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Wolfgang Will erläutert unsere wichtigste Quelle zu den Perserkriegen – Herodot –, stellt die Kombattanten auf griechischer und persischer Seite vor, erklärt ihre Interessen und erhellt die Ursachen des Konflikts. Darüber hinaus werden die wichtigen Schlachten bei Marathon, den Thermopylen, bei Salamis und Plataiai geschildert und das militärisch-politische Ergebnis des Krieges zusammengefaßt. Den Abschluß bildet ein Ausblick auf die demokratische Entwicklung Athens und die Rezeption der Perserkriege bis in die Gegenwart – einschließlich der Legende vom Marathonlauf.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Wolfgang Will
DIE PERSERKRIEGE
C.H.Beck
Auch wenn die Bedeutung des Sieges einer Allianz griechischer Stadtstaaten unter Führung Spartas und Athens gegen die Perser gelegentlich allzu emphatisch überhöht wird, so gehören die sogenannten Perserkriege gleichwohl zu den großen militärischen Ereignissen der Antike. Wolfgang Will bietet – frei von eurozentrischer Sichtweise – in diesem Band eine sehr gut lesbare und informative Darstellung des Geschehens aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Er erläutert unsere wichtigste Quelle – Herodot –, entwickelt die Ursachen und Anfänge der Konfrontation, stellt die Protagonisten auf griechischer und persischer Seite vor und erklärt ihre jeweiligen Interessen. Darüber hinaus schildert er die wichtigen Schlachten bei Marathon (490), den Thermopylen und bei Salamis (480), bei Plataiai und Mykale (479) und resümiert das militärisch-politische Ergebnis des Krieges für die weitere Entwicklung Griechenlands.
Wolfgang Will ist Privatdozent für Alte Geschichte und lehrt an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
Einleitung: Griechen und Perser
Herodot
Herkunft und Reisen
Das Werk
Vorwort und Absicht
Inhalt und Chronologie
Methode und Quellen
Die außer-herodoteische Überlieferung
Vor dem Krieg
Lyder und Perser
Spartaner und Athener
Der Aufstand der Ionier
Anlass und Gründe
Verlauf und Ende
Der Zug des Mardonios
Marathon
Themistokles und Miltiades
Anlass und Grund
Die persische Invasion
Die Schlacht von Marathon
Zwischen den Kriegen
Das Flottenunternehmen des Miltiades
Der Ostrakismos: Das Scherbengericht als neues politisches Instrument
Die Flottenpolitik des Themistokles
Das zweite Vorwort Herodots
Der Weg zum Hellespont
Truppen und Schiffe
Kanäle und Brücken
Das Bündnis der Griechen
Die griechische Uneinigkeit
Die Mauern Athens
Die Themistokles-Inschrift von Troizen
Die Thermopylen
Die Gegner
Die Verteidigung der Thermopylen
Das Seegefecht von Artemision
Die Gründe des Leonidas
Salamis
Delphi und Athen
Vor der Schlacht
See- und Wortgefechte
Rückzug und Diplomatie
Plataiai
Der Weg nach Plataiai
Der Sieg von Plataiai
Mykale und die Folgen
Ein offener Schluss
Nach dem Krieg
Athen und Sparta
Der Mauerbau
Der Seebund
Griechen und Perser im 4. Jahrhundert
Die Rezeption der Perserkriege
Wie Erinnerungen gemacht werden
Die Thermopylen: Der Heldentod für das Vaterland
Marathon: Der Lauf zu sich selbst
Dank
Chronologie
Glossar
Literatur
Register
Bild- und Kartennachweis
Fußnoten
In Erinnerung an Manfred Seidler
Im Jahre 500 oder 499 begann an der kleinasiatischen Westküste ein Aufstand der dort lebenden Griechen gegen die persische Herrschaft, über dessen Gründe schon in der Antike gestritten wurde. An diesem Krieg beteiligte sich unter dem Vorwand der Verwandtenhilfe (Attika galt als Heimatland der ionischen Griechen) kurzfristig auch die weit abgelegene Stadt Athen mit Schiffen, Truppen und eigenen imperialen Zielen. Erreicht wurde dabei, was verhindert werden sollte. Das wenig durchdachte Unternehmen provozierte einen Angriff der Perser gegen Athen. Die damit verbundenen Kämpfe in den Jahren von 490 bis 479 v. Chr. gingen dann als Perserkriege (aus der Perspektive der Griechen gesehen) in die Geschichte ein. Insgesamt währten die Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern wesentlich länger. Sie begannen mit der Eroberung des Lyderreiches durch Kyros den Großen um 547/6 und gingen erst mit dem Asienfeldzug Alexanders des Großen (334–323) zu Ende.
