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Oktober 1943. Die Menschen in Kassel, einer wunderschönen Residenzstadt mit 1.000-jähriger Geschichte, leiden unter den immer wiederkehrenden Fliegeralarmen und Angriffen alliierter Bomber. Der Krieg prägt das Leben in der Stadt, die ein Schwerpunkt der deutschen Rüstungsindustrie ist. Der 15-jährige Hermann Siebert lebt mit seinen Eltern in der Altstadt, mitten in den grauen Kriegstagen entwickelt sich zwischen ihm und der gleichaltrigen Waltraud eine zarte Liaison. Doch Waltraud lebt in Angst, weil sie die einzige Zeugin eines Mordes in der nächtlichen Altstadt ist und der Täter nicht gefunden wird. Dann kommt der 22. Oktober - mit jenem Bombenangriff, der die Stadt vernichtet. Hermann überlebt - doch nichts ist mehr, wie es war.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Horst Seidenfaden
Die Nacht.
Die Angst.
Der Tod.
Ein Kassel-Krimi aus den schwierigen
Tagen des Oktober 1943
Das Wohnhaus in der Moltkestraße 12 in Kassel, fotografiert zwischen 1910 und 1918
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Epilog
Samstag, 2. Oktober 1943
Sonntag, 3. Oktober 1943
Montag, 4. Oktober 1943
Dienstag, 5. Oktober 1943
Mittwoch, 6. Oktober 1943
Donnerstag, 7. Oktober 1943
Freitag, 8. Oktober 1943
Samstag, 9. Oktober 1943
Sonntag, 10. Oktober 1943
Montag, 11. Oktober 1943
Dienstag, 12. Oktober 1943
Mittwoch, 13. Oktober 1943
Donnerstag, 14. Oktober 1943
Freitag, 15. Oktober 1943
Samstag, 16. Oktober 1943
Sonntag, 17. Oktober 1943
Montag, 18. Oktober 1943
Dienstag, 19. Oktober 1943
Mittwoch, 20. Oktober 1943
Donnerstag, 21. Oktober 1943
Freitag, 22. Oktober 1943
Samstag, 23. Oktober 1943
Elf Jahre später
Samstag, 26. Juni 1954
Sonntag, 27. Juni 1954
Montag, 28. Juni 1954
Dienstag, 29. Juni 1954
Mittwoch, 30. Juni 1954
Donnerstag, 1. Juli 1954
Dienstag, 6. Juli 1955
Es war ein grauer Tag im Dezember 2017. Der Fotograf Harry Soremski und ich saßen zusammen, besprachen einige gemeinsame Projekte. Und plötzlich kam der Gedanke, den 75. Jahrestag der Zerstörung Kassels zu einem solchen Projekt zu machen. Zum Konzept gehörte auch eine Serie, in der Zeitzeugen zu Wort kommen sollten. Auf einen Aufruf in der Zeitung meldeten sich Dutzende von Zeitzeugen. Und so gingen wir in die Gespräche. Viele solcher Begegnungen haben wir gemeinsam erlebt und waren tief beeindruckt von dem, was die Menschen erzählten. Häufig war es das erste Mal, dass sie, nach so langer Zeit, Erinnerungen aus dem Gedächtnis holten, die selbst ihre nahen Angehörigen noch nie gehört hatten. Neben der Betroffenheit ob der Schrecken, die wir geschildert bekamen, wuchs der Respekt vor dieser so traumatisierten Generation.
Bei mir selbst gruben sich aus den Erzählungen viele Details ein, irgendwann entstand dann die Idee, diese Teil-Erzählungen wie eine Collage zu verbinden und in eine fiktive Handlung einzuweben, um zumindest zu versuchen, den Alltag in dieser von Fliegeralarmen, Todesängsten und Entbehrungen geprägten Zeit zu skizzieren. Herausgekommen ist dieser Kassel-Krimi um den 15-jährigen Hermann Siebert, der im Haus Moltkestraße 12 wohnt. Ein Haus, in dem ein Zeitzeuge tatsächlich lebte und in dieser Nacht nur knapp mit dem Leben davon kam. Die Moltkestraße, eine kleine Verbindungsstraße zwischen Königsstraße und Mauerstraße, gibt es heute nicht mehr. Weil sie in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober vernichtet wurde.
Meine Eltern haben diesen Tag überlebt – aber nie darüber geredet. Als wir Kinder in den Ruinen in dem Stadtteil, in dem wir aufwuchsen, spielten, wurde uns die Tragweite dieses Tages nicht bewusst. Wenn wir verrostete Töpfe und Besteck oder einen vergammelten Schuh aus dem Schutt gruben, haben wir nie daran gedacht, was in diesem zerstörten Haus möglicherweise an menschlicher Tragödie passiert war, Jahrzehnte zuvor. Erst mit den Jahren setzte die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen und mit der Geschichte ein.
Und so ist dieser Roman vielleicht die konsequente Fortsetzung einer Entwicklung: Je mehr man sich mit dem alten Kassel und mit den schaurigen Stunden während der Fliegeralarme und Bombenangriffe beschäftigt, umso mehr taucht man selbst hinein. Und dann ist es irgendwann Zeit, eine Geschichte zu schreiben.
Der Zug ruckt ein-, zweimal, dann setzt er sich mit lautem Ächzen der Lokomotive langsam in Bewegung, die Achsen knirschen. Die paar Waggons, die hier seit Stunden auf dem kleinen Bahnhof Wilhelmshöhe in Kassel standen, sind alle überfüllt. Es ist ein Zug, der menschliches Elend transportiert. Hermann Siebert steht mit seiner Mutter auf dem überfüllten Gang, sie können sich eigentlich nicht mehr auf den Beinen halten, doch setzen kann man sich nicht, zu eng stehen alle beieinander. Die wenigen Sitzplätze sind den Alten vorbehalten und denen, die offenkundig verletzt sind.
Es riecht so intensiv nach Rauch, nach verbrannten Haaren, dass man meint, irgendwo sei eine Feuerstelle. Niemand redet. Manche weinen, lautlos, manche haben verzweifelt die Augen geschlossen. Es sind tiefliegende Augen, die meisten gerötet vom Rauch und vom Feuer, dem sie entronnen sind. Der Blick aus dem Fenster zeigt eine gigantische Rauchglocke, die über Kassel hängt. Ab und an hört man eine Detonation, ein Blindgänger, der doch noch explodiert ist und späte Opfer sucht. Hermann und seine Mutter haben nichts mehr als das nackte Leben und die mit Brandflecken übersäte Kleidung, die sie am Leib tragen. Sie wollen nur raus aus der Stadt, in der ihnen in den vergangenen 16 Stunden alles genommen wurde, was ihnen lieb war. Die Wohnung, das Haus, die Möbel – und die Menschen, die ihnen alles bedeutet haben. Hermann hat noch nie eine solche Erschöpfung, aber auch nie eine solche Leere, nie ein derartiges Gefühl gespürt, das ihm sagt, dass alles, was vor ihm liegt, nur noch sinnlos sein kann.
