9,99 €
Wie verläuft die Persönlichkeitsentwicklung eines Kleinkindes? Wie wirkt sich die Berufstätigkeit der Mutter oder verstärktes Engagement des Vaters bei der Erziehung aus? Und ab wann wissen Kinder, dass ihre Bezugspersonen »beseelte Wesen« sind? Auf ganz praktische Fragen wie solche theoretischer Art gibt der vielfach ausgewiesene Kinderpsychologe Martin Dornes, Autor des Bestsellers »Der kompetente Säugling«, oft überraschende Antworten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 729
Veröffentlichungsjahr: 2018
Dr. Martin Dornes
Entstehung und Entwicklung
Im Zeitalter von Genetik und Hirnforschung droht der Psychologie die Gefahr, unter die Räder einer naturalistischen Konzeption des Menschen zu geraten. Es ist jedoch ein zentrales Merkmal des Menschen, daß er sich nicht für die Gehirne oder Gene seiner Mitmenschen interessiert, sondern für ihre Geüfhle und Wünsche. Die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern ist in erheblichem Maße von den psychologischen Einstellungen ihrer Bezugspersonen zu ihnen abhängig, und Kinder möchten verstehen, was andere fühlen und über sie denken. Ihre Seele und ihr Wohlbefinden entwickeln sich im Dialog mit anderen, in der Regel den engsten Bezugspersonen. Die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen für die seelische Entwicklung von Kindern ist zentrales Thema dieses Buches.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Nicole Lange, Darmstadt
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-491002-4
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.
Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.
Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.
Einleitung
Kapitel 1 Wissenschaftstheoretische Kontroversen über Psychoanalyse und Kleinkindforschung
Einleitung
André Green über Kleinkindforschung
André Green über die Besonderheit der Psychoanalyse
Daniel Stern über Psychoanalyse und Kleinkindforschung
Kleinkindforschung und Direktbeobachtung
Theorie und Beobachtung I: Narration
Theorie und Beobachtung II: Konditionierung/Projektion
Theorie und Beobachtung III: Intentionalität
Theorie und Beobachtung IV: Resümee
Direkte oder indirekte Relevanz der Kleinkindforschung?
Probleme der indirekten Relevanzthese
Warum trotzdem an der indirekten Relevanzthese festhalten?
Anne Alvarez über Psychoanalyse und Kleinkindforschung
Fazit
Kapitel 2 Menschenbilder in Psychoanalyse und Kleinkindforschung
Einleitung
Ist die Kleinkindforschung unpsychoanalytisch?
Die konstitutionelle Unangepaßtheit des Menschen
Triebe
Triebphantasien
Trennung
Der antinormative Kern der Psychoanalyse
Ist ein dialogischeres Verständnis der menschlichen Natur ideologisch oder unpsychoanalytisch?
Pluralismus und Interdisziplinarität
Fazit
Kapitel 3 Der virtuelle Andere: Aspekte vorsprachlicher Intersubjektivität
Einleitung
Die Theorie des virtuellen Anderen von Stein Bråten
Exkurs: Still-face- und Perturbationsexperimente
Der virtuelle Andere: Fortsetzung
Bezüge zu anderen Theorien
Offene Fragen
Nachahmung in der Theorie des virtuellen Anderen
Wie Säuglinge Fürsorge erleben und lernen
Wie Säuglinge Mißhandlung erleben und lernen: Präverbaler Wiederholungszwang
Zwischenbilanz
Exkurs: Gibt es Intersubjektivität beim Säugling?
Präzisierungen
Warum Objektbeziehungen?
Kapitel 4 Die emotionalen Ursprünge des Denkens
Einleitung
Teil 1: Die Entstehung von Bedeutung
Bevor das Denken beginnt: Die erste Stufe
Neugeborenenimitation
Still-face-Prozedur und Kontingenzwahrnehmung
Personenwahrnehmung und Protokonversation
Der Anfang des Denkens: Die zweite Stufe
Social referencing: Jenseits der Affektinduktion
Die kopernikanische Wende: Perspektivenübernahme als emotionaler Prozeß
Der Beginn der Symbolik: Die dritte Stufe
Symbolisches Handeln und symbolisches Denken
Einstellungen in bezug auf eigene Handlungen
Einstellungen in bezug auf das Selbst
Teil 2: Autismus
Autismustheorien
Theory of Mind-Defizit
Intersubjektivitätsdefizit
Die Frage des Primats
Nachgedanken: Theory of Mind oder intuitives Personenverständnis?
Teil 3: Von Affen und Menschen
Identifikation und Absichtsverstehen als Grundlage der Nachahmung
Joint attention und Symbolbildung: Zurück zu den Ursprüngen des Denkens
Kapitel 5 Über Mentalisierung, Affektregulierung und die Entwicklung des Selbst
Einleitung
Mentalisierung
Selbstreflexion
Mind-mindedness
Affektspiegelung
Markierung
Referentielle Entkoppelung, referentielle Verankerung, Bewußtwerdung
Pathologische Varianten der Spiegelung
Mögliche Einwände gegen das Affektspiegelungsmodell
Mit der Realität spielen
Der Als-ob-Modus
Pathologische Varianten im Umgang mit dem Als-ob-Modus
Der Äquivalenzmodus
Pathologische Fixierung im Äquivalenzmodus
Äquivalenzmodus und Theorie des Mentalen
Äquivalenzmodus und psychische Realität
Der reflektierende Modus
Die gemeinsamen Merkmale verschiedener Formen von Affektregulation
Merkmale biologischer Regulation
Merkmale spiegelnder und spielerischer Regulation
Merkmale symbolischer Regulation
Die Entwicklung des Selbst
Teleologie und Mentalität
Offene Fragen
Implikationen für die Konzeptualisierung klinischer Phänomene
Zur Genese von Mentalisierungsproblemen bei Borderline-Patienten
Das fremde Selbst und die projektive Identifizierung
Projektive Identifizierung als automatische Behelfssimulation
Nachgedanken
Fazit
Kapitel 6 Infantile Sexualität und Säuglingsforschung
Einleitung
Sexuelle Verhaltensweisen bei Säuglingen
Was heißt sexuell?
Exkurs: Theorieholismus
Das Nicht-Sexuelle im Sexuellen
Die Bedeutung des Nicht-Sexuellen
Verharmlosung des Menschenbildes durch Relativierung der Triebtheorie?
Infantile Sexualität als philosophisch-theoretisches Konzept
Ogdens Theorie
Laplanches Theorie
Einwände
Die Urszene
Fazit
Kapitel 7 Mütterliche Berufstätigkeit und kindliche Entwicklung
Einleitung
Teil 1: Entwicklungspsychologische Untersuchungen
Bindungstheorie
Nicht-elterliche Betreuung und Bindungsqualität
Nicht-elterliche Betreuung und kognitive Entwicklung
Nicht-elterliche Betreuung und Aggressionsentwicklung
Teil 2: Psychoanalytische Studien zu den Auswirkungen früher nicht-elterlicher Betreuung
Nicht-elterliche Betreuung aus der Perspektive psychoanalytischer Rekonstruktion
Exkurs: Methodische Probleme
Voraussetzungen für gelungene Formen früher nicht-elterlicher Betreuung aus psychoanalytisch-rekonstruktiver Sicht
Eine psychoanalytische Direktbeobachtungsstudie
Aggression und Trennungssensitivität
Kognitive Entwicklung aus psychoanalytischer Sicht
Fazit
Alternativen: Teilzeitberufstätigkeit und Betreuung durch den Vater
Kapitel 8 Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes
Einleitung
Elternkompetenz
Beteiligungsstudien
Effekte väterlicher Beteiligung an der Betreuung ihrer Kinder
Differentielle Effekte: Geschlechtsrolle, Aggression und Autonomie
Ursachen väterlicher Beteiligung
Triangulierung I: Systemisch
Triangulierung II: Psychoanalytisch
Triangulierung III: Strukturalistisch
Der phantasierte Vater
Exkurs: Historisches und Kulturkritisches zum Vater
Väter in der Bindungstheorie
Väter und Psychopathologie I: Der abwesende Vater
Väter und Psychopathologie II: Der anwesende Vater
Fazit
Kapitel 9 Familiäre Wurzeln der Jugendgewalt
Einleitung
Hypothesen zur Jugendgewalt
Die Entwicklung von Aggression und Risikofaktoren für ihre Persistenz
Intergenerationelle Transmission von Gewalt
Mögliche Ursachen für den Anstieg von Jugendgewalt
Persönlichkeit und Familienhintergrund von chronischen Gewalttätern
Vorläufer und Stabilität von Aggression und Gewalt
Rechtsradikale Jugendgewalt
Wie übersetzen sich Risikofaktoren für Gewalt in intrapsychische Gewaltpotentiale?
Die situative Entstehung von Gewalt
Fazit
Epilog Emotionale Anerkennung und der Wandel psychischer Strukturen
Literaturverzeichnis
Lamb, M. (1986 a): [...]
Namen- und Sachregister
Quellennachweise
In diesem Buch behandle ich eine Reihe von Themen. Im Zentrum steht die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen für die Entwicklung des kindlichen Seelenlebens und – allgemeiner gesprochen – für das kindliche Wohlergehen. Das mag im Zeitalter humangenetischer Forschung für manche eine »alteuropäische« Überzeugung sein, für mich ist es keine. So wichtig genetische Forschungsergebnisse für unsere Vorstellungen über die Entstehung von Persönlichkeitszügen sein können – jedes Blatt wird langweilig, wenn man es überreizt. Deshalb habe ich mich immer gehütet, bei aller Vorliebe für die Psychoanalyse, deren Blatt zu überreizen und eine Integration von psychoanalytischer Theorie und entwicklungspsychologischer Forschung angestrebt. Nach Fertigstellung dreier Bücher zu diesem Thema hatte ich gedacht, nun sei alles, oder zumindest das Wichtigste, gesagt, aber das war ein Irrtum. Die Forschung schreitet unaufhörlich fort und es entstehen immer wieder neue faszinierende Theorien über das kindliche Seelenleben, auch von seiten der Psychoanalyse, deren meines Erachtens ungerechtfertigter Niedergang in der allgemeinen Wertschätzung dennoch nicht zu übersehen ist.
