Die Multipersonelle Gesellschaft - Andreas Kraniotakes - E-Book

Die Multipersonelle Gesellschaft E-Book

Andreas Kraniotakes

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Beschreibung

Der Autor betrat mit der Konzeption einer eigenen Gegenwartsdiagnose im Jahr 2009 ein nicht unumstrittenes Feld. Dieses für seine erste wissenschaftliche Publikation zu wählen, zeugt von seinem Hang, sich Herausforderungen zu stellen. Obwohl es ein wissenschaftliches Werk ist, gelten doch für diesen Spezialbereich der Soziologie eigene Regeln. Diese verknüpft der diplomierte Pädagoge jedoch geschickt zu einem gelungenen theoretischen Konstrukt, welches einen aufschlußreichen Beitrag zu einer der wichtigsten Themen der Soziologie und Pädagogik leistet: Der Rollentheorie. Darüber hinaus behandelt der Autor in diesem Werk auch die Frage nach einem zeitgemäßen Verständnis der Identitätskonstruktion und plädiert für ein entsprechendes Verständnis.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

VORWORT

1 EINLEITUNG

2 ERSTER TEIL: GEGENWARTSDIAGNOSEN – DER WEG ZUR MULTIPERSONELLEN GESELLSCHAFT

2.1 Z

UM

V

ERSTÄNDNIS VON

G

EGENWARTSDIAGNOSEN

2.2 M

ODERNE

UND DANN

? I

N WELCHER

Z

EIT LEBEN WIR EIGENTLICH

?

