Die Nacht der gefangenen Träume - Antonia Michaelis - E-Book

Die Nacht der gefangenen Träume E-Book

Antonia Michaelis

4,6
6,99 €

Beschreibung

Mit dieser Schule stimmt was nicht! Die perfekte Schmökermischung um Magie, ein großes Rätsel und zwei mutige Kinder Unheimlich findet Frederic seine neue Schule. Hier scheint es nur Musterschüler zu geben, ideen- und fantasielos. Und ist der Schatten des Schulleiters Bruhns nicht etwas zu dunkel für einen gewöhnlichen Schatten? Doch niemand außer dem Mädchen Änna scheint Frederic zu verstehen. Gemeinsam machen die beiden eine unglaubliche Entdeckung: Bruhns stiehlt den Kindern ihre Träume und hält sie in einer alten Fabrik gefangen. Frederic und Änna bleiben nur noch wenige Tage, um seinen schrecklichen Plan zu durchkreuzen: die Vernichtung aller Träume. Dazu müssen die beiden jedoch tief in den Schacht der Albträume hinabsteigen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 372




Für Frederic

… der in einem roten Haus wohnt,

von dem die Farbe nicht abblättert,

der zwei Eltern hat, die viel und gerne reden,

der Fußball spielt, statt Maschinen zu erfinden,

1. Kapitel

Wie ein feuchter Kieselstein

»Du darfst mit nichts zu Unheimlichem anfangen«, sagt Frederic.

»Mit nichts zu Unheimlichem?«, frage ich.

»Na ja, du weißt schon. Was später kommt.«

»Du meinst – als du im Nebel die Orientierung verloren hast? Als du beinahe in den Schacht gefallen bist, dessen Boden man nicht sehen konnte? Und als ihr dann in einer Nacht all diese unglaublichen Sachen entdeckt habt?«

»Ja, genau. Wenn du damit anfängst, will keiner das Buch lesen. Dann glauben alle, es wäre ein Buch voller Blutrunst und …«

»Blut-Runst?«

»Na, ich dachte, das ist das Hauptwort zu blutrünstig. Alle glauben, es wäre blutrünstig, obwohl ja gar kein Blut vorkommt.«

»Aber am ersten Tag, als die Geschichte begonnen hat und als du in der Klassenarbeit plötzlich …«

»Pssst! Das darfst du noch nicht verraten! Die Geschichte hat doch noch gar nicht begonnen. Sie beginnt erst.«

»Ach so. Und mit was soll ich denn nun beginnen?«

»Beginne mit … etwas Schönem.« Frederic überlegt eine Weile. Wenn er überlegt, kaut er immer auf seiner Unterlippe herum. »Beginne mit … den Bäumen. Den Bäumen an der Schulhofmauer. Die sind schön. Wenn das Herbstlicht auf ihre Blätter fällt und der Wind in ihnen knispert.«

»Knispert? Was bedeutet ›knispert‹?«

Er zuckt mit den Schultern. »Das, was der Wind in den Herbstblättern tut. Fängst du jetzt an oder nicht?«

Frederic erfindet gerne Worte. Er erfindet ständig alles Mögliche.

Ich aber bin nicht hier, um Dinge zu erfinden. Ich bin hier, um Frederics Geschichte aufzuschreiben. Er hat mich darum gebeten, und es ist höchste Zeit, denn er wird langsam ungeduldig.

Die Bäume waren schön. Sie standen entlang der grauen Schulhofmauer und reckten ihre weisen, alten Äste in den Himmel, als wollten sie das Licht dort einfangen. Sie standen schon immer da, und sie wussten alles: die Ulmen, die Linden, die Eichen. Und mitten auf dem Hof: eine Kastanie.

Aber wie Bäume eben so sind, behielten sie für sich, was sie wussten.

Das Schulgebäude war so alt wie die Bäume. Von drinnen wurde es ab und zu ohne rechte Liebe renoviert, hochdruckgereinigt, unterdruckentschimmelt und mit neuen Bildern in Siebdrucktechnik behängt. Draußen jedoch war seit Jahren alles beim Alten geblieben. Das Eingangsportal von St. Isaac litt unter einer leichten barocken Überengelung. Der Putz blätterte an einigen Stellen ab, sodass man hoffen konnte, auch die pausbäckigen Engelchen würden eines Tages abfallen. Niemand hatte sich in den letzten hundert Jahren die Mühe gemacht, etwas an der Fassade des altehrwürdigen Bauwerks zu verändern: Man pflegte seine Altehrwürdigkeit.

Direkt neben dem Schulhof stand noch ein zweites altes Gebäude, doch dessen Alter hatte nichts Ehrwürdiges an sich. In seinem ziegellosen Dachstuhl wuchsen Birken und viele seiner Wände neigten sich bedenklich. Das war das Abrisshaus. Es hieß so, weil die Erwachsenen ständig sagten, es müsste abgerissen werden. Eines Tages, sagten sie, würde es wohl von selbst umfallen, aber es wäre doch ein Schandfleck, nicht wahr, neben der altehrwürdigen Schule, und man sollte es beseitigen …

Die Kinder jedoch sprachen nur hinter vorgehaltener Hand über das Abrisshaus. Etwas daran war nicht geheuer. Kinder spüren so etwas.

Nachts flogen Eulen durch die zerbrochenen Fensteraugen des Hauses, und tags gingen die wilden Katzen der Gegend dort ein und aus. Der Wind heulte in den Ecken der verlassenen Räume wie ein verletzter Hund. Manche der Kinder schworen, sie hätten tatsächlich einmal einen Hund auf der Türschwelle sitzen sehen. In Wirklichkeit war keines von ihnen je dort gewesen. Es gab viele Gerüchte in St. Isaac, nicht nur über Hunde. Vor allem gab es Gerüchte über einen bösen, alten Mann, der im Abrisshaus gewohnt hatte und jetzt noch immer dort herumschlich, obwohl er schon lange tot war – Gerüchte darüber, er hätte sich in eine Eule verwandelt oder in eine streunende Katze oder vielleicht auch in den Wind. Später werden wir das Abrisshaus noch brauchen, daher muss es erwähnt werden. Doch später ist später. Zurück zu den Bäumen.

Früher, als das Schulgebäude neu gewesen war, hatten die Bäume eine Menge Gelächter dort unten im Hof gehört und eine Menge Streiche beobachtet. Doch vor fünfzehn Jahren hatte ein neuer Direktor die Herrschaft über St. Isaac übernommen. Und seither war es still geworden auf dem Hof. Seither war St. Isaac eine Privatschule. Und diese Privatschule produzierte Musterschüler, Oxford-Stipendiaten und Harvard-Anwärter wie am Fließband; Leiter internationaler Unternehmensketten, Börsenmakler, Chirurgieprofessoren und Politiker. Die Eltern der Stipendiaten und zukünftigen Professoren ließen sich den Spaß eine Menge kosten. Hätte der Direktor das Geld in die Außenfassade der Schule gesteckt – die Engel am Portal hätten längst goldene Nasen besessen, goldene Nasennebenhöhlen sogar. Aber vielleicht mochte der Direktor die Engel nicht oder vielleicht war er einfach nur geizig, denn ihre Nasenspitzen bröckelten weiter ungestört vor sich hin. Der Direktor hieß Bruhns, Bork Bruhns. Doch bei den meisten Schülern – und auch den meisten Lehrern – hatte sich unwillkürlich der Glaube festgesetzt, er hieße mit Vornamen Herrdirektor. Nur Frederic nannte ihn in seinem Kopf manchmal Bork Bruhns, weil er fand, dass »Bork« genauso düster klang, wie der Direktor aussah.

