6,99 €
DIE PEITSCHE, einst als persönliche Marotte Hitlers in den Straßen Münchens mitgeführt, wird 1934 an die zentrale Macht im NS-Staat weitergereicht, die SS. Zuerst im KL Dachau eingesetzt, kommt ihr bald überall in den zahlreichen Lagern, die unter deutscher Verwaltung in den besetzten Ländern entstehen, eine zentrale Bedeutung zu. Beispielhaft für die "Karriere" der Peitsche wird die "T4" benannte Euthanasie, die "Aktion Reinhard" mit ihren Vernichtungslagern und schließlich die Rampe in Auschwitz-Birkenau in den Blick genommen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 752
Veröffentlichungsjahr: 2019
Bernd Mollenhauer
Die
Peitsche
Ein fast vergessenes Accessoire
der NS-Tyrannei
Impressum
© 2019 Bernd Mollenhauer
Umschlaggestaltung: Unter Verwendung eines Fotos aus der Bayerischen Staatsbibliothek München/Bildarchiv. Abbildung im Innenteil: Herkunft nicht bekannt.
Uektorat: Georg Baumgartner
Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN:
978-3-7482-8088-0 (Paperback)
978-3-7482-8089-7 (Hardcover)
978-3-7482-8090-3 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Eine Entdeckung
Im „Salon Deutschland“
Die Sprache der Gewaltmenschen
Warn Sie schon mal in mich verliebt
Nachtrag zur Causa Speer: Er, Er und Er
Vaterländische Schulungskurse
Lehre auf dem Feld der Ehre
Die schwarze Wand
Irrungen und Wirrungen
Kurt Eisner: Sein Ende vor dem Ende
Anton Graf Arco: Der Mörder mit dem Kindergesicht
Eisner-Denkmal 1 und 2 – ein kleiner Diskurs
Der eine wagt´s, der andere ist im Wartestand
Ein Putsch mit ungewollten Folgen
Generalstreik und Truppenschau: Die Rote Armee macht mobil
Die ewige Mär vom „Geiselmord“
Nach dem Blutgericht
Die neue Uniform
Trenchcoat – Ein Exkurs
Bierwirtschaft und Politik
Hitler sein Eckart
Wie man eine Partei macht
Die Ordnungszelle Bayern
Der Bierhallen-Agitator
Die „nationale Revolution“ im Probelauf
Marsch auf Rom, kein Marsch auf Berlin
Die „entfesselte Dummheit“ als glückloser Putschist
Kurioser Rollentausch
Ein Urteil fürs Vaterland
Landsberg und das „Buch der Deutschen“
Woher hat er das bloß?
Der Brandstifter
Weitere Paten mit rechter Gesinnung
Ein Shanty der Schändlichkeit
Der Konformist
Zwei Brüder im Geiste
Passt nicht ins Programm
Juden raus!
Wie man ein Korsett schnürt
Das Regiment der Peitsche
An der Hakenkreuz-Marter
Ein anderes Lager, das gleiche Ansinnen
Abgängig, ohne tot zu sein
Mach dich gefaßt, Mensch!
Die Bastonade
Ein Staatsanwalt im Unrechtsstaat
Heute bin ich Hitler
Ein glückliches Leben
Der Schulmeister
Die Totenkopf-Bande
Der Brudermord
Auftakt zur Bartholomäus-Nacht
Im Schweiße seines Angesichts
Der Spartaner
Nürnberger Gwerch
Jugend voran
Jugend – Zum Sterben geboren
Jugend genießen
Den Aufmarsch formieren
An der Schwelle zur Vernichtung
Eine Prophezeiung
Fehlfarben im System
Ein Fall von Kindstötung
Abtritt eines Augenzeugen
Die Trophäe
Himmlers Interessengebiet
Ein glückliches Leben II
Gegen Russland
Ein fataler Pakt
Blut wie Wasser
Der Tümpel
Rätselhafte Windungen
Das Sterben der einen: Das Leben der anderen
Straßen und Plätze, Schluchten und Gruben
In Schluchten
Vom Suchen der richtigen Methode
Die Mord-Maschine
Ein großes Werk
Brot und Marmelade
Herr und Hund
Mit Mummenschanz zum Totentanz
Dienst an der Rampe
Ein reinlicher Herr
David gegen Goliath
Der Schlüssel
Erst Stalingrad, dann Sobibor
Der Tatort-Reiniger
Wie es kommt
Der Heimkehrer
Es hört nicht auf
Beute und Bilanz – Was vom Morden übrigbleibt
Kein Ende
Danksagung
Ich danke allen, die die Entstehung dieses Textes inspiriert haben, insbesondere Georg Baumgartner, Victor Malsy, Siegfried Stange und Andi Hermle. Außerdem Esther Sophia Sünderhauf, die Hitlers Bekleidungsvorlieben erstmals in einem Essay untersucht hat: Hitler´s Dress Code – Attire and Meaning 1889-1945 in: Dress & Politics, Nafplion 2015
Über den Autor
Bernd Mollenhauer, Jahrgang 1958, ist Absolvent der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), arbeitet als Autor und Gästeführer.
Bisherige Veröffentlichungen: Vermischtes aus dem Reich der Toten (2000); Zwischen Monarchie und Münchner Freiheit (2010); Jugendstil in München (2014)
Zum Inhalt
Gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen Bekleidungsvorlieben und politischer Gesinnung? Auf diesen Gedanken könnte man kommen, wenn man den Gefreiten anschaut, der 1918 den Schützengräben des 1. Weltkriegs entsteigt. Mit hysterischer Blindheit geschlagen, tauscht er die abgelegte Uniform gegen eine andere aus. Ein eng geschnürter Trenchcoat und ebenso eng geschnürte Schaftstiefel sind fortan sein Erkennungszeichen. Mit heiser bellender Stimme, dröhnend laut geworden im Schlachtengetöse des Krieges, kann er sich bald im politisch aufgeheizten Gelärm bayerischer Bierhallen Gehör verschaffen.
Berauscht vom eigenen Sendungsbewusstsein, verkündet er eine politische Religion, die ebenfalls eng geschnürt und rückwärtsgewandt ist, und die keinerlei Friedensbotschaft an die im Nachkrieg taumelnde Welt enthält. Seine Ansichten sind krude, verworren; ein unheiliger Geist, der seinen Hass über die ganze Welt ausgießt. Ein Hass-Prediger unter dem Hakenkreuz. Das wichtigste Utensil zur Durchsetzung seiner Politik steckt in seiner Faust:
DIE PEITSCHE.
Den Frauen, Kindern und Männern, die der Peitsche getrotzt haben.
Meiner Tochter gewidmet
Deutschland stank nach Mord und Verrat, und alle zogen den Gestank wie Rosenduft ein.
Ernst Weiß, „Der Augenzeuge“
Lederpeitschen haben wir alle im Lager getragen. Auch die jüdischen Vorarbeiter, die Kapos, hatten Lederpeitschen. Wenn einer bei der Arbeit faul war, dann hat man wohl von der Peitsche Gebrauch gemacht. Ich selbst habe das kaum getan. Man hatte das selbst gar nicht nötig. Man brauchte nur dem Kapo zu sagen, daß einer nicht arbeitete. Dann schlug der Kapo mit der Peitsche. Manches Mal genügte es auch nur, wenn man selbst mit der Peitsche drohte, aber nicht zuschlug.
Der Angeklagte H., Mitglied der Wachmannschaft in Treblinka, bei seiner Vernehmung.
Eine Entdeckung
Im Sommer 1932, als die erste von zwei Reichstagswahlen jenes Jahres die Gemüter bewegt, gerät der Wahlkämpfer Adolf Hitler (1886-1945) unverhofft in das Blickfeld des jungen Albert Speer (1905-1981). Der angehende Architekt, NSDAP-Mitglied seit 1931, ist dem Nationalsozialistischen Kraftfahr-Korps (NSKK) zugeteilt, dem Fuhrpark der Partei, um in der heißen Phase des Wahlkampfes die reisenden Parteibonzen zu chauffieren:
„…Ich konnte ihn aus einigen Metern Entfernung beobachten, leicht nervös und ungehalten, da die Kraftwagen zu seiner Weiterbeförderung noch nicht eingetroffen waren und dadurch eine Verzögerung in dem genau vorgesehenen Programm eintreten mußte. Und weiter:
„…Zornig ging er auf und ab, mit einer Hundepeitsche auf seine hohen Schaftstiefel schlagend. Das war ein anderer Eindruck als das erste Mal, nicht der ruhige, zivilisierte Hitler, sondern ein seine Leute anfahrender, unbeherrschter Mann…“1
Die Ahnung, dass sich ihm schlaglichtartig der wahre, der despotische Charakter des kommenden Reichskanzlers enthüllt hatte, dämmert Speer allerdings erst viel später. „Ich war aber schon viel zu sehr in dem Parteigetriebe verwickelt“, entschuldigt er sich in einem Nachtrag zum „Spandauer Entwurf“ (1953), „als daß dieser ungünstige Eindruck irgendwelche Konsequenzen oder nur ein Nachdenken hervorrufen konnte.“
Auch die Schriftstellerin Elisabeth Castonier (1894-1975) erinnert sich an eine frühe Begegnung mit Adolf Hitler in München, im Frühjahr des Jahres 1923, wenige Monate vor dem Novemberputsch: „Castonier [der Ehemann] bummelte mit mir die Ludwigstraße gegen Abend entlang. Auf der anderen Seite sah ich eine Menschengruppe, die sich um etwas drängte. Ich lief hinüber, um zu sehen, was los war. Einige Burschen in Windjacken und Trenchcoats, in hohen Schnürstiefeln und Schirmmützen umringten einen Mann, der ebenfalls einen Trenchcoat trug und eine Reitpeitsche in der Hand hielt. Castonier holte mich ein, sagte ärgerlich: „Wer ist denn der Kerl?“
Ein junger Bursche wandte sich um, musterte ihn, sagte drohend:
„Sö, dös is Adolf Hitler!“
Der Mann interessierte mich, weil er so gar nicht reitermäßig aussah und mit heiserer Stimme auf die jüdisch-bolschewistische Regierung in Berlin schimpfte, während er mit seiner Reitgerte in der Luft herumfuchtelte. Als er atemlos innehielt, schrie jemand: “Juda, verrecke!“2
1 Gitta Sereny, Das Ringen mit der Wahrheit Albert Speer und das deutsche Trauma; München 1995
2 Elisabeth Castonier, Stürmisch bis heiter-Memoiren einer Außenseiterin; München 1964
Im „Salon Deutschland“
Zu jener Zeit ist der Straßenagitator Hitler schon regelmäßiger Gast im Salon der Elsa Bruckmann (1865-1946) am Münchner Karolinenplatz. Die Adelige rumänischer Herkunft residiert dort gemeinsam mit ihrem Mann, dem Verleger Hugo Bruckmann (1863-1941). Einmal wöchentlich haben sie in ihrem luxuriös eingerichteten Stadtpalais die Großkopferten aus dem gesamten deutschsprachigen Kulturbetrieb zu Gast. Die Eintrittskarte zu diesem elitären Club, wo sich strikt national gesinnte und nicht selten antisemitische Schriftsteller, Musiker, Visionäre und Welterklärer ein Stelldichein geben, löst Hitler am 3. Februar 1921. Das ist der Tag, als er zum ersten Mal bei einer Großveranstaltung im Zirkus Krone gegen die festgelegten deutschen Kriegsentschädigungen Stimmung macht. Seine langsam sich steigernden Hasstiraden bringen das vollbesetzte Zelt zum Kochen und begeistern auch die dort anwesende Frau Bruckmann. Fasziniert von dem „Unbekannten aus den Randbereichen der Gesellschaft“3 (B. Weyerer), tut sie fortan alles, um den demagogischen Hetzer mit den rechten Kreisen in Kontakt zu bringen.
