Die noch leben - Thomas Pfenninger - E-Book

Die noch leben E-Book

Thomas Pfenninger

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Beschreibung

Ein packender Roman über die Konflikte zwischen den Generationen — und darüber, wie unterschiedlich unsere Moralvorstellungen sein können. »Was, wenn dein Abendessen eine Geschichte zu erzählen hätte? Schonungslos ehrlich, dabei voller Witz und Charme: Wer diesen Roman liest, wird anschließend ein anderer Mensch sein-« Matthias Jügler, Autor

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Thomas Pfenninger

Die noch leben

Thomas Pfenninger, Die noch leben

©2025 by Kommode Verlag, Zürich

1. Auflage

Lektorat: Matthias Jügler

Korrektorat: Patrick Schär, torat.ch

Titelbild, Gestaltung und Satz: Anneka Beatty

Druck: Beltz Grafische Betriebe

ISBN 978-3-905574-58-6

Verlag

Kommode Verlag

Stampfenbachstrasse 32, CH-8006 Zürich

+41 79 246 59 14

[email protected]

www.kommode-verlag.ch/produktsicherheit

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2023/988 (GPSR):

GVA Gemeinsame Verlagsauslieferung Göttingen

GmbH & Co. KG

Postfach 2021, D-37010 Göttingen

+49 551 384 200 0

[email protected]

Dieses Buchprojekt wurde von der Burgergemeinde Bern und SWISSLOS/Kultur Kanton Bern mit einem grosszügigen Beitrag unterstützt.

Thomas Pfenninger

Die noch leben

Inhalt

1

2

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4

5

6

7

8

9

10

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Für die Tiere und für einige Menschen.

Menschen werden nicht gerne daran erinnert, dass sie Tiere sind.

1

Es sind Tiere.

Mit diesen drei Wörtern beginnen bei uns am Tisch die Diskussionen, die unweigerlich in einem Streit enden, bei dem Abel das Besteck auf den Teller knallt und sich Santiago mit Tränenaugen bäuchlings aufs Bett wirft. Auch heute ist es so.

Unser Tisch steht auf der Veranda unter einer nackten Glühbirne, die von der Decke baumelt. Da es jetzt, wo wir zu Abend essen und uns dazu streiten, längst dämmert, wird sie von zehn Millionen Mücken umschwirrt.

Ich sage, wir sollten die Glühbirne ausmachen und Kerzen anzünden, und Abel sagt, essen bei Kerzenschein, das sei für Weicheier wie mich. Seit er ständig solche Dinge sagt, nenne ich ihn Abel und nicht mehr Papa. Er reagiert darauf, indem er mich nicht mehr Teo, sondern Sohn nennt. Abel würde noch in zwei Wochen wie ein knatternder Traktor über seinen Witz lachen, hätte ihm Leon nicht gesagt, er solle die Klappe halten, denn die gebratene Seezunge auf seinem Teller verdiene es, in Ruhe verspeist zu werden.

Abel straft Leon mit einem bösen Blick, und Leon kuscht. Ich habe nie so recht verstanden, weshalb es zwischen ihnen ist, wie es ist. Ich will aufstehen und nach Santi sehen, weil ich zwei Dinge weiß. Erstens braucht ein zehnjähriger Junge Trost, dass aus ihm ein Mensch und kein Stein wird. Und zweitens brauche ich Santi auf meiner Seite. Denn so, wie ich bin, und so, wie ich denke, stehe ich in der Familie sonst ganz alleine da.

Abel schnauzt mich an, ich solle Santiago nicht mehr Santi nennen, Hosenscheißer könne man schließlich auch züchten. Leon hebt beschwichtigend seine Arme, und normalerweise reicht das auch, um Abel zu besänftigen, denn die beiden kennen sich, seit sie Haare am Körper haben. Aber heute ist Abel besonders schlecht gelaunt. Meine Ansichten und die Aufmüpfigkeit, mit denen ich sie vertrete, bedrängen ihn. Das würde beweisen, dass die Art und Weise, wie Abel lebt, falsch ist, und das schmerzt ihn und erklärt seine väterlichen Wutausbrüche. Das will ich jedenfalls glauben. Manchmal hat er auch einfach einen schlechten Tag und schimpft von früh bis spät wie ein Rohrspatz. Abends bringt er dann Santiago ins Bett, küsst ihn auf die Stirn und lehrt ihn, dass Fluchen schlecht ist, aber doch besser als Schlagen.