An dem Montagvormittag, an dem Frederics Geschichte begann, wachte Bruhns über eine Deutscharbeit der siebten Klasse – der jüngsten in St. Isaac. Der Wind knisperte in den Bäumen und die bunten Herbstblätter füllten die Luft mit ihrem Leuchten, und im dritten Stock am vierten Fenster von links saß ein dreizehnjähriger Junge mit braunem Wuschelhaar und einer spitzen Nase und träumte.

Das war Frederic.

Er träumte von der Erfindung einer neuen Maschine, während Herrdirektor Bruhns zwischen den Bänken auf und ab ging und alle anderen in der Klasse eifrig schrieben. HD Bruhns (wenn er nicht »Bork« dachte, kürzte Frederic wenigstens das »Herrdirektor« im Kopf ab, um Zeit für Wichtigeres zu sparen) hatte ihn ganz nach vorne gesetzt, neben Josephine, die Klassenbeste. Offenbar hoffte er, Josephines Eifer würde auf geheimen Umwegen in Frederic hineindiffundieren (Bruhns liebte Fremdwörter) und Frederic zu einem besseren Schüler machen.

Er hatte sich getäuscht. In Frederics Kopf existierte Josephine gar nicht. Er brauchte nur zu Beginn der Stunde einmal kurz zu blinzeln, und ihre gebügelte weiße Bluse zerfiel zu Staubkörnern. Ihre langen blonden Haare verblassten wie ein schlechtes Foto. Da waren nur er, Frederic, und das Herbstlicht und die Maschine, die er erfand. Im Kopf fertigte er eine genaue Zeichnung von ihr an. Sie war dazu da, das Licht draußen einzufangen und zu speichern, sodass es für den ganzen Winter reichte. Man musste nur die Räder und Drähte in der richtigen Reihenfolge anbringen, natürlich auch die Spiegel – und die große Batterie … Er nagte an seiner Unterlippe und überlegte, wie man möglichst viel Licht durchs Fenster hereinbefördern könnte. Ein bruhnsförmiger Schatten in einem dunklen Anzug wanderte durch den Rand seines Gesichtsfeldes. Vielleicht könnte er zusätzlich eine Maschine erfinden, die HD Bruhns durchs Fenster hinausbeförderte …

Frederic schloss die Augen, um besser nachdenken zu können. Er konnte das Klassenzimmer bei seinen Überlegungen nicht brauchen: Die kreischend neonfarbigen Chemietabellen (Elemente auswendig lernen macht Freude!) und die Apotheker-Poster von knuffigen Hamsterchen und Hündchen, für die man in der siebten Klasse viel zu alt war, machten jeden normalen Menschen über kurz oder lang wahnsinnig. Sie waren größer als Josephine und ließen sich schlechter ausschalten. Frederic atmete erleichtert auf, als die Hamsterchen und der dreiwertige Phosphor hinter seinen Lidern verschwanden …

Und da passierte es. Ganz plötzlich.

Etwas biss ihn in den rechten Arm.

Etwas Kleines mit sehr scharfen Zähnen.

Der Schmerz kam so plötzlich, dass Frederic nicht einmal schrie. Er schnappte nur nach Luft und öffnete die Augen. Auf seinem rechten Unterarm, gerade oberhalb des Handgelenks, prangte eine rote Stelle. Und noch während er sie anstarrte, wurden darauf langsam die tiefen Abdrücke von zwei Reihen winziger Zähne sichtbar. Leuchtend rote, brennende Abdrücke. Ein einzelner, dicker Tropfen Blut trat aus der Haut hervor und glänzte in der Herbstsonne wie ein nasser Kieselstein.

Frederic schüttelte benommen den Kopf. Was war geschehen?

Er suchte den glatten, kratzerlosen Tisch mit den Augen nach einem kleinen Tier mit spitzen Zähnen ab. Einer Maus, die vom Abrisshaus herübergekommen war. Natürlich war da keine Maus. Er sah unter seinen Stuhl. Unter den Tisch. Nichts. Nur der blau marmorierte Linoleumboden und Josephines violette Riemchenschuhe mit den aufgestickten Veilchen. Josephine selbst hatte den Kopf tief über ihre Arbeit gebeugt und schrieb eifrig. Ihr Blondhaar fiel als Vorhang auf die Tischplatte hinab und verbarg, was sie schrieb. Langsam kullerte der Blutstropfen auf Frederics Blatt und zerlief dunkelrot auf dem Weiß des Papiers.

»Frederic. Du träumst schon wieder.«

Frederic sah auf.

Bruhns große dunkle Gestalt stand vor seinem Tisch und warf einen langen Schatten auf das Pult wie einen Vorwurf.

»Wir haben hier nicht das Fach Träumerei, sondern das Fach Deutsch«, erklärte er mit ekelhafter Liebenswürdigkeit und strich seinen grauen Schlips glatt. »Wir interpretieren ein Gedicht. Das heißt: Alle anderen sind darin involviert, ein Gedicht zu interpretieren. Frederic der Träumer hat wohl etwas Besseres zu tun.«

»Allerdings«, murmelte Frederic – jedoch so leise, dass Bruhns es nicht hörte.

Selbstverständlich hatte es keinen Sinn, Bruhns von der Maus zu erzählen, die nicht da war. Der HD beugte sich über Frederic und sah ihm in die Augen. Bruhns Augen waren braun und im Grunde freundlich, aber es wirkte, als hätte jemand sie so lange blank geschrubbt, bis von der Freundlichkeit nichts mehr übrig geblieben war.

»Das Gedicht heißt ›Der Panther‹«, sagte Bruhns. »Es befindet sich auf dem Papier vor dir. Nur falls es dir nicht aufgefallen sein sollte.«

Die Klasse lachte. An der Wand zwischen der Tafel und den aufdringlich bunten Chemietabellen gab es einen großen Spiegel, und Frederic sah darin, wie sie alle gleichzeitig ihre Köpfe hoben und losprusteten – als hätte HD Bruhns den Witz des Jahrhunderts gemacht. Auch Josephine hob den Kopf, um zu lachen. Frederic vergewisserte sich mit einem Seitenblick, dass kein kleines bissiges Tier unter ihrem Haar hervorhuschte. Dann sah er wieder in den Spiegel. Und da entdeckte er hinten in der letzten Bank ein Mädchen, das nicht lachte. Ein blasses, dünnes Mädchen mit dunklem Haar und dunklen Augen, ihr Gesicht halb verborgen vom Kragen eines viel zu großen Wollpullovers. Er wusste, dass sie Änna hieß, aber sie hatte in den sechs Wochen seit Schulbeginn noch kein Wort mit ihm gesprochen. Sie sprach selten mit irgendjemandem. Gewöhnlich lief sie mit gesenktem Blick herum, als wäre es gefährlich, die Leute auch nur anzusehen. Doch jetzt sah sie ihm direkt in die Augen, als wollte sie ihn dringend etwas fragen, möglichst sofort. Ihr Blick verwirrte ihn. Er senkte rasch den Kopf und begann zu schreiben.