Er schaut sich um. Ausgemergelte Gestalten, seelenlose Augen, die Köpfe und die Kleidung mit Asche bestäubt. Jeder wird ein ähnliches Schicksal haben. Der 15-Jährige hält seine Mutter, die sich kraftlos bei ihrem Sohn eingehängt hat. Wenn Hermann die Augen schließt, dann kommen die Bilder. Und die Geräusche. Das Pfeifen der Bomben, die Explosionen, das Krachen der einstürzenden Mauern, er hört den Wind, den der Feuersturm entfacht hat. Sieht den Mann auf der Straße liegen, den das Phosphor verbrennt. Der ist schon bewusstlos und merkt den Übergang zu diesem grausigen Tod nicht mehr. Sieht den Luftschutzwart, der am Eingang des Hauses noch ruft und dann von der Mauer über ihm begraben wird. Jeder hier hat die Hölle erlebt. Heute ist der 23. Oktober 1943 und es erscheint dem Jungen unwirklich, als er plötzlich an den gestrigen Vormittag denkt. An den blauen Himmel, die laue Temperatur. An den Unterricht. Die Klassenkameraden. Die er wahrscheinlich nie mehr wiedersehen wird. Alles, was sein Leben ausgemacht hat, ist ausgelöscht – bis auf seine Mutter. Er sieht die Leichen auf den Straßen, die sie im Morgengrauen erstmals richtig wahrnehmen. Er sieht die Frau, die in der Königsstraße durch einen Kellerausgang kommt, den die Rettungskräfte freigeschaufelt haben. Sie hält ein lebloses Bündel auf dem Arm. Blickt sich verzweifelt nach Hilfe um. Ein Feuerwehrmann nimmt ihr das Bündel ab. Sie schreit verzweifelt, begreift jetzt erst, dass ihr Kind tot ist.
Der Zug kommt nur langsam voran. In Oberzwehren steigen Menschen zu, quetschen sich irgendwie in die Waggons. Hermann zittert plötzlich, es ist wie Schüttelfrost, nur hat er kein Fieber. Ihn quält ein unsagbarer Durst, Hals und Rachen sind trocken, was er schmeckt, ist Rauch. Er hat zu viel davon eingeatmet, Mutter auch. Hermann erinnert sich an den langen Weg aus der Altstadt. Zur Wilhelmshöher Allee, an brennenden Häusern vorbei, über Leichen auf den Straßen steigend. Der Tod, er trägt in Kassel an diesem Tag die Farbe grau.
Die Stadt ist ausradiert. Zerfetzt vom Bombenhagel. Am Bahnhof Wilhelmshöhe versammeln sich auf den Bahnsteigen die, die der Hölle entkommen sind. Jeder sucht einen Zufluchtsort, draußen, irgendwo vor der Stadt. Wenigstens haben Hermann und Gerda Siebert ein Ziel. Dittershausen bei Treysa, zu Onkel Paul und Tante Minna. Wo Gerdas Bruder einen Bauernhof hat. Vielleicht ist da dann Zeit, zu trauern.
In seiner Müdigkeit kommen Hermanns Gedanken ein wenig zur Ruhe. Und seine Erinnerung springt zurück zu dem Tag, an dem die drei Wochen seines Lebens begannen, die ihn sein Leben lang nicht loslassen werden.
Endlich! Als die Glocke durchs Schulgebäude tönt, hat auch die Untersekunda der Hermann-Göring-Schule in der Ysenburgstraße Wochenende. Lateinlehrer Dr. Steffens entlässt die 21 Jungen mit einem etwas tonlosen „Heil Hitler!“ in die Freizeit. Es gibt keine Hausaufgaben, ungewöhnlich für den sehr strengen Lehrer, aber es hat sich in der Schule herum gesprochen, dass Steffens‘ ältester Sohn, selbst Absolvent dieses Gymnasiums, in der Ukraine als vermisst gemeldet worden war. Die Sorge um den Ältesten, vielleicht ist dies der Grund, dass Steffens kompromisslose Disziplin, die er selbst darstellt und die er von seinen Schülern täglich fordert, einen Kratzer bekommen hat.
Hermann Siebert tut der Lehrer durchaus leid. Er kommt gut mit ihm klar, vielleicht aber auch nur deshalb, weil er ein ausgezeichneter Schüler ist, der sich die komplizierte Grammatik des Lateinischen schnell erschließen kann. Steffens hat keinen Grund, mit ihm hart ins Gericht zu gehen, für Mitschüler, die in Latein nicht so recht mitkamen, ist er ein Tyrann. Hermann ahnt, was in dem Lehrer derzeit vorgeht. Denn zu präsent ist immer noch das Ereignis, das das Leben der Familie Siebert durcheinander gebracht hatte.
Vor einem Jahr, es war in den Sommerferien, war seine Mutter gerade mit einem kargen Einkauf nach Hause gekommen, Hermann spielte mit einigen Jungs in der Straße, hatte die Mutter gesehen und wollte ihr gerade die Tasche abnehmen, da kam der Briefträger mit sorgenvollem Gesicht und einem grauen Brief in der Hand auf sie zu. Mutter suchte in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel, bemerkte den sich nähernden Mann gar nicht. Hermann dagegen fuhr der Schreck in die Glieder. Zu oft hatte man in den Kriegstagen solche Szenen gesehen – öfter noch gehört, was da gerade für Botschaften überbracht wurden. Der Briefträger, ein eigentlich längst pensionierter Mann, der seine Tätigkeit wieder aufnehmen musste, weil die Wehrmacht alle kriegstauglichen Männer in Uniform brauchte.
„Frau Siebert…“ sagte er mit leiser Stimme. Mutter blickte ihn an, sah den Brief in der Hand, ließ die Handtasche fallen und schlug die Hände vors Gesicht. „Otto… Nein, bitte nicht Otto…“ wimmerte sie. Mit zittriger Hand nahm sie den Brief. Tränen trübten ihre Augen. „Hermann, mach auf, ich kann nicht…“ Die Stimme vibrierte. Hermann hatte einen dicken Kloß im Hals. Otto war sein Bruder, sein letzter Feldpostbrief war vom Balkan gekommen, aber das war nun schon eine Weile her. Acht Jahre älter war Otto, ein stattlicher, gut aussehender Bursche, dem die Mädels hier in der Moltkestraße bewundernd nachschauten, wenn er auf Heimaturlaub war und in Uniform abends ausging.
