Verlag: MIRA Taschenbuch Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Die Orsini Brüder - Playboys mit Herz? - 5in1 E-Book

Catherine Spencer  

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E-Book-Beschreibung Die Orsini Brüder - Playboys mit Herz? - 5in1 - Catherine Spencer

SCHWELENDES FEUER Wie eine gekaufte Braut kommt Corinne sich vor, als sie den Millionär Raffaello Orsini heiratet. Zwar erfüllt sie so den letzten Wunsch ihrer besten Freundin, seiner verstorbenen Frau … Doch ein Leben ohne Liebe scheint sie zu erwarten, ohne Leidenschaft, ohne Erfüllung! Denn trotz des schwelenden Feuers in seinen Blicken bleibt Raffaello kühl und lässt Corinne in ihrem Bett allein - bis sie auf einer Party mit einem anderen flirtet! Kaum zurück auf dem Anwesen, umarmt der feurige Italiener sie hitzig und küsst sie hungrig: Niemand darf sich nehmen, was nur ihm zusteht … KÜSS MICH, PLAYBOY! Welche Frau kann ihm schon widerstehen? Raffaele Orsini hat alles, was ein Playboy braucht: Er sieht gut aus, ist reich, erfolgreich, ein geradezu begnadeter Liebhaber und keinem erotischen Abenteuer abgeneigt! Und ausgerechnet Chiara, das Mädchen aus einfachem Hause, lehnt ihn ab? Die Frau, die er auf Anweisung seines Vaters heiraten soll, will ihn nicht in ihrem Bett? Das ist unmöglich! Raffaeles Jagdinstinkt ist geweckt: Er will die stolze Sizilianerin mit seinen Verführungskünsten bezwingen - und merkt in seinem Eifer nicht, dass Chiara mit ihm dasselbe im Sinn hat … PLAYBOY MIT HERZ Playboy-Millionär Dante Orsini verbringt selten eine Nacht allein in seinem Penthouse. Aber sein Herz verschenken? Niemals! Bis er während einer Geschäftsreise Gabriella wiedersieht. Überrascht spürt er, wie genau er sich an ihre kurze Affäre erinnert. Als sei es gestern gewesen: das Strahlen in Gabriellas Augen, ihre Seufzer der Leidenschaft, wenn er sie liebte … Rätselhaft, wie heftig er sie immer noch begehrt! Aber was ihn noch viel mehr schockiert: Seit wann hat Gabriella eigentlich einen kleinen Sohn - der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ist? GELIEBTER BODYGUARD Bodyguard für eine schöne junge Schauspielerin? So einen Job hat der vermögende Playboy Falco Orsini schon lange nicht mehr nötig. Doch als er die Verletzlichkeit in Elles Augen sieht, ist ihm klar: Diese Frau braucht ihn! Auch wenn sie ihn nach einem heißen Kuss brüsk zurückweist, ist Falcos Beschützerinstinkt geweckt. Um sie vor einem Verfolger zu retten, entführt er Elle in seinem Privatjet nach Hawaii. Allein mit ihr in seinem luxuriösen Strandhaus, steigt die erotische Spannung mit jedem Tag - mit jeder Nacht. Doch Falco soll Elle beschützen - nicht begehren! SAG NICHTS, KÜSS MICH! Nicolo Orsini ist ein echt sizilianischer Macho: charmant, sexy, und er liebt schöne Frauen - in seinem Bett. Wahre Gefühle kommen für ihn nicht infrage. Bis er für seinen Vater ein Weingut in der Toskana kaufen soll - und auf die unwillige Tochter des Hauses trifft. Kratzbürstig stellt sich Principessa Alessia ihm jeden Tag neu entgegen. Nicolo weiß bald kaum noch, was er mit der aufreizenden Adligen machen soll. Sie durchschütteln? Keine schlechte Idee. Sie küssen, bis sie endlich ihren eigensinnigen Mund hält? Überraschend ist es diese Idee, die sein Herz am meisten lockt …

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Impressum

MIRA Taschenbuch Copyright © 2018 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH Titel der amerikanischen Originalausgaben: "Sicilian Millionaire, Bought Bride" Copyright © 2008 by Spencer Books Limited erschienen bei: Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam "Raffaele: Taming His Tempestuous Virgin" Copyright © 2009 by Sandra Myles erschienen bei: Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam "Dante: Claiming His Secret Love-Child" Copyright © 2009 by Sarah Morgan erschienen bei: Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam "Falco: The Dark Guardian" Copyright © 2010 by Sandra Myles erschienen bei: Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam "Nicolo: The Powerful Sicilian" Copyright © 2010 by Sandra Marton erschienen bei: Harlequin Enterprises II B.V., Amsterdam Published by arrangement with Harlequin Enterprises II B.V./SARL www.mira-taschenbuch.de Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

Catherine Spencer, Sandra Marton

Die Orsini Brüder - Playboys mit Herz? - 5in1

Catherine Spencer

Schwelendes Feuer

1. KAPITEL

Der Brief lehnte an einer Haarspraydose auf Corinne Mallorys Schminktisch. Kaum der richtige Aufbewahrungsort für feinstes Büttenpapier mit einem goldenen Wappen. Andererseits war es überhaupt ein Wunder, dass sie ihn nach dem Lesen behalten und nicht einfach zerknüllt in den Papierkorb geworfen hatte.

Es war der Name, schwungvoll und energisch unter die maschinengeschriebenen Zeilen gesetzt, der Corinne davon abgehalten hatte. Raffaello Orsini war mit ihrer besten Freundin verheiratet gewesen, und Lindsay hatte ihn von ganzem Herzen geliebt. Sie war absolut verrückt nach ihm gewesen, bis zum letzten Atemzug. Das allein hatte Corinne ihren Stolz schlucken und sich seinen Wünschen fügen lassen. Welche Gründe auch immer er für seinen unerwarteten Besuch in Kanada haben mochte, Corinne war es Lindsays Andenken schuldig, ihn zu treffen.

Jetzt waren es nur noch zwei Stunden, bevor sie den Mann zum ersten Mal persönlich kennenlernen würde. Allerdings war sie inzwischen nicht mehr so sicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Was trug man zu einer Einladung, die sich mehr nach einem Befehl denn einer Bitte anhörte?

Corinne begutachtete den dürftigen Inhalt ihres Kleiderschranks. Schwarz war wohl die passendste Wahl. Mit Perlen. Ein Dinner im Pan Pacific, Vancouvers nobelstem Hotel, verlangte nach einem Hauch von Eleganz – selbst wenn die Perlen nicht echt waren und das Kleid nur aus Kunstseide.

Zumindest konnten die schwarzen Pumps ein Designer-Emblem auf der Innenseite vorweisen. Ein Souvenir aus der Zeit, als sie sich noch ein paar luxuriöse Extras hatte leisten können.

Auch diese Schuhe waren eine Erinnerung an Lindsay, eine zierliche Frau mit riesengroßen Träumen, in deren Wortschatz der Ausdruck „geht nicht“ keinen Platz hatte.

Wir kaufen uns irgendeine Ruine im richtigen Teil der Stadt und machen daraus ein schnuckeliges kleines Hotel, Corinne. Ich kümmere mich um die Einrichtung und die Zimmer, und du übernimmst die Küche.

Da brauchen wir schon eine gute Fee, die uns hilft.

Unsinn! Wenn wir es wirklich wollen, dann gelingt uns das auch. Nichts wird uns aufhalten!

Und wenn wir uns verlieben und heiraten?

Dann müssen es Männer sein, die unseren Traum teilen. Es könnte natürlich nicht schaden, wenn sie auch reich wären. Vielleicht sogar sehr, sehr reich.

Und falls sie es nicht sind?

Das macht auch nichts, denn wir werden es aus eigener Kraft schaffen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir es schaffen, Corinne. Wir nennen unser Hotel ‚The Mallory Raines‘ und hängen ein großes Schild mit einem goldenen Logo über die Tür, verschlungene Buchstaben, MR. Bis wir dreißig sind, werden wir weltberühmt für unsere Gastlichkeit und unsere Küche sein. Die Leute werden sich darum reißen, bei uns unterzukommen.

Doch das war, bevor Lindsay einen Urlaub in Sizilien machte und sich Hals über Kopf in Raffaello Orsini verliebte. Der Mann war tatsächlich sehr, sehr reich, nur leider zeigte er nicht das geringste Interesse für Lindsays Traum. Stattdessen gelang es ihm, sie von seinem Vorhaben zu überzeugen. Lindsay vergaß das berühmteste Hotel am Pazifik und zog auf die andere Hälfte der Erdkugel, um Raffaellos Frau zu werden und eine Familie zu gründen.

Und das Glück, an das sie immer so unerschütterlich geglaubt hatte? Es hatte sich gegen sie gewandt und Lindsay mit vierundzwanzig dahingerafft. Leukämie hatte ein dreijähriges Mädchen mutterlos gemacht.

Die Erinnerungen brachen über Corinne hinein. Sie blinzelte lästige Tränen zurück, bevor sie nach ihrer Wimperntusche griff. Wann hatte sie das letzte Mal Make-up benutzt? Offensichtlich war es zu lange her, wenn man jetzt das Resultat betrachtete. Nun, es würde reichen müssen, und überhaupt, was machte es schon für einen Unterschied? Mit welchen Absichten auch immer Raffaello Orsini hier aufgetaucht war … Es gab keinen Grund für Corinne, sich hübsch zu machen.

Von unten drang das Geräusch von klapperndem Geschirr zu ihr hinauf. Mrs. Lehman, ihre Nachbarin und bevorzugter Babysitter, bereitete das Abendessen für Matthew zu.

Matthew war alles andere als glücklich, dass seine Mutter ausging. „Du sollst nicht weggehen. Du sollst hierbleiben. Immer lässt du mich alleine“, hatte er mit zitternder Unterlippe verkündet.

