Die Natur kennt feine Grade - Frank E. Zachos - E-Book

Die Natur kennt feine Grade E-Book

Frank E. Zachos

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Beschreibung

Ein biologischer Faktencheck: für Klarheit in den wichtigsten kulturellen Debatten unserer Zeit Was ist das biologische Geschlecht? Was bedeuten genetische Unterschiede zwischen Menschen? Und wie lassen sich Wissenschaft und Religion vereinbaren? In den hitzigen Debatten unserer Gegenwart wird die Biologie häufig als objektive Wahrheit präsentiert, um Positionen zu rechtfertigen. Doch was steckt wirklich hinter diesen Argumenten? In diesem packenden Sachbuch entlarvt der Autor, selbst promovierter Biologe, die Verkürzungen und Missverständnisse, mit denen die Biologie im Kulturkampf instrumentalisiert wird. Eine unverzichtbare Lektüre für alle, die inmitten hitziger Debatten einen kühlen Kopf bewahren wollen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Ein biologischer Faktencheck: für Klarheit in den wichtigsten kulturellen Debatten unserer Zeit

Eine unverzichtbare Lektüre für alle, die inmitten hitziger Debatten einen kühlen Kopf bewahren wollen. Was ist das biologische Geschlecht? Was bedeuten genetische Unterschiede zwischen Menschen? Und wie lassen sich Wissenschaft und Religion vereinbaren? Häufig wird die Biologie bei der Diskussion solcher Fragen als objektive Wahrheit präsentiert, um Positionen zu rechtfertigen. Frank E. Zachos, Evolutionsbiologe und Zoologe, entlarvt die Verkürzungen und Missverständnisse, mit denen die Biologie im Kulturkampf instrumentalisiert wird.

Über Frank E. Zachos

Frank E. Zachos, geboren 1974, ist Kurator für Saugetiere am Naturhistorischen Museum in Wien und Professor an der University of the Free State in Bloemfontein, Südafrika. Er studierte Biologie, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie in Kiel und Jena, danach Promotion in Zoologie sowie Habilitation für Zoologie und Evolutionsbiologie. Frank E. Zachos lebt mit seiner Frau in Wien.

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Frank E. Zachos

DieNaturkenntfeineGrade

Ein biologischer Faktencheck für hitzige Debatten um Vielfalt, Glauben und Identität

In dankbarer und liebevoller Erinnerung gewidmet meinen Eltern Rose (1941–2023) und Basil (1936–2023), die dieses Buch sicher gerne gelesen hätten.

Inhalt

Prolog

1Die philosophische Dimension der Biologie

Der (mögliche) evolutionäre Ursprung von Moral

Woher kommt unser Erkenntnisvermögen?

Keine Erkenntnis ohne Anpassung

Wider das evolutionäre Schubladendenken

Das Ganze ist mehr als seine Teile

Mehr als nur eine Dimension

Wir sind alle Philosophen

Fehlschlüsse, Natürlichkeit und Konstrukte

Die Bedeutung von Grauzonen

2Die Evolutionsbiologie in ihrem kulturellen Kontext

Darwins Vermächtnis: Evolution & Selektion

Die Brisanz von Darwins Theorie

Darwin und das intellektuelle Establishment

Die Evolutionstheorie – ein Kind ihrer Zeit?

3Zum Verhältnis von Evolution und Religion

Historische Irrtümer

Tausendjähriger Stillstand?

Kreationismus – zurück zur Schöpfungsgeschichte?

Ein weltweites Phänomen

Was würde Darwin sagen?

Der ‚Affenprozess‘ in Tennessee

Sind Evolution und Religion miteinander vereinbar?

Alles nur Zufall?

Antworten auf unterschiedliche Fragen

Der Glaube und die Wissenschaft

4Was ist eine Art, und was ist der Mensch?

Gibt es die Natur des Menschen?

Jenseits des Essentialismus

Mein Nachbar Herr Müller und die Habsburger-Dynastie

Biologische Arten sind Individuen

Die uralte Frage nach Natur und Kultur

Ist der Mensch einzigartig – oder doch nicht?

Die Frage nach ‚Menschenrassen‘

Arten, Unterarten, Rassen, Gattungen: Es ist kompliziert

Das Artproblem: Wie definieren wir eine Art?