»Na also«, sagte HD Bruhns, sammelte seinen Schatten wieder auf und schlenderte zum Fenster hinüber. Das Gelächter der anderen verstummte wie auf Knopfdruck. Sekunden später hörte Frederic ihre Füllfederhalter wieder über das Papier kratzen. Er schrieb drei Seiten voll, um nicht weiter aufzufallen, während seine Gedanken anderswo waren.

Natürlich hätte er den Panther ohne Probleme interpretieren können. In der fünften Klasse, auf der anderen Schule, hatten sie ihn schon einmal interpretiert. Er lief hinter seinen Gitterstäben auf und ab und wollte gerne frei sein. Frederic fühlte mit dem Panther. Aber in diesem Moment war er zu verwirrt, um etwas anderes zu Papier zu bringen als das Wort bla in hundertfacher Ausführung.

Blablablablabla …

Immerhin schrieb er es in Schönschrift und ohne Rechtschreibfehler.

In seinem Kopf hinterließ der Panther statt Tatzenspuren Zahnabdrücke, und aus dem Boden des Käfigs traten winzige, glänzende Tropfen von dunkelrotem Blut.

Etwas stimmte hier nicht. Etwas stimmte ganz und gar nicht.

Wusste Änna, was es war?

In der großen Pause durchquerte Frederic das Labyrinth der Flure mit ihren gerahmten Bildern an den Wänden: eintönige Stillleben von Äpfeln und Birnen und fade Bleistiftskizzen von Röhren. Sie sahen alle gleich aus. Zu gleich für Bilder, die von verschiedenen Kindern gemalt worden waren.

Er verließ den modernen, sterilen Innenbereich von St. Isaac, verließ den Geruch nach Putzmittel und Gummisohlen und trat unter den Engelchen hinaus in den alten Hof. Die Bank unter der Kastanie, die in der Mitte des Schulhofs stand, schien auf ihn zu warten. Er saß gern auf dieser Bank und dachte nach. Aber heute wurde es nichts damit.

Die anderen aus der Klasse standen in Grüppchen herum und diskutierten das Panther-Gedicht. Normale Schüler, dachte Frederic, hätten noch darüber gesprochen, aber die Schüler von St. Isaac, die HD Bruhns und seine Fremdwörter so zu verehren schienen, diskutierten es.

»Na?«, sagte der starke Georg und setzte sich zu Frederic auf die Bank.

»Na?«, sagte Frederic.

»Was hast du geschrieben, über den Panther?«

Frederic verschwieg das Blabla. »Na, dass er für die Freiheit steht, die man verloren hat, und so weiter«, sagte er. »Dass man ausbrechen soll und so. Aus dem Selbst – aus dem – ach, was weiß ich.«

Er betrachtete die Wunde. Sie brannte. Nicht schlimm, nur ganz leicht, als wollte sie nicht, dass er sie vergaß.

»Dass man ausbrechen soll?«, fragte der starke Georg und zog seine starken Augenbrauen in die Höhe. »Aber der Panther ist doch glücklich, oder? Ich habe geschrieben, er ist erleichtert, weil es in seinem Käfig keine Gefahren gibt und er gefüttert wird und …«

Frederic schüttelte den Kopf. »Da hast du was falsch verstanden«, meinte er und besah sich die Arme des starken Georgs, die aus beeindruckenden Muskelpaketen bestanden. Vielleicht hätte er ihm nicht widersprechen sollen. Vielleicht würde der starke Georg böse werden, und es lohnte sich nicht, für ein dummes altes Gedicht ein blaues Auge einzukassieren. Aber der starke Georg wurde nicht böse.

»Meinst du?«, fragte er unsicher. »Das wäre aber nicht gut, dann kriege ich eine ganz schlechte Note.«

Komisch. Wenn Frederic den starken Georg auf der Straße getroffen hätte, ohne ihn zu kennen – er hätte bestimmt geglaubt, Georg würde jedem fürs Widersprechen die Nase platt bügeln. Und seine Noten wären ihm dabei so egal wie Frederics Nasenbein. Doch stattdessen stand der starke Georg auf und fragte seinen Freund Manuel.

»Klar ist der Panther glücklich«, sagte Manuel. »Er hat doch keine Probleme, oder?«

Der Panther nicht, dachte Frederic. Nur offenbar die Leute aus seiner Klasse. Was fanden sie an HD Bruhns? Kein Mensch auf Frederics alter Schule hätte ihn auch nur eines Blickes gewürdigt. Er war genau die Art von Lehrer, die grundsätzlich gegen eine Wand anredete.

»Josephine«, fragte Georg, beinahe weinerlich, »ist der Panther zufrieden in seinem Käfig? Frederic sagt Nein.«

Josephine löste sich aus einer Masse von schnatternden Siebtklässlern und strich sich die aalglatten blonden Haare zurück, die genau parallel zueinander ausgerichtet waren. (Kämmte sie sich mit einem Magneten?) Sie sah Georg von oben herab an und schenkte ihm ein gut geübtes grauäugiges Lächeln, kalt wie ein Gefrierfach.

»Er ist ganz und gar zufrieden«, antwortete sie mit einem Schnurren in der Stimme, als wäre sie selbst der zufriedene Panther. »Frederic irrt sich. Wir haben es alle so geschrieben. Der Panther steht für … faselfaselfasel …«

Aufgeblasenes Miststück, dachte Frederic. Man sollte eine Art Nadel erfinden, die man in Josephine hineinpiken konnte, damit die heiße Luft aus ihr entwich. Er sah direkt vor sich, wie sie in sich zusammenschnurrte und klein, runzlig und hässlich wurde … Aber noch niemand hatte diese Nadel erfunden, und so warf Josephine mit ihrem kalten Blick nach Frederic, ehe sich der Kreis der Mädchen und Jungen wieder um sie schloss.

Da räusperte sich jemand neben ihm. Auf der anderen Seite der Bank saß jetzt eine geduckte Gestalt – ganz an der Ecke. Es war Änna.

»Ich habe es gesehen«, sagte sie, so leise, dass er sie kaum hörte.

»Was – gesehen?«, fragte Frederic.

Änna zeigte auf sein rechtes Handgelenk.

»Wie es mich gebissen hat?«

»Nicht es«, flüsterte Änna. »Sie.«

»Du meinst – Josephine?«, fragte Frederic. »Aber wieso? Und vor allem: Wie? Ihr Kopf war gar nicht in der Nähe meiner Hand. Und wie kommt es, dass die Zahnspuren so winzig sind?«

Änna öffnete den Mund, um zu antworten. Doch in genau diesem Moment klingelte die Schulglocke und Frederic hörte nicht, was Änna sagte. Einige Sekunden später war sie bereits mit den anderen auf dem Weg zurück nach drinnen – hastig, als hätte sie Angst vor sich selbst bekommen. Sie wirkte immer etwas ungeschickt, vor allem wenn sie sich beeilte. Man konnte nicht wirklich behaupten, dass sie humpelte, aber sie hob die Füße kaum vom Boden.

An diesem Tag holte Frederic nach der sechsten Stunde Hendrik ab. Hendrik war sein Vater, und er holte ihn im Sekretariat von HD Bruhns ab, was daran lag, dass Frederics Vater die Computer des Sekretariats ab und zu instand setzte. Was wiederum der Grund dafür war, dass Frederic vor sechs Wochen nach St. Isaac gewechselt hatte. Hendrik zahlte nur ein Drittel des Schulgeldes. Die ganze Summe hätten sie sich niemals leisten können. Von Frederic aus hätten sie sich das restliche Drittel auch schenken können. Er wäre genauso gerne auf der alten Schule geblieben.