Was dann passierte, ist Hermann so gegenwärtig, dass er alles bis ins kleinste Detail noch weiß. Er öffnete den Brief. „Lies vor…“ flüsterte die Mutter. „Wollen wir nicht lieber in die Wohnung gehen?“ fragte Hermann. Die Mutter schüttelte mit dem Kopf, sie will es hier und jetzt wissen, kann keine Sekunde mehr warten. Der Briefträger hatte sich leisen Schrittes entfernt, das war es, was er an dieser Tätigkeit hasste: Unsägliches Leid in die Familien bringen zu müssen. Jeden Tag, manchmal mehrere Briefe. Hermann las den Text mit leiser Stimme vor. Frau Lehmann, die Nachbarin aus dem 2. Stock, kam gerade aus der Haustür, sah die Szene, ging verstohlen weiter. Sie kannte diese Briefe und deren Inhalt, der Umschlag hat immer diese unverkennbare Farbe. Wie sollte man sich auch richtig verhalten? Stehen bleiben, zuschauen? Was man auch macht, es ist nicht das Richtige. Das Leid der anderen gibt einen Vorgeschmack auf das eigene Leid, das womöglich noch kommen wird.
Hermann las vor. Otto ist tot. Gefallen in der Nähe von Belgrad. Bei einem Partisanenangriff. Für Führer, Volk und Vaterland, wie es auf dem Gedenkblatt heißt. Hermann fing an zu schluchzen, die Mutter hockte zusammengekauert auf dem Bürgersteig, ihre Schultern bebten. „Otto, mein Otto, warum nur, dieser schreckliche Krieg…“ Hermann ging in die Knie, die Tränen liefen auch ihm übers Gesicht. Er half seiner Mutter auf die Beine, sie sollte nicht hier auf der Straße hocken und weinen, er schob sie durch die Haustür, die Treppe hoch, schloss die Wohnungstür auf, hatte an einem Arm den Einkauf und die Handtasche. Mutter schaute ihn an. Das Gesicht vor Schmerz und Tränen verquollen. „Verlass mich nie, Hermann, versprich es“, murmelte sie und ging, ohne eine Antwort abzuwarten, mit dem Brief ins Schlafzimmer der Eltern. Hermann blieb zurück. Konnte mit sich und dem, was er jetzt empfand, mit der schmerzgebeugten Mutter im Nebenzimmer, nichts Rechtes anfangen. So also fühlt es sich an, dachte er, wenn jemand den Heldentod stirbt. Von Glanz und Gloria, wie man es in der Hitlerjugend immer wieder erzählt bekam, keine Spur. Und Vater weiß noch nichts, dachte er, das wird das nächste Drama geben, wenn er von der Arbeit bei Henschel nach Hause kam. Hermann ging in das Zimmer, in dem er und Otto gemeinsam schliefen. Alles schien unwirklich. Der fröhliche Otto, der so gern Akkordeon spielte… Das Instrument in der Ecke, nie wieder würden Ottos Hände darauf spielen. Erstmals in seinem Leben spürte Hermann die Endgültigkeit eines Verlusts. Das Gefühl würgte ihn. Er steckte seinen Kopf in sein Kopfkissen und weinte endlose Tränen. Klar, Otto war viel älter als er, aber der große Bruder war halt auch sein Vorbild. Was würde bloß ohne ihn werden…
Irgendwann musste er entkräftet eingeschlafen sein. Er wurde wach von Geräuschen aus der Küche, die Mutter machte den Abwasch, was eigentlich seine Aufgabe war. Er sprang hoch und wurde sofort von der Trauer wieder eingeholt, das Gefühl traf ihn wie ein Hammerschlag, alle Kräfte wichen aus ihm. Er ging in die Küche, Mutter und Sohn sahen sich an. Gerda Siebert schien in der kurzen Zeit um Jahre gealtert zu sein. „Mutter…“ sagte er, wusste nicht, was er machen sollte. Die Mutter schüttelte nur mit dem Kopf. „Lass mich einfach“, war die leise Antwort.
Es klopfte an der Wohnungstür. Erna Wolter, die beste Freundin seiner Mutter, die im Haus nebenan wohnte, trat mit ernster Miene ein. „Otto?“ fragte sie Hermann, der die Tür geöffnet hatte. Der nickte. Ein Wort, fragend ausgesprochen, reichte aus, um herauszufinden, was passiert war. Komisch, wie schnell sich die schlechten Nachrichten des Krieges herumsprachen. Erna ging in die Küche. Hermann hörte das laute Aufschluchzen der Mutter. Er verließ die Wohnung. Was sollte er hier auch ausrichten? Auf der Straße hörte er den Glockenschlag der Lutherkirche. Es war sechs Uhr abends, der Vater würde gleich da sein. Da sah er ihn schon, an der Ecke zur Königsstraße stand Kurt Siebert, sprach mit einem Bekannten, Hermann konnte nicht erkennen, wer es war. Er sah, wie die Schultern des Vaters herab hingen, wie er sich umdrehte und mit schleppendem Schritt die Moltkestraße entlang ging. ‚Weiß er es schon?‘, fragte sich Hermann. Kurt Siebert hatte den Kopf gesenkt, bemerkte seinen Sohn erst im letzten Augenblick, schaute auf. Der Blick verriet alles. Kurt Siebert fragte: „Wo ist Mutter?“
„Oben, Erna ist bei ihr.“ Kurt Siebert nickte und ging mit versteinertem Gesichtsausdruck an dem Jungen vorbei.
