Die Optimierer - Theresa Hannig - E-Book

Die Optimierer E-Book

Theresa Hannig

4,4
6,99 €

Beschreibung

MEHRFACH PREISGEKRÖNT! Ausgezeichnet mit dem Stefan-Lübbe-Preis 2016 und dem Seraph 2018 für das beste Debüt. Im Jahr 2052 hat sich die Bundesrepublik Europa vom Rest der Welt abgeschottet. Hochentwickelte Roboter sorgen für Wohlstand und Sicherheit in der sogenannten Optimalwohlökonomie. Hier werden alle Bürger von der Agentur für Lebensberatung rund um die Uhr überwacht, um für jeden Einzelnen den perfekten Platz in der Gesellschaft zu finden. Samson Freitag ist Lebensberater im Staatsdienst und ein glühender Verfechter des Systems. Doch als er kurz vor seiner Beförderung beschuldigt wird, eine falsche Beratung erteilt zu haben, gerät er in einen Abwärtsstrudel, dem er nicht mehr entkommen kann. Das System legt alles daran, ihn zu optimieren ... ob er will oder nicht. Mehr zu Theresa Hannig auf ihrer Homepage: www.theresahannig.de

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 371




Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Zitat

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

30. KAPITEL

31. KAPITEL

32. KAPITEL

33. KAPITEL

34. KAPITEL

35. KAPITEL

36. KAPITEL

37. KAPITEL

38. KAPITEL

39. KAPITEL

40. KAPITEL

41. KAPITEL

42. KAPITEL

43. KAPITEL

44. KAPITEL

45. KAPITEL

46. KAPITEL

47. KAPITEL

48. KAPITEL

49. KAPITEL

50. KAPITEL

51. KAPITEL

52. KAPITEL

Über das Buch

Deutschland im Jahr 2050. Samson Freitag ist Lebensberater aus Leidenschaft. In der durchstrukturierten Optimalwohlökonomie kümmert sich der Staat um seine Bürger, und dazu gehört die Zuteilung des passenden Berufs für jeden. Samson ist glücklich, seinen Teil zu einer optimalen Gesellschaft beizutragen. Bis zu dem Tag, an dem sich eine Frau nach seiner Beratung das Leben nimmt. Als Samson dann auch noch erfährt, dass er vor Jahren einen drastischen Fehler machte, der dem System durchging, beginnt er die Prozesse der Gesellschaftsoptimierung zu hinterfragen – mit ungeahnten Folgen …

Über die Autorin

Theresa Hannig wurde 1984 in München geboren. Sie studierte Politikwissenschaft, Philosophie und VWL und arbeitete als Softwareentwicklerin, Beraterin für IT-Sicherheit und als Projektmanagerin von Solaranlagen. Mit ihrem Debütroman Die Optimierer gewann sie den Stefan-Lübbe-Preis 2016. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe von München.

THERESA HANNIG

DIE OPTIMIERER

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Sabine BiskupTitelillustration: © Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de unter Verwendung von Motiven von © Thinkstock/shuoshu; Thinkstock/amgunUmschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.deE-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-3976-5

www.bastei-entertainment.dewww.lesejury.de

Für meine Familie

Zu behaupten, das Recht auf Privatsphäre sei einem egal, weil man nichts zu verbergen hat, ist wie zu behaupten, das Recht auf freie Meinungsäußerung sei einem egal, weil man nichts zu sagen hat.

Edward Snowden, 2015

1. KAPITEL

Samson ließ das Lenkrad los und blickte nach draußen. Vor seinem Fenster huschten Dutzende von Wahlplakaten vorbei. Große, kleine, bunt bedruckt mit Sprüchen und Portraitfotos. Doch irgendjemand hatte die Gesichter der Politiker verunstaltet. Die Augen waren nur noch schmierige schwarze Flecken, und aus den Mündern ragten spitze Zähne. Samson blinzelte zweimal und ließ die Augen im Uhrzeigersinn rotieren. Sofort erwachte seine Kommunikationslinse im linken Auge aus dem Standby und legte den halbtransparenten Schleier einer erweiterten Realität über sein Blickfeld.

Zurzeit war die Navigationssoftware aktiv, die ihn mit einem dezenten blauen Pfeil über die Route informierte. Samson ließ den Blick langsam über die Plakate schweifen, um mit seiner Linse eine möglichst aussagekräftige Filmsequenz aufzunehmen, und schickte das Video gleich an die Polizei. Immerhin sollten sich die Bürger vor der anstehenden Bundestagswahl ungestört ihre Meinung bilden können.

Samson streckte die Hände wieder nach dem Lenkrad aus. Das Kunstleder schien sich sanft an seine Hand anzuschmiegen und passte sich augenblicklich der Temperatur seiner Finger an. Es vibrierte leicht. Samson hatte wieder die Kontrolle über das Fahrzeug übernommen. Doch er hatte keine Eile. Wie immer war er pünktlich losgefahren und hatte mögliche Verzögerungen durch Bauarbeiten oder Verkehrsunfälle in seine Route mit eingeplant. Samson war ein vorausschauender Autofahrer. Wenn er es sich genau überlegte, war er wahrscheinlich sogar der einzige Autofahrer weit und breit. Die anderen Fahrzeuge auf der Straße waren elektrische Transporter, Busse oder Kommunalautos, die automatisch per Navi gesteuert wurden. Samson jedoch fuhr einen Contranode E3 – einen Wagen mit Verbrennungsmotor, der noch auf den Individualverkehr ausgelegt worden war und daher ein Lenkrad für eigenverantwortliches Autofahren besaß. Der Wagen war ein Privileg seines Berufes, das Samson mit Stolz genoss. Als Lebensberater im Außendienst übernahm er gerne die Kunden, die etwas abgelegen von den Hauptverkehrsachsen wohnten. Denn er war überzeugt, dass sie eine ebenso professionelle und fundierte Beratung verdient hatten wie die Bürger in den Ballungszentren.

Samson folgte den hellblau pulsierenden Pfeilen des Navigationssystems. An jeder Straßenecke sah er weitere Plakate und Spruchbänder. Am häufigsten lächelte ihm Ercan Böser von der Optimierungspartei in schwarz-weiß gestreiftem Anzug zu. Daneben gab es aber auch noch andere zuversichtliche Gesichter, die ihre politische Agenda repräsentierten. Die Regierungskoalition der Sozialisten und Grünen setzte auf Stabilität und Kontinuität. Die Internationalisten forderten offene Grenzen, die Liberalen eine Wiedereinführung der Religionsfreiheit, die Atheisten schließlich bewaffnete Auslandseinsätze in radikal religiösen Regionen und die Konservativen Familien eine neue Sexualmoral. Doch egal, welche Partei oder welcher Politiker: Als Vampir verunstaltet sahen sie unglaubwürdig aus. In Gedanken verfasste Samson schon einen Korrekturvermerk an die Kommunalverwaltung. Vielleicht konnte man die Wahlplakate ja mit Videokameras überwachen lassen. Dann hätten diese Schmierereien sicher ein Ende.