Dieser Niedergang hängt mit vielen Faktoren zusammen: ihrer Langsamkeit, die im Zeichen eines wachsenden Modernisierungstempos antiquiert wirkt; ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Vergangenheitsorientierung, die im Angesicht einer zunehmenden Gegenwarts- und Zukunftsorientierung außer Kurs gerät (s. Dornes 2000 a, Kap. 4) – vielleicht aber auch damit, daß sie vom technischen Fortschritt nicht profitieren kann. Während die heute haussierenden Disziplinen wie Gehirnforschung, Genforschung oder Kosmologie Apparate benutzen können, um attraktive Bilder und öffentliche Aufmerksamkeit zu produzieren, ist die Psychoanalyse refraktär gegen diese Form des Fortschritts und deshalb möglicherweise nicht spektakulär genug, um ein breites Interesse auf sich zu ziehen. Diese Eigenart ist in einer Erlebnisgesellschaft ein echter »Wettbewerbsnachteil«, den man stoisch und weltabgewandt ertragen kann. Da ich dem Spektakel skeptisch und dem Wettbewerb ambivalent gegenüberstehe, hege ich für diese Option durchaus Sympathien, beschreite aber dennoch einen anderen, weniger isolationistischen Weg. Er läuft auf eine »Fusion« der Psychoanalyse mit den Nachbardisziplinen hinaus (für eine andere Option s. Strenger 2002, Kap. 1 und 2005, Kap. 6). Dadurch treten manche ihrer Besonderheiten in den Hintergrund und es wird randunscharf, was Psychoanalyse eigentlich ist. Ich schlage vor, diese Unschärfe in Kauf zu nehmen und auf Kernbestandsdefinitionen nach dem Motto: Essentiell für die Psychoanalyse ist »… die infantile Sexualität, die Triebtheorie, der Ödipuskomplex« usw. zu verzichten, wenn auch vielleicht schweren Herzens. Die Psychoanalyse wird dann zum Bestandteil einer interdisziplinären »Science of Mind«, zu der viele Disziplinen beitragen: Philosophie, Soziologie, Pädagogik, Psychologie, Anthropologie, Eth(n)ologie, Gehirnforschung, Genetik und einige andere. Der zentrale Beitrag der Psychoanalyse zur Wissenschaft von der Seele besteht in meiner Sichtweise in der Herausarbeitung der Bedeutung der frühen emotional getönten und häufig von unbewußten Elementen beeinflußten zwischenmenschlichen Beziehungen, die die Textur und das Klima des Seelenlebens (mit)bestimmen.
Teile der postempiristischen Wissenschaftstheorie, insbesondere die sogenannte »Nicht-Aussagekonzeption von Theorien« (s. dazu Stegmüller 1987 a und Balzer 1997), sind zu der Auffassung gelangt, daß jede Theorie über einen »Kern« verfügt, der nicht widerlegbar ist beziehungsweise gegen Widerlegungen immunisiert werden kann, etwa dadurch, daß man den Anwendungs- oder Aussagebereich der Theorie einschränkt. Auch viele psychoanalytische Theoreme kann man so formulieren, daß sie widerlegungsimmun werden (Kurzüberblick bei Dornes 2001). Dafür zahlt man allerdings einen Preis. Er besteht darin, daß eine solcherart eingeschränkte Theorie, selbst wenn sie in einem strengen wissenschaftstheoretischen Sinn nicht widerlegbar ist, den Kontakt zum übrigen Weltwissen verliert und dadurch entweder uninspirierend oder unplausibel oder beides wird. Diesem Problem wende ich mich im ersten Kapitel zu. Dort nehme ich Stellung zu einer Kontroverse zwischen zwei einflußreichen Psychoanalytikern der Gegenwart, von denen der eine (André Green) die Kleinkindforschung als irrelevant für die Psychoanalyse betrachtet, der andere (Daniel Stern) einer der führenden Vertreter einer modernisierten psychoanalytischen Entwicklungstheorie ist. Die Kontroverse behandelt das grundsätzliche Problem, ob die Psychoanalyse zu ihrer Weiterentwicklung und Aktualisierung auf den Kontakt zu Nachbardisziplinen angewiesen ist oder ob sie eine autonome, epistemisch selbstgenügsame Disziplin ist, welche sich einzig auf die im klinischen Setting gesammelten Daten stützen sollte und den Kontakt zu anderen Disziplinen nicht benötigt. Ich diskutiere die Vor- und Nachteile der jeweiligen erkenntnistheoretischen Überzeugungen und komme zu dem Ergebnis, daß die epistemische Isolation der Psychoanalyse ihr mehr schadet als nützt und deshalb keine empfehlenswerte Option ist.
Im zweiten Kapitel befasse ich mich mit einer verwandten Frage. Hier geht es nicht mehr darum, ob Psychoanalyse und Entwicklungspsychologie wissenschafts- oder erkenntnistheoretisch unvereinbar sind, sondern darum, ob sie hinsichtlich ihrer anthropologischen Grundüberzeugungen inkompatibel sind. Häufig wird argumentiert, die psychoanalytische Anthropologie gehe von einer konstitutionellen Unangepaßtheit des Menschen aus. Diese soll zu einer unaufhebbaren Konflikthaftigkeit und Irrationalität der menschlichen Existenz führen. Im Unterschied dazu vertritt die Kleinkindforschung ein dialogischeres Verständnis der menschlichen Natur. Dieses Menschenbild ist aber nicht unpsychoanalytisch, sondern schließt an den »romantischen« Strang innerhalb der Psychoanalyse an, der von Autoren wie Ferenczi, Balint, Winnicott und Kohut repräsentiert wird und von Anfang an mit dem »heroischeren« Menschenbild Freuds und Melanie Kleins koexistierte. In dieser Sicht der menschlichen Natur sind Konflikte zwar ebenfalls unvermeidlich, ihre Unvermeidbarkeit wird aber weniger in der menschlichen Natur verankert als in den Schwierigkeiten der Umwelt, sich auf diese Natur einzustellen. Reimut Reiche hat einmal gesagt, die Kleinkindforschung sei eine entwicklungspsychologische Variante des Habermasianismus. Dies scheint mir eine zutreffende Qualifizierung. Im zweiten Kapitel wird der »Habermasianische Zug« der Kleinkindforschung deutlich, allerdings ohne explizit thematisiert zu werden. Er liegt darin, daß beide Theorierichtungen ihren Fokus auf Interaktion, Kommunikation und intersubjektive Verständigung richten, auch wenn die Verständigung, von der die Kleinkindforscher sprechen, nicht wie bei Habermas eine sprachliche ist, sondern eine vorsprachliche. Mit Habermas teile ich zwei weitere Grundüberzeugungen: zum einen die, daß man Wahrheit nicht an den Wissenschaften vorbeiproduzieren sollte, und obzwar dieses Statement gegen Adorno und Heidegger gemünzt war, kann man es ebenso gut gegen eine epistemisch selbstgenügsame Psychoanalyse wenden, die ich im ersten Kapitel kritisiere. Zum zweiten ist mir auch Habermas’ vielbeklagter Rationalismus sympathisch und ich halte den Säugling mindestens ebenso sehr für ein rationales Wesen wie für ein prä- oder irrationales. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, daß es körpernahe und leibhafte Formen von Vernünftigkeit gibt, die von Psychoanalyse und Philosophie bisher nur unzureichend thematisiert worden sind (s. Pothast 1998 sowie, in einem anderen Sinn, Stephan 2004 und Perler/Wild 2005).
Im dritten Kapitel vertiefe ich das Thema der zwischenmenschlichen Bezogenheit und stelle die kaum bekannte Theorie des norwegischen Soziologen und Entwicklungspsychologen Stein Bråten vor. In interaktionistischen Subjekttheorien wird üblicherweise die soziale Genese des Selbst betont und die Auffassung vertreten, daß das Selbst aus der Spiegelerfahrung mit dem Anderen entsteht. (Dieser Faden wird im fünften Kapitel aufgenommen.) Bråtens Theorie hingegen setzt einen originellen anderen Akzent und besagt, daß manche Aspekte des Selbst nicht durch die soziale Interaktion konstituiert werden, sondern ihr vorausgehen und daß das Subjekt schon vor jedem sozialen Kontakt eine soziale Konstitution hat. Eine zweite zentrale Idee Bråtens ist, daß der Säugling von Anfang an die Welt nicht nur – wie bei Piaget – aus seiner egozentrischen Perspektive wahrnimmt, sondern in der Lage ist, die Perspektive des Anderen auf die Welt mitzuempfinden. Diese gefühlshafte »alterozentrische« Teilhabe versorgt ihn mit einem Wissen davon, wie der Andere sich fühlt, der ihm deshalb unmittelbar vertraut ist und dessen Innenwelt er nicht aus seinen Verhaltensweisen durch kognitive Operationen erschließen muß. Implikationen für eine Theorie der Empathie, für präsymbolische Aspekte des Wiederholungszwanges und andere psychoanalytische Theorieteile werden diskutiert.
Auch im vierten Kapitel befasse ich mich mit frühen Formen von Intersubjektivität. Im Mittelpunkt steht hier die Bedeutung zwischenmenschlicher emotionaler Verbundenheit für die Fähigkeit zur Symbolbildung. Die Kernthese dieses Kapitels, die unter Rekurs auf die Symbolentstehungstheorie des Londoner Psychoanalytikers und Autismusforschers Peter Hobson entwickelt wird, lautet, daß das symbolische Denken eine seiner Wurzeln in der vorsprachlichen Interaktion hat und nicht (nur) in Rechnerleistungen des Gehirns. Dabei kann man mit Hobson den Übergang von der dyadischen zur triadischen Interaktion beim Kind in der Zeit um neun Monate herum als zentral betrachten. Hier lernt der Säugling, daß es nicht nur (s)eine Sicht der Welt gibt, sondern daß andere Personen, mit denen er sich emotional verbunden fühlt, andere Einstellungen zur Welt haben als er selbst. (Bråten zufolge ist dies bereits mit drei Monaten der Fall.) Weil der Säugling sich mit diesen Personen identifiziert, wird er von ihren Einstellungen »bewegt«, in ihre Perspektive »hineingezogen« und lernt so neue Weltsichten kennen. Dieser Prozeß der Dezentrierung ist die »Urszene« des Denkens. Ergebnisse der Autismus- und Primatenforschung sollen diese Idee untermauern. Die diesbezügliche Grundaussage im zweiten und dritten Teil des Kapitels lautet, daß die Mängel in der Symbolfunktion bei autistischen Menschen und bei Schimpansen zumindest teilweise auf ihre – wahrscheinlich konstitutionell bedingte – eingeschränkte emotionale Ansprechbarkeit für expressive Äußerungen von Artgenossen zurückzuführen sind. Solch eingeschränkte Ansprechbarkeit führt dazu, daß sie von den Einstellungen ihrer Gefährten zur Welt nicht berührt werden, sie nicht verstehen und deshalb in ihrer eigenen Welt verbleiben. Für die Ergebnisse der Primatenforschung habe ich mich stark auf die Theorie und Befunde des Primatologen und Entwicklungspsychologen Michael Tomasello gestützt.