Einer von ihnen ist der ultrakonservative Uni-Historiker und Mitherausgeber der „Süddeutschen Monatshefte“, Karl Alexander von Müller (1882-1964). Gemeinsam mit anderen Gelehrten soll Müller einigen auserwählten Soldaten in den Lehrsälen der Uni das weltanschauliche Rüstzeug vermitteln, das sie brauchen, um im nachrevolutionär gärenden München des Jahres 1919 als Reichswehrspitzel eingesetzt zu werden4. Nachhilfeunterricht ist auch dringend vonnöten, denn noch fremdelt Hitler im Umgang mit den Eliten, den damals schon insgeheim verhassten „Intelligenzlern“. Doch Hitler versteht es geschickt, seine Aversionen zu verbergen, denn der Erfolg, das weiß er, ist nur möglich über die Eliten, und so darf auch er bald an den hochmögenden Salons im Hause Bruckmann teilnehmen.
„Durch die offene Tür“, schreibt Müller in seinen Memoiren, „sah man, wie er auf dem schmalen Gang die Gastgeberin fast unterwürfig höflich begrüßte, wie er Reitpeitsche, schließlich einen Gürtel mit Revolver abschnallte und gleichfalls am Kleiderhaken abhängte.“5
3 Benedict Weyerer, München 1919-1933; München 1993
4 A. Joachimsthaler, Korrektur einer Biographie Adolf Hitler 1908-1920; München 1989
5 Karl Alexander von Müller, Im Wandel einer Welt. Erinnerungen 1919-1932; München 1966
Die Sprache der Gewaltmenschen
In diesem „Salon Deutschland“6 lernt der schwadronierende Parvenü schnell, die Zuhörer für sich zu gewinnen. Die Belange der „deutschen Arbeiter“, deren Vertretung die NSDAP für sich reklamiert, sind in diesem Umfeld sowieso nicht wirklich von Interesse und können getrost vernachlässigt werden.
Der „nationale Sozialismus“ jedoch, den die Partei ebenfalls in ihrem Namen proklamiert, ist durchaus geeignet, so potente und spendable Geldgeber wie den Musikalienhändler Edwin Bechstein (1895-1934) zu verprellen. Der Musikalienhändler aus Berlin ist Produzent des gleichnamigen Flügels; ein Markenartikel, den man auf der ganzen Welt schätzt und kennt. Gemeinsam mit seiner rührigen Ehefrau Helene (1876-1951) residiert Bechstein häufig in München. In der plüschigen Heimeligkeit ihrer Noble-Suite im „Bayerischen Hof“ empfangen sie Freunde und Geschäftspartner. Und bald auch den Emporkömmling Hitler, den sie immer wieder großzügig alimentieren. Der hinwiederum verabscheut zwar die Saturiertheit der bürgerlichen Kreise, aber ihr Geld kommt ihm gerade recht.
Und weil er die Hand, die ihn füttert, nicht verbeißen darf, klärt er sie so beflissen wie wortreich über den Etikettenschwindel seiner Partei auf: Sein „Sozialismus“ meint nicht etwa die Verstaatlichung von Produktionsmitteln, sondern die streng hierarchisch angelegte „Volksgemeinschaft“, die dem autoritären Obrigkeitsstaat aus der Kaiserzeit in nichts nachsteht. Das Millionenheer der Arbeiter, die man wie im alten Sparta als Heloten und gelegentliches Stimmvieh braucht, hat sich in Hitlers Staatsidee als willige „Gefolgschaft“ zu begnügen.
So geschehen am 2. Mai 1933, als die freien Gewerkschaften zerschlagen und die Arbeiter zwangsweise der Deutschen Arbeitsfront (DAF) einverleibt werden. Ein Zahnrad mit eingeschriebenem Hakenkreuz wird zum Sinnbild der neuen Zeit. Der klassenbewusste Arbeiter, das kämpferische Proletariat der „Systemzeit“ ist passé, an seine Stelle tritt der zupackende „Volksgenosse“, der der Republik keine Träne nachweint und sein Heil im III. Reich sucht. Das Regime stellt Arbeiter-Bataillone für gleichsam pharaonische Bauprojekte auf; es geht aufwärts. Der Preis dafür ist hoch, denn das neue Reich, das die „Schmach von Versailles“ abschütteln will, setzt auf Krieg. „Räder müssen rollen für den Sieg…“, heisst es dann ab 1941, als schwer beladene Rüstungszüge und mit Menschenfracht drangvoll bepackte Deportationszüge gen Osten rollen. Der zweite, heute nicht mehr bekannte Teil der damaligen Reichsbahn-Losung, muss heute wie blanker Hohn klingen: „(…) unnötige Reisen verlängern den Krieg“.
Der „Blitzkrieg“, im Westen atemberaubend erfolgreich, geht im Osten gründlich schief. Die Sowjets, „der Iwan“ im deutschen Sprachgebrauch, mögen den Angriff auf ihre Heimat, auf „Mütterchen Russland“, überhaupt nicht. Anfangs überrumpelt von der deutschen Wucht, vom Furor Teutonicus, erweisen sie sich bald als zäh und äußerst wehrhaft. Weil aber nach Vorstellungen der Nazis der neugermanische „Lebensraum“ im Osten liegt, werden immer mehr Rüstungsgüter in Richtung Ostfront auf die Schiene gebracht. Zugleich aber auch „Sternträger“, die man zu Hundertausenden in ganz Europa zusammengetrieben hat. Die deutschen Todesmühlen des Ostens liefern das Knochenmehl, mit der die Okkupanten ihren neuen Siedlungsraum düngen…
In der Heimat, in ihrem geheiligten Deutschland, wird die entmündigte Arbeiterschaft schon frühzeitig an die kriegerische Ausrichtung des Regimes gewöhnt. Die Arbeitswelt der Proletarier wandelt sich zur „Arbeitsfront“, die dort schuftenden „Volksgenossen“ werden mit dem Prädikat „Arbeiter der Faust“ geadelt.
Die planenden Vorgesetzten in ihren Büros, so wie der sich stets arglos und ahnungslos gebende Albert Speer, bekommen ein vornehmeres Etikett als „Arbeiter der Stirn“ verpasst.
Fundamentale Errungenschaften der Arbeiterschaft wie Tarifautonomie, Streikrecht, 8-Stunden-Tag, Überbleibsel der 1918/19 brutal abgewürgten Revolution, werden suspendiert. Stattdessen nun massenhafte Indoktrination, in der Schule, in den Betrieben, überall in deutschen Amtsstuben, die das obligatorische Hitler-Porträt feilbieten; eine allgegenwärtige Aufforderung, hackenschlagend den „Deutschen Gruß“ zu entbieten. Auch in der karg gewordenen Freizeit, die überzeugte Parteigänger noch mit allerlei PR-Tätigkeiten füllen können – Aufmärsche, Umzüge, Fahnenweihen sind allenthalben Bestandteil des öffentlichen Lebens – wird noch ideologische Massensuggestion betrieben. Verdiente „Volksgenossen“, die mit dem DAF-eigenen Reiseveranstalter „Kraft durch Freude“ (KdF) an die See oder in die Berge ausschwärmen dürfen, bleiben immer unter der Kuratel der allmächtigen Partei. Damit dieser Euphemismus vom „nationalen Sozialismus“ in der Praxis funktioniert, bei gleichzeitiger Effizienzsteigerung am Arbeitsplatz, wird der DAF ein neues Amt angegliedert: „Schönheit der Arbeit“.
Das anfangs noch recht kleine Amt – sein 1. Leiter ist kein geringerer als der später zum Generalbauinspektor (GBI) und „Rüstungszar“ (Sereny) mutierte Albert Speer – funktioniert als eine Art Gewerbeaufsichtsamt, das die Bedingungen am Arbeitsplatz optimieren soll, angefangen bei den hygienischen Verhältnisse über die Ausstattung der Wohnbaracken bis hin zum dort verwendeten Kantinengeschirr. Design bestimmt das Bewußtsein.
Während also die Arbeiterschaft schon von Anfang an und systematisch militarisiert wird, folgt die Uniformierung aller Altersstufen und Gesellschaftsschichten auf dem Fuß; in allen Untergliederungen der Partei wie auch des Staates. Kein Pimpf, kein Jungmädel, keine Frau, erst recht nicht die Männer, die fortan ohne eine Art von Uniform oder Uniformteilen auskommen. Wer noch keine komplette Uniform hat, darf oder muss als Ausweis seiner Funktion innerhalb der „Volksgemeinschaft“ zumindest eine Armbinde, ein Tuch, eine Mütze tragen, eine Koppel oder eine Bluse; auch Anstecknadeln der Partei, von Staatsbeamten dezenter am Revers zu tragen, sind in diesem Sinne Zeichen der allgemeinen Gleichschaltung der Gesellschaft.
Das Amt „Schönheit der Arbeit“ unter dem scheinbar so kulturvierten, stets zivilisiert gekleideten Albert Speer, ein „Pg.“ (Parteigenosse) mit aristokratischer Attitüde, will und soll die aggressive Grundausrichtung des Regimes verschleiern, indem die Umstände der nun allseits einsetzenden Schufterei, umgangssprachlich Vollbeschäftigung genannt, beinahe poetisch bemäntelt werden.