2.3 D

IE GROßEN

W

EGBEREITER

2.3.1 Die Risikogesellschaft

2.3.2 Die Erlebnisgesellschaft

2.3.3 Die Multioptionsgesellschaft

2.4 E

NTSCHEIDENDE GESELLSCHAFTSTHEORETISCHE

E

RGÄNZUNGEN

2.4.1 Der Homo Medialis. Kommunikation in der Mediengesellschaft

2.4.2 Die gesellschaftliche Funktion des Körpers

2.4.3 Das »Wir-Problem« – eine aktuelle Diskussion des Individualisierungsirrtums

3 ZWEITER TEIL: MULTIPERSONALITÄT – SO ENTSTEHEN IDENTITÄTEN

3.1 E

IN KRITISCHER

B

EGRIFF

3.2 I

DENTITÄT

EINE

E

INFÜHRUNG

3.3 D

IE

U

NZULÄNGLICHKEIT MODERNER

I

DENTITÄTSKONSTRUKTIONEN

3.3.1 Prämoderne Identitätsbildung

3.3.2 Zu Modernen Vorstellungen der Identitätsbildung

3.3.3 Ein zeitgemäßes Konzept der Identitätskonstruktion

4 DRITTER TEIL: ANWENDUNG DER MULTIPERSONELLEN GESELLSCHAFT AUF DIE ROLLENTHEORIE

4.1 E

NTSTEHUNG UND

S

TATUS DER

R

OLLENTHEORIE INNERHALB DER

S

OZIOLOGIE

4.2 G

RUNDLEGENDE

B

EGRIFFE DER

R

OLLENTHEORIE

4.2.1 Status und Position

4.2.2 Soziale Rollen, Rollenattribute und Rollenerwartungen

4.2.3 Exkurs: positiv sanktionierte Non-Konformität – Wird Devianz zum Normalverhalten?

4.2.4 Rollenzuweisung und Rollenwahl

4.3 O

FFENLEGUNG PERSPEKTIVISCHER

I

NTERPRETATIONSMÖGLICHKEITEN AM

B

EISPIEL DER

R

OLLENKONFLIKTE

4.4 Z

USAMMENFASSUNG DER GESAMMELTEN ROLLENTHEORETISCHEN

E

RKENNTNISSE

5 RESÜMEE: POTENTIALE DER MULTIPERSONELLEN GESELLSCHAFT

LITERATURVERZEICHNIS

Vorwort

Die Idee zur Konzipierung einer eigenen Gegenwartsdiagnose entstand im Rahmen eines Seminars mit dem Titel: „In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich?“Ausschlaggebend war in diesem Zusammenhang die Erfahrung, dass sich ein erheblicher Anteil der Teilnehmer nicht den Milieustrukturen zuordnen ließ, die von der Erlebnisgesellschaft vorgeschlagen wurden. Wie jede Gesellschaftsdiagnose betont auch die Multipersonelle Gesellschaft bestimmte Aspekte, die ihr geistiger Schöpfer in seiner Zeit zu erkennen glaubt. Das Genre ist dabei, wie noch zu zeigen sein wird, nicht ohne Tücken. Aufgrund seines ‚spekulativen Charakters’ ist einerseits die Gefahr gegeben, mit dem Stempel der Unwissenschaftlichkeit versehen zu werden. Andererseits bieten sich auf diese Art theoretische Entfaltungsmöglichkeiten, die sonst wohl nur durch außerordentlich umfangreiche empirische Studien möglich wären. Die Wahl des Themenbereichs zeugt somit von einem bestimmten Wissenschaftsverständnis, aber auch von einem gewissen (Selbst-) Bewusstsein des Autors. Beides sollte mit der vorliegenden Arbeit begründet werden können. Sie entstand nicht nur aus gesamtgesellschaftlicher Sicht in turbulenten Zeiten, die ja auch sinngebend für die Konzeption der vorliegenden Theorie sind. Auch die persönlichen Lebensumstände des Autors waren von Unregelmäßigkeiten und einschneidenden Veränderungen geprägt. Letztlich gründet wohl darin die Motivation, die Multipersonelle Gesellschaft in dieser Form zu fixieren. Jeder Versuch, die Gesellschaft zu analysieren, ist notgedrungen stark davon abhängig, wie Gesellschaft aufgefasst, wie sie verstanden wird. Jene Gesellschaft, die einen umgibt, zu verstehen, ist jedem Menschen ein Bedürfnis – in manchen Zeiten mehr und in anderen weniger. Dieselben Probleme, die sich dem Verständnis der Gesellschaft im Alltag entgegenstellen, präsentierten sich auch bei dem Versuch, die Multipersonelle Gesellschaft unter wissenschaftlichen Kriterien zu erfassen und in Worten festzuhalten. Immer wenn jener Moment abzusehen ist, an dem das Gefühl eintritt, alle Gegebenheiten seien begriffen und in die rechten Zusammenhänge gebracht, stellt sich heraus, dass in Wirklichkeit alles anders ist. TENBRUCK, der mit seiner Kritik zur Rollentheorie einen großartigen Beitrag zu dieser Arbeit leistet, kann dem wissenschaftlichen Neuling, der stets von der Angst begleitet sein muss, eventuell nicht alle relevanten Variablen bedacht zu haben, im Hinblick auf seine eigenen Kritiker ein wenig beruhigen:

„Eine wissenschaftliche Arbeit setzt, wenn sie nicht zum Kompendium aufquellen soll, sicher einen Leser voraus, der ‚sinngemäß’ zu lesen und so auch zu ergänzen, ja zu korrigieren versteht.“ (TENBRUCK 1961, S. 30)

Es ist demnach zu erwarten, dass das Gefühl das mit der Fertigstellung dieser Arbeit einhergeht, dasselbe ist, das sich auch bei allen folgenden wissenschaftlichen Beiträgen des Autors einstellen wird: Es bleibt das Wissen darum, etwas geschaffen (und geschafft) zu haben. Aber auch das Bewusstsein, dass das Geschaffene selbst wenn es für das Hier und Jetzt Gültigkeit besitzen sollte, immer noch etwas besser hätte sein können. Und – aufgrund des Umstandes, dass die Erkenntnisse auf einer Gegenwartsdiagnose beruhen – die Gewissheit, dass in absehbarer Zeit schon wieder alles ganz anders sein wird.

1 Einleitung

„Wahrscheinlich sind alle Menschen, wenn sie erst sozialisiert sind, latente ‚Verräter an sich selbst’. Die psychische Schwierigkeit dieses Verrats wird jedoch größer, wenn entschieden werden muß welches ‚Selbst’ von Fall zu Fall verraten werden soll.“ (BERGER/LUCKMANN 2004, S. 181)

Mit diesem Zitat von PETER BERGER und THOMAS LUCKMANN als Einführung in dieses Einleitungskapitel bekennt sich diese Arbeit schon früh zu ihrer wissenssoziologischen Perspektive. Ein Verständnis ihrer Inhalte setzt somit auch die Bereitschaft des Lesers voraus, sich auf diese soziologische Denkweise einzulassen. Es soll jedoch ein weiteres Feld soziologischer Forschung sein, auf dem sich alle folgenden Erkenntnisse bewegen werden. Wie der Titel bereits verrät, soll eine Gesellschaftsdiagnose gewagt werden. Daraus folgt die Grundannahme, ohne die ein solches Unterfangen nicht denkbar wäre: Es gab entscheidende und grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, die auf Theorieebene nicht vernachlässigt werden dürfen (vgl. SCHULZE 1987, S. 105). Hauptziel dieser Arbeit soll daraus abgeleitet die Darstellung einer gesellschaftstheoretischen Perspektive sein, die in dieser speziellen Ausprägung noch nicht vorzufinden ist. Dabei wird die Frage nach den Besonderheiten, die sich für den einzelnen gesellschaftlichen Akteur ergeben, im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stehen. Schließlich wird eine besondere Handlungslogik der Gegenwart skizziert werden, die helfen wird, die Handlungen der Individuen, die in der Multipersonellen Gesellschaft leben, zu erklären – vielleicht sogar bis zu einem gewissen Teil voraussagbar zu machen. Die unterstellten Besonderheiten der Gegenwart beschreibt HEINER KEUPP, dessen Überlegungen sich noch als grundlegend für weite Teile dieser Arbeit erweisen werden, in folgendem Zitat:

„Es hat sich ein tiefgreifender Wandel von geschlossenen und verbindlichen zu offenen und zu gestaltenden sozialen Systemen vollzogen. Nur noch in Restbeständen existieren Lebenswelten mit geschlossener weltanschaulich-religiöser Sinngebung, klaren Autoritätsverhältnissen und Pflichtenkatalogen. Die Möglichkeitsräume haben sich in einer pluralistischen Gesellschaft explosiv erweitert. In diesem Prozeß stecken enorme Chancen und Freiheiten, aber auch zunehmend Gefühle des Kontrollverlusts und wachsende Risiken des Mißlingens.“ (KEUPP 2008, S. 55)