Das kontinuierliche Spektrum und menschliche Willkür

Rasse und race in Biologie und Gesellschaft

Ein kurzer Blick in die Geschichte

Die Einteilung von Menschen und ihre Folgen

Genetik: Wir sehen nur die Oberfläche

Populationsgenetik: die fluide Vielfalt des Menschen

Genetische Vermischung in unserer Vergangenheit

Baum oder Netzwerk?

5Zur Biologie der menschlichen Sexualität

Sexualität und das ‚Natürliche‘

Homosexualität und ihre Verteufelung

Homosexualität, Evolution und Genetik

Gleichgeschlechtlicher Sex als evolutionsbiologischer Faktor in sozialen Gruppen

Unser Gehirn, unsere Gene und unsere Sexualität

Die Evolutionsbiologie ist keine Ausrede

Geschlecht – ein Wort mit vielen Bedeutungen

Geschlecht und Gender

Das biologische Geschlecht

Chromosomen, Gameten und die biologische Binarität

Wir sind mehr als unsere Keimzellen

Auf dem Kontinuum: Intergeschlechtlichkeit

Die Validität der Selbstwahrnehmung: Transgeschlechtlichkeit

Geschlecht und Verhalten

Biologie oder kulturelles Phänomen?

Universelle Verhaltensweisen

Ein entspannter Umgang mit dem Erbe der Evolution?

Menschen und andere Affen: Die Tierwelt schafft keine Rechtfertigung

Potenzial und Grenzen der Biologie

Epilog

Dank

Glossar

Literatur

Endnoten

Prolog

Wir kennen sie alle: die ideologisch aufgeladenen Debatten unserer Zeit, in denen die Biologie gerne als letzte, objektive Instanz herangezogen wird. Ob es um die Frage geht, wie viele Geschlechter es gibt, was genetische Unterschiede zwischen Menschen bedeuten oder ob Religion und Wissenschaft vereinbar sind – immer wieder wird auf ‚die Natur‘ verwiesen, um Positionen zu rechtfertigen. Doch wie viel von dem, was in diesen Diskussionen als ‚wissenschaftlich bewiesen‘ gilt, ist tatsächlich fundiert? Und wo beginnt die Ideologie?

In den letzten Jahren ist die Biologie zunehmend in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen gerückt. Sie wird nicht nur zur Erklärung, sondern oft auch zur Rechtfertigung bestimmter Normen und Überzeugungen herangezogen. Dabei kommt es oft vor, dass die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer oder kultureller Argumentation verschwimmen. Wir stehen vor der Herausforderung, den tatsächlichen Geltungsbereich biologischer Aussagen zu verstehen und uns gleichzeitig der Versuchung zu entziehen, die Wissenschaft für ideologische Zwecke zu instrumentalisieren.

Dieses Buch beleuchtet einige der zentralen Fragen an der Schnittstelle zwischen Biologie und Gesellschaft. Wir gehen der Frage nach, was die Wissenschaft zu Themen wie Geschlechterrollen, Ethnie (‚Rasse‘) oder Religion wirklich sagen kann – und was nicht. Wo endet der legitime Einfluss der Biologie, und wo beginnt der Missbrauch ihrer Erkenntnisse oder auch nur angeblicher Erkenntnisse, um gesellschaftliche oder politische Positionen zu stützen?

Dabei geht es nicht um abschließende Antworten, sondern um Anregungen zum Nachdenken. Die Kapitel dieses Buches sind als Essays angelegt, die bestimmte Themen anreißen und hinterfragen, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Immer wieder stehen dabei die Grenzen der Naturwissenschaft im Vordergrund – und der Biologismus, also der Versuch, biologische Erklärungen auf Bereiche auszudehnen, die ihr eigentlich nicht zugänglich sind. Diesem Biologismus setzen wir einen kritischen Blick auf die tatsächlichen Möglichkeiten und Grenzen der Biologie entgegen.

Gleichzeitig bleibt es unbestreitbar, dass die Biologie eine zentrale Rolle spielt, wenn es um Fragen des menschlichen Daseins geht. Sie hat uns ein tiefes Verständnis für das Leben und unsere Stellung in der Natur gegeben – und ebenso drängt sie uns auf philosophischer Ebene dazu, über uns selbst nachzudenken: über unsere Herkunft, unsere Natur und unseren Platz in der Welt. In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Wissenschaft und Ideologie immer öfter verschwimmen, ist es umso wichtiger, wissenschaftliche Argumente genau zu prüfen und ihre Reichweite kritisch zu hinterfragen.