Der Maschsee in Hannover ist so ein typisches Beispiel für das heute noch vielfach bewunderte „Arbeitsplatzwunder“ der Nazis. Das von Oberbürgermeister Arthur Menge (1884-1965) und Stadtbaurat Karl Elkart (1880-1959) geförderte Projekt war lange zu teuer für die Stadt. Mit dem Machtantritt der Nazis wird der Bau nun propagandistisch dienstbar gemacht.
Am 21. März 1934, dem reichsweiten „Großkampftag der Arbeitsschlacht“, setzt OB Menge den ersten Spatenstich. Dann machen sich 100 Langzeit-Arbeitslose, deren Zahl später auf 1 650 steigt, ans Werk, das Seebecken auszuheben. Eine archaische Viecherei mit Hacke und Spaten; noch dazu haben die „Arbeiter der Faust“ das Werkzeug selbst mitzubringen. Nur für den Abtransport der gewaltigen Erdmassen werden von kleinen Loks gezogene Kipploren eingesetzt.
Nach zwei Jahren sind 780 000 Kubikmeter Erde bewegt, der fertige See ist 78 Hektar groß (entspricht etwa 109 Fußballfeldern) und 2 Meter tief. Ein hartes Stück Handarbeit, dass dem modernsten Staat in Europa, der bereits Milliarden in die Wiederaufrüstung steckt, fast nichts kostet. Propagandistisch aber einen Riesengewinn einbringt, weil er die bis heute gern geglaubte Mär nährt, wie der „Führer“ Arbeit schafft.
Ein Spaten-Bataillon wie das in Hannover paradiert ein Jahr nach Fertigstellung des Maschsees vor dem „Duce“ Benito Mussolini (1883-1945), als der zur Einweihung der repräsentativen Zwillingsbauten am Königsplatz – „Führerbau“ und NSDAP-Hauptverwaltung – nach München eingeladen ist.
„Schönheit der Arbeit“ – wer einen solchen Titel im Riefenstahl‘schen Sprachduktus7 erfindet, weiss, dass es die unter den obwaltenden Umständen genauso wenig gibt wie die Freiheit, die man sich durch Arbeit erlangt, wie es die zynische Losung an den Höllentoren der Konzentrationslager verheisst, „Arbeit macht frei“.
Dass auch die Chefs – im Nazi-Neusprech „Gefolgschaftsführer“ genannt – ebenfalls Mitglied in der DAF zu sein haben, können diese wohl leichter verkraften, denn im Führerstaat können sie nun nach Belieben heuern und feuern; viel leichter, als dies während der „Systemzeit“ der Weimarer Republik je möglich war.
Die Peitsche des Regimes regiert immer mehr Bereiche der Gesellschaft, vor allem aber die gesamte Arbeitswelt. Das Hakenkreuz, so interpretiert es der geniale Collagen-Künstler John Heartfield (1891-1968), ist die Marter, an die man den werktätigen Menschen flicht.
Dahinter steckt allerdings auch die ganze Tragik eines historischen Versagens, das schon am Vorabend der „Urkatastrophe“ von 1914 beginnt, als die zahlenmäßig mächtige, aber schlecht organisierte Arbeiterschaft einen trügerischen „Burgfrieden“ eingeht, anstatt auf das Hurra-patriotische Kriegsgetöse der imperialen Adelshäuser mit einem nachhaltig und gut organisierten Generalstreik zu reagieren. Allein die ungeprüft geglaubte Behauptung, der jeweilige Nationalstaat sei akut bedroht, lassen sich die Arbeiterparteien reihum in den Irrgarten nationaler Befindlichkeiten ziehen. Mit der naiv beschworenen Selbstvergewisserung, einen Krieg ohne Annektionen und Kontributionen zu führen, verweigert man sich der Einsicht, dass es den kriegführenden Herrscherhäusern und dem aufstrebenden Bürgertum in Wahrheit um nichts anderes geht, als die Weltmärkte neu aufzuteilen. Die vielbeschworene Internationale aller Werktätigen erweist sich im Nu als flüchtige Illusion.
Als noch fataler erweist sich die Illusion, die keine zwanzig Jahre später an die Macht drängenden Nationalsozialisten irgendwie zähmen zu können. SPD und KPD können sich zu Beginn von Hitlers Kanzlerschaft nicht auf einen Generalstreik einigen, und die Nazis wissen nur zu gut, dass sie ihr eigentlich nicht mehrheitsfähiges System nur etablieren können, wenn sie ihre Machtmittel mit aller Brutalität ausspielen. Die Jahre 1933-34 zeugen davon.
Die Peitsche regiert.
6 Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland Geist und Macht 1900-1945; Berlin 2009
7 Leni Riefenstahl (1902-2003), in Berlin geborene Schauspielerin und Regisseurin mit einer unleugbaren Affinität zum NS-Regime, wird mit ihren Reichsparteitags- und Olympia-Filmen („Sieg des Glaubens“, 1933; „Triumph des Willens“, 1935; „Olympia – Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“, beide 1938) zur wirkmächtigen Stil-Ikone desselben. Ein Stil, der heute von Leuten wie Mick Jagger und Martin Scorsese bewundert wird. Für „Tiefland“ (1940-45) hat Riefenstahl mehr als 100 Roma und Sinti aus den NS-Lagern Maxglan bei Salzburg und Berlin-Marzahn rekrutiert. Ihrer späterhin wiederholten Behauptung, ihren Komparsen sei nichts passiert, stehen die Recherchen der Dokumentarfilmerin Nina Gladitz entgegen. In „Zeit des Schweigens und der Dunkelheit“, eine WDR-Produktion, kommen überlebende Komparsen zu Wort. Danach ist Riefenstahl die vereinbarte Gage schuldig geblieben, der größte Teil der Komparsen wurde nach Auschwitz deportiert. „Tiefland“ kam 1954 in die deutschen Kinos und ist heute als DVD im Handel. Die Dokumentation von Nina Gladitz wurde 1982 im Fernsehen ausgestrahlt. Riefenstahl hat daraufhin gegen Gladitz geklagt und teilweise Recht bekommen. Der WDR hält Gladitz´Dokumentation seither unter Versch
Warn Sie schon mal in mich verliebt
Es ist schon verwunderlich, wieviel Hirnschmalz und Buchseiten eine renommierte Autorin wie Gitta Sereny aufwendet, um das romantisch aufgeladene Verhältnis der beiden NS-Verbrecher auszudeuten. Eins ums andere Mal pendelt sie das erotisch heikle Binnenverhältnis Hitler-Speer aus, als wären damit irgendwie historisch relevante Einsichten über den Hitler-Faschismus zu gewinnen. Dass die Ausbeute am Ende recht fadenscheinig bleibt, hindert Sereny keineswegs daran, immer und immer wieder davon anzufangen. Eine ermüdende Lektüre.
Die naheliegende Erklärung dafür, was das wohl ist zwischen den beiden Nazi-Kerlen, will ihr partout nicht einfallen. Dass nämlich Hitler bekanntlich ein Mann war, dem es an vielem mangelte, vor allem an Empathie, der menschlichen Eigenschaft, Mitgefühl für andere zu empfinden. Auch Speer, sein so kultiviert erscheinender Gegenpol, mangelt es genau daran. Ein kalter Fisch, der in seinem Pendant Hitler identische Wesenszüge erkennt.
Speer gesteht es der Autorin bei mehreren Gelegenheiten in diesem 860 Seiten dicken Schinken, der inhaltlich lange nicht vom Fleck kommt. Hier finden sich also zwei Charaktere zusammen, der junge Architekt und der Möchtegern-Baumeister des 3. Reichs, beide befangen in ihrer zutiefst erschreckenden Egomanie. Das wäre erst einmal nur klinisch interessant, wenn nicht die halbe Welt darunter zu leiden gehabt hätte.
„In meinen Jahren als Architekt beherrschte mein Herz mich mehr als mein Verstand“, gibt Speer seiner Interviewpartnerin zu Protokoll. „(…) Von Hitler die Chance zu bekommen, zu arbeiten – für ihn und für Deutschland – das war.Glück. Alles war …Gefühl, wissen Sie“, fuhr er fort, „ein sehr tiefes und angenehmes Gefühl. Es war nicht so, daß ich diese Gefühle kategorisieren konnte, damals oder später. Galten sie vor allem dem Mann Hitler? Galten sie dem Land, Deutschland? Der Arbeit? Ich wußte es nicht, noch hatte ich, nehme ich an, das Bedürfnis oder den Wunsch, es zu wissen.“
Der sentimentale Gefühlsmensch Speer ist noch ganz konfus, welchen Gefühlen er den Vorzug geben soll: 34 Jahre nach Beginn seiner Tätigkeit als Generalbaurat im Dienst des „Führers“, und auch zwölf Jahre nach Verbüßung seiner 20-jährigen Haft kriegt er seine Gefühle für Hitler immer noch nicht sortiert. Vielen Deutschen ist es nach dem Krieg so ergangen, nur dass die allermeisten eben nicht so weit aufgestiegen sind wie Speer, der seine damaligen Backfisch-Gefühle für einen um 15 Jahre älteren Mann immer noch nicht abstreifen kann.
Eine schöne Zeit muss das gewesen sein, als das deutsche Volk gefühlsmäßig hinter ihrem Adolf stand, bereit zur Tat: „Es genügte, etwas zu fühlen; vor allem aber genügte es, etwas zu tun“, zitiert Sereny ihren Interviewpartner.
Und zu tun gibt es für einen wie Speer wahrlich genug. Das Parteitagsgelände in Nürnberg, ein Bauauftrag von babylonischen Ausmaßen, soll alle Dimensionen früherer Reiche aus antiken und vorantiken Zeiten noch bei weitem übertreffen. Allein das Stadion soll 400 000 Zuschauern Platz bieten, um dem jährlichen Großaufmarsch von Parteisoldaten beizuwohnen. Das Ganze eingerahmt von Riefenstahls Lichtdomen, wie in ihrem martialischen Reichsparteitags-Film von 1936 zu sehen. Eine fürwahr kühne Lichtregie, die nicht träumerisch nach den Sternen greift, sondern einen Vorgeschmack gibt auf die suchenden Lichtkanonen, die der deutschen Flak das Abschießen der alliierten Flieger ermöglichen soll.
Letztlich ist von den überdimensionierten Plänen nur die Paradestraße und das „Marsfeld“ realisiert worden, und schon diese Freiraumgestaltung wirkt, wie sie wirken soll, brutal überwältigend.
Der Gefühlsmensch Speer aber kann für den architektonischen Gewaltakt reiche Ernte einfahren: Sein Entwurf wird auf der Pariser Weltausstellung von 1937 mit dem Grand Prix ausgezeichnet, für den ebenfalls von ihm entworfenen Deutschen Pavillon gibt es eine Goldmedaille.