Sicherlich ist es bereits in der Vergangenheit den Autoren einiger Gesellschaftsdiagnosen gelungen, einzelne Aspekte dieser Theorie darzustellen. Ihre Daseinsberechtigung soll sie gerade dadurch erhalten, dass sie die entscheidenden Perspektiven aus ihnen zusammenfasst und durch die ergänzende Darstellung eigener Beobachtungen dafür sorgt, dass sie schlussendlich mehr als die Summe ihrer Teile ausmacht. Nachdem die Besonderheiten des soziologischen Genres der Gegenwartsdiagnosen erläutert worden sind, werden zunächst drei ‚klassische’ Theorien unter unserem Focus vorgestellt. Beginnen werden wir mit der »Risikogesellschaft« BECKS, die alleine schon aufgrund der präzisen Erfassung von Risiken, die bis zu ihrer Erscheinung gesamtgesellschaftlich vernachlässigt wurden, zu den ‚großen’ Gesellschaftsdiagnosen gezählt werden muss. Wir wollen mit ihrer Hilfe den Risikoaspekt mit all seinen Komponenten einführen. Eine herausragende Rolle wird dabei der neu entstandene Aspekt des ‚Risiko-auf-sich-Nehmens’ spielen, den wir später als »Entscheidungsproblem« bezeichnen werden.

Auf dieser Basis wird SCHULZES »Erlebnisgesellschaft« als zweite klassische Theorie erläutert. An dieser Stelle werden wir eine gesteigerte Erlebnisorientierung nachweisen, die sich seit der Veröffentlichung von SCHULZES Arbeit sogar noch intensiviert hat. Sie hat jedoch unserer Konzeption noch weitere ausschlaggebende Aspekte hinzuzufügen. Als besonders relevant werden in diesem Zusammenhang die Milieus angeführt, die eine ‚optimistische’ Perspektive auf die gesellschaftliche Entwicklung der Individualisierung zulassen. Dabei wird gezeigt werden, dass sich jene Vergemeinschaftungsstrukturen in der Multipersonellen Gesellschaft noch weiter in Richtung »Pluralisierung« entwickelt haben und es gleichzeitig zu einer gesteigerten »Fluktuation« der Mitglieder gekommen ist. Auch SCHULZES Ansichten zum »persönlichen Stil«, die er im Anschluss an seine Gegenwartsdiagnose nochmals separat erläutert hat, werden dem angestrebten Verständnis der Auswirkungen aktueller gesellschaftlicher Veränderungen auf den Einzelnen und sein zu erwartendes Handeln zuträglich sein. Insbesondere der dadurch offen gelegte Anspruch jedes Individuums, sich eine »ästhetische Identität« zu schaffen, wird in seinen weit reichenden Konsequenzen beschrieben. Mit der von PETER GROSS entwickelten »Multioptionsgesellschaft« wird anschließend die dritte große gesellschaftsdiagnostische Konzeption in unsere Theorie aufgenommen. Durch sie wird der »Realisierungsdruck«, ein weiterer essentieller Begriff der Multipersonellen Gesellschaft, eingeführt. Verstehen werden wir darunter die Umsetzungsmöglichkeiten, die sich aus der »Steigerungslogik« der Moderne entwickelt haben, aber insbesondere auch den mit ihnen verbundenen Zwang zur Umsetzung dieser »multiplen Optionen«. Dieser Zwang wird gleichsam noch intensiviert durch das von GROSS herausgearbeitete »Orientierungsproblem«. Ihm zufolge ist die Anzahl der Optionen auf ein Maß angestiegen, das die Orientierung in der Gesellschaft, die sich insbesondere durch den Prozess des Auswählens kennzeichnen lässt, kaum mehr möglich macht.

Aufbauend auf den drei klassischen1 Konzepten werden im letzten Teil des ersten Abschnitts weitere gesellschaftstheoretische Gedanken ergänzt. Spätestens an dieser Stelle sollten schließlich die Grundzüge der Multipersonellen Gesellschaft erkennbar sein. Zunächst wird zu diesem Zweck die »Mediengesellschaft« dargestellt. Während der Darlegung dieser insbesondere auf SEBASTIAN KOMBÜCHENS Gedankengänge zurückführbaren Überlegungen wird deutlich werden, dass es dabei unerlässlich ist, gleichsam auch die »Kommunikationsgesellschaft« mit zu bedenken. Ziel ist es, ein Bild des »Homo Medialis« zu entwerfen, der sich aufgrund der »Kommunikationsexplosion« und der mit ihr verbundenen Weiterentwicklung der Medienlandschaft mit immer neuen Konstruktionen von Wirklichkeit konfrontiert sieht. Ein besonderes Potential, diese Annahmen zu verdeutlichen, wird dabei der Darstellung einiger Entwicklungen des Internets zugesprochen, welches gleichzeitig als höchste Entwicklungsstufe der Massenmedien angesehen werden kann und damit an der Spitze der beschriebenen »Medienevolution« steht. Während wir einerseits versuchen, die ‚Verschmelzung’ der realen Welt mit der virtuellen Welt des Internet zu belegen, werden gleichzeitig bereits bestehende Bewältigungsstrategien bezüglich dieser neuen Wirklichkeits-Optionen aufgezeigt.

