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Jahrzehntelang lebte Monika Sznajderman im Schatten des Schweigens. Ihr Vater hatte über seine Odyssee durch die Konzentrations- und Vernichtungslager, seine Flucht und die Rückkehr nach Warschau nie sprechen wollen. Bis die Fotos aus Übersee kamen: Absender waren Verwandte, von deren Existenz sie nichts gewusst hatte. Sie beginnt zu recherchieren. Wenige Dokumente im Stadtarchiv von Radom und der Bericht des einzigen Überlebenden, des Großonkels Eliasz Sznajderman, im Holocaust Museum in Washington – mehr Spuren hat die große Familie in Polen nicht hinterlassen.
Im Gegensatz zu ihnen, »gewöhnlichen Menschen ohne Geschichte«, sind die polnischen Vorfahren der Mutter Angehörige der Oberschicht, national und antisemitisch eingestellte Gutsbesitzer und Unternehmer, die nach den Regeln und Gesetzen ihrer Klasse leben. Monika Sznajderman ist in ihren Recherchen weit fortgeschritten, als sie entdecken muss, dass etwa zur selben Zeit, als ein bekannter Künstler ihre elegante polnische Großmutter auf einem Gemälde verewigte, zweihundertfünfzig Kilometer weiter östlich ihre jüdische Großmutter von Ukrainern erschlagen wurde.
Die Geschichte, die Monika Sznajderman aus Interviews, Briefen, Fotos und veröffentlichten Quellen rekonstruiert, spricht mit seltener Eindringlichkeit von der Tragik des jahrhundertelangen polnisch-jüdischen Zusammenlebens, die nicht nur ihre Familie, sondern die ganze Gesellschaft bis heute nicht loslässt.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2018
Monika Sznajderman
Die Pfefferfälscher
Geschichte einer Familie
Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Martin Pollack
***
Pension der Erinnerung
Das Buch von Radom
Die fernste Grenze
»Wir haben uns alle gerettet, sie sind alle umgekommen«
Als schon keiner mehr lebte
Danksagung
Martin Pollack Reden ist doch Gold
Zitatnachweise
Für Papa – statt eines Vorworts
Meinen Kindern schon jetzt
Meinen Enkeln, wenn sie heranwachsen
Meine früheste Erinnerung aus der Kindheit betrifft die Küche, oder eigentlich den Küchentisch. Das Fenster ging auf den Lichthof eines innerstädtischen Mietshauses in der ulica Okólnik in Warschau. Der Tisch stand unter dem Fenster, und seit ich mich erinnern kann, saßen wir an ihm in unveränderter Ordnung: auf der linken Seite mein Vater, daneben ich, am oberen Ende des Tisches Mama, rechts vom Fenster Mamas Mutter, also Großmutter Maria, und neben ihr – abhängig vom jeweiligen Tag – Großvater, eine Cousine oder Tante aus meiner zahlreichen polnischen Familie. Auf dem Tisch lag ein Wachstuch mit buntem Blumenmuster. In der Küche war es dunkel, und es brannte immer Licht, weil keine Sonne in den Lichthof fiel, und über dem Tisch hing eine selbst für ein Kind spürbare reglose Spannung. Vater sprach wenig, in der Regel schwieg er, in der Unterhaltung dominierte Großmutter. Schon bei ihren ersten Worten sprühten Funken durch die Luft, und es kam zu kleinen elektrischen Entladungen. Mama linderte die Auseinandersetzungen.
Die hitzigste – und sich stets wiederholende – drehte sich ums Essen. Dank der gesellschaftlichen Kontakte Großmutters ins Ausland bekamen wir viele Pakete von ihren zahllosen Freundinnen, Angehörigen der weißen russischen Emigration in Frankreich und England. Ich war eine schlechte Esserin, und auf unserem Tisch erschienen Speisen, von denen man in Gomułkas Polen noch nie gehört hatte. Ich erinnere mich nur an die verhasstesten, über denen ich die längste Zeit in Qualen zubrachte: Rotbarschfilet mit Kapern in Béchamelsauce, Hirn in Kokillen, gebratene Bananen (während das Kind von frischen träumte, deren Kauf an ein Wunder grenzte), irgendwelche raffinierten Aufläufe mit Spargel und Chicorée (Großmutter nannte sie »gratin«), alles unter einem schrecklichen Béchamel begraben, und dazu ölige und fade Oliven. Ich war überzeugt, dass man in allen Häusern so aß. Als ich daher zum ersten Mal in ein Ferienlager nach Świder fuhr, bat ich die verblüffte Erzieherin, mir solche Speisen unter keinen Umständen vorzusetzen.
Wenn ich über einem Teller, gefüllt mit diesem oder jenem Auflauf, saß, meine Tränen hinunterschluckte und auf den Moment wartete, da ich die Reste des Essens auf dem Balkon, in dem Topf mit dem Zitronenbäumchen vergraben konnte (ach, warum kann ich nicht wie andere Kinder Fleisch mit Fett, Karotten mit Erbsen und Kartoffeln mit Soße in der Schulkantine essen, wo es verführerisch nach Malzkaffee und feuchten Putzlappen duftet?), mischte sich mein Vater ein, und es folgte die einzige erzieherische Lektion, die er mir jemals erteilt hat. Ich weiß noch, wie er damals sagte: »Als ich ein Kind war und etwas zum Frühstück nicht essen wollte, bekam ich es zum Mittagessen, und wenn ich es auch zu Mittag nicht aß, dann zum Abendessen.« Nach dieser Ansprache verließ er jedes Mal die Küche. Ich habe mir die Worte gemerkt, denn schon als kleines Kind spürte ich die unbegreifliche Dissonanz zwischen ihrer – wie mir damals schien – Rücksichtslosigkeit und der alltäglichen außerordentlichen Milde meines Vaters.
Erst viele Jahre später begriff ich, wie stark die Erinnerung an diesen Grundsatz in seinem Denken verbunden war mit seinem Elternhaus und der Gestalt seiner Mutter und mit dem Glauben, dass es eben ihre Lektion war, die ihm ermöglichte, den Hunger in den verschiedenen Lagern zu überstehen. Im Gespräch mit Barbara Engelking sagte er: »Sie war sehr konsequent und bestimmt. Sie schaute darauf, dass alles aufgegessen wurde, was auf den Teller kam. Wenn ich darauf bestand, etwas nicht zu essen, bekam ich ständig dasselbe Gericht vorgesetzt. Das dauerte manchmal sogar ein paar Tage – bis einer von uns nachgab. Damals lernte ich, alles zu essen – was mir später, in Zeiten des Hungers, zugutekam.«
Nein, damals habe ich nichts begriffen.
