Die Nachfolge Jesu Christi - Ein spiritueller Wegweiser zur Veredlung der menschlichen Seele - Thomas von Kempen - E-Book

Die Nachfolge Jesu Christi - Ein spiritueller Wegweiser zur Veredlung der menschlichen Seele E-Book

Thomas von Kempen

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Beschreibung

"Die Nachfolge Christi ist das schönste Buch, das je aus einer Menschenhand kam - denn das Evangelium kam nicht aus Menschenhänden." Fontanelle. "Die Nachfolge Jesu Christi ist eines der vortrefflichsten Werke, die je sind verfaßt worden. Selig, wer nach dem Inhalte dieses Buches lebt, und sich nicht damit begnügt, dasselbe bloß zu bewundern." Leibnitz. "Das vollkommenste Buch nächst der Heiligen Schrift scheint mir das bekannte von Thomas von Kempen zu sein. Wenn die Bibel der Ruf Gottes an uns ist, so möchte ich sagen, dieses Buch sei die Antwort darauf. Es wundert mich, daß man den Verfasser nicht heilig gesprochen hat, auch vor Gottes Augen ein Jünger wie Petrus und Johannes." Dr. P. Glanzow.

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Inhalt.

Erstes Buch.

Nützliche Ermahnungen zu einem geistlichen Leben.

1. Kap. Von der Nachfolge Christi und der Verachtung aller Eitelkeiten der Welt.

2. Kap. Von der demütigen Meinung von sich selbst.

3. Kap. Von der Lehre der Wahrheit.

4. Kap. Von der Vorsicht in den Handlungen.

5. Kap. Von den Lesung der heiligen Schriften.

6. Kap. Von ungeordneten Neigungen.

7. Kap. Von der eitlen Hoffnung und dem Hochmut, die man fliehen soll.

8. Kap. Von Verhütung allzu großer Vertraulichkeit.

9. Kap. Von dem Gehorsam und der Unterwürfigkeit.

10. Kap. Von der Vermeidung überflüssiger Worte.

11. Kap. Von der Erlangung des Friedens und vom Eifer im Fortschreiten.

12. Kap. Vom Nutzen der Widerwärtigkeit.

13. Kap. Vom Widerstand in Versuchungen.

14. Kap. Von der Vermeidung des vermessenen Urteils.

15. Kap. Von den Werken, die aus Liebe verrichtet werden.

16. Kap. Von der Duldung der Fehler anderer.

17. Kap. Vom klösterlichen Leben.

18. Kap. Von den Beispielen der heiligen Väter.

19. Kap. Von den Übungen eines guten Ordensmannes.

20. Kap. Von der Liebe zur Einsamkeit und zum Stillschweigen.

21. Kap. Von der Zerknirschung des Herzens.

22. Kap. Von der Betrachtung des menschlichen Elendes.

23. Kap. Von der Betrachtung des Todes.

24. Kap. Vom Gericht und den Strafen der Sünder.

25. Kap. Von der eifrigen Besserung unseres ganzen Lebens.

Zweites Buch.

Ermahnungen, die nach Innen ziehen.

1. Kap. Vom inneren Wandel.

2. Kap. Von der demütigen Unterwerfung.

3. Kap. Von dem guten friedfertigen Menschen.

4. Kap. Von dem reinen Gemüte und der einfachen Absicht.

5. Kap. Von der Selbstbetrachtung.

6. Kap. Von der Freudigkeit eines guten Gewissens.

7. Kap. Von der Liebe Jesu über alles.

8. Kap. Von der vertrauten Freundschaft Jesu.

9. Kap. Von der Entbehrung alles Trostes.

10. Kap. Von der Dankbarkeit für die Gnade Gottes.

11. Kap. Von der geringen Anzahl der Liebhaber des Kreuzes Jesu.

12. Kap. Von dem königlichen Wege des heiligen Kreuzes.

Drittes Buch.

Vom innerlichen Trost.