»Aber St. Isaac ist eine Chance«, hatte Hendrik gesagt. »Ich hatte keine solche Chance. Wenn ich eine gehabt hätte, würde ich jetzt nicht Computer reparieren.«

»Sondern?«, hatte Frederic gefragt. »Auf St. Isaac sind sie jedenfalls nicht clever genug, um ihre Computer selbst in Ordnung zu bringen. Ich meine: Was kann man heutzutage Besseres sein als Computerreparierer?«

Ein Seufzen. »Später wirst du mich verstehen. Mit einem Abschluss von St. Isaac kannst du studieren, was du willst. Du kannst – Chefarzt werden. Oder Architekt. Oder Forscher.«

»Ich werde Erfinder«, hatte Frederic leise gemurmelt. »Sowieso.«

»Wie bitte?«

»Ich habe gesagt, ich werde Fußpfleger«, hatte er gesagt; diesmal lauter und nur, um Hendrik zu ärgern. »Du verschwendest unser Geld.«

Das Gespräch lag vier Wochen zurück, und an diesem Montag nahm sich Frederic vor, es bei Gelegenheit zu wiederholen. Vielleicht konnte er Hendrik doch noch davon überzeugen, die Sache mit St. Isaac aufzugeben.

Frederics Vater war nicht im Sekretariat. Auch die Sekretärin saß nicht auf ihrem Sekretärinnenstuhl. Nur eine Tasse kalter Kaffee langweilte sich ganz allein neben einem verfaulenden Parmaveilchen auf der Fensterbank (Parma-Faulchen, dachte Frederic). Aus dem Fenster konnte man hinter der Schulhofmauer und den Bäumen den zerfressenen Dachstuhl des Abrisshauses sehen. Die gelb belaubten Birken zwischen seinen Balken bogen ihre Äste im Wind.

Frederic blieb einen Augenblick lang unschlüssig stehen. Aus dem Rektorat nebenan drangen leise Stimmen. Er trat an die Tür, die einen Spaltbreit offen stand, und lauschte. War Hendrik dort? Frederic erkannte die Stimme von HD Bruhns und eine andere, jüngere Stimme. Änna. Ihre Stimme bewegte sich jetzt auf die Tür zu. Und dann verstand Frederic einzelne Worte.

»… weiß ich auch nicht, Herr Direktor«, sagte Änna leise.

»Mich wundert, dass es sich nur um das Fach Sport dreht«, erklärte Bruhns. »In allen anderen Fächern gibt es ja keine Probleme. Wie kann man nur in Sport schlecht sein? Sport ist doch ein schönes Fach. Wir wollen, dass alle unsere Schüler überall gut sind. Das gehört zum Prinzip von St. Isaac. Herr Fyscher sagt, du würdest dich weigern, einen Schwebebalken zu betreten.«

»Ich falle hinunter«, sagte Änna noch leiser als zuvor, aber sehr deutlich. Sie meinte es ernst.

»Ach was. Kein Mensch fällt von einem Schwebebalken.«

»Es ist schon passiert.«

»Unsinn! Reiß dich ein bisschen zusammen. Vielleicht sollten wir dich zur Krankengymnastik schicken.«

»Ja, Herr Direktor.« Schritte näherten sich der Tür.

»Und heb um Himmels willen beim Gehen die Füße, Mädchen!«

»Ja, Herr Direktor.«

Die Tür öffnete sich abrupt – Frederic stieß beinahe mit Änna zusammen und taumelte zurück. Hinter ihr tauchte Bruhns auf, das Gesicht noch gerötet vom Ärgern.

»Aha«, zischte er. »Welche Ehre. Frederic der Träumer.«

»Ich – äh – wollte nur fragen«, stotterte Frederic, »ob mein Vater – äh – hier ist.«

Er warf einen schnellen Blick in Bruhns’ geometrisch geordnetes Zimmer. An den Wänden hingen die Diplome und Urkunden ehemaliger Schüler von St. Isaac. Auf dem klobigen Schreibtisch lag eine Packung Gummiknochen für Hunde. Frederic hatte nicht gewusst, dass HD Bruhns zu Hause einen Hund besaß. Hoffentlich war er zu dem Hund netter als zu seinen Schülern.

»Siehst du deinen Vater irgendwo?«, blaffte Bruhns.

»Nein.«

»Dann wird er wohl nicht hier sein, nehme ich an«, erwiderte der HD giftig und schloss die Tür vor Frederics Nase. Frederic verließ die abgestandene Luft des Sekretariats, das Parmafaulchen und den kalten Kaffee und trat zurück in den kühlen Gang. An seinem Ende schlurfte Ännas kleine, gebeugte Gestalt. Und in diesem Moment war es Frederic, als müsste er noch etwas dort sehen. Etwas, das sie dazu brachte, zu schlurfen. Etwas Geheimnisvolles, Ungewisses.

Er blinzelte, sah noch einmal hin – Änna war fort, die Treppe hinunter verschwunden. Er überlegte, ob er ihr nachgehen sollte – doch da legte jemand von hinten eine Hand auf seine Schulter. Frederic fuhr erschrocken herum. Er erwartete Bork Bruhns’ hageres Gesicht über sich, aber das Gesicht, in das er blickte, gehörte seinem Vater. Er musterte Frederic mit gerunzelter Stirn. »Was ist los? Du siehst aus, als hättest du etwas … gesehen. Eine Feuer speiende Stubenfliege oder ein grün kariertes Pferd.«

Frederic schüttelte langsam den Kopf.

»Ich sehe nichts«, sagte er. »Ich sehe etwas nicht. Da ist etwas, das ich nicht sehe. Etwas, das ich sehen müsste.«

»Was?«

»Keine Ahnung. Ich sehe es ja nicht.«

Sie gingen gemeinsam den Gang entlang.

»Du sprichst in Rätseln«, sagte Hendrik.

Frederic beschleunigte seinen Schritt. »Vermutlich muss ich einfach nur hier raus«, meinte er.

Auf dem Hof, in der Herbstsonne, merkte Frederic, wie sehr er drinnen gefroren hatte. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund – schüttelte den Tag von sich ab.

»Man müsste eine Maschine erfinden gegen die Kälte in St. Isaac«, sagte er.

»Gibt es schon.« Hendrik grinste. »Heißt Heizung.«

Er trug seine langen Beine neben Frederic den Bürgersteig entlang, vorbei an der Schulhofmauer, vorbei an den bröckelnden Wänden des Abrisshauses, und sie verfielen in ihr gewöhnliches Schweigen. Hendrik und Frederic schwiegen viel. Es war ihre Art, sich zu unterhalten.

Sie sahen sich nicht ähnlich: Hendrik hatte eine Adlernase, Augen von der Farbe einer verblassenden blauen Tapete und eine Menge alter Lachfältchen aus Zeiten, die weit zurücklagen. An seinem Kinn trieben sich drei Tage voll Bart herum, und sein streichholzkurzes graues Haar dünnte an den Schläfen aus.

Frederics Augen waren braun, seine Nase hätte einen Adler beschämt, und er besaß natürlich weder graues Haar noch einen Dreitagebart. Nur ihr Schweigen sah sich ähnlich.