Mit gutem Grund, wie Corinne sich im Stillen eingestand. Viel zu oft konnte sie ihren Sohn abends nicht ins Bett bringen und zudecken, weil sie häufig Nachtschichten schob und selbst während der Ferien arbeiten musste. Doch es lag nun mal in der Natur der Dinge, und so gerne sie es auch anders hätte … Jemand musste für die Miete und das Essen auf dem Tisch sorgen.

„Ich bleibe nicht zu lange weg, und morgen backe ich uns Heidelbeerpfannkuchen zum Frühstück. Hör auf Mrs. Lehman, ja? Sei brav und mach ihr keinen Ärger, wenn es Zeit zum Schlafengehen wird, okay?“

„Vielleicht tue ich es doch“, warnte er trotzig. Obwohl er erst vier war, hatte Matthew mittlerweile einige Taktiken entwickelt, seinen Willen durchzusetzen. Überhaupt entpuppte er sich immer häufiger als kleiner Satansbraten. Inständig hoffte Corinne, dass sie bei ihrer Rückkehr nicht eine völlig fertige Mrs. Lehman vorfinden würde, die vergeblich versucht hatte, Matthew ins Bett zu bekommen.

Ich sollte zu Hause bleiben, dachte Corinna. Doch dieser Brief ließ ihr keine Ruhe. Obwohl sie bereits jedes Wort auswendig kannte, nahm sie ihn noch einmal zur Hand und las ihn durch. Vielleicht würde ihr diesmal endlich klar werden, was der Absender mit seinem Schreiben sagen wollte.

Villa di Cascata, Sizilien, 6. Januar 2008

Signora Mallory,

Ende des Monats werde ich wegen einer dringenden

Angelegenheit nach Vancouver kommen, die mir erst

kürzlich zur Kenntnis gebracht wurde.

Ich habe eine Reservierung im Pan Pacific Hotel und

würde es zu schätzen wissen, wenn Sie mich dort am

28.Januar um halb acht zum Dinner treffen könnten.

Mit freundlichen Grüßen

Raffaello Orsini

Doch auch beim zweiten Lesen entdeckte sie nicht den geringsten Hinweis, was sie zu erwarten hatte. Und nach dem Lärm in der Küche zu schließen, legte Matthew gerade los, Mrs. Lehman einen weiteren turbulenten Abend zu bescheren.

„Hoffentlich haben Sie einen guten Grund, Mr. Orsini“, murmelte Corinne, bevor sie den Brief zurück auf den Tisch warf. Mit einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel ging sie nach unten, um einen kleinen Jungen zu beruhigen, der keine Erinnerung an seinen Vater hatte und dessen Mutter sich mehr schlecht als recht mit seiner Erziehung abmühte.

Beeindruckend, dieser Ausblick, entschied Raffaello. Im Norden erhob sich eine schneebedeckte Gebirgskette in den klaren Nachthimmel. Die Lichter der Brücke über der Hafeneinfahrt glitzerten wie Diamanten. Fast direkt unter dem Fenster seiner Suite lag eine Fünfundzwanzig-Meter-Jacht vor Anker und schaukelte sanft auf dem Wasser.

Dieser Ort konnte sich mit Sizilien zwar nicht vergleichen, aber er war dennoch bemerkenswert. Auch weil es Lindsays Heimat war. Die Szenerie hier war wild und distinguiert zugleich, schön und betörend – wie Lindsay.

Vor zwei Jahren hätte er nicht hierherkommen können. Auch vor einem Jahr noch nicht. Der Schmerz hatte zu tief gesessen, und die Trauer war zu sehr mit Ärger vermischt. Doch wie hieß es so schön? Die Zeit heilt alle Wunden. Sie vergoldete aber auch die Erinnerungen an Lindsay, die ihm zum Trost geworden waren.

„Ich tue das für dich, amore mio“, murmelte er, während er zum Himmel hochblickte.

Irgendwo unten in der Stadt schlug ein Kirchturm achtmal. Diese Corinne Mallory verspätete sich. Ungeduld erfüllte ihn. Er wollte die Angelegenheit endlich hinter sich bringen. Rasch griff er nach dem Telefon und rief beim Empfang an, um dem Portier erneut mitzuteilen, dass Corinne Mallory in seine Suite hinaufgeschickt werden sollte, sobald sie kam. Falls sie kam. Das, was er ihr vorzuschlagen hatte, war ungeeignet, um es an einem öffentlichen Ort zu besprechen.

Nachdem weitere zehn Minuten vergangen waren, ertönte ein derart lautes Klopfen an seiner Tür, dass er zusammenzuckte. Er unterdrückte den Ärger und richtete sich auf dem Weg zur Tür ein letztes Mal das Jackett.

Denk immer daran, dass sie Lindsays beste Freundinwar. Das heißt nicht, dass sie deine beste Freundin werden muss, aber es wäre für alle Beteiligten gut, wenn zumindest eine gewisse freundliche Atmosphäre geschaffen werden könnte.

Raffaello hatte Fotos von ihr gesehen. Er war fest davon überzeugt, die Frau auf der anderen Seite der Tür genau einschätzen zu können. Doch sie war zarter, als er vorausgesehen hatte. Wie feine Spitze, die man achtlos behandelte. Ihre Haut schien fast durchsichtig. Viel zu straff spannte sie sich über die feinen Gesichtszüge, sodass das Gesicht fast zu klein für die großen blauen Augen wirkte.

Mit einer zuvorkommenden Geste trat Raffaello zur Seite. „Signora Mallory, danke, dass Sie meine Einladung angenommen haben. Kommen Sie doch bitte herein.“

Sie zögerte nur kurz, bevor sie seiner Aufforderung nachkam. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass Sie mir eine Wahl gelassen hätten, Mr. Orsini. Auch hatte ich nicht damit gerechnet, dass das Treffen in Ihrem Zimmer stattfinden würde. Ich kann nicht behaupten, ich sei besonders erfreut darüber.“

Glaubte sie etwa, er sei um die halbe Welt gereist, um sie zu verführen? Ein ausschweifendes Schäferstündchen hätte er sich auch zu Hause gönnen können, wenn er es darauf angelegt hätte. „Ich versichere Ihnen, meine Absichten sind völlig ehrenhaft.“

Sie ließ sich von ihm aus dem Mantel helfen, bevor sie knapp erwiderte: „Das sollten sie auch besser sein.“

Er musste sich ein Grinsen verkneifen und deutete zu den Flaschen auf dem Barschrank. „Darf ich Ihnen vor dem Dinner etwas zu trinken anbieten?“

Wieder zögerte sie. „Eine Weinschorle vielleicht, danke.“

„Also …“ Er schenkte Pinot Grigio in ein Weinglas ein und goss es mit Mineralwasser auf, während er sich selbst einen Whiskey genehmigte. „Erzählen Sie mir ein wenig von sich, signora. Ich weiß nur, dass Sie und meine verstorbene Frau Freundinnen waren und dass Sie Witwe sind und einen kleinen Sohn haben.“

„Das ist immerhin mehr, als ich über Sie weiß, Mr. Orsini“, sagte sie mit entwaffnender Offenheit. „Und da ich nicht die geringste Ahnung habe, worum es bei unserem Treffen überhaupt geht, würde ich gern zum Kern der Sache kommen, ohne Zeit auf meine Lebensgeschichte zu verschwenden, an der Sie sicherlich kein wirkliches Interesse haben.“

Mit den Gläsern in den Händen kam er zu ihr und reichte ihr die Weinschorle. „Da irren Sie sich. Ich habe meine Gründe, mehr über Sie zu erfahren.“

„Fein. Dann werden Sie sicherlich Verständnis dafür haben, dass ich Ihre Neugier nicht zu befriedigen gedenke, solange Sie mir diese Gründe nicht mitteilen. Ich will gar nicht behaupten, ich wüsste, wie solche Dinge in Sizilien gehandhabt werden, aber in diesem Land hier stimmt keine Frau mit auch nur einem Funken Verstand zu, einen wildfremden Mann in seinem Hotelzimmer zu treffen. Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht gekommen.“ Sie stellte das Weinglas ab und sah auf ihre Armbanduhr. „Sie haben genau fünf Minuten für Ihre Erklärung, dann gehe ich wieder.“

Er nippte an seinem Whiskey und musterte sie anerkennend. „Jetzt verstehe ich, warum Sie und meine Frau befreundet waren. Auch sie ist immer direkt auf den Punkt gekommen. Es war einer von vielen Charakterzügen, die ich an ihr bewunderte.“

„Viereinhalb Minuten, Mr. Orsini.“

„Also gut.“ Er zog einen Brief aus der Ledermappe, die er auf dem Tisch bereitgelegt hatte. „Der hier ist an Sie gerichtet. Ich denke, er wird alles erklären.“

Als Corinne die Handschrift erkannte, wurde sie blass. „Der Brief ist von Lindsay.“

„Sì.“

„Woher wissen Sie, was drinsteht?“

„Ich habe ihn gelesen.“

Bei seinen Worten wurde sie rot vor Zorn. „Wer gab Ihnen das Recht dazu?“

„Ich.“

„Ich werde mir merken, nie private Korrespondenz herumliegen zu lassen, wenn Sie in der Nähe sind.“ Ihre blauen Augen blitzten vor Empörung.

„Lesen Sie diesen Brief, signora, und danach können Sie den lesen, den Lindsay an mich gerichtet hat. Vielleicht werden Sie mir dann mit weniger Feindseligkeit begegnen und verstehen, warum ich den weiten Weg zurückgelegt habe, um mich mit Ihnen zu treffen.“

Sie warf ihm einen misstrauischen Blick zu, beugte dann aber den Kopf und las. Anfangs war ihre Hand noch ruhig, doch je weiter sie las, desto mehr begann das Blatt in ihren Fingern zu zittern, bis Corinne selbst am ganzen Körper bebte.