Das war am 30. Juli 1942. Es war ein Montag. Hermann muss daran zurückdenken, als er den Lehrer durch den Gang im ersten Stock des Schulgebäudes schlurfen sieht. Die alte, speckige, braune Ledertasche baumelt an der rechten Hand. Hermann schaut ihm nicht länger nach, es ist Samstag und er muss nach Hause. Irgendwie ist es dem Vater gelungen, an Kohlen zu kommen, die werden gebracht und Hermann muss Koks schaufeln. Der Himmel ist grau, es nieselt leicht. Bei Sieberts wird am Wochenende, wenn der Vater nicht arbeiten muss, pünktlich gegessen. In der Familie herrscht Disziplin. Er läuft mit ein paar anderen Jungen aus der Schule die Weserstraße Richtung Altmarkt, trotz des unangenehmen Wetters ist in der Altstadt viel los. Die Jungen reden übers Wochenende, Hermann hört zu, in der Gruppe ist er nie der große Redner. Er verabschiedet sich, die anderen gehen einen anderen Weg. Er biegt in den Pferdemarkt ein, weicht einem Pferdefuhrwerk aus, dessen Ladefläche voller Säcke ist und das auf dem Kopfsteinpflaster richtig Krach macht, kreuzt die Königsstraße und kommt in der Moltkestraße an. Vor dem Haus Nummer 12 liegt ein Haufen Kohle, der Vater hat mit der Arbeit bereits begonnen. Der Tod Ottos hat ihn verändert. Er ist noch schweigsamer geworden, wie die Mutter auch. Hermann fühlt sich zuhause nicht mehr so richtig wohl. Es hängt stets eine schwere Stimmung in der Luft, an der Wand hängt ein Foto von Otto mit Trauerflor, man nimmt wenig Anteil an Hermanns Leben. Seine schulischen Leistungen werden hingenommen, es bleibt wohl keine Kraft für ein Lob.
„Bring die Schultasche hoch und dann hilf mir“, sagt der Vater. Die Ansagen sind immer kurz und knapp. Die Wohnung ist leer, die Mutter ist nicht da. ‚Nanu?‘, denkt sich der Junge. Es ist doch gleich Essenszeit. Aber kein Geruch kommt aus der Küche. Er zieht sich kurz andere Sachen an und hilft dann dem Vater. Es sind nicht viele Kohlen, die geliefert wurden, das wird keinesfalls für den Winter reichen. Aber wenigstens etwas.
„Wo ist Mutter?“ fragt Hermann zwischendurch, der Schweiß läuft ihm bald übers Gesicht.
„Lass Dich überraschen“, sagt sein Vater und lächelt ihn an. Hermann ist beinahe erschrocken. Der Vater lächelt?
Sie schippen die Kohlen durch ein Fenster in den Keller, danach steigen sie die Stufen hinab und dort geht die Schipperei weiter. Alles muss in die Kohlenecke, jede Schaufel muss ein paar Meter getragen werden. In der Wand sieht man den Durchbruch zum Nebenhaus, der in dem Fall, dass man bei einem Bombenangriff eingeschlossen wird, als Notausgang dient. Bisher haben sie ihn nicht gebraucht. Hermann bekommt richtig Hunger, doch noch sind sie hier nicht fertig. Zum Schluss werden die Schaufeln in einen anderen Kellerraum gebracht, ihre Sachen sind rußschwarz, Gesichter und Hände auch. Sie ziehen die verdreckten Schuhe aus und gehen in die Wohnung. Hermann schnuppert, es riecht nach Essen, Mutter ist da. Aber wonach riecht es genau? Sie ziehen ihre Sachen aus, werfen sie in einen Korb, Hermann geht als erster ins Bad. Ja, ihr Haus hat Wohnungen mit eigenem Bad. Hermann kennt das auch anders. In so vielen Häusern in der Altstadt gibt es noch Toiletten im Treppenhaus, hier aber hat man sogar eine kleine Zinkwanne, die sie jetzt auch dringend brauchen. Hermann wäscht sich darin, die Seife ist hart, der Waschlappen ist grob zu seiner Haut, aber so wird sie wenigstens sauber. Es dauert lange, bis er den Kohlenstaub aus den Ohren und den Nasenlöchern gewaschen hat. Danach zieht er sich frische Sachen an und geht in die Küche.
„Wann gibt es Essen?“ fragt er.
„Wenn Vater sich gewaschen hat“, antwortet die Mutter.
„Und was gibt es?“ Hermanns Hunger fängt an ihn zu quälen.
„Gulasch, Kartoffeln und Möhren“, sagt die Mutter.
„Gulasch? Wo hast Du den denn her?“
„Mein Geheimnis“, sagt sie.
Hermann hatte mit Steckrübeneintopf oder ähnlichem gerechnet. Gulasch hatte es in den Kriegsmonaten ewige Zeiten nicht mehr gegeben. Die Vorfreude aufs Essen steigert die Hungerqualen. Wenn Vater sich doch nur beeilen würde. Er geht in sein Zimmer, holt ein Buch hervor, vertreibt sich die Zeit. Dann ist es so weit.
„Hermann, Essen!“, ruft die Mutter. Hermann geht in die Küche, der Tisch ist gedeckt, was er ja eigentlich hätte erledigen müssen. Die Eltern sitzen bereits, die Mutter füllt die Teller. Hermann setzt sich auf seinen Platz. Nach Ottos Tod stehen nur noch drei Stühle am Tisch.
In den Wochen nach dem 30. Juli 1942 war der Pfarrer der Lutherkirche gelegentlich zu Besuch bei den Sieberts und hatte den vierten Stuhl besetzt. Irgendwann hatte die Mutter dann darauf bestanden, dass man ab jetzt vor den Mahlzeiten ein Tischgebet sprechen wolle. Auch dieses Mal. Der Vater faltet die Hände und sagt: „Herr hab‘ Dank für Speis und Trank, Amen“. Hermann will sich über seine Portion her machen, da greift der Vater nach seinem Arm.
„Hermann, Mutter und ich wollen Dir etwas sagen.“
Hermann ist unruhig, was kommt jetzt? Die Eltern schauen sich an, dann fährt Vater fort: „Die Zeit nach Ottos Tod war für uns beide sehr schwer. Es hat uns sehr belastet und tut es eigentlich immer noch. Wenn Eltern ein Kind verlieren und noch nicht einmal ein Grab haben, an dem sie trauern können, dann ist das das Schlimmste, was es gibt. Du hast Deinen Bruder verloren und Mutter und ich hatten in diesem Jahr so viel mit uns selbst zu tun, dass wir Dich beinahe vergessen hätten. Du bist jetzt unser einziges Kind. Es wird weiter alles sehr schwer sein für uns, aber wir wollen Dir heute nur sagen, dass wir stolz auf Dich sind. Wie Du uns eine solche Stütze warst und wie Du Deinen Weg in der Schule gehst. Und jetzt lass es Dir schmecken, Junge!“
Hermann ist sprachlos, gerührt. Das ist für die Verhältnisse seines Vaters eine sehr emotionale und auch sehr lange Ansprache. „Danke, aber das ist doch selbstverständlich“, murmelt er noch. Dann siegt der Hunger und er schaufelt den Gulasch in sich hinein. Nie im Leben, denkt er, habe ich etwas Köstlicheres gegessen. Ein wohliges Gefühl macht sich in ihm breit, zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr spürt er so etwas wie Wohlbefinden zuhause.