Schon in mythischer Zeit wurde zwischen Ost und West gestritten: Die Amazonen drangen bis nach Athen vor, und die Griechen zerstörten mit Unterstützung von Heroen und Göttern Troja. Selbst wenn nach 479 kein weiteres persisches Heer Europa betrat, so wurde dennoch das 5. Jahrhundert, das Zeitalter der Klassik, ein Jahrhundert der Griechen und Perser. Statt Reitern und Bogenschützen kamen Gold und Gesandte, und im Verbund waren die Letzteren effektiver als Truppen. Griechische Poleis gerieten in eine finanzielle und zeitweilig auch politische Abhängigkeit vom Großkönig. Die Ursache lag darin, dass sie weit mehr Sinn darin sahen, sich untereinander zu bekämpfen als diesen. Dem ganzen Streit machte erst der Aufstieg einer neuen Großmacht am nördlichen Rand der Ägäis ein Ende: Makedonien. Innerhalb weniger Jahre besiegten erst Philipp II., dann sein Sohn Alexander Griechen wie Perser. Nahezu gleichzeitig mit dem Untergang des Perserreiches verloren die Griechen die Reste ihrer Autonomie und hatten nun Veranlassung, sich der ruhmreicheren Vergangenheit zu erinnern, die das zweite Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts bildete.
Diese Erinnerung hatte sich mit der Niederschrift durch den Vater der Geschichtsschreibung, Herodot, bereits ein knappes halbes Jahrhundert nach den Ereignissen verfestigt – unabhängig davon, dass es weiterhin untereinander konkurrierende lokale Versionen gab. Es kämpften damals ja nicht die Griechen, sondern ein Zusammenschluss von Lakedaimoniern, Athenern, Korinthern, Tegeaten und anderen Landsleuten. Was wir heute dank Herodot von den Perserkriegen wissen, ist, was die Griechen Mitte des 5. Jahrhunderts darüber dachten. Das ist eine Binsenweisheit, aber der Leser tut gut daran, sie sich in Erinnerung zu rufen. Es bedeutet auch, dass wir den Krieg ausschließlich aus der Sicht der Sieger kennen. Dies ist die übliche Perspektive, wie die Beispiele der Punischen Kriege und des Gallischen Krieges lehren. Nur der Peloponnesische Krieg des Thukydides zeigt die Wahrnehmung eines Verlierers. Ob sich allerdings die Großkönige Dareios und Xerxes als solche sahen, ist die Frage. Was für die Griechen auf eigenem Boden ein Kampf um Autonomie war, muss für jene nicht mehr als ein Scharmützel am Rande ihres riesigen Reiches gewesen sein. Es gibt jedoch keine Zeugnisse darüber, und so lässt sich über die genauen Motive und die Ziele der Invasionen nur spekulieren. Die Perserkriege sind in der Überlieferung ein griechischer Krieg, und mehr, als sich dessen bewusst zu sein, lässt sich gegen diese Einseitigkeit nicht tun. Das Bild der Barbaren, die meist mit den Persern gleichgesetzt werden, ist ebenso verzeichnet wie dasjenige des Xerxes. Vor allem ist die Antinomie von Freiheit und Knechtschaft, von Kultur und Barbarei, von Eunomie – der Herrschaft durch gute Gesetze – und Despotie Erfindung. Ohne sie wäre die Erinnerung an die Perserkriege freilich bald verblasst, denn dann hätten diese ihren Sinn für spätere Generationen und Völker verloren, denen sie Beispiel und Mahnung sein sollten.