Als Samson schließlich in die Straße einbog, in der seine heutige Kundin wohnte, fuhr er an ihrem Haus vorbei und hielt einige Meter entfernt auf der anderen Straßenseite. Samson parkte nie direkt vor der Wohnung eines Kunden. Das wäre ihm unhöflich erschienen. Und so hatte der Kunde die Gelegenheit, ihn vom Fenster aus kommen zu sehen und noch etwas Staub wegzuwischen oder das letzte schmutzige Wäschestück verschwinden zu lassen.

Samson sah auf die Uhr. Er hatte noch ein paar Minuten Zeit, also lehnte er sich zurück, startete mit ein paar schnellen Fingerkommandos die Beratungssoftware seiner Linse und öffnete das Dossier von Martina Fischer.

Als Erstes betrachtete er noch einmal das Foto. Martinas schwermütige blaue Augen wurden fast vollständig von ihren aufgedunsenen Wangen verdeckt. Der Mund schien etwas zu klein geraten zu sein. Die Lippen waren kaum breiter als die Nase und wurden von einem dunklen Damenbart überschattet. Die strähnigen Haare hatten einen eigenartig stumpfen grauen Farbton, obwohl die junge Frau gerade mal zwanzig Jahre alt war. Das T-Shirt, dessen ausgeleierten Ausschnitt man auf dem Bild erkennen konnte, war alt und hatte die Farbe von waschmaschinengebleichtem Blassrosa.

Samson schloss die Augen und ließ das Nachbild vor seinem geistigen Auge brennen.

In Gedanken ging er noch einmal die Zusammenfassung von Martinas Dossier durch.

Sozialpunkte: 565

Letzte Wohltat: Schneeräumen für die Nachbarn am 04.02.2052

Geburtsdatum: 23.01.2032

Familie: Mutter tot, Vater Alkoholiker

Gesundheit: Adipositas, Canities

Ausbildung: Abitur (3,4)

Erwerbstätigkeit: 2 Tage/Woche Kassiererin in der »Schreibmaschine«, einem Nostalgiegeschäft für notorische Papierschreiber (Schreibwaren, Bastelbedarf, Spielzeug), Kundenbewertung 1,2 von 5

Samson hatte sich Aufnahmen der Überwachungskameras und Linsenaufzeichnungen von diversen Kunden angesehen. Offenbar saß Martina ihre Zeit in der Schreibmaschine gelangweilt ab, ignorierte die Kunden häufig oder war unfreundlich zu ihnen. Fachlich konnte sie niemanden beraten, denn welche Tinte zu welchem handgeschöpften Papier passte, welche Schere für welche Altersstufe geeignet war oder über welche kleinen Geschenke sich Schulanfänger besonders freuten, schien ihr offenbar ziemlich egal zu sein.

Konsumverhalten: Gourmand Stufe 2 – Weniger als 100 verschiedene Produkte im Monat, 135 % der Durchschnittsmenge

Soziales Engagement: Spenden für Kinder in Afrika und Bienen in Not

Soziales Umfeld: Weniger als 10 verschiedene Personen/ Jahr

Hobbys: Private Netzwerke, Fernsehen

Martina benutzte beim Fernsehen die neueste Im-Bild-Technologie, die es ihr erlaubte, in jede beliebige Rolle zu schlüpfen und dabei eine maximale Immersion zu erleben. Dann war sie Peggy von »Kein Abend ohne Peggy« oder Andrea in »Der Star in dir«. Manchmal war sie auch John Stark in der Westernreihe »Gold River« oder einer der Helden der erotischen Serie »Raumschiff Galileo II«, aber laut ihren Tagebucheinträgen fühlte sie sich nach dem Ende der Sendung verwirrt und musste eine ganze Weile in den Spiegel starren, um sich ihrer sexuellen Identität zu vergewissern.

Sexuelle Aktivität: Weniger als 10 Kontakte/Jahr

Mögliche Arbeitsplätze: 0

Samson öffnete die Augen und atmete tief durch. Ein leichter Kopfschmerz surrte hinter seiner Stirn. Auch seine Kehle fühlte sich mit einem Mal trocken und klebrig an. Er räusperte sich ein paarmal, und das Problem schien erledigt. Samson nahm seine Aktentasche vom Beifahrersitz, öffnete die Fahrertür und hievte sich schnaufend aus dem Auto. Weit und breit war kein anderes Individualfahrzeug zu sehen. Nur ein paar Kommunalautos warteten am Straßenrand auf einen möglichen Passagier. Samson atmete noch einmal tief durch. Die kühle Morgenluft tat ihm gut. Doch der blaue Himmel versprach einen heißen Spätsommertag, wie schon in den letzten Wochen. Am liebsten hätte er seine Krawatte ein wenig gelöst, aber er war im Dienst und durfte sich nicht gehen lassen.

Samson blieb vor dem Einfamilienhaus stehen. Es war in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts gebaut worden und stand unter Denkmalschutz: braune Tür, braunes Dach, braune Fenster. Das Grundstück war von einem braunen Zaun umgeben, der winzige Vorgarten mit ockerfarbenen Steinfliesen ausgelegt. Nur hie und da hatte sich ein Stückchen Moos durch die Ritzen gekämpft, ansonsten war alles leblos. Über der Eingangstür befand sich im ersten Stock ein weiterer separater Eingang, der über einen metallischen Balkon und eine Außentreppe an der rechten Mauer zu erreichen war.

Samson drückte auf die Klingel am Gartentor. Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Haustür einen Spalt breit. Heraus trat ein Mann Anfang sechzig mit dünnen grauen Haaren, die verschwitzt an den Schläfen klebten. Er trug einen hellgrünen Nicki-Pullover, eine ausgebeulte blaue Hose und schwarze Lederschuhe. Die Ähnlichkeit war nicht sehr ausgeprägt, aber trotzdem wusste Samson, wen er vor sich hatte: Martinas Vater. Nach kurzem Zögern winkte dieser ihn heran.

»Kommen Sie, kommen Sie.«

»Jeder an seinem Platz«, grüßte Samson und trat durch das Gartentor. Er durchquerte den gefliesten Garten und schüttelte die ihm angebotene Hand. Trotz seines Alters hatte der Mann einen ungewöhnlich festen Händedruck. Samsons Knöchel knackten, und er zuckte leicht zusammen.

»Grüß Gott! Sie müssen der Lebensberater meiner Tochter sein«, stellte der Alte fest.

»Richtig. Mein Name ist Samson Freitag.«

»Aha, Freitag. Zum Samstag hat’s wohl ned gereicht.«

Samson deutete ein einzelnes »Ha« an.

Der Alte grinste wie über einen gelungenen Witz.

»Darf ich eintreten?«, fragte Samson schließlich.

»Die Martina wohnt oben unterm Dach.« Der Alte trat einen Schritt nach draußen, legte den Kopf in den Nacken und rief heiser: »Martina! Martina! Da is wer für dich! Besuch vom Amt!« Und dann an Samson gewandt: »Die bekommt sonst nie Besuch.«

Samson hörte, wie über ihm eine Tür geöffnet wurde. Er blickte nach oben, sah durch die Ritzen im Boden des Balkons aber nur ein paar Schemen.

»Papa, ich hab doch gesagt, du sollst bei mir durchklingeln, wenn der Lebensberater kommt!«, kam es verärgert von oben.