Solcherart geadelt, kann der von seinem stets zugeneigten Mentor gelenkte Architekt weitere Großtaten in Angriff nehmen. Als nächstes soll die Reichshauptstadt Berlin in die Metropole des künftigen Weltreiches verwandelt werden, die Kapitale soll dann den gleichsam schmetternden Namen Germania tragen.
Eine gewaltige Nord-Süd-Achse wäre ohne Rücksicht auf die Anwohner quer durch das urbane Berlin geschlagen worden, ein zentral platzierter Triumphbogen hätte den bekannten Arc de Triomphe in Paris 49mal (!) aufnehmen können. Natürlich, wenn man verliebt ist, scheint alles möglich, und die Pläne – und sei es nur für ein wahnwitziges Wolkenkuckucksheim wie dieses - wachsen in den Himmel.
Speer selbst scheint nie auf den Gedanken gekommen zu sein, dass all die hochfliegenden Pläne nur mit einem Krieg zu verwirklichen sind. Wie soll das neue Weltreich sonst zu erringen sein, wenn nicht mit Krieg? Wer soll Germania, das neue Rom, erbauen, wenn nicht Sklavenarbeiter aus den eroberten Gebieten?
Außenstehende betrachten die Romanze zuweilen nüchterner. So Karl Hettlage8 (1902-1995), Professor für Verwaltungs-und Finanzrecht, und vom GBI Speer in sein Ministerium berufen, um die nötigen Mittel für das wahnwitzige Großprojekt aufzutreiben.
Im Sommer 1938 beobachtet er Hitler und Speer, wie sie sich vor dem Modell von Germania ihren Träumereien hingeben. Nachdem Hitler gegangen ist, lässt er gegenüber Speer die denkwürdige Bemerkung fallen: „Wissen Sie, was Sie sind? Sie sind Hitlers unglückliche Liebe.“ Und Speer, dieser 44 Jahre später immer noch über beide Ohren Verliebte, offenbart im Interview mit Frau Sereny seine heillos verrutschte Gemütslage: „Und wissen Sie, was ich fühlte? Glück. Mein Gott! Glücklich fühlte ich mich.“9
Es ist Frau Sereny ersichtlich nicht gut bekommen, über Jahre hinweg auf den tiefen Polstersesseln im Hause Speer zu verweilen, die vielen Teestunden mit Speers Ehefrau Margret, bei selbstgebackenem Kuchen wohlig-vertraut verplauscht zu haben.
Das Schwinden der Distanz zum einschlägig vorbelasteten Interviewpartner schadet nicht nur dem Renommee, sondern am Ende auch dem Charakter. Mit „Am Abgrund: Gespräche mit dem Henker“, 1974 im Original erschienen, 1995 auf Deutsch, hat Frau Sereny das eindeutig bessere Buch geschrieben. Ihr Interviewpartner für dieses Buch ist Franz Stangl (1908-1971), der als Kommandant von Sobibor (250 000 Tote) und Treblinka (900 000 Tote) zwei der drei Vernichtungslager der „Aktion Reinhard“ befehligt hat.
Ähnlich wie Speer gibt sich Stangl alle erdenkliche Mühe, wie die Unschuld vom Lande zu erscheinen; ein kleiner harmloser Nazi, der von den gewaltigen Verbrechen in seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich nichts mitbekommen haben will. Eine Taktik, die bei Sereny nicht verfängt, denn sie hat in Vorbereitung auf die Interviews mit Stangl umfangreiche Recherchen angestellt und ist auch auf geläufige Ausflüchte ehemaliger Nazis bestens präpariert. Warum ihr das alles bei dem nicht weniger belasteten Speer gerade nicht gelingt, ist ein nicht zu lösendes Rätsel.
Das beste Buch zu dem Thema hat sie jedoch nie geschrieben, nämlich das Leben und Leiden auch nur eines der zahlreichen Opfer genauso penibel zu recherchieren, wie sie das in Bezug auf die romantisch verbandelten Nazi-Verbrecher Hitler & Speer für nötig hält.
Heinrich Breloer (*1942), bekannt für kunsthandwerklich veredelte TV-Produktionen („Buddenbrooks“, „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“), fühlt sich 2005 ebenfalls bemüßigt, die zarten Bande zwischen Hitler und Speer zu thematisieren. Herausgekommen ist ein gebührenfinanzierter Dreiteiler, der über 4 Stunden 30 Minuten den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen außer Vollzug setzt: Demnach ist Hitler, in Wahrheit ein begnadeter Visionär in Sachen Architektur, und Speer, ein allzu gutgläubiger Parteigenosse, der seinem Herrn und Gebieter immer gern zu Willen ist. So weit, so bekannt.
Peinlich und überlang werden dann die privatimen Schäferstündchen inszeniert, wo die zwei Verliebten umeinander rumscharwenzeln, nur kurze, verschämte Blicke riskieren wie zwei schwer Pubertierende. Bedeutungsvoll anmutende, aber völlig inhaltsleere Pausen entstehen, doch schließlich kann sich keiner der beiden dazu durchringen, den wohl beiderseits erhofften Vollzug dieser heillos verkorksten Amor fou in die Gänge zu bringen. Man würde es auch nicht sehen wollen, aber es bleibt festzustellen: Schauspieler Tobias Moretti ist nicht Hitler, sein Counterpart Sebastian Koch ist nicht Speer, und Heinrich Breloer ist nicht der Regisseur für solche Sachen. Aber warum soll nicht auch die ARD ihren Guido Knopp haben?
Breloer, der Mann mit einer Vorliebe für deutsche Befindlichkeiten, ist gewiss ein Unikum, das allerdings immer gleich bissig wird, sobald sich nur die leiseste Kritik an seiner Arbeit erhebt. Sein Lieblingsargument, wenn es gilt, seinen Kritikern über den Mund zu fahren, ist das, dass er für die jeweils zur Disposition stehende Produktion Recherchen getrieben habe wie noch keiner vor ihm.
Nun kann man getrost davon ausgehen, dass auch andere Regisseure für ihre Filme recherchieren. Und das einer seine Arbeit tut, ist per se noch kein Qualitätsurteil. Es kommt auch nicht auf die schiere Menge an, sondern auf die Auswahl, die schließlich im Film sichtbar wird. Breloer jedoch will immer der Primus inter Pares sein, auch wenn er dabei, wie meistens in den Interviews, wenn nicht genehme Fragen gestellt werden, gern divenhaft reagiert.
Da möchte man sogleich, um den Zumutungen eines solchen Zeitgenossen zu entgehen, eine schöne Schellack-Platte von Max Hansen (1897-1961) auflegen:
(…)
Hitler und der Sigi Cohn
kennen sich seit Jahren schon,
eines Tages geh’n sie aus,
miteinand’ ins Hofbräuhaus.
Doch schon nach der fünften Mass,
werden Hitlers Augen nass,
er umarmt den Sigi Cohn
und stottert blass:
Warst Du schon mal in mich verliebt,
das ist das Schönste, was es gibt,
hast Du schon mal von mir geträumt,
da haste wirklich nichts versäumt.
Ich bin nicht groß, ich bin ganz klein,
ich paß grad so nach München rein,
ich bin nicht dumm, ich bin nicht g’scheit,
am grössten Dreck hab ich mei Freud,
die Freundschaft kannst Du ruhig riskier’n,
denn unter uns g’sagt;
ich hab nichts mehr zu verliern.
(Max Hansen: War´n Sie schon mal in mich verliebt; 1928)
In den Goldenen Zwanzigern ist Max Hansen ein umtriebiger Bühnenkünstler, als Kabarettist, als Schauspieler und vor allem als Operettensänger. Hansen ist der einzige Sohn der dänischen Sängerin Elly Haller (1873-1930) und des jüdisch-ungarischen Schauspielers Josef Walder; eine eher kurze Liaison. Die Engagements der Mutter machen es immer wieder nötig, den kleinen Max in Pflege zu geben, so kommt er unversehens nach München, spricht bald fließend Boarisch und wird ein richtiges „Münchner Kindl“.
Der Bub singt begeistert im Opernchor und wird bereits in jungen Jahren für die „Künstlerkneipe Simplicissimus“ entdeckt, dem schlagenden Herz der Schwabinger Bohème, wo aufstrebende Talente immer eine Chance haben. Flugs von einem Agenten unter Vertrag genommen, wechselt er nach Berlin und tritt im führenden Variété der Stadt, dem „Wintergarten“, als „Kleiner Caruso“ auf. Schlag auf Schlag erfolgen weitere Engagements: In Wien spielt Hansen in Kálmáns „Gräfin Mariza“, vor allem aber in dem außerordentlich populären Singspiel „Im weißen Rössl“ von Ralph Benatzky; mit mehr als 3 000 Vorstellungen ein echter Kassenschlager seiner Zeit.
Ab 1925 dreht er zahlreiche Filme, nimmt Schallplatten auf und tritt regelmäßig im „Kabarett der Komiker“ auf, das er zusammen mit Bühnenkollegen begründet hat. „In Berlin“, kann man in einer Bühnenzeitschrift lesen, „gibt es vier Klassen arbeitender Menschen. Solche, die nichts zu tun haben, solche, die viel zu tun haben, dann die, die sehr viel zu tun haben, und viertens Max Hansen.“
Der so treffend charakterisierte Multitasker Hansen verläßt 1934 Nazi-Deutschland; seine Herkunft als „Halbjude“, mehr noch seine frechen Parodien auf Hitler und den Rassenwahn bringen ihn ernsthaft in Gefahr. Nach Jahren des Tingelns durch das nicht von Nazi-Deutschland besetzte Europa emigriert er 1938 in das bis dahin unbekannte Heimatland Dänemark, das zwei Jahre später von den so tödlich-humorlosen Nazis okkupiert wird.
Von der NS-„Reichsanstalt für Sippenforschung“ einvernommen, kann er glaubhaft machen, dass er kein Jude, sondern der Sohn eines verarmten Barons wäre. Der Baron, nicht ganz uneigennützig, beglaubigt diesen gewagten Schwindel, so dass Hansen tatsächlich damit durchkommt. Dänemark ist übrigens das einzige Land in Europa, wo die nichtjüdischen Bewohner die meisten ihrer jüdischen Mitbürger, ca. 8 000 Personen, durch nächtlichen „Export“ mittels Fischerbooten in das neutrale Schweden vor der Vernichtung retten können. Wo sie sichtbar wird, kann Zivilcourage gleichzeitig etwas sehr Beschämendes haben.