Was die Zeitgenossen am meisten und die Historiker und Militärs des 19. und 20. Jahrhunderts noch besonders interessierte, der Verlauf der Kampfhandlungen, ist heute ohne Faszination. Zudem fehlt jede Möglichkeit, ihn in irgendeiner Weise zu rekonstruieren. Jeder der damals Beteiligten wollte sich und seine Polis im hellsten Licht des Schlachtenerfolges sehen, und mancher, der zu spät oder gar nicht kam, versuchte sich noch nachträglich in die Siegerlisten einzutragen. Herodot, einer der wenigen Zivilisten unter den antiken Historikern, war mit all den sich oft widersprechenden Erzählungen, welche die Marathon- (490) und Salamis-Kämpfer (480) verbreiteten, überfordert. Die Griechen, die sehr genau zählen konnten, wenn es um ihre Truppen und Schiffe ging, verloren jede Übersicht, wenn sich feindliche näherten. Von Millionen, die wenigen gegenüberstanden, berichtet auch Herodot, als wüsste er nicht, was solche Zahlen bedeuten. Er schrieb nieder, was ihm erzählt wurde, doch scheint er irgendwann auch die Geduld mit seinen Gewährsleuten verloren zu haben, denn seine Schlachtenberichte sind oft kurz und verworren. Schnell kommt er vom Allgemeinen auf das Schicksal Einzelner zu sprechen, und schon die Antike warf ihm vor, statt von den Taten der Sieger zu sprechen, habe er Anekdoten erzählt oder gar, wie zum Beispiel in der Salamis-Episode, eine Frau in den Mittelpunkt gerückt. Tatsächlich ergibt sich oft der Eindruck, die Griechen seien in erster Linie davongelaufen. Die Moderne hat dies, weil es zum Ausgang der Kämpfe nicht passte, dann als taktischen Rückzug interpretiert. Das mag so gewesen sein, aber vermutlich vermischen sich hier die Prahlereien der einen mit der üblen Nachrede der anderen. So wählten sich bei einer Abstimmung über den tapfersten Kapitän vor Salamis alle Befragten selbst auf den ersten Platz. Es bleibt, dass über Schlachtenverläufe nichts Gesichertes zu sagen ist, und so gilt das Interesse dieses Buches mehr dem, was die Griechen über ihre Gegner und sich selbst, ob Barbarenfreunde oder -feinde, dachten und wie Herodot dies alles zu einer über Jahrhunderte hinweg wirkmächtigen Darstellung verarbeitet hat.
Die unmittelbaren Folgen der Perserkriege erscheinen bei Herodot nur indirekt. Das Werk friert gleichsam den Moment ein, der die Niederlage der Perser zur Gewissheit machte. Darüber hinaus gibt es kein Resümee, keine Deutung, keinen Ausblick. Die wichtigste Konsequenz, aus der sich die anderen ergaben, kleidet Thukydides am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. in einen Satz: «Und die Athener, die beim Heranrücken der Perser entschlossen waren, ihre Stadt zu verlassen, packten ihre Habe, gingen an Bord der Schiffe und wurden Seefahrer.» Mit ihrem durch die Siege zur See gewonnenen Ansehen gründeten die Athener einen Seebund, der eine Rückkehr der Perser verhindern sollte und schließlich über 400 Inseln und Küstenstädte umfasste. «Nicht viel später» machten sie aus den Verbündeten Untertanen und aus dem Gebiet des Bundes ein Reich. Mit der wirtschaftlichen Prosperität kam auch eine kulturelle Blüte, die den militärischen und politischen Niedergang überdauerte. Dank des Selbstbewusstseins, das der vierte und unterste gesellschaftliche Stand, die Theten, als Ruderer der siegreichen Schiffe aus den Perserkriegen schöpfte, entwickelte Athen ein System, in dem der Demos – das Volk – zumindest an der Herrschaft beteiligt war. Das aber ist ein anderes Kapitel, das unter dem Namen «Perikleisches Zeitalter» so falsch wie einprägsam in die Lehrbücher einging.