Leon versucht, die Harmonie herzustellen, er träufelt mehr Zitronenbutter über seine Seezunge, sie glänzt. Er spricht ruhig, sicher macht er das extra, und behauptet, dass niemand anders auch nur annähernd so begabt darin sei, die Wut aus Abel herauszukitzeln, wie ich. Leon weiß, was er sagen muss, um mir zu schmeicheln, und ich kann nicht verhindern, dass es wirkt. Abel sagt, es sei sein gutes Recht, wütend zu sein auf einen Sohn, der ein Schlappschwanz geworden ist, Schwachsinn redet und allen Ernstes behauptet, Affen hätten die gleichen Rechte verdient wie Menschen. Und als Nächstes hätten dann die Rinder Rechte verdient, die Ratten und sogar die Mücken, von denen er jeden Abend Millionen mit seinem Giftspray tötet. Damit will er mich aufziehen, und es funktioniert, denn ich sage: »Aber es sind Tiere und wir könnten doch Kerzen«, und er sagt: »Ach, ich wiederhole mich andauernd und nichts wird sich je ändern, und auf welcher Seite Leon steht, habe ich bis heute nicht herausgefunden. Ich weiß nur, dass er robust und anspruchslos ist und es allen recht machen will.«

Abel zitiert Santiago zurück an den Tisch. Unsere Streitereien wühlen ihn auf. Santiago ist zart. Santiago gehorcht. Selbstverständlich gehorcht er. Die Zeit, die Santi braucht, um mit gesenktem Kopf auf die Veranda zurückzutrotten, nutze ich, um eine verbale Pfeilspitze zu präparieren, bin aber noch nicht sicher, ob ich meinem Vater ins Herz oder in den Rücken zielen soll.

Leon lehnt sich zurück und zündet sich eine Zigarette an. Mein Vater lobt ihn ständig für seine Entschlossenheit in geschäftlichen Dingen. Ich nenne es Rücksichtslosigkeit. Aber Abel findet gut, wie Leon die Geschäfte führt. Ihre gemeinsamen Geschäfte. Seine Geschäfte. Er wird jedenfalls nicht müde zu betonen, dass uns diese Entschlossenheit das Dach mit Ziegeln deckt.

Leon hat mich durchschaut, denn er sieht mich mit diesem ihm eigenen Blick von der Seite an, er weiß, dass ich nach den Pfeilen in meinem Köcher taste und auf seinen besten Freund ziele. Abel und er – sie sind mir ein Rätsel. Leon wohnt bei uns, seit ich denken kann. Seit meine Mutter gestorben ist, lebt er bei uns. Meine Mutter hieß Sanchia Calvo Cabrera. »Gott segne sie«, sagt Abel, wenn er ihr Andenken streift, zum Beispiel beim Tischgebet. Ich sage: »Ruhe in Frieden«, denn im Gegensatz zu ihm habe ich es nicht so mit Adam und Eva und Jesus und der Arche Noah. Aber genug von ihr, dafür noch ein Wort zu Leon. Der beharrt darauf, eine feine Antenne für alles Atmosphärische zu haben. Die nutzt er, um allen Spannungen aus dem Weg zu gehen. Er setzt sich in sein Zimmer und dreht den Fernseher laut, sobald sich bei uns zu Hause ein Konflikt andeutet, also dann, wenn Abel und ich länger als fünf Minuten zusammen sind. Auch heute wäre er längst auf seinem Zimmer, hasste es Abel nicht auf den Tod, wenn in seinem Haus geraucht wird, und nach dem Essen muss Leon Zigaretten rauchen, drei mindestens, und deswegen sitzt er noch mit uns auf der Veranda, rückt seinen Plastikstuhl vom Tisch weg und sagt: »Was ihr euch über drei einfache Wörter so aufregen könnt!«

Nun ist es an mir, mein Besteck auf den Tisch zu werfen, und ich genieße den dramatischen Moment, auch wenn ich damit riskiere, dass mir mein Vater eine Tracht Prügel androht, die er dann aber zugunsten einer Salve herabsetzender Bemerkungen über meine zurückgebliebene Männlichkeit zurückstellt. Er weiß halt, wie er mich verletzen kann, und macht es doch nicht mit Absicht, sondern weil er keine Argumente hat.

Über drei Wörter so aufregen. Wenn es doch nur um drei Wörter gehen würde!

Ich sage: »Wusstet ihr, dass von allen Lebewesen auf der Welt drei Prozent Wildtiere sind, zweiunddreißig Prozent Menschen und fünfundsechzig Prozent Nutztiere?«

Abel und Leon schauen mich an, als käme ich von einem anderen Planeten, und dabei habe ich noch nicht mal das Wort Speziesismus benutzt. Sie verstehen auch so nicht, was ich ihnen sagen will, und mir fehlt die rhetorische Gabe, es ihnen verständlich zu machen. In diesem Moment fühlt sich der Plastikstuhl unter meinem Hintern an wie ein Nagelbett, und der Himmel, zu dem ich aufschaue und der jeden Abend um diese Zeit in demselben wunderschönen tiefen Blau ertrinkt, bietet mir nichts, woran ich mich festhalten könnte. Leon will mich trösten und rückt näher zu mir. Er spiegelt meine Körperhaltung und schaut mit mir in den Himmel.

»Schön, nicht?«

Ich weiß, er meint es gut, aber ich könnte heulen, mache es aber nicht, weil ich Abel die unangenehme Lage ersparen will. Wenn ich jetzt heule, was sollte er anderes tun, als aufzustehen und die Teller in die Küche zu räumen?

Über drei Wörter so aufregen.

Wenn Abel sagt: »Es sind Tiere«, dann hebt er seine Stimme beim Wort Tiere und meint damit, es sind nur Tiere. Ich bin mir sicher, er meint es so. Wenn ich aber die drei Wörter sage, wenn ich sage: »Es sind Tiere«, dann betone ich zwar auch das Wort Tiere, versuche damit aber zum Ausdruck zu bringen, dass es doch Tiere sind, verdammt, und dass man Tiere nicht behandeln soll wie Müll.