1. Kap. Von der innerlichen Ansprache Christi zu der gläubigen Seele.

2. Kap. Daß die Wahrheit im Innern ohne Wortgeräusch spricht.

3. Kap. Daß die Worte Gottes in Demut zu hören sind, und daß viele sie nicht erwägen.

4. Kap. Daß man in Wahrheit und Demut vor Gott wandeln soll.

5. Kap. Von der wunderbaren Wirkung der göttlichen Liebe.

6. Kap. Von der Prüfung des wahrhaften Liebhabers.

7. Kap. Von der unter der Hut der Demut zu verbergenden Gnade.

8. Kap. Von der Geringschätzung seiner selbst in den Augen Gottes.

9. Kap. Daß man alles auf Gott, als auf das letzte Ziel, zurückführen soll.

10. Kap. Daß es, nach Verachtung der Welt, süß ist, Gott zu dienen.

11. Kap. Daß die Begierden des Herzens zu prüfen und zu mäßigen sind.

12. Kap. Von dem Unterricht in der Geduld und dem Kampf gegen die Begierlichkeit.

13. Kap. Von dem Gehorsam des demütig Untergebenen nach dem Beispiel Jesu Christi.

14. Kap. Von der Betrachtung der verborgenen Gerichte Gottes, damit wir im Guten uns nicht erheben.

15. Kap. Wie man in jeder erwünschlichen Sache stehen und sprechen soll.

16. Kap. Daß wahrer Trost in Gott allein zu suchen ist.

17. Kap. Daß man alle Sorgen auf Gott stellen soll.

18. Kap. Daß man zeitliches Elend nach dem Beispiel Christi gleichmütig ertragen soll.

19. Kap. Von der Duldung der Beleidigungen, und wer sich als wahrhaft geduldig erprobe.

20. Kap. Von dem Bekenntnis eigener Schwäche und von den Mühseligkeiten dieses Lebens.

21. Kap. Daß man über alle Güter und Gaben in Gott ruhen soll.

22. Kap. Von der Erinnerung an die vielfältigen Wohltaten Gottes.

23. Kap. Von vier Dingen, die großen Frieden eintragen.

24. Kap. Von der Vermeidung vorwitziger Untersuchung des Lebens eines andern.

25. Kap. Worin der feste Friede des Herzens und der wahre Fortgang besteht.

26. Kap. Von der Erhabenheit eines freien Gemütes, die das demütige Gebet eher verdient als das Lesen.

27. Kap. Daß die gesonderte Liebe vom höchsten Gute gar sehr zurückhält.

28. Kap. Gegen die Zungen der Verleumder.

29. Kap. Wie bei bevorstehender Trübsal Gott anzurufen und zu preisen ist.

30. Kap. Von der Bitte um die göttliche Hilfe und dem Vertrauen, die Gnade wiederzugewinnen.

31. Kap. Von der Hintansetzung aller Geschöpfe, auf daß der Schöpfer könne gefunden werden.

32. Kap. Von der Selbstverleugnung und der Entsagung aller Begierlichkeit.

33. Kap. Von der Unbeständigkeit des Herzens und der Absicht, die man auf Gott, als auf das letzte Ziel richten soll.

34. Kap. Daß dem Liebenden Gott über alles und in allem lieblich sei.

35. Kap. Daß es keine Sicherheit vor der Versuchung gibt in diesem Leben.

36. Kap. Gegen die eitlen Urteile der Menschen.

37. Kap. Von der reinen und gänzlichen Ergebung seiner selbst, die Freiheit des Herzens zu erlangen.

38. Kap. Von der guten Regierung im Äußerlichen und der Zuflucht zu Gott in Gefahren.

39. Kap. Daß der Mensch in Geschäften nicht ungestüm sein soll.

40. Kap. Daß der Mensch nichts Gutes aus sich selbst hat, und über keines sich rühmen kann.

41. Kap. Von der Verachtung aller zeitlichen Ehre.

42. Kap. Daß man den Frieden nicht auf Menschen setzen soll.

43. Kap. Wider die eitle und weltliche Wissenschaft.

44. Kap. Daß man äußerliche Dinge sich nicht zuziehen soll.

45. Kap. Daß man nicht allen glauben soll, und wie leicht man in Worten sich verfehlt.

46. Kap. Von dem Vertrauen, das man auf Gott haben soll, wenn Pfeile der Worte sich erheben.

47. Kap. Daß man alle Beschwernisse wegen des ewigen Lebens erdulden soll.

48. Kap. Von dem Tage der Ewigkeit und den Bedrängnissen dieses Lebens.

49. Kap. Von dem Verlangen nach dem ewigen Leben, und wie große Güter den Kämpfenden verheißen sind.

50. Kap. Wie ein trostloser Mensch den Händen Gottes sich aufopfern soll.

51. Kap. Daß man demütigen Werken obliegen soll, wenn man zu den höchsten unvermögend wird.

52. Kap. Daß der Mensch sich keines Trostes wert, sondern vielmehr der Strafe schuldig achte.

53. Kap. Daß die Gnade Gottes irdischer Weisheit sich nicht beimische.

54. Kap. Von den verschiedenen Regungen der Natur und der Gnade.

55. Kap. Von der Verderbnis der Natur und der Wirksamkeit der göttlichen Gnade.

56. Kap. Daß wir uns selbst verleugnen, und Christus durch das Kreuz nachfolgen sollen.

57. Kap. Daß der Mensch nicht allzu niedergeschlagen sein soll, wenn er in einige Fehler verfällt.

58. Kap. Daß man höhere Dinge und die verborgenen Ratschlüsse Gottes nicht ergrübeln soll.

59. Kap. Daß man alle Hoffnung und Zuversicht auf Gott allein festsetzen soll.

Viertes Buch.

Von dem Sakrament des Altars.

Andächtige Ermahnung zur heiligen Kommunion.

1. Kap. Mit wie großer Ehrfurcht Christus zu empfangen sei.

2. Kap. Das die große Güte und Liebe Gottes dem Menschen in diesem Sakrament erwiesen wird.

3. Kap. Das es nützlich sei, oft zu kommunizieren.

4. Kap. Daß viele Gnaden denen verliehen werden, die andächtig kommunizieren.

5. Kap. Von der Würde des Sakramentes und dem priesterlichen Stande.

6. Kap. Frage über die Übung vor der Kommunion.

7. Kap. Von der Durchforschung des eigenen Gewissens und dem Vorsatz der Besserung.

8. Kap. Von der Aufopferung Christi am Kreuze und von eigener Ergebung.

9. Kap. Daß wir uns und all das Unsrige Gott aufopfern, und für alle beten sollen.

10. Kap. Daß man die heilige Kommunion nicht leicht unterlassen soll.

11. Kap. Das der Leib Christi und die Heilige Schrift der gläubigen Seele höchst notwendig sind.

12. Kap. Daß, wer Christus empfangen will, mit großer Sorgfalt sich vorbereiten soll.

13. Kap. Daß die fromme Seele von ganzem Herzen nach der Vereinigung mit Christus im Sakrament sich sehnen soll.

14. Kap. Von dem inbrünstigen Verlangen einiger Frommen nach dem Fronleichnam Christi.

15. Kap. Daß die Gnade der Andacht durch Demut und Verleugnung seiner selbst erlangt wird.

16. Kap. Daß wir unsere Nöte Christus eröffnen und seine Gnade begehren sollen.

17. Kap. Von der glühenden Liebe und dem heftigen Verlangen, Christus zu empfangen.

18. Kap. Daß der Mensch kein vorwitziger Grübler des Sakramentes, sondern ein demütiger Nachfolger Christi sein, und seinen Sinn dem heiligen Glauben unterwerfen soll.