Dann hallten schwere Schritte über den Metallbalkon und schließlich über die Treppe nach unten.

Nach wenigen Sekunden bog Martina um die Ecke und hastete auf Samson zu. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug und eine weiße Bluse. Das gleiche Outfit, das sie auch zu ihrer Abiturfeier getragen hatte, wie Samson auffiel. Offenbar hatte sie seit dieser Zeit jedoch zugenommen, denn ihr Bauch quoll noch stärker über den Gürtel, und ihre Oberschenkel waren so prall, dass sich die Hosennähte spannten. Ihre Haare wippten bei jedem Schritt und glänzten, als hätte sie sie gerade frisch gewaschen. Auch der Damenbart war verschwunden.

Als sie Samson erblickte, weiteten sich ihre Augen, und sie lächelte. Er bemerkte, dass sie genau wie ihr Vater keine Kommunikationslinse im Auge trug.

»Herr Freitag. Schön, dass Sie da sind. Kommen Sie, ich bringe Sie nach oben!« Sie ergriff seine Hand, aber nicht um sie zu schütteln, sondern um ihn mit sich zu ziehen. Samson verlor das Gleichgewicht, stolperte und fiel auf das rechte Knie. Er fluchte. Martina stieß einen überraschten Schrei aus und bückte sich, um ihm aufzuhelfen. Dabei hörte Samson ein Geräusch, als würde Stoff reißen. Reflexartig griff sich Martina an den Po.

»Mei, Martina«, seufzte der Alte.

Samson stand hastig auf und wischte sich den Schmutz von seiner Hose. Das Gewebe war aufgescheuert. Er presste die Lippen aufeinander und knurrte kaum hörbar.

»Oh, das tut mir so leid, Herr Freitag. Entschuldigen Sie, das wollte ich nicht!«

»Schon gut. Kein Problem«, sagte Samson mit erhobener Hand. Er kniff die Augen um 40 Prozent zusammen und schürzte leicht die Lippen. Dies war sein Lächeln Nr. 15, das sagen sollte: »Alles wird gut.« Laut sagte er: »Lassen Sie uns nach oben gehen. Dann können Sie sich umziehen.«

Martinas Gesicht glühte rot. »Danke. Kommen Sie mit.«

Sie watschelte schwerfällig voraus. Bei jedem Schritt blitzte der Zwickel ihres weißen Slips durch den Riss in der Hose. Sie versuchte, ihn mit einer Hand zuzuhalten, bekam den Stoff aber nicht zu fassen. Samson wollte nicht hinstarren und blickte sich noch einmal zu Martinas Vater um, doch der war schon verschwunden.

Martina führte Samson um die Hausecke, wo auf dem einzigen kleinen Rasenstück ein altes Metallgestell stand. In der Schaukel, die daran befestigt war, hing ein vertrockneter Weihnachtsbaum. Martina sah Samsons Verwunderung und murmelte eine kurze Erklärung, etwas von Versöhnungsversuch und Familientreffen. Aber der Vater sei wohl früh betrunken gewesen und die Verwandten hätten sich rasch verabschiedet. Das Übliche. An der Außentreppe aus Aluminium ließ sie Samson schließlich voraus nach oben gehen.

Die Tür war noch geöffnet, und Samson trat ein. Martina bot ihm das schwarze Kunstledersofa an, das die einzige Sitzgelegenheit im Wohnzimmer war. Als würde sie das auch gerade erst bemerken, blieb sie hilfesuchend im Raum stehen.

Samson setzte sich und wartete einen Augenblick ab, wie sie die Situation meistern würde. Aber sie schien wie versteinert.

Schließlich bot er ihr Hilfe an. »Sie wollten sich noch umziehen«, sagte er. »Außerdem könnte ich einen Kaffee vertragen.«

»Ja, genau«, sagte sie erleichtert und floh aus dem Wohnzimmer. Samson nutzte die Gelegenheit, um sich im Raum umzusehen. Er brauchte keine besondere Hardware, um den moderigen Geruch im Teppich wahrzunehmen, der entstand, wenn lange nicht gelüftet wurde. Er vergewisserte sich kurz, dass Martina außer Sichtweite war, dann lugte er zwischen seinen Beinen hindurch unter das Sofa. Staub, Essensreste, Fußnägel, Taschentücher. Er stand auf und warf einen Blick in den alten Bauernschrank aus grünem Massivholz, der neben der Eingangstür stand: Handtücher, Nudeln und originalverpackte Sportschuhe. Sonst nichts. Dann öffnete er die Schublade der Kommode links daneben. Darin befanden sich ein paar Zeitschriften, Stifte, Kopfhörer und andere Kabel. In der zweiten Schublade lag ein frisch angebissenes Käsebrot. Samson schüttelte den Kopf. Als er Martina in der Küche mit Geschirr herumhantieren hörte, schloss er geräuschlos die Schublade und stahl sich zurück auf das Sofa.

Kurz darauf kam Martina zurück, jetzt in einer weiten grauen Jogginghose. Dazu trug sie immer noch die weiße Bluse und das Sakko des Hosenanzugs. Sie hatte ein Tablett mit zwei Tassen Kaffee, Sojamilch und Zucker dabei und stellte es vor Samson auf den kleinen staubigen Couchtisch aus schwarzem Plexiglas.

Er rutschte ein wenig zur Seite, damit sie sich neben ihn setzen konnte. Martina nahm Platz, und das Sofa knautschte sich hörbar unter ihrem Hintern zusammen.

»Vielen Dank für den Kaffee«, sagte Samson. Er nahm eine Tasse und nippte an der ölig schwarzen Brühe. »Jetzt fangen wir doch einfach mal an. Ich bin Samson Freitag, und ich bin hier, weil Sie von Rechts wegen einen Anspruch auf Lebensberatung haben.«

»Ja, ich weiß, das hat mich schon total überrascht«, sagte Martina und beugte sich nach vorn, um Milch und Zucker in ihre Tasse zu rühren. Dabei wölbten sich ihre großen weichen Brüste bis an den Rand des Ausschnitts. Mit der Tasse in der Hand ließ sie sich langsam wieder zurück auf die Couch sinken, so dass Samson genug Zeit blieb, von ihrem Ausschnitt wieder in ihre Augen zu blicken. Sie lächelte, als hätte sie nichts bemerkt, und rutschte ungelenk, ein Bein angewinkelt, zur Seite, sodass sie sich Samson zuwenden konnte.

»Also, dass ich sowas umsonst bekomme. Hoffentlich kommt da was Gutes bei raus«, sagte Martina und trank laut schlürfend einen Schluck. »Ich hab eigentlich keinen Bock mehr rumzuhängen, und der Job in der Schreibmaschine macht mir auch keinen Spaß. Und ich hab gelesen, dass Sie genau das Richtige für mich finden würden … was haben Sie denn für mich?« Sie blickte ihn erwartungsvoll an.

»Die Lebensberatung ist eine Dienstleistung, die jedem Bürger zusteht. Und das – zumindest beim ersten Mal – kostenlos. Ich habe Ihnen vor ein paar Wochen ja schon unsere Vertragsbedingungen zugeschickt. Wenn Sie meine Beratung ablehnen, müssen Sie zumindest bestätigen, dass ich hier gewesen bin und Sie über Ihre Rechte aufgeklärt habe. Wenn Sie die Beratung annehmen, dann engagieren Sie mich verbindlich zur Lebensberatung und verpflichten sich, mein Beratungsergebnis am Ende anzunehmen – wie auch immer es ausfallen sollte!«

Martina nickte langsam.