Es macht mich wahnsinnig, wenn mich Abel mit seiner Gleichgültigkeit provoziert und schulterzuckend antwortet: »Was erwartest du denn von mir?«

Solche Fragen sind Tretminen. Denn wenn ich dann sage: »Du könntest dir zum Beispiel einen neuen Job suchen und deine Ernährung umstellen«, dann ist unsere Diskussion vermintes Land und jedes weitere Wort führt zwangsläufig zur Explosion.

Es ist nicht so, dass wir uns zu Hause nur über Tiere streiten würden. Wir streiten uns auch übers Geldverdienen oder darüber, welche Regeln bei uns gelten, auch für Über-Achtzehnjährige wie mich. Dann kommt ein Satz, der mit solange du oder solange ich beginnt. Ich antworte darauf: »Je weniger lang, desto besser.« Und auch sonst streiten wir mit breitem Horizont. Wir stoßen über die Einstellung zu vielen Sachen zusammen, zum Autofahren zum Beispiel oder zum Alkohol oder zu Geschlechteridentität, wobei Leon sofort flieht, sobald dieses Wort fällt, und Abel sagt: »Dann rede ich doch noch lieber über Vieh, da weiß ich immerhin, woran ich bin.«

Meinem Vater kann ich es nie recht machen. Deshalb stelle ich sicher, dass er es mir auch nie recht machen kann. Das beste Beispiel hierfür ist sein schizophrenes Verhalten gegenüber Isa. Sie ist meine Freundin, seit etwa drei Monaten, seit vierundachtzig Tagen, um genau zu sein. Ich denke, dass ich über beide Ohren in Isa verliebt bin, ich habe mir sogar aufgeschrieben, wie oft wir schon miteinander – Es ist nicht wichtig, aber irgendwie eben doch. Aber um ehrlich zu sein, bin ich achtzehn und Isa nicht meine Frau fürs Leben. Also nichts gegen Isa, aber das Konzept, eine Frau fürs Leben zu suchen, erscheint mir irr. Woher will ich wissen, was ich morgen will oder übermorgen, wenn uns der Planet bis dann noch nicht abgeschüttelt hat? Dazu kommt, dass es mit Isa auch schwierig sein kann. Sie hat ihren eigenen Kopf. Deshalb ist sie auch alles andere als begeistert über das Sommerfest, das nächste Woche in unserem Garten stattfindet. Abels Geschäftspartner sind eingeladen und sogenannte alte Freunde, und Abel drängt mich, mit Isa einen guten Eindruck zu machen.

Wenn Isa die Arme verschränkt und sagt, sie spiele doch nicht die Puppe für die Geschäftsfreunde meines ausbeuterischen Vaters und seines unterwürfigen Wasserträgers von Cousin, finde ich mich in der Situation wieder, Abel und Leon zu verteidigen, obwohl ich das gar nicht will und ich im Grunde Isas Meinung bin, aber ihr Tonfall und ihr Augenaufschlag drängen mich und ich sage zu ihr: »Isa, du weißt doch, dass Leon nicht mein richtiger Onkel ist.«

Leon zündet sich seine zweite Zigarette an.

»Kannst du nicht an der Mauer rauchen?«, brummt Abel, denn unter dem Vordach der Veranda bleibt der Rauch hängen und will nicht abziehen, wenn es windstill ist, und windstill ist es jeden Tag hier in diesem vertrockneten Stück Spanien, dem wir unsere Heimatgefühle andichten.

Abel will wissen, was mit nächstem Freitag ist. Abel will vom Thema mit den drei Wörtern ablenken. Er fragt, ob er Isa selbst anrufen solle. Es geht wieder um das Sommerfest. Er denkt schon wieder nur ans Geschäft. An Geld. An sich. Und dann nennen die Leute in seinem Alter meine Generation Ichlinge.

Er stellt sich das nämlich etwa so vor: Er, der große Firmenpatron, schnipst mit dem Finger, und alle kommen. Weil: Jamón Ibérico. Und weil er der große Abel Calvo Cabrera ist, geboren 1970, Thronfolger seines viel zu früh verstorbenen Vaters Manolo Calvo Flores, Erbe seines Handelsbetriebs Calvo & Flores Kolonialwaren. Am Tor vor unserer Einfahrt, dort, wo Leon steht und an seiner zweiten Zigarette zieht, hängt noch das verblasste Firmenschild. Es erzählt von der ruhmreichen Geschichte des Geschäfts, als Großvater Kaffee und Zucker aus Guatemala und Tabak aus Nicaragua importierte und dermaßen große Gewinne damit machte, dass er sich derer schämte. Heute importieren wir keine Kolonialgüter mehr. Wir kommen damit über die Runden, Kälber von A nach B zu transportieren. Eine Drecksarbeit, wenn mich jemand nach meiner Meinung fragen würde. Und nicht mal die machen wir selbst. Wir bezahlen andere dafür, sich das dumpfe Geräusch anzuhören, wenn ein Kalb auf die Verladerampe stolpert, wir telefonieren nur und füllen Papiere aus, wir stellen Leute ein, die dem Kalb Beine machen und sagen: »Mach vorwärts, ich hab nicht ewig Zeit.« Und wenn ich sage wir, dann meine ich sie, Abel und Leon. Von Calvo & Flores Kolonialwaren sind nur sie beide übrig. Es ist eine Kunst, im Untergang den Fettwanst zu behalten, obwohl, vielleicht auch nicht, denn Fett schwimmt bekanntlich. Was Abel aber hinkriegt, ist, noch ein paar Euros aus dem Geschäft rauszupressen, obwohl es doch schon lange ausgewrungen ist. Das muss man ihm zugestehen. Er lässt Leon als einzigen Angestellten schuften, als gäbe es kein Morgen, und dieser Leon schuftet, als stünde auf dem verblichenen Schild, das in wenigen Augenblicken von der Nacht verschluckt worden sein wird, auch sein Name drauf. So sehe ich das. Keine Ahnung, weshalb Leon das tut. Er schuldet Abel doch nichts. Er schuldet ihm jedenfalls nichts, wovon ich auch nur das Geringste wüsste. Aber was weiß ich schon.