„Und woher hast Du nun das Fleisch? Das kriegst Du doch nicht mit Karte“, fragt er seine Mutter noch einmal.
„Ich habe getauscht“, sagt sie und wendet sich ab. Hermann merkt, sie will das nicht vertiefen. Er fragt nicht weiter. Als er in sein Zimmer geht, sieht er, was sie wohl getauscht hat. Ottos Akkordeon ist nicht mehr da. Im Innersten ist er froh darüber, es stand immer wie ein trauerspendendes Mahnmal in der Ecke. Dass die Eltern sich davon getrennt haben zeigt, dass ihre Trauerarbeit Fortschritte macht. Hermann ist erleichtert.
Am Abend liest er ein Buch. Die schwache Funzel reicht mit ihrem Licht gerade bis zu den Buchseiten. Hermann hat sich ein Buch aus Ottos Regal genommen. Wieder einmal. Otto hatte ein Faible für Karl May. Ein Schriftsteller, den auch der Führer liebte. Hermann hatte beim ersten Buch noch ein wenig gefremdelt, dann aber nahm seine Phantasie beim Lesen Fahrt auf, er hatte die drei Winnetou-Bände verschlungen und jetzt liest er „In den Schluchten des Balkan“. Wobei er da immer wieder an seinen Bruder denken muss. Ob er wohl gleich tot gewesen war? Hatte er leiden müssen? Er schüttelt wild mit dem Kopf, damit vertreibt er sich seine schlimmen Gedanken und das hilft jedes Mal. Als ob die Gedanken neu gemischt wurden. Die Zeit vergeht wie im Flug, die Mutter kommt herein: „Du musst schlafen, Junge“, sagt sie. „Gute Nacht!“ Hermann macht das Licht aus, er ist vom Schippen todmüde, beim Einschlafen denkt er noch: Hoffentlich ist heute Nacht kein Fliegeralarm.
Die dicke Wolkendecke über Kassel in der Nacht beschert den Einwohnern Schlaf ohne Alarm. Hermann und seine Eltern frühstücken gemeinsam, er hat eine Tasse Muckefuck vor sich, brockt sich trockenes Brot hinein und überhäuft das Ganze mit drei Teelöffeln Zucker. Das gibt es jeden Morgen, er nimmt es hin, es gibt ja nichts anderes. Als die Eltern in den Gottesdienst gehen, läuft er durch die Stadt. Er muss nicht mit in die Kirche, der Gottesdienst für Erwachsene ist ihm zu langweilig und er will auch keine Diskussionen in der HJ. Die Kirche würde heute länger dauern, es war Erntedankfest.
Der Wind weht heftig heute, kein angenehmes Wetter für Spaziergänger. In der Stadt sieht man hier und da die Schäden von den zahlreichen Bombenangriffen. 13 Angriffe hatte es bisher gegeben, mittlerweile griffen die Amerikaner auch schon bei Tageslicht an. Die deutsche Luftabwehr hatte offensichtlich nicht mehr viel auszurichten, aber das würde schon werden, hörte man in der Schule und auch bei der Hitlerjugend. Hermann ist jetzt 15 Jahre alt, er läuft in der HJ mit, weil es Pflicht ist, aber eigentlich sind die Ausflüge, die Spiele und die Fahrten nicht so sein Ding. Er ist nicht unsportlich, spielt gern mit anderen Jungen Fußball, am liebsten auf dem so genannten „Bollengrün“ vor der Orangerie. Aber er liest halt gern, mag sogar Schularbeiten – was dazu führt, dass man ihn in der Schule zum Vorsagen und Abschreiben braucht, ansonsten aber die Hierarchie in den Klasse von denen angeführt wird, die gern eine große Klappe haben – und die folgerichtig auch in der HJ Führungspositionen in Kameradschaft oder Stamm haben.
Hermann schlendert die Königsstraße entlang, am Residenzcafé vorbei, das um diese Zeit noch nicht belebt ist. Er biegt in die Obere Wilhelmsstraße ein, er hofft, beim Blumenhaus Wittwer einen Blick auf deren Tochter Waltraud zu erhaschen, in die er sich ein wenig verguckt hat. Sie haben eigentlich noch nie miteinander gesprochen, sie kennen sich vom Sehen und er hat nicht die leiseste Ahnung, was sie von ihm hält. Aber er denkt oft an das Mädchen mit den blonden Zöpfen und den blauen Augen und sein Schritt wird von ganz allein Richtung Haus Nummer 17 getrieben. Er schaut sich um, kann aber nichts von ihr entdecken, sein Herz schlägt trotzdem schneller, ein Indiz, dass er sie sehr bedeutend findet. Was soll er tun, wenn er sie sieht, möglicherweise ohne Begleitung der Eltern, Geschwister oder von Freunden? Sie einfach ansprechen? Was hätte er zu erzählen? Würde sie überhaupt mit ihm reden? Er muss sich diese Gedanken nicht weiter machen, denn er bekommt sie nicht zu Gesicht. Ein wenig niedergeschlagen schlendert er durch die Wolfsschlucht zurück, am Friedrichsgymnasium vorbei, zum Königsplatz und ist wenige Minuten später wieder zuhause. Was es zum Essen geben würde, war klar: Die Reste vom Gulasch gestern Abend. Endlich mal ein Resteessen, auf das er sich freut. Am Nachmittag würde er mit den Eltern spazieren gehen, vielleicht würde das Geld reichen für eine Limonade oder das, was man als solche verkaufte, irgendwo in einem Gasthaus an der Fulda. Aber meistens war es nur ein mit Wasser gemischter Himbeersaft. Und Vater und Mutter tranken Muckefuck.
Die Eltern wissen sicher, dass dem Jungen der Sinn gar nicht nach einem sittsamen Spaziergang mit Elternbegleitung steht, aber Hermann protestiert nicht, nach Ottos Tod will er den Eltern durch seine Teilnahme eine Freude machen.