Samson fuhr fort: »Der Staat interessiert sich für seine Bürger. Er sorgt sich um ihr Wohl und analysiert alle Fakten, um jedem den für ihn besten Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Dieser Prozess ist sehr aufwändig. Deshalb können Sie frühestens nach zehn Jahren erneut eine Lebensberatung beantragen. Sie können diesen Service explizit ablehnen, aber Sie wissen sicher, dass der Stellenmarkt zu 90 Prozent von der Lebensberatung bedient wird. Am Ende meiner Beratung bestimme ich den optimalen Platz für Sie. Einen Platz, der die Bedürfnisse unserer Gesellschaft und natürlich Sie selbst zufriedenstellen wird.«

»Kann es sein, dass ich dann für so einen Arbeitsplatz umziehen muss?«

»Ja, das kann sein.«

»Deide! Wo muss ich unterschreiben?«

»Moment, nicht so schnell. Sie haben sich die Vertragsbedingungen doch durchgelesen, oder?«

»Jaja, das passt schon. Hauptsache, ich komm hier weg.«

»Das kann ich Ihnen aber nicht versprechen. Am Ende könnte auch herauskommen, dass Sie die Arbeit in diesem Laden für Papier … in der Schreibmaschine weiterhin machen müssen. Für immer.«

»Ach nee, das kann ich mir nicht vorstellen!« Martina lachte breit. »Ich hab denen gestern schon gesagt, dass sie mich nie wieder sehen werden. Also überspringen wir doch den ganzen bürokratischen Schmarrn, und lassen Sie mich unterschreiben.«

»Ich hätte noch einige politische Grundinformationen für Sie …«, begann Samson.

»Nein, das kenn ich schon, und das ist mir alles wurscht. Hauptsache, wir fangen mit der Beratung an. Jeder an seinem Platz, oder?«

»Ja, das stimmt. Wie Sie meinen.«

Samson öffnete die Aktentasche, holte seinen digitalen Reader hervor und legte ihn vor Martina auf den Couchtisch. Als er den Reader aktivierte, leuchtete die letzte Seite des Beratungsvertrags auf, wo Martina ihre Unterschrift hinsetzen sollte. Sie stellte ihre Tasse ab, überflog noch einmal kurz die Seite und schrieb dann mit dem Zeigefinger ihre Unterschrift auf das Display. Samson nahm den Reader wieder an sich und setzte seine eigene Unterschrift daneben. Mit ein paar weiteren Klicks schickte er eine Kopie des Vertrags an die Verwaltung der Agentur für Lebensberatung und an Martinas E-Mail-Adresse. Damit war der Beratungsvertrag abgeschlossen.

Schließlich widmete er sich wieder Martina, die sich jetzt aufrecht neben ihn gesetzt hatte. Aufgeregt rieb sie die Hände an ihren Oberschenkeln, als wären sie feucht.

»Was für einen Beruf hättest du denn gerne?«, fragte Samson.

»Keine Ahnung. Ich dachte, Sie schlagen mir was vor!« Martina grinste schief. Den Wechsel vom Sie zum Du schien sie nicht bemerkt zu haben.

»Was sind deine Hobbys? Was interessiert dich?«

»Ach, keine Ahnung. Nichts Besonderes. Fernsehen, Surfen, Lesen …«

»Du hast seit zwei Jahren kein Buch mehr gelesen«, entgegnete Samson sofort.

»Woher wissen Sie das?«

»Wie ich schon sagte, der Staat interessiert sich für seine Bürger. Um dir den besten Platz zuzuweisen, muss ich als Lebensberater natürlich alles über dich wissen.«

»Dann wissen Sie wohl auch, welches Buch das war?«, fragte Martina herausfordernd.

Samson kniff die Augen zusammen, so dass die erweiterte Realität seiner Linse wieder sichtbar wurde. Er hatte noch immer das Dossier von Martina geöffnet. Nach ein paar Sekunden hatte er die entsprechende Stelle gefunden und sagte schließlich. »Das war für die Abiturprüfung. Der Tod in Venedig.«

Martina starrte ihn entgeistert an, den Mund zu einem kleinen O geöffnet.

»Wenn ich sage, dass ich alles über dich weiß, so kannst du das ruhig wörtlich nehmen. Dieses Treffen dient einer letzten Klärung. Du als Kunde sollst die Möglichkeit haben, das Beratungsergebnis selbst zu beeinflussen. Nichts kann ein persönliches Gespräch ersetzen. Also: Wenn du dir eine Position aussuchen könntest, egal welche, was würdest du machen wollen?«

»Na ja, Filmstar oder Sängerin oder sowas. Das wär schon toll.«

»Und jetzt etwas Realistisches«, sagte Samson.

»Wieso ist das nichts Realistisches?«

»Du hast weder eine Schauspielschule besucht noch Gesangsunterricht genommen. Du hast nie irgendwo in einem Theater gespielt, dich für ein Casting beworben oder sonst irgendetwas für eine solche Karriere getan. Ich weiß das.«

»Vielleicht hat man mich einfach noch nicht entdeckt …«

Samson räusperte sich. »Etwas Anderes.«

»Manager in einer großen Firma. Das könnte ich sicher gut.«

»Etwas Anderes.«

»Dann vielleicht Lehrerin.«

»Dafür brauchst du eine entsprechende Ausbildung. Warum hast du dich nicht in den letzten zwei Jahren darum bemüht?«

»Na gut. Dann halt Pilotin. Ich hab schon ein paar Flugsimulatoren gespielt, und ich hab keine Höhenangst.«

»Martina, wir sollten unsere Zeit nicht mit so einem Unsinn verschwenden. Das hier ist eine seriöse Beratung. Glaub mir, ich kenne alle Leistungen, die von dir in irgendeiner Weise dokumentiert wurden. Und offen gesagt, es gibt nichts, das dich in besonderem Maße auszeichnet. Alles, was du bisher vorgeschlagen hast, kommt für dich nicht in Frage. Wenn es aber etwas gibt, das dich wirklich interessiert, etwas, das du richtig gut kannst und bisher einfach nur verheimlicht hast, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, damit rauszurücken. Das ist deine letzte Chance, es in der Zukunft zu etwas zu bringen. Es geht hier immerhin um dein Leben!«

Martina senkte den Kopf und starrte auf ihre dicken kurzen Finger. Ein Tropfen fiel darauf und zerplatzte. Sie begann leise zu schluchzen.

Samson seufzte. Dann legte er ihr vorsichtig einen Arm um die Schulter. Sofort drehte sie sich zu ihm und schlang weinend die Arme um seinen Hals. Samson versteifte sich. Sie roch nach Haarspray und kaugummiartigem Parfum. Sachte tätschelte er ihr die Schulter.