Eine sehr markante und damit für die Multipersonelle Gesellschaft überaus relevante Entwicklung kann vor diesem Kontext in der veränderten Funktion gesehen werden, die dem menschlichen Körper innerhalb der Multipersonellen Gesellschaft zugeschrieben wird. Somit schließt an die Darstellung der Mediengesellschaft der Versuch an, jene Funktionen zu bestimmen und die Folgen für die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen abzuschätzen. Dabei kommt es zur Darstellung einer Paradoxie: der »Entkörperlichung«, also der Loslösung vom eigenen Körper einerseits, und der »Körperthematisierung«, also dem gleichzeitigen Zugewinn der Wichtigkeit des eigenen Körpers andererseits. Aufbauend auf diesen Überlegungen werden so weitere Möglichkeiten identifiziert, die dem einzelnen Individuum zur Verfügung stehen, seinen eigenen Stil (SCHULZE)zum Ausdruck zu bringen, was sich gegenwärtig insbesondere in der Ausprägung verschiedener Identitäten äußert. Bevor die theoretische Möglichkeit dieser veränderten Identitätskonstruktion im zweiten Abschnitt dieser Arbeit aufgezeigt wird, soll es zuvor jedoch noch zu einem sinnvollen Abschluss des ersten Teils kommen.

Bei dieser Gelegenheit soll gezeigt werden, dass es auch in der Multipersonellen Gesellschaft zu Vergemeinschaftungsprozessen kommt, selbst wenn sie sich durch ein extremes Maß an Individualisierung auszeichnet. Wir wollen demgemäß den bereits von SCHULZE für seine Zeit aufgelösten Individualisierungsirrtum unter den Gesichtspunkten der heutigen Gesellschaft diskutieren. Als ein Ergebnis dieser Diskussion wird die Erkenntnis angestrebt, dass sich zwar Individualisierung und solidarische Bezogenheit nicht gegenseitig ausschließen müssen, die zuvor beschriebenen Entwicklungen jedoch zu einer gesteigerten Wechselhaftigkeit von sozialen Beziehungen geführt haben. Hier wird nicht zuletzt das Konzept der Ehe als zeitgemäße Form der sozialen Beziehung in Frage gestellt. Die Erfassung gesellschaftlicher Besonderheiten der Gegenwart soll damit auch einen Abschluss finden. Wenn es auch vielleicht nicht der gängigen Praxis entspricht, so soll erst im zweiten Abschnitt der Arbeit die prinzipielle Möglichkeit der Multipersonalität bewiesen werden, die unserer Konzeption zugrunde liegt. Dazu empfiehlt sich eine sozial-psychologische Sichtweise, die durch die Konzeption ERIK ERIKSONS repräsentiert wird. Dabei wird zunächst versucht werden, den grundlegenden Begriff unserer Gegenwartsanalyse als problematischen »Hybridbegriff« transparent zu machen. Aufgrund mangelnden Platzes werden wir nicht umhinkommen, an einigen Stellen Vereinfachungen vorzunehmen. Nichtsdestoweniger gründet die vorliegende Theorie auf der Annahme, dass sich diese Position in einem größeren Rahmen ausführlich theoretisch rechtfertigen ließe. Einen großen Dienst erweist ihr diesbezüglich HEINER KEUPP, dessen Erkenntnisse nicht nur diesen zweiten Abschnitt der Arbeit maßgeblich beeinflussen. Sie sind vielmehr grundlegend für unser gesamtes Vorhaben. Mit seiner Hilfe – so hoffen wir – wird es im Zuge dieses zweiten Abschnitts gelingen, einen Irrtum in der Konzeption ERIKSONS aufzuzeigen. Dieser wird durch die Annahme vertreten, die Identitätsbildung sei nach der Adoleszenz abgeschlossen. Erst wenn diese Fehleinschätzung beseitigt ist, kann für den Begriff der Multipersonalität auch unter den Gesichtspunkten der Identitätsforschung ein Daseinsanspruch begründet werden. Die diesbezüglich zu beweisende Behauptung ist, dass ERIKSON der in den Sozialwissenschaften allgegenwärtigen Gefahr zum Opfer gefallen ist, besondere Gegebenheiten der eigenen Zeit für grundlegende Eigenschaften seines Untersuchungsgegenstandes zu halten. Gemäß dieser Vorgehensweise wird die Identitätsbildung in drei verschiedenen zeitgeschichtlichen Epochen erläutert werden: der Prämoderne, der Moderne und der Gegenwart. Im Laufe der Argumentation sollte es gelingen, das ungewöhnliche Vorgehen zu rechtfertigen, die Begriffsklärung nicht an den Anfang der Theorie gestellt zu haben. Das zeitgemäße Verständnis vom Vorgang der Identitätskonstruktion durch den gesellschaftlichen Akteur wird dabei insbesondere durch den Umstand beeinflusst, dass eine als ‚gut’ empfundene Identität nicht länger durch »Konsistenz« geprägt ist. Sie darf und muss sich vielmehr durch Wechselhaftigkeit auszeichnen. So wird es letztlich möglich, unsere Grundannahme zu beweisen, dass moderne Individuen nicht nur über eine Identität verfügen, sondern über ein »Set von Identitäten«, die u.a. deren persönlichen Stil widerspiegeln. Die Aufgabe der Gesellschaft wäre es in diesem Zusammenhang, ihren Akteur im Zuge der Sozialisation mit denjenigen Fertigkeiten auszustatten, die es ihm ermöglichen, die notwendigen Identitäten auszuprägen und bei Bedarf der Situation entsprechend einzusetzen, um die »Krisenhaftigkeit des Alltags« bewältigen zu können, die durch die besonderen Gegebenheiten der Gegenwartsgesellschaft entstanden ist.2