Nach dem Krieg kann Hansen, der „Maurice Chevalier des Nordens“, wie er nun genannt wird, an seine alten Bühnenerfolge anschließen, reist wieder viel auf Tourneen und leitet zeitweilig das Tivoli-Theater in Kopenhagen. In einer TV-Dokumentation erinnert der Schweizer Filmemacher Douglas Wolfsperger10 an diesen großen, heute fast vergessenen Unterhaltungsstar der Weimarer Republik.
8 Hettlage ist beileibe kein Chorknabe. Als Stadtkämmerer von Berlin ist ihm sehr daran gelegen, die in der geplanten Achse liegenden Judenwohnungen durch rasche „Entmietung“ freizubekommen. Sein Hauptamt II erstellt die Listen der gut 20 000 Bewohner, die vertrieben und deportiert werden sollen. In Speers Rüstungsministerium ist Hettlage Abteilungsleiter der „Rüstungskontor GmbH“ und somit direkt verantwortlich für die Gründung und Fertigstellung des KZ „Dora Mittelbau“, einem Außenlager des KZ Buchenwald. Die unter Tage in Bergwerksstollen schuftenden Häftlinge produzieren unter erbärmlichsten Bedingungen Hitlers „Wunderwaffe“, die Vergeltungswaffe „V2“. Von 60 000 Häftlingen kommen etwa 20 000 ums Leben. Nach ´45 ist Hettlage wieder dabei, als Adenauer neben Globke noch andere verdiente Nazis in sein Kabinett holt. Hettlage wird u.a. Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.
9 Serenyi, Das Ringen mit der Wahrheit; a.a.O.
10 Douglas Wolfsperger, „War´n Sie schon mal in mich verliebt?“; D/A 2005, 89Min. s.a.: Alexander Kluy, Jüdisches München; Österreich 2009 Marie-Theres Arnbom, War´n Sie schon mal in mich verliebt?; Wien Köln Weimar 2006 httns://www.lexm.uni-hamburg.de/obiect/lexmlexmperson 00003107www.steffi-line.de/archiv_text/nost_buehne/07h_hansen_max.htm
Nachtrag zur Causa Speer: Er, Er und Er
In seiner Autobiografie „Mein Leben“ schildert der langjährige Literaturkritiker der FAZ, Marcel Reich-Ranicki (1920-2013)11, eine schauerliche Episode aus dem unzulänglich entnazifizierten Geisterhaus Deutschland.
Der Anlass ist eher profan, das Erscheinen der Hitler-Monographie von Joachim C. Fest 1973, das der Verleger Wolf Jobst Siedler mit einem großen Fest in seiner Villa feiert. Zu den geladenen Gästen gehören auch MRR und seine Frau Tosia (1920-2011); beide sind Überlebende des Warschauer Ghettos. „Wir waren in bester Laune“, schreibt Ranicki, „als wir, kaum in der Diele der geräumigen und vornehmen Wohnung angelangt, durch die offene Tür in eines der Zimmer blickten und dort etwas sahen, was uns beinahe den Atem verschlug: Einige Personen unterhielten sich sehr angeregt mit einem im Mittelpunkt stehenden, ansehnlichen und korrekt in einen dunklen Anzug gekleideten Herrn, wohl Ende Sechzig. Der Hausherr bemühte sich um ihn äußerst höflich, wenn nicht ehrerbietig. Allem Anschein nach war nicht Fest an diesem Abend der Ehrengast, sondern der durchaus sympathisch anmutende, gesetzte Herr.
(…) Siedler kam auf uns zu und geleitete uns, höflich und zugleich energisch, zu dem Ehrengast, der uns jetzt zwei oder drei Schritte entgegenkam. Er begrüßte uns wie alte Freunde, ja, so war es, er begrüßte uns geradezu herzlich.
Dieser dezente Herr war ein Verbrecher, einer der schrecklichsten Kriegsverbrecher in der Geschichte Deutschlands. Er hatte den Tod unzähliger Menschen verschuldet. Noch unlängst hatte er zu den engsten Mitarbeitern und Vertrauten Adolf Hitlers gehört. Er war vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Rede ist von Albert Speer.“
Fest und Siedler, die mit Speer seit dessen Entlassung aus Spandau in Kontakt stehen, haben keine Skrupel, als Kronzeugen für die Deutung der verbrecherischen Ereignisse einen der Haupttäter in ihre Mitte zu nehmen. Eine wahrhaft surreale Situation: Der Mörder, jetzt wieder frei und dank eines mit Vorschüssen nicht geizenden Verlegers im wohlsituierten Ruhestand, im Small-Talk mit ein paar Überlebenden, die wie nur wenige das Glück hatten, der längst beschlossenen Vernichtung zu entgehen.
Wem sie allerdings nicht entgehen können, ist Speer und seine leutselige Klebrigkeit: „(…) was immer ich äußerte, Speer nickte mir zustimmend und freundlich zu, als wollte er sagen: Der jüdische Mitbürger hat recht, der jüdische Mitbürger sei willkommen“, so Reich-Ranicki in seinen Erinnerungen.
Das Buch, das an diesem Abend gefeiert wird, ruht auf einer Samtdecke. Es ist beinahe wie im Gottesdienst, wo die Hl. Schrift auf einem Pult zur Lesung bereitliegt. Der Verleger mag daran gedacht haben, ein neues „Buch der Deutschen“ kreiert zu haben. „Auf dem schwarzen Umschlag“, so Reich-Ranicki, „war mit großen weißen Buchstaben der lapidare Titel gedruckt: Hitler. Was diese Ausstattung des Buches suggerieren sollte, worauf hier mit Entschiedenheit Anspruch erhoben wurde, konnte man nicht verkennen: Pathos war es und Monumentalität. Speer sah es offensichtlich mit Genugtuung. Verschmitzt lächelnd blickte er auf das feierlich aufgebahrte Buch und sagte bedächtig und mit Nachdruck: „Er wäre zufrieden gewesen, ihm hätte es gefallen.“12
Das Buch hätte ihm gefallen, das kann man wohl ganz ohne Abstriche sagen. Sakral-pompös in der Aufmachung, bleibt das Buch brav und bieder am Gegenstand, schürft selten mal in die Tiefe, hält sich in jeder Hinsicht vornehm zurück. Die Fleißarbeit eines nur mäßig inspirierten Historikers, der Hitler tatsächlich für historisch hält, also abgelegt. Ein Buch für alle, die am liebsten einen Schlussstrich ziehen wollen. Da das aber nun mal nicht möglich ist, nimmt man halt Fests weichgespülte Hitler-Fama; ein Buch, das wenig erklärt und niemandem weh tut. Macht sich gut im Regal, aber man braucht es nicht wirklich. Die Fakten stimmen, sofern sie Erwähnung finden, die stoffliche Aufbereitung dagegen ist unendlich fad. Und genau aus diesem Grund ist das Buch so ungeheuer erfolgreich, bis heute übrigens. Allein bis 2006 wurden 800 000 Exemplare verkauft, liest man. Die Millionengrenze dürfte mittlerweile wohl längst überschritten sein.
Alles, was man über Hitler und den Nationalsozialismus wirklich wissen muss, findet man nicht bei Fest. Dazu müsste man schon die Bücher von Konrad Heiden (1901-1966) oder die unvollendet gebliebene Biografie von Rudolf Olden (1885-1940)13 aus dem Jahr 1935 zur Hand nehmen.
Der gebürtige Münchner Heiden, Journalist und Zeitzeuge, hat sich sehr intensiv und kenntnisreich mit dem aufkommenden Hitler-Faschismus auseinandergesetzt. Heiden hat die Gefährlichkeit der Nazis frühzeitig erkannt und leidenschaftlich dagegen angeschrieben. 1933 muss er ins Schweizer Exil fliehen, denkt aber nicht daran, seine Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus aufzugeben. Unter Pseudonym erscheint 1934 sein Bericht über den innerparteilichen Putsch, der die SA enthauptet und die SS nach oben bringt, bekannt als „Röhm-Putsch“, unter dem Titel „Hitler rast“.
1936 und 1937 erscheinen die beiden Bände seiner Hitler-Biografie im Züricher Europa Verlag. Gerade mal 46 500 Exemplare14 werden davon verkauft, aber im inhaltlichen Vergleich mit Fest muss man sagen: was Heiden an Substanz und Detailwissen aufbietet, verkommt bei Fest zu leicht konsumierbarem Trash.15
Durch Ausbürgerung staatenlos geworden, verschlägt es Heiden nach Paris, wo man ihn als „unerwünschten Ausländer“ interniert. Schließlich kann er in die USA emigrieren. Sein Buch über den Novemberpogrom 1938 erscheint im Jahr darauf bei Starling Press, New York, auf Deutsch erst im Jahr 2013. Bisher nicht auf Deutsch erschienen ist sein 1944 publiziertes Buch „Der Führer – Hitler´s Rise to Power“.
Interessant ist eine Charakterisierung, die MRR in Bezug auf die skandalöse Buch-Premiere im Hause des Verlegers Wolf Jobst Siedler abliefert: Der Gemeinte sei ein Mensch, „dessen Ichbezogenheit und Eigenliebe in Selbstsucht, bisweilen sogar in Hartherzigkeit übergehen und häufig den Mangel an tieferem Interesse für andere Menschen“ zur Folge haben kann. „Eine kühle Aura umgibt seine Person, eine Schutzschicht, auf die er offenbar angewiesen ist. Da er sie braucht, ist er auf sie stolz. Hat das mit Zynismus zu tun? Ich habe [ihn] nie gefragt, ob er sich für einen Zyniker halte. Nur habe ich den Verdacht, daß von allen Vorwürfen, die man gegen ihn erheben könnte, dieser ihm der allerliebste wäre.“16
Wen MRR hier meint? Hitler? Speer? Beides falsch, gemeint ist der Speer- und Hitler-Biograf Joachim C. Fest (1926-2006). Man mag sich fragen, wie sehr die egomanische Weltsicht Hitlers wie auch Speers mit der ihres Biografen korrespondiert.
11 Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben; Stuttgart 1999
12 Reich-Ranicki, Mein Leben; a.a.O.
13 Rudolf Olden, Hitler; Amsterdam 1935/Hildesheim 1981 (Reprint)
14 Angaben nach: Peter Stahlberger, Der Züricher Verleger Emil Oprecht und die deutsche politische Emigration 1933-1945; Zürich 1970
15 Joachim C. Fest, Hitler; Frankfurt/M Berlin Wien 1973
16 Reich-Ranicki, Mein Leben; a.a.O.
Vaterländische Schulungskurse
Hitlers eigenwilliger Verkleidungsstil neben dem täglichen Kasernenflanell in Feldgrau datiert aus dem Sommer 1919, als er von seinem Vorgesetzten, dem Hauptmann Karl Mayr (1883-1945), abkommandiert wird, an einer weltanschaulichen Rednerschulung wie oben beschrieben teilzunehmen.