Vorwort.

Das Buch der Nachfolge Christi, bekannter denn die übrigen geistvollen Schriften des gottseligen Thomas von Kempen, steht bei der ganzen Kirche in so großer Verehrung, daß das Lob dieses himmlischen Manna schmählern würde, wer dasselbe durch Lob zu erhöhen gedächte. Denn wie der fromme Ludwig von Granada sehr schön spricht: Durch wie immer erhabene Lobsprüche dasselbe gepriesen werde, wird dennoch jeder Leser mit der Königin von Saba ausrufen, daß die Weisheit und der überaus hohe Wert desselben alles übertreffe, was die menschliche Zunge davon spricht. Daher auch kam’s, daß, die Heilige Schrift ausgenommen, kein Buch so oft durch den Druck vervielfältigt, in die Sprachen so vieler Nationen übersetzt, und von Großen und Kleinen, von Hohen und Niederen, von Reichen und Armen mit so großer Liebe und zu so reichem geistigen Gewinn gelesen ward. Denn voll des Trostes, himmlischer Erleuchtung und Arzneien für alle Krankheiten der Seele, ward dies wunderbare Büchlein von jeher als eine Gabe des göttlichen Geistes betrachtet; der den Verfasser desselben mit seinem heiligen Licht erleuchtete und diese Worte des Heiles ihm einflößte, welche zahllose Sünder zur Bekehrung anzogen, bußfertige und in den Kämpfen dieses sterblichen Lebens ringende Seelen durch, himmlischen Trost aufrichteten, und heilige Gemüter zu noch größerer Liebe und Heiligkeit führten.

Nimmer also bedarf dieses, über alles Lob erhabene Buch unseres dürftigen Lobes. Sein Lob sind diese gesegneten Früchte des Heiles, die es sowohl in dem schlichten Latein als in zahllosen Übersetzungen brachte, und fortwährend bringt und bringen wird. Hinsichtlich der gegenwärtigen deutschen Bearbeitung erinnert der Übersetzer bloß, daß er die letzte Ausgabe seiner Übersetzung, nach der berühmtesten aller lateinischen Ausgaben der Gebrüder Elzevir vom Jahre 1630 mit größter Sorgfalt, neuerdings Nummer für Nummer durcharbeitete, um dieser Krone unseres Kempis auch in deutscher Sprache die möglichste Vollendung zu geben.

J. P. Silbert.

Erstes Buch.Nützliche Ermahnungen zu einem geistlichen Leben.

1. Kapitel.

Von der Nachfolge Christi und der Verachtung aller Eitelkeiten der Welt.

1. „Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in Finsternissen“, (Joh. 8.) spricht der Herr. Dies sind Worte Christi, durch die wir ermahnt werden, wie sehr wir seinem Leben und seinen Sitten nachahmen sollen, wenn wir wollen wahrhaft erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens befreit werden. – Es sei also unser höchster Fleiß: im Leben Jesu Christi zu betrachten.

2. Die Lehre Christi übertrifft alle Lehren der Heiligen; und wer den Geist hätte, der würde darin verborgenes Manna finden. Allein es geschieht, daß viele, bei oftmaliger Anhörung des Evangeliums, geringes Verlangen empfinden; weil sie den Geist Christi nicht haben. – Wer aber die Worte Christi völlig verstehen und Geschmack daran finden will, der muß trachten, sein ganzes Leben ihm gleichförmig zu bilden.

3. Was nützt es dir, erhabene Dinge von der Dreieinigkeit zu erörtern, wenn es dir an Demut gebricht, wodurch du der Dreieinigkeit mißfallest? Wahrlich, erhabene Worte machen nicht heilig noch gerecht; sondern ein tugendhaftes Leben macht bei Gott beliebt. – Ich wünsche lieber, die Zerknirschung des Herzens zu empfinden als die Erklärung derselben zu wissen. Wenn du die ganze Bibel auswendig wüßtest und die Aussprüche aller Philosophen: was würde das alles nützen, ohne die Liebe Gottes und die Gnade? – „Eitelkeit der Eitelkeiten und alles ist Eitelkeit“; (Eccles. 1.) außer Gott lieben, und ihm allein dienen. Dies ist die höchste Weisheit: durch Verachtung der Welt nach dem himmlischen Reich streben!

4. Eitelkeit also ist’s: vergängliche Reichtümer suchen und auf sie hoffen. Eitelkeit auch ist’s: nach Ehrenstellen gieren, und zu einem hohen Stande sich stolz erheben. Eitelkeit ist’s: den Begierden des Fleisches nachgehen und jenes verlangen, wofür man hernach schwer gestraft werden muß. Eitelkeit ist’s: ein langes Leben wünschen, und um ein gutes Leben wenig besorgt sein. – Eitelkeit ist’s: auf das gegenwärtige Leben allein acht haben und auf die Dinge, die da künftig sind, sich nicht vorsehen. Eitelkeit ist’s: lieben was mit aller Schnelligkeit vorübergeht; und nicht dorthin eilen, wo immerwährend die Freude bleibt.