»Ich weiß nicht, was ich machen soll«, klagte sie mit dumpfer Stimme. »Mir ist einfach immer langweilig. Ich hatte so gehofft, dass Sie mir helfen können … dass Sie mir was Tolles anbieten würden …«

»So wie die Aktenlage ist, kann ich dir leider nichts Tolles anbieten, weil es keine Arbeitsstelle gibt, zu der du passt«, sagte Samson und drückte sie sanft, aber bestimmt von sich. »Sag du mir, was dich interessiert, und vielleicht finden wir ja doch etwas. Du musst dich eben besser verkaufen.«

»Ich muss mich verkaufen?«, sagte Martina und rieb sich die Augen. Ihr Gesicht war rot und noch aufgequollener als zuvor. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Nase und schniefte. Nach kurzem Zögern blickte sie Samson wieder an. »Sie sind sehr nett, Herr Freitag. Sie haben schöne Augen, und das mit Ihrem Anzug tut mir echt sehr leid.«

»Ist schon in Ordnung.« Samson machte eine abwehrende Handbewegung. »Wichtig ist, dass wir zu einer Lösung für dich kommen. Hilf mir dabei.«

»Sagen Sie mir doch einfach, was ich tun soll. Vielleicht entdecken Sie ja, für was ich Talent habe.« Während sie das sagte, legte sie eine Hand auf Samsons Oberschenkel.

Er sah auf die Hand und wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Nach ein paar Sekunden wanderten die Finger langsam an seinem Bein hoch in Richtung Schritt.

»Moment.« Samson nahm Martinas Hand und legte sie mit Nachdruck neben sein Bein auf die Couch. »Nicht dass wir uns missverstehen. Ich bin hier als dein Lebensberater. Wir sollten uns darauf konzentrieren, einen Job für dich zu finden.«

»Aber Sie könnten mir doch einfach einen Job zuweisen, mit dem ich aus diesem Kaff hier rauskomme. Alles wäre besser als die Schreibmaschine«, sagte Martina und legte dabei die Hand wieder auf seinen Oberschenkel, diesmal noch näher an seinem Schritt. Samson fühlte, wie die Wärme ihrer schweren Hand durch den Stoff seiner Hose drang.

Samson starrte sie ungläubig an. Sicher, es war nicht das erste Mal, dass eine Kundin versuchte, mit unlauteren Mitteln das Beratungsergebnis zu beeinflussen, aber nach allem, was er von Martina Fischer wusste, hätte er so etwas nicht von ihr erwartet. Die nahm sein Zögern wohl als schweigende Zustimmung auf, denn sie schob ihre Hand weiter in Richtung von Samsons Reißverschluss und beugte sich etwas vor.

»Martina!«, rief Samson scharf, sprang vom Sofa auf und strich sich den Anzug glatt. Sie saß da wie versteinert. Samson räusperte sich, richtete seine Krawatte und sagte ruhig: »Du bist eine attraktive junge Frau, aber wir sind hier bei einer seriösen Beratung und nicht in einer Doppelherzeinrichtung.«

Martina hatte die Hand vor den Mund geschlagen. Ihr Gesicht glühte wie nach einem schlimmen Sonnenbrand.

»Oh, Herr Freitag, das tut mir so leid! Ich wollte …«, brachte sie weinerlich hervor. Doch Samson hob beschwichtigend die Hand.

»Kein Problem. Missverständnisse passieren. Machen wir einfach weiter. In Ordnung?« Er hob die Augenbrauen und verzog die Lippen zu einem schmalen Strich. Dies war sein Lächeln Nr. 13, das selbstsicher und gelassen wirken sollte.

Martina blickte ihn ungläubig an.

»Glaub mir, das passiert ziemlich häufig«, sagte Samson und setzte sich wieder zu ihr, diesmal aber mit etwas mehr Abstand. »Ich werde jetzt alle deine Informationen mit der Beratungssoftware analysieren und dir dann das Ergebnis mitteilen. Oder gibt es noch etwas, das du mir sagen willst?«

»Nein«, flüsterte sie und sah zu Boden.

»Das wird jetzt ein paar Minuten dauern.«

»Deide«, sagte Martina heiser.

Samson startete die Analysesoftware seiner Linse, gab die letzten Informationen aus dem Beratungsgespräch ein und erledigte noch die notwendigen Formalitäten. Das offizielle Beratungsergebnis entsprach Samsons vorläufiger Empfehlung.

Samson räusperte sich und blickte Martina freundlich an.

»So, Martina. Ich bin dein Lebensberater. Und in dieser Funktion kann ich dich nur beglückwünschen: Du darfst in die Kontemplation.«

Martinas verschämtes Lächeln gefror. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Von der Arbeit hab ich ja noch nie was gehört.«

»Das ist keine Arbeit. Im Gegenteil. Wie vorhin schon erwähnt, habe ich keinen Arbeitsplatz für dich.«

»Wie, Sie haben nichts für mich?« Ihre Stimme überschlug sich fast.

Samson schloss kurz die Augen. Er atmete einmal tief durch und erklärte dann mit der tiefen, ruhigen Stimme, die sich Polizisten und Ärzte für Nachrichten des Unausweichlichen aufsparten: »Es ist so, Martina. Ich habe alles analysiert, aber es gibt leider keine Arbeit, für die du geeignet wärst. Ich habe dir ja vorhin gesagt, dass es auf das Gespräch ankommt. Aber leider hast du mir damit nicht weiterhelfen können. Für eine staatlich geförderte Ausbildung bringst du nicht das notwendige Interesse und die benötigte Eigeninitiative auf. Das heißt, es gibt nichts, für das du ausreichend qualifiziert oder interessiert wärst. Das schließt übrigens auch die Schreibmaschine ein. Leider kannst du da jetzt auch nicht mehr arbeiten.«

»Wie können Sie so etwas sagen? Ich arbeite da doch schon seit zwei Jahren!«

»Jetzt nicht mehr. Ab heute bist du offiziell in Kontemplation.«

»Was soll das denn heißen?«

»Du scheidest aus der Arbeitswelt aus und bist frei, deinen Hobbys und Vergnügungen nachzugehen oder einfach abzuhängen. Du kannst machen, was du willst, Hauptsache, du versuchst nicht, einer Lohnarbeit nachzugehen.«

»Ich kann mich doch einfach irgendwo bewerben!«

»Nein, das geht jetzt nicht mehr. Nachdem du der Lebensberatung zugestimmt hast, hast du dich auch verpflichtet, mit den Konsequenzen zu leben. Der Staat braucht dich nicht. Die Wirtschaft braucht dich nicht. Aber keine Angst: Wir lassen dich nicht im Stich! Du bekommst monatlich nach wie vor dein Bedingungsloses Grundeinkommen. Eine aktuelle Liste der erlaubten Tätigkeiten findest du auf den Hilfeseiten der Agentur für Lebensberatung.«

»Aber Sie haben doch gesagt, dass ich nochmal einen Antrag stellen kann. Dann bekomm ich eine neue Beratung und doch einen neuen Job?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Unter den jetzigen Voraussetzungen in frühestens zehn Jahren. Allerdings steht es dir in der Zwischenzeit frei, dich in Eigenverantwortung fortzubilden. Wenn du eine nennenswerte neue Qualifikation oder einen Abschluss vorweist, kannst du erneut eine Lebensberatung beantragen!«

»Sie Arschloch!«, schrie Martina plötzlich, sprang auf und ballte die Fäuste. Samson wurde sich wieder der Masse ihres Körpers bewusst und erhob sich ebenfalls. »Warum haben Sie mich nicht vorher irgendwie gewarnt?« Ihre Stimme überschlug sich, und Tränen der Wut rannen ihr über die roten Wangen.