Im dritten und letzten Abschnitt dieser Arbeit wird das so entstandene Konzept auf eine soziologische Theorie angewendet. Als Anwendungsbeispiel zur Übertragung der herausgestellten Erkenntnisse haben wir die Rollentheorie gewählt. Da diese zu einer der populärsten Theorien der Sozialforschung gezählt werden kann, möchte sich die vorliegende Arbeit nunmehr auch in diese soziologische Tradition einreihen.3 Unsere Perspektive wird damit dahingehend erweitert, dass wir nunmehr die Frage danach im Blick haben, wie sich die Besonderheiten der Gegenwartsgesellschaft auf die Erwartungen auswirken, die sie an ihre Mitglieder transportiert. Anhand der in diesem Abschnitt gemachten Anpassungen wird dementsprechend das theoretische Potential der vorgestellten Gegenwartsdiagnose veranschaulicht. Auch an dieser Stelle wird es nicht möglich sein, alle rollentheoretischen Aspekte grundlegend zu erläutern. Anhand der Darstellung der Grundbegriffe »Position«, »Status« und »soziale Rolle« sowie der Beschreibung der »Rollenzuweisung« und »Rollenwahl« werden jedoch bereits erste Ansätze erkennbar, die das Potential und die Notwendigkeit der Anpassung der Rollentheorie unter den Gesichtspunkten unserer Gegenwartsdiagnose hervorzuheben versuchen. Ausgangs- und ständiger Referenzpunkt wird dabei der von RALF DAHRENDORF ausgebildete rollenspielende Mensch der Soziologie sein: der »Homo Sociologicus«. Während seine Konzeption als grundlegend für die Auseinandersetzung mit der Rollentheorie in Deutschland herausgestellt wird, kommen wir nicht umhin, auch DAHRENDORFS Erkenntnisse anzupassen. Ein besonderer Kritikpunkt ist dabei das von ihm unterstellte Machtverhältnis der Gesellschaft zum Individuum. Natürlich wird nicht versucht werden zu widerlegen, dass Rollen Erwartungen sind, die seitens der Gesellschaft an den Einzelnen herangetragen werden. Vor dem Hintergrund der an dieser Stelle der Arbeit ja bereits vorliegenden Gegenwartsdiagnose wird es jedoch möglich sein zu zeigen, dass nicht nur die Verbindlichkeit jener Erwartungen nachgelassen hat, sondern auch die Endgültigkeit der gesellschaftlichen Zuschreibungsprozesse von »Positionen« heute nicht mehr als unwiderruflich betrachtet werden darf. Obgleich sich diese und weitere Erkenntnisse durch die Anwendung unserer Gegenwartsdiagnose auf die Rollentheorie ergeben, wird nicht darüber hinweggetäuscht, dass es sich dabei immer um Resultate handeln muss, die stark von der eingenommenen Perspektive abhängen. Um diese Transparenz zu erzeugen, werden »Rollenkonflikte« dargestellt und ihre Entwicklung unter Verwendung zweier konträrer Perspektiven interpretiert werden. Da sich aus diesen Überlegungen auch Möglichkeiten ergeben, die Besonderheiten der Multipersonellen Gesellschaft als Zugewinn an Freiheit zu interpretieren, wird es im Resümee auch zur Diskussion dieser Interpretationsmöglichkeit kommen. Am Ende dieser Arbeit wird es demzufolge möglich sein, die Frage danach zu beantworten, was die Theorie der Multipersonellen Gesellschaft auf theoretischer Ebene, aber auch ihrem zugrunde gelegten Erkenntnisinteresse gemäß für das Individuum leisten kann.

1 Die betreffenden Gegenwartsdiagnosen zeichnen sich auf die verschiedensten Arten aus. Sei es durch die Einführung einer längst überfälligen Perspektive (BECK), dass sie sehr häufig rezipiert wurden und andere Theorien auf ihnen aufbauen (SCHULZE), oder durch ihre extreme Relevanz für unsere Konzeption (GROSS). Somit erscheint ihre Bezeichnung als »klassische Gegenwartsdiagnosen« gerechtfertigt.

2 Die betreffenden Gegenwartsdiagnosen zeichnen sich auf die verschiedensten Arten aus. Sei es durch die Einführung einer längst „Selbstbestimmung, die Abnabelung von Autoritäten, war schon immer ein Privileg der Jugend. Doch heute werden junge überfälligen Perspektive (BECK), dass sie sehr häufig rezipiert wurden und andere Theorien auf ihnen aufbauen (SCHULZE), oder durch ihre extreme Relevanz für unsere Konzeption (GROSS). Somit erscheint ihre Bezeichnung als »klassische Gegenwartsdiagnosen« gerechtfertigt.