Sie schwiegen dieses Schweigen seit acht Jahren, seit dem Tag, an dem Hendriks Haare sich stur geweigert hatten, alle gleichzeitig auszufallen. Er hatte darauf gewartet, aber sie waren über Nacht nicht einmal schlohweiß geworden. Hätte es jenen Tag vor acht Jahren nicht gegeben, hätten Frederic und Hendrik womöglich nicht geschwiegen und die Lachfalten wären aktiv geblieben und alles wäre anders gewesen. Es war ein Montag im Herbst gewesen. Geschehen alle wichtigen Dinge an Montagen im Herbst?

An jenem Montag war Anna mit dem Fahrrad verunglückt. Frederic konnte sich kaum an sie erinnern. Hendrik sagte, Frederic würde so aussehen wie Anna. Aber vielleicht log er. Vielleicht wollte er, dass wenigstens eine Tatsache so war wie in den Romanen – die Kinder sehen immer den toten Müttern ähnlich, nicht wahr?

An dieser Stelle unterbrach Hendrik seine Gedanken. »Das gibt’s doch nicht«, sagte er. Und dann: »Da bricht jemand in die Wohnung im Erdgeschoss ein.«

Er war stehen geblieben, und nun blieb auch Frederic stehen. Sie waren beinahe angekommen, nur noch ein Häuserblock trennte sie von ihrem Haus – und gerade in diesem Moment versuchte jemand, in diesem Haus mit einer Kreditkarte ein Fenster zu öffnen. Der Jemand trug Jeans, ein kariertes Hemd und hatte lange rote Locken.

»Eine Einbrecherin«, wisperte Frederic.

»Das ist die Emanzipation«, flüsterte Hendrik und seufzte. »Frauen wollen sich eben in allen Berufen mal ausprobieren. Man muss das verstehen.«

»Aber man sollte ihr sagen, dass die Wohnung im Erdgeschoss leer steht«, wisperte Frederic. »Es gibt nichts, was man hinaustragen könnte.«

Das Haus besaß drei Stockwerke – das leere Erdgeschoss, Hendriks und Frederics Wohnung auf der ersten Etage und die Wohnung einer alten Dame auf der zweiten. Auf dem Dachboden wohnten die Wäsche, einige kranke Topfpflanzen und ein Kleinstaat schwarzer Spinnen mit haarigen Füßen. Außen an der Fassade blätterte die pastellgelbe Farbe in großen Lappen ab. Darunter kam eine Schicht hellgrauer und eine weitere Schicht lindgrüner Farbe zum Vorschein, was der Wand dort den Gesichtsausdruck einer verrückten Landkarte verlieh. In der Landkarte klebten drei Balkons aus Gussbeton wie zu groß geratene Blumenkästen. Hendrik sagte immer, im Ganzen wäre das Haus ein typisches Architekturverbrechen aus der Nachkriegszeit, aber Frederic mochte es. Dennoch wunderte er sich, dass jemand dort einbrach.

Die Einbrecherin hatte es inzwischen geschafft, das Fenster zu öffnen. Und dann begann sie zu Frederics Erstaunen nicht etwa, Dinge hinaus-, sondern Dinge in die leere Wohnung hineinzutragen. Sie holte die Dinge aus einem kleinen gelben Auto, und Frederic und sein Vater beobachteten verblüfft, wie sie der Reihe nach eine Stehlampe, drei Stühle und eine Matratze durch das offene Fenster hievte. Die Matratze verfing sich irgendwie in der Fensteröffnung und die Frau zerrte und zog.

»Man sollte ihr helfen«, sagte Hendrik, rührte sich aber nicht vom Fleck.

Frederic ging zu der rothaarigen Frau hinüber. »Entschuldigen Sie«, sagte er.

»Ja?« Sie drehte sich um und lächelte. In ihrem Haar hingen Staubflusen, auf ihrer Nase wuchsen Sommersprossen wie Sternzeichen und in ihrem Lächeln spiegelte sich eine Welt. Frederic schluckte. Wenn seine Mutter so ausgesehen hätte, hätte sie ihm gefallen. »Ich wollte … fragen … warum Sie in diese Wohnung einbrechen?«, fragte er und kam sich ziemlich dumm vor.

»Ich – äh – komme mir ziemlich dumm vor«, sagte die Frau. »Der Plan war einzuziehen, nicht einzubrechen. Aber es ist mir gelungen, den Wohnungsschlüssel zu verlieren, ehe ich ihn überhaupt ein einziges Mal benutzen konnte.«

»Wo haben Sie ihn verloren?«, fragte Frederic.

»Wenn ich das wüsste«, sagte die Frau, »hätte ich ihn ja nicht verloren.«

»Hm«, machte Frederic. Dann packte er eine Ecke der Matratze, und sie schoben gemeinsam. Schließlich gab die Matratze nach und rutschte durch die Fensteröffnung nach drinnen.

»Ich habe noch eine Menge Kisten im Auto«, sagte die Frau, etwas hilflos. »Sie sind recht …«

»… eckig?«

»Ja. Rechteckig. Und recht schwer.«

Sie sah sich um. Hendrik war hinter sie getreten und stand so unentschlossen auf dem Bürgersteig, als wäre er sich nicht sicher, ob er vielleicht selbst auch eine Kiste war.

»Sie zieht ein, Hendrik«, erklärte Frederic. »Helfen wir ihr mit den Kisten?«

»Ja, hm«, sagte Hendrik.

Und dann fingen sie an, gemeinsam Kisten hineinzutragen: große Kisten, kleine Kisten, längliche Kisten und quadratische Kisten, Kisten ohne Deckel, aus denen Gewürzdosen und Essigflaschen herausquollen, bunte Schachteln, beklebt mit alten Postkarten, und Plastiktragekisten voller grüner Gewächse.

Und alles durchs Fenster.

Schließlich war das kleine gelbe Auto leer und sie saßen zu dritt auf dem Fensterbrett und rangen nach Atem.

»Vielen Dank fürs Helfen«, keuchte die junge Frau.

»Falls Sie jetzt immer durchs Fenster gehen«, sagte Frederic, »könnte ich etwas erfinden. Eine Art Klinke für das Fenster.«

»Könntest du nicht einen Vermieter erfinden, der einen Zweitschlüssel hat?«, fragte die Frau.

Hendrik war aufgestanden und klopfte sich die Hände an der Hose ab.

»Ich – äh – geh dann mal nach oben«, sagte er. »Jemand muss sich ums Mittagessen kümmern … und so.«

»Haben Sie schon gegessen?«, fragte Frederic die Frau. Sie schüttelte den Kopf und einige Staubflusen lösten sich aus ihren roten Locken und schwebten davon.

»Sie könnten … Hendrik?« Aber Hendrik war schon fort. Frederic seufzte. Sie könnten mit uns zu Mittag essen, hatte er sagen wollen.