Im fünften Kapitel gebe ich einen Überblick über die Arbeiten der Londoner Forschungsgruppe um Peter Fonagy. Sie verbinden zwei in der Entwicklungspsychologie derzeit prominente Forschungsgebiete, die Theory of Mind-Forschung und die Bindungsforschung, mit der Psychoanalyse und zeichnen in einem umfassend angelegten Entwurf den stufenweisen Erwerb der Fähigkeit zur Mentalisierung nach. Mit Mentalisierung ist die Fähigkeit gemeint, sich selbst und andere als Wesen mit seelischen Zuständen (mental states) zu verstehen und sich mit dem eigenen Seelenleben und dem anderer auf gehaltvolle Weise zu befassen. Diese Fähigkeit ist nach Auffassung der Autoren das Resultat zwischenmenschlicher Beziehungen. Ein Eckstein ihrer Theorie ist das soziale Biofeedbackmodell der Affektspiegelung. Es beschreibt, wie der Säugling sich seiner eigenen Affekte dadurch bewußt wird, daß er die Reaktionen anderer auf sich wahrnimmt, sich also selbst im anderen (er)kennen lernt. Selbstbewußtheit und die Ausbildung sekundär-symbolischer Repräsentationen primär körperlicher Affektzustände, durch die die Affektregulation verbessert wird, sind in dieser Theorie ebenfalls ein Ergebnis gelungener zwischenmenschlicher Interaktion. Die intersubjektive Bezogenheit ist also auch hier die Matrix des Seelenlebens. Das Originelle oder, wenn man so will, das Psychoanalytische des Ansatzes der Fonagy-Gruppe liegt darin, daß sie auch im Zeitalter des Humangenomprojekts nicht, wie viele Kognitionspsychologen, eine Reifungsgeschichte der Entwicklung des Geistes schreiben, sondern eine Interaktionsgeschichte. Die Bedeutung der zwischenmenschlichen Interaktion für die Entwicklung des Denkens und Fühlens ist der rote Faden, der ihre Ausführungen zu den verschiedensten Themen durchzieht und die Qualität früher zwischenmenschlicher Beziehungen wird als konstitutiv für normale und pathologische Varianten der Fähigkeit betrachtet, sich selbst und andere als denkende und fühlende Wesen zu verstehen.
Das sechste Kapitel behandelt eines der (vermeintlichen) Essentials der Psychoanalyse – die infantile Sexualität. Vor nunmehr hundert Jahren hat Freud (1905) mit seinen »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« an den Schlaf der Welt gerührt und das Bild vom unschuldigen Säugling nachhaltig in Frage gestellt. Von der berühmten Phasentheorie der sexuellen Entwicklung mit ihren Stufen oral, anal, phallisch-genital hat fast jeder schon einmal gehört und sie kann zu Recht als nahezu selbstverständlicher Bestandteil allgemeinen Kulturwissens gelten. In den letzten 30 Jahren hat sich jedoch die Einstellung zur Sexualität erheblich gewandelt. Deren Enttabuisierung und »Modernisierung« (s. dazu aus unterschiedlichen Perspektiven Reiche 2004 a, Schmidt 2000, 2004 und Sigusch 2005, 2006) kann Theorien über ihre Bedeutung nicht unberührt lassen. In Teilen der Psychoanalyse hat sich dementsprechend eine Verschiebung des Interesses vom Trieb zum Selbst und von der Sexualität zur Identität vollzogen, die unter dem Kürzel »Narzißmustheorien« bekannt geworden ist. Nach Klärung begrifflicher Fragen, beispielsweise der, mit welcher Berechtigung man Phänomene wie das Daumenlutschen sinnvollerweise als »sexuell« bezeichnen kann, skizziere ich diese Verschiebung und komme zu dem Ergebnis, daß in der zeitgenössischen Säuglings- und Kleinkindforschung Eltern und Kinder nicht so sehr Triebobjekte füreinander sind als vielmehr Resonanzräume für eine Vielfalt seelischer Bedürfnisse, von denen keines in seiner Bedeutung für die kindliche Entwicklung privilegiert werden sollte. Die Relativierung der Bedeutung der Sexualität spaltet, wie ich auf Vorträgen zu diesem Thema häufig bemerkt habe, immer noch die Geister – zumindest die psychoanalytischen. Ich habe jedoch kein Interesse an Spaltungen, sondern nur daran, die Wandlungen der Auffassungen zu diesem Thema darzustellen und überlasse es dem Leser, seine eigenen Schlußfolgerungen zu ziehen, die mit meinen nicht übereinstimmen müssen.
Die nächsten drei Kapitel befassen sich mit eher praktischen Fragen, die ein breites öffentliches Interesse gefunden haben. Das siebte Kapitel behandelt die möglichen Folgen mütterlicher Berufstätigkeit für die kindliche Entwicklung. In allen westlichen Industrieländern ist seit Anfang der 1970er Jahre ein Anstieg der Berufstätigkeit von Müttern zu verzeichnen. Er geht einher mit einer zunehmenden Zahl von Kindern, die nicht-elterlich betreut werden. Die möglichen Folgen solcher Betreuung für die kindliche Entwicklung werden seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Manche Autoren sind von ihrer Schädlichkeit überzeugt, andere halten sie für unproblematisch. Kontrovers ist indes nicht mehr die mütterliche Berufstätigkeit als solche, sondern nur die mütterliche Vollzeitberufstätigkeit in den ersten zwei Lebensjahren des Kindes. Neuere Forschungen dazu haben sich insbesondere mit den möglichen Folgen einer solchen umfangreichen und frühen nicht-elterlicher Betreuung für drei Bereiche der kindlichen Entwicklung beschäftigt: die Bindungsqualität, die kognitive Entwicklung und die Aggressionsentwicklung. Als Resultat ergibt sich, daß frühe und extensive nicht-elterliche Betreuung die Bindungsqualität nicht beeinträchtigt, in bezug auf die kognitive Entwicklung weitgehend neutral ist und die Aggressivität nur geringfügig und zeitweilig steigert. Insgesamt können keine wirklich substantiellen Effekte positiver oder negativer Art festgestellt werden. Nach wie vor gilt, daß der Einfluß der Interaktionsqualität zwischen Mutter und Kind für die kindliche Entwicklung weit bedeutender ist, als der von Qualität und Quantität der nicht-elterlichen Betreuung. Die Familie bleibt also auch unter den gewandelten Bedingungen des Aufwachsens die wichtigste Sozialisationsinstanz.
Wer von der Mutter spricht, sollte vom Vater nicht schweigen. Das achte Kapitel behandelt deshalb den Beitrag des Vaters zur kindlichen Entwicklung. Auch dieses Thema gibt Anlaß zu vielerlei Befürchtungen. Manche Autoren sehen nicht in der zunehmenden Berufstätigkeit von Müttern eine Gefahr für die Kinder, sondern im »Verschwinden der Väter«. Dieses Verschwinden, das seit Mitscherlichs (1963) berühmtem Buch über den Weg in die vaterlose Gesellschaft immer wieder diagnostiziert wurde, ist von zweierlei Art. Zum einen verschwinden Väter durch die wachsende Zahl von Scheidungen und diese Form des Verschwindens kann durchaus zu Problemen führen. Zum anderen aber soll auch das »Vaterprinzip« in modernen Gesellschaften geschwächt sein, so daß selbst anwesende Väter – und der moderne Vater befaßt sich, wie gezeigt wird, durchaus mehr und liebevoller mit seinem Kind als die Väter vergangener Generationen – eine eher schwache Figur abgeben. Schwächung des Vaterprinzips meint, daß sich auf Grund gesellschaftlicher Wandlungen die kulturelle Leitvorstellung vom Vater, die einst in kollektiv geteilten Bildern von Größe und Stärke verkörpert war, verändert und zwar in Richtung auf einen zwar freundlichen, aber im Ganzen doch eher harmlosen »Papa«. Dem realen Vater fehlt gewissermaßen der Rückhalt in einer gesellschaftlich geteilten kraftvollen Vorstellung von Vaterschaft. Eine mögliche Folge dieses fehlenden Rückhalts soll sein, daß die kindlichen Bedürfnisse nach starken und schützenden Vätern nicht mehr hinreichend befriedigt werden, die Realität deshalb ungefiltert auf sie einstürzt und das Bedürfnis nach Schutz und Stärke sich an Schwundformen des Väterlichen wie Idole oder Ideologien hängt oder aber pathologische Auswege in Kriminalität und Drogensucht sucht. Nach Durchmusterung solcher Theorien gebe ich – wie schon bei der Berufstätigkeit von Müttern – Entwarnung und zeige, daß moderne Väter kein Fluch für ihre Kinder sind, sondern eher ein Segen und daß Befürchtungen über eine übermäßige »Feminisierung« der Erziehung unbegründet sind.
Diese Argumentationslinie wird im neunten Kapitel fortgesetzt, das sich mit den familiären Wurzeln der Jugendgewalt befaßt. Im Unterschied zu der Auffassung, übermäßig freizügige Erziehungsmethoden seien für (den Anstieg der) Jugendgewalt verantwortlich, zeigt die Forschungsliteratur zum Thema, daß der harte Kern der 5 % schwerkriminellen jugendlichen Mehrfachgewalttäter, die für 50 % aller Gewalttaten verantwortlich sind, häufig aus gewalttätigen Elternhäusern stammt. Diese Jugendlichen sind also in ihrer Kindheit selbst Opfer schwerer Gewalthandlungen geworden, die sie später ausagieren. Elterliche Gewalt gegen Kinder ist eine wesentliche Quelle von Jugendgewalt und jugendliche Gewalttäter sind häufig seelisch schwer geschädigte Menschen, die nicht der Strafe bedürfen – davon haben sie bereits im Übermaß »genossen« –, sondern der Resozialisierung. Diese stößt indes oft an eine Grenze und die Rückfallquoten bei Rehabilitationsmaßnahmen jeglicher Provenienz sind hoch, unter anderem deswegen, weil Gewalttätigkeit früh in der Kindheit entsteht und rasch charakterologisch so verhärtet, daß sie späteren Interventionen nur noch begrenzt oder mit erheblichem Aufwand zugänglich ist. Daraus folgt ein Plädoyer für Frühintervention.