Es gab Momente, in denen mein Papa auflebte. Das war dann, wenn sich unser Haus mit ausländischen Düften füllte: von Zigaretten, Waschpulver und Parfüms, wenn scheinbar polnische, aber mit einem unbekannten, harten Akzent ausgesprochene Wörter durch die Luft zu fliegen begannen, wenn das Wort »Juden« und verschiedene fremde Vornamen auftauchten – Fela, Frania, Stefa, Rózia, Stach … Auch der Name Korczak wurde genannt, und zwar nicht im einzigen mir damals bekannten Zusammenhang des ungeliebten »König Maciuś der Erste«. Denn der Cousin meines Papas, Stanley Robe (im vorigen Leben, vor der Ausreise aus Polen, Stach Rozenberg), war Vorsitzender eines australischen Komitees, das Korczaks Namen trug. Wir gingen mit ihnen in Hotels abendessen – in den Himbeersaal im Grand Hotel, und in späteren Jahren ins Forum (die Küche war nicht so gut, wie man sagte, und die Kellner waren arrogant), und nach ihrer Abreise musste ich mit kindlicher Ungeduld zahllose Postkarten an die »liebe Stefa«, die »liebe Fela« und den »lieben Stach« unterschreiben. Als Antwort trafen in Paketen mit bunten Briefmarken diverse Koalabären und Kängurus in allen erdenklichen Formen bei uns ein: Als Plüschspielzeug, als dreidimensionale Postkarten, als Aschenbecher, als Schlüsselanhänger und Glasuntersätze. In meiner frühen Kindheit war ich offenbar der Meinung, dass Australien, wo unsere Verwandten wohnten, ein Teil Polens war, eine ferne Überseekolonie.
Daher fragte ich gar nicht danach, wie es kam, dass sie sich dort befanden, dass sie Anfang der zwanziger Jahre gemeinsam ein Schiff bestiegen hatten und nach Australien gefahren waren. Lange Zeit verband ich das auch nicht mit der Tatsache, dass sie als Einzige den Krieg überlebt hatten und wie Geister aus einer verschwundenen Welt, mit ihren Vornamen, ihren Erzählungen und ihrem seltsamen Akzent, unsere Küche in der ulica Okólnik besuchen konnten. In der Kindheit erschien mir das alles völlig natürlich. Ich wusste, dass dein Großvater Selim einen Bruder namens Józef gehabt hatte, der im Jahre 1896 in der ulica Świętojerska 30 in Warschau gewohnt hatte und nach Auskunft des Illustrierten Kalenders von Józef Unger für das Schaltjahr 1896 Assistent eines Rechtsanwalts gewesen war. Dass dieser Józef einen Sohn namens Adolf und Enkelkinder hatte: Stach und Irena. Dass diese wiederum mehrere Kinder hatten. Dass die Schwester deines Großvaters, Salomea, einen Leon Czapnik geheiratet und mit ihm drei Töchter und einen Sohn gehabt hatte: Fela, Rózia, Stefa und Zygmunt. Dass diese Kinder ebenfalls geheiratet und viele Kinder hatten und dass daher meine kindliche Vorstellung, wonach in Australien Polen wohnten (wenn auch etwas andere als die hier in Polen), in einem gewissen Sinn durchaus berechtigt war. Ich stellte mir vor, dass diese seltsamen Polen, die eigentlich keine waren, im Busch mit Kängurus und Koalabären wohnten, und ich wusste, dass sie Juden hießen. Diese exotische Anhäufung von Begriffen und Bildern – Australien, Juden, Busch, Kängurus und Koalabären – sollte mich durch meine gesamte Kindheit begleiten.
So also kehren sie wieder, die Toten.
W. G. Sebald, Die Ausgewanderten
Er wird immer weniger. Er gibt der Welt einen Teil dessen zurück, was er ihr in knapp neunzig Jahren durch seine physische Anwesenheit genommen hat. Die Mäntel werden zu weit. Im Zimmer scheint es mehr Platz zu geben. Er geht ungern aus. Er verschwindet. Wie sie alle.
Ich würde ihn gern am Ärmel packen und nie mehr loslassen.
Was sind die Orte, die die Erinnerung verloren haben? Die die menschliche Erinnerung meidet, die sie nicht mehr berührt? Und was ist das für eine verschwendete Erinnerung, die in den Wolken wabert, anstatt zu erzählen und die Geschichte zurückzurufen?
Orte, um die die Erinnerung sich nicht mehr kümmert, sterben. Sie verwildern und verwüsten, sie werden überwuchert vom Grün des Vergessens. Wie dieses bewaldete, verlassene Stück Boden zwischen den Häusern im Warschauer Vorort Miedzeszyn.
Im Gespräch mit Barbara Engelking hast du erklärt: »Ich musste einfach einen Vorhang über das werfen, was einmal war, um mich irgendwie an das anpassen zu können, was später kam. Es war völlig unmöglich, diese beiden Welten miteinander in Übereinstimmung zu bringen. Und später konnte ich schon nicht mehr zu diesem ›Früheren‹ zurückkehren. […] Ich habe wohl, vielleicht unbewusst, die Tür zur Vergangenheit zugeschlagen. Das war ein bisschen ein Selbstschutzmechanismus. Und dann ist es mir nicht mehr gelungen, sie zu öffnen.«
Abb. 1
Wie fühlst du dich jetzt, wenn sie zurückkehren: die Gesichter, die Ereignisse und Orte? Wenn sie nach über siebzig Jahren in der Nacht kommen wie Diebe, um dir deine Ruhe und den Schlaf zu rauben? Bis jetzt haben sie ruhig gewartet, in den Warteraum der Erinnerung gestopft, doch jetzt toben sie erbarmungslos herum.
