Die Multipolarisierung der Welt - Volker Perthes - E-Book

Die Multipolarisierung der Welt E-Book

Volker Perthes

0,0
21,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die weitgehend friedliche oder zumindest übersichtliche Weltordnung der langen 1990er Jahre ist Vergangenheit: Weder internationale Organisationen noch die vormalige alleinige Supermacht USA können heute militärische Konflikte wie in der Ukraine eindämmen. Der Westen wirkt gespalten. Neue Mächte betreten die Bühne, Handelskriege stellen exportorientierte Staaten wie die Bundesrepublik vor Probleme.

Volker Perthes, ehemaliger UN-Diplomat und langjähriger Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, bietet mit seinem Essay Einordnung und Überblick. Wir leben in einer von Multipolarisierung geprägten Zeit. Nach dem Kalten Krieg und der Pax Americana dominieren heute fünf starke Pole die Weltpolitik, neben den USA und China auch die EU, Russland und Indien. Regionale Mittelmächte, das zeigt Perthes an den Beispielen Naher Osten und Südostasien, können diese großen Akteure gegeneinander ausspielen und ihre eigene nahe Umwelt durchaus gestalten. In dieser Lage muss die EU ihre Handlungsfähigkeit stärken, wenn sie nicht zwischen anderen Polen polarisiert werden will.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover

Titel

Volker Perthes

Die Multipolarisierung der Welt

Ein geopolitischer Wegweiser

Suhrkamp

Impressum

Zur optimalen Darstellung dieses eBook wird empfohlen, in den Einstellungen Verlagsschrift auszuwählen.

Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

Um Fehlermeldungen auf den Lesegeräten zu vermeiden werden inaktive Hyperlinks deaktiviert.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026

Der vorliegende Text folgt der Originalausgabe, 2026

© Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg

Umschlagabbildungen: Wikimedia Commons

eISBN 978-3-518-78655-0

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Eine Frage der Ordnung? Macht und Polarisierung im internationalen System

Pole und Polaritäten

Geopolitisierung oder Rückkehr der Geopolitik

Teil I. Um Hegemonie und Ordnung: Die globalen Mächte

Macht- und Größenverhältnisse

1. Die USA: Selbstzweifel und Hybris in einer postamerikanischen Ordnung

Richtungswechsel und Kontinuitäten

Trump

s Welt …

… und was davon bleiben wird

2. China: Weltmachtaufstieg und Ungewissheit

Konnektivität und Ordnung in der Welt

Polarität und Einfluss

3. Russland: Verlust des Imperiums, multipolare Ambitionen

Postsowjetischer Retro-Imperialismus

Multipolarisierung statt Bipolarität

Der Ukraine-Krieg und Russlands Stellung in der Welt

Bleibt Russland ein globaler Pol?

4. Indien: Pol im Werden

Multi-Alignment und Geopolitik

Ordnungsvorstellungen

Herausforderungen: Innere Entwicklung und internationale Stellung

5. Europäische Union: Globaler Pol, unvollständige Weltmacht

Ein internationaler Akteur eigener Art

Geopolitische Herausforderungen und konzeptionelle Wende

Legitimität von innen und außen

Teil II. Sicherheit, Selbstbehauptung, Gelegenheiten: Regionale Machtdynamiken in einer multipolaren Welt

Weltbürger und Power-Player

6. Naher und Mittlerer Osten: Der Vorrang regionaler Geopolitik

Machtgewichte und Polaritäten

Der 7. Oktober und seine geopolitischen Folgen

Neu-altes Kräftefeld, neue Agenden

Konnektivität und Sicherheit

Die externen Akteure

Die multipolare Welt als Welt der Möglichkeiten

7. Afrika: Wettlauf der Mächte und Selbstbehauptung

Afrikas politische Geografie im Wandel

Großmachtkonkurrenzen: ein selektiver Wettlauf

Infrastruktur, Ressourcen und Sicherheit

Nahe Nachbarn

Russland, China und andere: Unordnung, Investitionssicherheit oder Entwicklung

Afrikas eigene Geopolitik

Erwartungen an eine multipolare Welt

8. Südostasien: »Freundschaft und Kooperation« in rauer Umgebung

Elf Freunde, kein Kapitän

Regionale Institutionenbildung und Normenexport

Regelgebundene Ordnung in multipolarer Realität?

Hierarchien, Ordnungen, Partnerschaften: Multipolarität als politische Herausforderung

Polarität und Ordnung

Mehr Optionen, weniger Verbindlichkeit: Was eine multipolare Welt verspricht

Globale Mächte, multipolare Aussichten

Regionale Konstellationen

Deutschland und Europa in der multipolaren Welt

Wettbewerbsfähigkeit und strategische Autonomie

Alliierte, Partner, Herausforderer

Partnerschaft mit dem globalen Süden

Koalitionen bilden

Europa nicht kleiner machen, als es ist

Internationale und innere Dynamiken

Anmerkungen

Einleitung

Teil I. Um Hegemonie und Ordnung: Die globalen Mächte

1. Die USA: Selbstzweifel und Hybris in einer postamerikanischen Ordnung

2. China: Weltmachtaufstieg und Ungewissheit

3. Russland: Verlust des Imperiums, multipolare Ambitionen

4. Indien: Pol im Werden

5. Europäische Union: Globaler Pol, unvollständige Weltmacht

Teil II. Sicherheit, Selbstbehauptung, Gelegenheiten: Regionale Machtdynamiken in einer multipolaren Welt

6. Naher und Mittlerer Osten: Der Vorrang regionaler Geopolitik

7. Afrika: Wettlauf der Mächte und Selbstbehauptung

8. Südostasien: »Freundschaft und Kooperation« in rauer Umgebung

Hierarchien, Ordnungen, Partnerschaften: Multipolarität als politische Herausforderung

Tabellarischer Anhang

Tabelle

 

1: Wirtschaftsleistung

Tabelle

 

2: Bevölkerung

Tabelle

 

3: Militärausgaben

Tabelle

 

4: Menschliche Entwicklung

Tabelle

 

5: Ausländische Studentinnen und Studenten

Personenregister

Weltkarte

Nordafrika-Karte

Abbildungsnachweis

Informationen zum Buch

Die Multipolarisierung der Welt

Eine Frage der Ordnung? Macht und Polarisierung im internationalen System

»The only certainty is more uncertainty.«

António Guterres (21. Januar 2022)1

Politische Entscheider und Entscheiderinnen müssen immer mit Ungewissheiten umgehen. Das gilt für Ereignisse und Entwicklungen im eigenen, heimischen Umfeld, erst recht aber für die internationale Politik, die im Mittelpunkt dieses Buches steht. Ich befasse mich mit der Welt als globalem und internationalem System in einer, wie oft gesagt wird, Phase des Umbruchs oder, in der deutschen Diskussion, Zeitenwende, mit der Struktur und strukturellen Verschiebungen im Staatensystem, mit Fragen von Kooperation und Konflikt, Krieg und Frieden, Interessen und Macht. Der Fokus wird dabei auf den Akteuren liegen, die Politik in einem zunehmend multipolar strukturierten internationalen Raum bestimmen.

Wir haben uns daran gewöhnt, vom »internationalen System« zu sprechen, wenn wir die Gesamtheit der Staaten und Gesellschaften und deren Beziehungen in den Blick nehmen. Im politischen Alltag ist oft nahezu synonym von der »internationalen Ordnung« die Rede, wobei dieser zweite Begriff sehr viel mehr auf all die Arrangements verweist, die eine halbwegs geregelte Interaktion von Staaten und nichtstaatlichen Akteuren aufrechterhalten oder überhaupt erst ermöglichen.2 Ordnung setzt Normen, Regeln und Institutionen voraus. Wenn die Begriffe in der politischen oder medialen Diskussion gelegentlich verschwimmen, liegt das unter anderem daran, dass wir uns ein internationales System, eine Welt ohne irgendeine Form von Ordnung kaum (noch) vorstellen können oder wollen. Der Begriff »Ordnung« ist zudem positiv besetzt, weil er uns den Gegensatz, »Unordnung« eben, mitdenken lässt und weil er Sicherheit und Verlässlichkeit verspricht – so wie in der Innenpolitik gern an Recht und Ordnung appelliert wird. Was aber gleichwohl nicht heißt, dass jede Ordnung gut und wünschenswert ist. Ordnungen entstehen aus dem Zusammenwirken unterschiedlichster Akteure, sind selbst umstritten und abhängig von Machtverhältnissen und Machtstrukturen. Eine haltbare Ordnung beruht stets auf dem Zusammenspiel von Legitimität und Macht – oder, etwas genauer, auf akzeptierten Normen und Regeln und der immer veränderlichen Verteilung von Macht zwischen den beteiligten Akteuren.3

Macht ist ungleich verteilt in der Welt. Wir sprechen von Machtzentren und Polen, traditionell vor allem mit Blick auf die Staaten, heute aber auch unter Berücksichtigung anderer Akteure, die international Einfluss ausüben. Eine Welt, in der nur eine hegemoniale Macht existiert, die wesentlich, wenn auch nicht ganz allein, die Ordnung bestimmt, wäre unipolar. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als zwei Mächte – die USA und die Sowjetunion – mit großem Abstand vor allen anderen die internationale Politik dominierten und wesentliche Teile der Staatenwelt sich an der einen oder anderen Seite orientierten, hatten wir es mit einem bipolaren System zu tun. Und dann gibt es den oft reichlich unbestimmten Begriff der Multipolarität, den auch ich hier zur Beschreibung gegenwärtiger und absehbarer Dynamiken im internationalen System nutze. Dazu gleich mehr.