So geht er dahin, wieder einmal so ein langweiliger Sonntag. Auf der Fulda paddeln ein paar einsame Kanufahrer, am Auedamm schlendern Pärchen, es ist diese komische Stimmung der trügerischen Ruhe, die man mit Händen greifen, aber eben kaum mit Worten beschreiben kann. Soldaten auf Heimaturlaub berichten von ihren Einsätzen – und trotz der Propaganda in Zeitungen und im Radio wird allein durch diese Erzählungen klar, wie es wirklich an der Front im Osten bestellt war. Irgendwie hat man auch den Eindruck, dass die Zahl der Todesanzeigen in der Kurhessischen Landeszeitung zunimmt, Todesanzeigen für die gefallenen Soldaten. Seine Eltern hatten damals auch für Otto eine aufgegeben, Hermann hatte sie sich ausgeschnitten und in sein Fotoalbum geklebt, in dem einige Fotos von ihm, den Eltern und vor allem Fotos von Otto aufbewahrt werden. Und jeweils ein Foto der beiden Großelternpaare, die er nie kennen gelernt hat, weil sie schon vor seiner Geburt gestorben waren.
Heute gibt es kein Getränk als Belohnung für den Spaziergang, Vater Siebert drängt auf den Heimweg, er muss zur Nachtschicht in die Henschelwerke. Er hat eine Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg, nach einem Kopfschuss hat er ein Augenlicht verloren, für die Wehrmacht ist er nicht tauglich, aber in der Lackiererei für Panzer bei Henschel kann er gut arbeiten. Das unbrauchbare Auge verdeckt eine Augenklappe, Hermann kennt nur ein einziges altes Foto, das seinen Vater in Soldatenuniform zeigt, vor der Verwundung. Ohne Augenklappe wirkt er auf dem Bild fremdartig.
Zuhause macht Mutter ihrem Mann ein Pausenbrot, wenn er das nicht isst, hat Hermann morgen früh die Reste auf dem Tisch zum Frühstück. Hasenbrot nennt die Mutter das und Hermann quält sich das muffige Brot immer runter. Richtig schmecken tut es nicht, vor allem im Sommer wirkt das alte Brot ranzig, aber die Sieberts haben nicht die Mittel, um wählerisch zu sein.
Mutter hört noch ein wenig Musik, als der Vater weg ist, Hermann schmökert wieder, allmählich nervt ihn die trübe Funzel seiner Lampe, das Lesen strengt mehr an, als ihm lieb ist. Die Mutter bekommt am Radio mit, dass sich offenbar Bomberverbände in Richtung Kassel bewegen. Das hat noch nichts zu heißen, weiß sie, die können auch ein ganz anderes Ziel haben. Sie lässt dem Jungen seine Ruhe.
Als Hermann das Licht ausmachen will, passiert es wieder einmal: Die Sirenen! Voralarm. Er geht zu seiner Mutter ins Wohnzimmer, sie nehmen ihre Taschen, die immer in der Ecke stehen und das Nötigste beinhalten, Hermann holt noch sein Fotoalbum und gemeinsam gehen sie nach dem nächsten Alarm in den Keller. Jeder hat dort seinen Platz. Die Hausbewohner kommen nach und nach, es wird nicht viel geredet, man horcht nach draußen. Hermann hat jedes Mal Angst. Das Sich-nicht-wehren-können, das Gefühl, nicht zu wissen, was draußen passiert – manchmal zittert er. Aber mit den Ängsten ist er nicht allein. Manche beten durchgehend bis zur Entwarnung, wenn es irgendwo in der Nähe mal einschlägt, erbricht sich auch schon mal jemand. Was aber wird heute?
„Das wird schlimm heute, hört Ihr das?“ ruft einer im Halbdunkel. Hermann meint, dass es der alte Wille ist aus dem Erdgeschoss, der sieht immer schwarz, warum also heute nicht? Nur nicht bange machen lassen, flüstert die Mutter. Doch da hören sie es alle. Es müssen Hunderte von Flugzeugen sein, ein solches Brummen haben sie hier drin noch nie vernommen. Manche schluchzen schon, noch ist nichts passiert. Das Brummen wird lauter, dringt durch die Kellermauern, durch die Straßen. Da, die ersten Einschläge, weit entfernt. Aber das Donnern hält an. Immer wieder Explosionen der Bomben, mal näher, dann wieder weiter entfernt.
„Lieber Gott, lass sie an uns vorbei ziehen“, flüstert die Mutter.
Hermann hat auf die Uhr geschaut, die er zur Konfirmation bekommen hat. 21.11 Uhr hat er die erste Detonation vernommen. Immer wieder der Blick auf das Zifferblatt. Die Zeit scheint still zu stehen, als würde den Sekundenzeiger jemand hindern, sich fortzubewegen.
„Die Wolken“, sagt der alte Wille. „Die können nichts sehen und werfen blind ab. Das kann unser Glück sein.“
Und Pech für andere, denkt sich Hermann. Blickt wieder auf die Uhr.
„Hoffentlich passiert Vater nichts,“ flüstert die Mutter.
„Die sind doch im Bunker bei Henschel“, sagt Hermann, um seine Mutter zu beruhigen. Es wirkt nicht, ihre Augen schauen ängstlich. Wie soll man auch beruhigen? Wegen Henschel und der anderen Rüstungsbetriebe in der Stadt ist Kassel ja zu einem wichtigen Ziel für die Bomber geworden. Langsam lässt das Gebrumme der Flugzeugmotoren am Himmel ein wenig nach.
„Gleich ist es vorbei“, sagt der alte Wille.
‚Kann der nicht mal die Klappe halten?‘, denkt sich Hermann. Die Uhr zeigt 21.40 Uhr, man hört keine Detonationen mehr. Kommt noch eine Welle oder war es das nun? Der Luftschutzwart mahnt zur Ruhe. „Abwarten bis zur Entwarnung!“ ruft er. Genau, das ist die Vorschrift. Aber wenn mal keine Entwarnung mehr kommt, weil niemand mehr entwarnen kann? Hermann will das nicht weiter denken. Es dauert. Und dann endlich der Dauerton, eine Minute lang. Eigentlich ein grauenhaftes Geräusch, aber von allen grauenhaften Geräuschen der Luftwarnung das angenehmste. Man spürt die Erleichterung, aber mit einem frohen Gesicht verlässt hier niemand den Keller. Mehr als eine halbe Stunde Todesangst, zum x-ten Mal. Davongekommen, aber wieder ein wenig mehr mürbe, die Kräfte und Nerven schwinden.