Stattdessen sagte er: »Ich heiße Frederic.«

»Angenehm.« Die Frau schüttelte ihm die Hand, als wären sie sich gerade erst begegnet. »Ich bin Lisa.«

Frederic stand auf. »Haben Sie auch einen Nachnamen?«

»Brauchst du gerade einen?«

»Ich?« Frederic lachte. »Nein. Ich habe schon einen. Frederic Lachmann. Mein Vater heißt im Übrigen Hendrik Lachmann. Aber ich kann Sie ja wohl schlecht Lisa nennen.«

»Es käme auf einen Versuch an«, meinte Lisa, schwang ihre Jeans-Beine nach innen in die Wohnung und winkte über die Schulter. Frederic schüttelte den Kopf. Dann ging er außen herum zur Haustür und rannte gleich darauf die Treppen hoch. Die Wohnungstür neben dem Klingelschild »Lachmann« stand offen. Im schmalen Flur dahinter drängten sich Regenjacken und Winterschuhe, Schirme und Regalbretter, staubige Schachteln und Dosen ungewissen Inhalts: Frederic und Hendrik wohnten seit dreizehn Jahren in der kleinen Wohnung, und die Vergangenheit türmte sich in den Ecken zu hohen Stapeln aus Hutschachteln und alten Bilderalben. Vielleicht, dachte Frederic, hätten sie damals umziehen sollen, damals, vor acht Jahren. Vielleicht wäre es besser für Hendrik gewesen. Auch wenn es ihm persönlich leidgetan hätte, das alte Haus im Stich zu lassen.

Hendrik stand in der Küche vor einem Topf Nudeln.

»Du hättest sie zum Essen einladen sollen«, sagte Frederic und ließ sich auf einen der alten, knirschenden Ikea-Stühle fallen, deren Teile noch nie richtig zusammengepasst hatten. »Hendrik, du bist ein Idiot.«

»Sicher«, sagte Hendrik.

Mehr sagten sie nicht an diesem Tag.

Als die rote Herbstsonne unterging, stand Frederic am Fenster in seinem Zimmer und dachte nach. Von den Wänden her leisteten ihm die vergilbten Plakate Dutzender Da-Vinci-Maschinen stumme Gesellschaft.

Man müsste, dachte er, eine Maschine erfinden, die auf Knopfdruck bewirkte, dass Hendrik die Frau mit dem Weltenlächeln heraufbat. Dass HD Bruhns auf eine Kastanie kletterte und sich nie mehr heruntertraute. Dass Änna auf einem Schwebebalken Handstand machen konnte. Dass der Panther sich zwischen den Käfigstäben der Worte hindurchquetschte. Aber selbst wenn es Frederic gelang, zu studieren und Erfinder zu werden – eine solche Maschine würde er niemals erfinden können. Eine Maschine, die den Tag machte, an dem alle glücklich waren. So eine Maschine hätte nicht einmal Da Vinci erfinden können. Er seufzte (er seufzte zu oft) und ging in den Keller hinunter, um ein Glas saure Gurken heraufzuholen, die manchmal gegen das Seufzen helfen.

Und da –

Später dachte er: Wenn er nicht am Fenster gestanden und nachgedacht hätte, wenn er nicht geseufzt hätte, wenn er nicht in den Keller gegangen wäre – nichts von all dem, was geschah, wäre geschehen. Keine unmögliche, unglaubliche, unheimliche Geschichte hätte an einem Montag im Herbst ihren Anfang genommen.

Aber er ging in den Keller hinunter.

Der Keller wurde durch hölzerne Gitter in drei Parzellen unterteilt, eine für jede Wohnung. Beinahe glaubte Frederic, dazwischen den Schatten eines Panthers umherstreifen zu sehen, doch das war selbstverständlich Einbildung.

Frederic schloss die Tür zur Wohnung-im-ersten-Stock-Parzelle auf, kramte zwischen Apfelsaftpackungen und Weinflaschen, Klopapierrollen und Marmeladengläsern und fand die sauren Gurken. Die Leuchtstoffröhre an der kahlen Betondecke flackerte und wurde ein Stück dunkler. Frederic schloss die Tür wieder ab und wollte sich umdrehen, um zurückzugehen, da erlosch die Lampe.

Und jemand sagte im Dunkeln: »Hey! Junger Herr. Oh, Shit. Könntest du – aah – verflucht. Könntest du mir helfen? Ich stecke in einer deiner Erfindungen fest.«

Frederic krallte seine Hände um das Gurkenglas. Er zählte bis drei und atmete tief durch. »Was ist passiert?«, fragte er dann. Die Stimme in der Dunkelheit befand sich auf Kniehöhe und sie klang etwas rauchig. Sie kam ihm bekannt vor.

»Es ist die – au – verdammte Scheiße! Die Falle. Fuck.«

Der dort in der Dunkelheit hatte wohl noch nie etwas davon gehört, dass man in Kinderbüchern keine nicht jugendfreien Flüche verwenden darf.

Frederic tastete sich bis zur Flurtür vor, öffnete sie … eine schmale Scheibe Licht fiel in den Keller. Und da sah er sie. Sie kauerte ganz hinten in dem schlauchförmigen Gang, von dem die drei Holzgittertüren abgingen, kauerte auf dem Boden: eine kleine, magere dunkle Gestalt.

Er kannte sie. Es war die alte Dame aus dem zweiten Stock. Bisher hatte er nicht viel mehr als drei Worte mit ihr gewechselt. Manchmal hörte man ihre flinken Füße die Stufen hinauf- oder hinabhuschen – erstaunlich für ihr Alter. Sie musste mindestens neunzig sein. Die Falten in ihrem Gesicht glichen den Kratern eines Planeten und ihre hageren Hände waren fleckig vom Alter wie die abblätternde Hauswand.

Was tat sie da auf dem Boden?

Frederic kniete sich neben sie, während sie leise weiterfluchte. Dann begriff er.

Ihre rechte Hand hatte sich im scharfen Maul seiner Rattenfalle verfangen. Am Handgelenk der alten Dame war ein winziger Tropfen Blut ausgetreten, der im halbherzigen Flurlicht glänzte wie ein feuchter Kieselstein.

»Oje, das – das tut mir leid«, murmelte Frederic und bog mit beiden Händen die Kanten der Metallkiste auseinander, aus der die Falle bestand.

»Shit, das will ich hoffen«, knurrte die alte Dame und zog ihre Hand aus dem Eisen. »Was hattest du mit den Ratten vor?«

»Ich – ich weiß nicht. Ich wollte sehen, ob es funktioniert. Ich hatte einen Zeitungsartikel darüber gelesen, dass Ratten gerne komplizierte Dinge lernen. Also habe ich eine Falle erfunden, bei der die Ratten erst mehrere Knöpfe drücken müssen, um sich darin zu verfangen.«

Die alte Dame leckte das Blut von ihrem Handgelenk und musterte Frederic.

»Wirf sie weg«, sagte sie dann.

Frederic hob die Falle auf und nickte. »Sie ist ohnehin kaputt, glaube ich.«

Da nickte die alte Dame ebenfalls, langsam und bedächtig. Und dann griff sie tief in die Taschen der Arbeiterhose, die sie trug, und holte einen winzigen Gegenstand hervor. Sie hielt ihn Frederic entgegen.

»Da!«, blaffte sie und drückte ihm ein kleines Fläschchen in die Hand. »Nimm!«

Vermutlich war sie verrückt.

»Was ist das?«, fragte Frederic vorsichtig.

Wenn sie jetzt »Krötenblut« oder »Fledermausextrakt« sagte, würde er höflich lächeln und gehen. Vielleicht würde sie auch »Briefmarkencreme« sagen oder »Strickschokolade« … irgendetwas Unsinniges.