Internationale Ordnung ist nicht notwendig weltumspannend. Sie wird immer nur teilweise global sein, während es gleichzeitig mehr oder weniger umfassende und gut funktionierende regionale Ordnungen sowie Teilordnungen für einzelne Politikfelder gibt – für den internationalen Handel etwa, das globale Finanzsystem, für Klimaschutz, im Bereich der Rüstungskontrolle oder der Gesundheitspolitik.4 Internationale Ordnungsstrukturen verändern sich fortwährend, manchmal abrupt, manchmal langsam und graduell: Neue Ordnungen bilden sich nach großen Einschnitten in der Weltgeschichte wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg heraus. Bestehende Ordnungen werden reformiert oder ausgebaut, wenn Staaten und andere Akteure sich auf neue, zusätzliche oder verbindlichere Regeln einigen, wie das etwa in den Jahren nach dem Ende des Ost-West-Konflikts der Fall war. Ordnungen können aber auch unter Druck geraten oder, wie mit dem Ersten und dann vor dem Zweiten Weltkrieg, zusammenbrechen. Jede Ordnung, sagt Richard Haass, der ehemalige Chef des US-amerikanischen Council on Foreign Relations, lapidar, kommt irgendwann an ihr Ende.5

Dabei hängt es vom politischen und wissenschaftlichen Standpunkt der jeweiligen Betrachter und Betrachterinnen ab, an welchen Entwicklungen man einen grundsätzlichen Wandel von Ordnungsstrukturen oder den Übergang von einer Ordnung zu einer neuen misst. Klassischerweise richtet sich der Fokus auf die Machtverhältnisse zwischen den großen und größten Staaten, auf deren Aufstieg und Abstieg sowie deren relative Positionierung zueinander. Das gilt erst einmal unabhängig davon, ob Macht ausschließlich in militärischen Kategorien oder etwas anspruchsvoller mit Blick auf die ganze Bandbreite von Machtfaktoren bemessen wird, einschließlich wirtschaftlicher, technologischer, politischer und kultureller Elemente also. Dieser Perspektive entsprechend kommt in der stets durch Hierarchien geprägten Staatenwelt immer dann eine neue internationale Ordnung zustande, wenn eine hegemoniale Macht durch eine andere ersetzt wird,6 zuletzt mit der Ablösung des britischen Empire durch die USA als der neuen führenden Weltmacht. Seit den 2000er Jahren dreht sich die Diskussion darum, was auf die Ära amerikanischer Hegemonie folgt oder folgen wird.

Die Entstehung einer neuen internationalen Ordnung lässt sich aber auch daran festmachen, dass Normen und Regeln sich substanziell ändern und sich neue Institutionen herausbilden – was selbst ja auch die internationalen Machtverhältnisse widerspiegelt. So entstand nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Gründung der Vereinten Nationen (VN), der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und anderer internationalen Organisationen sowie der Verankerung moderner völkerrechtliche Grundsätze in der VN-Charta und in späteren Konventionen zweifellos eine neue Ordnung mit neuen Normen und Regeln: Dazu gehörten und gehören das Gebot zur friedlichen Streitbeilegung und das sogenannte Gewaltverbot zwischen den Mitgliedstaaten, das allerdings das Recht zur individuellen und kollektiven Selbstverteidigung der VN-Mitglieder nicht außer Kraft setzt. Dazu gehören auch die Menschenrechtskonventionen der Vereinten Nationen und das humanitäre Völkerrecht, der Nukleare Nichtverbreitungsvertrag und andere Rüstungskontrollabkommen. Wobei immer zu sagen ist, dass grundlegende Normen und Regeln selbst dann noch eine Ordnung charakterisieren, wenn sie verletzt oder unterminiert werden. Das gilt für staatliche oder gesellschaftliche Ordnungen genauso wie für eine internationale. Allenfalls stellt sich dann die Frage, ob und wie gegen Ordnungsverstöße vorgegangen wird und wie stabil und widerstandsfähig eine Ordnung ist.

Wo langjährige Konflikte oder Konfliktlinien sich auflösen, kann ebenfalls eine neue Ordnung entstehen, zumindest auf regionaler Ebene. So spricht die 1990 nach dem Ende des Ost-West-Konflikts von den Staaten Europas beschlossene »Charta von Paris«, mit der auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) begründet wurde, von einer Europäischen Friedensordnung. Diese ist lange strapaziert und verletzt worden, spätestens aber 2022 mit der Großinvasion Russlands in der Ukraine zusammengebrochen.

Im Nahen Osten, um ein anderes regionales Beispiel zu nennen, haben viele Beobachter Anfang der 1990er Jahre eine neue Ordnung entstehen sehen, als mit den Oslo-Verträgen und der gegenseitigen Anerkennung Israels und der PLO der für die Region so bestimmende israelisch-palästinensische Konflikt einer Lösung näher zu kommen schien. Dreißig Jahre später meinten andere Beobachter, dass eine neue Regionalordnung auch ohne eine solche Lösung möglich sei, ja tatsächlich bereits existiere, als wichtige arabische Staaten – vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Marokko – diplomatische Beziehungen mit Israel aufnahmen. Seit dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg ist unübersehbar, dass dies ebenfalls eine Illusion war. Das dürfte auch für den »Traum« einer aus diesem Krieg geborenen neuen Ordnung gelten.7

Wenn umgekehrt globale Herausforderungen und Krisen – Finanzkrisen, Klimaveränderungen etwa oder eine außer Kontrolle geratene Pandemie – existierende Ordnungsstrukturen hart testen, gar überfordern oder neue Institutionen hervorbringen, kann dies zumindest in Teilbereichen des internationalen Systems zur Auflösung, zur Weiterentwicklung oder zur Neuentstehung von Ordnungen beitragen. Entsprechend haben einige Beobachter von einer »G20-Ordnung« gesprochen, nachdem sich als Reaktion auf die globale Finanzkrise seit 2009 mit den regelmäßigen Gipfeltreffen der sogenannten »Gruppe der 20« so etwas wie ein Steuerungsorgan der größten Volkswirtschaften entwickelt hatte,8 in dem erstmals so etwas wie Parität zwischen den Industriemächten des globalen Nordens und aufstrebenden Wirtschaftsmächten aus Asien, Afrika und Lateinamerika hergestellt wurde.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene internationale Ordnung ist seit den 2000er Jahren allmählich, dann seit 2013/14 zunehmend unter Druck geraten. Diese Ordnung wird oft als »liberale« Weltordnung bezeichnet, womit gemeint ist, dass nach 1945 ein wesentlich von den USA errichtetes oder zumindest inspiriertes internationales Ordnungssystem etabliert wurde.9 Tatsächlich handelte es sich in dieser Phase eher um überlappende Ordnungen: So entstand zum einen das multilaterale VN-System, das von Beginn an eine globale Reichweite hatte. Zum anderen ergab sich aber zwischen den USA und der Sowjetunion bzw. den von den beiden Mächten geführten Lagern eine bipolare Kalte-Kriegs-Ordnung, die auf militärischen Gleichgewichten und gegenseitiger Abschreckung sowie auf bestimmten geschriebenen und ungeschriebenen Regeln basierte, welche den Systemkonflikt zwischen den zwei, wie es oft hieß, »Supermächten« begrenzten. Dazu gehörte, dass die Vereinigten Staaten die Hegemonie der UdSSR in »ihrem« Teil Europas respektierten. Das Selbstbestimmungsrecht, das die VN-Charta allen Völkern zubilligt, galt hier nur im Prinzip.

»Liberale« Ordnungscharakteristika wie eine generelle Orientierung sowohl an marktwirtschaftlichen Prinzipien wie an Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit galten im Wesentlichen nur für die »westliche« Welt. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts und mit der (staats)kapitalistischen Umorientierung Chinas wurden Marktwirtschaft und freier Handel dann zum global vorherrschenden politisch-ökonomischen Prinzip. Menschenrechte sind durch die entsprechenden Abkommen der Vereinten Nationen,10 Rechtsstaatlichkeit und Demokratie durch zahlreiche Resolutionen und Beschlüsse zwar prinzipiell global als Normen anerkannt, werden aber vielerorts und regelmäßig missachtet, relativiert oder unter den Vorbehalt staatlicher Souveränität gestellt. Eher wurde mit den »Sustainable Development Goals« (SDG) – den 2015 von der VN-Generalversammlung beschlossenen Zielen für eine nachhaltige Entwicklung – sowie dem im selben Jahr verabschiedeten Pariser Klimaabkommen »Nachhaltigkeit« zu einer global weitestgehend geteilten Norm. Das gilt im Grunde nach wie vor, obwohl der gegenwärtige US-Präsident sich von diesen Zielen distanziert und jeder »grünen« Agenda eine Absage erteilt hat. International wird schließlich über die Umsetzung der Klimaziele verhandelt und gestritten – um Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen, globale und nationale Ziele, Entschädigungen, Kosten und Lastenteilung.

Das amerikanisch geführte Allianzsystem mit der Nato als transatlantischer Verteidigungsgemeinschaft und zahlreichen bilateralen Bündnissen der USA im asiatischen, mittelöstlichen und lateinamerikanischen Raum hat zwar immer nur Teile der Welt umfasst, die Welt aber gleichwohl sicherheitspolitisch strukturiert. Dazu gehört, dass die USA mit ihrer weltumspannenden militärischen Präsenz nicht nur eigene Interessen durchsetzen und Gegner im Schach halten konnten, sondern kraft ihrer Machtressourcen auch eher als andere in der Lage waren, regionale Konflikte einzudämmen oder deren Eskalation zu verhindern. Zudem haben die Vereinigten Staaten globale Ordnungsfunktionen übernommen: nicht zuletzt die Durchsetzung der Freiheit der Meere, die zwar den hegemonialen Interessen Washingtons entsprach, gleichzeitig aber dem Interesse der meisten anderen Länder.

Mit Blick auf die Machtverteilung im Staatensystem bedeutete das Ende des Ost-West-Konflikts auch ein Ende der Bipolarität: Nach der Auflösung der UdSSR gab es zunächst keinen anderen Staat mehr, der auch nur annähernd ein machtpolitisches Gegengewicht zu den USA oder einen weiteren »Pol« im internationalen System hätte bilden können. Plötzlich erschien das System als unipolar.11 Die USA konnten, wenn sie ihre Kräfte entsprechend nutzten, grundlegende Ordnungsvorstellungen durchsetzen, und sie konnten das am besten, wenn sie andere dabei mitnahmen. Am deutlichsten wurde dies 1991, als die Vereinigten Staaten in einem kurzen Krieg die irakische Besetzung Kuwaits beendeten. Das geschah auf der völkerrechtlichen Grundlage einer VN-Sicherheitsratsresolution, die auch von der UdSSR mitgetragen wurde, und mit der Unterstützung wichtiger regionaler Mächte.