2 „Selbstbestimmung, die Abnabelung von Autoritäten, war schon immer ein Privileg der Jugend. Doch heute werden junge Menschen in eine Freiheit entlassen, in der es Millionen von Lebenswegen gibt – aber keine tauglichen Wegweiser.“ (ENGLISCH 2001, S. 150)

3 Natürlich ist die Bedeutung der Theorie für die Soziologie nicht unumstritten. DAHRENDORF behauptet „daß der Begriff der sozialen Rolle sich als Elementarkategorie quasi »aufdränge« und daher für die Soziologie von zentraler Bedeutung sei. Da sich Rollen aus sozialen Erwartungen bzw. Normen ableiten lassen, dürfte man mit dem Rollenbegriff nur eine Teilklasse bestimmter Erwartungen ansprechen, so daß andere Kategorien, eben die genannten Normen und Erwartungen, von zentraler Bedeutung sind. Am Gegenpol behaupten COULSON (1972) oder OPP (1972), daß es sich beim Rollenbegriff um einen überflüssigen oder gar irreführenden Terminus handle, da man gewöhnlich nicht genau bestimmen könne, welche Erwartungsmengen jeweils als zusammengehörig empfunden und als Rollen konstituierend angesehen werden.“ (WISWEDE 1977, S. 15)

2 Erster Teil: Gegenwartsdiagnosen – Der Weg zur Multipersonellen Gesellschaft

„Eine Gesellschaft bleibt nicht auf einer Entwicklungsstufe stehen, sondern sie macht einen ständigen Wandel durch, der sich mal schneller und mal langsamer vollzieht,“ (KOMBÜCHEN 1999, S, 33)

Wie bereits angedeutet, gleicht der Weg zur Multipersonellen Gesellschaft nicht immer einer gut ausgeschilderten, mehrspurigen Autobahn. Ein Verständnis davon zu erlangen, was sie ausmacht, verlangt, dass wir uns diverser Vehikel bedienen, denn es gilt verschiedenste Untergründe zu überwinden. Einige der Pfade, auf die es uns verschlagen wird, sind ausgetreten, und schnell offenbart sich, wohin sie uns führen. Andere Pfade gilt es sich durch unzugängliches Dickicht zu bahnen. Die Gesellschaftsdiagnosen4 stellen das erste Areal dar, in das wir uns nun vorwagen möchten. Eine besonders nützliche Orientierungshilfe stellt dabei die Arbeit von UWE SCHIMANK und UTE VOLKMANN dar. In dem im Jahr 2000 von ihnen herausgegebenen Buch „Soziologische Gegenwartsdiagnosen I“ bieten sie eine gelungene Einführung in den Themenbereich. Da es sich beim Genre der Gegenwartsdiagnosen um einen soziologischen Spezialfall handelt, präsentieren SCHIMANK und VOLKMANN ein Einleitungskapitel, das eine angemessene Interpretation der vorgestellten Analysen durch den Leser ermöglicht. Diesem Beispiel folgen wir zunächst einmal im nachstehenden Abschnitt. Anschließend werden die für die Konzeption der Multipersonellen Gesellschaft entscheidenden Vorgängeranalysen vorgestellt.

2.1 Zum Verständnis von Gegenwartsdiagnosen

Zeitungsleser nehmen es ohne Weiteres hin, wenn in Überschriften die ‚Ellenbogengesellschaft’ angeprangert wird. Dank der Psychologie wissen wir um unsere Gefangenschaft in der ‚Leistungsgesellschaft’. Politiker versuchen uns klar zu machen, dass wir in einer ‚Wegwerfgesellschaft’ leben. Lehrer und Eltern beklagen, die Jugend sei der ‚Konsumgesellschaft’ zum Opfer gefallen (und besitzen wahrscheinlich gleichzeitig selbst mehr Fernsehgeräte, als sie Augen haben). Welche dieser Gesellschaftsbeschreibungen ist nun die passende? Oder leben wir etwa in mehreren Gesellschaften? Die Antwort führt zu einem der entscheidenden Grundprinzipien, die eigentümlich sind für Gesellschaftsdiagnosen: Sie alle betonen bestimmte Aspekte, die ihren theoretischen Schöpfern besonders bedeutsam erscheinen. Es ist dabei klar, dass sich der Alltag beispielsweise der „McDonaldisierten“ (RITZER 1997) Gesellschaft nicht nur und ausschließlich um Fast Food drehen kann. Ihr Charakter birgt von Beginn an einen spekulativen Aspekt. Somit ist jede Gegenwartsdiagnose auch eine starke Vereinseitigung (vgl. SCHIMANK 2000, S. 19). Trotzdem ist es durchaus Bestandteil der Zielsetzung des Genres, den Zustand der Gesamtgesellschaft zu skizzieren.5 Die Wahl des jeweiligen Schwerpunktes ist stark vom entsprechenden Autor und seinen persönlichen Motiven abhängig. Manche wollen, wie beispielsweise ULRICH BECK mit seinem Begriff der Risikogesellschaft, vor gefährlichen und bisher übersehenen oder unterschätzten gesellschaftlichen Entwicklungen warnen.6 Der »soziale Wandel«7 wird analysiert und soll entsprechend beeinflusst werden. In diesem Kontext offenbart sich auch eine Gefahr, die SCHIMANK angemessen zu beschreiben weiß:

„(...) [G]erade weil hinter soziologischen Gegenwartsdiagnosen häufig auch eine intensive persönliche Betroffenheit steht, (...) unterlaufen einem besonders leicht Wertungen, die dann die Analyse verzehren können. In zeitlicher Hinsicht schließlich folgt aus der Einseitigkeit und Werturteilsbehaftetheit soziologischer Gegenwartsdiagnosen, dass sie für alle von Karl Popper (1957) herausgestellten Gefahren des ‚Historizismus’ anfällig sind.“ (ebd.)