Manche mögen diese Sicht auf Gewaltentstehung für eine Verharmlosung halten und nach wie vor an der Idee hängen, daß moderne Erziehungsmethoden, wenn nicht für Gewalt, so doch »irgendwie« für andere, eher unklar artikulierte Probleme verantwortlich sein könnten. Im Epilog folge ich dieser Intuition, weil auch ich mich des Eindrucks nicht gänzlich erwehren kann, daß die liberalisierten Erziehungspraktiken der letzten 30 Jahre nicht nur segensreiche Wirkungen entfaltet haben. Insgesamt haben sich die Erziehungsziele von Gehorsam, Ordnung und Fleiß zu Selbständigkeit, Selbstverwirklichung und Kreativität verschoben und die Erziehungspraktiken vom Befehlen zum Verhandeln. Diese Diskursivierung der Erziehung schafft, so die These des Epilogs, auf der einen Seite Individuen, die weniger Triebangst, weniger Über-Ich-Angst und weniger Charakterstarre haben, aber vielleicht auch weniger Charakterstärke. Kurz: Der »psychische Apparat« ist heutzutage zwar demokratischer und flexibler geworden, aber zugleich auch fragiler und weniger belastbar. Dieses aufregende Thema kann indes nur noch angedeutet, aber nicht mehr ausgeschöpft werden.
Zugleich schließt sich damit ein Kreis. Vor einigen Jahren habe ich mich, nach längerer Tätigkeit in der Medizinischen Psychologie, dem Frankfurter Institut für Sozialforschung angeschlossen, das unter seinem derzeitigen Leiter Axel Honneth ein Forschungsprogramm zu den »Paradoxien kapitalistischer Modernisierung« entworfen hat (für erste Beschreibungen s. Hartmann 2002, Honneth 2002, Hartmann/Honneth 2004). Ohne bei den Details dieses Programms und den Schwierigkeiten des Paradoxienbegriffs (etwa in Abgrenzung zu dem des Widerspruchs, der Ambivalenz oder der Dialektik) zu verweilen, gehe ich davon aus, daß es auch so etwas wie »Paradoxien familialer Modernisierung« gibt. Diese kommen unter anderem darin zum Ausdruck, daß die Individuen unter spätmodernen Erziehungsformen und Lebensbedingungen zugleich freier und lebendiger, aber auch verletzlicher und weniger entschlußfreudig werden. Dieses Thema verdient es, ausführlich behandelt zu werden, was ein Projekt für die Zukunft ist.
Abschließend danke ich Birgit Diestel, Angela Dunker und Martin Löw-Beer für ihre unerschöpfliche Bereitschaft, meine Texte zu lesen und meine Gedanken zu beflügeln. Meine Dankbarkeit ist größer, als in diesen knappen Worten zum Ausdruck kommt.
Einer der häufigsten Einwände gegen die Psychoanalyse lautet, sie enthalte bestenfalls interessante Spekulationen, die aber wissenschaftlicher Überprüfung nicht standhielten. Dieser Einwand ist so alt wie die Psychoanalyse selbst. Auch die Reaktionen darauf haben sich nicht geändert. Im Grunde werden immer zwei Optionen geltend gemacht. Die eine ist, die Behauptung selbst zu widerlegen und den Beweis der wissenschaftlichen Reputierlichkeit der Psychoanalyse anzutreten. Die andere ist, den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zu umgehen, indem man darauf hinweist, daß die Psychoanalyse gar keine Wissenschaft im herkömmlichen Sinne sei (oder, seltener, überhaupt keine Wissenschaft). Deshalb könnten an die Gültigkeit ihrer Aussagen auch nicht die in anderen Disziplinen – insbesondere den Naturwissenschaften – akzeptierten Kriterien zur Überprüfung von Aussagen angelegt werden.
Beide Versuche haben nicht allgemein überzeugt, weder die Kritiker der Psychoanalyse noch die Psychoanalytiker selbst. Auch unter letzteren wird die Frage, ob die Psychoanalyse eine Wissenschaft ist beziehungsweise sein soll oder nicht (und wenn ja, welche), nach wie vor kontrovers diskutiert. Manche sehen die einzige Antwort auf die Kritik in verschärfter Verwissenschaftlichung, andere in der Abkoppelung vom Wissenschaftsbetrieb.[1] Die Alternative scheint also entweder, die Forschungsbemühungen zu verstärken, unter Inkaufnahme des Risikos, das Spezifische der Psychoanalyse dabei aus den Augen zu verlieren; oder aber das Spezifische der Psychoanalyse zu bewahren unter Inkaufnahme des Risikos, vom Wissenschaftsbetrieb »abgehängt« zu werden und das zu werden, wofür andere die Psychoanalyse schon lange halten – eine Sekte.
Beides sind keine guten Aussichten. Kann man diese Alternativen vermeiden und sowohl an Wissenschaftlichkeit gewinnen als auch das Spezifische der Psychoanalyse bewahren? Die Debatte um die Relevanz oder Irrelevanz der Kleinkindforschung für die Psychoanalyse hat unter anderem genau diese Frage zum Gegenstand. Deshalb soll über sie hier ausführlicher berichtet werden. Sie ist paradigmatisch für den möglichen Stellenwert beziehungsweise die Entbehrlichkeit von Forschung für die Psychoanalyse und hätte auch an anderen Gegenständen abgehandelt werden können: Ist die experimentelle Traumforschung relevant für die Psychoanalyse? Ist die Gehirnforschung relevant für die Psychoanalyse? Ist die Psychotherapieforschung relevant für die Psychoanalyse? Auch diese Fragen werden kontrovers diskutiert. Ich beschränke mich auf die Kleinkindforschung.
Historisch betrachtet ist diese Debatte nichts Neues. Ihre Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 1925, als Bernfeld die erste Monographie über Psychoanalyse und Säuglingsforschung schrieb. Auch in den Freud-Klein-Kontroversen der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft in den 40er Jahren (King/Steiner 1991), wurde ebenso heftig wie heute um die Bedeutung von Direktbeobachtungen an kleinen Kindern und die Schlußfolgerungen, die man daraus für die Psychoanalyse ziehen oder nicht ziehen soll, gestritten. Zwei zeitgenössische Debatten nehmen diesen Faden wieder auf: Zum einen die um Peter Wolffs Artikel, der 1996 unter dem programmatischen Titel »The irrelevance of infant observations for psychoanalysis« erschienen ist.[2] Zum zweiten die Debatte zwischen André Green und Daniel Stern, die 1997 in London stattfand und mittlerweile, nebst Kommentaren anderer Psychoanalytiker, in Buchform vorliegt (Sandler et al. 2000).[3] Sie ist der Hauptgegenstand meiner Überlegungen.
[1]
In der Regel arbeiten die ersten in wissenschaftlichen Institutionen, die zweiten in der Praxis. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Die Besonderheiten der verschiedenen Tätigkeitsfelder lassen die dort Tätigen unterschiedliche Dinge als relevant einschätzen.
[2]
Wolff (1996), mit Kommentaren von Tyson, Barrat, Fonagy, Osofsky, Seligman, Shapiro, Wilson und einer Antwort von Wolff. Zwei Jahre später gab es eine kürzere Fortsetzung (s. Silverman 1998, Nahum 1998 und Wolff 1998). Zepf (2006) hat diese Debatte jüngst fortgesetzt und der Kleinkindforschung – wie Green und Wolff – Unwissenschaftlichkeit und Irrelevanz für die Psychoanalyse attestiert.
[3]
Die Teile des Buchs, die sich mit der Kleinkindforschung befassen, sind ins Deutsche übersetzt (s. Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis, Heft 4/2000 und Heft 1/2001). Der erste Teil des Buchs enthält die im Newsletter der International Psychoanalytic Association 1996 abgedruckte Diskussion zwischen Wallerstein und Green über die (Ir)Relevanz der Psychotherapieforschung für die Psychoanalyse und einen einleitenden Essay von Riccardo Steiner.
Zunächst einige persönliche Eindrücke. Als Joseph Sandler die Tagung eröffnete, lag eine erwartungsvolle Spannung in der Luft. Viele waren gekommen, um dem Kampf der Titanen beizuwohnen. Es war bekannt, daß beide schon andernorts kontrovers diskutiert hatten und man erwartete den finalen »show-down«. André Green, der das erste Wort hatte, ließ sich nicht lange bitten und erfüllte alle Erwartungen, die man an eine kriegerische Auseinandersetzung haben kann. In kompromißloser Weise fegte er die Säuglingsforschung vom Tisch. Ein zentrales Argument war: Die Psychoanalyse ist keine Wissenschaft und wenn sie versucht, eine zu werden, verrät sie das Beste was sie hat, ihre Spezifität, nämlich die Erforschung der Subtilitäten des »Austauschs von Worten« (Freud 1916/17, S. 9) zwischen Analytiker und Patient, die empirisch nicht erforscht werden können, ohne sie bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen, zu banalisieren und zu trivialisieren. Die Säuglingsforschung hat für die Psychoanalyse deshalb keine Bedeutung, weil der spezifische Gegenstand der Psychoanalyse nicht der Säugling ist, sondern das Unbewußte (Green 2000 a, S. 447), und zwar das Unbewußte, wie es in der analytischen Situation erscheint (ebd., S. 460f.). Was sie interessiert, ist nicht das Infantile, sondern das Infantile im Erwachsenen (ebd., S. 453) und dazu hat die Säuglingsforschung per definitionem nichts beizutragen. Das war Klartext.
Ein zweites Argument lautete: Die Säuglingsforschung erfüllt nicht die von ihr selbst hochgehaltenen Kriterien von Wissenschaftlichkeit. Sie ist pseudowissenschaftlich, keine »science«, sondern »science fiction« und genauso spekulativ wie die wildesten Theorien von Melanie Klein (nur nicht so interessant). Das ist pikant und nicht schlecht eingefädelt. Green versucht, den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Die Behauptung ist nicht, daß die Säuglingsforschung zu behavioristisch, sondern daß sie zu spekulativ ist. Dazu gleich mehr.