Die Bedeutung der Perserkriege über die klassische Antike hinaus liegt in dem Mann, der sie beschrieb, Herodot, dem pater historiae, wie ihn Cicero nennt. Zunächst aber war es der Stoff, der erste gemeinsame Kampf der Griechen (oder zumindest eines großen Teiles von ihnen) nach dem mythischen Zug gegen Troja, der Herodot, den Ethnographen und Logographen, zum ersten Historiker des Abendlandes werden ließ. Die Zersplitterung von Hellas in untereinander verfeindete Städte mit unterschiedlichen Verfassungen bot kein Thema, das über die Polisgrenzen hinaus von Belang war, und das Interesse an der Vergangenheit erschöpfte sich in der Lektüre der Homerischen Epen. Erst das nach der überstandenen persischen Gefahr neu erwachte Selbstbewusstsein der Sieger verlangte nach einer Darstellung, in der sich der große Erfolg spiegelte. In Herodot schuf sich dieses kollektive Bedürfnis den Mann, der es zu stillen vermochte. Er war dafür besonders geeignet, denn er kannte beide Sphären, hatte auf seinen Reisen Länder gesehen, die dem Polisbürger verschlossen waren, und war frei von jener perserfeindlichen Hysterie, die seit dem Ionischen Aufstand im Mutterland Platz gegriffen hatte und ausgerechnet vom Perikleischen Athen, dem sich Herodot verpflichtet fühlte, in besonderer Weise geschürt wurde.
Herodot wurde im Jahrzehnt zwischen den beiden persischen Invasionen um 484 v. Chr. als Untertan des Großkönigs in Halikarnassos, einer griechisch besiedelten Stadt an der Südwest-Küste Kleinasiens, geboren. Antike Autoren traten hinter ihrem Werk zurück. So wissen wir auch wenig von Herodot. Dass er aus Halikarnassos kommt, schreibt er selbst im Einleitungssatz seiner Historien. Aristoteles besaß eine Ausgabe des Werkes, in der als Heimatstadt Herodots Thurioi vermerkt ist, diejenige panhellenische Kolonie, die 444/3 auf Initiative der Athener auf dem Boden des 510 zerstörten Sybaris am Golf von Tarent gegründet worden war und in der Herodot angeblich auf dem Marktplatz begraben wurde. Einem byzantinischen Lexikon des 10. Jahrhunderts n. Chr. zufolge, der Suda, das die meisten biographischen Details bietet, wurde Herodots Familie in eine Auseinandersetzung mit dem Tyrannen von Halikarnassos verwickelt. Herodot musste auf die benachbarte Insel Samos fliehen, kehrte zurück, verließ aber die Heimat nach dem Sturz des Tyrannen erneut. Es sind die Erfahrungen eines Bürgers der Grenzregion mit ihren vielen kulturellen Einflüssen, aber auch diejenigen des Exilanten und schließlich die des Reisenden, die Herodot befähigten, ein Werk zu schreiben, das weit entfernt vom damals üblichen griechischen Patriotismus war. Was ihn auszeichnet, ist die Freude am Sehen, die Theoria, die als Zustand der Weltoffenheit im Gegensatz zu einer auf Geschäfte verengten Praxis steht. Herodot selbst hat das später am Beispiel des Solon beschrieben, der Athen «kata theories prophasin», aus Freude am Sehen, verlässt.
Auch Herodot bereiste die Welt, die es damals zu erkunden gab. Wann und in welcher Reihenfolge er die verschiedenen Länder und Kontinente besuchte, ist unbekannt. Dass er es getan hat, darüber gibt sein Werk Auskunft, auch wenn er sich nicht scheut, gelegentlich Reiseberichte anderer, wie zum Beispiel des Hekataios von Milet, abzuschreiben. Herodot hat Ägypten gesehen und beschrieben, er war im afrikanischen Kyrene, und er reiste auf dem Euphrat bis Babylon. Er fuhr über das Schwarze Meer bis nach Olbia und von dort weiter nach Norden ins Land der Skythen, er kannte Thrakien und auch Makedonien. In Kleinasien wurde er geboren, zeitweilig lebte er im griechischen Mutterland, und in Unteritalien starb er. Das große Interesse der Zeitgenossen an Herodots Vorträgen speiste sich aus dessen Kenntnis fremder Länder und Gebräuche. Er trug – so die antiken Zeugnisse – in Korinth vor, in Theben, Athen und Olympia, aber sicherlich auch in anderen Städten. Seine Zuhörerschaft soll nach Tausenden gezählt haben, in Athen erhielt er, dem attischen Historiker Diyllos zufolge, zehn Talente für seine Lesungen, ein Betrag, mit dem die Stadt eine Triere mit 200 Mann Besatzung fast ein Jahr lang finanzieren konnte. Eine Ehrung durch den Rat von Athen datiert Eusebios in seinen Chronika ins Jahr 445, doch der Historiker hat sicher schon früher Athen besucht. Herodots spätes Thema sind sicherlich die gemeinsam errungenen Siege der Griechen, aber seine ersten Erfolge hatte er mit den Reiseberichten. Es ist schwer vorstellbar, dass er die thebanischen Zuhörer mit Schilderungen ihrer Kollaboration mit Xerxes unterhielt.