5. Gedenke oftmals jenes Sprichwortes: „Denn das Auge wird nicht durch Schauen gesättigt, noch das Ohr durch Hören erfüllt!“ (Eccl. 1.) Befleiße dich also, dein Herz von der Liebe sichtbarer Dinge abzuziehen; und zu den unsichtbaren dich hinzuwenden. Denn die ihrer Sinnlichkeit folgen, beflecken das Gewissen und verlieren die Gnade Gottes.

2. Kapitel.

Von der demütigen Meinung von sich selbst.

1. Jeder Mensch wünscht, natürlicherweise, zu wissen; allein Wissenschaft ohne Gottesfurcht: was trägt sie ein? Besser fürwahr ist ein demütiger Bauer, der Gott dient, als ein stolzer Philosoph, der, sich selbst vernachlässigend, den Lauf des Himmels betrachtet. Wer sich selbst erkennt, wird vor sich selbst gering, und ergötzt sich auch nicht an menschlichen Lobsprüchen. Wenn ich alles wüßte was in der Welt ist, und nicht in der Liebe wäre: was würde es mir helfen vor Gott, der mich richten wird nach der Tat?

2. Laß ab von übertriebener Wißbegier; denn große Zerstreuung und Täuschung wird darin gefunden. – Vielwisser wollen gern gesehen und Weise genannt werden. Es gibt viele Dinge, die zu wissen, der Seele wenig oder gar nichts nützen; und sehr unweise ist, wer auf andere achtet als auf die, die seinem Heil dienlich sind. – Viele Worte ersättigen die Seele nicht, aber ein gutes Leben erquickt das Gemüt, und ein reines Gewissen gewahrt großes Vertrauen zu Gott.

3. Je mehr und Besseres du weißt, um so strenger wirst du deshalb gerichtet werden: wenn du nicht heiliger lebst. – Erhebe dich also nicht stolz ob irgendeiner Kunst oder Wissenschaft; sondern fürchte vielmehr wegen der dir verliehenen Kenntnis. – Wenn es dich bedünkt, du wissest viel und verstehst es ziemlich gut; so wisse gleichwohl, daß es noch weit mehr Dinge gibt, die du nicht weißt. „Erhebe dich nicht in deinem Sinne“; (Röm. 12.) sondern bekenne vielmehr deine Unwissenheit. – Was willst du irgendeinem dich vorziehen, da doch mehrere gefunden werden, gelehrter als du und im Gesetz mehr bewandert? Willst du etwas mit Nutzen wissen und lernen; so liebe ungekannt zu sein und für nichts geachtet zu werden!

4. Dies ist die erhabenste und nützlichste Lektion: Wahre Kenntnis und Verachtung seiner selbst! – Von sich selbst nichts halten und von andern immer eine gute und hohe Meinung haben, ist große Weisheit und Vollkommenheit! – Sahst du einen andern offenbar sündigen oder irgend Schweres begehen, so solltest du dennoch dich nicht für besser halten; weil du nicht weißt, wie lange du im Guten bestehen könnest. Alle sind wir gebrechlich; doch du sollst niemand für gebrechlicher als dich selbst halten.

3. Kapitel.

Von der Lehre der Wahrheit.

1. Selig der, den die Wahrheit durch sich selbst lehrt, nicht durch vorübergehende Bilder und Stimmen; sondern wie sie an sich ist! – Unsere Meinung und unser Sinn täuscht uns oft und sieht gar wenig. – Was frommt große Klügelei über verborgene und dunkle Dinge; über deren Unkunde wir auch beim Gericht nicht zur Strafe gezogen werden? – Große Torheit ist’s: daß wir Nützliches und Notwendiges vernachlässigend, dafür auf vorwitzige und schädliche Dinge acht haben; Augen haben wir und sehen nicht!

2. Und was kümmern uns Gattungen und Geschlechter? – Zu wem das ewige Wort spricht, der wird vieler Meinungen los. Durch ein Wort sind alle Dinge; und alle Dinge sprechen dies eine; und dieses ist der Anfang, der auch zu uns spricht. (Joh. 8.) Ohne ihn versteht oder urteilt niemand recht. – Wem alle Dinge eins sind, und wer alle auf das eine bezieht und alle in dem einen schaut, der vermag es, beständigen Herzens zu sein und friedlich in Gort zu verbleiben. – O Wahrheit: Gott! mach mich eins mit dir in ewiger Liebe! Es verdrießt mich oftmals, vieles zu lesen und zu hören; in dir ist alles was ich will und verlange! Schweigen sollen alle Lehrer, schweigen alle Kreaturen vor deinem Angesicht; du allein sprich zu mir!

3. Je mehr jemand sich selbst vereint und innerlich vereinfacht ist, desto mehrere und erhabenere Dinge sieht er ohne Mühe ein; weil er das Licht des Verständnisses von oben herab empfängt. – Ein reiner, einfacher und beständiger Geist wird durch viele Geschäfte nicht zerstreut; weil er alles zu Gottes Ehre wirkt, und sich bemüht, aller Eigenwahl in sich ledig zu sein. – Wer hindert und belästigt dich mehr als deine unabgetötete Herzensneigung? – Ein guter und frommer Mensch ordnet erst im Innern seine Werke, die er äußerlich verrichten soll; noch ziehen auch diese ihn zu den Begierden seiner verderbten Neigung hin; sondern er selbst richtet sie nach dem Urteil der richtigen Vernunft. – Wer hat einen stärkeren Kampf, als wer da ringt, sich selbst zu überwinden? Und dies sollte das Geschäft eines jeden von uns sein: nämlich, sich selbst überwinden, täglich mehr Stärke über sich selbst gewinnen, und im Besseren etwas zunehmen.