Fassungslos und ungläubig zugleich schaute sie Raffaello an. „Das … Das ist doch absolut lächerlich! Sie kann nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen sein!“

„Meine Frau war bis zu ihrem letzten Atemzug geistig klar. Die Krankheit hat ihren Körper zerstört, nicht ihren Geist.“ Er schob seinen Brief über den Tisch. „Hier steht ihre Bitte an mich. Sie sehen, beide Briefe wurden am gleichen Tag geschrieben. Dies hier ist eine Kopie. Sie können sie behalten, wenn Sie möchten, um später in Ruhe nachzulesen.“

Corinne überflog das Blatt, bevor sie es ihm kopfschüttelnd zurückreichte. „Ich habe erhebliche Schwierigkeiten, Lindsays Bitte zu akzeptieren.“

„Objektiv betrachtet lässt sich ein gewisser Sinn nicht bestreiten.“

„Da bin ich anderer Ansicht“, widersprach sie tonlos. „Ihnen muss der Sinn auch entgangen sein, sonst hätten Sie nicht so lange gewartet, um sich damit an mich zu wenden. Sie sind vor über drei Jahren geschrieben, wenn man dem Datum Glauben schenken darf.“

„Ich habe sie erst vor wenigen Wochen zufällig entdeckt, als ich ein altes Fotoalbum durchsah. Ich muss gestehen, dass ich zuerst genauso reagiert habe wie Sie.“

„Sie wollen damit doch hoffentlich nicht andeuten, dass Sie Lindsays Wunsch jetzt erfüllen möchten?“

„Zumindest sollte man über ihn nachdenken.“

Corinne griff nach ihrem Weinglas. „Ich glaube, ich könnte jetzt etwas Stärkeres vertragen“, murmelte sie.

„Mir ist klar, dass man sich an diesen Vorschlag erst gewöhnen muss, Signora Mallory, aber ich hoffe, Sie werden ihn nicht sofort von der Hand weisen. Von der praktischen Seite her gesehen birgt ein derartiges Arrangement viele Vorteile.“

„Ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten, Mr. Orsini, aber wenn Sie das denken, können Sie unmöglich alle Tassen im Schrank haben.“

„Eine interessante Redewendung“, erwiderte er, wobei er sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte, „die aber keineswegs zutrifft. Ich hoffe, ich kann Sie beim Dinner davon überzeugen.“

„Nachdem ich diese Briefe gelesen habe, halte ich ein gemeinsames Dinner für keine gute Idee.“

„Wieso? Befürchten Sie, es könnte mir gelingen, Ihre Meinung zu ändern?“

„Nein“, erwiderte sie im Brustton der Überzeugung.

„Was kann es dann also schaden, wenn wir die Angelegenheit über einem guten Essen diskutieren? Wenn Sie danach noch immer gehen wollen, werde ich Sie bestimmt nicht aufhalten. Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie nicht die Einzige sind, die ihre Zweifel hat. Auch ich bin keineswegs von der Durchführbarkeit der Wünsche meiner verstorbenen Frau überzeugt, doch um ihr Andenken zu ehren, bin ich bereit, darüber zu reden. Sie würde es von mir erwarten und, so wage ich zu behaupten, von Ihnen ebenfalls.“

Corinne kämpfte mit sich, bevor sie nach einem Moment zustimmte. „Na schön, ich bleibe – um Lindsays willen, weil es ihr scheinbar so viel bedeutete. Aber machen Sie sich keine großen Hoffnungen“, erwiderte sie seufzend.

Er hob sein Glas zu einem Toast. „Auf Lindsay.“ Es klopfte an der Tür. „Das wird unser Dinner sein. Ich habe es aufs Zimmer bestellt, denn ich denke nicht, dass wir unser Thema in der Öffentlichkeit diskutieren sollten.“

„Nein, wahrscheinlich nicht.“ Ihre Antwort signalisierte Einverständnis, doch der gehetzte Blick, mit dem sie sich in der Suite umsah, deutete eher darauf hin, dass sie nach einem schnellen Fluchtweg suchte. „Kann ich mich etwas frisch machen, bevor wir uns zu Tisch setzen?“

„Natürlich.“ Er deutete zum Gästebad auf dem Korridor. „Lassen Sie sich Zeit, signora. Ich nehme an, der Chef und seine Leute werden ein paar Minuten brauchen, um alles aufzutragen.“

Sie brauchte mehr als nur ein paar Minuten, um sich wieder zu fassen!

Corinne verschloss die Tür hinter sich und starrte in den Spiegel. Sie wunderte sich nicht, als ihr fiebrig glühende Augen aus einem hochroten Gesicht entgegensahen. Ihre Sinne wurden auf eine harte Probe gestellt, eigentlich seit Raffaello Orsini seine Suitentür geöffnet und sie sich vor dem attraktivsten Mann wiedergefunden hatte, der ihr je unter die Augen gekommen war.

Lindsay hatte ihr damals Fotos von der Hochzeit geschickt. Aber Fotos konnten nicht die raue Sinnlichkeit einfangen, die dieser Mann ausstrahlte, da musste man ihm schon persönlich gegenüberstehen. Seine magnetische Anziehungskraft versetzte Corinne praktisch in Trance.

Er sah ganz anders aus, als sie sich vorgestellt hatte. Gut, er hatte das schwarze Haar und die typische oliv getönte Haut der Mittelmeerbewohner, aber soweit sie wusste, wurden sizilianische Männer normalerweise nicht knapp zwei Meter groß und hatten meist auch nicht Schultern, die jeden Rugbyspieler vor Neid erblassen lassen würden.

Was nun sein Gesicht betraf … Sie hatte es kaum über sich gebracht, ihn anzusehen, aus Angst, sie könnte die ganze Zeit auf seinen vollen sinnlichen Mund starren oder sich in seinen rauchgrauen Augen verlieren.

Sein Anblick hatte ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen. Jetzt begann sie auch zu verstehen, wieso Lindsay so willig bereit gewesen war, für diesen Mann alles aufzugeben. Seinen fein gemeißelten Gesichtszügen, dem markanten Kinn und der tiefen samtenen Stimme war zugegebenermaßen schwer zu widerstehen.

Die Luxussuite im dreiundzwanzigsten Stock, in die er sich einquartiert hatte, war ebenso atemberaubend. Sie war größer als die meisten Wohnungen. In dem riesigen Wohnraum stand sogar ein Konzertflügel, der Tisch in der Essnische bot Platz für sechs Personen, und überall hingen erlesene Kunstwerke an den Wänden. Corinne konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass jemand viel Zeit darauf verwenden würde, die Gemälde zu studieren. Nicht wenn die Fensterfront freien Blick auf den Stanley Park, die Lions Gate Bridge, Coal Harbour und die North Shore Mountains bot.

Das Verwirrendste jedoch war der Grund, aus dem er sie herbestellt hatte. Würde sie Lindsays Handschrift nicht genau kennen, hätte sie diese Briefe nie für echt gehalten. Die Echtheit konnte sie also akzeptieren, den Inhalt allerdings begriff sie immer noch nicht.

Deshalb hatte sie den an sie gerichteten Brief auch mit ins Bad genommen, um ihn noch einmal zu lesen, ohne Raffaello Orsinis forschenden Blick auf sich liegen zu spüren.

12. Juni 2005 Liebste Corinne, ich hatte gehofft, dich noch einmal zu sehen. Wir hätten dann miteinander reden können, so wie wir es immer getan haben, offen und ohne etwas zurückzuhalten. Ich hatte auch gehofft, Elisabettas dritten Geburtstag miterleben zu können, doch inzwischen weiß ich, dass mir beides nicht mehr vergönnt sein wird. Mir bleibt nicht viel Zeit, um meine Angelegenheiten zu regeln, daher muss ich es schriftlich machen. Corinne, du bist nunmehr seit fast einem Jahr Witwe, und ich weiß besser als jeder andere, wie schwer es für dich gewesen ist. Ich sehe inzwischen mit eigenen Augen, wie schmerzhaft Trauer sein kann, aber dann auch noch Geldsorgen zu haben … Zumindest das blieb mir erspart. Doch selbst mit Geld lässt sich keine Gesundheit kaufen, auch kann es einem Kind nicht den Verlust eines Elternteils ersetzen. Das ist etwas, das dein Sohn und jetzt auch bald meine Tochter durchmachen müssen und mich dazu bringt, diesen Brief zu schreiben. Alle Kinder haben ein Recht auf zwei Elternteile, Corinne. Eine Mutter, um die kleinen Wehwehchen wegzuküssen, um einer Tochter den Weg zur Frau zu ebnen und um einen Sohn Mitgefühl und Zärtlichkeit zu lehren. Sie brauchen auch einen Vater, der sie vor einer Welt beschützt, deren sinnlose Grausamkeiten sie in so jungen Jahren noch nicht verstehen können, und der ihnen dann später beibringt, wie man sich dagegen wehrt. Mit Raffaello habe ich so viel Glück erfahren. Er ist ein wunderbarer Mann und das beste Rollenvorbild für einen kleinen Jungen, der ohne Vater aufwachsen muss. Raffaello würde Matthew so unendlich guttun. Und wenn ich nicht mehr für meine Elisabetta da sein werde, dann kann ich mir niemand Besseren vorstellen als dich, Corinne, um meinen Platz einzunehmen. Ich liebe dich praktisch seit dem Augenblick, als wir uns damals in der ersten Klasse begegneten, du bist meine Seelenschwester. Deshalb bitte ich dich, mir meinen letzten Wunsch zu erfüllen – dass nämlich du dich mit Raffaello zusammentust, in einer Ehe, und ihr die leeren Plätze im Leben unserer Kinder füllt. Ihr seid zwei Menschen, die einander viel geben können. Doch ich habe noch einen ganz egoistischen Grund. Elisabetta ist zu jung, um mich in Erinnerung zu behalten. Ich hasse den Gedanken. Natürlich wird Raffaello alles tun, um mich in ihrem Herzen lebendig zu halten, doch niemand kennt mich so genau wie du. Du kannst ihr erzählen, wie ich als Kind und als Teenager war. Du kannst ihr von meinem ersten Flirt erzählen, meinem ersten Kuss, meinem ersten Liebeskummer, von meinem Lieblingsbuch, meinem Lieblingsfilm, meinem Lieblingslied … und noch so vieles mehr. Wir beide haben alles miteinander geteilt. Wenn Elisabetta sich an dich wenden kann, dann ist es fast so, als könnte sie mich fragen. Ich vertraue dir mein Leben an, Corinne, doch das ist nun nicht mehr viel wert. Daher vertraue ich dir meine Tochter an. Ich verspüre den verzweifelten Drang zu leben, und ich habe solche Angst zu sterben. Aber ich könnte beruhigter gehen, wenn ich wüsste, dass Raffaello und du …

Hier endete der Brief, als hätte Lindsay keine Kraft mehr gehabt. Oder vielleicht waren es die Tränen gewesen, die sie daran gehindert hatten, weiterzuschreiben. Die Spuren waren auf dem Papier zu sehen, Spuren, die durch Corinnes Tränen jetzt aufgefrischt wurden.