Abel erwartet meine Antwort. Er holt sein Handy aus der Tasche, weil er der Einzige ist, der es am Tisch benutzen darf. Ich weiß, was er tun wird, schenke ihm aber vorerst keine Beachtung, sondern fixiere eine Fliege, die über die Fischreste auf Leons Teller läuft. Abel tippt auf dem Gerät herum und zeigt mir das leuchtende Display. Er hat Isas Kontakt geöffnet und tut so, als würde er sie anrufen. Er findet sich extrem lustig. Sind alle Väter so?

Nachdem Leon ewig auf die Straße gestarrt hat, wo nie jemand vorbeifährt, der nicht hier wohnt, schnippt er seine Zigarette hinaus und richtet das Schild. Würde es dieses ominöse Sommerfest nicht geben, zu dem die Geschäftspartner nur kommen, um sich auf unsere Kosten die Bäuche vollzuschlagen, niemand würde dieses Schild jemals sehen. Wir können uns dieses Fest auch gar nicht leisten, meine Meinung.

Meine Meinung zählt allerdings nicht viel, wenn es darum geht, das wenige Geld für Sinnvolleres zu sparen, als es für dieses Gelage auszugeben, denn ich habe, das muss ich fairerweise zugeben, in meinem Leben noch kein eigenes Geld verdient und daher bei der Verteilung unserer Vermögenswerte nichts zu sagen. Ich bin hier nur der Sohn, bringe Isa als Anhängsel auf die Party, wo sie dann alle angaffen und Abel auf die Schulter klopfen, wie gut er das hingekriegt habe mit mir und ich mit meiner Wahl. Diese Logik ist bizarr und steinzeitlich, aber was soll ich tun. Ich, der Nachfolger im Familiengeschäft, ich, Besitzer eines Pick-ups und einer Durchtriebswaage, ich, veganer Viehhändler – klingt nach unendlichem Spaß.

2

Unsere Familie besteht aus Männern. Die einzige Frau, die ihren Fuß über unsere Schwelle setzt, ist Aissa, aber sie zählt nicht, weil sie illegal hier ist. Unser Kontakt zu ihr ist geprägt von leicht verschämtem und gönnerhaftem Getue, und mit uns meine ich Abel und Leon. Ich mag Aissa und nenne sie Miss Camara. Sie schaut mich ernst an und ihr Gesicht bleibt dabei eisern wie der Rumpf eines Tankers.

»Zum tausendsten Mal, ich will, dass du mich Aissa nennst.«

Heute ist Aissa in aller Herrgottsfrühe gekommen. Seit Stunden bringt sie alles in Ordnung. Sie bewegt sich bei uns im Haus wie ein Geist und so selbstverständlich, als wohne sie hier. Sie braucht nicht anzuklopfen, sondern gelangt durch die Garage direkt ins Haus. Wir hören, wie die Wäschetrommel rumpelt, bevor wir das erste Wort mit ihr wechseln.

Noch viel mehr als von mir wird Aissa von Santiago gemocht. Er vergöttert sie. Er sagt zu mir: »Sie mag es nicht, wenn du sie Miss Camara nennst.«

Die beiden sind im Garten, ich beobachte sie von meinem Fenster aus. Aissa hat die Plastikstühle aus dem Schuppen geholt und wischt sie mit einem Lappen sauber. Santiago spielt mit einem Fußball, wirft ihn hoch, fängt ihn wieder, immer wieder, aber er ist mit seinen Gedanken nicht beim Ballspiel, denn er erzählt Aissa atemlos eine erstaunliche Geschichte nach der nächsten, bis sie sagt: »Hilf mir mal mit dem Tischtuch.«

Heute Abend ist unser Fest. Isa kommt auch, und ich habe versucht, sie dazu zu bringen, sich ein altes T-Shirt mit einem amerikanischen Print anzuziehen, aber sie wird sich herausputzen und ein Kleid tragen. Ich finde es gut, dass sie sich nichts vorschreiben lässt, speziell von mir nicht. Denn wir leben heute und nicht in den verdammten rückständigen Neunzigern. Nach dem Fest, gegen Mitternacht, werden wir zusammen zum Hafen runtergehen, und ich ahne schon, was ich mir dort wegen ebendieses Festes werde anhören müssen.