4. Jede Vollkommenheit in diesem Leben hat eine gewisse, ihr anklebende Unvollkommenheit; und all unser innerliches Anschauen ist nicht frei von einigem Dunkel. – Demütige Erkenntnis deiner selbst ist ein gewisserer Weg zu Gott als das tiefsinnige Forschen der Wissenschaft. Nicht tadelhaft ist zwar die Wissenschaft oder jede einfache Kenntnis irgendeiner Sache, die, an sich betrachtet, gut und von Gott geordnet ist; doch ist ein gutes Gewissen und ein tugendhaftes Leben jederzeit vorzuziehen. Weil aber viele sich mehr bestreben: zu wissen, als gut zu leben, darum irren sie oft und tragen beinahe keine oder nur geringe Frucht

5. O wenn sie so großen Fleiß anwendeten, Fehler auszurotten und Tugenden einzupflanzen, als gelehrte Fragen aufzuwerfen: dann würde nicht so viel Unheil und Ärgernis im Volk sich ergeben, noch auch so große Ausgelassenheit in den Klöstern! – Wahrlich, wenn einst der Tag des Gerichtes kommt: nicht fragen wird man uns dann, was wir gelesen, sondern was wir getan; noch auch, wie wohl wir gesprochen, sondern wie fromm wir gelebt haben! – Sag mir, wo sind nun alle jene Herren und Meister, die du gut gekannt hast, als sie noch lebten und durch Wissenschaften blühten? – Schon besitzen andere ihre Pfründen; und ich weiß nicht, ob sie ihrer gedenken.

In ihrem Leben schienen sie etwas zu sein, jetzt aber wird von ihnen geschwiegen!

6. O wie schnell geht die Herrlichkeit der Welt vorüber! – Wollte Gott, ihr Leben hätte mit ihrer Wissenschaft übereingestimmt! Dann hätten sie gut studiert und gelesen. Wie viele gehen durch eitle Gelehrsamkeit in der Welt zugrunde, die sich um den Dienst Gottes wenig kümmern! – Und weil sie lieber erwählen, groß als demütig zu sein, so vergehen sie in ihren Gedanken. Wahrhaft groß ist, wer große Liebe hat. Wahrhaft groß ist, wer in sich selbst klein ist, und allen Gipfel der Ehre für nichts hält. Wahrhaft klug ist, wer alles Irdische gleich dem Gassenkot achtet, auf daß er Christus gewinne. Und wahrhaft wohl gelehrt ist, wer den Willen Gottes tut und seinen Willen verläßt.

4. Kapitel.

Von der Vorsicht in den Handlungen.

1. Nicht jedem Wort ist zu glauben, noch auch jedem Antrieb; sondern behutsam und langmütig soll eine Sache, nach Gott, erwogen werden. – Leider! oft wird Böses leichter als Gutes von einem andern geglaubt und gesagt. So schwach sind wir! Doch vollkommene Männer glauben nicht leicht jedem Erzähler, weil sie die menschliche Schwäche kennen; die zum Bösen geneigt und in Worten gar gebrechlich ist.

2. Es ist große Weisheit, nicht vorschnell im Handeln zu sein, noch hartnäckig auf eigenem Sinn zu bestehen. Zu dieser (Weisheit) gehört auch, daß man nicht jeglicher Menschen Worten glaube, noch das Gehörte oder Geglaubte, sogleich vor anderer Ohren ergieße. Pflege Rat mit einem weisen und gewissenhaften Mann; und suche vielmehr von einem Besseren belehrt zu werden, als deinen eigenen Einfällen zu folgen. – Ein gutes Leben macht den Menschen weise vor Gott und in vielen Dingen erfahren. Je demütiger einer in sich, und je mehr er Gott unterworfen ist, um so weiser und friedlicher wird er in allen Dingen sein.

5. Kapitel.

Von den Lesung der heiligen Schriften.

1. Wahrheit ist in den heiligen Schriften zu suchen, nicht Beredsamkeit. Jede heilige Schrift soll in demselben Geist gelesen werden, worin sie verfaßt ward. Nutzen sollen wir vielmehr suchen in der Schrift als Erhabenheit der Sprache. Ebenso gern sollen wir die frommen und einfachen Bücher lesen als die erhabenen und tiefsinnigen. – Kein Anstoß sei dir das Ansehen des Schreibers; ob er von geringer oder von großer Gelehrsamkeit war; sondern die Liebe der reinen Wahrheit soll dich zum Lesen anziehen. Forsche nicht, wer das gesagt habe; sondern was gesagt wird, darauf gib acht.

2. Die Menschen gehen vorüber; aber die Wahrheit des Herrn bleibt in Ewigkeit! – Ohne Ansehen der Personen spricht Gott auf verschiedene Weise zu uns. – Unser Vorwitz ist uns oft hinderlich im Lesen der Schrift; da wir verstehen und erörtern wollen, wo man einfach vorübergehen sollte. – Wenn du Nutzen schöpfen willst, so lies demütig, einfach und gläubig, und wolle nie den Namen eines Gelehrten haben. Frage gern und höre die Worte der Heiligen schweigend an; auch die Parabeln der Alten sollen dir nicht mißfallen, denn ohne Ursache werden sie nicht vorgetragen.

6. Kapitel.

Von ungeordneten Neigungen.