Samson unterdrückte den Impuls, auf sie zuzugehen und sie zu trösten.

»Ich werde mich bei der Agentur über Sie beschweren. Ich werde … ich werde denen sagen, dass Sie sich den Schwanz von mir haben lutschen lassen, und dann werden wir ja sehen!«

»So ein Unsinn. Das ganze Gespräch hier wurde doch mit der Linse aufgezeichnet.«

»Raus!«, schrie Martina. »Verschwinden Sie jetzt!«

2. KAPITEL

Samson stapfte zu seinem Auto. Er riss die Tür auf, warf die Aktentasche auf den Beifahrersitz und stieg ein. Er startete den Wagen und fuhr mit jaulendem Motor los. Eine kleine Nachricht blitzte in seiner Linse auf. Er hatte im absoluten Halteverbot geparkt. Samson ignorierte die Meldung und beschleunigte immer weiter, bog viel zu schnell um die Kurve, raste weiter und hielt schließlich nach ein paar hundert Metern abrupt auf einem Parkplatz an.

Samson ließ das Lenkrad los und vergrub sein Gesicht in den Händen. Er atmete schwer. Sein Herz pochte hart in seiner Brust. Heiße Übelkeit stieg ihm die Kehle hoch, eine riesige Last schien seinen Brustkorb zu zerdrücken. Hinter seinen Augenlidern tanzten bunte Lichter. Samson atmete. Nur atmen, dachte er. Ein und aus. Ein, aus. Nach und nach ließen die Übelkeit und das beklemmende Gefühl nach. Er nahm die Hände vom Gesicht, sie waren eiskalt und klebten. Vor Samsons Auge erschien eine neue Nachricht.

»Es wurde eine anormale Kreislaufschwankung bei Ihnen festgestellt. Begeben Sie sich möglichst bald zu Ihrem Arzt für einen Gesundheitscheck.«

Samson blinzelte zweimal und rollte die Augen einmal gegen den Uhrzeigersinn, um die Linse in den Standby-Modus zu schalten. Ein greller Schmerz fuhr ihm durch das Auge. Er leckte sich schnell über die Finger und zupfte die Linse heraus. Dann verharrte er noch einige Sekunden, bis das Brennen langsam nachließ.

»Ich muss zum Arzt«, seufzte er, nahm den Ohrknopf aus seinem linken Ohr und verstaute ihn samt Linse in dem dafür vorgesehenen Etui.

Samson wollte wieder losfahren, da fiel ihm ein, dass er den Rückweg überhaupt nicht kannte. Er hatte sich sonst immer auf die Software seiner Linse verlassen.

Zähneknirschend aktivierte er das Navi des Wagens. Auch das ließ sich normalerweise viel komfortabler über die Linse steuern. Aber so wie sein Auge schmerzte, konnte er sie fürs Erste nicht mehr einsetzen. Hoffentlich wurden bald Linsen entwickelt, die er besser vertrug. Sie waren ein Segen der modernen Technologie, die Samsons Arbeit – und die aller Bürger der Bundesrepublik Europa – erheblich vereinfachten. Man brauchte keine Geräte mehr, die man mit sich herumtragen musste, keine Kabel und keine Sorge um Akkulaufzeiten. Die Linsen wurden durch Körperwärme und das Salz in der Tränenflüssigkeit des Auges mit Energie versorgt. Sie waren immer online und funktionierten als mobile Visualisierung der Software, die komplett auf Online-Servern lief. Gleichzeitig wurde alles, was die Linsennutzer sahen und hörten, in den Rechenzentren der Agentur für Lebensberatung gespeichert. So hatte der Nutzer in Echtzeit unbegrenzten Zugriff auf alle Inhalte, Programme und Rechenleistungen, die auf den Servern zur Verfügung standen. Und die Agentur für Lebensberatung hatte in Echtzeit den vollen Überblick darüber, was das Volk tat. Mittlerweile waren fast alle Bereiche des täglichen Lebens darauf ausgelegt, von einem Linsenbenutzer bedient zu werden; es war äußerst schwierig, einen Tag über die Runden zu kommen, ohne eine Linse zu verwenden.

Als das Navi seines Wagens endlich die richtige Route gefunden hatte, startete Samson den Motor und das Radio. Sein Lieblingssender spielte zuverlässig die Klassiker des europäischen Männergesangs: Take That und Rammstein. Die Musik munterte Samson etwas auf, doch abgesehen davon fühlte er sich wie nach einer durchzechten Nacht. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Seit Tagen schon fühlte er sich, als wäre er krank, ohne genau sagen zu können, was los war. Er fröstelte und schwitzte abwechselnd, hatte minutenlang Kopf- oder Halsschmerzen. Jetzt auch noch diese Kreislaufschwankungen. Auch der Termin mit Martina Fischer lag ihm schwer im Magen. Selten war er nach einer abgeschlossenen Beratung so aus dem Haus gejagt worden. Sicher, Martina war verwirrt und schämte sich wahrscheinlich für den missglückten Annäherungsversuch. Aber ihn zu bedrohen? Das war schon sehr außergewöhnlich.

Samson versuchte, sich selbst zu beruhigen. Er hatte schon so viele Beratungen hinter sich, und immer hatten sich die Kunden am Ende mit ihrem Ergebnis angefreundet. Tatsächlich stand er sogar kurz vor seiner Beförderung. Nach Martina Fischer brauchte er nur noch fünf abgeschlossene Beratungen, um vom Konsultationsrat zum Oberkonsultationsrat befördert zu werden. Normalerweise schätzte Samson Bescheidenheit, doch insgeheim freute er sich auf den neuen Titel.

Er drehte am Radiosucher. Es war ein neues Modell, das den Charme der alten Analogradios imitierte. Samson konnte drehen, so viel er wollte, sobald er losließ, ertönte der nächste Sender. Es gab aber nur noch wenige, die über Ultrakurzwelle sendeten. Die meisten Stationen waren nur noch online zu erreichen. Kurz vor der Autobahnauffahrt hielt Samson an einer roten Ampel.

»Kennen Sie schon Basileus? Ihr privater Haushaltsroboter kann alle Aufgaben des täglichen Lebens für Sie übernehmen. Informieren Sie sich über entsprechende Finanzierungsangebote oder ob Ihnen ein Roboter von Rechts wegen zusteht.«

Weit und breit war kein anderes Individualfahrzeug zu sehen. Ein paar Vögel hatten sich auf den Laternenmasten niedergelassen und beobachteten das seltsame Raubtier, das da auf dem heißen Asphalt kauerte.