Es hat vor drei Jahren mit einem Brief vom Gericht begonnen. »Das Bezirksgericht Warszawa Praga-Południe verständigt Herrn Marek Sznajderman von einer Verhandlung über eine Ersitzung. Die Causa betrifft das Grundstück im Umfang von eineinhalb Hektar mit der Nummer … Warszawa-Wawer«. Und Bilder. Auf den Bildern ein Wald. Und ein Stück Boden zwischen Villen der Warschauer Vorstadt. Abgeknickte Zweige, eine kleine Wiese zwischen Kiefern und Birken. Die einzige Spur menschlicher Tätigkeit ist ein Trampelpfad, der in einer Abkürzung zu den Bahngleisen führt, und zu Stapeln gehäuftes Reisig.
Abb. 2
Du hast nicht gewusst, worum es ging. Nein, dort besitzt du keinen Grund und Boden. Alles wurde nach dem Krieg verkauft, ging in fremde Hände über. Es gibt also nichts mehr. Am liebsten würdest du sagen: Es hat nichts gegeben.
Aber auf Vorkriegsfotografien lebt dieser Ort. Dort steht ein Haus, groß, aus Holz gebaut, einstöckig. Das ist die Villa Zacisze, auch Villa Rozenberg genannt. Am 19. April 1927 erscheint in der polnisch-jüdischen Zeitung Nasz Przegląd (Unsere Rundschau) eine Annonce: »In der Pension von G. Rozenbergowa in Miedzeszyn (eigene Villa, Elektrizität) befindet sich eine ärztliche Ordination unter der Leitung von Dr. med. L. Sznajderman. Quarzlampe, Sollux-Lampe, Diathermie, Elektrotherapie, Lichtbäder. Telefon in der Pension: Podmiejski Radość 2.« Von da an wird regelmäßig eine ähnliche Anzeige geschaltet, bis deine Mutter Amelia die Pension übernimmt und sie als »Pension von Frau Dr. Sznajderman, früher Rosenbergowa in Miedzeszyn, Villa Rosenberg. Nachricht an die Adresse oder vorstädtisches Telefon Radość 2« annonciert.
G. Rozenbergowa – der Name wird mal mit »s« und dann wieder mit »z« geschrieben – ist deine Großmutter und meine Urgroßmutter Chana Gitla, geborene Weissbaum, zu Hause Gucia genannt, polnisch Gustawa. Dr. med. I. Sznajderman, das ist dein Vater Ignacy, ein Neurologe. Außer dem Preis für die Zimmer, der zwischen vier und sechs Złoty beträgt, bezahlten die Sommerfrischler noch die Gemeinde- und die Hotelabgabe in Höhe von zwanzig bis dreißig Groszy pro Tag und Person.
Die Villa Rozenberg ist also ein komfortables Haus, mit Elektrizität, das die modernsten medizinischen Leistungen anbietet. Es rühmt sich einer verglasten Terrasse und einer Veranda, gedacht für die sommerliche Erholung, die sogenannte Sommerfrische. Die Veranda ist geräumig, dort steht ein Topf mit einer großen Palme. Die Terrasse ist ebenfalls groß, auf den Fotografien fasst sie die ganze umfangreiche Familie. Das Haus besitzt die für den sogenannten Świdermajer-Stil der Warschauer Vorstadt typischen durchbrochenen Balkonverzierungen und die leichte Konstruktion. Wie die meisten dieser Gebäude wurde es vermutlich als Riegelbau errichtet und aus Kiefernholz gebaut. Es steht auf einer Waldwiese, durch die Kiefern leuchtet die Sonne. Und so wird es bleiben, so wird es mir immer erscheinen: Ich erinnere mich nur an sonnige Tage und so weiter, obwohl ich natürlich weiß, dass das nur deshalb so ist, weil Henryk, dein Onkel und gleichzeitig Fotograf der Familie, nur an solchen Tagen den Apparat hervorholte.
»Geschnitzte Veranden, verborgen hinter Jasminsträuchern, und Fensterläden mit ausgesägten Sternchen, umgeben von wildem Wein, der entlang der Fenster gleichmäßig zurückgeschnitten wurde, um das Licht hereinzulassen. Galerien, Türmchen, Turmspitzen auf schuppigem Dach, mit Wetterhahn oder ohne. Und wenn nicht mit Hahn, dann mit Fähnchen. Und verglaste Veranden, Liegehallen, damals war das der letzte Schrei. Hohe, trockene Räume mit großen Fenstern, sonnig, für brustkranke Christen und Israeliten. Sommer- und Winterbetrieb, im Erdgeschoss und im ersten Stock, zu günstigen Preisen. Im ersten Stock war es billiger, weil man die Treppe hinaufgehen musste, dafür war es gemütlicher. Alles ganz nach Wunsch, für die Kur- und Sommergäste gab es jeden Komfort, Elektrizität, Wannen, Duschen, heißes und kaltes Wasser.«1 So rekonstruiert der Autor Piotr Paziński in seinem Debütroman Die Pension jene Welt.
Ich weiß nicht, und auch du weißt es nicht, wer das Haus gebaut hat. Es wurde vermutlich gleich nach dem Krieg errichtet, vielleicht Anfang der zwanziger Jahre, von einem der zahlreichen Zimmerleute, die sich auf den von Michał Elwira Andriolli begründeten Stil spezialisierten. Die reiche und weitgehend assimilierte Familie Rozenberg stammte aus Warschau. Ich weiß nicht genau, wann und weshalb Gustawa, geborene Weissbaum, und Selim Rozenberg beschlossen haben, nach Miedzeszyn zu ziehen. So wie ich nicht weiß, warum ihr Haus im Prospekt Falenicer Sommerfrischen aus dem Jahr 1938 nicht verzeichnet ist. Das Haus hat doch existiert, so wie deine Großeltern und die weitere zahlreiche Familie existiert haben (Großvater Selim hatte einen älteren Bruder, Józef, und eine Schwester, Salomea, die Großmutter Gustawa hatte die Brüder Jerzy und Maurycy sowie die Schwester Rózia). Dein introvertierter, schüchterner Vater war sogar Mitglied der Revisionskommission der 1925 gegründeten Gesellschaft der Freunde von Miedzeszyn mit Sitz in der ulica 11 Listopada 5. Das Haus existierte, und deine Mutter Amelia liebte es, sich davor fotografieren zu lassen. Das Bild aus dem Jahr 1925 ist von ihrer Hand beschriftet: »Weiter hinter mir ist unser Haus. Du würdest es nicht erkennen, weil vor kurzem der Zaun des Nachbarn errichtet wurde. Miedzeszyn, Juli 1925.« Diese Fotografie und der Werbeprospekt sind die einzigen greifbaren Spuren.