US-Präsident George H.W. Bush erklärte schon die sogenannte Golfkrise und dann die Befreiung Kuwaits zum Test einer neuen Weltordnung. Dazu gehörten die Kooperation der Weltmächte bei der Wiedervereinigung Deutschlands und deren gemeinsames Bekenntnis zu einem geeinten und freien Europa genauso wie Bemühungen für Frieden und Stabilität im Nahen und Mittleren Osten. Die gemeinsame Einladung des amerikanischen und des gerade noch amtierenden sowjetischen Präsidenten zur Nahostfriedenskonferenz in Madrid im Oktober 1991 schien zu zeigen, wie eine solche Ordnung funktionieren könnte.12

Bereits Mitte der 1990er Jahre wurde diskutiert, ob das System nicht doch eher multipolar sei oder werde.13 Für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine analytische Frage, für staatliche Akteure, die den Begriff benutzten, dagegen ein politisches Ziel: In einer 1997 an die Vereinten Nationen übermittelten russisch-chinesischen Erklärung hieß es dementsprechend, die beiden Staaten wollten sich um eine »Multipolarisierung der Welt« und die Errichtung einer neuen internationalen Ordnung bemühen. Die Vereinigten Staaten wurden zwar nicht namentlich erwähnt, dennoch war dies vor allem als Kritik an und als Herausforderung der »unipolaren« Weltmacht zu verstehen: Kein Land, so hieß es weiter in der Erklärung, solle nach Hegemonie streben oder »die internationalen Angelegenheiten monopolisieren«.14

Spätestens 2001 mit den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center und das Pentagon wurde selbst für hartgesottene Realisten deutlich, wie verletzlich sogar ein militärisch konkurrenzloser Staat ist und dass es auch im Bereich der internationalen Sicherheit nicht ausreicht, nur die zwischenstaatliche Machtverteilung im Auge zu behalten. Aber selbst mit dem engeren Blick auf staatliche Akteure und ihre Machtpotenziale stellte sich die Welt nicht mehr unipolar dar. Das lag vor allem am rapiden wirtschaftlichen Wachstum Chinas, das 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) beitrat und allmählich zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht der Welt heranwuchs. Die Finanzkrise von 2008 zeigte dann, dass amerikanische Banken zwar das internationale Finanzsystem ins Wanken bringen konnten, die USA und ihre Verbündeten aber auf China angewiesen waren, um es wieder zu stabilisieren. Die Vereinigten Staaten blieben die mit Abstand stärkste Militärmacht, aber Chinas wachsende Wirtschaftskraft spiegelte sich zunehmend in steigenden Rüstungsausgaben. In einer globalisierten Welt lagen allerdings auch andere als die traditionellen Machtfaktoren auf der Waagschale. Politisch bemisst sich Macht letztlich immer daran, wie sie sich in Einfluss ummünzen lässt; und Einfluss bezieht sich nicht nur auf die Umsetzung strategischer oder geopolitischer Ziele. Nicht zuletzt in einer globalisierten und vielfach vernetzten Welt zählt neben militärischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten als Grundlage »harter« Macht eben auch, was der amerikanische Politikwissenschaftler Joseph Nye auf die Begriffe »soft power« und »smart power« gebracht hat: »sanfte« und »intelligente Macht«: Erstere verweist auf die Anziehungskraft eines Staates, seiner Gesellschaft und Kultur und die Überzeugungskraft seiner Politik; Letztere auf die kluge Kombination harter und sanfter Macht, aller Instrumente der Staatskunst also.15

Die Politikwissenschaftlerin und ehemalige Planungsstabschefin im US-Außenministerium Anne-Marie Slaughter hat mit dem Konzept von »Schachbrett und Netz« auf den Punkt gebracht, wie wichtig es ist, nicht nur die machtförmigen Beziehungen zwischen Staaten, sondern auch die Vielfalt überlappender, dezentraler Verbindungen zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, Individuen, Firmen und Verbänden, Kommunen, Glaubensgemeinschaften, politischen und sozialen Bewegungen sowie anderen Akteuren in den Blick zu nehmen, um internationale Verhältnisse zu verstehen und zu gestalten.16 In einer Ära digitaler Netzwerke, so der französische Politologe Thomas Gomart, werden Macht und die Fähigkeit, die Urteile und Handlungen anderer zu beeinflussen, zunehmend von der Art und der Zahl von Verbindungen, insbesondere der Verbindungen zwischen unterschiedlichen Netzwerken, bestimmt, die einzelne Akteure herstellen oder kontrollieren können.17 »Konnektivität« ist dementsprechend zu einem wichtigen Konzept neuerer geopolitischer Analysen18 und zum Leitgedanken geoökonomischer und geopolitischer Großprojekte geworden. Das kommt in der Benennung solcher Projekte zum Ausdruck: in Chinas »Belt-and-Road«-Initiative, Europas »Global Gateway«, dem »India-Middle East-Europe Economic Corridor« (IMEC) und anderen »Entwicklungskorridoren« in Asien oder Afrika. Diese Bemühungen um Konnektivität (um die Schaffung von Verbindungen also und von sicheren Lieferketten) haben konkreten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen, stehen aber zunehmend im Kontext – wenn nicht im Dienst – von Großmachtpolitik und geopolitischer Konkurrenz.

Seit Ende des vergangenen Jahrzehnts werden die internationalen Verhältnisse erneut und unübersehbar von neuen und alten Großmachtkonkurrenzen geprägt. Dies manifestierte sich zunächst im Wandel des amerikanisch-chinesischen Verhältnisses, aber auch in wachsenden Spannungen zwischen den westlichen Staaten und Russland, das 2014 einen ersten, noch begrenzten Angriff auf die Ukraine vornahm, die Krim annektierte und in Teilen der Ostukraine ein Protektorat errichtete. Unter der Obama-Regierung (2009-2017) sprach man trotz aller Differenzen von einer Politik des »Engagements« mit China. Allerdings wurde Chinas Politik unter Parteichef und Präsident Xi Jinping und mit der Lancierung der Belt-and-Road-Initiative (2013) zunehmend bestimmter und vor allem in den USA als geopolitisch herausfordernd wahrgenommen. Mit der ersten Präsidentschaft von Donald Trump änderte sich auch die Rhetorik in Washington: Statt von »Engagement« war in den offiziellen Strategiedokumenten der US-Regierung nun von der Konkurrenz (»competition«) mit anderen Mächten, vor allem mit China, die Rede. Die strategische Rivalität zwischen Washington und Peking wurde zu einer Art Leitparadigma der internationalen Beziehungen.19 Die Covid-Pandemie entschärfte diese Rivalität nicht, sondern fachte sie weiter an. Der Amtswechsel zu Joe Biden änderte daran im Grundsatz nichts; allerdings bemühten sich die beiden Staaten nun intensiver darum, ihre Rivalität möglichst friedlich zu managen. 2022 zerstörte dann Russlands umfassende Invasion des Nachbarlands Ukraine, was an gemeinsamen Institutionen und Verständnissen einer gesamteuropäischen Friedensordnung noch existierte. Zumindest für Deutschland und Teile Europas bedeutete dies eine »Zeitenwende« (Olaf Scholz).

Wenn internationale Beziehungen durch Großmachtkonflikte geprägt und vornehmlich durch das Prisma geopolitischer Rivalität betrachtet werden, verlieren die »sanft-smarten« Machtressourcen nicht automatisch ihre Bedeutung. Ihre Wertigkeit im politischen Diskurs und bei politischen Entscheidern nimmt aber ab. Man schaut, anders gesagt, wieder mehr auf die rein militärischen Kräfteverhältnisse. Möchte man wissen, was ein Land mit seiner Macht wirklich machen kann, reicht diese Betrachtungsweise allerdings genauso wenig aus wie die alleinige Konzentration auf nichtmilitärische Machtkomponenten.

Pole und Polaritäten

Macht bleibt also die zentrale Kategorie der internationalen Beziehungen, auch wenn die Bedeutung unterschiedlicher Machtkomponenten und die Art der Machtausübung sich verändern. Ebenso bleiben Staaten die einstweilen wichtigsten Akteure im internationalen Raum. Weil Macht immer relativ ist, eine Beziehung zu anderen Akteuren beschreibt und sich nur in einer Beziehung zu anderen realisiert, kommt es darauf an, wie und wo sie verteilt ist und wie sie sich in Einfluss umsetzen lässt. Begriffe wie »Polarität«, »Pol« oder »uni/bi/multipolares System« bieten sich als Metaphern an, um die Struktur eines Systems mit unterschiedlich »machtvollen« Akteuren zu beschreiben,20 auch weil sie, wie bei den magnetischen Polen, auf Kraftfelder und Anziehungskräfte verweisen. Man sollte nur nicht vergessen, dass es sich um Metaphern handelt.

Wir haben es also mit einer geopolitischen Begrifflichkeit zu tun. Pole verstehe ich dabei als Zentren eines globalen oder regionalen Kräftefelds, die dank ihrer Machtressourcen substanziell Einfluss auf Ordnungen nehmen können und somit das jeweilige System oder Teilsystem maßgeblich sowie in Konkurrenz zu anderen prägen und mitgestalten – auf verschiedenen Ebenen und gegebenenfalls in verschiedenen Handlungsfeldern.

Spätestens seit Ende des vergangenen Jahrzehnts wird angesichts der amerikanisch-chinesischen Rivalität und mit Blick auf die Machtverteilung in der Staatenwelt diskutiert, ob die Welt sich nicht doch wieder auf dem Weg zu einem bipolaren System21 und darüber hinaus einem neuen Kalten Krieg befindet,22 ferner, welche Auswirkungen die Gewichts- und Kräfteverschiebungen im internationalen Raum auf globale, regionale und funktionale Ordnungsstrukturen haben. Es ist nicht verwunderlich, dass US-amerikanische und chinesische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich einer realistischen Schule der internationalen Beziehungen zugehörig fühlen, die Frage nach der neuen Bipolarität eher bejahen,23 während europäische, russische, indische, afrikanische oder lateinamerikanische Beobachterinnen und Beobachter, die keineswegs weniger an der Machtverteilung in der Welt interessiert sind, sie meist verneinen.24 Wo man lebt und arbeitet, bestimmt eben oft, wo man steht und was man (von diesem Standpunkt aus) sieht.