Dieses Buch soll dabei unterstützen, diese komplexen Diskussionen differenziert zu betrachten, und uns mit Werkzeugen ausstatten, um vordergründig wissenschaftliche Behauptungen auf ihren Gehalt hin zu überprüfen. Es ist ein Appell gegen die Simplifizierung und für einen intellektuellen Pluralismus, der die Biologie in ihrem tatsächlichen Geltungsbereich ernst nimmt, ohne sie zu überhöhen.

Besonders gereizt hat mich persönlich die Interdisziplinarität des Unterfangens, doch birgt dies für einen einzelnen Autor immer auch Gefahren. So wünschenswert ein Über-den-eigenen-Tellerrand-Hinausschauen auch sein mag, es ist nicht dasselbe, wie Experte für einen anderen ‚Teller‘ zu sein. Ich bin Evolutionsbiologe und habe darüber hinaus Philosophie und Wissenschaftsgeschichte studiert. Ich verfüge somit zwar über ein gewisses Maß an formaler Ausbildung auch in den Geisteswissenschaften, doch bin ich weder Sozial- noch Kulturwissenschaftler, geschweige denn Theologe. In diesen Disziplinen bin ich lediglich interessierter Laie. Eine derart ungleich verteilte Kompetenz macht das Schreiben eines interdisziplinären Textes für jeden Autor zu einem gewissen Wagnis. Unter anderem deswegen ist dieses Buch vor allem aus dem Blickwinkel der Biologie und darüber hinaus auch dem der Philosophie sowie Wissenschaftsgeschichte geschrieben, aber ich hoffe, dass es zumindest ein von anderen Disziplinen bereicherter Blickwinkel ist. Die eigenen Grenzen waren mir beim Schreiben durchaus bewusst, und ich hoffe, ihnen gerecht geworden zu sein.

1 / Die philosophische Dimension der Biologie

Die Biologie ist nicht nur eine empirische Wissenschaft, sondern besitzt auch eine bedeutende philosophische Dimension. Es überrascht daher nicht, dass die ‚Philosophie der Biologie‘ (philosophy of biology) fest in der Fachsprache der Wissenschaftsphilosophie verankert ist. Auch historisch gibt es eine enge Verbindung zwischen den beiden Disziplinen: Aristoteles ist, neben Platon, nicht nur der einflussreichste abendländische Philosoph, sondern er ist auch der erste, der systematisch biologische Forschung betrieb, die für Jahrhunderte Standards gesetzt hat.1 Wie relevant biologische Theorien, Konzepte und Erkenntnisse für grundsätzliche Fragen über den Menschen und sein Denken sind, ist leicht zu erkennen, wenn wir den Einflussbereich der Philosophie betrachten. Der berühmteste Versuch, diesen abzustecken, stammt von Immanuel Kant, der in seinen Vorlesungen über Logik (und andernorts) vier Grundfragen der Philosophie aufgeworfen hat:

Was kann ich wissen? (Erkenntnistheorie)

Was darf ich hoffen? (Religionsphilosophie)

Was soll ich tun? (Ethik / Moralphilosophie)

Was ist der Mensch? (Anthropologie im weitesten Sinne)

Laut Kant hängen die ersten drei Fragen direkt mit der letzten zusammen. Wir können also zusammenfassen, dass Selbsterkenntnis das – oder zumindest ein letztes – Ziel philosophischer Überlegungen und vielleicht aller intellektuellen Bemühungen ist. Zur Beantwortung dieser vier Fragen – und auf definitive Antworten sollte man nicht hoffen – müssen wir auch andere Wissensbereiche als die Philosophie heranziehen. Interessanterweise ist die Biologie eine der bedeutendsten unter diesen Disziplinen, und insbesondere die Evolutionsbiologie liefert hier relevante Antworten. Kein Wunder also, dass die Evolutionsbiologie ein Lieblingsthema der Wissenschaftsphilosophie geworden ist und dass sich Charles Darwin, ähnlich wie Galileo Galilei, Isaac Newton oder Albert Einstein, auch in den Geisteswissenschaften großer Beliebtheit erfreut. Erheblichen Anteil daran scheint ein Aufsatz von John Dewey aus dem Jahre 1910 gehabt zu haben, in dem Darwins Einfluss auf die Philosophie thematisiert wird. Darwin selber war sich der diesbezüglichen Bedeutung seiner Theorie durchaus bewusst und schrieb in eines seiner Notizbücher: „Wer Paviane versteht, erweist der Metaphysik einen größeren Dienst als [der Philosoph John] Locke.“2