Abb. 3
Sonst könnte man an dem allen zweifeln.
Denn heute gibt es keinen Zaun mehr, keine Amelia, die zu Hause Mata gerufen wurde, geboren in Warschau am 15. Januar 1904. Amelia, voller Leben, auf den Fotografien immer in phantasievollen Posen, in weißen oder bunten Kleidern, manchmal geradezu verkleidet, mit dir und deinem jüngeren Bruder Albert, Aluś genannt. Es gibt deinen Großvater Selim Rozenberg nicht mehr und auch nicht seine Frau Chana Gitla, geborene Weissbaum (manchmal auch Wajsbaum geschrieben), noch ihre Söhne, das heißt deine Onkel: den Fotografen Henryk und Natan, zärtlich manchmal Natek gerufen.
Abb. 4
Sie haben nur auf diesen Fotografien überlebt. Fotografien, die durch ein Wunder gerettet, sorgsam aufbewahrt und dir erst vor ein paar Jahren aus Amerika geschickt wurden. Zusammen mit Briefen und dieser bestickten kleinen grauen Leinentischdecke, die Amelia vor dem Krieg für die geliebte Cousine gefertigt hatte. Die Erzählung vom Schicksal dieser Bilder, die jenseits des Ozeans die Shoah überdauert haben – weil Amelia gern schrieb und ihre Cousine liebte und ihre Lebensgeschichte mit ihr teilen wollte, die also überdauerten, und noch dazu in unversehrtem Zustand, und dann dank der überraschenden und wunderbaren Effizienz der amerikanischen und polnischen Post uns fanden und nach über siebzig Jahren zu dir zurückkehrten –, das ist eine symbolische Erzählung vom Leben in der Welt vor dem Holocaust. Auf dem gegenüberliegenden Pol ihrer
Unversehrtheit, ihres unbeschädigten Zustands sind nämlich jene wenigen Bilder angesiedelt, die überhaupt erhalten geblieben sind – Bilder, wie der polnische Literaturwissenschaftler Jacek Leociak schreibt, »beschädigt, zerrissen, verblichen, geknickt«, die etwas Grenzwertiges und Unaussprechbares erfahren haben und allein durch ihr Aussehen von der Shoah zeugen. Aus heutiger Sicht betrachtet, aus der Perspektive der Zeit, werden sie zu Spuren der Shoah, »zu etwas, was sich direkt von der Welt abdrückt, wie der Abdruck eines Fußes im Sand oder eine Totenmaske«. Die Stimme dieser beschädigten Bilder ist eine Stimme, um noch einmal Leociak zu zitieren, »gedämpft, verzerrt und gequält, oft kaum hörbar und erkennbar«, die zu uns »auf abgerissene, fragmentarische Weise« spricht, weil auch die Bilder in ihrer Zerrissenheit und Verwundung die Unmöglichkeit manifestieren, diese Wirklichkeit zu beschreiben. »Nichts ähnelt dem, was dort und damals war, die Deformierung erweist sich daher als einzige mögliche Form der Darstellung. […] Eine Deformierung, die allein aus sich selbst heraus eine Berührung jener Wirklichkeit aufzeigt.«
Abb. 5
Abb. 6
Die Fotografien aus Miedzeszyn sprechen mit einer anderen Stimme: mit einer kräftigen und freudigen. Ihre physische Materie wurde weder durch die Shoah noch die Zeit angegriffen. Auf diesen Fotografien erscheint deine kindliche Welt hell, sonnig und freundlich. Dich umgibt eine große, glückliche, viele Generationen umfassende Familie. Ihr schmiegt euch aneinander, macht Unfug, lacht. In euch ist so viel Wärme und Liebe. Fiele es mir leichter, wenn es nicht so wäre? Hier sitzt du Huckepack auf Großvater Selim, und im Hintergrund grünen irgendwelche Büsche, vermutlich Essigsträucher (es ist August 1930, du bist drei Jahre alt), hier wiederum – am 3. Januar 1928 – posierst du für die Fotografie in einer großen weißen Mütze auf der Veranda, in Amelias Armen. Im Sommer 1936 sitzt ihr auf einer Bank in Śródborów – Amelia in der Mitte, ihr beiden, du und Aluś, links und rechts an sie geschmiegt. Amelia trägt ein geblümtes Kleid, du hältst einen Roller, und Aluś streichelt ein Kätzchen. Unter der Bank liegt eine weggeworfene Kinderschaufel. Ihr tragt die gleichen gestreiften Leibchen und zeigt die gleichen Spuren von Sandalen an den gebräunten nackten Füßen. Ich kann den Blick von diesen Spuren nicht abwenden. Sie sind irgendwie die Quintessenz der Sorglosigkeit und unterstreichen noch deutlicher die Sorglosigkeit des vergangenen, längst verloren gegangenen Moments. Verloren gegangen, und doch zugleich für immer in dieser zärtlichen Szene bewahrt. Denn genau darin besteht das Wunder der Fotografie.
Abb. 7
Abb. 8
Ich sehe euch auch, wie ihr so beisammensitzt, du auf der einen, Aluś auf der anderen Seite der Mutter, eng aneinandergedrängt, auf der harten Bank der Weichselland-Bahn. (»Die Weichsellandlinie. So ist sie zu Hause immer genannt worden«, erinnert sich Piotr Paziński. »Nicht die Otwocker, sondern die Weichselland-Linie. Oder ganz einfach die Linie.«) Ihr steigt bei der Station Warszawa Główna ein, »elektrische Linie, Züge im Sommer alle 15-20 Minuten, Preis der Fahrkarte 3. Klasse – 0,80 zł«, oder beim Danziger Bahnhof – unweit des Ortes, von dem später dein Vater und dein Bruder in den Tod fahren werden. Doch darüber später. Denn einstweilen fährt Aluś, an die Mutter geschmiegt, an einem sonnigen Sommertag nicht nach Treblinka, sondern nach Miedzeszyn, und Vater erwartet euch am Perron. Manchmal seid ihr sicher auch mit der »Tsch-Tsch« gefahren – einer Schmalspurbahn von der Station Warschau – Kierbedzia-Brücke, »im Sommer jede halbe Stunde, Preis der Fahrkarte 3. Klasse – 0,80 zł«. Vielleicht habt ihr es euch in Wahrheit auf den weichen Polstern der ersten oder zweiten Klasse bequem gemacht, wobei ihr nicht irgendwelche Fahrkarten aus Karton in Händen hieltet, sondern diese grünen oder blauen, doch in meiner Phantasie, und ich weiß nicht woher, aus welchen Bildern die Erinnerung stammt, fahrt ihr eben in der dritten Klasse, eng aneinandergedrängt auf der hölzernen Bank. Im Zug habt ihr Hefeschnecken gegessen. An der Station habt ihr dann eine Kutsche genommen.