Unter den gängigen Richtlinien soziologisch-wissenschaftlichen Arbeitens betrachtet, sind Gegenwartsanalysen von ihrer Anlage her dementsprechend bereits problembehaftet. Diese Angelegenheit wird noch prekärer, wenn bedacht wird, dass die Soziologie zwar eine Erfahrungswissenschaft ist, Gegenwartsdiagnosen sich jedoch nur selten auf eigene empirische Untersuchungen stützen. Der Großteil von ihnen weist „einen unverkennbaren spekulativen Überhang auf, bezieht also seine Überzeugungskraft letztlich eher aus theoretischen Plausibilisierungen und Extrapolationen. Manche Kritiker gegenwartsdiagnostischer Bemühungen sehen darin einen Generaleinwand.“ (ebd., S. #page_17) Ihnen ist zu entgegnen, dass es die Gegenwartsanalysen aufgrund ihrer Anlage ermöglichen, aktuellen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Sie stellen somit eine notwendige Ergänzung des wissenschaftlichen Repertoires soziologischer Forschung dar und dürfen nicht ausschließlich für sich, sondern müssen im gesamtwissenschaftlichen Kontext betrachtet werden.

Wie gezeigt werden konnte, ist Vorsicht geboten im Umgang mit diesem Genre. Gerade weil es der Spekulation Raum geben will, steigt die Anfälligkeit (auch dieser Arbeit) für die Kritik jener, die besonderen Wert auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards legen. Um die Konzeption der Multipersonellen Gesellschaft nicht von vornherein ad absurdum zu führen, muss davon ausgegangen werden, dass SCHIMANK mit seiner Annahme Recht hat, nach der es lediglich darauf ankommt, alle notwendig spekulativen Einschätzungen durch theoretische Plausibilität kontrollieren zu können (vgl. ebd.). Alle Ausführungen dieser Arbeit sollen diesem Bewusstsein Rechnung tragen. Dort, wo es zur Erläuterung des Gemeinten notwendig und angebracht erscheint, werden unüberprüfte Erkenntnisse herangezogen. Es wird dabei versucht, sie so zu wählen, dass die theoretischen Überlegungen für den Leser stets im gesellschaftlichen Alltag wiederzuerkennen sind. Unter diesen Vorgaben zeichnet sich ein besonders gelungenes Beispiel dadurch aus, dass die aufgezeigte Situation dem Leser vertraut vorkommt, er sie selbst schon erlebt hat oder das Aufgezeigte ihm selbst bereits als bemerkenswert aufgefallen ist. Das Defizit an empirischen Datensätzen soll, dem Genre gemäß, mit der Evidenz der Alltagserfahrung ausgeglichen werden. Um im gewünschten Umfang Handlungsfähigkeit zu erlangen, ist dieses Vorgehen unumgänglich.

Um Gegenwartsanalysen anhand ihres analytischen Abstraktions-grades in die soziologische Forschung einzuordnen, kann gesagt werden, dass sie „analytisch abstrakter als Untersuchungen einzelner Gesellschaften, aber konkreter als generelle Gesellschaftstheorien“ (ebd., S. 16) sind. Alle in dieser Arbeit genannten Gesellschaftsanalysen (und die Arbeit selbst) beanspruchen für sich, dass sich die getätigten Aussagen oder vergleichbare Phänomene und Entwicklungen global zumindest als Tendenz vorfinden lassen (vgl. ebd., S. 15). Möchte man die soziologischen Gegenwartsdiagnosen in den gesellschaftlichen Gesamtdiskurs einordnen, so stellen sie ihre ‚Lesarten des Heute und Morgen’ konkurrierenden Lesarten aus anderen Sozialwissenschaften und journalistischen Reflexionen sowie politischen Programmschriften entgegen. „Soziologische Gegenwartsdiagnosen tragen also im Konzert mit solchen anderen Deutungsangeboten dazu bei, dass die gesellschaftliche Selbstverständigung darüber, wo wir mittlerweile angekommen sind und wohin es mit uns noch führen kann, nicht abreißt.“ (ebd., S. 17)

Letztlich bleibt zu bedenken, dass es, selbst wenn man von allen nicht-soziologischen Zeitdiagnosen absieht, zu einem bestimmten Zeitpunkt niemals bloß eine einzige Lesart des Hier und Jetzt geben wird. „Die Soziologie spricht in diesem Genre ebenso wenig wie in ihren anderen Betätigungsfeldern mit einer Zunge.“ (ebd., S. 14) SCHIMANK merkt zudem kritisch an, dass eine soziologische Gesellschaftsdiagnose nicht nur „eine bloße Verdopplung“ dessen sein sollte, was „die nicht-soziologische Gesellschaftsbeobachtungen ebenfalls schon erkannt [haben]“. In diesen Fällen wird es also bedeutsam, „den Phänomenen wichtige neue, noch unerkannte Seiten abzugewinnen“ (ebd., S. 18). Den drei Konzepten von ULRICH BECK, GERHARD SCHULZE und PETER GROSS dürfte dies zweifelsohne gelungen sein. Das ist auch der Grund, warum sie den Ausgangspunkt für unsere Theorie bilden sollen. Sie werden weiter unten erläutert.