Angesichts der anhaltend aufgeheizten Stimmung in München, wo zahlreiche Uniform- und Waffenträger aus den Vereinigten Vaterländischen Verbänden, „alldeutschen“ Zusammenschlüssen und straff militärisch geführten Kampfbünden das Stadtleben beherrschen, wäre ein ziviles Gegensteuern dringend vonnöten. Aber die bayerische Landesregierung unter dem BVP-Politiker Eugen von Knilling (1865-1927) setzt auf eine scharfe Konfrontation mit Berlin, auf eine Abkehr von der Republik, die noch kaum gedeiht und schon den geballten Hass aller Demokratiefeinde auf sich zieht.
Als dann Knilling und sein Kabinett als gedachte Notstandsmaßnahme die Regierungsgeschäfte auf einen bayerischen Diktator übertragen, den mit allen Vollmachten ausgestatteten Generalstaatskommissar Gustav von Kahr (1862-1934), scheint sich im verbissenen Ringen zwischen Bayern und dem Reich ein Bürgerkrieg anzukündigen.
Befeuert von einem kleinen, aber sehr umtriebigen Teil der alten Eliten, formiert sich etwa die „Thule-Gesellschaft“, ein „germanischer Freimaurerorden“ (Oskar Maria Graf17) im Zeichen der Swastika, des Hakenkreuzes. Die „Thule“, ein Sammelbecken für Adelige, Offiziere und rechtsradikale Publizisten, kann sich auf ein weitgespanntes Netzwerk stützen, das es ihr erlaubt, mit dem Geld ihrer hochmögenden Klientel illegale Waffenkäufe zu tätigen. Gebunkert in geheimen Depots, von denen auch das nahegelegene St.-Anna-Kloster im Stadtteil Lehel eines hat, warten sie auf ihren Einsatz am Tag X, wenn Bayern gegen das Reich zu Felde zieht.
Mag auch die „Thule“ der legendären Freimaurer-Loge ähneln, so agiert sie nicht im Verborgenen, sondern ganz ungeniert und offen. Ihren Sitz hat sie im noblen Hotel Vierjahreszeiten, mitten in der feinen Maximilianstraße gelegen. Wer sie dort aufsucht, wird in einen Saal geleitet, der dem Stil nach an eine Tafelrunde gemahnt. Hinter jedem Stuhl ist fein säuberlich ein Hakenkreuz an die Wände gemalt.
Derweil ist Generalmajor Arnold von Möhl (1867-1944), der schon die blutige und sehr brutale Niederwerfung der Münchner Räterepublik zu verantworten hat, von der brennenden Sorge getrieben, „daß von spartaktistischer Seite neuerlich Propaganda innerhalb der Kasernen versucht und organisiert wird.“
Eine reine Schutzbehauptung, denn „Spartakisten“, wie sie in der USPD, teils sogar bei den Mehrheitssozialisten der MSPD sowie in der jungen und vergleichsweisen mitgliederschwachen KPD zu finden sind, sind beim Kampf um München entweder erschlagen und/oder erschossen worden (Gustav Landauer, Rudolf Egelhofer), sitzen in übervollen Gefängnissen (Erich Mühsam; 15 Jahre Festungshaft) oder sind, „Wegen Hochverrats“, zur hochdotierten Fahndung ausgeschrieben. 10 000 Mark hat man seinerzeit für die Ergreifung von Ernst Toller ausgelobt, für den Spartakusbund-Gründer Max Levien sollte es gar ein Kopfgeld 30 000 Mark geben.
Toller wird gefasst, Levien kann entfliehen, dennoch soll die Propagandatätigkeit bei den Truppen nun massiv verstärkt werden, um ein noch immer mögliches Aufbegehren gegen die Restauration der alten Verhältnisse wirksam zu unterbinden.18 Hauptmann Karl Mayr wird angewiesen, unter seinen Soldaten geeignete Anwärter zu finden und sie einer entsprechenden Schulung zuzuführen.
Sein bester Mann für diese anspruchsvolle Aufgabe ist der ehemalige Kriegsfreiwillige Adolf Hitler, der Mann, der sich nach dem verlorenen Krieg partout nicht demobilisieren lassen will und deswegen mit immer neuen Missionen betraut werden muss.
Nach vier Jahren als Meldegänger im französisch-belgischen Grenzgebiet nahe Ypern, einem vergleichsweise kommoden Druckposten für einen wie Hitler, der sonst wohl nicht überlebt hätte, nah bei den „Stabsunterkünften und ihren Fleischtöpfen“ (so Stefan Ernsting, Biograf von Hitlers Kriegskamerad, Alexander Moritz Frey), endet der Krieg für Hitler in einem Militärlazarett im ostpommerschen Pasewalk. Dort wird der gasblinde Hysteriker – der vielleicht auch nur aufgrund seiner Hysterie mit Blindheit geschlagen ist, wie der Schriftsteller Ernst Weiß in seinem Roman „Der Augenzeuge“19 mutmaßt - per Hypnose kuriert und nach Hause entlassen. Nach dem Heimatstandort München, müsste man wohl richtiger Weise sagen, denn nach Österreich will der Postkarten- und Architekturmaler partout nicht zurück.
„Er hatte keine Familie“, lässt Weiß den Arzt in seiner geisterhaften Hitler-Fantasie sinnieren. „Er war Soldat, Soldat, Soldat und sonst nichts.“
1913, das wiederum ist verbürgt, hat Hitler sich gemeinsam mit Rudolf Häusler, einem Freund aus dem Männerwohnheim Meldemannstraße im 20. Wiener Bezirk, aus Österreich abgesetzt. Die beiden wollen dem dortigen Militärdienst entgehen, wohl wissend, dass die Rekruten in Österreich schlimmer geschleift werden als im gemütlicheren Bayern.
Natürlich müssen diese doch eher profanen Gründe später vergoldet werden: „Dazu aber kam noch die innere Liebe, schildert Hitler seine [im Datum falsch wiedergegebene] Ankunft in München, „die mich zu dieser Stadt mehr als zu einem anderen mir bekannten Orte fast schon von der ersten Stunde meines Aufenthalts erfaßte. Eine deutsche Stadt!! [Gesperrt im Original] Welch ein Unterschied gegen Wien! Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurückdachte“, heisst es später in „Mein Kampf“.
Doch die Heimatbehörden, die immerhin einen gültigen Gestellungsbefehl zu vollziehen haben, und dieses nach einem österreichisch-bayerischen Abkommen auch im grenznahen Nachbargebiet tun dürfen, stöbern ihn alsbald in München auf, so dass ihm, wie in späteren Jahren noch mehrmals, die Auslieferung nach dem verhassten Vaterland droht.
Nach ein paar Scharmützeln mit den Behörden kommt zum Glück der Krieg von 1914-18 dazwischen. Hitler darf sein haltloses Streunerdasein beenden und bei den bayerischen Truppen einrücken. Melodramatisch aufgebauscht, wird daraus in „Mein Kampf“ der vielzitierte Passus: “Ich schäme mich auch heute nicht, es zu sagen, daß ich, überwältigt von stürmischer Begeisterung, in die Knie gesunken war und dem Himmel aus übervollem Herzen dankte, daß er mir das Glück geschenkt, in dieser Zeit leben zu dürfen.“20
Im Jahre 2001 bildet der italienische Künstler Maurizio Cattelan (*1960) diesen gewiss weltbewegenden Moment im zurechtgerückten Maßstab nach, indem er eine knabenhaft schmale Figur mit dem Antlitz Hitlers, demutsvoll knieend, fromm betend gen Himmel blicken lässt.
Die Peitsche ist noch nicht dabei.
Unter der Objektbezeichnung HIM21 wird die Figur 2003 in Hitlers früherem Kunsttempel am Englischen Garten, dem Haus der Deutschen Kunst, heute Haus der Kunst, gezeigt. Die Figur kniet auf dem nackten Boden, ohne Podest, ohne Vitrine, ohne Verbindung zu einem anderen Objekt im Raum. Es wäre ein Leichtes, sie beiseite zu schieben oder zu überrennen. Das ist aber schon dem echten Hitler nicht passiert. Im Gegenteil, dank einer gläubigen Gefolgschaft mandelt sich der früh vergreiste Wicht zu einem Sendboten der Vorsehung auf. Dass ihr mich gefunden habt!, hält der „Führer“ seinen Jüngern vor. Soll heißen: Ihr habt mich zu dem gemacht, der ich geworden bin. Diese Schuld werdet ihr in tausend Jahren nicht los.
Die provokante Plastik Cattelans ist zugleich ein köstlicher Gegenentwurf zu dem Ölgemälde von Hubert Lanzinger (1880-1950), Der Bannerträger, das im Eröffnungsjahr 1937 im Rahmen der Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst zu sehen ist. Das grimmig-martialische Werk zeigt einen bis übers Kinn in einer schimmernden Wehr steckenden Hitler, der, den Blick finster gen Westen gerichtet und schier unerschütterlich in seinem Habitus, ein segelartig aufgespanntes Hakenkreuzbanner trägt.
In den 1 000 Jahren des Dritten Reichs ist Lanzingers „Büchsen-Adolf“ ein allseits beliebtes Motiv und wird massenhaft reproduziert. Cattelans freche Replik wird 2016 bei Christie´s für den stolzen Preis von 17,2 Mio. Dollar versteigert.