Der (mögliche) evolutionäre Ursprung von Moral

Es wird kaum jemand in Abrede stellen, dass wir tief verwurzelte Empfindungen und Verhaltensweisen haben, die moralischer Natur sind. Kant beschreibt diese als das „moralische Gesetz in mir“, das unser Gemüt mit Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt. Da liegt es nahe anzunehmen, dass es evolutionäre Wurzeln für solch universelles Verhalten gibt. Für soziale, in Gemeinschaften lebende Wesen wie uns erscheint es sehr plausibel, dass bestimmte Umgangsformen (Gerechtigkeitssinn, Empathie etc.) einen Selektionsvorteil bedeuteten. Direkt überprüfen lässt sich so etwas natürlich nicht, und so sind wir darauf angewiesen, entsprechende Verhaltensmuster bei unseren nächsten Verwandten, also Menschenaffen und anderen Primaten, zu suchen. Studien haben faszinierende Einblicke in die ‚moralische‘3 Welt unserer Mitaffen ergeben. Sie sind neidisch, empathisch, berechnend, sie trauern, haben soziales Bewusstsein und, wie sich herausgestellt hat, auch ein Empfinden für Gerechtigkeit. Zu einiger Berühmtheit hat es ein Video gebracht, in dem ein Forschungsteam um den Primatologen und Verhaltensforscher Frans de Waal Kapuzineraffen untersucht. Zwei Affen sitzen direkt nebeneinander, so dass sie sich sehen können, und müssen eine kleine Aufgabe erledigen: Übergeben sie einen Stein, werden sie belohnt. Solange beide dieselbe Belohnung erhalten, ein Stückchen Gurke, ist alles friedlich. Dann jedoch wird ein Tier (nur eines!) statt mit Gurke mit einer Traube belohnt, erhält also gewissermaßen eine Gehaltserhöhung. Als das zweite Tier weiterhin nur Gurke bekommt, wird es sehr, sehr ungehalten. Es schmeißt der verantwortlichen Biologin die Gurke um die Ohren und beginnt zu randalieren. Abgesehen von dem nicht zu leugnenden Unterhaltungswert, den der Versuch hat, ist er insofern interessant, als das Stück Gurke ja vollkommen in Ordnung war, solange beide Affen gleich, also fair bezahlt wurden. Ganz offensichtlich ist dem ‚betrogenen‘ Affen bewusst, dass er für dieselbe Arbeit nicht denselben Lohn erhält, und er protestiert dementsprechend. Ich wüsste nicht, wie dieses Verhalten anders zu erklären wäre als mit einem Konzept von Gerechtigkeit. Ähnliche und anders angelegte Experimente wurden auch mit anderen Primaten (und nicht nur diesen) in einer Vielzahl durchgeführt, oft mit dem ähnlichen Ergebnis, dass auch nicht-menschliche Primaten Empathie, Fairness, Gerechtigkeit und andere oft als besonders menschlich betrachtete Eigenschaften zeigen. Dies legt zumindest nahe, dass die Ursprünge unserer Moral tief in unserer evolutionären Vergangenheit liegen, weswegen es vollkommen legitim ist, dass sich auch die Biologie mit diesen Fragen beschäftigt.

Frans de Waal hat in diesem Zusammenhang den Begriff anthropodenial geprägt, am besten vielleicht als Menschlichkeitsverleugnung zu übersetzen. Er bezeichnet die beinahe reflexhafte Ablehnung der Vorstellung, dass Tiere Eigenschaften aufweisen, die – oft nicht ohne einen gewissen Stolz – als exklusiv menschlich angesehen werden. Er ist in gewissem Sinne also das Gegenstück zum Anthropomorphismus, bei dem menschliche Eigenschaften auf Tiere projiziert werden. Wir sollten sowohl anthropodenial als auch Anthropomorphismus nach Möglichkeit vermeiden, denn sie wirken wie eine Brille, durch die wir wissenschaftliche Beobachtungen in einer bestimmten Weise sehen und interpretieren. Das sagt letztlich mehr über den Beobachter aus als über das, was beobachtet wird. Biologische Analysen menschlicher Moral sind also durchaus zulässig und sogar angebracht. Dabei müssen wir aber beachten, dass erstens die Biologie keine exklusive Deutungshoheit für sich in Anspruch nehmen kann und dass wir zweitens nicht in die Falle des naturalistischen Fehlschlusses tappen: Allzu oft wird biologistisch argumentiert, dass ein bestimmtes menschliches Verhalten ‚unnatürlich‘ sei, da es dem Wesen oder der Evolution des Menschen zuwiderlaufe.

