersonellen Wahrnehmung untersucht hat. Als Geburtshelfer hatte er den Eindruck, daß Kinder ihre Mutter am Geruch erkennen. Dies konnte durch genaue Untersuchungen bestätigt werden. Neugeborene sind ab fünf bis sechs Tagen in der Lage, den mütterlichen Geruch von dem einer anderen Frau zu unterscheiden, und bevorzugen den Geruch der Mutter. Befestigt man ein Tuch, das die Mutter am Körper getragen hat, auf der einen Seite des Bettchens und ein ungebrauchtes oder von einer anderen Frau getragenes auf der anderen Seite, so zeigt das Neugeborene eine Präferenz für das mütterliche Tuch, ausgedrückt durch bevorzugtes Kopfwenden nach dieser Seite. Geruch und Geschmack existieren also praktisch von Geburt an als differentielle Wahrnehmungsaktivitäten. Ähnliches gilt für Tastempfindungen, Bewegungsempfindungen des eigenen Körpers und propriozeptive Empfindungen (Überblick bei Reisman 1987).

Kreuzmodale Wahrnehmung