1. So oft immer der Mensch auf ungeordnete Weise nach etwas giert, wird er alsbald unruhig in sich. – Der Stolze und Geizige ruhen nie; der Arme und Demütige im Geiste wandeln in der Menge des Friedens. – Der Mensch, der noch nicht vollkommen in sich erstorben ist, wird gar bald versucht; und überwunden wird er in geringen und unbedeutenden Dingen. Der Schwache im Geiste und gleichsam noch Fleischliche und zum Sinnlichen Geneigte vermag es nur schwer, von irdischen Begierden sich gänzlich abzuziehen. Und daher hat er oft Traurigkeit, wenn er sich losreißt; auch wird er leicht unwillig, wenn jemand ihm widersteht.

2. Strebt er aber dem nach, wonach ihn begierlich verlangt, dann wird er, ob der Schuld des Gewissens, sogleich beschwert; weil er seiner Leidenschaft folgte, die nichts nützt zu dem Frieden, den er suchte. – Darin also, daß man den Leidenschaften widersteht, wird der wahre Friede des Herzens gefunden; nicht aber darin, daß man ihnen dient. Es ist demnach kein Friede in dem Herzen eines fleischlichen Menschen, noch in einem Menschen, der dem Äußerlichen hingegeben ist; sondern in einem eifrigen und geistigen.

7. Kapitel.

Von der eitlen Hoffnung und dem Hochmut, die man fliehen soll.

1. „Eitel ist, wer seine Hoffnung auf Menschen oder auf Geschöpfe setzt.“ (Jerem. 17.) – Schäme dich nicht, um der Liebe Jesu Christi willen andern zu dienen und für arm in dieser Welt angesehen zu werden. – Fuße nicht auf dich selbst, sondern setze deine Hoffnung auf Gott. – Tu was an dir ist, und Gott wird deinem guten Willen beistehen. – Vertraue nicht auf deine Wissenschaft, noch auf die Verschlagenheit irgendeines lebenden Menschen; sondern vielmehr auf die Gnade Gottes, der den Demütigen hilft; und jene demütigt, die stolz auf sich selbst bauen.

2. Rühme der Reichtümer dich nicht, wenn du deren hast, noch auch deiner Freunde, weil sie mächtig sind; sondern in Gott, der alles verleiht, und sich selbst über alles zu geben verlangt. – Erhebe dich nicht über die Größe oder Schöne des Leibes, die durch eine kleine Krankheit zerstört und verunstaltet wird. – Habe kein Gefallen an dir selbst wegen deiner Geschicklichkeit oder deines Verstandes, auf daß du Gott nicht mißfallest, dem alles angehört, was immer du Gutes von Natur haben magst.

3. Halte dich nicht für besser als andere, daß du nicht etwa vor Gott für schlechter gehalten werdest; der da weiß, was an dem Menschen ist. – Sei nicht stolz auf gute Werke, denn anders sind die Urteile Gottes als die der Menschen; ihm mißfällt oft was den Menschen gefällt. – Solltest du irgend Gutes haben, so glaube von andern noch Besseres, auf daß du die Demut bewahrst. Es schadet nichts, wenn du allen dich nachsetzest; es schadet aber gar sehr, wenn du auch nur einem dich vorsetzest. – Bei dem Demütigen ist beständiger Friede, aber in dem Herzen des Stolzen ist häufig Ereiferung und Unwille.

8. Kapitel.

Von Verhütung allzu großer Vertraulichkeit.

1. „Offenbare nicht jedem Menschen dein Herz!“ (Eccl. 8.); sondern betreibe deine Sache mit einem Weisen und Gottesfürchtigen. – Sei selten mit jungen Leuten und Fremden. Schmeichle den Reichen ja nicht; und erscheine nicht gern vor den Großen. – Geselle dich zu Demütigen und Einfachen, zu Frommen und Wohlgesitteten; und was zur Erbauung gehört, das verhandle mit ihnen – Sei nicht vertraulich gegen irgendein Weib; sondern empfiehl allen frommen Frauen Gott im allgemeinen. Nur mit Gott allein und mit seinen Engeln wünsche vertraulich zu sein; der Menschen Kundschaft aber weiche aus.

2. Liebe muß man zu allen haben, aber Vertraulichkeit frommt nicht. – Es ereignet sich zuweilen, daß eine unbekannte Person durch guten Ruf leuchtet, deren Gegenwart gleichwohl die Augen derjenigen trübt, welche sie sehen. – Wir erachten zuweilen, andern durch unsere Freundschaft zu gefallen; und wir beginnen vielmehr ihnen zu mißfallen, ob der Verkehrtheit der Sitten, die sie in uns wahrnehmen.

9. Kapitel.

Von dem Gehorsam und der Unterwürfigkeit.

1. Überaus groß ist es: unter dem Gehorsam stehen, unter einem Vorgesetzten leben und sein eigener Herr nicht sein. – Viel sicherer ist’s: in Unterwürfigkeit zu stehen, als in der Würde eines Vorgesetzten. – Viele sind unter dem Gehorsam mehr aus Notwendigkeit als aus Liebe; und diese haben Verdruß, und leicht murren sie; noch werden sie auch je Freiheit des Geistes erlangen, sofern sie nicht aus ganzem Herzen, Gottes wegen, sich unterwerfen. – Laufe du dahin oder dorthin: nimmer wirst du Ruhe finden, außer in demütiger Unterwerfung unter die Leitung des Vorgesetzten. Einbildung anderer Orte und Veränderung hat schon viele getäuscht.