Corinne griff eine Hand voll Kleenextücher und wischte sich den verlaufenen Mascara weg, der zu allem Übel in ihren Augen brannte.

„Oh, Lindsay“, flüsterte sie verzweifelt. „Du weißt, dass ich alles für dich tun würde. Alles … Aber das kannst du nicht von mir verlangen.“

2. KAPITEL

Als Corinne in den Salon zurückkehrte, stand der Mond am Himmel und sandte silberne Strahlen auf die schwarze Wasseroberfläche im Hafen. In der Suite leuchtete eine Bodenlampe und warf einen warmen Schein auf die Chaiselongue beim Fenster. Auf dem gedeckten Esstisch schimmerten Kristall und Silber im Schein der Kerzen. Corinne war erleichtert, als sie die dezente Beleuchtung sah. Das schwache Kerzenlicht würde ihre rot geweinten Augen kaschieren und verbergen, dass die Wimperntusche längst verschwunden war.

Raffaello Orsini rückte ihr den Stuhl zurecht und setzte sich dann ihr gegenüber. Mit einem unmerklichen Nicken ließ er den Kellner wissen, dass der Wein gereicht werden konnte. Doch Corinne schmeckte nichts von dem leichten weißen Burgunder, denn Lindsays Brief hatte sie zutiefst getroffen. Vermutlich würde sie keinen Bissen hinunterbekommen. Inzwischen bereute sie es, die Einladung angenommen zu haben. Sie war nicht nur verwirrt und erschüttert, sondern sah vermutlich wie ein Häufchen Elend aus. Welche Frau würde sich unter solchen Umständen schon wohlfühlen?

Immerhin besaß der Mann so viel Anstand, mit keinem Wort auf ihr Äußeres anzuspielen. Stattdessen plauderte er bei der delikaten Vorspeise witzig und geistreich über seine ersten Erfahrungen als Tourist in der Stadt. Bis das Dessert serviert wurde, hatte Corinne sich im Laufe des mit Sorgfalt zusammengestellten Menüs immerhin so weit entspannt, dass sie tatsächlich etwas von den erlesenen Delikatessen schmecken und ihren Gastgeber näher begutachten konnte.

Dieser Mann strahlte vor allem Selbstsicherheit aus, sein Reichtum war nicht einmal so vorrangig. Auch wenn es offensichtlich war, dass er mehr Geld besaß, als er ausgeben konnte, und über die Macht verfügte, die mit diesem Wohlstand einherging. Eine gefährlich verlockende Kombination. Corinne gefiel sein Scharfsinn. Wenn er lächelte – was er eher selten tat –, dann hätte sie fast den eigentlichen Grund für ihre Anwesenheit vergessen und sich einbilden können, hier säßen nur ein Mann und eine Frau bei einem angenehmen Abendessen zusammen.

Fast. Denn sie wagte es nicht, sich gänzlich zu entspannen. Er war ein vielschichtiger Mann, die faszinierende Verkörperung von Widersprüchen. Die schmale Patek Philippe-Uhr, die handgemachten Schuhe und der maßgeschneiderte Anzug gehörten zum Bild des Finanztycoons, der mit Milliarden jonglierte, und gleichzeitig konnte man sich bei der verhaltenen Kraft seiner breiten Schultern und den durchtrainierten Muskeln gut vorstellen, wie er mit einer Ziege über der Schulter die sizilianischen Berge erklomm. Dennoch war nichts Derbes an ihm, im Gegenteil. Er war das Paradebeispiel eines Mannes von Welt, charmant und attraktiv. Eine Mischung, die eine Frau um den Verstand bringen konnte.

Sie würde auf der Hut sein müssen. Als hätte er ihre Gedanken erraten, ging er plötzlich zum Angriff über.

„Bis jetzt habe ich die ganze Zeit geredet, signora. Nun sind Sie an der Reihe. Erzählen Sie mir etwas Aufregendes von sich, bitte.“

„Da gibt es nicht viel zu berichten, fürchte ich.“ Seine Aufforderung behagte ihr nicht, denn sie konnte sich nicht vorstellen, wohin das führen sollte. „Ich bin eine alleinerziehende Mutter, da bleibt nicht viel Zeit für Aufregendes.“

„Sie meinen, Sie sind zu beschäftigt damit, sich Ihren Lebensunterhalt zu verdienen?“

„So ungefähr, ja.“

„Was machen Sie beruflich?“

„Ich bin Chefköchin.“

„Richtig. Ich erinnere mich wieder, dass meine Frau einmal davon sprach. Sie haben in einem Fünf-Sterne-Restaurant gearbeitet, nicht wahr?“

„Vor der Heirat, ja. Danach blieb ich zu Hause, war Ehefrau und Mutter. Als mein Mann starb, wurde ein … Einkommen notwendig. Also eröffnete ich einen kleinen Partyservice.“

„Führen Sie ihn allein, oder haben Sie Personal eingestellt?“

„Anfangs war ich allein. Doch jetzt ist mein Kundenkreis größer geworden, und ich hole bei Bedarf Aushilfen. Die Essenszubereitung übernehme ich allerdings selbst. Ebenso erwarten meine Kunden, dass ich bei besonderen Anlässen persönlich die Aufsicht führe.“

„Es ist nicht leicht, sein eigener Chef zu sein. Was hat Sie zu dieser Entscheidung gebracht?“

„Es war die perfekte Lösung. So konnte ich immer für meinen Sohn da sein, vor allem, als er noch ein Baby war.“

„Unabhängigkeit und Kreativität bewundere ich an einer Frau.“ Er verschränkte die Finger und warf ihr einen anerkennenden Blick zu. „Und jetzt, wo Ihr Sohn älter ist?“

„Es ist nicht mehr so einfach“, gab sie zu. „Er ist aus dem Alter heraus, wo er sich friedlich in einer Ecke mit seinem Spielzeug beschäftigt, während ich das Büffett für eine sechzigköpfige Hochzeitsgesellschaft vorbereite.“

„Kann ich mir denken.“ Er lächelte verständnisvoll. „Wer passt dann auf ihn auf, wenn Sie sich um die kulinarischen Bedürfnisse von sechzig wildfremden Leuten kümmern?“

„Meine Nachbarin.“ Innerlich wand sie sich bei seiner treffenden Frage. „Eine ältere Frau, Witwe und Großmutter. Sie ist sehr zuverlässig.“

„Aber sicher nicht so liebevoll wie Sie, oder?“

„Kann denn überhaupt jemand eine Mutter ersetzen, Mr. Orsini?“

„Nein. Wie ich zu meinem großen Leidwesen selbst feststellen muss“, antwortete er gedankenverloren, bevor er abrupt das Thema wechselte. „Wie wohnen Sie?“

Pikiert schnappte sie nach Luft. „Nicht in heruntergekommenen Verhältnissen, wie Sie vermutlich annehmen.“ Was mochte Lindsay ihrem Mann über ihre Situation erzählt haben?

„Das war ganz und gar nicht meine Absicht“, stritt er sofort ab. „Ich möchte einfach nur mehr über Sie erfahren. Sozusagen den Hintergrund für ein sehr reizvolles Porträt füllen.“

Etwas beschwichtig erwiderte sie: „Ich habe ein kleines Reihenhaus in einem ruhigen Wohngebiet einige Meilen außerhalb der Stadt gemietet.“

„Mit anderen Worten, in einer sicheren Gegend, wo Ihr Sohn im Garten spielen kann, ohne dass man sich Sorgen machen muss.“

Corinne sah die winzige Terrasse vor sich, die vor der Küchentür lag, und den Rasen, der nicht größer als ein Badelaken war. Sie sah die Shaws vor sich, ihre Nachbarn zur anderen Seite, ein verknöchertes altes Ehepaar, das sich ständig beschwerte, Matthew mache zu viel Lärm. „Das Haus hat keinen richtigen Garten. Ich gehe mit meinem Sohn in den Park zum Spielen, und wenn ich keine Zeit habe, dann nimmt meine Nachbarin ihn dorthin mit.“

„Aber gibt es keine anderen Kinder in seinem Alter, mit denen er etwas unternehmen kann?“

„Leider nicht. Die meisten Bewohner dieser Anlage sind ältere Leute. Rentner, so wie meine Nachbarin.“

„Hat er wenigstens einen Hund oder eine Katze?“

„Laut Mietvertrag dürfen keine Haustiere gehalten werden.“

Raffaello zog die Augenbrauen hoch. „Dio, bei so wenig Freiheiten muss sich der Arme ja wie im Gefängnis fühlen.“

Sie verschwieg ihm, dass sie ähnlich dachte. „Nichts ist perfekt, Mr. Orsini. Liefe alles immer genau richtig, dann würden unsere Kinder nicht nur mit einem Elternteil aufwachsen müssen.“

„Aber sie tun es. Was mich zu meiner nächsten Frage bringt. Nachdem Sie nun Zeit hatten, sich von dem ersten Schock zu erholen … Was halten Sie von dem Vorschlag in dem Brief?“

„Wie?“ Verwirrt blickte sie ihn an. Seine Augen waren durchdringend und abwartend auf sie gerichtet.