Manchmal, so stelle ich mir vor, hat Natan euch aus Warschau in seinem neuen Auto mitgenommen. Ihr habt die Weichsel auf der Poniatowski-Brücke überquert und seid dann über den steinernen Hohlweg der Grochowska nach Wawer und Zastów gefahren – das letzte Stück von Wawer war ein Feldweg. Oder über die Miedzeszyńska, am Ufer der Weichsel entlang und über Zbytki. Diese Straße war asphaltiert.
Dann sehe ich, wie ihr gemeinsam zum Markt auf der Sosnowa geht, um frisches Gemüse zu holen. Oder zur Post in der 11 Listopada, um Karten abzuschicken. Kosmetika und Haushaltswaren besorgt ihr neben der Post, in dem Laden mit Parfümeriewaren und Verbandmaterial von Tadeusz Sikorski. Ich sehe, wie ihr durch die duftenden Kiefernwälder und sandigen Birkenhaine streift. Wie ihr auf sonnigen Wiesen Ball spielt. Nicht weit von Falenica kommt ihr an religiösen Juden vorbei, vertieft in die Lektüre heiliger Bücher, umringt von Scharen spielender Kinder in traditioneller Kleidung. Zwischen den Häusern weiden Ziegen, ihre Milch ist gesund für Tuberkulosekranke und stillende Mütter. »Die Ziegen knabberten an den Akazienbüschen, schälten die grüne Rinde bis aufs weiße Holz ab, unter dem Moos traten sie den Sand heraus. Diese Gegenden waren immer trocken«, erinnert sich in Jene Gegend Bogdan Wojdowski, ein weiterer Gast der an der Linie gelegenen Pensionen. Manchmal, an warmen Tagen, badet ihr in der Weichsel. Die ist nur eineinhalb Kilometer von eurem Haus entfernt. Man muss jedoch auf die gefährlichen Strudel achten. Um größere Einkäufe zu tätigen, fahrt ihr nach Falenica in die frischgepflasterte Handlowa-Straße. Und manchmal kamen sicher auch zu euch, so wie nach Henowy Michalin und andere Kurorte entlang der Linie, »Händlerinnen aus Otwock und Karczew mit schweren Körben, Jüdinnen und Nicht-Jüdinnen, und brachten Hühner und die verschiedensten Früchte, wobei sie schon von Ferne ausriefen, was sie mit sich führten«. Es kamen ein fahrender Friseur, ein Eismann mit Vanilleeis sowie ein Zuckerbäcker sogar aus Otwock, mit Schachteln voller mürber Kuchen, und ihnen allen folgte von Villa zu Villa eine bunte, lärmende Schar von Bettlern.
Es würde mich interessieren, wie sich eure Beziehungen zu den polnischen Nachbarn gestaltet haben. Habt ihr überhaupt welche unterhalten? Ich vermute, kaum. Die Polen haben sich eher nicht mit assimilierten jüdischen Familien angefreundet, und falls doch, dann würde ich gern glauben, dass es nicht eure Bekannten oder Nachbarn waren, die eilig mit Fuhrwerken angefahren kamen, um nach der Liquidierung der dortigen Gettos die Häuser in Otwock, Falenica und Miedzeszyn zu plündern. Dass es nicht eure Bekannten und Nachbarn waren, die Fenster und Türen aufbrachen und Kleider und Geschirr, Bettzeug und Möbel stahlen. Irgendwo, ich weiß nicht mehr wo, habe ich eine Beschreibung der polnischen Plünderer gefunden, die in geraubter jüdischer Kleidung durch die leeren Straßen der Städtchen entlang der Otwocker Linie liefen: In Pelzmützen und schwarzen Hüten, Kaftanen und dunklen Damenkleidern. Ich hoffe, dass diese »entfesselten Bestien in Menschengestalt«, die, »den noch frischen Geruch von Blut witternd, wie Schakale und Hyänen zwischen erkaltenden Leichen herumstreiften«, wie ein offensichtlich schockierter Autor im Informationsbulletin Aus Otwock vom 18. September 1942 die polnischen Plünderer beschreibt, nicht diejenigen waren, mit denen ihr beim Flanieren durch die Falenicer Gassen oder beim Volleyballspiel auf Falenicer Wiesen ein paar freundliche Sätze gewechselt habt. Die, mit denen ihr euch in der Schlange bei der Post unterhalten habt oder die von Ignacy behandelt wurden.
Unter den Plünderern, so stellt der Nowy Dziennik vom 27. August 1942 fest, waren auch Angehörige der sogenannten Intelligenz.
Aber ihr, du, Aluś und Amelia, wart damals gar nicht mehr dort. Auch nicht dein Vater Ignacy, Arzt im Sanatorium Zofiówka in Otwock. Er hat die Ermordung der geisteskranken Pensionsgäste, seiner Patienten, nicht gesehen, die Zalman Gold in einer dem Jüdischen Historischen Institut übermittelten Zeugenaussage wie folgend beschrieb: »Man trieb sie vor sich her, und sie gingen in ihren überlangen Spitalsschlafröcken, und um besser gehen zu können, hielten sie die Schöße der Schlafröcke hoch. Sie gingen ›zum Schlachten‹ und riefen verschiedene Sätze, wie zum Beispiel ›grüne Täubchen auf den Köpfen‹, ›Wo ist Oma‹, ›Eine brennende Hitze hat uns überkommen‹ usw. Ein Teil von ihnen floh, einen Teil zwang man, Gruben auszuheben, sie aber stürzten sich auf die Deutschen, um sie zu schlagen. Einer zerschmetterte mit dem Spaten einem Deutschen den Kopf. Dreihundert Juden, Kranke, wurden ermordet. Während sie gruben, streuten sie Sand über sich, legten sich auf den Boden und wollten nicht weitergraben, warfen sich den Deutschen an den Hals. Die Deutschen brachten sie der Reihe nach um, und die Kranken taten das Ihre.«
Doch das alles wird später sein.