Trotz der heftigen Polemik ging von Greens Vortrag eine erhebliche Faszination aus, und zwar deshalb, weil man, bei allen Schwierigkeiten, die man mit seinem zuweilen groben Ton haben kann, anerkennen muß, daß er ein brillanter Geist ist. Er ist nicht nur ein großer Denker, sondern auch ein großer Redner, der alle Register zu ziehen versteht, aber er ist auch direkt und polemisch bis zur Unhöflichkeit und leidenschaftlich von der Richtigkeit seiner Auffassungen überzeugt. Selbstzweifel kennt er nicht, oder gibt sie zumindest nicht zu erkennen. Daß das Leben und die Theorien darüber Kompromisse sind – nicht mit ihm! Unmißverständlich machte er klar, daß mit ihm keine Kompromisse zu machen sind. »Ein Krieger und Verteidiger von Freuds Werk, wie er es versteht« (Steiner 2000, S. 5), war zu betrachten, zu bewundern und zu fürchten.
Der zweite nachhaltige Eindruck von Greens Vortrag war, daß er sich ernste Sorgen um die Zukunft der Psychoanalyse macht. Er befürchtet den Verlust eines geliebten Objekts – weniger persönlich ausgedrückt: er befürchtet, daß die Psychoanalyse als eine wertvolle kulturelle Errungenschaft und als eine einzigartige Weise, über das unbewußte Funktionieren des menschlichen Geistes nachzudenken, verloren geht oder unter die Räder einer diese Einzigartigkeit nivellierenden oder ignorierenden Forschung gerät. Er sieht also die Bedrohung dort, wo andere die Rettung sehen. Denn auch die Forscher machen sich Sorgen um die Zukunft der Psychoanalyse und versuchen, sie gegen ihre Kritiker zu verteidigen, indem sie (berechtigten) Einwänden Rechnung tragen, die Theorie modifizieren, weiterentwickeln etc. Sie sehen das nicht als eine Bedrohung der Psychoanalyse, sondern als den Versuch ihrer Rettung. Sie können das so sehen, weil sie Greens Auffassung nicht teilen, daß damit das Spezifische und Einzigartige der Psychoanalyse verraten werde. Sie sind der Meinung, daß Greens Auffassung von Spezifität zu eng ist und daß man die Psychoanalyse nicht auf das psychoanalytische Setting festlegen beziehungsweise einengen sollte. So betrachtet, verraten sie tatsächlich, was Green für das Einzigartige hält, und plädieren implizit oder explizit für eine »Amalgamierung« der Psychoanalyse mit anderen Wissenschaften.
Und genau das ist Greens Alptraum. Amalgamierung bedeutet für ihn Auslöschung des Einzigartigen, Spezifischen – Mißachtung dessen, was nur die Psychoanalyse im klinischen Setting zum Wissen über den Menschen beitragen kann. Die Vorgehensweise der Forschung – auch die der Psychotherapieforschung an erwachsenen Patienten – ist inadäquat, »weil sie nicht dem Typus mentalen Funktionierens des Patienten in der Sitzung und dem korrespondierenden Geisteszustand des Analytikers … gerecht werden« kann (Green 2000 a, S. 460). In anderen Worten: Jede Überprüfung psychoanalytischer Aussagen ist grundsätzlich unangemessen, da sie nicht erfaßt, was für Greens Psychoanalyseverständnis wichtig ist. Vielmehr schafft der Versuch der Überprüfung – durch die mit dem Prozeß der Aufzeichnung und/oder Operationalisierung einhergehende Transformation von Daten und Begriffen – nach Green unvermeidlich Artefakte. Das läuft darauf hinaus zu behaupten, daß psychoanalytische Daten grundsätzlich nicht in andere »Frameworks« zu übersetzen sind, ohne ihre Substanz zu verlieren. Wäre dies wirklich unausweichlich, so könnte die Psychoanalyse epistemisch selbstgenügsam und autark werden, was Greens Anliegen zu sein scheint. Sie würde dann nämlich in ihrem und durch ihr Setting Phänomene beobachten und/oder produzieren, die sie ausschließlich in diesem Setting auch »überprüfen« könnte. Zur Überprüfung kämen wiederum nur Methoden in Frage, die der Entstehung eines »bestimmten Typus mentalen Funktionierens« angemessen sind – also wahrscheinlich nur das Nachdenken, die freie Assoziation und die kollegiale Diskussion. Green (2000 a, S. 458) betrachtet nämlich die »sogenannte wissenschaftliche Methode« als irrelevant für den Gegenstand der Psychoanalyse. Wie dann eine Überprüfung von im klinischen Setting gewonnenen Aussagen (etwa über Symptomentstehung und -veränderung, oder über die Veränderung von Persönlichkeitsstrukturen, oder über kurative Faktoren und Prozesse) möglich sein soll – und zwar in einer Weise, die systematisch, kontrolliert und auch für außerhalb der psychoanalytischen Situation befindliche Forscher nachvollziehbar ist –, ist unklar. Vielmehr entsteht der Eindruck, daß Green mit Begriffen wie »Spezifität der Psychoanalyse« (ebd., S. 445, 460f.), »psychoanalytische Erfahrung« (ebd., S. 455, 461), »psychoanalytischer Geisteszustand« (ebd., S. 442, 456, 460, 463) oder »Standpunkt des psychoanalytischen Denkens« (ebd., S. 440) eine Art konzeptueller Apartheid vertritt, in der sich psychoanalytisches und wissenschaftliches Wissen wie Feinde, oder, in der Formulierung Greens (ebd.), wie »Fremde« in der multikulturellen Gemeinschaft der Psychoanalytiker gegenüberstehen.
Man sieht, es geht auch um Identitätsfragen und darum, ob man die eigene Identität durch Aus-/Abgrenzung oder durch Grenzaufweichung retten oder bereichern kann. Green ist für Abgrenzung. Er berücksichtigt damit nicht hinreichend die gut belegte Tatsache, daß »bahnbrechende Neuerungen in einer Disziplin oft von Personen eingeführt (werden), die enge Kontakte zu einer anderen Disziplin unterhalten« (Balzer 1997, S. 25) und daß »die meisten der wirklich innovativen intellektuellen Arbeiten heutzutage interdisziplinär (sind), und zwar sowohl was die Fragen angeht als auch im Hinblick auf die verwendeten Methoden« (Tomasello 1999 a, S. 10). Aber er wirft damit eine interessante Frage auf, nämlich: Was ist die Essenz der Psychoanalyse? Green läßt keinen Zweifel daran, daß er es weiß und die anderen sich täuschen. Wenn diejenigen, die Forschung betreiben, darauf hinweisen, daß sie ja schließlich auch Psychoanalytiker seien und eine psychoanalytische Ausbildung genossen hätten, findet er das unzureichend. Die anderen haben nur eine »Deckausbildung« absolviert, wie Green in Anlehnung an Freuds Konzept der Deckerinnerung (1899; 1904, Kap. 4) sagt. Eine Ausbildung also, die etwas wesentliches maskiert, daß nämlich die Betreffenden nicht verstanden haben, was Psychoanalyse ist.[4] Mit einer gewissen Verwunderung fragt man sich, woher Green die Gewißheit nimmt, daß sein Verständnis von Psychoanalyse das einzig richtige ist – wo doch schon Freud zu Lebzeiten vierzehn, sich zum Teil widersprechende, Definitionen dessen gegeben hat, was Psychoanalyse ist (zusammengestellt bei Kutter 1989, S. 84f.).
Green bedient sich bei der Festlegung dessen, was er für die Substanz der Psychoanalyse hält, einer bestimmten Strategie. Er zitiert Freud dort zustimmend, wo er mit ihm einer Meinung ist und kritisiert ihn dort, wo er nicht mit ihm übereinstimmt. Weisen die Vertreter der Psychoanalyse als Wissenschaft darauf hin, daß Freud selbst die Psychoanalyse als Wissenschaft bezeichnet habe, macht er geltend, daß Freud sich hier getäuscht habe, denn eine Wissenschaft der Psychoanalyse existiere nicht (Green 2000 a, S. 440). Weisen die Vertreter der Amalgamierung von Psychoanalyse und Psychologie darauf hin, daß Freud selbst die Psychoanalyse als eine allgemeine (Persönlichkeits)psychologie verstanden habe, meint Green, obwohl Freud diesen Eindruck manchmal erweckt habe, beruhe diese Auffassung letztlich auf einer oberflächlichen Interpretation seiner Schriften (2000 d, S. 249) und sei ein irriges Projekt gewesen, das spätestens seit Hartmann als gescheitert betrachtet werden müßte (2000 a, S. 444f.). Weisen sie darauf hin, daß Hartmanns Begriff der neutralen Ich-Energie, der dem Ich eine von den Trieben unabhängige Kraftquelle zusprechen sollte (und in manchen psychoanalytischen Kreisen als anti-freudianische Ursünde der Ich-Psychologie gilt), auch bei Freud zu finden sei,[5] so antwortet er, Freud habe diesen Gedanken nur einmal geäußert, mit ihm gewissermaßen herumgespielt und die Tatsache, daß er ihn nicht mehr aufgenommen habe, belege, daß er ihn verworfen habe (Green 2000 c, S. 108). Und so geht es fort.