»No offense, aber dein Vater ist ein reaktionäres Arschloch«, wird Marian sagen, und zu Isa: »Und du? Ziehst ein enges Kleidchen an, um den alten Säcken zu gefallen?«

Ich halte die ganze Sache mit dem Fest zu Ehren der Freunde von Calvo & Flores für eine Farce, denn Geschäfte macht man nicht unter Freunden, sondern unter Geschäftspartnern, und das Fest gehört boykottiert, aber was soll ich tun? Ich kann nicht mal einen Sojajoghurt aus dem Kühlschrank nehmen, ohne dass wir, Abel und ich, uns gegenseitig spüren lassen, wer oben und wer unten ist und was wir voneinander halten, er von meinen Sojajoghurts und ich davon, dass er als Erwachsener Kuhmilch trinkt, es ist erniedrigend.

Es stimmt zwar, dass er alles bezahlt und mir sogar Taschengeld gibt, aber was kann ich dafür, dass es keine Jobs gibt, oder wenn, dann solche, die ausbeuterische Strukturen zementieren, die auf einem Fundament von Ungleichheit, Diskriminierung und Umweltzerstörung gebaut sind? Und da ich noch keine zwölf Monate gearbeitet habe, habe ich nicht mal Anrecht auf ein paar Hundert Euro Arbeitslosengeld. Schlimmer, als kein Geld zu haben und einen Vater, der zu träge ist, die Probleme unserer Zeit zu erkennen, ist nur, dass ich trotz meiner Privilegien, meiner Hautfarbe, meiner Herkunft und meines Geschlechts noch die Frechheit habe zu jammern. Das sagt Marian, und Marian hat recht.

Ich öffne das Fenster und rufe nach Aissa. Sie schaut mit zusammengekniffenen Augen zu mir hoch und hebt die Hand, weil die Sonne sie blendet, und ich frage sie, ob sie mir die Haare schneidet, in zehn Minuten hätte ich geduscht. Auch das gehört zu den Vorbereitungen fürs Fest.

Aissa ist ein wahres Multitalent. Sie beherrscht jeden Gegenstand dieses Hauses, Scheren, Besen, Stoff und Faden, Gießkannen, Schwamm, Geschirr und Seife, während ich mein Smartphone beherrsche und gut darin bin, Behauptungen aufzustellen.

Ich lasse mir Zeit unter der Dusche, und dann bleibe ich ewig nackt vor dem Spiegel stehen und mustere mich. Gar nicht so schlecht, was ich sehe. Insgeheim hoffe ich, Aissa würde hereinplatzen, und es ist so falsch, auf so was zu hoffen, aber es sind meine Hormone, mein Testosteron, das ich kontrollieren will, es aber nicht schaffe, und es ist falsch, Menschen für ihre Hormone zu shamen, sagt Marian, seit Frauen zwangsläufig hysterisch seien, seit period shaming, seit die Erkenntnis existiert, dass Neo-Vätern das Testosteron in den Keller rauscht und sie weich werden, wie ihnen vorgeworfen wird.

Es ist verdammt kompliziert heutzutage, sagt Abel immer.

Durch die Tür höre ich Aissa näher kommen, ich habe zu viel Puls, einen heißen Hals und heiße Ohren vom heißen Duschwasser oder von zu viel Blut im Körper, keine Ahnung, ob das normal ist, aber im Moment geilt mich alles auf.

Aissa ist vor der Tür, ich höre, wie sie Santi erklärt, er könne jetzt kein Eis haben, er trotzt ein bisschen, schnell binde ich mir ein Tuch um die Lenden und versuche krampfhaft, an etwas zu denken, was meinen Ständer vertreiben würde.

Um sechzehn Uhr ist alles bereit, nur die bestellten Eiswürfel fehlen, aber was soll man tun, der Mangel ist landesweit dramatisch, und vielleicht braucht es so was, damit die Alten einsehen, dass der Grönlandpanzer schmilzt.

Sechzehn Uhr zehn, Aissa und ich haben Lichterketten quer durch den Garten gespannt, aber Santiago ist enttäuscht, weil es noch viel zu hell ist, als dass man sie leuchten sehen könnte.

Als Abel und Leon eintreffen, merke ich sofort, dass heute etwas anders ist. Leon ist nervös und er hat sich die Haare nach hinten gegelt, das macht er sonst nie, sleek look, völlig unpassend. Abel trägt ein kariertes Hemd, seine Wirbelsäule ist unnatürlich gerade, als wäre ihm ein Metallrohr als Rückgrat eingesetzt worden. Zumindest hat er jetzt eins, denke ich, und er riecht, als hätte er in Rasierwasser gebadet. Da stimmt etwas nicht. Er begrüßt mich ohne Worte, legt mir eine Hand auf die Schulter und überblickt den Garten, die aufgereihten Tische, die weißen Plastikstühle, den wolkenlosen Himmel.