Ich gehe hier mit Blick auf die gegenwärtigen internationalen Entwicklungsdynamiken davon aus, dass wir die Entstehung eines multipolaren Systems erleben, das – wir bleiben bei der Metapher – auf globaler Ebene durch vier oder fünf Machtpole geprägt, gleichzeitig aber auf unterschiedlichen Ebenen polarisiert, also durch geopolitische Konkurrenzen gekennzeichnet sein wird. Gerade dieser letzte Aspekt ist wichtig. Nicht wenige der vor allem an Machtfragen interessierten »realistischen« Beobachter sprechen durchaus von Multi- im Gegensatz zu Uni- oder Bipolarität. Sie fokussieren dabei aber ausschließlich auf die Beziehungen zwischen wenigen weltpolitischen Schwergewichten, nicht zuletzt mit Analogien zu den Mächtekonstellationen oder dem sogenannten »Mächtekonzert« Europas im 19. Jahrhundert.25 Das wird der Komplexität der Welt, in der wir uns befinden, nicht gerecht. Es übersieht, dass andere Staaten, die oft als mittlere Mächte, regionale Führungsmächte, Gestaltungmächte oder auch »swing states« bezeichnet werden, keineswegs nur sekundäre Akteure sind, die auf die Interaktionen der Weltmächte reagieren oder sich dazu positionieren, sondern selbst aktiv und interessengeleitet zu weltpolitisch relevanten Entwicklungen (und zu multiplen Polarisierungen) beitragen. Entsprechend werden sie von China, den USA, der Europäischen Union oder Russland auch zunehmend als einflussreiche Akteure und mögliche Partner wahrgenommen und umworben.26

Nicht alle, aber viele dieser mittleren Mächte sehen sich selbst als Teil des globalen Südens. Dass der Begriff unscharf und dass nicht immer klar ist, welches Land (sich) zu der Gruppe zählt, macht ihn nicht weniger handhabbar als andere kollektive Bezeichnungen, mit denen wir durchaus eigenständige Länder beschreiben, die wesentliche Merkmale, Interessen, vor allem aber Sichtweisen auf die internationalen Verhältnisse teilen.27 Das gilt so für den älteren Begriff der »Dritten Welt«. Es gilt aber auch für den »Westen«, einen Terminus, mit dem wir ja nicht nur auf die Interessengemeinschaft der USA, ihrer Verbündeten sowie weiterer »gleichgesinnter« Staaten verweisen, sondern auf eine Werteorientierung, die allerdings nicht oder nicht immer von allen »westlichen« oder »prowestlichen« Ländern gelebt wird.

Länder des globalen Südens haben wie andere mittlere Mächte ihr regionales Umfeld seit je gestaltet oder zumindest mitgestaltet, auch als wir noch nicht vom globalen Süden gesprochen haben. In welchem Umfang sie dies angesichts der globalen Machtentfaltung der Weltmächte und ihrer eigenen Abhängigkeit von ehemaligen Kolonialmächten und anderen Industriestaaten tun konnten, ist immer wieder Thema wissenschaftlicher und politischer Debatten gewesen, die hier nicht rezipiert werden müssen: Wichtig ist, dass Asien, Afrika, der Nahe Osten oder Lateinamerika, von denen wir gelegentlich als den regionalen Ebenen der internationalen Politik sprechen, nie nur der Austragungsort oder die Bühne für die Konkurrenzen globaler Mächte gewesen sind, sondern immer auch durch eigene Dynamiken geprägt wurden. Die politischen Handlungsspielräume regionaler Akteure haben sich dabei in den vergangenen Jahrzehnten tendenziell erweitert. Das liegt nicht nur am Ende der bipolaren Kalte-Kriegs-Bindungen, sondern ist durch den Aufstieg neuer Industriestaaten, das demografische und wirtschaftliche Wachstum des »Südens« insgesamt und die zunehmende Bedeutung globaler Herausforderungen befördert worden, die die reichen Industriestaaten nicht mehr alleine bewältigen können. Das multipolare System, das sich gegenwärtig entwickelt, beinhaltet jedoch mehr: Neben globalen übernehmen auch mittlere Mächte »Polpositionen«, zunächst und vor allem regional, zunehmend aber mit dem Interesse, globale Agenden zumindest in einzelnen Handlungsfeldern mitzubestimmen.

Die multipolare Ordnung, deren Entwicklung wir erleben, ist insofern Ergebnis einer Diffusion von Macht im internationalen System. Die USA und China sind Weltmächte, aber keine von beiden kann weltweite Hegemonie ausüben. Russland ist weiterhin Großmacht, aber ehemalige Weltmacht. Die Europäische Union vereinigt erhebliche, global wirksame Machtressourcen, hat sich allerdings nicht zur Weltmacht entwickelt. Indien ist vielleicht auf dem Weg, ist aber noch keine globale Macht. Die USA, China oder die EU müssen die wachsende Macht des globalen Südens berücksichtigen, wenn sie die weltpolitischen oder regionale Verhältnisse weiter gestalten wollen. Dabei ist der »Süden« genauso wenig ein einheitlicher Akteur wie der »Norden«. Staaten wie Brasilien und Mexiko, Indonesien und Nigeria, Südafrika, Südkorea, Saudi-Arabien, die Türkei und andere Akteure des globalen Südens können sich zu regionalen Polen entwickeln und bringen in jedem Fall ihre Machtpotenziale und ihren Einfluss in multiplen Interessenkonstellationen zur Geltung.

Internationale Machtdiffusion wird zunächst einmal in der Staatenwelt deutlich. Sie ist allerdings darauf nicht beschränkt, sondern umfasst auch nichtstaatliche Akteure: Konzerne, internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen, partiell oder gelegentlich Religionsgemeinschaften, Terrorgruppen oder Influencer. Selbst die am höchsten bewerteten Techkonzerne sind allerdings keine autonomen Akteure, sondern in vielerlei Hinsicht von politischen Entscheidungen abhängig – und versuchen gerade deshalb, Einfluss auf Regierungshandeln zu nehmen. Huawei mag rechtlich ein privater chinesischer Konzern sein, unterliegt aber der Kontrolle durch Staat und Partei. Amazon, Alphabet und andere müssen auf ihren Servern gespeicherte Daten unter dem amerikanischen Cloud Act gegebenenfalls den US-Behörden zugänglich machen, auch wenn diese Server in anderen Teilen der Welt stehen. Kein Wunder, dass die chinesische wie die US-amerikanische Regierung diese Konzerne als Machtinstrumente verstehen, mit denen sich chinesischer beziehungsweise amerikanischer Einfluss in der Welt stärken lässt.

In dieser multipolaren Ordnung gibt es keinen Hegemon, jedenfalls nicht für das ganze System. Es gibt keine stabilen Kräftegleichgewichte, weniger feste Allianzen als in einem bipolaren System, viele transaktionale, oft temporäre Zweckbündnisse, aber eben auch multiple regionale Polarisierungen und Konkurrenzen, Machtbeziehungen also, die nicht unbedingt verbindlichen Regeln unterliegen. Es ist eine »pick-and-mix-world«, wie es in der Financial Times hieß,28 eine Welt, in der Staaten die Chance sehen, unterschiedlichste Partnerschaften zu »mischen«. Das verspricht größere Wahlmöglichkeiten, zugleich aber größere Ungewissheiten, die, wenn sie nicht durch verlässliche Institutionen eingehegt werden, Machthierarchien verstärken und zulasten schwächerer Mitglieder des Systems gehen.

Nicht immer ist klar, ob politische Akteure und Beobachterinnen und Beobachter des internationalen Geschehens, die von einer multipolaren Ordnung sprechen, damit den Zustand des internationalen Systems beschreiben oder ein politisches Ziel definieren wollen, ein Projekt gar wie in der erwähnten russisch-chinesischen Erklärung von 1997. In den politischen und politisch-wissenschaftlichen Debatten verschiedener Länder findet sich beides, und manchmal beides zusammen: Multipolarität als analytischer Begriff oder eben als »Leitbild« der außenpolitischen Strategieentwicklung.29 In diesem Buch nutze ich, wie oben angedeutet, »Multipolarität« als analytische Metapher, um bestimmte Dynamiken internationaler Politik sowie die strukturelle Entwicklung des internationalen Systems auf den Begriff zu bringen. Dabei gehe ich davon aus, dass eine multipolare Weltordnung eine politische und geopolitische Herausforderung sein wird, mit der es konstruktiv umzugehen gilt. Aber das gilt für andere Formen der Ordnung auch.

Geopolitisierung oder Rückkehr der Geopolitik

Wenn heute von einer Rückkehr der Geopolitik gesprochen wird, ist damit zumeist ein Wiederaufleben von internationaler Machtpolitik und von Großmachtrivalitäten gemeint. Und, was nicht erwartet worden war, von zwischenstaatlichem Krieg um Territorium im Herzen Europas. Tatsächlich geht die Wiederbelebung geopolitischer Rivalität fast immer mit der Militarisierung der Außenpolitik mindestens eines Akteurs einher, mit einer Politik also, die nicht nur rhetorisch aggressiv auftritt, sondern die Drohung mit und den Einsatz von militärischer Gewalt nicht scheut, um unilateral die eigenen Interessen durchzusetzen. Wir werden davon noch einige Beispiele betrachten.

Aber auch hier ist zunächst eine Begriffsklärung notwendig. »Geopolitik« bezieht sich grundsätzlich auf die Bedeutung der Geografie für die internationale Politik oder auf die Zusammenhänge von Politik und geografischen Räumen. Es ist insofern ein neutrales, analytisches Konzept. Allerdings herrscht in vielen Publikationen, die den Begriff in den Vordergrund stellen, ein deterministischer Unterton, der suggeriert, der Spielraum der Politik sei angesichts geografischer Gegebenheiten gering, Politik vielleicht sogar unbedeutend. Überall, und gerade in Deutschland, ist der Terminus zudem mit historischem Ballast beladen, weil geopolitische Begrifflichkeiten und die klassische geopolitische Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur Begründung und vorgeblichen Rationalisierung von kolonialer und imperialistischer Politik, von Eroberungs- und Annexionsplänen und nicht zuletzt für den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gedient haben.