Herodot begann wohl erst in den späten vierziger oder frühen dreißiger Jahren sein Werk niederzuschreiben. In jedem Fall arbeitete er noch während des Peloponnesischen Krieges (431–404) daran, denn er nimmt dreimal auf ihn Bezug. In einer Komödie von 425, den Acharnern, parodiert Aristophanes die Frauenraubgeschichten aus Herodots Prolog – dessen Historien müssen also Mitte der zwanziger Jahre vorgelegen haben. Das bestätigt auch Thukydides, der schon in der früh geschriebenen «Archäologie» auf seinen Vorgänger eingeht, auch wenn er ihn nicht mit Namen nennt.
Durch die späte Abfassung bekommt das Werk bereits einen Doppelcharakter. Herodot feiert einen historischen Sieg; und er sieht – aus der unteritalischen Distanz sicherlich besser als die mutterländischen Griechen – die negativen Folgen dieses Sieges, Streit und Selbstzerstörung: «Denn über Hellas kam zur Zeit des Dareios …, des Xerxes … und des Artaxerxes …, also innerhalb dreier Menschenalter, mehr Unglück als in den zwanzig Menschenaltern vor der Zeit des Dareios. Teils brachten die Perser dies Unglück über Hellas, teils die hellenischen Großen selber, die miteinander um die Macht kämpften», beklagt er bereits im 6. Buch (98.2). So verwundert es nicht, wenn dem Werk der triumphale Schluss fehlt. Vieles spricht jedoch dafür, dass die mahnende Sentenz, mit der das überlieferte Werk nach der Schilderung der Kämpfe von 479 endet, auch genau der von Herodot beabsichtigte Abschluss ist.
Der Historiker gab seinem Werk keinen Titel, die Einteilung in neun Bücher nach den neun Musen (Klio, Euterpe, Thalia, Melpomene, Terpsichore, Erato, Polyhymnia, Urania, Kalliope) stammt erst von späteren Philologen in Alexandria. Stattdessen bietet sich eine Zweiteilung an, die der Historiker durch eine als zweites Vorwort zu verstehende Szene zu Beginn des siebten Buches selbst vorgibt. Der erste Teil enthielte demnach den Aufstieg und die Expansion der Perser und die Geschichte der mit ihnen – freiwillig oder unfreiwillig – in Kontakt tretenden Völker und Staaten, der zweite Teil den Angriff und die Abwehr des Großkönigs Xerxes.
Herodots Darstellung mündet in einem eindrucksvollen Finale in die Schilderung der großen Perserschlachten. Sein Vorhaben ist jedoch umfassender und keineswegs national eingegrenzt. In einem ungelenk anmutenden Vorwort hat er sich und seine Ziele vorgestellt. Es ist der erste Satz der europäischen Geschichtsschreibung, und er räumt Griechen und Nichtgriechen ohne Einschränkung den gleichen Rang ein: «Des Herodot von Halikarnassos Darlegung der Erkundung ist diese, auf dass weder das von Menschen Geschehene durch die Wirkung der Zeit verblasse noch die großen und staunenswerten Werke, ob sie nun von Hellenen, ob von Barbaren aufgewiesen wurden, ohne Kunde würden; das andere, und insbesondere, aus welcher Verschuldung sie miteinander Kriege geführt haben.«(W. Schadewaldt).