Er fragt: »Ist Isa noch nicht da?«

Und dann sagt er: »Nimm die verdammte Lichterkette herunter. Das sieht aus wie auf einem Jahrmarkt.«

Vor dem Tor hält ein Kleintransporter und jemand ruft aus dem Wagenfenster, am verblichenen Firmenschild vorbei: »Hier bei Calvo & Flores?«

Wir lassen den Mann die bestellten Feuerschalen alleine von der Ladefläche abladen und in den Garten tragen, weil wir nicht ins Schwitzen kommen wollen. Das Feuer macht Leon dann aber doch selbst an, schüttet eine halbe Flasche Spiritus über die Holzscheite. Auch wenn von ihr nichts zu sehen ist, weiß ich, dass uns Aissa beobachtet. Sie hat Santiagos Spielsachen weggeräumt und ihm ist sterbenslangweilig.

»Die Welt der Erwachsenen ist sterbenslangweilig«, sage ich zu ihm, »je eher du dich daran gewöhnst, desto besser.«

Keine Ahnung, weshalb ich ihm so einen Bullshit erzähle. Vielleicht kokettiere ich damit, dass ich die Erwachsenenwelt auch scheiße finde, und hoffe, er hat dadurch das Gefühl, wir seien auf derselben Seite. Was wir natürlich auch sind, schließlich sind wir Brüder.

Früher kam die halbe Stadt zu unserem Fest. Mit früher meine ich, als ich noch nicht geboren war. Ich weiß es von den Fotos, die bei uns im Wohnzimmer auf der Kommode stehen. Auf jedem Bild sind tausend Leute in Anzügen, und der Garten platzt aus allen Nähten. Ich weiß es auch, weil Abel so oft davon erzählt. Was mit der Vergangenheit zusammenhängt, nennt er ruhmreich, die Gäste von damals: respektable Leute. Ihm fällt nicht auf, dass er damit nur zum Ausdruck bringt, wie sehr er die Firma heruntergewirtschaftet hat. Armselig.

Heute kommen noch knapp zwanzig Leute zum Essen. Dafür musste Abel an die zweihundertfünfzig Einladungen verschicken und er ließ Leon eine Woche lang den Leuten hinterhertelefonieren, bis er genug Gäste zusammenhatte, um die Tafel, wie er unseren langen Holztisch nennt, vollzukriegen.

Isa ist noch immer nicht da. Dass sie sich verspätet, macht mir nur etwas aus, weil es Abel die Laune zusehends verdirbt und er mich im Minutentakt nach ihr fragt. Aissa schwitzt in der Küche. Leon kämmt sich zum x-ten Mal. Die Haare so an den Schädel geklebt, wirkt sein Gesicht eingefallen und seine Augenhöhlen wie versiegte Brunnenschächte.

Dann stehe ich gefühlte zwei Stunden zwischen meinem Vater und dem Firmenschild am Eingang und begrüße die eintreffenden Gäste. Wir Gastgeber sind klar overdressed. Da kommen die Leute, und ihre prallen Bäuche leiern ihre Hemden aus. Sie haben nicht mal die Hände gewaschen, nur an den Oberschenkeln abgerieben. Sie sind in aufgeräumter Stimmung, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass der eine oder andere eine Alkoholfahne mitbringt.

Mein Vater schüttelt allen die Hand und stellt mich jedem Gast vor. Er hat extra einen Satz auswendig gelernt: »Das ist Teo, mein ältester Sohn, Stolz meiner Frau, Gott segne sie, merken Sie sich seinen Händedruck, mein lieber Freund, er wird am Ende des Sommers als Junior Partnerbei Calvo & Flores eintreten und eines Tages in meine Fußstapfen treten.«

Als ich diesen Satz zum zehnten oder elften Mal höre, beginne ich, langsam selbst zu glauben, dass ich Ende des Sommers bei ihm anfangen werde, und ich fühle mich instantly, als hätte mich jemand vermöbelt.

»Das hast du mir gar nicht gesagt.«

Isa will mich damit necken, und ich bin froh, dass sie jetzt da ist, weil ich mit einem Schlag die Aufmerksamkeit der Leute losgeworden bin. Abel strahlt bis über beide Ohren. Er kann es nicht lassen, Isa um die Hüfte zu fassen und sich bei ihr einzuhängen. Zu seiner Zeit mag das galant gewesen sein, normal, charmant, angebracht, heute ist es nur peinlich, aufdringlich, übergriffig.

Isa macht gute Miene zum bösen Spiel, kichert, entwindet sich seinem Griff, ohne ihn dabei blöd dastehen zu lassen, und er lässt sich nichts anmerken, klatscht einmal, zweimal in die Hände und bittet die Leute, sich die Gläser füllen zu lassen, Aissa hat eben frische hingestellt, wie durch Magie sind sie mit Frost beschlagen, es sind diese kleinen Dinge, Platz für Gläser im Tiefkühler schaffen, an die sie denkt, ohne dass es ihr jemand sagt, aber wehe, sie hätte es vergessen.