Sie gehen die Treppen nach oben, viele verlassen das Haus und schauen zum Himmel, auch Hermann. Im Kasseler Osten sieht man ein wenig Feuerschein, hier muss es also eingeschlagen haben. Jedes Mal, wenn man aus dem Luftschutzkeller nach oben kommt und ins Freie tritt, ist es dieser prüfende Blick. Was ist passiert? Wo ist etwas passiert? Hermann erinnert sich an die bisher schlimmste halbe Stunde im Keller; im vergangenen Jahr war das gewesen, knapp einen Monat, nachdem sie die Nachricht von Ottos Tod erhalten hatten. Da hatte es in der Nachbarschaft gewaltig gerumst. Man hatte die Erschütterungen der Explosionen gespürt, Staub war von der Decke gerieselt. In der Innenstadt waren Häuser getroffen worden und als sie nach der Entwarnung ins Freie kamen, hatte der Dachstuhl der Martinskirche lichterloh gebrannt. Der alte Wille hatte das als Zeichen gesehen, hatte was von „Jetzt fängt die Todesfackel an zu brennen!“ gemurmelt.
Diesmal bleibt nur die Sorge um den Vater, Hermann würde mit Mutter bis zum Morgen warten müssen, aufatmen konnte man nur, wenn sich der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte.
Hermann liegt noch lange wach. Entwarnung hat es erst nach 22 Uhr gegeben, also waren die ersten beiden Schulstunden morgen frei. Als er dann tatsächlich hört, wie sich die Wohnungstür öffnet, hat er das Gefühl, keine Sekunde geschlafen zu haben. Und jetzt, als er weiß, dass Vater zuhause und ihm nichts passiert ist, sackt er in einen bleiernen Schlaf.
In der Schule sprechen sie über den Angriff. Angeblich, erzählt Lothar Nieft, der in der nahen Gartenstraße wohnt, habe ganz Sandershausen gebrannt. „Die haben wegen der Wolken nichts gesehen und haben auf Verdacht ihre Ladungen abgeworfen“, mutmaßt er.
„Ich habe auch praktisch keine Flak gehört, unsere haben anscheinend auch nichts gesehen“, ergänzt Walter Herbst, dessen Vater als Kommissar bei der Polizei arbeitet und deshalb immer mehr wusste, als die meisten anderen Bürger. Sie sitzen auf dem Pausenhof, wieder bläst ein kräftiger Wind, die Jungen kauen auf ihren spärlichen Pausenbroten. In den nächsten beiden Stunden würden sie eine Mathearbeit schreiben, und das nach dieser Nacht und dann noch in den letzten beiden Stunden. Spickzettel-Strategien werden besprochen und verworfen, bei Lehrer Dr. Heilig sind solche Versuche zwecklos. Der Mann sah alles und bestrafte gnadenlos. Als es klingelt, begeben sie sich in ihr Schicksal.
Hermann bereitet Mathe, wie die anderen Fächer auch, kein Problem. Er löst die Aufgaben souverän, kontrolliert noch einmal, rechnet quer, schaut nach Flüchtigkeitsfehlern. Er sieht sich um und es bietet sich das gewohnte Bild, zumindest bei einer Mathearbeit. Manche haben hochrote Köpfe, der dicke Martens schwitzt in der letzten Reihe, Schweißtropfen stehen auf seiner Stirn. Kein gutes Zeichen, denkt sich Hermann, er würde gern helfen, aber das ging gar nicht, Dr. Heilig quittiert schon das Umschauen seines Schülers mit gefurchter Stirn.
„Siebert, was gibt es zu schauen?“ fragt er streng.
„Nichts, Herr Dr. Heilig, ich bin halt fertig.“
„Dann lass Deine Mitschüler in Ruhe arbeiten und stör‘ sie nicht durch Dein überhebliches Geglotze!“
„Jawohl, Herr Dr. Heilig. Ich bitte um Verzeihung.“
Heilig nickt kurz und blickt konzentriert im Klassenraum umher. Wenig später tönt die Glocke, der Lehrer sammelt die Hefte ein, von vorn nach hinten, nie dreht er jemandem den Rücken zu, auch jetzt keine Chance auf einen Zuruf oder um einen Spickzettel loszuwerden.
Auf dem Heimweg besprechen sie die Aufgaben der Arbeit. Und wie immer ist der eine oder andere entsetzt, weil er schon zehn Minuten nach Schulschluss weiß, dass er die Arbeit in den Sand gesetzt hat.
„Mist“, poltert Martens, „das gibt bestenfalls ne vier. Und zuhause eine Wucht. Mein Opa kennt da nix.“ Martens wächst bei seinen Großeltern auf, der Vater war 1940 gefallen, die Mutter kurz danach an einer Krankheit gestorben, Martens erzählt nie davon. So schimpfen sie den ganzen Heimweg, über die Schule, die Lehrer, die feindlichen Flieger. Hermann geht mit dem dicken Martens noch zum Lutherplatz, wo sie auf einer Bank Platz nehmen. Martens hat ihn auf dem Weg gefragt, ob er ihm Nachhilfe in Mathe geben kann. Aber zahlen könne er nichts. Hermann hat Mitleid mit dem Dicken, in diesen Zeiten nur mit einem strengen Großvater aufzuwachsen ist sicher nicht leicht. Der Opa hat einen Kolonialwarenladen in der Wilhelmsstraße, gleich neben dem Blumenhaus Wittwer. Hermann will für die Nachhilfe kein Geld, aber er hat eine andere Idee.
Aber zunächst ist Martens dran mit seinem Angebot.
„Ich könnte Dir ab und zu ein wenig Schokolade geben“, meint er und schaut Hermann fragend an. Der lässt sich mit der Antwort Zeit. Hat eine Kastanie in der Hand, reißt die Schale auf und bewundert die glänzende braune Frucht.
„Ich finde, wenn man sie aus der Schale holt, dann sehen sie aus wie Edelsteine“, sagt er. Martens glotzt ungläubig. „Hä?“
„Das hat nix mit Deinen Schulproblemen zu tun, aber schau mal, der Krieg kann vieles zerstören, aber diese Kastanien werden auch in hundert Jahren noch schön sein. Ich finde das beruhigend.“ Martens versteht immer noch nicht, was Hermann sagen will. Der lächelt seinen Schulfreund an.