2. Es ist wahr, jeder handelt gern nach seinem Sinn und neigt sich mehr zu denen, die eines Sinnes mit ihm sind. Ist aber Gott unter uns, notwendigerweise müssen wir dann auch, um das Wohl des Friedens, unsere Meinung zuweilen verlassen. – Wer ist so weise, daß er alles vollkommen wissen kann? Vertraue demnach nicht allzusehr auf deinen Sinn, sondern höre auch gern anderer Meinung an. – Ist deine Meinung gut, und du läßt sie dennoch Gottes wegen fahren, und folgst einer andern, so wirst du dadurch weit mehr zunehmen.

3. Denn ich habe oftmals gehört, es sei sicherer, Rat anzuhören und anzunehmen, als zu geben. – Es kann sich auch ereignen, daß die Meinung eines jeden gut sei; aber andern nicht nachgeben wollen, wo die Vernunft oder eine Ursache es erfordert, ist ein Zeichen von Hoffart und Starrsinn.

10. Kapitel.

Von der Vermeidung überflüssiger Worte.

1. Hüte dich, vor dem Getümmel der Menschen, so sehr du kannst; denn sehr hinderlich ist die Verhandlung weltlicher Händel, auch wenn sie in schlichter Absicht vorgenommen werden. Denn schnell werden wir von der Eitelkeit verunreinigt und gefangen. – Ich wollte, ich hätte öfter geschwiegen und wäre nicht unter Leuten gewesen. – Aber warum reden wir so gern und schwatzen miteinander, da wir doch selten ohne Verletzung unseres Gewissens zum Stillschweigen zurückkehren? – Darum reden wir so gern, weil wir durch gegenseitige Unterredungen voneinander getröstet zu werden suchen, und das von verschiedenen Gedanken ermüdete Herz aufzurichten wünschen. Und gar gern haben wir es, von Dingen, die wir sehr lieb haben oder verlangen, oder die unserer Empfindung zuwider sind, mit Vergnügen zu reden und daran zu denken.

2. Aber leider ist dies oft fruchtlos und vergeblich. Denn dieser äußerliche Trost ist kein geringer Nachteil des innerlichen und göttlichen Trostes. Wachen soll man daher und beten, daß nicht die Zeit unbenützt vorübergehe. – Wenn es zu reden erlaubt ist und frommt, dann sprich was die Erbauung fördert. – Üble Gewohnheit und Vernachlässigung unseres Fortgangs trägt viel zur Unbehutsamkeit unseres Mundes bei. – Indessen nützt eine fromme Unterredung über geistliche Dinge nicht wenig zum geistigen Fortgang; vorzüglich wenn solche, die gleichen Gemütes und Geistes sind, in Gott sich gesellen.

11. Kapitel.

Von der Erlangung des Friedens und vom Eifer im Fortschreiten.

1. Vielen Frieden könnten wir haben, wenn wir uns nicht wollten beschäftigen mit anderer Reden und Taten, die uns nichts angehen. – Wie kann der lange im Frieden bleiben, der sich in fremde Angelegenheiten mischt? der Gelegenheiten von außen sucht? der wenig oder selten im Innern sich sammelt? – Selig die Einfachen, denn vielen Frieden werden sie haben!

2. Warum waren manche Heilige so vollkommen und so tief innerliche Betrachter? Weil sie beflissen waren, von allen irdischen Begierden sich abzutöten; und darum konnten sie auch mit ganzem Herzensmark Gott anhangen und sich selbst frei abwarten. – Wir sind allzusehr mit eigenen Leidenschaften beschäftigt, und kümmern uns zu viel um vergängliche Dinge. Selten auch überwinden wir einen Fehler vollkommen und werden auch nicht zu täglichem Fortgang angefeuert; deshalb bleiben wir kalt und lau zurück.

3. Wenn wir uns selbst vollkommen abgestorben und im Innern durchaus nicht verwirrt waren, dann könnten wir auch göttliche Dinge mit Wohlgeschmack empfinden und von der himmlischen Beschaulichkeit etwas erfahren. – Das ganze und größte Hindernis ist, daß wir von Leidenschaften und Begierlichkeiten nicht frei sind, noch uns bemühen, den vollkommenen Weg der Heiligen zu betreten. Auch werden wir, wenn nur eine geringe Trübsal vorkommt, allzubald niedergeschlagen und wenden uns zu menschlichen Tröstungen.

4. Wenn wir uns ernstlich bestrebten, als tapfere Männer im Kampf zu stehen, wahrlich wir würden die Hilfe des Herrn vom Himmel über uns schauen. Denn den Streitern und denen, die auf seine Gnade hoffen, ist er bereit zu helfen; der uns Gelegenheiten zu streiten verschafft, auf daß wir siegen. – Wenn wir den Fortgang in der Gottseligkeit nur in diese äußerlichen Gebräuche setzen, so wird unsere Frömmigkeit bald ein Ende haben. Allein setzen wir die Axt an die Wurzel, daß wir, von Leidenschaften gereinigt, ein friedfertiges Gemüt besitzen.

5. Wenn wir jedes Jahr einen Fehler ausrotteten, würden wir bald vollkommene Männer werden. So aber fühlen wir oft umgekehrt, daß wir im Anfang unserer Bekehrung besser und reiner waren, als nach den vielen Jahren seit Ablegung der Gelübde. – Eifer und Fortschritte sollten täglich wachsen; nun aber scheint es als etwas Großes, wenn einer einen Teil des ersten Eifers beibehalten könnte. – Wenn wir im Anfang uns ein wenig Gewalt antäten, so könnten wir hernach alles mit Leichtigkeit und Freude tun.