Wir selbst trinken übrigens nicht oder kaum, also Isa und ich. Wir haben beschlossen, dass es uns nichts sagt, dass unsere Körper auch ohne Alkohol bereits genügend Giften ausgesetzt seien, und das führt regelmäßig dazu, dass sich Abel über mich lustig macht und in einer Mischung aus Vorwurf, Erstaunen und Bedauern zu mir sagt: »Aber du bist doch noch jung!«

Wenn ich es nicht lassen kann, sag ich zu ihm dann so was wie: »Dein Leben würd’ ich auch nur mir Alkohol aushalten.«

Ich glaube, es ist ein Armutszeugnis und ein Generationending, sich mit systematischer Regelmäßigkeit zu betrinken, diese stillschweigende kulturelle Übereinkunft, dass wir uns mit Alkohol ruhigstellen, mit Mut oder dummen Ideen auffüllen, kein Anlass geht ohne über die Bühne, wie erbärmlich, auch jetzt wieder, ich stehe auf dem vertrocknenden Rasenstück unseres Gartens und weiß nicht wohin mit meinen Händen, jemand streckt mir eines dieser Frostgläser entgegen, und weil ich quatschen muss, halte ich mich daran fest, und weil ich zuhören muss, trinke ich, und weil sich gewisse Leute gern reden hören, trinke ich wie eine Herde, Isa in meinem Rücken denkt sich ihren Teil, und dann kommt der Abend in Gang und ich tauche in die Beschleunigung ein, es ist, als hielte ich meinen Kopf aus dem Fenster eines fahrenden Autos.

Der Deutsche kommt als Letzter, wie es sich für den wichtigsten Gast des Abends gehört. Er heißt Jürgen oder Günter oder Rüdiger, ich kann mir seinen Namen nicht merken. Und mit dem Deutschen kommt auch das Fest in Fahrt. Alle reden wild durcheinander, der Lärmpegel steigt. Aissa tischt die Tapas auf und Jürgen-Günter-Rüdiger hat seine Finger in den Oliven, bevor die restlichen Teller aufgetragen worden sind. Leon steht am Grill und schaut ernst und lässt seine Kaumuskeln tanzen. Seine Spieße seien die Krönung, heißt es. Als es zu duften beginnt, stellt sich Abel neben ihn und übernimmt für eine Weile. Vor den beiden ein Vorhang aus Rauch, ihre Gesichter schwach beschienen von der Glut.

Der Deutsche erzählt, dass er eigentlich Würste mache, natürlich nur mit Naturdarm. Er erzählt von der guten Ausformung der Keulen bei Fleckviehschlachtkörpern bei gleichzeitig verhältnismäßig seltenen Fertilitätsstörungen, lobt die Fleischleistung von Limousin-Bullen, sagt, der deutsche Rekord in der Jungbullenmast liege bei fast zwei Kilogramm pro Tag.

Nicken allenthalben. Transport sei nicht sein Ding, aber was soll man machen. Es scheint, als seien wir alle unseren Leben ausgeliefert. Er erzählt von EU-Normen und Regulatorien. So was zieht mich nur runter und ich versuche, Isas Aufmerksamkeit zu ergattern, aber sie hängt dem Deutschen an den Lippen. Ich lege meine Hand auf ihren Oberschenkel, dort, wo der Saum des Kleides in Haut übergeht, sie schaut mich nicht an, als sie meine Hand deplatziert, dass mir das passiert, ich weiß es doch besser.

Der Deutsche spricht erstaunlich gut Spanisch. Ich kann mir nicht vorstellen, in einer Fremdsprache zu erklären, dass allein der Naturdarm für das unverwechselbare Knackgeräusch der Wurst sorgt. Und dann redet er von Klimaschutz, von Nachhaltigkeit, von Nose-to-Tail, und er fragt rhetorisch: »Wäre es denn besser, die Rinderdärme, die Schweinedärme, die Schafdärme auf den Müll zu schmeißen?«

Es wird später und später. Mit jedem Gast, der geht, rücken Leon und Abel näher an den Deutschen heran, als wären sie Fliegen und er ein Stück Scheiße. Ich hätte diesen Schnaps nicht trinken sollen. Eben noch saß ich sattelfest auf meinem Gartenstuhl und brauchte nur ein bisschen Ellenbogen-Support der Tischkante, um dem Schwanken des Horizonts am Gartenzaun etwas entgegenzusetzen, ein kleines bisschen Seegangsstabilisierung, aber dann überkommt mich die Gewissheit, dass der komplette Kontrollverlust in den nächsten fünf, höchstens sechs Minuten eintreten wird.

Bestimmt gelingt es mir beim nächsten Anlauf, mich ins Gespräch von Abel, Leon und dem Deutschen einzuklinken. Isa hält mich am Arm und drückt mir ihren Zeigefinger auf die Lippen. Sie ist die beste Freundin, die man sich vorstellen kann. Ich versuche, ihren Finger anzuknabbern, aber sie kneift mich, und ich meine es wirklich in diesem Moment, sie ist meine beste Freundin, aber ich meine es nicht so, wie es Isa versteht, und ich werde mich ewig fragen, ob dieser Satz der Auslöser war für das, was kommt.

Sie überschüttet mich mit Eiseskälte, ihr Unterarm ist hart wie ein Stein, die Tropennacht um mich gefriert, und der Deutsche senkt seine Stimme, beugt sich über den Tisch, redet vertraulich, sein Spanisch hat deutsche Bruchkanten bekommen.

