Die Phileasson-Saga - Nordwärts - Bernhard Hennen - E-Book
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Die Phileasson-Saga - Nordwärts E-Book

Bernhard Hennen

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Beschreibung

Raubeinige Helden, gefährliche Magie und eine atemberaubende Queste – der geniale Auftrakt zu einer großen neuen Fantasy-Serie

Sagen und Mythen ranken sich um die legendäre Rivalität zwischen Asleif Phileasson, den sie nur den Foggwolf nennen, und Beorn dem Blender. Nun soll eine Wettfahrt entscheiden, wer von beiden der größte Seefahrer aller Zeiten ist und sich König der Meere nennen darf. In achtzig Wochen müssen die beiden Krieger den Kontinent Aventurien umrunden und sich dabei zwölf riskanten Abenteuern stellen. Abenteuern, die nur die abgebrühtesten Helden zu bestehen vermögen. Es ist der Beginn des größten und gefährlichsten Wettlaufs aller Zeiten ...

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Das Buch

»Ihr sollt eine Reise antreten, die euch in die fernsten Winkel Aventuriens führen wird. Ihr werdet euch an Aufgaben beweisen, denen sich noch kein Mensch zu stellen wagte. Es wird eine Fahrt sein, wie sie nie zuvor ein Recke gewagt hat. Wer siegreich zurückkehrt, der darf sich fortan König der Meere nennen.«

Im Norden Aventuriens liegt Thorwal – ein Land, das berühmt-berüchtigt für seine Drachenschiff-Kapitäne ist. Einer von ihnen ist Asleif Phileasson, den alle nur den Foggwulf nennen. Auf seinen legendären Fahrten hat er nicht nur reiche Beute erworben, er hat sich auch einen Namen als wagemutiger Entdecker gemacht. Doch in Beorn dem Blender – einem einäugigen Haudegen, der angeblich schon mit seinem Schwert in der Hand geboren wurde – hat Phileasson einen hartgesottenen Rivalen um den Ehrentitel »König der Meere«. Jetzt allerdings soll der Zwist ein für alle Mal ein Ende finden! Phileasson und Beorn werden auf die größte Wettfahrt geschickt, die die Welt je gesehen hat: Ganz Aventurien müssen sie umrunden und sich dabei riskanten Prüfungen stellen. Ihre erste Aufgabe führt die beiden Kontrahenten und ihre Gefährten weit in den Norden zur Insel der Schneeschrate. Inmitten von Eis, Schnee und klirrender Kälte wartet ein Abenteuer auf sie, das gefährlicher nicht sein könnte …

Die Autoren

Bernhard Hennen, 1966 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatische Altertumskunde. Als Journalist bereiste er den Orient und Mittelamerika, bevor er sich ganz dem Schreiben fantastischer Romane widmete. Mit seiner Elfen-Saga stürmte er alle Bestsellerlisten und schrieb sich an die Spitze der deutschen Fantasy-Autoren. Hennen lebt mit seiner Familie in Krefeld. www.bernhard-hennen.de

Robert Corvus, 1972 geboren, studierte Wirtschaftsinformatik und war in verschiedenen internationalen Konzernen als Strategieberater und Projektleiter tätig, bevor er hat mehrere erfolgreiche Fantasy-Romane veröffentlichte. Er lebt und arbeitet in Köln. www.robertcorvus.net

Mehr über die Phileasson-Saga erfahren Sie auf: www.phileasson.de

BERNHARD

HENNEN

ROBERT CORVUS

NORDWÄRTS

DIE PHILEASSON-SAGA

ERSTER ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

Originalausgabe 05/2016

Redaktion: Catherine Beck

Copyright © 2016 by Bernhard Hennen

Copyright © 2016 by Ulisses Medien & Spiel Distribution GmbH

Copyright © 2016 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch

die Michael Meller Literary Agency GmbH, München

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München

Umschlagillustration: Kerem Beyit

Innenillustrationen: Nadine Schäkel

Karte: Daniel Jödemann

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN: 978-3-641-15736-4V001

www.heyne.de

www.twitter.com/HeyneFantasySF@heyneFantasySF

PROLOG

Meer der Sieben Winde – achtundzwanzigster Tag im Sturmmond

Gischtfahnen sprühten über das Vorderkastell der Kogge. Fianna spürte den Rumpf des Schiffes zur Seite rollen. Ihre Hände klammerten sich um die Reling des hohen Achterkastells. Die Goldener Anker war nicht für solche Stürme gebaut worden. So spät im Jahr hätten sie nicht nach Norden segeln dürfen! Sie wusste, wie verzweifelt die Lage ihres Vaters war. Dass er alles auf diese letzte Handelsfahrt gesetzt hatte.