6. Schwer ist’s, gewohnte Dinge zu lassen; noch schwerer ist’s, gegen den eigenen Willen zu gehen. Aber wenn du Geringes und Leichtes nicht besiegst: wann wirst du das Schwerere überwinden? – Widersteh im Anfang deiner Neigung und verlerne die böse Gewohnheit; daß sie dich nicht allmählich zu größerer Schwierigkeit führe. – O wenn du wahrnähmest, wie großen Frieden du dir, und wie große Freude du andern durch ein gutes Betragen bereitetest, ich meine, du würdest um deinen geistigen Fortgang besorgter sein!

12. Kapitel.

Vom Nutzen der Widerwärtigkeit.

1. Gut ist es uns, daß wir zuweilen einige Beschwernisse und Widerwärtigkeiten haben; denn oft rufen sie den Menschen zu seinem Herzen zurück, damit er erkenne, daß er hier in der Verbannung ist, und seine Hoffnung nicht auf irgendeine Sache der Welt setze. – Gut ist es, daß wir zuweilen Widerspruch leiden, und daß man eine böse und unvollkommene Meinung von uns habe; auch wenn wir Gutes tun und beabsichtigen. Oft frommt dies zur Demut und beschirmt uns vor eitler Ehre. Dann nämlich suchen wir eifriger Gott, den inneren Zeugen, wenn wir draußen gering geachtet werden von den Menschen, und man uns nicht wohl traut.

2. Deshalb sollte der Mensch so sehr in Gott sich festigen, daß er nicht nötig hätte, viel menschlichen Trost zu suchen. – Wenn ein Mensch von gutem Willen bedrängt, oder versucht oder durch böse Gedanken betrübt wird, dann sieht er ein, daß Gort ihm um so notwendiger ist; ohne den er nichts Gutes vermag; wie er selbst wahrnimmt. – Dann wird er auch traurig, seufzt und betet wegen der Drangsale, die er leidet. Dann verleidet es ihm, länger zu leben; und er wünscht, daß der Tod bald komme, damit er aufgelöst werden und bei Christus sein könne. Dann merkt er auch wohl, daß vollkommene Sicherheit und völliger Friede in der Welt nicht bestehen können.

13. Kapitel.

Vom Widerstand in Versuchungen.

1. So lange wir in der Welt leben, können wir nicht ohne Trübsal und Versuchung sein; daher steht auch geschrieben im Buch Job: „Eine Versuchung ist das menschliche Leben auf Erden!“ – Deshalb sollte jeder, seiner Versuchungen wegen, sorgsam sein und im Gebet wachen, daß der Teufel nicht Raum fände, ihn zu überlisten; der nimmermehr schlummert, sondern umhergeht, suchend wen er verschlinge. – Niemand ist so vollkommen und heilig, der nicht zuweilen Versuchungen hätte; und ganz können wir nicht ohne dieselben sein.

2. Es sind jedoch die Versuchungen dem Menschen oft überaus nützlich, ob sie auch lästig seien und schwer; weil der Mensch darin gedemütigt, gereinigt und belehrt wird. – Alle Heiligen sind durch viele Trübsale und Versuchungen hindurchgegangen und haben dadurch zugenommen; und die in Versuchungen nicht aushalten konnten, sind verworfen worden und abgefallen. – Nimmer ist ein Orden so heilig, noch eine Stätte so geheim, wo nicht Versuchungen oder Widerwärtigkeiten wären.

3. Nicht gänzlich sicher ist der Mensch vor Versuchungen so lange er lebt. Denn in uns selbst liegt woher wir versucht werden, seit wir in Begierlichkeit geboren wurden. – Weicht eine Versuchung oder Trübsal, so kommt eine andere über uns; und immer werden wir etwas zu leiden haben; denn das Gut unserer Glückseligkeit haben wir verloren! – Viele suchen die Versuchungen zu fliehen, und fallen schwerer in dieselben. Durch die Flucht allein können wir nicht überwinden; aber durch Geduld und wahre Demut werden wir stärker denn alle Feinde.

4. Wer nur äußerlich ausweicht, noch auch die Wurzel ausrottet, der wird wenig ausrichten; ja, schneller werden die Versuchungen zu ihm zurückkehren, und ärger wird er sie fühlen. – Allmählich und durch Geduld mit Langmut wirst du unter Gottes Beistand besser überwinden als durch Hartnäckigkeit und eigenen Ungestüm. – Nimm öfters Rat an in der Versuchung, und begegne einem Versuchten ja nicht mit Härte, sondern flöße ihm Trost ein, wie du wünschtest, daß dir geschähe.

5. Der Anfang aller bösen Versuchungen ist: Unbeständigkeit des Gemütes und geringes Vertrauen auf Gott. Denn wie ein Schiff ohne Steuerruder von den Wellen hin und her geschleudert wird, also wird ein lässiger und seinen Vorsatz verlassender Mensch auf verschiedene Weise versucht. – Das Feuer prüft das Eisen, und die Versuchung den gerechten Menschen. Wir wissen oft nicht was wir vermögen, aber die Versuchung tut auf, was wir sind. – Wachen muß man indessen, besonders gegen den Anfang der Versuchung; weil dann der Feind leichter überwunden wird, wenn nirgend ihm Einlaß in das Tor des Geistes gestattet, sondern noch vor der Schwelle, sobald er anpocht, ihm begegnet wird. Weshalb auch jener sprach:

Widerstrebe mit Ernst im Beginn: zu spät ist die Heilung: Wenn, durch langen Verzug, mächtig das Übel schon ward.1