Woher kommt unser Erkenntnisvermögen?

Auf den ersten Blick mag es überraschend erscheinen, dass auch die Erkenntnistheorie, also die erste Frage Kants, Was kann ich wissen?, eine biologische Dimension hat. Es liegt aber auf der Hand, unseren Erkenntnisapparat als Produkt der Evolution anzusehen – bei körperlichen Merkmalen gehen wir schließlich auch ganz selbstverständlich davon aus. Erkenntnis- und Abstraktionsvermögen bringen Vorteile mit sich. Der Trend in der menschlichen Evolution hin zu einem größeren Gehirn und komplexeren kognitiven Fähigkeiten ist zweifellos der Grund dafür, dass wir die meisten Arten auf unserem Planeten dominieren – und uns überhaupt mit dem Ursprung unseres eigenen Erkenntnisvermögens beschäftigen können. Es drängt sich also förmlich auf, unsere intellektuellen Fähigkeiten als adaptiv, das heißt als eine Anpassung an unsere Umwelt zu interpretieren. Genau hier setzt die sogenannte Evolutionäre Erkenntnistheorie an. Sie ist vor allem im deutschsprachigen Raum populär und wird hier intensiv diskutiert. Prominente Befürworter sind unter anderen die Biologen Konrad Lorenz und Rupert Riedl sowie der Philosoph Gerhard Vollmer.

Keine Erkenntnis ohne Anpassung

Kernaussage der Evolutionären Erkenntnistheorie ist, dass unser Erkenntnisvermögen ein evolviertes Merkmal ist, das sich in Anpassung an unsere Umwelt entwickelt und selektiv verfeinert hat.4 Vorausschauend denken und abstrahieren zu können ist zum Beispiel ein Vorteil bei der Jagd, wenn man das Verhalten der Beutetiere richtig voraussagen kann. Wichtig ist, dass mit „unserer Umwelt“ nicht unser heutiges Umfeld gemeint ist, sondern die Lebensbedingungen unserer Vorfahren, als sich unser Gehirn, wie wir es kennen, herausgebildet hat. Der Erfolg unseres Erkenntnisvermögens wird interpretiert als eine gewisse Passung zwischen Erkenntnis und Wirklichkeit. Das gilt bis heute auch für unsere wissenschaftlichen Theorien: Ihr Erfolg, zum Beispiel die korrekte Voraussage einer Sonnenfinsternis oder die erfolgreiche Behandlung einer Krankheit, wird interpretiert als ein zumindest in Teilen korrektes Abbilden der Wirklichkeit.5 Das bedeutet explizit nicht, dass unsere Erkenntnis der Welt im Detail faktisch korrekt sein muss, aber sie muss gut genug sein, um zu überleben und sich fortzupflanzen. Der Albert Einstein zugeschriebene Ausspruch, dass man die Welt nicht verstehen müsse, sondern dass es reiche, sich in ihr zurechtzufinden, fasst dies recht gut zusammen.

Da Anpassungen an die Umwelt darauf abzielen, sich in ihr zurechtzufinden, enthalten sie immer auch Informationen über einen Ausschnitt dieser Umwelt. Sie sind gewissermaßen ein Spiegelbild der Umwelt, auch wenn dieses verzerrt sein kann. Die Körperform vieler Fische und Meeressäuger ist so gestaltet, dass sie möglichst widerstandsfrei durchs Wasser schwimmen können, ihre Körperform enthält somit Informationen über die Strömungsphysik von Wasser. Goethe hat in Zahme Xenien genau diesen Gedanken in einem berühmten Spruch festgehalten: „Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt’ es nie erblicken.“

