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Gedenktag für die Opfer des Holocausts, Gedenken an die Bombardierung Dresdens, Gedenktag der Kriminalitätsopfer, Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung, Tag der Wohnungslosen, Volkstrauertag: Die Liste der Opfergruppen und der öffentlich begangenen Gedenkstunden wird immer länger, und auch "Täter" wollen nun "Opfer" sein, wie im Historikerstreit zum ersten Mal deutlich wurde. Doch wie konnte es dazu kommen, dass solche grotesken Phänomene wie Opferstolz, Opferkonkurrenz und gar Opferneid um sich greifen? Fernab aller Schlussstrichdebatten erörtert Daniele Giglioli, wie sich die Opferrolle in der gesellschaftlichen Diskussion zu einer politischen Trumpfkarte und entscheidenden Ressource gewandelt hat, mit der Identitätskollektive um Anerkennung und Reparationen kämpfen. Giglioli zeigt auf, welche fatale Dynamik eine Gesellschaft erfasst, die sich bald vollständig in Schuldige und Unschuldige teilt und in der das vergangene Leid erinnert werden muss. Ein ebenso überfälliger wie provokanter Debattenanstoß von bohrender Exaktheit, eine scharfsinnige Kritik der Opferfalle, die nicht zuletzt den Opfern selbst schadet.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Daniele Giglioli
Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt
Aus dem Italienischen von Max Henninger
Matthes & Seitz Berlin
VITTIMARIO (von vittima, Opfer): So lautete in Rom die allgemeine Bezeichnung für jenes untergeordnete Personal, das für Opferhandlungen zuständig war und aus den popae und den culturarii bestand. Den vittimarî oblag es, das Opfertier zum Altar zu führen, ihm auf Befehl des Priesters mit dem malleus (einer Keule) einen Schlag gegen den Kopf zu versetzen, um ihm dann, sobald es erlegt war, mit dem culter die Kehle zu durchtrennen. Nach dem Tod des Tiers entnahmen ihm die vittimarî die Gedärme, sei es, um darin die Zukunft zu lesen, sei es, um den für die Götter vorgesehenen, auf dem Altar abzulegenden Teil (die magmenta) herzurichten. Die vittimarî bildeten eine eigene Zunft
(Collegium victimariorum, Corp. Inscr. Lat., VI, 2191).
Enciclopedia Treccani
Das Opfer ist der Held unserer Zeit. Opfer zu sein verleiht Prestige, verschafft Aufmerksamkeit, verspricht und fördert Anerkennung, erzeugt machtvoll Identität, Anrecht, Selbstachtung. Es immunisiert gegen jegliche Kritik, garantiert eine über jeden vernünftigen Zweifel erhabene Unschuld. Wie könnte das Opfer schuldig, gar für etwas verantwortlich sein? Es hat nichts getan, es ist ihm etwas angetan worden. Es handelt nicht, es erleidet. Im Opfer verbinden sich Mangel und Forderung, Schwäche und Anspruch, der Wunsch zu haben und der Wunsch zu sein. Wir sind nicht, was wir tun, sondern was wir erlitten haben, was wir verlieren können, was uns genommen wurde.
Eine Palinodie, eine Widerrufung der Modernität mit ihren beschwerlichen Imperativen: Gehe aufrecht, befreie dich aus der Unmündigkeit (so exemplarisch Kant in »Was ist Aufklärung« von 1784). Anstelle dessen gilt nun das gegenteilige Motto: Unmündigkeit, Passivität, Machtlosigkeit sind ein Gut; umso schlimmer für alle, die handeln. Das Kriterium, um Gerechtes von Ungerechtem zu unterscheiden, ist notwendigerweise uneindeutig, doch irrt nie, wer sich auf die Seite des Opfers schlägt. In einer Zeit, da alle Identitäten in der Krise oder merklich gekünstelt sind, verleiht das Opfersein ein Mehr an Selbst. Einzig in der hohlen Form des Opfers entdecken wir heute noch ein wahrheitsgetreues, wenn auch umgekehrtes Bild der Fülle, die wir anstreben: Es ist eine »mythologische Maschine«, die vom leeren Zentrum eines Mangels aus beständig ein Repertoire von Figuren hervorbringt, um jenes Bedürfnis zu befriedigen, das in eben jener Leere seinen Ursprung hat. Das Unwünschbare wird wünschenswert.