»Ihr privater Haushaltsroboter – ein Freund fürs Leben!«

Immer noch kein privates Auto. Nur Kommunalautos und Busse sah Samson auf den Straßen vorbeiziehen. Auf seiner Fahrbahnseite fuhren noch ein paar Leute mit Fahrrad oder Segway. Die Segways sausten davon, Samson trommelte auf sein Lenkrad. Eigentlich waren alle Fahrzeuge mit GPS-Empfängern ausgestattet. So konnte der Verkehrsfluss beobachtet und die Ampelschaltung entsprechend angepasst werden. Aber diese Ampel bestand offenbar auf ihren eigenen Takt. Schlecht programmiert, dachte Samson. Den Verkehrstechniker könnte man sicher auch gut durch einen Roboter ersetzen. In Gedanken schrieb er die ersten Zeilen eines Korrekturvermerks an die Verkehrsleitzentrale.

Neben der Ampel war eine Bushaltestelle, an der eine Hand voll Leute warteten. Die meisten waren sommerlich gekleidet, einige hatten Badehandtücher unter den Arm geklemmt. Eine kleine, drahtige Frau in Jeans und Kapuzenpullover stand etwas abseits vom Rest der Wartenden. Sie wirkte fehl am Platz, fast wie betrunken. Ein seliges Lächeln auf den Lippen, blickte sie in den Himmel. Samson duckte sich unter die Windschutzscheibe, um zu sehen, was die Frau beobachtete. Da war nichts. Als er sich wieder zu ihr drehte, sah sie ihm direkt in die Augen. Sie öffnete die Lippen leicht, als wollte sie etwas sagen, dann wandte sie den Blick ab und stellte sich zum Rest der Gruppe. Samson überlegte, ob er sie vielleicht von irgendeiner Beratung kannte. Da unterbrach eine neue Werbestimme seinen Gedankengang:

»Sie sind jung, haben Ihre Ausbildung beendet und möchten den Schritt ins Berufsleben wagen? Dann wenden Sie sich an die Lebensberatung. Wir bringen jeden an seinen Platz!«

Samson brummte zustimmend. Die Ampel war immer noch rot. Was war denn da los? Selbst die Vögel schienen genug zu haben von der Langeweile. Wie auf Kommando erhoben sie sich und flogen gleichzeitig davon. Samson fühlte sich allein.

»Bedenken Sie, dass die Chancen einer Anstellung ohne vorherige Lebensberatung sehr gering sind. Rufen Sie uns an oder schicken Sie uns eine E-Mail. Es ist Ihr Recht! Es ist Ihr Leben! Es ist Ihre Lebensberatung!«

Samson leckte sich über die Lippen. Eigentlich erfüllte es ihn immer mit Stolz, wenn über die Vorzüge der Lebensberatung gesprochen wurde – selbst wenn es nur im Radio war. Aber die Beratung von Martina Fischer hinterließ einen fahlen Nachgeschmack in seinem Mund.

So wie sich die letzte Schraube perfekt ins Uhrwerk fügt, so wie der Schlüssel ins richtige Schloss gleitet, so wie ein Puzzlestück nur an einen Ort passt, so sollten Menschen nach der Lebensberatung ihren Platz in der Gesellschaft finden. Und das zu schaffen, den Kunden und der Gesellschaft diesen Dienst zu erweisen, das wollte Samson erreichen. Außer ein Kunde sträubte sich, so wie Martina Fischer es getan hatte. Samson hatte das Gefühl, als würde ihm eine Gräte im Hals stecken.

»Sie haben Angst vor der Zukunft? Einsamkeit, Schmerzen, Demenz! Das alles kann auf Sie zukommen. Entscheiden Sie sich jetzt für die sichere Alternative: 85 gute Jahre! Keine Krankheit, die wir nicht in den Griff bekommen, keine Therapie, die wir nicht für Sie bezahlen. Übernehmen Sie jetzt Verantwortung. 85 gute Jahre! Fordern Sie unseren Informationskatalog an!«

Die Ampel sprang endlich auf Grün, und Samson konnte weiterfahren.

»Na, auch Hunger? Dann erleben Sie jetzt das fleischigste Fleischo, das Sie je probiert haben. 0 % Fleisch, 100 % Geschmack! Fleischo! Ihr Synthfleisch aus der Region!«

Samson lief das Wasser im Mund zusammen. Da musste er plötzlich lachen. Er war gar nicht krank. Er hatte einfach nur Hunger.

3. KAPITEL

Die Agentur für Lebensberatung befand sich in der Münchner Innenstadt, im Palais Leuchtenberg am Odeonsplatz Nummer 4. Von dem ursprünglichen Gebäude war jedoch nur die rekonstruierte Fassade erhalten geblieben. Dahinter schraubte sich ein Glaspalast in die Höhe, der den Bürgern die Effizienz und Transparenz der Agentur für Lebensberatung vor Augen führen sollte. Wie immer parkte Samson auf den stets leeren Parkplätzen ein paar Meter neben dem Eingang. Als er sich vom Wagen entfernte, hörte er das Schloss automatisch zuschnappen. Wenige Sekunden später waren jegliche Spaltöffnungen und Fenster kaum mehr sichtbar.

Samson trat durch die großen gläsernen Schwingtüren in das Foyer. Es erstreckte sich wie ein Atrium fünf Stockwerke in die Höhe und zog seinen Blick wie immer automatisch nach oben. Die Decke war aus Glas, und so fühlte man sich fast wie unter freiem Himmel. Samson wandte sich an den Informationsschalter.

»Jeder an seinem Platz!«, begrüßte ihn die Empfangsdame. »Herr Freitag, was kann ich für Sie tun?«

»Jeder an seinem Platz! Ich habe Probleme mit meiner Linse. Können Sie mir bitte einen alternativen Arbeitsplatz besorgen?«

»Natürlich. Gehen Sie ruhig hoch in den dritten Stock. Ich schicke Ihnen Gordon Maiwald vorbei. Der wird Ihnen helfen.«

»Danke sehr. Und der Aufzug?«

»Darum kümmere ich mich auch.«

Samson nickte und ging zu den Aufzügen. Der Boden der Empfangshalle war mit schwarzen und weißen Marmorfliesen ausgelegt, intuitiv trat er immer nur auf die weißen. Der Aufzug direkt vor ihm öffnete sich, und er stieg ein. Als sich die Türen schlossen, stellte Samson fest, dass diese Aufzüge wie stählerne Särge wirkten, wenn man keine Linse im Auge trug, die als erweiterte Realität virtuelle Knöpfe anzeigte. Ohne Linse musste er sich darauf verlassen, dass die Empfangsdame ihn in die richtige Etage schickte.

Ein leiser Gong erklang, und Samson atmete auf, als sich die Tür im dritten Stockwerk wieder öffnete. Er trat hinaus in den Rundgang, der sich in die Halle des Atriums öffnete und nur von einer Glasbalustrade begrenzt wurde. Samson blickte hinunter. Von hier oben sah das Foyer aus wie ein Schachbrett, das von einer einzigen Dame beherrscht wurde. Samson mochte diesen Blick in die Tiefe. Es fühlte sich fast an wie Fliegen.