Aber natürlich lässt sich »Raum« auch anders denken als mit Blick auf territoriale Erweiterungsfantasien:30 Geografische Räume oder Regionen werden politisch und gesellschaftlich konstruiert, definiert oder umdefiniert.31 Darauf werden wir im weiteren Verlauf des Buchs immer wieder zurückkommen. Nicht nur in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik oder beim Umgang mit bewaffneten Konflikten, sondern bei ganz vielen Themen, mit denen staatliche und internationale Politik sich beschäftigen muss – von Handel und Verkehr oder Bevölkerungsbewegungen über das Seerecht und den Schutz der Ozeane bis zu Klima- und Umweltfragen –, brauchen die handelnden Personen und braucht die Öffentlichkeit eine Vorstellung räumlich-geografischer Gegebenheiten. Im amerikanischen und im französischen Sprachgebrauch wird »geopolitics«/»geopolitique« zunehmend synonym für die internationale Politik und die internationalen Beziehungen genutzt, vor allem wenn die Staaten als maßgebliche Akteure im Mittelpunkt stehen und Macht, Interessen, Weltordnungsfragen und Konflikte eine Rolle spielen. Und das ist bei eigentlich jeder zwischenstaatlichen Beziehung der Fall. Selbst der Einsatz für Menschenrechte im internationalen Raum lässt sich ja von konkreten Machtbeziehungen und Einflussmöglichkeiten nicht trennen.

Internationale Politik muss also geografische Phänomene berücksichtigen, und sie denkt immer auch in Räumen, die wie der Welt- oder Cyberraum keineswegs nur noch territorialer Natur sind. Und selbstverständlich muss sie sich mit globalen, grenzenlosen und raumübergreifenden Herausforderungen und mit normativen und rechtlichen Überlegungen befassen. Doch selbst in einer globalisierten Welt ist nicht alles »entgrenzt«: Für militärische Planungen und für die Entwicklungs-, die internationale Handels-, Energie- oder Umweltpolitik spielen Distanzen und spielen natürliche und menschengemachte räumliche Gegebenheiten eine Rolle.

Politische Akteure sind eben nicht »Gefangene der Geografie«,32 mögen Buchtitel, die so etwas nahelegen, noch so hohe Verkaufszahlen erzielen. Aber Entfernungen, Meere, Flüsse, Gebirge und andere naturräumliche Phänomene, wirtschafts-, kultur- und sozialgeografische Faktoren sowie natürlich die zwischen oder innerhalb von Staaten entstandenen oder umstrittenen Grenzen lassen sich nicht einfach ignorieren. Für Staaten ist es in der Regel leichter und wichtiger, im geografischen Umfeld aktiv zu werden als in fernen Regionen. In der eigenen Umgebung haben Staaten im Normalfall größeren Einfluss, oft auch nur größere Wirkung durch das, was sie tun oder nicht tun. Meist sind die Beziehungen hier dichter, und die Nachfrage nach wirtschaftlichem, gesellschaftlichem und politischem Austausch ist größer. Das Gleiche gilt für die eigenen Interessen in und an der Nachbarschaft. So hat die EU ihre »Nachbarschaftspolitik« – ein Begriff, der explizit Staaten ansprechen sollte, die nicht zum erklärten Erweiterungsraum der EU gehörten, die also keine Chance haben würden, überhaupt zum Beitrittskandidaten der EU zu werden. Russische Politiker und Kommentatoren sprechen seit den 1990er Jahren vom »nahen Ausland« und unterstreichen damit, dass die Russische Föderation in ihrem unmittelbaren geografischen Umfeld (im Wesentlichen den nun unabhängigen Republiken der ehemaligen UdSSR und einigen weiteren direkten Nachbarn Russlands) nicht nur besondere Interessen, sondern – das ist der problematische Aspekt dabei – auch besondere Rechte habe. Die USA unterhalten besonders enge Austauschbeziehungen mit ihren beiden direkten Nachbarn, die sich in entsprechenden Verträgen spiegeln, und haben historisch mit der Monroe-Doktrin nicht nur einen panamerikanischen Zusammenhalt schaffen, sondern vor allem fremde Mächte aus der westlichen Hemisphäre heraushalten wollen. Chinas Belt-and-Road-Initiative (BRI) reicht mittlerweile zwar in alle Kontinente, versucht aber zunächst einmal, die näheren Nachbarschaftsregionen einzubinden.

Nicht zuletzt sicherheitspolitische Interessen von Staaten werden von der Geografie geprägt oder mitgeprägt – von der Lage in der Welt, der Größe, den natur- und kulturräumlichen Faktoren. Ebenso haben prinzipiell alle Staaten geopolitische Interessen, bemühen sich beispielsweise zunächst darum, das Land gegen Gefahren aus der näheren und weiteren Umgebung abzusichern. Das ist weder außergewöhnlich noch verwerflich. Staaten und ihre Gesellschaften sollten an guten und stabilen Beziehungen mit ihren Nachbarn interessiert sein und sind dies in der Regel. Staaten, die selbst wenig für gute und gedeihliche Beziehungen zu ihrer Umgebung tun, haben ebenfalls ein legitimes Interesse daran, nicht von Nachbarstaaten bedroht zu werden, auch nicht durch Dritte über das Territorium dieser Nachbarn oder durch menschengemachte und andere Risiken aus der geografischen Umgebung. Für Umweltveränderungen, die Wohlstand, Sicherheit und Stabilität des eigenen Landes oder anderer bedrohen könnten, spielt geografische Nähe genauso eine Rolle wie für wirtschaftliche Verflechtungen oder Lieferketten. Das Interesse an politischer, gesellschaftlicher oder kultureller Annäherung ist zu einem gewissen Grad ebenfalls von physischer Distanz abhängig. Selbst für Groß- und Mittelmächte, die prinzipiell eine weltweite Außenpolitik haben, sind Fragen von Sicherheit, Stabilität und Ordnung in der eigenen regionalen Umgebung prioritär.

Geopolitische Konkurrenzen werden entsprechend ernster genommen, wenn sie sich im unmittelbaren eigenen strategischen Umfeld abspielen. Chinesischer Einfluss in Afrika, im Nahen Osten oder, sagen wir, in Griechenland hat für Europa eben eine andere Bedeutung als ebensolcher in Kambodscha oder den Philippinen. Amerikanische Marinemissionen im Südchinesischen Meer werden von China anders betrachtet als solche im Indischen Ozean. Geografische Bedingungen determinieren zwar Politik nicht, aber sie prägen die Blickrichtung, nicht zuletzt die auf die eigene Sicherheit und die eigenen Interessen. Sie bieten Möglichkeiten und Chancen oder stellen Herausforderungen dar und beeinflussen insofern internationale Politik.33

Ewas anderes ist es, wenn Staaten oder deren politische Führungen sich auf geografische Gegebenheiten berufen, um eine aggressive, auf Dominanz oder gar Ausweitung territorialer Kontrolle ausgerichtete Politik zu rechtfertigen. Eine solche »Rückkehr« zur Geopolitik geht immer auf Kosten völkerrechtlicher Normen und Abkommen, gleich ob sie nun mit Bezug auf frühere, meist imperiale Epochen, unter Bezug auf klassisch-geopolitische Denkmuster oder mit Mythen wie dem vom »Land der (Vor-)Väter« begründet wird. Die schlimmste Ausprägung solch vorgeblicher geografischer Notwendigkeiten war zweifellos der Nazi-Slogan vom »Volk ohne Raum«. Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene, auf die Charta der Vereinten Nationen und andere Abkommen und Konventionen sowie zahlreiche internationale Institutionen gestützte internationale Ordnung wird auch dann durch eine »Geopolitisierung« internationaler Beziehungen bedroht, wenn wirtschaftliche oder kulturelle Beziehungen, schlimmstenfalls sogar humanitäre Hilfe nur noch durch das Prisma geopolitischer Rivalität betrachtet werden.

Der Druck auf die liberale und auf die regelbasierte Ordnung insgesamt ist zum Teil strukturell bedingt, also verbunden mit globalen Kräfteverschiebungen und dem Wettbewerb großer Mächte, wird aber durch individuelle Akteure und deren Haltungen verschärft, die internationale Regeln zunächst einmal als Einschränkung ihrer Handlungsfreiheit oder Souveränität verstehen. Das haben wir nicht nur bei Führern von Staaten gesehen, die als permanente Mitglieder des VN-Sicherheitsrats ohnehin eine privilegierte Stellung im internationalen System einnehmen – also bei US-Präsident Donald Trump, bei Russlands Präsident Vladimir Putin oder Chinas Staatschef Xi Jinping, sondern auch bei den Regierenden etlicher mittlerer Mächte, die in ihrer regionalen Umgebung nach Dominanz streben. Zweifellos geht die Betonung von Großmachtrivalitäten insgesamt auf Kosten normativer Prinzipien der internationalen Ordnung. Sie setzt, wenn man so will, schlechte Beispiele und untergräbt insgesamt das Völkerrecht, das humanitäre Völkerrecht (also die Rechtsgrundlagen, die im Falle bewaffneter Konflikte gelten) und die multilateralen, internationalen Institutionen. Die Koinzidenz zunehmender Großmachtkonkurrenzen und der – seit 2014/15 – wieder deutlich steigenden Zahl der Kriege und bewaffneten Auseinandersetzungen in verschiedenen Teilen der Welt ist kein Zufall.34 Nicht nur in der Ukraine, im Nahen und Mittleren Osten, im Sudan, in Myanmar oder im Ostkongo erleben wir, während dieses Buch entsteht, was VN-Generalsekretär António Guterres eine »Epidemie der Straflosigkeit« genannt hat, in der Staaten und nichtstaatliche Akteure ihre selbstdefinierten Interessen ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Normen verfolgen.35 Die handelnden Akteure wissen nämlich, dass sie aufgrund der geopolitischen Spannungen zwischen den großen Mächten keine gemeinsame Reaktion der internationalen Gemeinschaft befürchten müssen.

Nicht dass internationale Normen nicht schon früher verletzt worden wären – man denke etwa an den Irak-Krieg von 2003. Wenn Verstöße gegen gemeinsam vereinbarte Standards aber zur Regel werden, dann, so Guterres, kollabiert das Vertrauen:36 in Institutionen wie den Sicherheitsrat, die Vereinten Nationen als Ganzes, in Weltbank und IWF, in die VN-Charta und andere völkerrechtliche Abkommen, die eigentlich allen nützen, von Handelsregeln bis hin zu Rüstungskontrollverträgen.