»Vitamin A«, sagte die alte Dame.

Frederic blinzelte. »Vitamin A?«

»Sicher. Hoch konzentriert. Gut für die Augen. Wenn du etwas verändern willst, musst du sehen. Die Wahrheit sehen. Einen Teelöffel. Zwanzig Tropfen. Am besten auf einem Stück Würfelzucker. Und kein Johanniskraut! Johanniskraut ist ein natürliches Antidot. Interagiert. In der Leber. Enzyme. CYP 450.«

Damit lächelte sie höflich und ging.

Frederic stand im halbdunklen Kellergang und starrte das Fläschchen in seiner Hand an. Er hatte kein Wort verstanden. Antidot? Interagiert? War die alte Dame etwa verwandt mit HD Bruhns, der Fremdwörter so liebte?

Er vergaß das Glas Gurken.

Später, als er im Bett lag, drehte er die kleine Flasche zwischen den Fingern. Ihre Wand war kühl und glatt. Vor dem Fenster atmete lautlos die Nacht. Sie war voller Ahnungen, und die Sterne, die Frederic von seinem Bett aus sah, schienen zu zittern: erwartungsvoll. Ängstlich.

Wenn du etwas verändern willst, musst du sehen. Die Wahrheit sehen …

Hatte Frederic selbst nicht genau dasselbe gedacht, heute Mittag, auf dem Flur in St. Isaac? Erst viel, viel später fiel ihm ein, dass er die alte Dame nicht gefragt hatte, wieso sie mit der Hand in die Falle geraten war. Eine Falle, die er für Ratten erfunden hatte. Und nicht für alte Damen.

2. Kapitel

Es wird wieder Zeit

»Du hast die Geschichte noch gar nicht angefangen«, sagt Frederic. »Das war ein Bluff. Sie fängt erst jetzt an.«

»Ansichtssache«, sage ich.

»Jetzt kommt das mit dem Krankenwagen, oder?«

»Mm.«

»Sag mal, hatten die eigentlich Sirenen?«

»Ich weiß nicht.«

»Ich wäre gerne mal mit Sirenen irgendwo mitgefahren.«

»Sie haben dich doch gar nicht mitgenommen.«

»Nein. Hendrik hat mich mitgenommen. Aber darum geht es nicht. Es geht um scharfe Zähne und die Eisenkugel und eine schlecht verheilende Wunde. Schreib weiter.«

»Gut«, sage ich.

Am Dienstagmorgen wachte Frederic auf und dachte:

Vitamin A.

Das Fläschchen stand auf dem Koffer neben Frederics Bett, den er als Nachttisch benutzte. In dem Koffer befanden sich alle Kleinteile und Werkzeuge, die er brauchte, um Maschinen zu erfinden; Metallfedern und Alleskleber und Elektroden und Lüsterklemmen und Schraubenzieher und Nägel und ausgebaute Schalter und Klingeldraht – und ein kleines bisschen Schwarzpulver. Die größeren Bauteile verteilten sich auf die Kellerregale, die sich mit den Da-Vinci-Plakaten um die besten Plätze an der Wand stritten.

Frederic schlief ruhiger, wenn er von seinem Werkzeug umgeben war. Sonst. In dieser Nacht hatte er nicht ruhig geschlafen. Er hatte von Vitamin A geträumt.

Natürlich schluckt niemand, der in der siebten Klasse und bei Verstand ist, einfach irgendetwas, das er von einer fremden (und vielleicht verrückten) Person bekommen hat. Beim Frühstück fragte Frederic seinen Vater danach.

»Vitamin A?«, brummte Hendrik und hob den Blick verwundert aus der großen gelben Kaffeetasse. Auf der Tasse prangte ein grünes A. An diesem Morgen erschien es Frederic, als wäre es extra dort, wegen des Vitamins. Aber er hatte es selbst gemalt, vor langer Zeit, als er noch gar nicht hatte schreiben können. Mit Hendriks Hilfe. Es war Annas Tasse gewesen. Quer durch das A lief ein Sprung.

»Von Vitaminen hab ich keine Ahnung«, sagte Hendrik. »Gibt’s nicht bei Computern.«

Als Frederic das Haus verließ, saß Lisa im offenen Fenster und kämmte ihre roten Haare.

»Guten Morgen«, sagte Frederic. »Kennen Sie sich aus mit Vitamin A?«

»Ich dachte, wir duzen uns«, sagte Lisa. »Wir kennen uns doch seit gestern. Vitamin A kenne ich nicht. Nicht persönlich. Ich sieze es.«

»Haha«, sagte Frederic lahm. »Ich meine es ernst.«

»Ich auch«, antwortete Lisa. »Tut mir leid. Frag euren Biolehrer.«

Das tat Frederic, denn der Biologielehrer gehörte zu den wenigen, die er mochte. Er hieß Kahlhorst und sah auch so aus. In St. Isaac war er dafür bekannt, dass er unaufhörlich aß, so als glaubte er an ein oder mehrere frühere Leben und hätte von ihnen allen noch etwas Hunger übrig. Sein Körper – ständig beschäftigt damit, die Mahlzeiten aller vergangenen Leben zu verdauen – war umfangreich und freundlich. HD Bruhns machte sich gerne über Kahlhorst lustig, und das war ein weiterer Grund, den Biolehrer zu mögen. Frederic passte Kahlhorsts Bauch in der Pausenhalle ab, in der Schlange vor dem hausmeisterlichen Brötchenverkauf.

»Vitamin A?«, wiederholte Kahlhorst. »Ist gut für die Augen.«

»Ist es gefährlich?«, fragte Frederic. »Giftig oder so? Wenn man zu viel davon nimmt?«

»Es ist in Karotten«, sagte Kahlhorst und strich sich nachdenklich über seinen glatten Schädel. »Und nur in Riesenmengen schädlich. Du kannst nie im Leben so viele Karotten essen, dass du zu viel Vitamin A zu dir nimmst. Das wäre ein ganzes Feld voll! Das schaffe nicht einmal ich. Was hast du vor?«

Frederic sah, dass Josephine hinter Kahlhorst in der Schlange stand. Bisher hatte Kahlhorsts Bauch sie verdeckt, aber nun war sie einen Schritt zur Seite getreten, um besser hören zu können.

»Ach, ich habe da bloß so eine Idee …«, murmelte Frederic.

»Du hast eine Menge davon, was?«, fragte Josephine spitz. »Ideen, meine ich.«

»Und?«, fragte Frederic zurück. »Soll ich dir welche abgeben?«

»Ideen sind nicht immer unbedingt etwas Gutes«, flüsterte sie. Dann verschmälerten sich ihre kalten grauen Augen zu Briefkastenschlitzen und sie schickte eine lautlose Botschaft hindurch: Vorsicht.

»Vor was?«, fragte Frederic laut, doch Josephine hatte offenbar etwas unglaublich Interessantes auf dem geschrubbten Marmorboden entdeckt und beachtete Frederic nicht weiter. Als er ein vermutlich versteinertes Wurstbrötchen ergattert hatte, drehte Frederic sich noch einmal nach ihr um. Doch sie stand nicht mehr in der Schlange. Er sah sie am anderen Ende der Pausenhalle mit HD Bruhns reden. Und als sie glaubte, er sähe es nicht, blickte sie zu ihm hinüber. Bruhns nickte und sagte etwas zu ihr, ganz leise – etwas, das keiner außer den beiden hören sollte. Etwas über Frederic.