„Ich möchte endlich Ihre Meinung dazu hören.“ Ein unnachgiebiger Ton hatte sich in seine Stimme geschlichen. „Sie haben doch sicher nicht den eigentlichen Grund vergessen, warum Sie hier sind, Signora Mallory, oder?“

„Wohl kaum. Ich habe bisher nur nicht … viel über die Angelegenheit nachgedacht.“

„Dann schlage ich vor, dass Sie damit anfangen. Es ist viel Zeit vergangen, seit meine Frau ihren letzten Wunsch niedergeschrieben hat. Ich möchte nicht unnötig weitere Zeit verschwenden.“

„Um eines klarzustellen, ich lasse mich nicht herumkommandieren, Mr. Orsini, von niemandem. Da Sie so auf eine Antwort drängen, will ich offen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Lindsays Bitte jemals erfüllen werde.“

„So wenig bedeutet Ihnen also Ihre Freundschaft?“ „Es wird Ihnen nicht gelingen, mich emotional zu erpressen“, schoss sie zurück. „Das funktioniert bei mir nicht.“

Die rauchgrauen Augen verdunkelten sich. Aus unterdrücktem Ärger? Aus Trauer oder Frustration? Corinne wusste es nicht zu sagen.

„Von Gefühlen war hier niemals die Rede. Es ist ein rein geschäftlicher Vorschlag, eine Abmachung, die einzig und allein zum Wohle Ihres und meines Kindes getroffen wird. Um die Vereinbarung zu realisieren, ist es das Einfachste, dass Sie und ich heiraten.“

„Das ist meiner Meinung nach völlig unakzeptabel. Falls Sie es noch nicht wissen sollten, aber arrangierte Ehen sind in diesem Land lange aus der Mode. Sollte ich jemals wieder heiraten, was unwahrscheinlich ist, dann einen Mann meiner Wahl.“

„Ich hatte den Eindruck, Signora Mallory, dass Sie in keiner Position sind, so wählerisch zu sein. Wie Sie selbst beschrieben haben, wohnen Sie zur Miete und sind der Willkür Ihres Vermieters ausgeliefert. Sie sind überarbeitet, und so verbringt Ihr Sohn mehr Zeit mit einer Fremden als mit Ihnen.“

„Zumindest bin ich unabhängig.“

„Ein Zustand, für den Sie und Ihr Sohn einen hohen Preis zahlen.“ Einen Moment lang musterte er sie schweigend, dann wurde sein Ton versöhnlicher. „Ich bewundere Ihre Energie und Ihre Willensstärke, cara mia, aber warum sind Sie so versessen darauf, Ihren bisherigen Lebensstil beizubehalten, wenn ich Ihnen viel mehr bieten kann?“

„Schon allein deshalb, weil ich es nicht mag, wenn man mir Almosen in den Rachen stopfen will.“ Mich „cara mia“ zu nennen wird daran nichts ändern!

„So sehen Sie das also? Begreifen Sie denn nicht, dass beide Seiten davon profitieren würden? Meine Tochter gewinnt bei diesem Arrangement ebenso wie Ihr Sohn.“

Abwesend strich Corinne mit den Fingerspitzen über die Knospen des exquisiten Rosengestecks, das den Tisch schmückte. Die samtenen Blütenblätter ließen sie an Matthews weiche Haut als Baby denken, bevor er sich zu einem kleinen Tyrannen entwickelt hatte.

… Raffaello wird alles tun, um mich in ihrem Herzenlebendig zu halten. Wenn Elisabetta sich an dich wenden kann, dann ist es fast so, als könnte sie mich fragen … Ich vertraue dir meine Tochter an, Corinne … So ähnlich hatte Lindsay es in ihrem Brief ausgedrückt.

Offensichtlich schien Raffaello überzeugt zu sein, dass sie über seine Worte nachdachte, denn er ließ nicht locker. „Befürchten Sie, ich könnte meine ehelichen Rechte im Schlafzimmer einfordern?“

„Woher soll ich das wissen? Würden Sie das denn?“ Seine Frage ärgerte sie so sehr, dass sie unüberlegt geantwortet hatte.

„Möchten Sie denn, dass ich sie einfordere?“

Corinne öffnete den Mund für ein klares Nein, doch sie schloss ihn wieder, als ein Bild in ihrem Kopf auftauchte – unerwartet, unwillkommen, unglaublich erotisch –, wie Raffaello Orsini nackt aussehen mochte. Die plötzliche Hitzewelle, die ihren Körper durchströmte, schockierte sie zutiefst.

Die letzten vier Jahre hatte sie wie ein Automat funktioniert. Ihre sämtlichen Energien waren darauf ausgerichtet gewesen, ihrem Sohn ein sicheres Zuhause zu schaffen, angefangen bei der Miete, der Krankenversicherung, dem Essen, bis hin zum Abbezahlen der Schulden, die ihr verstorbener Mann hinterlassen hatte. Eigene Bedürfnisse hatte sie beiseite geschoben, hatte sie verdrängt und negiert. Es war einfach lächerlich, in dieser Situation von Fantasien heimgesucht zu werden, die ihr nicht behagten. Allerdings wurde sie auch daran erinnert, dass sie eine Frau war. Ihre Sexualität mochte auf Sparflamme zurückgeschaltet sein, dennoch war die Glut nicht völlig erloschen.

„Diesen Punkt brauchen Sie jetzt nicht zu entscheiden“, meinte Orsini gewandt. „Hier dreht es sich hauptsächlich um das Wohlergehen zweier Kinder. Ich werde Sie nicht zwingen, die Ehe gegen Ihren Willen zu vollziehen. Aber Sie sind eine attraktive Frau, und als heißblütiger Sizilianer würde ich Ihre Versuche in diese Richtung auch nicht sabotieren, sollten Sie solche unternehmen.“

Seine Arroganz war unfassbar! Eher würde sie freiwillig in ein Kloster gehen, bevor sie körperliche Aufmerksamkeiten von ihm wollte! „Dafür besteht nicht die geringste Chance, denn ich habe nicht vor, mich auf Ihren Vorschlag einzulassen. Es ist eine lausige Idee.“

„Was ist verkehrt daran, wenn zwei Erwachsene sich zusammentun, um ihren Kindern ein normales Familienleben zu bieten? Meinen Sie nicht, die beiden hätten es verdient?“

„Die verdienen das Beste, was wir ihnen geben können. Dass ihre jeweiligen Elternteile aus falschen Gründen heiraten, gehört nicht dazu.“

„Dem würde ich zustimmen, wenn wir uns vormachten, dass Gefühle im Spiel seien, signora. Aber wir gehen die Sache ja verstandesmäßig an. Meiner Meinung nach erhöht das die Chancen für ein Gelingen erheblich.“

„Verstandesmäßig?“ Sie verschluckte sich fast an dem Kaffee. „So definieren Sie es also?“

„Wie sonst? Wir suchen in der zweiten Ehe nicht nach Liebe. Wir beide haben unsere wahren Seelenpartner verloren, wir hegen keine romantischen Illusionen, wir gehen lediglich einen bindenden Vertrag ein, um das Leben unserer Kinder zu verbessern.“

Von seiner Logik und seinem durchdringenden Blick gleichermaßen zermürbt, stand Corinne auf und stellte sich ans Fenster. „Sie vergaßen den finanziellen Vorteil zu erwähnen, den ich durch ein solches Arrangement erhalten würde.“

„Das ist für mich nebensächlich.“

„Für mich ist es aber wichtig.“

„Wieso? Weil Sie das Gefühl haben, gekauft zu werden?“

„Unter anderem, ja.“

„Das ist lächerlich.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wenigstens einmal sind wir uns also einig. Die Idee ist lächerlich. Leute heiraten nicht aus solchen Gründen.“

„Aus welchen Gründen dann?“

Durch seine Hartnäckigkeit aufgerieben, suchte sie nach einer Antwort und entschied sich für genau die falsche. „Wie Sie selbst sagten – aus Liebe.“

Dabei war sie in der Vergangenheit eines Besseren belehrt worden. Was ihr als Liebe erschienen war, hatte sich letztendlich als Lust herausgestellt. Schwärmerei. Selbsttäuschung. Illusion. Das einzig Gute an ihrer Ehe war Matthew. Wäre Joe nicht gestorben, hätten sie irgendwann vorm Scheidungsrichter gestanden.

Wie aus weiter Ferne drang Raffaello Orsinis Stimme in ihre Gedanken. „Auch dieses Mal sollten Sie aus Liebe heiraten – aus Liebe zu Ihrem Sohn. Hören Sie sein Lachen, wenn er mit einem Freund in einem riesigen Garten spielt. Stellen Sie sich vor, wie er an einem Privatstrand Sandburgen baut oder wie er in einer sicheren flachen Bucht in warmem Wasser schwimmen lernt. Sie selbst leben in einer geräumigen Villa und werden nicht mehr von Geldsorgen geplagt. Sie haben alle Zeit der Welt, um sie mit Ihrem Sohn zu verbringen. Stellen Sie sich all das vor, und dann sagen Sie mir, ob es tatsächlich eine so lausige Idee ist, wenn wir uns zusammentun.“

Er bot Matthew mehr, als sie ihrem Sohn je würde geben können. Auch wenn sie wusste, dass es reine Bestechung war … Hatte sie als Mutter das Recht, ihrem Sohn ein besseres Leben vorzuenthalten, wenn sie jeden Penny zweimal umdrehen und oft Nein zu Matthew sagen musste?

Auf der anderen Seite … Jeder wusste, dass man nichts geschenkt bekam, und wenn etwas zu gut schien, um wahr zu sein, dann war es höchstwahrscheinlich auch nicht wahr. Dieser seltsame Handel, den Raffaello Orsini ihr da vorschlug, mochte sie letztendlich mehr kosten, als es die Sache wert war. Würde sie Matthew einen Gefallen tun, wenn sie den Respekt vor sich selbst verlor?