Ein Buch über den Zustand der Welt ist immer eine Momentaufnahme, die von den je aktuellen Entwicklungen gefärbt ist. Wenn wir geopolitische und geoökonomische Entwicklungen verstehen wollen, müssen wir sowohl aktuelle Ereignisverläufe wie mittel- und längerfristige strukturelle Veränderungen im Blick haben, die naturgemäß langsam vonstattengehen. Deshalb wird in der Diskussion so gern das Bild von den tektonischen Platten bemüht, die sich allmählich verschieben. Zur gleichen Zeit muss man eben auch auf die politischen Entscheidungen in den Hauptstädten und manchmal in den Peripherien schauen, auf internationale Treffen und Abkommen, auf Wahlen, soziale und politische Proteste, Aufstände und Revolutionen, bewaffnete Zusammenstöße, Kriege, Waffenstillstände und Friedensschlüsse, Investitionsvorhaben und -entscheidungen. All das macht den Stoff internationaler Politik aus, mit dem Entscheider und Entscheiderinnen sich täglich vor dem Hintergrund der strukturellen Trends herumzuschlagen haben. Zu Letzteren gehören in nicht wenigen Konstellationen auch lang vergangene historische Entwicklungen, die Identitäten, Feindschaften, Stereotypen oder politische Rahmenerzählungen prägen. Diese wiederum werden dann genutzt, um politische Entscheidungen zu rechtfertigen oder zu erschweren. Ich werde versuchen, solche Hintergründe zu berücksichtigen und wo nötig zu skizzieren.

Das vorliegende Buch ist zudem eine selektive Aufnahme, fern vom Anspruch auf eine umfassende Analyse aller, auch aller hier genannten Regionen oder Politikfelder. Und natürlich stellt es keine abschließende Abhandlung zum Thema dar – es ist eher ein längerer Essay, ein Versuch zu erörtern, was, erstens, Multipolarität für internationale Politik und internationale Ordnung bedeutet, was, zweitens, unterschiedliche Akteure davon erwarten und wie sie sich dazu aufstellen, und, drittens, welche Herausforderungen sich daraus entwickeln und wie internationale Akteure allgemein und Europa im Besonderen damit umgehen sollten.

Teil I. Um Hegemonie und Ordnung: Die globalen Mächte

Seit dem Ende des Kalten Kriegs hat eine größere Zahl von Staaten im Verhältnis zu anderen an Macht gewonnen. Wir erleben eine Machtdiffusion, eine breitere Verteilung der Machtgewichte in der Welt. Nach dem begrenzten unipolaren Moment in den Jahren nach 1990 und vor der Finanzkrise von 2008 rangieren heute, in den 2020er Jahren, zwar zwei Mächte deutlich vor allen andern. Dennoch ist keine neue bipolare Weltordnung entstanden. Stattdessen entwickelt sich eine multipolare Konstellation, bei der vier bis fünf große Akteure in der, wenn man so will, weltpolitisch ersten Liga spielen oder sich aufs Mitspielen vorbereiten. Diese globalen Mächte bringen durchaus unterschiedliche Potenziale auf die Waage. Auch wenn wir vom Machtgleichgewicht (balance of power) sprechen, heißt das ja nicht, dass alle beteiligten Mächte gleichgewichtig wären. Eher geht es um die Verteilung von Macht.

Wann ein Staat eine Großmacht ist – dafür gibt es keine präzisen Kriterien. Ohnehin sollte man eher sagen, dass ein Staat als Großmacht gilt, wenn und weil jeweils andere ihn als solche betrachten. Erklärt ein Staatschef sein Land zur Großmacht, ohne dass andere das so sehen, haben wir es mit einer gefährlichen Selbstüberschätzung zu tun, die zu Krieg und Chaos beitragen kann. Vieles hängt vom Kontext ab, deshalb spricht man eben häufig von »europäischen« oder anderen regionalen Großmächten oder etwa von Wirtschaftsgroßmächten. Von globalen Mächten spreche ich hier, wenn ein internationaler Akteur Entwicklungen auf globaler Ebene in wesentlichen Dimensionen oder Politikfeldern maßgeblich mitprägen kann; von einer Weltmacht, wenn Frieden, Sicherheit und Entwicklung in allen Regionen der Welt auch von Handlungen und Entscheidungen dieser Macht abhängen.

Wird heute über die Konkurrenz globaler Mächte debattiert oder geschrieben, geht es in erster Linie um die USA und China. Tatsächlich wird das Verhältnis dieser beiden Staaten Weltpolitik auf absehbare Zeit stärker prägen als jegliche andere Staatenbeziehung. Aber sie sind nicht die einzigen globalen Mächte. Russland, das 1991 aus der zusammengebrochenen »Supermacht« Sowjetunion hervorging, blieb unbestritten eine große Macht, versuchte auch weiterhin, seinen Anspruch als globale Macht zu demonstrieren, wurde aber nicht unbedingt so wahrgenommen. Anders als die UdSSR war es nicht mehr der primäre Konkurrent der USA. Die meisten EU-Staaten sahen Russland als mehr oder weniger problematisches Mitglied im »gemeinsamen Haus Europa«, nicht als Gegner. Das galt jedenfalls bis 2014, bis zur Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und der Intervention Russlands im Donbass. Der auf die Vernichtung der staatlichen Existenz der Ukraine ausgerichtete Angriff im Februar 2022 und der anhaltende Krieg zeigten dann noch sehr viel deutlicher, dass sich Staatenkonkurrenz auch auf dem »alten Kontinent« nicht notwendig auf friedlichen Wettbewerb beschränkt. Die Europäische Union selbst ist zweifellos ein mächtiger globaler Akteur, der enorme wirtschaftliche, kulturelle und militärische Potenziale aufweist, aber eben kein Staat – und sie bringt ihr Gewicht nicht wie ein Staat zur Geltung. Indien ist gewissermaßen eine globale Macht im Kommen, zunächst als demografischer Riese mit hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten, seit Längerem zudem als Atommacht.

Macht- und Größenverhältnisse

Die Machtverschiebungen zwischen diesen fünf globalen Mächten werden mit Blick auf die Datenreihen deutlicher, die in den Tabellen im Anhang abgebildet sind. Macht setzt sich, wie oben ausgeführt, aus unterschiedlichen Faktoren zusammen, die in unterschiedlichen Kontexten zur Geltung gebracht werden können. Aber es geht hier nicht um eine Kartierung globaler Macht in all ihren Facetten: Der vom australischen Lowy Institut jährlich erstellte Asian Power Index beispielsweise kombiniert 27 Indikatoren, um Macht und Machtverteilungen in Asien zu messen. Ich beschränke mich hier auf wenige Indikatoren, die ausreichen, um Entwicklungsrichtungen – Kräfteverschiebungen eben – deutlich zu machen.

Militärische Macht bleibt, ob wir dies wollen oder nicht, die bevorzugte Währung im internationalen System, nicht nur in akut oder potenziell gewaltförmigen Konflikten. Das heißt keineswegs, dass mächtige Staaten auch Krieg führen müssen. Aber selbst, wenn sie dies nicht tun, werden sie in ihrer Politik berücksichtigen, wie andere sich militärisch aufstellen. Und sie werden dies umso stärker tun, je mehr die globalen oder regionalen Verhältnisse, in denen sie sich bewegen, durch Rivalitäten und Machtkonkurrenz geprägt sind. Verfügbare Daten zur militärischen Stärke verschiedener Staaten sind dabei nicht immer gut vergleichbar. Ich führe hier nur die Militärausgaben und deren Entwicklung als Indikator dafür auf, was ein Land für militärische Machtentfaltung aufzuwenden bereit ist. Was es ausgeben kann, hängt natürlich von der Wirtschaftskraft ab. Zu deren Messung bleibt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der weltweit meist genutzte Indikator. Allerdings werden dabei zunehmend die Kaufkraftparitäten berücksichtigt, die mehr über das wirtschaftliche Lebensniveau in unterschiedlichen Staaten aussagen als das reine BIP in laufenden US-Dollar. Schließlich kann man in Indien oder anderen Ländern für einen Dollar mehr herstellen oder kaufen als in den USA. Die Größe der Bevölkerung bleibt ein wichtiger Faktor, aber immer nur in Verbindung mit anderen. Die global oder regional bevölkerungsreichsten Länder sind nicht unbedingt diejenigen, die den meisten Einfluss ausüben – aber sie können nicht einfach ignoriert werden. Die Entwicklung der Bevölkerungszahl lässt sich zudem mit größerer Gewissheit projizieren als etwa die Wirtschaftsentwicklung eines Landes. Wenn man genau wissen will, welches Potenzial ein Land hat, sollte man über die reine Kopfzahl hinaus auf die Altersstruktur und andere soziale Indikatoren achten: Ein Land, das im Durchschnitt jünger ist, mit einem hohem Anteil von Menschen im arbeitsfähigen Alter, wird sich dynamischer entwickeln als eines, in der ein Drittel oder mehr bereits in Rente sind – oder gar alt sind, aber keine Rente beziehen. Schließlich kommt es auch darauf an, wie gesund und wie gut ausgebildet Menschen sind. Diese Daten spiegeln sich im Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen, der selbst mehrere Indikatoren (Lebenserwartung, Ausbildungsdauer, Pro-Kopf-Einkommen) zusammenfasst. Um die »sanfte Macht« oder Anziehungskraft eines Landes abzubilden, habe ich hier einen einzelnen weiteren Indikator ausgewählt, nämlich die Zahl ausländischer Studenten und Studentinnen – von jungen Leuten also, die offensichtlich davon ausgehen, in dem Land, wo sie studieren, etwas lernen zu können. Die Zahl der ausländischen Studierenden gibt zugleich einen Hinweis auf die Offenheit eines Landes, auf seine Vernetzung und seine Bereitschaft, in die Ausbildung junger Generationen aus anderen Ländern zu investieren und darüber selbst Einfluss zu gewinnen. Vergleichsindizes, die vor allem das Image unterschiedlicher Staaten zu messen versuchen, legen jedenfalls großen Wert auf die Zahl ausländischer Studentinnen und Studenten.1 Eine besondere Note in diese Rankings bringt dabei der »Soft-Power Index« des britischen Higher Education Policy Institute, der misst, in welchen Ländern außerhalb ihrer Heimat wie viele amtierende Staats- und Regierungschefs studiert haben. Hier liegen die USA ganz vorn, gefolgt von Großbritannien und Frankreich.2 Länder, die die Möglichkeiten für ausländische Studierende einschränken, machen schlicht dumme Politik, verdünnen ihre Netze in andere Länder und Gesellschaften. Sie schmälern die wirtschaftlichen Chancen, die sich ergeben, wenn Fachkräfte nach ihrer Ausbildung im Ausland in ihre Heimat zurückkehren und dann nicht nur akademische und soziale Beziehungen, sondern auch bestimmte Präferenzen für Konsum oder geschäftliche Beziehungen mitbringen.