Green gelingt es damit, den Rechtfertigungsdruck von der Psychoanalyse, wie er sie versteht, zu nehmen und den anderen aufzubürden. Nicht die Psychoanalyse muß sich vor der Forschung rechtfertigen, sondern die Forscher vor der Psychoanalyse. Das Ergebnis seiner Überprüfung ist, daß ihnen die Rechtfertigung nicht gelingt und nicht gelingen kann, weil sie nicht verstanden haben, was Psychoanalyse ist. Das ist gut eingefädelt, denn es erzeugt – manche würden sagen: endlich – bei den anderen einen erheblichen Über-Ich-Druck. Wer läßt sich schon gerne sagen – sofern er Psychoanalytiker ist oder der Psychoanalyse nahesteht –, daß er nicht verstanden hat, was Psychoanalyse ist. Sehr hübsch paßt hier ein Kommentar Greens zu Bowlby. Dieser wird mit der Äußerung zitiert, Anna Freud und andere hätten keine Ahnung gehabt, was Wissenschaft sei (Green 2000 b, S. 98). Greens Antwort ist, daß Bowlbys Ansichten über die Bindungstheorie »vollkommen irrelevant« seien (ebd.), weil er keinen Beitrag zur »psychoanalytischen Erfahrung« geleistet habe (2000 a, S. 461). Green rechtfertigt sich also nicht dafür, daß die Psychoanalytiker keine Ahnung von wissenschaftlichen Methoden haben, sondern klagt die Wissenschaftler an, daß sie keine Ahnung von Psychoanalyse haben (Emde, Fonagy, Peterfreund, Cooper und Olds sind weitere Ahnungslose). Angriff ist die beste Verteidigung, und Green ist ein Meister des Angriffs. Wenn es ihm geraten erscheint, wechselt er allerdings die Strategie. Dann klagt er die Wissenschaftler an, sie würden ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht und betrieben Pseudowissenschaft, so zum Beispiel die Säuglingsforschung und insbesondere Daniel Stern, dessen Theorien er ausführlich kritisiert.[6]
[4]
In der deutschen Übersetzung ist aus der »Deckausbildung« etwas freundlicher ein »Grundkurs in Psychoanalyse« geworden (S. 443).
[5]
Freud spricht von indifferenter Energie (1923, S. 272f.).
[6]
Erkenntnistheoretisch ist Green erkennbar von Bion beeinflußt. »Forschungsrelevant sind für Bion nur die in der Sitzung mit psychoanalytischen Mitteln beobachteten Phänomene, alle anderen Mittel (z.B. Tonbandaufzeichnungen) lehnt er ebenso ab wie die Auswertung außerklinischer Phänomene, etwa mit Hilfe statistischer Erhebungen« (Engel 2000, S. 19; ähnlich S. 13f., 18). Man kann nun versuchen, die in einer solchen Festlegung implizit enthaltene Auffassung von der Unübersetzbarkeit bestimmter Daten in andere »Frameworks« und die daraus resultierende Selbstbezüglichkeit der Überprüfung respektive Unmöglichkeit oder Unnötigkeit einer externen Überprüfung wissenschaftstheoretisch durch Rekurs auf den sog. »Theorieholismus« von Duhem, Quine und Davidson zu rechtfertigen. Ich habe mich andernorts mit diesem Problem ausführlicher befaßt (Dornes 2001) und dort meiner Skepsis Ausdruck gegeben, ob dies eine wirklich durchzuhaltende Strategie ist. Wissenschaftspolitisch halte ich sie derzeit für fatal, wissenschaftstheoretisch wäre sie legitim, wenn sich ein wahrheitstheoretischer Kohärentismus oder die Idee inkommensurabler Begriffsschemata widerspruchsfrei begründen ließe. Dem kann ich hier nicht weiter nachgehen. Für Leser, die mehr an Psychoanalyse als an Philosophie interessiert sind, verweise ich auf eine ebenso umfangreiche wie vorzügliche Arbeit von Raguse (1998), in der differenziert dargestellt wird, was »Spezifität der Psychoanalyse« heißen kann. Raguse vertritt m.E. eine Konzeption von Psychoanalyse, die der von Green stellenweise ähnelt, ist allerdings an einem entscheidenden Punkt etwas zurückhaltender. Er räumt nämlich ein, daß es »möglich sein (dürfte), Erkenntnisse der analytischen Situation so zu transformieren, daß sie naturwissenschaftlich untersucht und verstanden werden können. Damit solche Untersuchungen Relevanz haben, ist allerdings zu fordern, daß die Transformationen so geschehen, daß die spezifisch analytische Erkenntnis nicht zerstört wird« (ebd., S. 690). Ob und wie das möglich ist, bleibt ein offenes Problem. Laplanche (z.B. 1987, S. 54ff.) diskutiert ebenfalls das Problem der Spezifität der Psychoanalyse. Er teilt mit Green das Bestreben, eine solche nachzuweisen, steht allerdings der (Entwicklungs-)Psychologie wesentlich aufgeschlossener gegenüber als Green. Wer auf die Bewahrung der Spezifität der Psychoanalyse Wert legt und dennoch keine Chinesische Mauer zwischen ihr und den Nachbardisziplinen errichten will, kann bei Laplanche gute Argumente finden. Für weitere Ausführungen zu seiner Theorie siehe Kapitel 6.
Was machte Stern daraus? Zunächst auch hier ein Eindruck. Stern ist ebenfalls eine charismatische Figur, aber sein Charisma ist von anderer Art. Es kommt gewissermaßen auf leisen Sohlen und ist von einer liebenswürdigen, einladenden, nicht überwältigenden Natur. Er schien mir deshalb von der Heftigkeit des Angriffs zunächst ein wenig überrumpelt. Aber wo wirkliches Charisma ist, entfaltet es sich auch unter widrigen Umständen. Der gedruckte Text allein kann die suggestive Kraft seines Auftretens – ähnlich wie bei Green – nur unzulänglich vermitteln, wie Steiner (2000, S. 6) richtig bemerkt. Seine Stimme, ihre Modulation, seine Körpersprache, alles Nonverbale an ihm ist von einer beeindruckenden Musikalität. Wenn er vom Säugling spricht, erhält man für Momente eine Ahnung davon, wie dieser sich fühlen könnte, wenn er die Welt erlebt. Stern ist einer der wenigen Redner – vielleicht sogar der einzige, den ich kenne – dem es gelingt, in Sprache zu fassen, was sich in Sprache letztlich nicht vollständig fassen läßt: vorsprachliches Erleben. So weit zu den Eindrücken, nun zu den Argumenten.
Die beiden zentralen Argumente von Stern sind spiegelbildlich zu denen von Green und besagen, daß die Kleinkindforschung erstens nicht unwissenschaftlich ist und zweitens, daß sie relevant ist für die Psychoanalyse, wenn auch nicht in einem direkten so doch in einem indirekten Sinn. Zunächst zum ersten Punkt.
In Diskussionen über Säuglings- und Kleinkindforschung ist häufig zu hören, daß diese nur Verhalten beobachte, die Psychoanalyse aber auf das intrapsychische Erleben abziele. Sandler (2000, S. 105) hat dieses Mißverständnis richtiggestellt. Er weist darauf hin, daß die Säuglingsforscher ja nicht nur zählen, ob und wann sich der Säugling an der Nase kratzt, sondern daß sie von Verhaltensbeobachtungen Schlußfolgerungen auf das Erleben ziehen und Modelle entwickeln über das, was in der Psyche des Säuglings vor sich gehen könnte. In Frage steht also nicht, ob die Säuglingsforschung behavioristisch ist – das ist sie nicht, auch wenn ihr Ausgangspunkt das beobachtbare Verhalten ist. In Frage steht allenfalls, ob ihre Schlußfolgerungen zu wissenschaftlicheren Aussagen über das Erleben des Säuglings führen als die Schlußfolgerungen aus anderen Datenquellen – und genau das bestreitet Green (2000 a, S. 449ff.). Betrachten wir das Problem genauer.
Sterns Theorie der protonarrativen Hüllen (Stern 1995, Kap. 5) wird von Green besonders attackiert. Er hält diese Theorie für »pure Spekulation« und für »wissenschaftlich keineswegs bewiesen« (Green 2000 a, S. 451). Er tadelt Stern und die Säuglingsforschung nicht für ihren Fokus auf das beobachtbare Verhalten, sondern dafür, daß ihre Schlußfolgerungen aus den mit korrekter Methodologie erhobenen Fakten Fiktionen sind, für die sie unbegründet einen höheren Grad an Wissenschaftlichkeit in Anspruch nehmen als zum Beispiel Melanie Klein für ihre Überlegungen. Die Kritik bezieht sich also nicht auf die Wissenschaftlichkeit der Funde, sondern auf die Ideen oder Theorien, die daraus abgeleitet beziehungsweise damit belegt werden (ebd., S. 449). »Die Kluft zwischen den Fakten und den Ideen ist nicht kleiner als in Melanie Kleins phantastischsten Spekulationen« (ebd., S. 453).
Man könnte diese Debatte schnell beenden, und zwar mit folgendem Argument. Ja, die Säuglingsforschung ist genauso spekulativ wie die Theorie von Melanie Klein. Sie ist eine alternative Spekulation, nicht besser oder schlechter begründet als jene. Den Wissenschaftsanspruch sollte sie aufgeben und nur in Anspruch nehmen, einen interessanten neuen Diskurs über das Säuglingserleben anregen zu wollen – und das ist ihr in der Tat gelungen. Wenn man jedoch einräumt, daß die Säuglingsforschung nur eine alternative, das Denken anregende, mehr oder weniger gut begründete Spekulation ist, so kann man andere Theorien nicht mehr als unwissenschaftlich zurückweisen, sondern höchstens als weniger anregend.
Das wäre auch eine Möglichkeit, aber Stern hält am Wissenschaftsanspruch fest und verteidigt seine Theorie der protonarrativen Hüllen als begründete Schlußfolgerung. »Die sich einstellenden Beobachtungen und ihre Interpretationen unterliegen den Beschränkungen, die vom gegenwärtigen Stand des akzeptierten, angesammelten wissenschaftlichen Wissens über Babys ausgehen und müssen diesen respektieren … Daher sind meine Schlußfolgerungen, obwohl spekulativ, doch nicht pure Erfindung, denn sie sind tief durchdrungen von einem etablierten Kontext (des wissenschaftlichen Wissens; M. D.) und durch diesen auch beschränkt« (Stern 2000 a, S. 472f.). Was kann man davon halten?
Ich halte Sterns Theorie der protonarrativen Hüllen (ausführlich dargestellt bei Dornes 1997, Kap. 4) weder für besonders handlich noch für klinisch besonders relevant, aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, ob sie »bewiesen« werden kann. Green findet sie »keineswegs bewiesen«. Stern hält sie für bewiesen, nämlich indirekt, weil sie »durchdrungen« ist vom Kontext des wissenschaftlichen Wissens. Er unterscheidet zwischen plausiblen Hypothesen und überprüftem Wissen (Stern 2000 a, S. 472f.). Eine Hypothese ist dann plausibel und keine pure Spekulation, wenn sie sich in Übereinstimmung mit dem übrigen Weltwissen befindet. Sie ist dann allerdings noch nicht bewiesen oder direkt überprüft. Stern geht es gar nicht so sehr um die Überprüfung als vielmehr um die Erzeugung von Hypothesen. Deshalb geht Greens Kritik an ihm vorbei. Green fragt: Wo sind die (direkten) Beweise für die Richtigkeit deiner Hypothesen? Stern antwortet: Ich will gar nicht (direkt) beweisen, daß meine Theorie der protonarrativen Hüllen wahr ist im Sinne einer überprüften Hypothese, sondern nur, daß es eine plausible Hypothese ist. Um plausibel zu sein, genügt es, wenn sie »tief durchdrungen« ist vom Kontext des übrigen wissenschaftlichen Wissens. Green und Stern argumentieren also auf unterschiedlichen Ebenen. Green will direkte Beweise und betrachtet deren Fehlen als Indiz für Unwissenschaftlichkeit. Stern bringt indirekte Beweise bei und betrachtet dies als ausreichenden Beleg für die Wissenschaftlichkeit seiner Theorien.