»In so einem Sturm spürt man erst richtig, wie man lebt!« Die donnernde Stimme ihres Vaters übertönte sogar den heulenden Wind. Unerschütterlich wie ein Fels wirkte er.

Voller Achtung sah Fianna zu ihm auf und schämte sich für ihre Angst. Arbolan war immer mehr Seemann als Kaufherr gewesen. Er fürchtete die Gefahren des Meeres nicht. Regen und Gischt strömten über sein wettergegerbtes Gesicht, das im gelben Licht der Hecklaterne seltsam fahl wirkte. Ihn so unverzagt zu sehen machte Fianna Mut. Er war immer ihr Held gewesen.

Arbolan deutete nach backbord. »Siehst du die weiße Brandungslinie? Wir fahren nicht weit von der Küste. Diese Nacht noch erreichen wir Thorwal! Und morgen Abend schon werden wir wieder reich sein!«

Fianna kniff die Augen zusammen und blinzelte gegen den Regen an. Da war eine weiße Linie … In der Dunkelheit vermochte sie nicht zu schätzen, wie weit die Küste entfernt war. Aber auch wenn sie nur wenig über die Seefahrt wusste, spürte sie doch, wie Wind und Wellen sie langsam zum Land hin drückten. Zwei Reffs hatte ihr Vater schon befohlen, und vom großen, rechteckigen Segel der Kogge blähte sich nicht einmal mehr die Hälfte im Wind. Ganz einholen konnten sie das Segel nicht. Dann würden sie keine Fahrt mehr machen und wären ganz der Gnade Efferds, des Gottes der Meere, ausgeliefert.

Nur die untere Hälfte des großen goldenen Ankers war noch auf dem roten Segeltuch zu sehen. Er war das Wappen des Kontors. Die Gorbarans gehörten zu den ältesten Kauffahrerfamilien Havenas, doch dieses Jahr hatte für das Kontor unter keinem guten Stern gestanden. Die Fianna, das Schiff, das ihren Namen getragen hatte und der beste Segler ihrer kleinen Handelsflotte gewesen war, war gesunken. Der Sultan von Al’Toum hatte den bewaffneten Kauffahrer Eisenfaust beschlagnahmt, um die Schlagkraft seiner Piratenflotte zu stärken. Und die Ladung aus Tabak und Zuckerrohr lag in den Kontoren des Herrschers.

Nie zuvor hatte ihre Familie ein solches Jahr überstehen müssen. In Havena hatten ihnen die Gläubiger die Tür eingerannt. Ihr Vater hatte alles zu Silber gemacht, was ihre Familie besaß, und dennoch hatte es kaum gereicht, um die drängendsten Schulden zu tilgen.

Allerdings waren sie nicht die Einzigen, die ein schlechtes Jahr gehabt hatten. Im Norden hatte es magere Ernten gegeben. In Thorwal drohte eine Hungersnot. Arbolan würde das Korn und das Rauchfleisch, das die Frachträume der Kogge füllte, für ein Vielfaches des Marktwertes verkaufen können. Diese eine Fahrt würde für ihre Familie das Blatt wenden, wenn sie gelang. Doch nur Verzweifelte wagten es zur Zeit der Winterstürme, gen Norden zu segeln.

Schwer legte sich die Hand ihres Vaters auf ihre Schulter. »Die Anker hat uns nie im Stich gelassen. Sie ist der Anker unseres Kontors. Wir schaffen das!« Er grinste schief. »Du musst das Gute sehen. Bei dem Wetter brauchen wir ganz sicher keine räuberischen Ottas zu fürchten. Kein Thorwaler, der auch nur einen Funken Verstand besitzt, bringt bei dem Sturm ein Langboot aufs Meer.« Mit diesen Worten drehte er sich zum Steuermann um. Borric stemmte sich breitbeinig gegen die Ruderpinne, die weit ins Achterkastell hineinragte. Er wirkte unerschütterlich wie ein Fels. »… sollten … nicht Küste …« Der Wind riss die Worte ihres Vaters davon.