Sie zwang sich, ihre Gedanken in vernünftige Bahnen zu lenken. „Sie haben sich viel Mühe gegeben, um darzulegen, welche Vorteile mir diese Abmachung bietet, Mr. Orsini. Was springt dabei für Sie heraus?“

Sie blickte ihm nach, als er zur Bar ging und Cognac in zwei Schwenker goss. „Als Lindsay starb“, er kam zu ihr ans Fenster und reichte ihr ein Glas, „zogen meine Mutter und meine Tante zu mir in die Villa, um sich um Elisabetta zu kümmern und, wenn ich ehrlich bin, auch um mich. Es war gut, dass sie es gemacht haben. Ich war zu jener Zeit zu wütend auf das Leben, zu sehr in meine Trauer verstrickt, um meiner Tochter der Vater sein zu können, den sie verdient. Die beiden Frauen haben ihr eigenes Leben zurückgestellt, um uns zu helfen.“

„Sie können sich glücklich schätzen, dass die beiden für Sie da sind.“

Er ließ den Cognac im Glas kreisen und schaute auf die goldbraune Flüssigkeit. „Ja, sehr glücklich. Ich bin ihnen auch dankbar.“

Als sie das Zögern in seiner Stimme hörte, warf sie ihm einen strengen Blick zu. „Aber?“

„Nun, sie haben Elisabetta maßlos verwöhnt. So sehr, dass die Kleine nicht mehr zu kontrollieren ist. Ich weiß nicht, wie ich es ihnen beibringen soll, ohne ihre Gefühle zu verletzen. Elisabetta braucht eine strenge Hand, und ich bin nicht unbedingt derjenige, der diese Hand hat. Teils weil ich oft geschäftlich unterwegs bin, teils aber auch …“ Er zuckte mit einer Schulter. „Ich bin ein Mann, Corinne.“

Seltsam, die Tatsache, dass er ihren Vornamen benutzte, versetzte sie in ein solches Hoch, dass sie ihre Zunge nicht mehr im Zaum hatte. „Ist mir aufgefallen.“ Entsetzt über sich selbst, versuchte sie abzuwiegeln. „Ich wollte damit nur sagen … Vermutlich gehen Sie wie die meisten Männer davon aus, dass Ihr Wort Gesetz ist.“

Er lachte auf, es war ein tiefes, warmes und wohltönendes Lachen, dann wurde er wieder ernst. „Sie haben Lindsays Briefe gelesen, Sie wissen, was sie sich wünschte. Wenn Sie etwas für mich tun können, dann erfüllen Sie den letzten Wunsch meiner Frau. Nehmen Sie Lindsays Platz in Elisabettas Leben ein. Helfen Sie meiner Tochter, die Frau zu werden, auf die ihre Mutter stolz sein würde. Was ich Ihnen biete, lässt sich in Euro messen. Was Sie mir geben können, ist unbezahlbar.“

„Sie sind sehr überzeugend, Mr. Orsini. Dennoch ist die Durchführung dieser Idee aus mehreren Gründen unmöglich.“

„Nennen Sie mir drei.“

„Mein Mietvertrag läuft noch weitere zwei Jahre.“

„Den löse ich für Sie ab.“

„Ich habe Verpflichtungen … Schulden.“

„Die zahle ich für Sie.“

„Ich will Ihr Geld nicht.“

„Sie brauchen es.“

Der Mann hatte für alles eine Lösung parat! Frustriert suchte sie nach einem anderen Argument. „Und wenn Sie meinen Sohn nicht mögen werden?“

„Müsste ich damit rechnen, dass Sie meine Tochter nicht mögen?“

„Natürlich nicht. Sie ist ein unschuldiges Kind.“

„Eben.“ Er spreizte die Finger vor sich, eine Geste, die mehr sagte als alle Worte. „Unsere Kinder sind unschuldig, und wir sind verantwortlich für ihr Wohl.“

„Sie erwarten von mir, dass ich meinen Sohn aus seinem Leben hier herauszerre und mit ihm nach Sizilien ziehe?“

„Was hält Sie hier? Ihre Eltern?“

Nicht unbedingt. Die Enttäuschung über ihre Eltern kam schon, als sie noch ein Teenager gewesen war.

Köchin? Abfälliger hätte niemand die Frage stellen können, als sie den beiden ihre Ambitionen mitgeteilt hatte.

Den ganzen Tag an einem heißen Herd zu stehen ist alles, was dir einfällt, nachdem wir uns für deine Ausbildung abgerackert haben? Doch das war noch harmlos gewesen im Vergleich zu der Reaktion, als Joe Mallory in ihr Leben getreten war. Heirate diesen Tunichtgut, und du hast von uns nichts mehr zu erwarten.

Dass ihre Eltern in Bezug auf Joe recht gehabt hatten, half Corinne nicht über das Gefühl hinweg, von ihnen im Stich gelassen worden zu sein. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich jemals von Matthew abwenden würde. Eltern taten so etwas einfach nicht. Ihre Eltern hatten es getan, und sie zeigten nicht die geringste Reue.

„Meine Eltern sind nach Arizona gezogen“, antwortete sie jetzt. „Wir sehen uns nur selten.“

„Sie haben sich entfremdet?“

„So kann man es wohl nennen“, erwiderte sie knapp.

„Dann haben Sie noch einen Grund, mich zu heiraten. Ich bringe eine Familie mit.“

„Ich spreche kein Italienisch.“

„Das werden Sie lernen, ebenso wie Ihr Junge.“

„Ihre Mutter und Ihre Tante könnten etwas dagegen haben, dass Sie eine Fremde ins Haus bringen.“

„Meine Mutter und meine Tante werden sich meinen Wünschen fügen.“

„Hören Sie auf, mich zu drängen!“, rief sie aus. Sie hatte das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Ganz gleich, was sie auch anführte … Er fand einen besseren Grund, warum auch sie sich seinen Wünschen fügen sollte.

„Verzeihen Sie mir. Sie stehen noch unter Schock, so wie ich auch, als ich die Briefe meiner Frau las. Es ist unentschuldbar von mir, von Ihnen eine sofortige Entscheidung zu verlangen.“

Er brachte seine Worte mit so viel ernst gemeinter Reue hervor, dass Corinne sich zu ihrem Entsetzen sagen hörte: „Genau. Ich brauche Zeit, um Vor- und Nachteile abzuwägen. Das kann ich nicht, wenn Sie mir die Pistole auf die Brust setzen.“

„Natürlich, das verstehe ich vollkommen.“ Er ging zum Schreibtisch, um einen Umschlag mit Fotos zu holen, die er auf dem Esstisch ausbreitete. „Diese hier werden Ihnen vielleicht bei der Entscheidungsfindung helfen. Soll ich Sie allein lassen, damit Sie sich die Bilder ansehen können?“

„Nein. Ich würde jetzt gern nach Hause gehen, um in Ruhe über Ihren Vorschlag nachzudenken.“

„Wie viel Zeit brauchen Sie? Ich muss so schnell wie möglich nach Sizilien zurückkehren.“

Sie könnte ihm ihre Antwort schon jetzt geben, aber es war nicht die, die er hören wollte. Also würde sie besser schweigen und zusehen, dass sie aus seiner Nähe fortkam. Das Risiko war so geringer, einer Sache zuzustimmen, die ganz und gar unmöglich war. „Morgen werde ich Ihnen meine Entscheidung mitteilen.“

„Einverstanden.“ Er sammelte die Fotos wieder ein und steckte sie in den Umschlag zurück. „Ich werde dem Fahrer Bescheid geben, den Wagen vorzufahren. Ich begleite Sie nach unten.“

Er führte sie durch die Lobby und nach draußen, bevor er ihr beim Einsteigen in die wartende Limousine half. Und dann, in letzter Minute, zog er den Umschlag mit den Fotos aus der Jackentasche und ließ ihn auf ihren Schoß fallen.

„Buona notte, Corinne“, wünschte er ihr. „Morgen erwarte ich Ihre Antwort.“

3. KAPITEL

Corinne warf Raffaello einen missbilligenden Blick zu und wollte ihm den Umschlag zurückreichen. Doch plötzlich fielen die Fotos heraus und verteilten sich über die Lederpolster des Rücksitzes. Noch während sie sie einsammelte, schloss Raffaello den Wagenschlag, und die Limousine setzte sich in Bewegung.

Nur weil Raffaello Orsini beschlossen hatte, dass sie die Fotos mitnahm, konnte niemand sie zwingen, sie sich anzusehen. Sie würde sie morgen per Kurier zurückschicken, zusammen mit ihrer abschlägigen Antwort.

Corinne war froh und erleichtert, als der Chauffeur den Wagen vor ihrem Haus stoppte.

Den Mantelkragen gegen die Kälte mit einer Hand fest um den Hals gezogen, eilte sie den gepflasterten Pfad entlang zu ihrer Haustür. Nachdem sie den kleinen Flur betreten hatte, wunderte sie sich über die ungewöhnliche Stille, die im Haus herrschte.

Normalerweise schaltete Mrs. Lehman den Fernseher ein, und da die alte Dame schwerhörig war, drehte sie die Lautstärke weit auf. Doch dieses Mal kam ihr Mrs. Lehman entgegen. Sie hielt ihren Hausschlüssel schon in der Hand, als könne sie gar nicht schnell genug in die eigene Wohnung zurückkehren. Als wäre das nicht seltsam genug, bemerkte Corinne den Bluterguss unter dem linken Auge der alten Dame.