Gibt es noch andere, direktere Formen des Beweises, die Greens Forderung eher entsprechen würden? Ein Aspekt von Sterns Theorie, an dem sich das »Beweisproblem« gut demonstrieren läßt, ist in der Diskussion zu kurz gekommen. Das Konzept der protonarrativen Hüllen besagt unter anderem, daß der Säugling Interaktionen in Gestalten erlebt, die dynamisch wie eine Erzählung strukturiert sind. Interaktionserleben hat einen Anfang, einen Höhepunkt und einen Schluß, in dem die Spannung aufgelöst wird. Welche »direkten« Belege gibt es dafür, daß der Säugling an einer Interaktionssequenz eine dynamische Kontur von Anfang, Höhepunkt und Schluß überhaupt wahrnimmt, was die Voraussetzung dafür ist, daß er sie als »protonarrativ« erlebt? Zum Zeitpunkt der Kontroverse gab es keinen, mittlerweile gibt es solche.
Rochat/Striano (1999, S. 21f.; Rochat 2001 a, S. 148ff.) haben folgendes Experiment gemacht. Sie haben Säuglinge zunächst mit einem Interaktionsspiel konfrontiert, das eine normale Struktur hat. Der Versuchsleiter nähert sich dem Säugling, nimmt Augenkontakt auf und sagt zu ihm: »Schau, schau« (das ist die Annäherungsphase der Interaktion). Dann beugt er sich nach vorn, bedeckt sein Gesicht mit den Händen, läßt nach kurzer Zeit die Hände fallen und sagt: »Guck, guck« (das ist die Erregungsphase). Dann lehnt sich er sich langsam zurück und artikuliert ein langgezogenes »Yeah« (das ist die Entspannungsphase). Rochat/Striano haben nun die Struktur dieses Spiels so verändert, daß die crescendo-decrescendo-Kontur verschwand, zum Beispiel indem sie mit dem zweiten Teil anfingen und dann den ersten folgen ließen. Ein Ergebnis war, daß Säuglinge ab dem Alter von drei bis vier Monaten das normale Interaktionsspiel gegenüber dem veränderten bevorzugten. Dies bedeutet erstens, daß Säuglinge den Unterschied wahrnehmen; zweitens, daß sie eine zeitliche Abfolge wahrnehmen und drittens, daß sie eine bestimmte zeitliche Abfolge bevorzugen, nämlich diejenige, die in ihrer Dynamik eine an- und abschwellende Kontur hat. Trevarthen (2003, S. 61) hat in der vokalen Interaktion zwischen sechs Wochen (!) alten Säuglingen und ihren Müttern ebenfalls eine narrative Struktur entdeckt. Die in der Regel 30 Sekunden langen vokalen Austausche sind dynamisch in die vier klassischen Phasen des Narrativs gegliedert: Einleitung, Entwicklung, Höhepunkt und Schluß. Diese Befunde kann man zumindest als Beleg (wenn auch nicht als Beweis) für die Theorie eines narrationsähnlich strukturierten Interaktionserlebens betrachten. Man kann aber auch geltend machen, daß ein oder zwei Belege noch nicht ausreichen. Dem würde ich zustimmen. Aber man kann nicht behaupten, daß es sich hier um eine bloße Spekulation handelt. Man kann diese Belege für unzureichend halten; man kann geltend machen, daß die Befunde nur belegen, daß der Säugling Interaktionskonturen wahrnimmt, was noch nicht impliziert, daß er auch Interaktionskonturen erlebt (in Trevarthens Beispiel werden diese Konturen allerdings vom Kind praktiziert und nicht nur, wie bei Rochat, in der Außenwelt wahrgenommen); man kann Befunde suchen, die dazu nicht passen, aber man kann nicht behaupten, es gäbe keine. Zumindest stellt sich diese Theorie der Anforderung, Belege beizubringen, was man von bloßen Spekulationen nicht sagen kann. Zusammen mit der indirekten Form des Beweises durch Bezug auf den etablierten Kontext wissenschaftlichen Wissens ist diese Theorie deshalb besser belegt, als Green glauben (machen) will.[7]
Ich werde nun ein Beispiel diskutieren, das den Unterschied zwischen einer »unbelegten« Vermutung und einer im obigen Sinne »belegten« – oder sich der Zumutung einer Belegforderung stellenden – Vermutung deutlich machen soll. Brenman Pick hat in ihrem Kommentar zur Green-Stern-Kontroverse folgendes Beispiel von Stern (1985, S. 140ff.) aufgegriffen. Ein sechs Wochen alter Säugling, dem beim Stillen einmal die Nase von der Brust »verstopft« wurde, entwickelte daraufhin eine Brustvermeidung. Brenman Pick meint zutreffend, daß man dies als aversive Konditionierung beschreiben könne. Sie möchte es anders beschreiben, nämlich in der Terminologie der kleinianischen Theorie. »Ich selbst würde – Melanie Klein folgend – sagen, daß er [eine frühere Erfahrung in die gegenwärtige Erfahrungsrealität projiziert und] tatsächlich von der Erinnerung an diese frühere Erfahrung so beherrscht ist, daß er sich auf die gegenwärtige Wirklichkeit nicht einstellen kann« (Brenman Pick 2000, S. 85). Ich habe den Teil des Satzes in Klammern gesetzt, den ich für begründungsbedürftig halte. Beschreibt man den Vorgang als aversive Konditionierung, so muß das natürlich ebenfalls begründet werden, denn lange Zeit galt die Auffassung, daß man sehr kleine Säuglinge nicht konditionieren kann. Seit 1970 gibt es nun aber eine Fülle von Experimenten, die zeigen, daß man Säuglinge durchaus sowohl klassisch als auch operant konditionieren kann. Das genügt indes noch nicht, denn im obigen Fall hat sich die Brustvermeidung nach einem einmaligen Verstopfungsereignis eingestellt und nicht nach mehreren solcher Erfahrungen. Man muß deshalb weiter zeigen, daß es aversive Konditionierungen gibt, die nicht mehrere Konditionierungsdurchgänge erfordern, und weiter, daß es dieses sogenannte »one-trial-conditioning« auch schon bei Säuglingen gibt. Auch dafür gibt es Belege. Nur deshalb kann man die Brustvermeidung begründet als aversive Konditionierung beschreiben.
Wo aber sind nun die Belege dafür, daß ein sechs Wochen alter Säugling projizieren kann? (Kritische Diskussion bei Dornes 1997, S. 69ff.) Das war ja Brenman Picks Vorschlag. Man könnte die Sache zu den Akten legen und sagen: Es handelt sich einfach um unterschiedliche Theoriesprachen oder »Vokabulare«. Was die einen aversive Konditionierung nennen, nennen die anderen Projektion früherer schlechter Erfahrung auf/in gegenwärtige und so erklären beide die Brustvermeidung auf unterschiedliche Weise. Obwohl ich für diese liberale Lesart offen bin, finde ich es wünschenswert, daß irgendwelche Belege dafür beigebracht werden, daß ein sechs Wochen alter Säugling projiziert. Weshalb sonst sollte man sich mit nachprüfbaren Gründen dieser Lesart anschließen?
Nehmen wir der Einfachheit halber an, man kann für diese Behauptung Belege beibringen. Dann hätte man die Projektionsthese begründet. Brenman Pick geht aber noch weiter. Weil der Säugling so unreif ist, erlebt er ihrer Ansicht nach die »Verstopfung« der Nase als bedrohlich. Das finde ich auch ohne weitere Belege plausibel. Aber dann heißt es in einem nächsten Schritt: »Wenn der Säugling – wie flüchtig, unklar oder dunkel auch immer – seiner Mutter die Absicht zuschreibt, ihn zu ersticken (!), warum sollte er das nicht … mit seinem eigenen Wunsch … vermischen, die Mutter zu ersticken (!), z.B. mit seinen Forderungen nach totaler und exklusiver Aufmerksamkeit?« (Ebd., S. 86; Übers. leicht verändert). Das ist schon weitreichender. Meines Erachtens genügt es zur Stützung dieser interessanten Vermutung nicht, darauf zu verweisen, daß ältere Kinder oder Erwachsene solche Wünsche/Absichten haben oder anderen zuschreiben. Man müßte Belege dafür beibringen, daß schon sechs Wochen alte Säuglinge dazu in der Lage sind.