Wer aber eine mythologische Maschine kontrolliert, der sitzt, wie Furio Jesi dargelegt hat, an den Schalthebeln der Macht. Die Opfermythologie ist heute die bevorzugte Maske für die Motive der Starken, wie in der Geschichte von Phaedrus: »Superior stabat lupus …« Wenn nur das Opfer einen Wert hat, dann wird die Möglichkeit, sich zu einem solchen zu erklären, zu einer Kasematte, einem Festungsgewölbe, zu einer um jeden Preis einzunehmenden strategischen Position. Das Opfer ist unverantwortlich, muss niemandem Rede und Antwort stehen, muss sich nicht rechtfertigen: Wunschtraum einer jeden Macht. Indem es sich als unhinterfragte, absolute Identität setzt und das Sein auf eine Eigenschaft reduziert, die ihm niemand abstreiten kann, verwirklicht es auf parodistische Weise das unmögliche Versprechen des Eigentumsindividualismus. Nicht zufällig ist es Gegenstand von Kriegen, bei denen geklärt werden soll, wer das größere Opfer ist, wer zuerst Opfer war, wer dauerhafter Opfer ist. Kriege benötigen Heere und Heere Anführer. Das Opfer erzeugt leadership. Wer spricht in seinem Namen? Wer hat ein Anrecht darauf, wer repräsentiert es, wer verwandelt seine Ohnmacht in Macht? Kann die Subalterne wirklich sprechen? Gayatri Chakravorty Spivak hat sich diese Frage in einem berühmten Aufsatz gestellt. Ist die Subalterne, die im Namen von ihresgleichen die Tribüne besteigt, noch eine, oder ist sie bereits zur Gegenseite übergewechselt?
Bei der Suche nach einer Antwort sollten wir nichts überstürzen, lösen wir nicht vorschnell die Desorientiertheit auf, die solche Überlegungen im günstigsten Fall auslösen. Von den wirklichen zu den imaginären Opfern ist es ein langer und beschwerlicher Weg. Möge diese Desorientiertheit uns als Indiz dienen, wenn schon nicht als Wegweiser: als Indiz und Symptom einer allgemeineren Unfähigkeit, in der die Mythologie des Opfers ihre Existenzberechtigung findet, nämlich des Verlusts einer allgemeinen, positiven Idee des Guten. Etwas ist schiefgelaufen. Altertum, Christentum und Neuzeit beanspruchten eine Antwort auf die Frage: Was ist gerecht? Was ist für ein gutes Leben erforderlich? Eine Antwort, die in erster Linie ethisch und nicht moralisch, auf ratio und nicht auf Werten begründet sein sollte. Die wohlgeordnete Polis, die Menschenstadt als Abbild der himmlischen, Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit waren nicht einfach Appelle oder Aussagen darüber, wie etwas sein solle: Sie schufen eine Verbindung zwischen Ontologie und Deontologie, verwiesen auf eine mögliche Wahl, die beste, innerhalb des Bereichs dessen, was existiert. Heute dagegen sind wir gefangen zwischen dem Regelwerk des geringeren Übels, das das politische Denken des Liberalismus prägt (Churchills berühmter Scherz: Die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, abgesehen von allen anderen), und jenem mysterium iniquitatis, das denjenigen zum Heiligen oder Märtyrer erhebt, der geschlagen worden ist, sich dies wünschte oder dies von sich behauptet, um den eigenen Status zu legitimieren.