Sofort ließ Corinne ihre Handtasche fallen und eilte zu Mrs. Lehman. „Großer Gott! Was ist mit Ihnen passiert? Wo ist Ihre Brille? Sie sind etwa gestürzt?“

„Nein, Liebes.“ Normalerweise war Mrs. Lehman eine herzliche und offene Person, doch dieses Mal mied sie Corinnes Blick. „Meine Brille ist zerbrochen.“

„Aber wie? Oh …“ Eine fürchterliche Ahnung überkam Corinne. „Bitte, sagen Sie nicht, dass Matthew dafür verantwortlich ist!“

„Nun … Ich fürchte, doch. Wir hatten … einen kleinen Zusammenstoß, als es Zeit wurde, ins Bett zu gehen, und er … er hat seinen Spielzeug-Lkw nach mir geworfen. Es war schon nach zehn, bevor er sich endlich beruhigt hat.“

Corinne krampfte sich der Magen zusammen. Da saß sie mit einem Fremden bei einem exquisiten Dinner zusammen, um sich einen völlig absurden Vorschlag anzuhören, und ihr Sohn nutzte die Zeit, um die Güte einer Frau zu missbrauchen, auf deren Hilfe Corinne sich immer hatte verlassen können.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Mrs. Lehman. Das tut mir entsetzlich leid.“ Sie begutachtete die Schwellung. Eine Schnittwunde war zu sehen, und um die Wunde herum hatte sich die Haut blau und violett verfärbt. „Warten Sie, ich hole Ihnen einen Eisbeutel zum Kühlen.“

„Nein danke, Liebes, ich möchte nur noch in mein eigenes Bett.“

„Dann begleite ich Sie nach Hause.“ Corinne dachte an den Raureif, der auf dem Pfad gefunkelt hatte. Sie würde es nicht riskieren, dass Mrs. Lehman ausrutschte und sich vielleicht auch noch die Hüfte brach. Für einen Abend war genug Schaden angerichtet worden. „Und morgen werden Matthew und ich zu Ihnen kommen. Nachdem ich mir meinen Sohn vorgeknöpft habe, meine ich.“

Vor lauter Sorgen konnte Corinne in dieser Nacht nicht einschlafen. Hoffentlich war die Verletzung nicht schlimmer, als sie ausgesehen hatte. Hatte Mrs. Lehmann vielleicht eine Gehirnerschütterung erlitten? Was wäre, wenn sie in der Nacht ins Koma fiel? Oder wenn ihr Augen unheilbar verletzt worden war? Auf dem kurzen Weg zurück zu ihrem Haus waren Mrs. Lehmans Schritte sicher gewesen. Sie hatte auch keine Probleme gehabt, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, aber die Frau war Mitte siebzig, und in diesem Alter …

Die Fantasie ging mit ihr durch! Corinne riss sich zusammen und gestand sich den wahren Grund für ihre Angst ein. Was war mit ihrem Sohn los, dass er sich so schrecklich benahm? Einen „kleinen Zusammenstoß“ hatte Mrs. Lehman es genannt, doch bei einer zerbrochenen Brille und einem blauen Auge war dies eine glatte Untertreibung.

Wenn Corinne ehrlich zu sich war, hätte sie gar nicht so überrascht sein müssen. Sie selbst hatte in letzter Zeit mehrere solcher „Zusammenstöße“ mit Matthew gehabt. Wie konnte sie verhindern, dass diese Wutanfälle immer häufiger auftraten und schlimmer wurden, bevor etwas wirklich Ernstes passierte?

Irgendwann gegen vier Uhr morgens fiel Corinne in einen unruhigen Schlaf, in dem sie von Albträumen gequält wurde. Die kleinen Häuschen der Nachbarschaft lagen alle in Trümmern. Mrs. Lehman fuhr in einer großen schwarzen Limousine davon, die über und über mit ihren Habseligkeiten beladen war, und Corinne kletterte über Haufen von verkohlten Ziegelsteinen, während sie verzweifelt nach Matthew suchte. Doch sie fand nur Raffaello Orsini, der, auf einem Trümmerhaufen sitzend, lässig ein Kartendeck mischte. „Das ist alles, woraus Ihr Heim gemacht ist, signora“, sagte er und fächerte die Karten aus. „Sie haben nichts.“

Gegen acht Uhr schreckte sie schweißgebadet auf. Irgendwann in den frühen Morgenstunden musste Matthew zu ihr ins Bett gekrochen sein, denn er lag zusammengerollt an ihrer Seite. Er bot ein Bild kindlicher Unschuld, und ihr Herz zog sich zusammen.

Sie liebte ihren Sohn mehr als ihr Leben. Wahrscheinlich zu sehr, wie sie manchmal dachte. Das machte es ihr schwer, ihn wirklich streng zu disziplinieren. Wenn solche schlimmen Dinge wie gestern Abend passierten, fühlte sie sich als alleinerziehende Mutter völlig überfordert. Doch selbst wenn Joe noch leben würde, hätte er sich auch dieser Verantwortung entzogen, so wie er es stets tat. Er wäre als Vater ebenso untauglich gewesen, wie er es als Ehemann gewesen war.

Leise stieg Corinne aus dem Bett, duschte und schlüpfte in einen bequemen Jogginganzug, bevor sie in die Küche hinunterging, um das Frühstück zuzubereiten. Sollte sie Heidelbeerpfannkuchen machen, wie sie Matthew gestern versprochen hatte? Oder würde sie damit sein schlechtes Benehmen nur noch fördern? War sein schlimmes Verhalten ein ausreichender Grund, ihr Versprechen zu brechen? Ergaben zwei falsche Dinge ein richtiges?

Corinne haderte noch immer mit sich, als Matthew nach unten kam. Seine Decke hatte er über die Schultern geschlungen. Er kletterte auf den Schemel am Küchentresen. Mit den zerzausten Haaren und den schläfrigen Augen sah er so niedlich aus, dass Corinnes Herz überfloss.

Na schön, Pfannkuchen, aber keine Heidelbeeren, entschied sie im Stillen und goss ihm ein Glas Saft ein. Sie brauchte einen Kaffee. Stark und schwarz. Er würde ihr den nötigen Energieschub geben, um den vor ihr liegenden Tag zu meistern.

Über Nacht hatte der Himmel sich zugezogen. Ein feiner Nieselregen hüllte die kahlen Bäume in einen feuchten Nebel, der durch das undichte Fenster über der Küchenspüle ins Haus hereinzog. Im Haus nebenan rief Mrs. Shaw schrill nach Mr. Shaw, er solle seinen Haferbrei essen kommen. In Corinnes eigener kleinen Küche stach Matthew mürrisch in seine Pfannkuchen und kleckerte mit Sirup.

Corinne übte sich in Geduld, bis Matthew gegessen hatte, bevor sie ihn wegen seines gestrigen Benehmens zur Rede stellte. Wie erwartet, lief es nicht so, wie es sollte.

„Ich muss nicht auf Mrs. Lehman hören“, schmollte er trotzig. „Sie ist nicht meine Mommy. Sie ist doof.“ Er rutschte von dem hohen Hocker. „Ich gehe spielen.“

Corinne hielt ihn fest, bevor er zur Küche hinausrennen konnte. „Du wirst jetzt nicht spielen, junger Mann, sondern mir zuhören. Und dann ziehst du dich an, damit wir zu Mrs. Lehman gehen können. Du wirst dich bei ihr entschuldigen.“

„Nein!“ Er trat nach ihrem Schienbein. „Du bist auch doof!“

Es ist noch nicht neun Uhr, und schon geht der Ärger los, dachte sie frustriert. Als sie Matthew entschlossen in sein Zimmer zurücktrug und wortlos auf den Boden setzte, brach er in Tränen aus und stimmte ein jämmerliches Geheul an. Ausgerechnet jetzt klingelte es an der Tür.

Mit hängenden Schultern ging Corinne, um zu öffnen.

Mrs. Lehman stand auf der Schwelle. Ihr Auge war inzwischen zugeschwollen, der Bluterguss hatte sich dunkelblau gefärbt. „Nein danke, ich komme nicht herein“, lehnte sie Corinnes Einladung ab. „Meine Tochter und ihr Mann holen mich gleich ab, ich werde ihnen mit dem neugeborenen Baby helfen.“

„Wie schön, Mrs. Lehman. Aber Sie hätten doch auch anrufen können. Bei diesem Wetter aus dem Haus zu gehen … Wegen Matthew brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Im Januar läuft das Geschäft immer nur schleppend, ich bin sicher, ich kann …“

„Sehen Sie, genau deshalb kam ich her. Ich werde nicht mehr auf ihn aufpassen können, ich ziehe für immer zu meiner Tochter. Sie liegt mir schon seit Monaten in den Ohren, und hier hält mich nichts, seitdem mein Mann verstorben ist. Das wollte ich Ihnen persönlich sagen. Ich wollte mich bei Ihnen verabschieden, Sie waren immer so nett. Und Ihnen Ihren Schlüssel zurückgeben.“

„Ich verstehe.“ Nur zu deutlich, fügte Corinne in Gedanken hinzu. Der gestrige Abend musste der letzte Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Sie fühlte sich miserabel. „Es tut mir so leid, Mrs. Lehman. Ich habe den Eindruck, als hätte ich Sie vertrieben.“

„Unsinn! Ich denke schon lange darüber nach, was ich mit meinen letzten Jahren anfange, und ehrlich gesagt, selbst wenn ich hier wohnen bliebe, würde ich nicht mehr auf Matthew aufpassen wollen. Ich werde nicht jünger, und ich kann nicht mehr mit ihm mithalten.“ Ein bedrücktes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Sie sollten jetzt besser zu ihm zurückgehen. So, wie es sich anhört, haben Sie wohl schon alle Hände voll mit ihm zu tun.“

Ein Wagen fuhr vor, eine junge Frau stieg aus und sah zu ihnen hinüber. Erschreckt schnappte Mrs. Lehmans Tochter nach Luft, als sie das Gesicht ihrer Mutter sah, bevor sie einen wütenden Blick auf Corinne warf, die sich noch nie im Leben so geschämt hatte.

Die alte Dame umarmte Corinne mit einem traurigen Lächeln. „Auf Wiedersehen, meine Liebe, alles Gute für Sie.“

Corinne verschloss die Haustür und stieg mit einem schweren Seufzer die Treppe zu Matthews Zimmer hinauf. Mittlerweile hatte sich sein Wutanfall gelegt, und er spielte still mit einem Holzzug. Corinne wünschte, sie könnte es dabei belassen und den Vorfall von gestern Abend einfach übergehen. Doch das ging nicht. So jung Matthew auch war, er musste sich für seine Handlungen verantworten. Das war eine Lektion fürs Leben, und wer anderes als seine Mutter sollte sie ihm beibringen?