Einstweilen habe ich zwei Bilder aus einer Klinik vor mir, aufgenommen kurz nach deiner Geburt. Du liegst ruhig im Steckkissen und hast die Augen geschlossen. Auf dem Nachttisch und dem Tischchen neben Amelia Fläschchen und Flakons. Das Bild, so schrieb sie auf die Rückseite, hat Natek aufgenommen, der mit dem Fotoapparat ins Spital kam.
Abb. 9
Du bist in der Nacht von Sonntag auf Montag zur Welt gekommen. Zum Glück war es nicht heiß – die Temperatur tagsüber zwischen zehn und siebzehn Grad. »Im Allgemeinen recht freundlich, dichte bis aufgelockerte Bewölkung.« Ein gutes Wetter für die Geburt.
Abb. 10
Warschau umfasst damals eine Fläche von zwölftausend Hektar und gilt als dünn besiedelt – auf einen Einwohner entfallen 22,25 Quadratmeter. In diesem Jahr, so verkündet die Presse, ist kein Ausbruch einer Scharlachepidemie zu erwarten, was Amelia sicher freut, weil im August, kurz vor deiner Geburt, fünfundzwanzig Fälle verzeichnet wurden, und dazu noch einunddreißig Fälle von Bauchtyphus, zwei Fälle von Diphtherie, zweiundsiebzig Fälle von Masern, zwanzig – Röteln, dreizehn – Keuchhusten, vierzehn – Ruhr, fünf – Trachom und hundertzwanzig – Tuberkulose. Das Außenministerium dementierte die vom amerikanischen Konsulat verbreiteten Gerüchte, wonach in Polen die Cholera herrsche. In der ersten Augusthälfte starben in der Hauptstadt zweiundneunzig Juden. Es werden intensive Anstrengungen unternommen, um die hygienischen Standards anzuheben. Der Kampf gegen den Mietwucher geht weiter. Die Genossenschaft der Ochsenschlachter informiert über die Senkung der Preise für Rindfleisch en gros um zwanzig bis dreißig Groszy pro Kilogramm. Man plant, acht Kilometer neuer Straßenbahnschienen zu verlegen: So wird etwa die Linie von der Leszno zur Górczewska um fünf Kilometer verlängert, bis zur Grenze von Groß-Warschau, man verlängert auch die Gleise, die von der Młynarska bis zum evangelischen Friedhof und über Targówek zum Viadukt und Friedhof von Bródno verlaufen, um einen Kilometer. In Śródborów ist das Haus im Wald eröffnet worden – ein auf wissenschaftlichen Grundlagen geführtes Heim für Kinder vom sechsten bis vierzehnten Lebensjahr, unter Leitung von Julia Wilczyńska. »Was für wunderbare und rasche Ergebnisse es in der freien Schule auf dem Land gibt«, schreibt Janusz Korczak, »wo keiner unmögliche Dinge verlangt, wo keiner eingrenzt, bremst, wo die Kräfte freigesetzt werden … So eine Schule erflehen die Eltern …« Das Haus im Wald ist nach dem Vorbild von Anstalten vom Typ eines Landerziehungsheimes 1 ausgerichtet. Im günstigen trockenen Klima von Śródborów und in freundlicher Atmosphäre sollen Kinder, die man aus den ärmlichen Zinskasernen der Warschauer Innenstadt herausholt, rasch das verlorene geistige und gesundheitliche Gleichgewicht wiederfinden.
Abb. 11
Auf einer zwei Tage später aufgenommenen Fotografie vom 31. August notiert Amelia: »In der Klinik. Mein Gesicht wird von einer Blume verdeckt – es sieht aus wie eine Maske.« Ja, meine Großmutter brauchte diese ständigen Elemente einer Maskerade für ihr Glück. Die Fläschchen und Flakons wurden ersetzt durch Blumen, durch viele Blumen. Auf dem Nachttisch liegen neben einer weißen Tasse ein Croissant auf einem weißen Teller, eine Uhr und eine Zeitung. Deine Augen sind schon offen.
Abb. 12
Von einer anderen Fotografie, datiert vom 18. Oktober, erfahre ich, dass Amelia mit dir, nicht ganz zwei Monate alt, im Arm, dem bekannten jüdischen Maler Maksymilian (Maks) Eljowicz aus Warschau Modell gesessen hat. Im Krieg wird der Maler, Grafiker und Innenausstatter Eljowicz, der aus einer armen chassidischen Familie aus Raciąż bei Płock stammt, im Warschauer Getto unter anderem Porträts deutscher Offiziere malen. Am 25. August 1942 wird er nach Treblinka deportiert. Da wird er zweiundfünfzig Jahre alt sein. Doch das geschieht später. Einstweilen malt Maksymilian Eljowicz noch. Über dem eleganten Anzug trägt er einen langen Mantel wie ein Arzt. Aufmerksam betrachtet er das Modell. Auf dem Bild türmen und überlagern sich alle diese Wirklichkeiten, diese meine verlorenen Welten: da gibt es das Porträt – die einzige Spur dieses Werkes von Eljowicz –, aber auch den Akt des Malens selber. Es gibt den Maler bei der Arbeit und die Mutter, die ihr Kind an sich drückt. Und wir haben die auf die Rückseite geschriebenen Worte Amelias: »Posieren. Als Belohnung für meine Mühe überlässt mir Eljowicz das Porträt (für sich selber das gleiche – er macht zwei).« Du erinnerst dich, dass auch der bekannte Maler, Grafiker und Typograf Henryk Berlewi ein Porträt Amelias gemalt hat. Dieses ist nicht einmal auf Fotografien erhalten geblieben.
Abb. 13
Auf einem Bild vom September 1930 bist du schon drei Jahre alt und lehnst dich auf der Glasveranda an die Knie von Oma Gucia. Daneben stehen, unter der großen Topfpalme, in einer Reihe: Amelia, wie immer elegant, im weißen Kleid und mit Halskette, Amelias Onkel Maurycy, der aus Amerika auf Besuch gekommen ist und daher englisch Morris genannt wird, seine Frau Dorotka, dein Onkel Natan und dein Großvater Selim. Die Männer tragen Krawatten. Die Veranda ist sonnendurchflutet.