Brenman Pick führt keine Belege an. Sie referiert, zirkulär, als Begründung auf die Theorie Melanie Kleins (»I, following Melanie Klein …«). Die Kleinianer sind häufig – aus mir unklaren Gründen – nicht gewillt, solche Belege beizubringen. Ich habe mich deshalb an ihrer Stelle bemüht und die Literatur zur Intentionswahrnehmung beziehungsweise Intentionszuschreibung im Säuglingsalter durchgesehen. Um eine lange Recherche kurz zu machen: Es gibt mittlerweile einige Untersuchungen zu diesem Thema, das zugegebenermaßen mit empirischen Mitteln nicht einfach zu untersuchen ist. Aus Platz- und Zeitgründen sollen hier nicht die Details der Experimente geschildert werden, sondern nur ihre Resultate. Je nach Beschaffenheit des Experiments werden unterschiedlich schwierige Erkennungsleistungen abgefragt. Die Ergebnisse lauten, daß Säuglinge ab fünf Monaten (Woodward 1998, Woodward et al. 2001, Wellman/Lagattuta 2000, S. 35), zwischen sieben und neun Monaten (Rochat/Striano 1999, S. 27), zwischen neun und zwölf Monaten (Tomasello 1995, 1999 b, Gergely et al. 1995, Csibra et al. 1999, Wellman/Phillips 2001, S. 140ff., Phillips et al. 2002) oder zwischen 14 und 18 Monaten (Carpenter et al. 1998; Meltzoff 1995, 2002; Meltzoff/Brooks 2001; Repacholi/Gopnik 1997) anfangen, Bewegungen oder Handlungen von Objekten/Personen als intentional wahrzunehmen beziehungsweise ihnen Intentionen zuzuschreiben. Bezogen auf die obige Frage, ab wann kleine Kinder ihrer Mutter (böse) Absichten auf einem mentalistischen Niveau zuschreiben (können), ist diesen Forschungsergebnissen und den informativen Überlegungen Gergelys (2000, S. 827ff.; 2002) und Carpenters et al. (2002) zufolge das Alter zwischen 18 und 24 Monaten beim derzeitigen Forschungsstand das wahrscheinlichste.[8]
Man kann sich die ganze Sache jedoch auch einfacher machen und die Behauptung von Brenman Pick so modifizieren, daß sie nicht mehr besagt, daß der Säugling der Mutter die Intention zuschreibt, ihn zu ersticken, sondern daß er die Mutter so erlebt, wie wenn sie ihn ersticken würde (nicht: wolle). In dieser Lesart nimmt der Säugling zunächst keine Intentionszuschreibung vor, erlebt aber dennoch eine Bedrohung. Auch das wäre noch eine Schlußfolgerung, aber eine begründete, insofern man aus der Brustvermeidung ablesen kann, daß die Situation vom Säugling zumindest als unangenehm und irgendwie bedrohlich erlebt wird. Die weitergehende Schlußfolgerung, daß hier eine Intentionszuschreibung (»Mutter will mich ersticken«) vorliegt, scheint mir derzeit von keinen »Daten« gedeckt zu sein. Es ist allerdings nicht auszuschließen, daß in Zukunft Untersuchungen gemacht werden, die Belege dafür beibringen, daß auch sehr kleine Säuglinge Intentionszuschreibungen vornehmen. Gegenwärtig sieht es nicht so aus, und ich würde mich dieser Theorie deshalb nicht anschließen.
Der dritte Teil von Brenman Picks Behauptung, daß der Säugling auch sich selbst (und nicht nur der Mutter) Erstickungsabsichten zuschreibt, ist ebenfalls bisher nur durch die Theorie Melanie Kleins gedeckt. Zu untersuchen wäre die Frage, ab wann der Säugling nicht nur bei anderen Absichten wahrnimmt, sondern auch bei sich selbst (welche hat).[9] Es gibt einige Indizien dafür, daß der Säugling sich und andere irgendwann zwischen neun und 18 Monaten als intentionale Subjekte erlebt (Tomasello 1995 b, 1999 a; Dornes 1997, S. 73ff.; allgemeiner Überblick: Gopnik et al. 1999, S. 73ff., 217f.; Poulin-Dubois 1999; Zelazo et al. 1999; Malle et al. 2001; Gergely 2002).
Damit ist die Debatte um die Anfänge der Intentionalität aber noch nicht beendet, denn es könnte sein, daß der Säugling intentional handelt, bevor er sich als intentionales Subjekt erlebt. Meltzoff/Moore (1999) haben dargestellt, daß schon wenige Stunden alte Neugeborene bestimmte menschliche Gesichtsausdrücke, wie zum Beispiel das Herausstrecken der Zunge, nachahmen. Diese Nachahmung ist kein Reflex, denn sie erfolgt mit Verzögerung auf die Darbietung des Vorbildes; sie ist auch kein einmaliger Akt, sondern häufig ein sich dem Ziel langsam annähernder Prozeß; das Neugeborene versucht, seinen Gesichtsausdruck in mehreren Durchgängen dem Gegenüber anzugleichen. Meltzoff/Moore sind deshalb der Auffassung, daß es sich bei der Neugeborenenimitation um einen zielgerichteten und absichtsvollen Vorgang handelt. Die Absicht existiert allerdings nur auf einem subsymbolischen Niveau. Insofern kann man eher vom »Haben« einer Absicht sprechen als von der (Selbst)zuschreibung einer solchen.[10]
Diese Form von Intentionalität entspricht dem, was der Philosoph Searle (1983) »intention-in-action« genannt hat. Wenn ein Autofahrer einem überraschend auf die Straße rollenden Gegenstand jäh ausweicht, so manifestiert sich im Herumreißen des Steuers eine Absicht des Ausweichens, die aber nicht als von der Handlung getrennte mentale Entität existiert, sondern nur in der Handlung selbst. Anders verhält es sich mit reiferen Formen der Intentionalität, in denen wir eine Absicht, etwa die des Einkaufens, als Vorstellung haben können, ohne zugleich die entsprechende Handlung auszuführen. Lichtenberg (1983) unterscheidet ebenfalls verschiedene Niveaus von Intentionalität. Die Kleinianer sollten sich solche Differenzierungen zu eigen machen, weil sie dann nicht den Eindruck erwecken würden, den Säugling mit kognitiven/symbolischen Fähigkeiten auszustatten, die er noch nicht hat. Genau dieser Punkt war schon in den Freud-Klein-Kontroversen (King/Steiner 1991) ein ständiger Stein des Anstoßes und ist es bis heute geblieben, weil die Rede von den Absichten, die der Säugling »wie flüchtig, unklar oder dunkel auch immer« hat oder anderen zuschreibt, einfach zu unpräzise ist, um bestätigt oder widerlegt werden zu können.[11]
Wenn man jedoch die Sache integrativ betrachtet und wohlwollend über einige Unebenheiten hinwegsieht, so könnte man auch zu dem Ergebnis kommen, daß es sich bei den dargestellten Differenzen insgesamt eher um Fragen des Grades als um grundsätzliche Unterschiede handelt. Das diesbezügliche vorläufige Fazit würde dann lauten: Aussagen über das Erleben von Neugeborenen oder Säuglingen sind immer Schlußfolgerungen. Was strittig ist, ist das Ausmaß, in dem diese Schlußfolgerungen durch anderweitige Untersuchungen als begründet ausgewiesen werden können. Diese anderweitigen Untersuchungen können aus dem in Nachbardisziplinen etablierten und akzeptierten »Kontext des Wissens« stammen oder aus direkteren Überprüfungen von Hypothesen. Säuglingsforscher wie Stern unterscheiden sich daher von Kleinianern nicht dadurch, daß sie nicht schlußfolgern und auch nicht dadurch, daß sie nicht spekulieren – darin hat Green durchaus recht. Sie unterscheiden sich vor allem dadurch, daß sie sagen: Wir wollen versuchen, für unsere Hypothesen oder Spekulationen Belege beizubringen, die möglichst allgemein akzeptabel sind und nicht nur für die Anhänger eines Theoriesystems.[12] An der Forderung nach möglichst allgemeiner Akzeptanz scheiden sich die Geister. Wer sie befürwortet, wird den Kontakt zu anderen Wissenschaften suchen und deren Ergebnisse für »irgendwie« relevant für die eigene Theoriebildung halten, zum Beispiel die oben erwähnte Forschung und Literatur zur Intentionalität. Wer auf möglichst allgemeine Akzeptierbarkeit verzichtet, kann auch auf den Kontakt zu anderen Disziplinen verzichten.[13]
Damit sind wir beim zweiten Thema angelangt, der Frage der Relevanz der Säuglingsforschung für die Psychoanalyse. Greens Position wurde schon skizziert. Nun zu Sterns Auffassung. Er unterscheidet – in Anlehnung an die Unterscheidung zwischen indirekten und direkten Belegen – zwischen direkter und indirekter Relevanz der Kleinkindforschung für die Psychoanalyse.
[7]
Dieser Punkt ist auch Gegenstand der Debatte um Wolffs (1996) Artikel gewesen. Wolff (ebd., S. 374) wirft der Säuglingsforschung »enumerativen Induktivismus« vor. Darunter versteht er, daß sie selektiv einzelne Belege anführt und darauf (zu) weitreichende Schlußfolgerungen aufbaut. Dies mag in einzelnen Fällen zutreffen, ist aber, wie Seligman (1996, S. 432f.) in seiner Antwort auf Wolff darstellt, für den gesamten Theoriekorpus der Säuglingsforschung nicht zutreffend.
[8]
Gergely unterscheidet noch zwischen Wahrnehmung von Zielgerichtetheit/Teleologie (ab neun Monaten) und Wahrnehmung von Absichtlichkeit/Intentionalität (ab 18 Monaten). Diese subtile Unterscheidung kann hier nicht weiter gewürdigt werden (für Details s. Dornes 2004 und hier Kapitel 5).
[9]
Eine umfassende Diskussion dieses Problems würde weit über das hinausgehen, was hier geleistet werden kann. Es gibt nämlich Unterschiede zwischen a) sich selbst oder anderen Intentionen als mentale Gebilde zuschreiben und sich dieser Zuschreibung auch bewußt sein (wahrscheinlich ab vier Jahren); b) sich selbst oder anderen Intentionen als mentale Gebilde ohne explizites Bewußtsein zuschreiben (strittig, ob ab neun Monaten oder ab eineinhalb Jahren; eher letzteres); c) sich selbst oder andere als intentionale Subjekte erleben (wahrscheinlich ab neun Monaten); d) intentional kommunizieren (wahrscheinlich ab neun Monaten, eventuell früher); e) intentional handeln (wahrscheinlich ab Geburt). Ich gebe im folgenden eine unterkomplexe, rein intuitive Darstellung.
[10]
Die offene Frage ist, ob dieses Haben einer Intention für den Säugling schon damit einhergeht, sich als intentionales Subjekt zu erleben.
[11]
Es bleibt ein weiterer Vorbehalt: Ob der Säugling – selbst wenn er Absichten auf irgendeinem rudimentären Niveau und in irgendeiner rudimentären Gestalt hat – auch (unbewußte?) Erstickungs- oder Zerstörungsabsichten hat, scheint mir letztlich eine mit empirischen Mitteln nicht mehr klärbare Frage (s. Dornes 1997, S. 257ff.).
[12]
In diesem Sinne unterscheidet Zima (2000, S. 389) zwischen intersubjektiver und interkollektiver Überprüfung. Die entscheidende Frage lautet: »Welche Theoreme, die intersubjektiv innerhalb einer Wissenschaftlergruppe überprüft wurden, gelten auch interkollektiv, d.h. zwischen