Es wurde ein schweres Gefecht. Corinne versuchte, geduldig und ruhig zu bleiben. Nichts wirkte, weder Reden noch Ermahnen. Matthew bekam stattdessen einen neuen Wutanfall.

Er brach ihr das Herz mit seinen Tränen und seinem Gebrüll. Was war ihrem kleinen Jungen mit dem sonnigen Gemüt und dem heiteren Wesen nur geschehen?

Sie wusste den Grund. Er brauchte eine Mutter, die ganz für ihn da war, aber dies war ihr nicht möglich. Die Tatsache, dass sie ihr Bestes unter den Umständen leistete, beruhigte nicht ihr schlechtes Gewissen. Irgendetwas musste sich ändern!

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand sah Corinne aus dem Küchenfenster und überdachte ihre Möglichkeiten. Sie könnte zusätzliches Personal einstellen und mehr Zeit mit ihrem Sohn verbringen. Aber gute Leute waren schwer zu finden und nicht billig, und Geld war seit Joes Tod ihr größtes Problem. Seit ihre Kreditwürdigkeit den Bach hinuntergegangen war wegen der Schulden, die er auf den gemeinsamen Konten gemacht hatte. Die Bank hatte die Hypothek gekündigt, und Corinne hatte aus der Neubausiedlung am Stadtrand mit den ruhigen Straßen und den vielen Bäumen, wo junge Familien mit Kindern wohnten, wegziehen müssen. Sie hatte den zuverlässigen Mittelklassewagen gegen einen zwölf Jahre alten Transporter tauschen müssen, der zwar groß genug für den Lieferservice war, bei dem man aber nie sagen konnte, wann er streikte. Sie hatte ihre Ansprüche auf das absolute Minimum herunterschrauben müssen.

Doch obwohl sie diejenige war, die jeden Penny umdrehte, war es Matthew, der den Preis letztendlich zahlen musste.

Wir haben keinen Spaß mehr miteinander. Früher habe ich mit ihm gespielt und ihm vorgesungen, ihn zum Lachen gebracht. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann wir das letzte Mal miteinander gelacht haben, dachte sie.

Früher hatte sie auch andere Dinge getan, dem nächsten Tag erwartungsvoll entgegengesehen und sich über Kleinigkeiten freuen können. Heute wachte sie auf und fragte sich, ob und wie sie den Tag überstehen sollte. Eigentlich lebte sie in ständiger Angst, als würde ein Damoklesschwert über ihr schweben.

Spürte Matthew unbewusst ihre Sorgen und ihre Müdigkeit?

„Unsere Kinder sind unschuldig, wir sind verantwortlich für ihr Wohl“, hatte Raffaello Orsini gestern Abend gesagt …

Allein der Gedanke an ihn schien das Haus mit seiner Gegenwart zu füllen, mit seiner unwiderlegbaren Logik.

„Was ist verkehrt daran, wenn zwei Erwachsene sich zusammentun, um ihren Kindern ein normales Familieleben zu bieten? Meinen Sie nicht, die beiden hätten es verdient?“

Unwillkürlich ging ihr Blick zu dem Umschlag, den sie gestern beim Nachhausekommen auf den Esstisch geworfen hatte. Ihre Füße schienen ein Eigenleben zu entwickeln und trugen sie dorthin. Sie setzte sich, nahm den Umschlag in die Hand und zog die Fotos heraus.

Es waren Aufnahmen von einer Villa. In den Räumen hingen Deckenventilatoren und Vorhänge in Pastellgrau und – blau an den Fenstern. An den Wänden waren Ölgemälde zu sehen, auf den Marmorböden lagen kostbare Teppiche, und die großen Balkone waren mit schmiedeeisernen Balustraden umgeben.

Ein Haus, wie Lindsay es geliebt hatte – es bot viel Platz und war einladend. Eine alte Steinmauer umgrenzte das Grundstück, ein Garten mit bunten Blumenbeeten und üppig grünen Rasenflächen, beschattet von hohen Palmen. Dahinter war das azurblaue Meer zu sehen.

Corinne hob den Blick und sah sich langsam um. Das hier nannte Matthew sein Zuhause. Das Reihenhaus war alt, aber nicht alt genug, um idyllisch zu sein. Die Räume waren klein, die Wände so dünn, dass sie in der Nacht Mr. Shaws Schnarchen hören konnte. Sie dachte an den winzigen Garten, der nicht einmal groß genug für einen Sandkasten war, ganz zu schweigen davon, dass Matthew hier mit seinem Dreirad fahren konnte. Letzten Sommer hatte Mrs. Shaw ein riesiges Theater veranstaltet, als Matthew mit seinem Ball einen ihrer Geranientöpfe zerbrochen hatte.

„Passen Sie in Zukunft gefälligst besser auf Ihr Gör auf!“, hatte sie gefaucht.

Corinne dachte daran, dass er hier keine Spielkameraden hatte. An die ständigen Ermahnungen, keinen Lärm zu machen, um die Nachbarn nicht zu stören. Kleine Jungs mussten Lärm machen. Sie sollten rennen und spielen, bis sie völlig verausgabt und glücklich waren. Doch Matthew konnte sich nicht entfalten, sein Leben war durch Regeln und Verbote eingeschränkt, er verkümmerte wie eine Pflanze ohne Wasser und Licht.

Vielleicht war Lindsays Bitte doch nicht so absurd, wie sie im ersten Moment geglaubt hatte.

Eine geschäftliche Abmachung, einzig und allein zum Wohle der Kinder, so hatte Raffaello Orsini es genannt. Wenn es wirklich nichts mit Gefühlen zu tun hatte, wie er behauptete, konnte es dann funktionieren? Wie würde es sein, wieder neugierig und voller Freude auf den nächsten Tag zu warten, statt nur darauf zu hoffen, dass sie ihn hinter sich brachte?

Bei dieser Frage musste sie stutzen. Kein Wunder, dass Matthew sich derart danebenbenahm. Ihre Einstellung war auf ihn übergegangen. Jetzt bot sich ihr plötzlich die Chance, alles auf einen Schlag zu ändern.

Entsetzt wurde Corinne klar, dass ihre Entschlossenheit, Raffaello Orsinis Vorschlag abzulehnen, bröckelte. Und wie um ihrer Ablehnung den tödlichen Stoß zu versetzen, fiel ein übersehenes Foto aus dem Umschlag. Es war das Porträt eines kleinen Mädchens.

Es war Lindsay wie aus dem Gesicht geschnitten. Das gleiche fröhliche Lachen, die gleichen unternehmungslustigen Augen, selbst die gleichen Grübchen in den Wangen. Nur das Haar war anders, dunkler und dichter.

„Ich vertraue dir meine Tochter an … Ich kann mir niemand Besseren vorstellen als dich, Corinne, um meinen Platz einzunehmen“, hatte Lindsay geschrieben.

Mit der Fingerspitze strich Corinne über die feinen Gesichtszüge auf dem Foto. „Elisabetta“, seufzte sie leise.

Es war ein Seufzer der Kapitulation.

Geduld war noch nie seine Stärke gewesen, zumindest dann nicht, wenn es um geschäftliche Angelegenheiten ging.

Der Vorschlag, den Raffaello Corinne Mallory gestern Abend unterbreitet hatte, war nichts anderes. Welche vernünftige Frau würde nicht erkennen, dass die Vorteile einer solchen Vereinbarung erheblich größer waren als die Nachteile? Doch inzwischen war es vier Uhr nachmittags, und noch immer hatte er keine Antwort.

Er hatte lange genug gewartet!

Raffaello griff zum Telefon, überlegte es sich anders, bestellte stattdessen an der Hotelrezeption einen Wagen und stand eine knappe Stunde später vor Corinnes Reihenhaus.

Dass er der letzte Mensch war, den sie erwartet hatte, wurde offensichtlich, als sie auf sein Klingeln hin die Haustür öffnete.

„Was tun Sie denn hier?“ Sie war so perplex, dass sie die Worte kaum über die Lippen brachte.

„Mir wäre es auch lieber gewesen, ich hätte mir die Mühe sparen können“, erwiderte er prompt. „Aber wie sagt man? Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss der Prophet eben zum Berg kommen, nicht wahr?“ Er ließ den Blick über ihre schlanke Figur gleiten. „Wobei Sie keineswegs die Ausmaße einer solchen Landmasse haben, doch scheinbar die gleiche Unbeweglichkeit.“

„Es heißt genau andersherum, Mr. Orsini. Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann muss der Berg zum Propheten kommen. Und wenn Sie nur ein wenig länger gewartet hätten, dann hätten Sie sich die Mühe tatsächlich sparen können.“ Sie wedelte mit einem großen Umschlag vor seinem Gesicht. „Hier ist Ihre Antwort. Als ich das Klingeln hörte, dachte ich, es sei der Kurier.“

„Nun, den können Sie jetzt wieder abbestellen.“

„Ja, das sollte ich wohl besser.“ Sie verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Da Sie nun schon mal hier sind, können Sie auch hereinkommen.“

Ihr Tonfall klang, als hätte sie sich den Feind ins Haus geholt. „Grazie tante.“ Sein Dank triefte vor Sarkasmus.

Sie ging ihm voraus in die Küche und nahm das Telefon zur Hand, als wollte sie ihm Gelegenheit geben, sich umzusehen.

Hinter dem hohen Küchentresen lag vermutlich das Wohnzimmer, eine Terrassentür zeigte auf ein lächerlich kleines Rasenstück hinaus. Das musste der Garten sein, den sie erwähnt hatte. Eine Stehlampe, ein Fernsehtisch, ein Regal, voll gestopft mit Kinderbüchern und Puzzles, ein Zweisitzer und ein Sessel, davor ein niedriger Tisch, eine Spielzeugkiste in einer Ecke – das machte die Einrichtung aus.