17 Oskar Maria Graf, Gelächter von außen; München 1980
18 Michael Schattenhofer (Hrsg.), Revolution und Räteherrschaft in München; München 1968
19 Ernst Weiß, Der Augenzeuge; Berlin und Weimar 1973
20 Adolf Hitler, Mein Kampf, Band 1; München 1925
21 Maurizio Cattelan, HIM; 2001
Lehre auf dem Feld der Ehre
Auch ein weiteres, gern verwendetes Hitler-Zitat, stammt aus „Mein Kampf“, der pathetisch überhöhte Beschluss, Politiker zu werden. Dieser bezieht sich bekanntermaßen auf die erzwungene Abdankung Wilhelms II. am 9. November 1918, von der Hitler in Pasewalk erfährt. Aber noch ist Hitler nicht der GröFaZ22 und überhaupt noch meilenweit davon entfernt, irgendetwas zu werden. Noch muss er, wie so häufig in seinem kaum 30-jährigen Leben, wie ein das Wild fürchtender Hund zur Jagd getragen bzw. geschubst werden. „Der Kriegsfreiwillige A.H.“, wie er in Ernst Weiß´ erstaunlich genauen Hitler-Fantasie heisst, wird „Gefreiter des bayerischen Regimentes List, Ordonnanz beim Regimentsstab.“ Nach einem englischen Gasangriff in der letzten Ypern-Schlacht findet er sich in Pasewalk wieder, allerdings nicht als leise wimmernder Patient, sondern, wie Weiß einen Sanitätsoffizier sagen lässt, „als einen ewigen Störenfried, einen fanatischen Aufwiegler, Rädelsführer, Querulanten (…), den man disziplinarisch bestrafen müsse.“23
Auch der Münchner Schriftsteller Alexander Moritz Frey (1881-1957), der tatsächlich mit Hitler im List-Regiment dient, kann den merkwürdigen Fanatismus des Kameraden bezeugen:
"Ich tat Dienst auf dem Verbandplatz Fromelles, in den Kellern einer zusammengeschossenen Ferme24, vor Lille. Täglich bescherten uns die Engländer „den Abendsegen“; das heißt, aus Langrohren von weither kamen fast auf die Minute drei Schüsse. Drei Granaten explodierten in den ohnehin zermalmten Dorfresten. Wir wußten das und verkrochen uns beizeiten. Eines Abends [im Herbst 1915,] kam [der Meldegänger A.H.] ein bleicher, langer Mensch nach der ersten Granate hinuntergestürzt. [Angst und Wut in den flackernden Augen.] Ein voller Schnurbart, der später der neuen Gasmaske wegen gekappt werden musste, verdeckte noch den hässlichen, meist verkrampften Schlitz des Mundes. (…) Sein gelbes Gesicht rötete sich, er hatte etwas von einem kollernden Puter, als er nun gegen die Engländer loslegte."25
Nicht Charlie Chaplin, der 1915 eine Reihe klassisch gewordener Kurzfilme wie „Der Champion“ dreht, war also Vorbild für den zurechtgestutzten Zweifinger-Schnauz, sondern eine nicht passende Gasmaske. Gasblind und mit verbundenen Augen, ein hässliches Bart-Karree unter der Nase, ist Hitler der Kloake des 1. Weltkriegs entstiegen. Nichts will er lieber, als den Revanchekrieg gegen Frankreich führen, die „Schmach“ von Versailles tilgen und die erbarmungslose Abrechnung mit den Juden. Dagegen steht der tröstliche Humanismus des großen Komikers Chaplin.
Wenn man den Tagebucheintrag von Klaus Mann (1906-1949) liest, den dieser nach einer zufälligen Begegnung mit Hitler im Münchner Hotel Carlton unter dem 14. Juli 1932 notiert, kann einem noch eine andere Assoziation kommen:
„Direkt am Nebentisch: Adolf Hitler, in blödester Gesellschaft. Seine geradezu auffallende Minderwertigkeit. Äusserst unbegabt; die Faszination, die er übt, grösste Blamage der Historie; gewisser sexualpathologischer Einschlag kann nicht alles erklären.“26
Was allerdings auffällt sind gewisse Ähnlichkeiten, die Hitler mit dem als „Werwolf von Hannover“ bekannt gewordenen Lustmörder Fritz Haarmann (1879-1925) aufweist. Der gleiche, verschlagen-kalte Blick aus einem teigig-runden Gesicht, der gleiche auf ein Viereck gestutzte Bart. Dass Hitler wie Haarmann ein durch und durch pathologischer Charakter war, darf als gesichert angenommen werden.
Interessanter sind allerdings die Ähnlichkeiten in der Vita der beiden Männer: Haarmann dient der Polizei von Hannover ab 1918 als Spitzel. Im Jahr darauf verdingt sich Hitler in München als Reichswehr-Spitzel. Beide haben mächtige Beschützer, die ihr Treiben wohlwollend beobachten. Hitlers Sympathisanten finden sich in den höchsten Kreisen der bayerischen Justiz, bei der Polizei und bei der Reichswehrführung des Landes. Ähnlich wie Hitler führt Haarmann ein weitgehend regelloses Unterschichten-Dasein, das nicht von tagtäglicher Arbeitsroutine und kleinbürgerlichen Glücksvorstellungen bestimmt ist. Wie Hitler ist Haarmann ist ein Gelegenheitsmensch, der mit dem Verkauf von Gebrauchtkleidung gerade genug zum Überleben verdient. Und während Hitler seinen wahnwitzingen Welterlösungs-Phantasien nachjagt, ist es dem ebenso bieder wirkenden Haarmann um die Befriedigung eines mächtig drängenden Geschlechtstriebes zu tun.
Dabei ist die Inbesitznahme des männlichen Körpers eine Grundvoraussetzung, damit ihr Sinnen und Trachten, so unterschiedlich es auch ausgerichtet ist, zur Erfüllung kommt. Hitler braucht eine gewaltige Armee, um die Welt zu erobern, also muss er entsprechend viele Männer in Uniform stecken. Seine Armee wird im Krieg immer jünger, bis mit dem letzten Aufgebot Kinder und Jugendliche den „Endsieg“ erringen sollen. Jung und immer jünger sind auch die Gespielen Haarmanns; die einmal entfachten Gelüste beider Männer machen vor keiner Altersklasse halt.
Haarmann hält sich häufig am Hauptbahnhof von Hannover auf. Nicht immer nur berufsbedingt, sondern um Ausschau zu halten nach jungen Männern, die es als Ausreißer oder Arbeitssuchende in die große Stadt verschlägt. Haarmann hat einen Spürsinn entwickelt für verloren wirkende Neuankömmlinge, die mit wenig Geld in der Tasche ein günstiges Obdach suchen und noch keine Kontakte haben. Haarmann bietet ihnen beides, ein Bett für die Nacht und menschliche Zuneigung. Willige Opfer für einen wie Haarmann, dem es in der Enge seiner winzigen Dachkammer-Wohnung nicht schwerfällt, seine homoerotischen Zwangsvorstellungen an diesen „Lutschejungs“, wie er sie nennt, auszutoben.
Bald sind die jungen Kerls wieder verschwunden, und Haarmann, der häufig ihre Kleidung zurückbehält, verschenkt oder verkauft diese. Wiederholt verschenkt er auch frisches Fleisch an die Hausbewohner, eine willkommene Gabe für die Nachbarn, die in der heruntergekommenen Altstadt von Hannover ihr Zuhause haben. Auch eine Wirtschaft nimmt das angebliche „Pferdefleisch“ gerne; über den eigenartig-süßlichen Geschmack mokieren sich nur wenige. Und Polizei-Spitzel Haarmann hat bald wieder einen jugendlichen „Untermieter“ als Gast, aufgegriffen am Hauptbahnhof von Hannover.
Die Polizei weiß von seiner Neigung, „Unzucht“ zu treiben, da sie aber mehr daran interessiert ist, sein Spitzelwissen abzuschöpfen, lässt sie ihn gewähren. Sie schützt ihn auch noch, als ab Anfang 1924 immer häufiger Leichenteile am Ufer der Leine entdeckt werden. Als aber bis zum Herbst desselben Jahres die aufgefundenen und angeschwemmten Leichenteile immer zahlreicher werden, muss die Polizei den Beschwerden über ihren Spitzel ernstlich nachgehen. Nicht lange nach seiner Verhaftung bekennt Haarmann sich schuldig. Die Zahl seiner Opfer aber, die er im Verlauf seiner rauschhaften Dachkammer-Orgien würgt bis zum Exitus und sie anschließend zerteilt, bleibt im Unklaren. Zwar werden ihm 24 Morde27 eindeutig nachgewiesen, aber die Zahl der Vermissten liegt weit höher. Über ihr Schicksal bewahrt Haarmann Stillschweigen, auch der unter starker Beteiligung der Presse abgehaltene Sensationsprozess kann letztlich keine Aufklärung bringen. Haarmann wird wenige Tage vor Weihnachten zum Tod verurteilt und am 15. April 1925 hingerichtet.
Mit den Worten „Auf Wiedersehen, meine Herren“, lässt er sich zum Richtblock des Scharfrichters führen. Tatsächlich erlebt das Jahr 1925 das Wiedersehen mit einem ebenso verschlagenen Herrn, dessen Untaten aber die von Haarmann weit in den Schatten stellen und zum größten Menschheitsverbrechen aller Zeiten werden.
Noch heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, wie der Schriftsteller und frühere Arzt Ernst Weiß (1882-1940) von Hitlers Aufenthalt in Pasewalk erfahren hat. Bei einem kurzen Aufenthalt in Paris 1933 lernt er auf Vermittlung der Exilanten Walter Mehring (1896-1981), Joseph Roth (1894-1939) und Leopold Schwarzschild (1891-1950) den Arzt und Psychiater Dr. Edmund Forster (1878-1933) kennen. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit, quasi von Arzt zu Arzt, kann Weiß Einblick in die Unterlagen nehmen, die er als behandelnder Arzt des Patienten A.H. angelegt hat. Neben privaten Aufzeichnungen sind dies Hitlers Krankenblatt und die Krankengeschichte.28
Forster, erster Oberarzt an der Nervenklinik der Berliner Charité unter Karl Bonhoeffer, im Krieg Marinestabsarzt im Reserve-Lazarett Pasewalk und dortselbst Hitlers behandelnder Arzt, ist ein von den Nazis mit Hochdruck gesuchter Mann. Seit Ende der 20er Jahre, als die NSDAP beginnt, eine politische Kraft von Belang zu werden, läßt Hitler nach den kompromittierenden Unterlagen aus Pasewalk fahnden. Die Diagnose, die Forster damals gestellt haben soll, ist allerdings bis heute in Fachkreisen genauso umstritten wie die Methode, die der Psychiater seinerzeit zur Anwendung brachte.
Die Unterlagen Forsters gelten als verschollen, aber bis heute glauben viele, die zahllosen Verbrechen der Deutschen allein mit Hitlers Verrücktheit, wie auch immer die beschaffen war, erklären bzw. entschuldigen zu können. Wie aber sollte es einem einzigen Menschen möglich gewesen sein, ein 80-Millionen-Volk zu Raub und Mord in einem bis dahin nicht gekannten Umfang zu animieren? Mittels Magie, wie viele Bescheidwisser bis heute behaupten? Magnetismus oder gar Hypnose? Wer diese wenig erhellenden Behauptungen allen Ernstes in Erwägung zieht, muss schon sämtliche Erkenntnisse der neueren NS-Forschung in den letzten 20 Jahren gründlich ignoriert haben. Etwa die heftig diskutierte Wehrmachtsausstellung von 199629, des Weiteren die strittigen Thesen von Daniel J. Goldhagen30 strittige Thesen sowie Christopher Brownings exemplarische Studie „Ganz normale Männer“31, um nur einige zu nennen.