Eine fatale Alternative, die ein Fundus an unvermeidbaren Affekten begleitet: Ressentiment, Neid, Angst. Die Wiederholung der Vergangenheit im Blick, schließt die Opferposition jegliche Vision der Zukunft aus. Wir betrachten uns alle, wie Christopher Lasch in The Minimal Self schreibt,
»zugleich als Überlebende und als Opfer, oder als potenzielle Opfer. […] Eben dies ist die tiefste Wunde, die einem die Viktimisierung zufügt: Wir begegnen dem Leben zuletzt nicht mehr als aktive ethische Subjekte, sondern nur noch als passive Opfer, und der politische Protest verkommt zu einem Gejammer voller Selbstmitleid.«
Ähnlich Richard Sennett, in Autorität:
»Das Bedürfnis, die eigenen Vorstellungen dadurch zu legitimieren, daß man sich auf eine Verletzung beruft, die man erlitten hat, bindet die Menschen immer enger an ihre Verletzungen […]: ›was ich brauche‹ wird definiert durch das, ›was mir vorenthalten wurde‹ […].«
Dass unsere Zeit ihre Darstellung einer Pathosformel überlässt, die Erleben und Handeln radikal entkoppelt, ist Anlass zur Beunruhigung. Die folgenden Seiten sind der Versuch einer Reaktion auf diese Beunruhigung.
Das erfordert eine Kritik des Opfers. Kritik beinhaltet stets, das ist unvermeidlich, ein gewisses Maß an Grausamkeit. Gegenstand der Polemik sind hier nicht, das liegt auf der Hand, die reellen Opfer, sondern vielmehr die Verwandlung der Opfervorstellung in ein instrumentum regni und das Stigma der Ohnmacht sowie der Freiheit von Verantwortung, das sie den Beherrschten auferlegt. Will man aber eine mythologische Maschine dekonstruieren, dann kommt es darauf an, in jenes mehrdeutige Geflecht von Falschem und Wahrem hineinzuschneiden, das den Urgrund ihrer Kraft darstellt. Imaginäre Figuren setzen sich immer aus einer Auswahl und Kombination reeller Materialien zusammen. Die Welt ist komplizierter als die Geschichte von Phaedrus, und daher bedarf es der Arbeit der Kritik. Im umfassendsten Sinn des Wortes: Kritik ist nicht nur Rüge oder Urteil, sie ist auch und sogar vor allem, wie Kant gesagt hat, Unterscheidungsvermögen, Prüfung, Durchsicht, Abgrenzung dessen, was sich sagen lässt, von dem, was sich nicht sagen lässt, Stiftung eines Felds, Öffnung eines Raums, Bestimmung eines Terrains, auf dem gemeinsam nachgedacht werden kann.
>Kritik ist aber auch, wie Foucault in einem Kommentar zu Kant geschrieben hat, das Bewusstsein einer Grenze und der Versuch ihrer Überwindung, das Bemühen, »in der Kontingenz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, die Möglichkeit [aufzufinden], nicht länger das zu sein, zu tun oder zu denken, was wir sind, tun oder denken«. Die Kritik des Opfers kann nicht von außen erfolgen. Ressentiment, Demütigung, Schwäche und Nötigung sind Grundeigenschaften unser aller Erfahrung. Dieser Essay ist jenen Opfern gewidmet, die keine mehr sein wollen.
Skizzieren wir zunächst eine Symptomatologie des Phänomens. Wenn schon nicht seinen Ursprung, so sollten wir dann doch zumindest versuchen, seine Anfänge aufzuspüren und eine These über seine wahrscheinlichen Ursachen zu entwickeln, um dann schließlich eine Kritik des Opfers als solchem zu formulieren: Was verspricht es und vor allem, was nimmt, verhindert, verunmöglicht es? Und warum? Und was wäre, wenn die Kritik durchgeführt ist, vielleicht wieder möglich? Die Erscheinungsformen des Phänomens sind endlos, ganz gleich, wo man sie sucht – in Politik und Zeitgeschehen, Sittenwelt und Literatur, Geschichte und Philosophie, Recht und Psychologie –, und es hat keinen Sinn, irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen: »Toren«, hat Marcel Proust einmal geschrieben,
»bilden sich ein, die großen Dimensionen sozialer Erscheinungen seien eine ausgezeichnete Gelegenheit, tiefer in die menschliche Seele einzudringen; sie sollten einsehen, daß sie vielmehr durch Eindringen in eine Individualität die Möglichkeit bekommen, solche Erscheinungen zu verstehen.«
Wir werden kurz eine kleine Zahl von Beispielen kommentieren und dabei darauf setzen, dass sie sich in ihrer ungeplanten, aber hoffentlich nicht willkürlichen Zusammenstellung gegenseitig erhellen. Die Analogie, und nicht so sehr die erschöpfende Analyse, wird uns als Kompass dienen.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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