Abb. 14
Auf einem weiteren Bild, aufgenommen am selben Tag, liest Selim die Tageszeitung Nasz Przegląd vom 3. September. Natek steht hinter ihm, Dorotka blickt von der Seite herüber. Morris, deine Großmutter Gucia und Amelia hingegen schauen in einer anderen Zeitung etwas nach, die auf dem großen, mit einem weißen Tischtuch bedeckten Tisch ausgefaltet liegt. Sicher haben an diesem Tisch die Pensionsgäste die Mahlzeiten eingenommen, und die Sonne schien ihnen in die Teller.
Abb. 15
Was hat deinen Großvater in der gelesenen Zeitung interessiert? Ich schaue sie durch und versuche mir das vorzustellen. Das ist meine Art, sie wieder ins Leben zurückzurufen oder in ihre Welt einzutauchen, die einzige mir mögliche Art. Hat er über den Autounfall am Krakowskie Przedmieście, Ecke Miodowa gelesen, wo ein aus der Richtung der Kierbedzia-Brücke kommender Lieferwagen mit überhöhter Geschwindigkeit auf eine Verkehrsinsel bei der Straßenbahnstation fuhr? Ihr habt nicht weit von dort gewohnt, im Hinterhaus des Gebäudes Krakowskie Przedmieście 58. Im Tor bist du dem berühmten Schriftsteller Tadeusz Boy-Żeleński und seiner Frau Zofia Pareńska, genannt Fusia, begegnet, und an Samstagen auch ihren so zahlreichen wie illustren Gästen. Ich höre, wie Selim zu deiner Mutter sagt: »Das ist bei euch passiert, Mata.« Oder hat er die Annoncen durchgeschaut und die Preise der konkurrierenden Pensionen verglichen? Dass in der Nähe in Miedzeszyn Justyna Elbaumowa immer noch freie Zimmer hatte, mit ausgezeichneter ritueller Küche, Elektrizität und »bedeutend gesenkten Preisen«? Dass auch die »Pension Goldberg, Villa Szuldiner« mit niedrigen Preisen und ritueller Küche lockte? Denn ich nehme nicht an, dass Selim einen Männerpelz aus »Affenfell« (Nutria), Franciszkańska 30-95, zwischen 4 und 7 Uhr abends«, kaufen wollte.
Abb. 16
An diesem Tag habt ihr noch ein paar Erinnerungsfotos auf der Bank vor dem Haus und auf der Wiese gemacht. Auf einem schmiegt sich Amelia, immer noch im weißen Kleid und weißen sportlichen Schuhen, an Morris. Morris hält Hut und Sonnenbrille in der linken Hand. Sie stehen zwischen hohen Kiefern, und den Hintergrund bilden die kunstvollen Schnitzereien der Pensionsbalkone. Dieses Bild liebe ich. Es verströmt Zärtlichkeit und Wärme – im Übrigen schmiegt ihr euch überhaupt gern aneinander –, und der weiße Fleck von Amelias Kleid und ihre weißen Schuhe kontrastieren wunderbar mit Maurycys schwarzem Anzug.
Es gibt hier übrigens einige Details: den Hut und die dunkle Brille, die kunstvollen Verzierungen der Veranda. Und daher lässt gerade diese Fotografie, obwohl es hier gar nicht darum geht, denn es geht um die Erinnerung und das Leben, nicht um die Kunst, so eindringlich an die Worte Susan Sontags denken: »Die Zeit erhebt die meisten Fotografien, auch die dilettantischsten, auf die Ebene der Kunst.«
Abb. 17
Gehen wir jetzt ein paar Jahre zurück. Wir haben das Jahr 1924. Du bist noch nicht geboren. Es stehen in einer Reihe: Natek, Amelia, daneben ihr Verlobter Ignacy, Henio, mit kurz geschorenen Haaren, kniet (unters linke Knie hat er ein Taschentuch gelegt, um die Hose nicht schmutzig zu machen), Gucia, die in drei Jahren deine Großmutter werden wird, sitzt, die Hände im Schoß, mit ruhigem Lächeln. Ich weiß nicht, wer diese Aufnahme gemacht hat. Sicher ist sie gestellt: Natan und Henryk tragen identische Fliegen, weiße Hemden und dunkle Hosen, Amelia ist wie immer phantasievoll und elegant gekleidet, mit weißem Kopftuch. Man sieht, dass sie sich gern unterhielten und die Kleidung wechselten. Auch Amelia und Natek haben sich für die Fotografie vom 5. November 1927 umgezogen: beide tragen bunte Sweater mit V-Ausschnitt und geometrischen Mustern. Amelia sieht den Bruder von der Seite her an.
Abb. 18
Ich präge mir ihre Gesichter und Gestalten ein, sammle Details und Gegenstände, katalogisiere Kleidungen und Verkleidungen, hasche nach Augenblicken und verfolge Gefühle, ich schaue genau, wo die Sonne Flecken hinterließ, ich sammle Teilchen eines Lebens, das spurlos verschwunden ist. Denn mehr ist mir von ihnen allen nicht geblieben. Nur die zärtlichen Blicke Gucias auf ihren Enkel, nicht ganz zwei Monate alt, den sie in den Armen hält. Und Amelias Sinn für Humor, als sie das Bild vom 3. November 1927, das dich im Steckkissen zeigt, auf zwei Sesseln aus gebogenem Holz unter einer Schnur mit trocknenden Windeln liegend, mit der Beschriftung: »Mareczek und seine Werkstatt« versieht. Du hast weit geöffnete Augen und schaust in den Himmel oder vielleicht in die Wipfel der Bäume.
Abb. 19
Die Fotografie, so sagt wieder Susan Sontag, liefert mir Beweismaterial, das mich an die Existenz glauben lässt.