Was sich in den Datenreihen spiegelt, sind Verschiebungen der relativen Machtpotenziale auf globaler Ebene. Nicht, dass die absoluten Werte (militärische Stärke, Wirtschaftskraft oder soziale Indikatoren etwa) unwichtig wären. In internationalen Konkurrenzsituationen wird aber vor allem darauf geachtet, wie die relativen Gewichte, die eigene Stärke im Vergleich zu der anderer, und damit die Machtbalancen sich entwickeln. Die absolute und relative Machtausstattung eines Landes sagt dabei noch nichts darüber aus, wie ein Land seine Potenziale einsetzt. Allerdings spiegeln bestimmte Entwicklungen – der Militärausgaben etwa – längerfristig gewachsene oder aktuelle Präferenzen der Entscheidungsträger, deren Wahrnehmung der eigenen Lage in der internationalen Umwelt oder auch Rollenerwartungen anderer Akteure.

Schon ein kursorischer Blick auf die Daten zeigt, dass die Vereinigten Staaten die größte Weltmacht geblieben sind. Die relativen Abstände und Gewichte aber haben sich seit den 1990er Jahren verändert. Während die USA weiterhin etwa ein Viertel des Welt-Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften, wächst der Anteil Chinas rasant – von weniger als 2 Prozent in den 1990er auf 17 Prozent in den 2020er Jahren. Das entspricht fast dem Anteil der 27 EU-Staaten und übersteigt diesen seit den 2010er Jahren sogar, wenn die Wirtschaftsleistung nach Kaufkraftparitäten bemessen wird. Der Anteil der EU an der Weltwirtschaft wird insgesamt kontinuierlich geringer. Indiens Anteil hat sich seit den 1990ern verdreifacht. Der Anteil Russlands nimmt, in laufenden Dollars gerechnet, bis Anfang der 2010er Jahre zu und sinkt seitdem; nach Kaufkraftparitäten geht er bereits seit den 1990ern zurück.

Mit Blick auf die Militärausgaben liegen die USA weit vor allen anderen globalen Mächten. Tatsächlich geben die Vereinigten Staaten mehr fürs Militär aus als China, die EU-Staaten, Russland und Indien oder, nach anderer Rechnung, die nach Militärausgaben nächsten neun anderen Staaten zusammen.3 China und Indien haben ihren Anteil an den weltweiten Rüstungsausgaben erheblich gesteigert, mehr oder weniger parallel zu ihrem Anteil an der Weltwirtschaft; im Fall Russlands liegt der Anteil der Militärausgaben durchgehend, ähnlich wie jener der USA, deutlich über seinem relativen Beitrag zur globalen Weltwirtschaftsleistung.

Auch die europäischen Volkswirtschaften wachsen natürlich, nur eben langsamer als die Chinas, Indiens und der Vereinigten Staaten. Die Europäische Union bleibt auf Weiteres die zweitgrößte Wirtschaftsmacht. Sie profitiert dabei von dem, was die europäischen Länder historisch aufgebaut haben, oder ruht sich, wie Kritiker sagen würden, darauf aus. Dabei bleibt Europa attraktiv. Das zeigt sich unter anderem an der Zahl ausländischer Studierender, die eine höhere Ausbildung außerhalb ihrer Herkunftsländer suchen. Hier liegen die EU-Staaten weit vor allen anderen und haben auch die USA deutlich abgelöst. Die seit Anfang 2025 von der Trump-Regierung verordneten Einschränkungen für den Zugang ausländischer Studentinnen und Studenten werden in der Tabelle noch nicht abgebildet. Erste Berechnungen aus dem US-Außenministerium scheinen aber zu zeigen, dass es hier einen signifikanten Einbruch gibt, möglicherweise um ein Fünftel.4 Der Anteil Chinas und Indiens bei ausländischen Studierenden hat ebenfalls zugenommen, bleibt aber weit hinter dem relativen Anteil dieser Staaten an der Weltwirtschaft zurück. Neben der EU liegt nur in Russland der Anteil an der Gesamtzahl ausländischer Studierender in der Welt über dem eigenen relativen Gewicht in der Weltwirtschaft. Die meisten ausländischen Studierenden in Russland kommen weiterhin aus den ehemals sowjetischen Staaten Zentralasiens, zahlreiche auch aus China und Indien.

Im HDI-Index (Index der menschlichen Entwicklung) rangieren die USA, Europa und Russland in der Kategorie »sehr hoch«. Dabei haben die EU-Staaten tendenziell aufgeholt, im Wesentlichen wohl durch die rasche Verbesserung der Lebensumstände in den ost- und zentraleuropäischen Ländern, die der Union seit den 2000er Jahren beigetreten sind. Die wirklichen Aufholer allerdings sind China und Indien. China rangiert heute unter den Staaten »hoher« menschlicher Entwicklung, Indien auf mittlerem Niveau. Es geht dabei, muss man hier vielleicht anmerken, nicht um die »menschliche Entwicklung« an sich, sondern um für die Lebensumstände der Menschen aussagekräftige Indikatoren wie Bildung, Lebenserwartung und Einkommen. Anfang der 1990er Jahre lag China hier noch auf mittlerem, Indien auf niedrigem Niveau.

Das ist schon deshalb besonders relevant, weil in Indien und China jeweils bis zu einem Sechstel der Weltbevölkerung leben. Wenn also Indien und China den Lebensstandard ihrer Bevölkerung verbessern, verbessert sich statistisch signifikant auch der Lebensstandard der gesamten Menschheit. Ähnlich groß ist das demografische Gewicht Afrikas, wo bis 2050 sogar ein Viertel der Menschheit beheimatet sein dürfte, verteilt allerdings auf, je nach Rechnung, 54 oder (nach Zählung der Afrikanischen Union unter Einschluss der Westsahara) 55 Staaten. Die EU und die USA kommen jeweils auf etwas mehr oder etwas weniger als fünf Prozent, allerdings mit sehr viel höheren Pro-Kopf-Einkommen. Mit Ausnahme Indiens geht der Anteil der globalen Mächte an der gesamten Erdbevölkerung tendenziell zurück. In China schrumpft die absolute Bevölkerungszahl, in Russland stagniert sie, in den Vereinigten Staaten und der EU wächst sie, wenn auch langsam.

1. Die USA: Selbstzweifel und Hybris in einer postamerikanischen Ordnung

Die Vereinigten Staaten sind spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg die mit Abstand stärkste Weltmacht. Sie dürften dies, selbst wenn der Abstand kleiner wird, auch auf absehbare Zeit bleiben. Dennoch gibt es in den USA eine kontinuierliche, oft stark politisierte Diskussion über die eigene Stellung in der Welt. Internationale Kräfteverschiebungen erhalten darin große Aufmerksamkeit. Angesichts der überragenden Machtpotenziale der USA wurde seit Ende des Kalten Krieges vor allem darauf geschaut, wo gegebenenfalls ein neuer Gegenpol entstehen könnte. Erst seit Beginn der 2020er Jahre wird häufiger auch von möglichen multipolaren Entwicklungen gesprochen.

Die öffentliche Debatte hat sich dabei in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwischen reflektierten Beiträgen zur Entwicklung des internationalen Systems in einer »postamerikanischen« Ära oder Weltordnung,1 in der die USA zwar weiter in vielen Bereichen dominant sind, andere Mächte aber aufsteigen und größeren Einfluss gewinnen,2 und oft alarmistischen Warnungen vor einem »American decline« bewegt, einem im Verhältnis zu anderen Mächten relativen Abstieg der USA und dem Ende amerikanischer Hegemonie.3 »Declinism« – die Beschwörung des Abstiegs des eigenen Landes – ist interessanterweise oft ein Thema von Rechtspopulisten, nicht nur in den Vereinigten Staaten. Donald Trump veröffentlichte 2022, als er seine erneute Kandidatur vorbereitete, ein in dunklen Grautönen gehaltenes Video unter dem Titel »A Nation in Decline«4 und hat in seinen Wahlkämpfen immer wieder betont, dass die USA auf der Verliererseite des Weltgeschehens stünden – solange er selbst nicht an der Macht sei jedenfalls. Das mag ihm geholfen haben, 2024 wiedergewählt zu werden. Seit seiner erneuten Amtsübernahme musste er danach allerdings den eigenen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern sowie der Welt erklären, dass Amerika nun nicht mehr auf dem absteigenden Ast sitze. Allein ein »Goldenes Zeitalter« auszurufen, das mit seinem Wiedereinzug ins Weiße Haus beginne,5 ist eher ein Ausdruck trumpscher Hybris als eine realistische Einschätzung der amerikanischen und internationalen Verhältnisse.