„Sieh mal, Karl,“ – selten sprechen sich die Jungen mit dem Vornamen an, in der Schule stets mit dem Nachnamen oder einem Spitznamen. „Das mit Deiner Familie tut mir sehr leid, ich habe ja auch einen Bruder verloren. Man muss sich aber Dinge suchen, an denen man sich freuen kann, und deshalb habe ich das mit der Kastanie gesagt. Und es geht nicht nur darum, sondern man muss einfach zusammenhalten. Ich will nichts von Dir, keine Süßigkeiten, nichts. Vielleicht kannst Du mir ja auch mal einen Gefallen tun. Wann fangen wir denn mit Mathe an?“
Der dicke Martens strahlt übers ganze Gesicht. „Danke, Siebert, Du bist ein echter Freund!“ Fast hätte er Hermann umarmt. Dann stutzt er. „Was denn für einen Gefallen?“
„Das weiß ich doch jetzt noch nicht, aber kann ja passieren,“ erwidert Hermann, der eigentlich ganz genau weiß, um welchen Gefallen er Martens bitten will. Als Nachbar wird er Waltraud Wittwer sicher gut kennen, vielleicht kann er ja mal ein zufällig aussehendes Treffen arrangieren. Aber das will er ihm jetzt noch nicht sagen. Er muss erst einmal herausfinden, wie verschwiegen Martens ist. Und dazu muss er ihm erst einmal Nachhilfe geben. „Also, wann fangen wir an?“
„Ich muss ab fünfe meinem Opa helfen, bis dahin habe ich Zeit. Ich gehe erst einmal nach Hause, esse was, wenn es Dir passt, bin ich um halb viere bei Dir.“ Hermann nickt, das ließ sich einrichten. „Bring aber alle Mathesachen mit“, mahnt er den Dicken. Der nickt und macht sich auf den Weg. Eigentlich hätte Hermann gern heute Nachmittag Fußball gespielt – aber die Sache mit Martens war mit Blick auf Waltraud Wittwer einfach zu verlockend. In Gedanken versunken biegt er in die Moltkestraße ein. Seine Mutter kommt gerade aus der Bäckerei, hält einen Laib Brot in der Hand. Sie kauft immer das Brot vom Tag zuvor, sofern noch welches da ist. Hermann ist das eigentlich egal, aber immer wenn er an der Bäckerei vorbei geht, dann duftet es nach Frischgebackenem. Und er würde gern mal wieder ein noch ofenwarmes Brot essen.
„Wie war die Mathearbeit?“ fragt die Mutter.
„Gut, denke ich. Hab alle Aufgaben geschafft und nochmal nachgerechnet, da sollte nichts schief gegangen sein.“
Die Mutter streicht ihm mit einem Lächeln über den Kopf, sanft entzieht er sich der Zärtlichkeit. Er ist zu alt für so etwas, würde sie es denn mal einsehen?
„Der Martens hat mich gefragt, ob ich ihm Nachhilfe in Mathe geben kann, ich habe zugesagt. Kann er heute um halb vier zu uns kommen?“ fragt er. Die Mutter nickt.
„Aber wir haben nichts zu essen für ihn,“ sagt sie vorbeugend.
„Nur weil er dick ist, muss er uns doch nicht gleich die Haare vom Kopf fressen!“ sagt Hermann. Die Mutter lacht kurz auf.
„Ist ja schon gut, klar, das könnt ihr machen, kriegst Du denn was dafür?“ Hermann schüttelt den Kopf. „Ich finde, man muss sich gegenseitig helfen und nicht gleich etwas dafür verlangen.“
„Guter Junge!“ sagt die Mutter. Noch so etwas, was Hermann nicht leiden kann. Das klang so wie „Braver Hund!“ oder so. Aber er richtig böse sein kann er ihr deswegen auch nicht.
Mutter holt den Schlüssel aus ihrer graublauen Schürze, tritt die Füße auf dem Rost ab und geht ins Haus, Hermann folgt ihr. Heute gibt es tatsächlich Suppe, es ist eine dünne Linsenbrühe, Hermann brockt sich trockenes Brot hinein, trinkt einen Schluck Wasser nach jedem Löffel. Danach deckt er den Tisch ab, erledigt den Abwasch, trocknet das Geschirr ab – der Topf bleibt auf dem Herd, die Suppe wird noch zwei Tage reichen. Er schaut auf die Standuhr im Wohnzimmer, es ist zwei Uhr mittags. Die Mutter hat eine Putzstelle in der Arztpraxis von Dr. Frick in der Oberen Königsstraße. Sie verlässt das Haus, heute muss sie dort, ungewöhnlich für einen Montag, die Hausordnung erledigen, Wäsche im Waschzuber im Keller waschen, auswringen, aufhängen, trockene Sachen bügeln. Das Plätteisen bringt sie mit.
Hermann macht Schulaufgaben, paukt Lateinvokabeln. Und immer wieder schweifen seine Gedanken ab in die Wilhelmsstraße. ‚Bin ich verliebt?‘ fragt er sich. ‚Wie kann man verliebt sein, wenn man jemanden noch gar nicht kennt?‘, lautet seine eigene Antwort. Und dann denkt er an seine Eltern. Ob die auch mal in so einer Stimmungslage waren, damals, als sie sich kennen gelernt haben? Das war gleich nach dem Krieg gewesen. Er kennt ein Hochzeitsfoto, Vater hat schon die Augenklappe. Wie hat sich Mutter in einen Mann mit Augenklappe verlieben können? Sie ist heute noch eine hübsche Frau, schlank, ihr dunkles Haar ist von grauen Strähnen durchzogen, der Krieg und die Entbehrungen in all den Jahren haben ihre Spuren im Gesicht hinterlassen. Die meisten Falten hat sie nach Ottos Tod bekommen. Und sie verzichtet darauf, sich einmal richtig aufzuhübschen, das passt nicht zur Trauer um den Sohn, meint sie.
Vater ist für Hermann ein alter Mann. Er scheint langsam anzufangen, gebeugt zu laufen. Komisch, dass er so alt wirkt, er ist nur drei Jahre älter als Mutter. Er schüttelt die Gedanken beiseite. Denkt an das Treffen mit dem Klassenkameraden. Er wird Martens wegen Waltraud ausfragen müssen, aber so, dass der keinen Verdacht schöpft.
Der Dicke erscheint pünktlich, schaut sich erst einmal in der Wohnung um. Und betrachtet die Bücher in Hermanns Regal.
„Karl May, klasse, den liebe ich auch. Was liest Du gerade?“
„Liegt auf dem Bett.“
„In den Schluchten des Balkan – wie ist das, ich kenne das gar nicht.“
„Halt anders als die Winnetou-Romane, aber dieser Kara Ben Nemsi ist ja eigentlich Old Shatterhand, ich finde, das ist eine tolle Geschichte.“
„Kann ich mir das dann mal leihen, wenn Du durch bist?“
„Ja sicher. Aber jetzt erst einmal Mathe. Was sagen Dir die Binomischen Formeln?“
„Äh, naja, wir hatten das ja erst. Aber…“ Martens schwächelt, Hermann hakt ein.