Was ist es, das die Multipersonelle Gesellschaft alledem hinzuzufügen weiß? Welches ist die besondere Entwicklung auf die sie aufmerksam machen möchte, und wodurch zeichnet sich ihre Perspektive aus? Zunächst einmal ist es das Ziel dieser Arbeit, die wichtigsten Aspekte bisheriger Gegenwartsdiagnosen zusammenzufassen. Die Wichtigkeit der einzelnen Erkenntnisse bestimmt sich anhand der Frage, in welchem Maße sich die aufgezeigten Entwicklungen in der heutigen Zeit wiederfinden lassen. Damit das Konzept schließlich mehr als eine bloße Zusammenfassung ist, werden zudem noch Beobachtungen aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen hinzugefügt. Hierbei soll in erster Linie das Phänomen der Multipersonalität betont werden. Es geht also darum zu erläutern, wieso die heutige Gesellschaft ihren Akteuren die Ausbildung mehrerer verschiedener Identitäten abverlangt. Die Argumentationsstruktur, die wir verwenden wollen, orientiert sich an den meisten Stellen an gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen. An anderen kommen jedoch auch Beispiele vor, in denen das Verhalten von Jugendlichen beschrieben wird. Dieser Vorgehensweise liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Jugend eine besondere Entwicklungsphase darstellt und Jugendliches Verhalten dementsprechend immer auch ein wenig abweichendes Verhalten beinhaltet. Andererseits ist die Jugend auch eine Zeit, in der die gesellschaftlichen Akteure noch nicht so angepasst und dementsprechend offener für die besonderen Gegebenheiten ihrer Zeit sind. Das macht Jugendliche auch zu guten Indikatoren für die Entwicklung der Gesellschaft, denn letztlich sind sie die Erwachsenen von Morgen.

„Im Unterschied zu manchen Klageliedern, die Veränderungen von Lebensformen und die sich begleitenden Wertumorientierungen bei Jugendlichen als Wertverfall beurteilen, lese ich die sich neu und manchmal als experimentelle Suchbewegungen manifestierenden Werthaltungen als Booten und Potential zukunftsfähiger Lebensstile. Viel ist ja schon gewonnen, wenn wir die Lebensprobleme von Kindern und Jugendlichen als Seismogramm für den gesellschaftlichen Umbruch zu deuten gelernt haben und nicht nur als individuelle Defizite, die wir möglichst schnell zum Verschwinden bringen wollen. Aber noch mehr ist gewonnen, wenn wir diese Haltung auch in Bezug auf Lösungsversuche einnehmen und diese nicht nur als Abweichung von uns gewohnten und wichtigen Werten ansehen, sondern als Keime und Potentiale zukunftsfähiger Wertprofile. Der Wertekanon für das nächste Jahrhundert wird wohl nicht mit den Vorräten auskommen, die die hinter uns liegenden Jahrhunderte akkumuliert haben.“ (KEUPP 2000, S. 11)

2.2 Moderne – und dann? In welcher Zeit leben wir eigentlich?

Es gab schon viele Zeitalter in der Menschheitsgeschichte. Manchmal rufen ihre Namen in uns ganz bestimmte Assoziationen hervor – wie beispielsweise das ‚dunkle’ Mittelalter. Die Einteilung in verschiedene Zeitalter ermöglicht ein Verständnis der eigenen Geschichte. Doch in welchem Stadium befindet sich die Menschheit8 zu diesem Zeitpunkt, was sind die für sie typischen Charakteristika, und wie kam es zur Herausbildung eben dieser spezifischen Besonderheiten der Gegenwart? Der Versuch, diese Fragen unter wissenschaftlichen Kriterien zu beantworten, ist schwieriger, als es zunächst erscheinen mag. Ein Untersuchungsgegenstand ist nur sehr schwer objektiv zu beurteilen, wenn der Forscher von ihm persönlich betroffen ist. Zweifelsohne und ohne dass sich auch nur ein einziger Wissenschaftler davon freisprechen könnte, ist Betroffenheit bei diesem Versuch zwangsläufig gegeben. Zusätzlich erschwert die persönliche Perspektive – sprich: der Ort, von dem aus betrachtet wird – eine objektive Wahrnehmung. Niemand ist in der Lage, die Gesellschaft und die Zeit, in der er lebt, so zu beurteilen, als würde sie ihn nicht betreffen, als wäre sie nicht der Grund, warum er so ist, wie er nun einmal ist. Der Versuch, die Gesellschaft zu beschreiben, kann nicht außerhalb der Gesellschaft stattfinden (vgl. LUHMANN 1998, S. 16ff.). Es fehlt demnach an der oftmals notwendigen Distanz zum Untersuchungsgegenstand.

Kaum verwunderlich erscheint also, dass bereits kontrovers diskutiert wurde, ob die Moderne schon abgeschlossen ist – und falls ja, wie ihre Nachfolgerepoche heißen soll. In der Literatur lassen sich, meist abhängig von der individuellen Antwort der jeweiligen Autoren auf diese Frage, die verschiedensten Begriffe finden (Spätmoderne, Zweite Moderne, Nachmoderne, Postmoderne usw.). ANTONY GIDDENS geht davon aus, dass wir nicht in eine neue Periode der Postmoderne eintreten, sondern sich die Konsequenzen der Moderne nunmehr radikaler auswirken als bisher (vgl. GIDDENS 1995, S. 11). Dies kann schnell zu Verwirrungen führen. Und dem Leser drängt sich die Frage der Überschrift auf: In welcher Zeit leben wir eigentlich? Auch die Multipersonelle Gesellschaft kommt nicht umhin, eine