Abb. 20
Solch ein Beweismaterial stellt auch das Bild dar, das am 15. August 1930 aufgenommen wurde. Hat dein Onkel Natan damals das Auto der Marke Hanomag 2/10 PS Kommissbrot, 1925-28, gekauft, weil er sich an diesem Tag in dem Auto, mit dir, noch nicht einmal drei Jahre alt, auf den Knien, auf einer Wiese in Miedzeszyn fotografieren ließ? Natan raucht eine Zigarette. Das Auto trägt das Kennzeichen SL 10 528: die Buchstaben scheinen darauf hinzuweisen, dass Natan das Auto in Schlesien gekauft hat, während die Ziffern wieder auf die Region Poznań verweisen. Beweismaterial ist auch das Bild, auf der Rückseite beschriftet: »Marek zeichnet«, mit dem Zusatz: »Am Morgen kam Marek zu uns auf die Veranda und probierte meine Buntstifte aus. Ich erwischte ihn mit einem Schnappschuss, weil er nicht wusste, dass ich ihn fotografiere. Der weiße Fleck auf der Nase ist das Bleistiftende.« Dank dieser Worte und der Fotografie wissen wir, dass du am 12. Oktober 1932 in äußerster Konzentration auf der Veranda in Miedzeszyn gezeichnet hast. Wir wissen, welchen Pyjama du getragen hast. Und wir wissen auch, wie das letzte Oktoberlicht einfiel. Denn der Tag war eher bewölkt, aber mit zahlreichen Aufheiterungen. Du bist schon fünf Jahre alt. Und hast sieben Jahre einer glücklichen Kindheit vor dir. Deshalb berührt mich die Fotografie kurz vor dem Krieg, vom 5. Juni 1939, ganz besonders. Die Aufnahme wurde in Warschau gemacht. Ihr verabschiedet die in die Staaten zurückkehrenden Verwandten. Auf dem Sofa im dunklen Zimmer sitzen die Erwachsenen vor dem Hintergrund einer geblümten Tapete. Auf dem Fußboden Aluś, dein Bruder, du links von ihm an dem mit einem Tuch bedeckten Tisch. Du hast einen aufgeweckten Blick und trägst eine Uhr am linken Handgelenk. Im Mały Przegląd, der Freitagsbeilage für Kinder der Tageszeitung Nasz Przegląd, vom 27. Januar 1939 habe ich die Notiz gefunden, dass du auf die Fragen eines von der Zeitschrift organisierten Unterhaltungsturniers gut geantwortet hast. Alle sind glänzend gelaunt und lächeln. Und trotzdem erfüllt mich dieses Bild mit Trauer und Bangen, weil ich mehr weiß als ihr, obwohl ihr dort wart und nicht ich.
Abb. 21
Ja, alle diese Fotografien haben den Krieg physisch unversehrt überdauert, unverletzt durch die Shoah. Die Abzüge wurden fachmännisch entwickelt, das Fixiersalz gründlich abgespült, wofür es während des Krieges weder die Zeit noch den geeigneten Ort gab. Aus diesem Grund sind auf den meisten Bildern aus der Zeit der Shoah braune Schlieren zu sehen, rostfarbener Belag, Wasserflecken und Schatten. Aber auch auf den scheinbar unangetasteten Fotografien glaubt man einen Schatten zu sehen, allerdings keinen wirklichen, keinen materiellen. Es ist der Schatten der heraufziehenden Zeit, weil wir mehr wissen, weil wir das Ende kennen. Aus diesem Grund sind auch sie vom Tod gezeichnet. Im Grunde spricht doch jedes Bild, sogar das fröhlichste, um noch einmal die Worte von Jacek Leociak zu zitieren, »von dem in der Zukunft vollendeten Tod«. Vor allem wenn das kurz vor dem Krieg geschah – dann wird dieser Schatten auf doppelte Weise eisig und verdichtet sich. Wie bei dieser auf den ersten Blick besonders fröhlich erscheinenden Fotografie – du und Aluś, gekleidet in helle Hemden (deines ist kariert, das von Aluś gestreift), einander so ähnlich, schaut lächelnd vor euch hin. Es fällt mir schwer, Worte für die Beschreibung eures Lächelns zu finden. Es ist das Jahr 1937.
Abb. 22
Abb. 23
Abb. 24
Zwei Jahre später, am 27. August 1939, hast du das zwölfte Lebensjahr vollendet. Es war bewölkt und nieselte. Die Temperatur schwankte zwischen dreizehn und zwanzig Grad. Am Nachmittag heiterte es auf, es zeigte sich sogar die Sonne. Doch die Kühle und der Regen verdrossen die Sommergäste, die sich früher als gewöhnlich auf den Weg zurück nach Warschau machten. Fuhrwerke und gedeckte Leiterwagen, beladen mit Bündeln, Kleidern, Bettzeug, Töpfen, Liegestühlen und Spirituskochern der Marke Primus quälten sich mühevoll in Richtung Hauptstadt. In absehbarer Zeit sollte der Weg bedeutend verbessert werden, denn der Bau der Straße Warschau – Otwock war schon im Gang, einstweilen auf dem sechs Kilometer langen Abschnitt von der Grenze von Groß-Warschau bis nach Miedzeszyn, entlang dem Miedzeszyner Damm. Die Arbeiten sollten 1942 abgeschlossen werden.
Abb. 25
Lebhafter Verkehr herrschte auch auf den Linien der Firma Autobusy Powiatowe, Landkreisautobusse. Die Autobusse verkehrten unter anderem auf der Trasse Warschau – Świder – Otwock – Śródborów. In Hinblick auf den erhöhten Bedarf an Rückfahrten aus den Sommerfrischen werden die Landkreisautobusse »nicht bloß den bisher geltenden Fahrplan einhalten, sondern sogar an Werktagen, wie z. B. am Samstag, Donnerstag, zusätzliche Wagen einsetzen. Freitag, Samstag und Sonntag kursieren, je nach Bedarf, ständig zusätzliche Wagen.«
Die Rückkehrer werden von der Jüdischen Glaubensgemeinde aufgefordert, sich zahlreich am Ausheben von Luftschutzgräben zu beteiligen, als Antwort auf den Aufruf des Stadtpräsidenten von Warschau.
Am 1. September solltest du in eine neue Schule kommen: Die Grundschule in der Miodowa hattest du schon abgeschlossen (du erinnerst dich, auf dem Weg zur Schule auf der Straße Bücher gelesen zu haben, deine Lieblingslektüre war Arsène Lupin, der Gentleman-Gauner) und hast – obwohl damals an Keuchhusten erkrankt – als einziger Jude die Aufnahmeprüfung in das Staatliche Gymnasium und das Tadeusz-Czacki-Lyzeum geschafft. Aber daran denkst du noch nicht. Du hast eher deinen Geburtstag im Kopf. Den letzten kindlichen, mit der Familie verbrachten. Du weißt noch nicht, dass du bald ganz erwachsen sein musst. Und dass du ganz allein zurückbleiben bleiben wirst.