Jetzt geht es ums Geschäft. Als zukünftiger Junior Partner muss ich wissen, was läuft, und später frage ich mich nächtelang, ob ich in diesem Moment nicht besser aufgestanden und mit Isa die gefühlten tausend Kilometer zu Fuß zum Hafen runtergegangen wäre. Ich hätte besser einfach ihr abweisendes Schweigen ertragen, ich Null. Spätestens beim Hafen, wieder halb nüchtern, hätte ich gemerkt, dass ich Blödsinn gelallt hatte, den ich nicht so gemeint hatte, und ich hätte mich entschuldigt, aber ich will hören, was der Deutsche vorzuschlagen hat.

Abel sagt: »Stopp, Günter, warte, Rüdiger, zuerst räumen Isa und Teo und Leon den Tisch ab und ich bringe Santiago ins Bett, dann reden wir, Jürgen.«

Isa und Leon verschwinden mit Türmen von Tellern, während ich sitzen bleibe und den Deutschen mit meinen Augen fixiere.

Es ist rührend, dass Abel Santiago Abend für Abend selbst ins Bett bringen will. Das ist sein weicher Kern, denke ich. Er ist ein Elefant, weckt das ganze Zimmer, es zittert unter seinen hundert Kilo Körpergewicht, auf dem Regal wackeln Santis Spielfiguren wie gestreichelt von einem mikroskopischen Erdbeben. Aissa ist an Santiagos Bett eingeschlafen, hat ihn und sich in den Schlaf gesummt, gleich sucht sie Halt im Aufwachen. Ein Trapez aus Licht fällt auf den Boden, kriecht über ihre nackten Zehen. Abel berührt Aissa am Rücken, ganz sanft, weil er denkt, sie schläft noch, aber sie fühlt seine Hand als glühenden Handschuh zwischen ihren Schulterblättern und zuckt unter der Berührung zusammen, entschwindet in die Küche und wäscht unter fließendem Wasser Teller, weil es das Einzige ist, was ihr einfällt, um den Handabdruck abzuschütteln, der da nicht hingehört.

Abel ist zurück am Tisch, der Deutsche trägt seinen Vorschlag vor. Wenn Abel rechnet, sieht man es auf seiner Stirn. Ich versuche zuzuhören, was mir schwerfällt, es sind die Emotionen und die Promille.

»Die Almira läuft in wenigen Tagen ein. Ein Frachter aus den Siebzigern unter libanesischer Flagge, aber er läuft wie geschmiert.«

Abel rechnet jetzt mit dem Handy, nicht mehr mit der Stirn.

»Es ist ein Transportgeschäft wie jedes andere auch. Nur zehnmal größer. Hundertmal größer.«

Der Deutsche spricht in Druckbuchstaben, alles großgeschrieben, Fassungsvermögen, Beladungskontrolle, Zurrgurte, Quarantänekabine. Leons Augen leuchten. Abel kaut an seinem Daumennagel. Isa hat die Augen weit aufgerissen. Und ich? Ich bin völlig benebelt, mir ist schlecht.

»Ein Frachter?«, frage ich, nicht, um eine Antwort zu bekommen, mehr, um meine Stimme zu hören, die mir sagt, dass es mich gibt.

Günter nickt und klopft mit den Fingern auf die Tischkante.

»Überlegt es euch gut und entscheidet schnell. In der Türkei herrscht Knappheit. Die reißen euch die Ware aus den Händen!«

»Und auf diesen Frachter passen tausend Rinder?«, fragt Leon mit ungespielter Ungläubigkeit. Der Deutsche schüttelt sachte den Kopf. Isa will los, ich auch, aber ich will auch hören, wie viele wirklich auf das Schiff passen.

»Kaum mehr als achthundert, leider«, sagt der Deutsche, »und die Plätze gehen weg, als ginge es mit der AIDA nach Barbados.«

»Und der Käufer steht bereit?«, fragt Leon.

»Alles, was ihr bringen müsst, sind Rinder und eine Kontoverbindung.«

Leon will Wein nachschenken, aber der Deutsche deckt sein Glas mit der Hand ab. Seit zwei Stunden trinkt er Wasser. Und mir schnürt es die Kehle zu. Siebenhundert Tiere, achthundert Tiere, neunhundert Tiere, ein Frachter aus den Siebzigern. Er soll doch gleich sagen, es passen eine Million auf diese Almira.

Ich will mich fangen und einschreiten, aber es gelingt mir nicht. Der Deutsche sitzt selbstgefällig auf seinem Stuhl. Leon hält ihm eine Zigarre unter die Nase, die er annimmt, als hätte er den ganzen Abend auf nichts anderes gewartet. Ich spreche ihn auf die grausamen Bedingungen an Bord eines Tierfrachters an, das bringe ich noch hin. Dass ich dabei lalle, hilft nicht.

Im Küchenfenster huscht ein letztes Mal Aissas Schatten vorüber. Dann knipst sie das Licht aus. Abel hat ihr Geld auf die Ablage gelegt. Sie steckt es ein und geht, ohne etwas zu sagen. Den Weg durch Waschküche und Garage leuchtet sie mit der Lampe ihres Handys aus.

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