Dass Hitler in seinem Wahn ein ganzes Volk ins Verderben stürzt, behauptet z.B. der Kinospielfilm „Der Untergang“ (2004)32, der auf dem gleichnamigen Buch von Joachim Fest basiert. Regisseur Oliver Hirschbiegel hat Fests Intention, die schon in seiner auflagenstarken, vom Gehalt her eher dürftigen Hitler-Biografie (1973)33 so penetrant apologetisch auf jeder Seite mitschwingt, wohl verstanden und bildmächtig umgesetzt.
Wir sehen einen Hitler, dargestellt von Bruno Ganz, der in seinem Bunker ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte verzehrt, während um ihn herum die Reichshauptstadt Berlin in Schutt und Asche fällt. Dann wieder hat er einen Tobsuchtsanfall, weil irgendeine Hofschranze ihm seinen Willen nicht erfüllt. Fehlt nur noch der Teppich-Biss.
Das ist schon irre, wie dieser Hitler in all dem Chaos um ihn herum sich selber treu bleibt. So auch, wenn er seine Sekretärinnen charmiert, um kurz vor dem Freitod sein politisches Testament zu diktieren. Will heißen: mit Frauen konnte er eben. Mit arischen Kindern ebenso wie mit Hunden der Rasse „Deutscher Schäferhund“.
Nach dieser unsäglichen Geschichtsklitterung, hochspekulativ und reißerisch, und, wie nicht anders zu erwarten, Oscarnominiert und Bambi-gekürt, konnten die deutschen Zuschauer wieder einmal erleichtert feststellen: „Hitler war’s!“
Demgegenüber war etwa die US-amerikanische TV-Serie „Holocaust“ (1978)34 ein bei aller Melodramatik massenwirksamer Aufklärungsfilm reinsten Wassers. Nicht zu reden von „Der gewöhnliche Faschismus“ (1965)35, ein sowjetischer Dokumentarfilm von Michail Romm (1901-1971). Heute bestenfalls noch einigen Cineasten ein Begriff, macht er locker dutzende „History“-Dokus des notorischen Guido Knopp überflüssig.
Seit 1925 hat Forster einen Lehrstuhl an der Universität Greifswald inne, gleichzeitig ist er Direktor der dortigen Nervenklinik. Außerdem gehört er als außerordentliches Mitglied dem Wissenschaftlichen Senat für das Heeressanitätswesen an. Mit dem Machtantritt der Nazis gerät er schnell unter Druck. Zuerst wird behauptet, er bevorzuge jüdische Ärzte, dann unterstellt man ihm, abfällige Bemerkungen über den Nationalsozialismus getätigt zu haben. In der nun Hitler-gläubigen „Volksgemeinschaft“, wo das eifrig betriebene Denunziantentum wie ein Volkssport betrieben wird, ist es leicht, einen wie Forster unverzüglich vom Dienst zu suspendieren. Nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933, der großen Gleichschaltungs-Waffe namens „Arierparagraph“, die es ermöglicht, nichtarische Staatsdiener, Universitätsdozenten, Lehrer sowie Freiberufler aus ihren Stellungen zu schassen, kommt dies einer Existenzvernichtung gleich. Forsters Verzweiflung können wir nur ahnen, als sich der ausgesonderte Arzt deswegen das Leben nimmt.
Ernst Weiß, im mährischen Brünn geboren und nun im französischen Exil lebend, lässt sich 1938 von der Konstellation Hitler-Forster zu einer Erzählung in der Ich-Form inspirieren. Eine erste Fassung seiner Erzählung erscheint 1939 in der von Thomas Mann (1875-1955) und Konrad Falke (1880-1942) herausgegebenen Exilzeitschrift „Maß und Wert“.
Da Weiß keine geregelten Einkünfte hat und auf gelegentliche Zuwendungen von Kollegen wie Stefan Zweig (1881-1942) und Thomas Mann angewiesen ist, beteiligt er sich mit dem Stoff an einem Wettbewerb, den die American Guild for German Cultural Freedom mit Sitz in New York 1937 veranstaltet.
Die Guild, eine 1935 von dem exilierten Hubertus Prinz zu Löwenstein (1906-1984) ins Leben gerufene Hilfsorganisation, will mit den ausgelobten Preisgeldern deutschen Künstlern und Wissenschaftlern eine Perspektive in ihrer neuen Heimat ermöglichen.
Doch der Vormarsch der deutschen Truppen, die im Sommer 1940 Paris im Sturm erobern, machen für Weiß alle Hoffnungen zunichte. In der Tristesse eines schäbigen Emigranten-Hotels nimmt er Gift, das aber nicht gleich tödlich ist. Er wird noch ins Spital geschafft, kann aber nicht mehr gerettet werden. Am 15. Juni 1940, ein Tag nach dem deutschen Überfall, erlöst ihn ein gnädiger Tod von seinen Qualen.
22 Das Akronym GröFaZ bezieht sich auf die Begeisterung des Generalfeldmarschalls Wilhelm Keitel (Spitzname: Lakeitel) nach der blitzartigen Einnahme der Benelux-Staaten und Nordfrankreichs: „Mein Führer, Sie sind der größte Feldherr aller Zeiten!“ Nach der Schlappe von Stalingrad schwindet dessen Größe merklich, aber der Verehrung als „größter Führer“ bzw. „größter Faschist aller Zeiten“ tut das keinen Abbruch.
23 Ernst Weiß, Der Augenzeuge; Berlin und Weimar 1973
24 frz. Hof
25 Alexander Moritz Frey, Der unbekannte Gefreite – persönliche Erinnerungen an Hitler, in: Stefan Ernsting, Der phantastische Rebell – Alexander Moritz Frey:…oder: Mit Hitler an der Front; Berlin 2014
26 Klaus Mann, Tagebücher 1931-1933; München 1989
27 Theodor Lessing, Haarmann Die Geschichte eines Werwolfs; München 1995
28 Klaus-Peter Hinze, „…und das mir, dem Anti-Kommunisten.“, in: Text+Kritik 76, Ernst Weiß; Göttingen 1982
29 Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Vernichtungskrieg Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg 1996
30 Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust; Berlin 1998
31 Christopher R. Browning, Ganz normale Männer Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen; Hamburg 1996
32 „Der Untergang“, Regie: Oliver Hirschbiegel, 156 Min.; D 2004
33 Fest, Hitler; a.a.O.
34 „Holocaust“, Regie: Marvin J. Chomsky; Mini-Serie, 475 Min.; USA 1978
35 „Der gewöhnliche Faschismus“, Regie: Mikhail Romm, 128 Min.; UdSSR 1965
Die schwarze Wand
Obschon sicher im amerikanischen Exil, nimmt sich Ernst Toller am 22. Mai 1939 das Leben.
Rückblende: Nach seiner Verhaftung am 4. Juni 1919 wird der einstige Vorsitzende des Provisorischen Zentralrats der 1. Räterepublik zunächst in die Festungshaftanstalt Eichstätt verbracht. Unter dem Schock der blutig gestürzten Münchner Räterepublik entsteht dort sein berühmtestes Bühnenstück, „Masse Mensch – Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts“. „Das Drama „Masse Mensch“, schreibt Toller, „ist eine visionäre Schau, die in zweieinhalb Tagen förmlich aus mir "brach". Die beiden Nächte, die ich durch den Zwang der Haft in dunkler Zelle im Bett verbringen mußte, waren Abgründe der Qual, ich war wie gepeitscht von Gesichten, von dämonischen Gesichten, von in grotesken Sprüngen sich überpurzelnden Gesichten. Morgens setzte ich mich, vor innerem Fieber frierend, an den Tisch und hörte nicht eher auf, bis meine Finger klamm, zitternd den Dienst versagten“.
Das Stück wird im November 1920 im Nürnberger Stadttheater als geschlossene Veranstaltung vor Gewerkschaftern aufgeführt. Im Folgejahr bringt es der Theaterregisseur Jürgen Fehling36 (1885-1968) an die Berliner Volksbühne, wo es rasch zu einem großen Erfolg wird. In Niederschönenfeld, wo Toller eine fünfjährige Haftstrafe wegen Hochverrats abbüßen muss, wandelt er sich vollends zum Dramatiker von einigem Format. Drei weitere Dramen entstehen hinter Gefängnismauern, „Die Wandlung“ (1919), „Die Maschinenstürmer“ (1922) und „Der deutsche Hinkemann“ (1923), außerdem ein Text, der das Knastleben auf ganz eigene Weise reflektiert, „Das Schwalbenbuch“ (1924).
Im Juli 1924 wird Toller entlassen, sogleich an die sächsische Grenze eskortiert und als preußischer Staatsbürger aus Bayern ausgewiesen. Toller zieht nach Berlin, wo er bald einen erstklassigen Ruf als bedeutendster deutscher Dramatiker seiner Zeit genießt. Der gute Ruf nützt indes nicht viel, als Hitler im Januar 1933 Reichskanzler wird. Missliebige Personen, die nicht freiwillig das Land verlassen, werden kurzerhand ausgebürgert, ihr Vermögen eingezogen.
Die 1. Ausbürgerungsliste [von 359 insgesamt], veröffentlicht am 23. August 1933, enthält 33 Namen, darunter auch den von Ernst Toller. Er ist dabei in allerbester Gesellschaft: der Politiker Rudolf Breitscheid, der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der Statistiker Emil J. Gumbel, der Theaterkritiker Alfred Kerr, der Schriftsteller Heinrich Mann, der Kommunist Wilhelm Münzenberg, der Kommunist und Vorsitzende der Roten Hilfe Deutschland Wilhelm Pieck, der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann sowie der nach Schweden geflohene Schriftsteller und Satiriker Kurt Tucholsky, der sich 1935 das Leben nimmt. Ferner der Sozialist Otto Wels, der in der letzten Reichstagssitzung am 23. März 1933 die Ablehnung des Ermächtigungsgestzes durch die SPD begründet.
Toller übersiedelt zunächst in die Schweiz, wo noch im selben Jahr seine höchst lesenswerte Biografie erscheint, „Eine Jugend in Deutschland“37; mittlerweile längst ein Klassiker. Im Jahr darauf zieht Toller nach London, schließlich in die USA. Dort heiratet er seine langjährige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Christiane Grautoff (1917-1974).