Der Journalist und Politikwissenschaftler Fareed Zakaria, der einst den Begriff der »postamerikanischen Welt« prägte, merkte 2024, vor Trumps Wiederwahl, kritisch an, nicht nur die Abstiegspessimisten, sondern auch die von Joseph Biden und seiner Regierung repräsentierte optimistischere Seite des politischen Spektrums vermittele mit einer protektionistischen Außenwirtschaftspolitik den Eindruck, das Land habe seine Stellung im globalen Konkurrenzkampf verloren und müsse sich schützen. Und dies, obwohl die Wirtschaft der USA sich besser entwickelt habe als die der Eurozone oder Japans, das Land energieautark sei und nach wie vor einen Vorsprung bei den fortgeschrittensten Technologien genieße – vom militärischen Vorsprung ganz zu schweigen.6 Andere Autoren haben ebenfalls darauf hingewiesen, dass die USA zum Zeitpunkt der Wiederwahl Trumps unter allen großen Mächten am besten dastehe und zuletzt selbst gegenüber China wieder aufgeholt habe.7

Zakaria bemerkte aber auch, die USA wendeten die Regeln der von ihr selbst aufgebauten internationalen Ordnung konstant selektiv an. In einer unipolaren Welt sei der Unilateralismus Washingtons vom Rest der Staatengemeinschaft toleriert worden. Heute, da andere Mächte mehr Einfluss gewännen, sähen diese daher weniger Anlass, die Regeln zu beachten. Wenn die USA zudem signalisierten, dass sie das Vertrauen in die existierende internationale Ordnung verloren hätten – dann würden sie selbst zur größten Herausforderung dieser Ordnung.8

Auch andere amerikanische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mahnten, die USA dürften angesichts des Aufstiegs anderer Mächte nicht nur defensiv reagieren. Stattdessen müssten Amerika und der Westen demonstrieren, so Patrick Stewart vom Carnegie Endowment for International Peace, dass sie eine »multipolarere Welt« begrüßen und nicht blockieren wollten, und sich bereit erklären, über die »Verkehrsregeln« einer zukünftigen Weltordnung zu verhandeln.9

Richtungswechsel und Kontinuitäten

Politische Richtungs- und Strategiewechsel im Umgang mit den internationalen Verhältnissen spiegeln sich seit je in den Nationalen Sicherheits- oder Verteidigungsstrategien der jeweiligen US-Regierungen. So zeigte die Obama-Administration (2009-2017) in ihrer Nationalen Sicherheitsstrategie eine pragmatisch-realistische Selbsteinschätzung. Diese markierte eine deutliche Korrektur nach der Präsidentschaft George W. Bushs, der die USA sowohl in den Afghanistan-Krieg als auch (ohne Autorisierung durch die VN) in den Irak-Krieg geführt hatte: Washington, so der Anspruch Obamas, solle zwar global weiterhin führen. Doch selbst die größte oder stärkste Macht könne nicht alle Probleme allein bearbeiten. Man müsse also kooperative Ansätze mit anderen Staaten auf den Weg bringen.10 Donald Trump setzte dagegen schon in seiner ersten Amtszeit (2017-2021) einen anderen Akzent. Er vertrat eine betont nationalistische oder »America-First«-Agenda, die versprach, »Amerika wieder groß zu machen«. »Amerikanische Größe« sei »als leuchtendes Beispiel für die Welt« zu feiern. Multilateralen Institutionen gegenüber zeigte Trumps Sicherheitsstrategie sich skeptisch. Sie werden vor allem als Foren charakterisiert, in denen man die eigenen Interessen in Konkurrenz zu anderen durchsetzen könne.11

Die Biden-Regierung (2021-2025) kehrte dann prinzipiell zu einer internationalistischen Orientierung zurück und unterstrich in klarem Kontrast zu ihrer Vorgängerin die Bedeutung von Allianzen und Partnerschaften. Bidens Sicherheitsstrategie sprach zudem davon, multilaterale Institutionen zu stärken, hob aber gleichzeitig hervor, man befinde sich in einer strategischen Konkurrenz um die Zukunft der internationalen Ordnung. China und Russland wurden dabei explizit benannt: Russland als die Macht, die den Frieden in Europa zerschlagen habe, hieß es, stelle eine unmittelbare Bedrohung für das freie und offene internationale System dar und müsse eingeschränkt werden. China aber sei »der einzige Konkurrent«, der sowohl beabsichtige, »die internationale Ordnung umzuformen, wie auch, zunehmend, die wirtschaftliche, diplomatische, militärische und technologische Macht« habe, dies zu tun. China als globalen Wettbewerber gelte es deshalb »auszukonkurrieren«.12

Ein offizielles Strategiedokument der zweiten Trump-Regierung liegt, während dieses Buch entsteht, noch nicht vor. Trumps internationale Politik schien den meisten Beobachtern auch nicht von einer konsistenten Strategie geleitet, sondern stark von persönlichen Eingebungen, Vorlieben (und Vorurteilen) geprägt zu sein. In jedem Fall sorgte sie seit dem Beginn seiner zweiten Amtszeit für tiefe Verunsicherung vor allem bei Partnern der USA und brachte mehr Ungewissheit in die internationalen Verhältnisse, knüpfte dabei allerdings in vielem an Trumps eigene erste Amtsperiode, in manchem auch an Bidens Politik an.

So befinden wir uns mit Blick auf die USA und China nicht erst seit dem Übergang von Biden zu Trump II, sondern bereits seit Beginn der Trump-Ära im Jahr 2017 inmitten einer neuen globalen Polarisierung und Weltordnungskonkurrenz. Unter den Präsidenten George H.W. Bush, Bill Clinton und George W. Bush wurden Chinas Öffnung und wirtschaftlicher Aufstieg noch allgemein begrüßt. Implizit ging man damals davon aus, Chinas Wachstum werde auch eine politische Veränderung Richtung Liberalität, Marktwirtschaft und Demokratie mit sich bringen, hoffte und erwartete zudem, dass China sich damit zu einem, wie Robert Zoellick, der damalige stellvertretende Außenminister, 2005 formulierte, verantwortlichen Teilhaber (»responsible stakeholder«) des internationalen Systems entwickeln und dieses dann gemeinsam mit den USA aufrechterhalten werde.13 Unter Barack Obama wurde der Blick auf China bereits kritischer. Der von ihm verkündete »Schwenk« (pivot) Richtung Asien verwies sowohl auf die Chancen wie auf die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen, die sich für die USA aus dem Aufstieg Chinas ergeben würden.14 Seit dem ersten Amtsantritt Trumps wurde die Konkurrenz mit China dann, wie schon einleitend ausgeführt, zu einem Leitthema amerikanischer Weltpolitik. Trump befeuert sie in seiner sehr eigenen Art, er hat sie aber nicht verursacht, weshalb sie im vierjährigen Zwischenspiel der Biden-Präsidentschaft nicht verschwand und wohl nicht verschwinden wird, solange China und die USA die stärksten Pole in einem tendenziell multipolaren System bilden. Eine Polarisierung oder konfrontative Zuspitzung eines Konkurrenzverhältnisses zwischen zwei großen Mächten ist allerdings immer auch das Resultat innerer Entwicklungen und politischer Entscheidungen in den beteiligten Staaten. Das gilt unabhängig davon, wie sehr diese Entwicklungen durch globale wirtschaftliche Umwälzungen und deren soziale Auswirkungen befördert werden – konkret etwa durch die relativen Einkommensverluste der Arbeiterschaft in den alten Industriestaaten.

Für US-Präsident Donald Trump war und ist die »Größe« der USA ein Selbstzweck. Militärische Überlegenheit demonstriert diese Größe und soll der Sicherheit Amerikas, nicht aber, schon gar nicht primär, als Mittel zur Aufrechterhaltung einer bestimmten internationalen Ordnung dienen. Trump scheint zudem zutiefst davon überzeugt, dass Handelsbilanzdefizite mit China und anderen Staaten eine existenzielle Herausforderung für die USA und vor allem das Resultat unfairer Praktiken seien. (Um genau zu sein, schaut Trump dabei nur auf den Warenaustausch und ignoriert die Überschüsse, die die USA im Dienstleistungsverkehr mit dem Rest der Welt erwirtschaften, nicht zuletzt dank ihrer Techkonzerne.) Auf die Defizite gelte es mit Strafzöllen und, was China betrifft, einer zumindest partiellen Abkoppelung (decoupling) zu reagieren. Trotz eines begrenzten Handelsabkommens mit China, das Trump im letzten Jahr seiner ersten Amtszeit unterzeichnete, rutschten die USA und China so seit 2018 faktisch in einen Handelskrieg.

Die Biden-Regierung akzentuierte diesen Kurs eher, als ihn grundlegend zu verändern. Sie fokussierte allerdings weniger auf die Handelsbilanz als auf die technologische Konkurrenz mit China, auf dessen Rüstungsanstrengungen und zunehmend aggressives Verhalten insbesondere im asiatischen Raum sowie auf einseitige Abhängigkeiten der USA und ihrer Verbündeten. Statt von Abkoppelung sprach man von Risikominderung (de-risking), um solche Abhängigkeiten abzubauen, behielt allerdings die von Trump verhängten Strafzölle bei und versuchte zudem mit sektoralen Exportverboten den Zugang Chinas zu militärisch und sicherheitspolitisch relevanten Hightech-Elementen, insbesondere Mikroprozessoren (Chips), einzuschränken: eher »Tech« oder »Chip War« statt Handelskrieg.15 Gleichzeitig baute die Biden-Regierung wichtige Gesprächskanäle mit Peking wieder auf, damit die »Konkurrenz«, wie Bidens späterer Sicherheitsberater Jake Sullivan schon 2019 schrieb, nicht in einen bewaffneten Konflikt und damit in eine »Katastrophe« ausarten würde.16

Es ist häufig angemerkt worden, dass die politische Szene in den USA sich trotz der seit Trumps erster Amtszeit verschärften inneren Polarisierung in einem Punkt einig sei, in der Gegnerschaft zu China nämlich. Alle seien »China-Falken«.17 Das stimmt, allerdings nur zum Teil. Tatsächlich ist die US-amerikanische politische Elite sich heute einig, dass frühere Erwartungen einer fortgesetzten Liberalisierung Chinas und die Hoffnung, China werde sich zu einem – im amerikanischen Sinne – verantwortlichen Teilhaber der internationalen Ordnung entwickeln, unrealistisch waren.18 Zudem geben die beiden politischen Lager, Demokraten und Republikaner, der Konkurrenz mit China höchste Priorität für die strategische Orientierung des Landes, also für Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Hierbei gibt es allerdings Unterschiede, sowohl was die direkt auf den Konkurrenten bezogene Strategie betrifft als auch mit Blick auf das weitere internationale Umfeld. Was nur unterstreicht, dass geopolitische Strukturentwicklungen – hier der Aufstieg Chinas zur globalen Macht – politische Entscheidungen zwar beeinflussen, möglicherweise Entscheidungen überhaupt erst nötig machen, diese aber nicht determinieren. Vereinfacht gesagt, rangierten und rangieren die Vorstellungen für die konkrete Chinapolitik zwischen einer Orientierung auf »Sieg« in einem neuen Kalten Krieg19 und einer kooperativen oder gemanagten Konkurrenz,20