Schließlich wandte er sich nach rechts zu den offenen Büros für Lebensberater im Außendienst. Dutzende von anderen Beratern saßen in bequemen Sesseln und lasen auf Readern, murmelten leise vor sich hin oder blickten konzentriert auf ihre Hände, die komplizierte Bewegungsmuster ausführten. Tatsächlich arbeiteten sie alle mit Hilfe ihrer Linsen. Sie recherchierten für Beratungsgespräche, fertigten Dossiers an oder bearbeiteten Abschlussberichte. Samson nickte einigen freundlich zu, aber die meisten nahmen ihn gar nicht wahr. Sie waren zu sehr in ihre Arbeit vertieft. Er suchte sich einen Arbeitsplatz mit Tisch – davon gab es nur noch drei Stück –, setzte sich, stellte die Aktentasche neben sich ab. Daraus holte er das Notizbuch und legte es vor sich auf den Schreibtisch. Dann nahm er das silberne Etui heraus und platzierte es vorsichtig mit beiden Händen am Kopfende des Buches. Im Etui befand sich der Füller. Notizbuch, Etui und Füller waren klassische Schreibutensilien, deren Gebrauch den Kunden zu 20 Prozent einschüchtern, zu 30 Prozent beeindrucken und zu 50 Prozent von seiner Kompetenz als Berater überzeugen sollte. Wer Sätze mit echter Tinte auf echtes Papier schrieb, der musste von der Richtigkeit seiner Worte überzeugt sein. Heute bei Martina Fischer war es nicht nötig gewesen, sein Schreibzeug herauszuholen. Aber er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, jeder Beratung wenigstens eine Seite zu widmen und sie so für sich zu dokumentieren. Samson blätterte das Notizbuch bis zur ersten leeren Seite durch. Dann schrieb er:

07.09.2052 Beratung von Martina Fischer, Grafrath

Empfehlung/Ergebnis: Kontemplation/Kontemplation

Gespräch: Naive Vorstellungen, nichts Neues

Besonderheiten: Ihre Hand auf meinem Bein (abgelehnt)/habe sie zum Trost angelogen, gesagt, sie sei attraktiv/sie am Ende sehr wütend.

Samson blickte auf seinen Eintrag und unterstrich das Wort »angelogen« noch einmal. Er legte persönlich viel Wert darauf, stets die Wahrheit zu sagen. Aber manchmal musste er sich aus Höflichkeit verstellen.

»Samson Freitag! Jeder an seinem Platz!«

Samson sah auf. Gordon kam mit schlenderndem Schritt zu seinem Schreibtisch. Samson stand auf und schüttelte ihm die Hand.

»Jeder an seinem Platz! Danke, dass du so schnell vorbeigekommen bist.«

»Kein Problem. Kann doch nicht sein, dass unser Vorzeigelebensberater nicht arbeiten kann! Was ist denn passiert?«

»Eigentlich gar nichts. Aber in letzter Zeit vertrage ich die Linse nicht gut. Wirklich ärgerlich. Ohne sie fühlt man sich ganz eigenartig. Das Navi einzustellen war wahnsinnig kompliziert, und der Aufzug fühlt sich an wie ein Schuhkarton. Ganz zu schweigen von dem Bericht, den ich jetzt noch fertig machen muss. Ich hoffe, du kannst mir helfen.«

»Also, bei deiner Linse kann ich dir leider nicht helfen. Aber ich habe eine Brille für dich, mit der du wenigstens hier in der Agentur arbeiten kannst.«

»Eine Brille? Das ist ja wie in den Vierzigern.«

»Ja, genau. Ein paar haben wir noch in Reserve – für Fälle wie dich.« Gordon legte ein schwarzes Brillenetui auf den Tisch.

Samson öffnete das Etui und nahm eine schlanke, schwarze Brille heraus. Er drehte sie hin und her und betrachtete sie eingehend. »Schon interessant. Als ich vor sieben Jahren hier angefangen habe, war die der letzte Schrei. Wie schnell sich doch die Technik entwickelt.«

Er setzte die Brille auf und drückte auf einen kleinen Knopf an der rechten Seite. Sofort legte sich der hellrote Schleier einer erweiterten Realität über sein Blickfeld. Eine rote Schrift leuchtete auf:

Bitte identifizieren Sie sich.

Samson spreizte alle zehn Finger ab und drehte die Hände so, als würde er ein unsichtbares schweres Buch vor sich halten. Die Sicherheitssoftware scannte seine Hand- und Fingerabdrücke. Nach ein paar Sekunden wurde sein Blickfeld grün, und Samson hatte wieder Zugriff auf seine gewohnten Programme.

»Danke, Gordon! Es scheint alles zu funktionieren.«

»Deide! Dein Ohrknopf müsste kompatibel sein. Aber die Brille funktioniert nur hier im Haus.«

»In Ordnung. Was gibt es sonst Neues bei dir?«

»Ach, nichts Besonderes. Die Jungs und ich wollten heute Abend nach der Arbeit in die Doppelherzeinrichtung gehen. Willst du mitkommen? Zwei neue Mitarbeiterinnen kommen vielleicht auch mit. Man weiß ja nie.«

»Nein, nein, das ist nichts für mich.«

»Hast du ihr etwa schon einen Antrag gemacht?«

»Nein!«, sagte Samson schneller als beabsichtigt.

Gordon nickte wissend. »Also bald. Wird ja auch langsam Zeit, dass du ein paar Kinder zeugst. Wenn schon nicht in einer Doppelherzeinrichtung, dann wenigstens zu Hause. Du bist eben ein vorbildlicher, treuer Staatsdiener. Hast du schon mehr als tausend Sozialpunkte?«

»Lass den Sarkasmus. Darum bemühe ich mich tatsächlich!«

»Ja, ich weiß. Du bist so ein guter Mensch. Aber leider kein böser …« Gordon brach in Gelächter aus. Hinter und neben sich hörte Samson ebenfalls verhaltenes Kichern. Offenbar waren doch nicht alle Kollegen ausschließlich in ihre Arbeit vertieft.

Samson räusperte sich. »Gordon! Dieser Witz ist schon so alt … ich weiß nicht, wie oft ich den schon gehört habe.«

»Ja, aber es ist jedes Mal wieder lustig. Mach dir nichts draus. Wenn die Optimierer nächste Woche abschmieren, wird sich vielleicht bald keiner mehr daran erinnern. Andernfalls …« Er zuckte grinsend mit den Schultern.

»Ich weiß wirklich nicht, warum ihr es so komisch findet, dass ich mich für die Optimierung interessiere. Ich helfe damit, unser aller Leben zu verbessern. Das mit den Linsen zum Beispiel: Ich kann ja nicht der Einzige sein, der diese Probleme hat. Also werde ich demnächst darüber einen Korrekturvermerk schreiben.«

»Ja, ist schon gut, Samson. Ich muss zurück. Und wenn du es dir doch noch anders überlegst, gib mir Bescheid«, sagte Gordon und ging wieder zurück Richtung Aufzug.

Samson blickte sich um. Ein paar Kollegen grinsten ihn an und sahen dann wieder fort. Er seufzte. Dieser blöde Spruch. Vor Jahren, zu Beginn seiner Arbeit in der Agentur für Lebensberatung, hatte Samson einen jungen Mann beraten, der später zum Vorsitzenden der Partei der Optimierer aufgestiegen war. Genau dieser Partei wurde bei den bevorstehenden Bundestagswahlen ein zweistelliges Wahlergebnis prognostiziert. Unter den Lebensberatern galt es als besonders prestigeträchtig, einen zukünftigen Politiker zu entdecken.