Die Evolutionäre Erkenntnistheorie betrachtet unseren Intellekt ähnlich wie die Anatomie des Auges oder die Körperform eines Delfins. Und genau wie das Auge Fehler machen kann – man denke an optische Täuschungen –, so ist auch unser Erkenntnisvermögen nicht perfekt. Besonders wenn es um Dinge geht, die nicht in der Umgebung liegen, in der sich unser Erkenntnisvermögen entwickelt hat, treten Fehler auf. Zum Beispiel haben wir ein gutes Vorstellungsvermögen für den Mesokosmos, also den Größenordnungsbereich, mit dem wir im Alltag konfrontiert sind. Mikro- und Makrokosmos hingegen, also der atomare oder subatomare Bereich auf der einen Seite und die astronomischen Dimensionen des Universums auf der anderen Seite, liegen außerhalb unserer Vorstellungskraft. Ein weiteres Beispiel ist, dass es uns leichter fällt, linear zu denken. Exponentielle Wachstumskurven bereiten uns große Schwierigkeiten, wie die Covid-Pandemie eindrücklich gezeigt hat.6 Da Anpassung niemals perfekt ist, sind Fehler zu erwarten. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie bietet einen Rahmen für Erklärungen, warum unsere intellektuellen Fähigkeiten Grenzen haben, die sich aus unserer Evolution ergeben. Wir sind gewissermaßen zu den Opfern unseres eigenen intellektuellen Erfolgs geworden: Wir können mittlerweile Dinge formal analysieren, zum Beispiel mit den Methoden der Mathematik, die wie Quantenphysik und Relativitätstheorie unserer Alltagsanschauung zu widersprechen scheinen. Oder, wie Rupert Riedl es geradezu poetisch formuliert hat: „Mit Anschauungen von gestern unterwerfen wir uns eine Welt von morgen.“

Wider das evolutionäre Schubladendenken

Die philosophische Bedeutung der Evolutionären Erkenntnistheorie liegt laut Jürgen Habermas darin, dass sie eine Antwort auf die Frage geben möchte, „wie Kant mit Darwin vereinbart werden kann“. Doch was ist damit konkret gemeint?

Eine von Kants bedeutendsten Einsichten war, dass Erkenntnis aus zwei Teilen besteht: aus der von uns unabhängigen Welt ‚da draußen‘ (in Kants Terminologie das ‚Ding an sich‘) und aus unserem Erkenntnisapparat. Letzterer wendet dabei bestimmte Prinzipien auf das an, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen. Diese Prinzipien, so Kant, sind ‚a priori‘, das heißt, sie sind nicht erlernt, sondern angeboren. Sie liegen ‚vor jeder Erfahrung‘. Wir nutzen sie automatisch, um die Welt zu verstehen, indem wir sie unserer Sinneswahrnehmung und unserem Denken quasi aufdrücken, ob wir wollen oder nicht. Diese Prinzipien sind die sogenannten reinen Anschauungsformen, nämlich Raum und Zeit, sowie das, was Kant Kategorien nennt, allen voran die Kausalität.

Kant hat erkannt, dass wir unabhängig von dem, was wir von der Welt wahrnehmen, alles, was wir denken, ‚von vorne herein‘ (also ‚a priori‘) in Raum und Zeit sowie als Ursache und Wirkung denken.7 Die Objekte beeinflussen nicht nur unsere Wahrnehmung von ihnen, sondern umgekehrt bestimmt unser Erkenntnisapparat von vornherein, wie wir diese Objekte wahrnehmen können. Deshalb erkennen wir die Objekte nie als die reinen ‚Dinge an sich‘. Aber warum passen unsere Vorstellungen wie Raum, Zeit und Kausalität bei allen Beschränkungen unseres Geistes so gut zur realen Welt, wenn sie doch offensichtlich nicht erlernt sind? Die Evolutionäre Erkenntnistheorie gibt darauf eine interessante Antwort, die es philosophisch in sich hat: Diese Vorstellungen sind nicht vor jeder Erfahrung da (also nicht ‚a priori‘), sondern wurden über die Evolution unseres Gehirns als Anpassung an die Umwelt entwickelt. Das bedeutet, sie sind ‚a posteriori‘, also erlernt – nur nicht individuell, sondern über Generationen hinweg. Kants ‚a priori‘ wird in der Evolutionären Erkenntnistheorie also zu einem stammesgeschichtlichen ‚a posteriori‘. So hat es der Verhaltensforscher Konrad Lorenz bereits 1941 in einer grundlegenden Arbeit über Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte der gegenwärtigen Biologie dargelegt.8 Weiter schreibt er:

Unsere vor jeder individuellen Erfahrung festliegenden Anschauungsformen und Kategorien passen aus ganz denselben Gründen auf die Außenwelt, aus denen der Huf des Pferdes schon vor seiner Geburt auf den Steppenboden, die Flosse des Fisches, schon ehe er dem Ei entschlüpft, ins Wasser paßt. Bei keinem derartigen Organ glaubt irgendein vernünftiger Mensch, daß seine Form dem Objekte seine Eigenschaften ‚vorschreibe‘, sondern jedermann nimmt als selbstverständlich an, daß das Wasser seine Eigenschaften völlig unabhängig von der Frage besitzt, ob Fischflossen sich mit ihnen biologisch auseinandersetzen oder nicht. Ganz selbstverständlich sind es irgendwelche Eigenschaften, die dem Ding, das hinter der Erscheinung „Wasser“ steckt, an sich zukommen, die zu der speziellen Anpassungsform der Flossen geführt haben, die von Fischen, Reptilien, Vögeln, Säugern, Cephalopoden, Schnecken, Krebsen, Pfeilwürmern usw., usw. unabhängig voneinander herausdifferenziert wurden. Offensichtlich sind es Eigenschaften des Wassers, die diesen so verschiedenen Lebewesen die übereinstimmende Form und Funktion ihres Lokomotionsorganes vorgeschrieben haben.

Mit anderen Worten: Kants Apriori-Prinzipien funktionieren deshalb so gut, weil sie erfolgreiche Anpassungen zur Verarbeitung von Informationen über unsere Umwelt sind, und ihr Erfolg ist Beleg dafür, dass zumindest ein Teil der Umwelt, des Dings an sich, richtig erfasst wurde. Lorenz bezieht sich hier ausdrücklich auch auf den Umstand, dass Flossen von nicht näher miteinander verwandten Tiergruppen (etwa Fischen, Vögeln und Säugetieren – man denke an Pinguine und Delfine) ähnlich geformt sind – in Anpassung an dieselben physikalischen Eigenschaften des Wassers. Wegen der fehlenden Verwandtschaft muss dies unabhängig voneinander (konvergent im evolutionsbiologischen Jargon) geschehen sein, was dem Argument zusätzliche Kraft verleiht.

Der Gedanke, dass sich unser Erkenntnisapparat im Laufe unserer Evolution mehr und mehr entwickelt hat und dass seine individuell betrachtet apriorischen Fähigkeiten in Wirklichkeit ein stammesgeschichtliches Aposteriori darstellen, ist tatsächlich bereits bei Charles Darwin zu finden. In einem seiner Notizbücher nimmt er Bezug auf die Anamnesis- und Präexistenzlehre Platons, nach der unser Wissen lediglich ein Wiedererinnern an etwas darstellt, das unsere Seele in einer früheren Existenz schon wusste. Darwin schreibt dazu lakonisch „ersetze Präexistenz durch Affen“ (read monkeys for preexistence).

Natürlich wurde dieser evolutionäre Ansatz in der Philosophie nicht ohne Widerspruch aufgenommen. Aber nicht an der Evolution des Menschen wird gezweifelt, sondern vielmehr daran, ob mit der Evolutionären Erkenntnistheorie die philosophischen Probleme im Zusammenhang mit menschlicher Erkenntnis wirklich gelöst werden können. Da diese Diskussion weit über unser Thema hinausgeht, sei nur rasch ein Grundgedanke erwähnt, der uns in diesem Buch noch weiterhin begleiten soll: Unsere Neigung, Dinge, die eigentlich fließend und vielfältig sind, in klare, oft binäre Kategorien einzuordnen, könnte das Ergebnis eines vereinfachenden, aber im Laufe der menschlichen Evolution ausreichend funktionierenden Denkens sein. Anders gesagt: Schubladendenken könnte evolutiv in uns verankert sein, während das Denken in Grauzonen – obwohl oft realistischer – vielleicht weniger stark entwickelt ist.