Er merkte wieder, wie er fror. Das versteinerte Brötchen verfütterte er im Hof an die Tauben, die im Abrisshaus wohnten und nur manchmal herüberkamen. Er hatte keinen Hunger mehr.

Kunst gab auch Kahlhorst.

»Ich habe da so eine Idee«, sagte er in der nächsten Stunde und blinzelte Frederic zu. »Wir malen heute Karotten.«

Frederic seufzte. »Ideen sind nicht immer unbedingt etwas Gutes«, sagte er.

Kahlhorst hob eine Augenbraue. »Das war ein Satz, den ich von dir nicht erwartet hätte«, sagte er. Er sah besorgt aus. »Schläfst du in letzter Zeit schlecht?«

»Wie bitte? Nein. Doch. Aber der Spruch ist nicht von mir. Er ist von Josephine. Erinnern Sie sich nicht?«

Auf einmal war da Kahlhorsts stoppelbärtiges Gesicht ganz nah an seinem.

»Pass auf dich auf«, flüsterte Kahlhorst. Dann trat er einen Schritt zurück und verkündete laut irgendetwas über Karotten. Doch Frederic hörte nicht mehr zu. Pass auf dich auf?

Verwundert zog er sich an einen der Tische zurück und schnappte sich ein Blatt. In der Mitte des Tisches lagen drei Karotten. Vorn an der Tafel hing ein großes Foto vom Lehrerkollegium. Das Licht, das auf dem Foto durch die Blätter der Kastanie fiel, warf die Schatten der Lehrer auf den Hof. Kam es Frederic nur so vor, als wäre Bruhns’ Schatten ein wenig zu dunkel geraten?

»Was genau sollen wir malen?«, flüsterte er dem starken Georg zu.

»Die Lehrer, die einen Berg Riesenkarotten erklimmen«, flüsterte Georg zurück. »Hast du nicht zugehört?«

»Er hört nie zu«, bemerkte Josephine, die mit einem frisch gefüllten Wasserglas an ihnen vorbeischritt.

Frederic kaute auf seiner Unterlippe herum. Dann zeichnete er Sport-Fyscher, der mit einem Pinsel als Balancierstab eine Karotte hinauflief. Und Kahlhorst, der in eine der Karotten hineinbiss. Und die Ziesel, die Mathelehrerin, die Wurzelrechnungen auf die Karotten schrieb. Claudius, den langweiligen Lateinlehrer, malte er ganz in Grau, und Frau Meier-Travlinski, die Erdkunde gab, mit einer Karte, auf der sie den Karottenberg einzeichnete. Ganz oben auf die Spitze stellte er HD Bruhns, der dort seinen Schlips als Fahne hisste.

Als er fertig war, nahm er das Bild, um es zum Trocknen wegzubringen.

Auf dem Weg sah er nach, was die anderen malten. Sie pinselten alle dasselbe: unten die Karotten und oben, in einer geraden Linie, die Lehrer. Genauso aufgestellt wie auf dem Foto. Kein Einziger bewegte sich aus der Reihe.

Als Frederic an dem Tisch vorbeikam, an dem Änna gerade malte, blieb er stehen. Sie saß neben Josephine. Auch die Lehrer auf den Bildern der beiden sahen eisig und reglos durch den Betrachter hindurch.

»Wieso warst du gestern bei Herrn Direktor Bruhns?«, fragte Josephine Änna. Sie hatte Frederic nicht bemerkt.

»Es war wegen Sport«, antwortete Änna und starrte auf ihr langweiliges Bild hinab. »Weil ich Sport nicht kann.«

»Du meinst: weil du Sport nicht magst.«

»Das hat nichts mit mögen zu tun.« Frederic hörte, wie sich Ännas Stimme wand. »Ich kann es wirklich nicht. Nichts. Es ist alles so … schwierig. Zum Beispiel, das Gleichgewicht zu halten, auf dem Schwebebalken. Ich habe Angst, dass ich wieder runterfalle. Es ist, als wäre ich auf der rechten Seite schwerer.«

»Quatsch«, sagte Josephine kalt. »Du musst dich nur anstrengen. Es ist allein deine Idee, dass du es nicht kannst. Du weigerst dich.«

»Das ist nicht wahr!« Änna suchte nach Worten. »Es – es ist keine Idee von mir.«

Josephine sah sie an. »Keine Idee? Ich wette, doch. Ich wette, du hast sie.«

»Was?«

»Ideen.«

Sie sagte es mit dem gleichen Abscheu, mit dem andere Leute »Schildläuse« oder »die Pest« gesagt hätten.

»Mein Bild ist fertig«, murmelte Änna und stand auf. Als sie Frederic sah, schenkte sie ihm ein Lächeln, aber es war ein trauriges Lächeln. Er mochte dieses Lächeln nicht. Er folgte ihr zu dem großen Tisch, auf dem schon andere Bilder zum Trocknen ausgelegt waren. Änna hatte einen Pinsel mitgenommen und stand eine Weile unschlüssig vor ihrem Bild. Und dann, als Josephine es nicht sehen konnte, malte sie ganz schnell noch etwas darauf.

Frederic legte sein Bild neben ihres. Es dauerte, bis er entdeckte, was Änna hinzugefügt hatte. Schließlich fand er es und grinste. Sie war schlau. Niemand würde es sehen. Niemand, der nicht danach suchte. Es war etwas an Kahlhorst. Über seine Schultern, fast verdeckt von der Frisur der Ziesel, lugten die Spitzen von zwei gelb gefiederten Flügeln. Es wirkte lächerlich – der dicke Kahlhorst mit Flügeln. Aber sie waren da. Nur: Jemand hatte die Federn gestutzt.

Er hätte, dachte Frederic später, mit Änna reden sollen. Er hätte sie fragen sollen. Doch er kannte sie nicht. Und sie war ein Mädchen. Mit den meisten Mädchen konnte man nicht reden.

Frederic saß den ganzen restlichen Tag in der Küche an dem wackeligen Tisch, den Hendrik vor kurzem blau gestrichen hatte, damit wenigstens die Farbe ihn zusammenhielt. Er machte keine Hausaufgaben. Er vergaß den Abwasch. Er ging nicht ans Telefon, als es klingelte. Er verjagte die Spinne nicht, die zwischen den Kräutertöpfen auf der Fensterbank ihr Netz webte. Er machte die Tür nicht auf, als es klopfte und Lisa rief, sie wolle etwas Salz leihen.

Stattdessen saß er stundenlang auf dem gleichen Stuhl und starrte das Fläschchen der alten Dame an. Es stand auf dem blauen Tisch und fing das Nachmittagslicht ein. Sein Inhalt leuchtete wie Goldstaub, dann, als es später wurde, wie flüssige Bronze, und viel später, in der Abenddämmerung, wie rotes Blut.

Irgendwann kam Hendrik nach Hause, der heute anderswo Computer repariert hatte. Frederic steckte das Fläschchen in die Tasche und sie aßen schweigend Käsebrote zu Abend. Doch nachdem Hendrik zu Bett gegangen war, schlich Frederic zurück in die Küche, wo die Regale jetzt lange Straßenlaternen-schatten warfen, und stellte das Fläschchen wieder auf den Tisch. Er starrte es weitere vierundfünfzig Minuten lang an.