Das Ganze ist mehr als seine Teile

Wir können also feststellen: Biologische Erkenntnisse sind wichtig für viele Disziplinen, die sich mit dem Menschen beschäftigen. Doch sobald biologische Konzepte und Erkenntnisse auf grundlegende philosophische und gesellschaftliche Fragen treffen, ist die Gefahr des Biologismus groß – besonders dann, wenn komplexe Phänomene zu stark vereinfacht werden. Der deutsche Biologe Ulrich Kutschera, der uns später wieder begegnen wird, hat den berühmten Ausspruch des Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky, „Nichts in der Biologie ergibt Sinn außer im Lichte der Evolution“, umformuliert in ein grotesk-provokantes „Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie“. Er unterscheidet außerdem zwischen Realwissenschaften und Verbalwissenschaften. Erstere seien die Naturwissenschaften, letztere die Geisteswissenschaften.9 Diese Aussage ist ein extremes Beispiel für Reduktionismus und stößt natürlich auf viel Widerspruch, nicht nur von der Zunft der derart verunglimpften ‚Verbalwissenschaftler‘, sondern auch von vielen Biologinnen, Physikern und anderen10. Der theoretische Physiker und Nobelpreisträger Philip Warren Anderson hat in seiner einflussreichen Arbeit mit dem Titel More is Different aus dem Jahre 1972 detailliert argumentiert, warum das Ganze stets mehr ist als die Summe seiner Teile11 und Reduktionismus eine unzulässige Verkürzung darstellt.

Dennoch müssen wissenschaftliche Disziplinen mit den grundlegenden Prinzipien anderer Bereiche übereinstimmen. Sie sind eigenständig, dürfen aber den gesicherten Erkenntnissen oder Gesetzmäßigkeiten anderer Wissenschaften nicht widersprechen. Die Biologie im Allgemeinen und ihre Subdisziplinen wie Physiologie, Genetik usw. im Besonderen müssen mit chemischen und physikalischen Prinzipien vereinbar sein, genauso wie die Chemie der Atomphysik nicht widersprechen darf. Und Psychologie oder Kulturwissenschaft dürfen die Biologie nicht negieren. Das bedeutet nicht, dass die Biologie über jede Kritik, etwa seitens der Kulturwissenschaft, erhaben ist. Biologie wird von Menschen betrieben – und Menschen sind fehlbar, sie haben Vorurteile. Aber grundlegende und allgemein anerkannte biologische Erkenntnisse müssen in andere Disziplinen integriert und dürfen nicht geleugnet werden. Ich bin aber überzeugt, dass gerade bei der Betrachtung des Menschen vieles nur dann verstanden werden kann, wenn wir über die rein biologische Perspektive hinausgehen.

Mehr als nur eine Dimension

Reduktionismus ist ein vielschichtiges Thema in der Wissenschaftsphilosophie und kann hier nur gestreift werden. Wichtig ist jedoch zu betonen, dass es verschiedene Formen von Reduktionismus gibt, die auch unterschiedlich bewertet werden müssen, weil sie unterschiedlich weitreichende Aussagen über die Reduzierbarkeit von Phänomenen treffen.12 Antibiologistische Kritik richtet sich oft gegen Disziplinen wie die Soziobiologie oder Evolutionspsychologie, in denen versucht wird, auch menschliches Verhalten vorwiegend mit biologischen, vor allem evolutionären Erklärungen zu deuten – darunter sensible Themen wie tatsächliche oder vermeintliche biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern (s. Kapitel 5).

Ohne Frage wird die Naturwissenschaft in diesen Diskussionen oft missbraucht. Doch bei der Kritik ist Vorsicht geboten, um nicht übers Ziel hinauszuschießen. Die biologische Analyse menschlichen Verhaltens, etwa in der Humanethologie, ist nicht per se biologistisch. Der Mensch ist kein Produkt eines isolierten stammesgeschichtlichen Vakuums, sondern teilt einen Großteil seiner evolutionären Geschichte mit vielen anderen Arten, insbesondere Primaten. Morphologische Ähnlichkeiten – wie der opponierbare Daumen, das Fehlen eines äußeren Schwanzes oder ganz allgemein Struktur und Funktionsweise unserer Organe – sind das Erbe gemeinsamer Vorfahren; das würde niemand ernsthaft bestreiten. Warum sollte es bei bestimmten Verhaltensweisen anders sein?