Fianna blickte wieder zu dem Streifen der Brandung. In der Finsternis konnte sie keine Küste erkennen. Nur die aufgewühlte Gischt, die auf das Land einpeitschte. Die Vierzehnjährige kämpfte gegen die Tränen an, obwohl sie in dem Regen niemand bemerken würde. Sie war Arbolans Tochter! Sie wollte so hart sein wie ihr Vater, da sie wusste, wie sehr er an ihrem älteren Bruder gehangen hatte. Er hatte das Kontor Gorbaran übernehmen sollen, wenn Arbolan alt war, so wie dieser es einst von seinem Vater übernommen hatte. Aber im Sommer vor zwei Jahren war Seann gestorben. Seitdem versuchte Fianna, der Sohn zu werden, den ihr Vater verloren hatte. Sie hatte sogar Fechtstunden genommen. Hatte sich mit hölzernen Übungsschwertern verprügeln lassen und war von dem aufgeblasenen Fechtmeister aus Grangor auf fast jede Art gedemütigt worden. Letzte Woche hatte er sie gezwungen, mit Rapierstößen junge Katzen zu durchbohren, und sie verspottet, als sie gezögert hatte. Wer nicht einmal eine Katze aufspießen könne, der sei auch nicht fähig, den Stahl auf ein Menschenherz zu richten, wenn es darauf ankäme, hatte er ihr vorgehalten. Sie hatte die Katzen getötet und danach dafür gesorgt, dass ihr Vater den Fechtlehrer entließ. Wenn der Tag kam, an dem sie das Kontor der Familie übernahm, würde sie es genauso führen wie ihr Vater. Mit Härte, vor allem aber gerecht.

Ihre Hand tastete über den schlanken Parierdolch an ihrer Seite. Ihr Vater hatte ihr verboten, das lange Rapier an Deck zu tragen. Auf einem Schiff sei es nur hinderlich, hatte er gesagt. Aber wenigstens den Dolch mit dem schön gearbeiteten Korb aus sich windenden Bronzeschlangen hatte sie umgürten dürfen. Sie war ein schlankes, dunkelhaariges Mädchen, und in Havena hatten schon einige aufgeblasene Stutzer versucht, ihr den Hof zu machen. Aber hier an Bord hatte sie niemand mit aufdringlichen Blicken verfolgt oder gar eine unziemliche Bemerkung gemacht. Fianna lächelte. Sie wusste, dass das nicht an ihren finsteren Blicken und dem prächtigen Dolch lag. Alle respektierten ihren Vater. Deshalb wurde sie behandelt wie ein junger Mann, was genau ihren Vorstellungen entsprach. Sie profitierte von geborgtem Ansehen. Aber sie war entschlossen, sich auf dieser Reise einen Namen zu machen. Künftig würde man sie respektieren, weil sie furchtlos und kühn war.

Stainakr – achtundzwanzigster Tag im Sturmmond

»Na los! Zünde das verdammte Feuer an!«

»Ich kann nicht, Vater«, beteuerte Tylstyr. »So geht es nicht!«

»Red keinen Stuss! Wir alle haben gesehen, wie vor drei Tagen eine Flammenkugel über deiner Hand tanzte. Jetzt mach dich endlich mal nützlich, du verdammter Wechselbalg!«

»Das war ein kaltes Feuer. Es spendet nur Licht. Es kann nichts entzünden, Vater. Es …«

Hagrid schlug ihn mit einer Wucht, dass es ihn von den Beinen riss.

Tylstyrs linke Wange brannte. Blut troff von seinen aufgeplatzten Lippen.

Sein Vater stand breitbeinig über ihm, drohend die Hand erhoben. Zorn blitzte in seinen dunklen Augen.

»Verdammter Wechselbalg. Ich wüsste zu gern, wer dich in den Bauch deiner Mutter gepflanzt hat. Bei den Göttern, ich war es nicht! So etwas wie dich hat es in meiner Familie nie gegeben!«

Die Worte schmerzten Tylstyr mehr als die Ohrfeige. Sein Vater wollte ihn weggeben. In Thorwal gab es ein großes Haus für solche wie ihn. Mit neun hatten sie ihn zum ersten Mal dorthin geschickt, um ihn, den Sonderling, loszuwerden. Die Schule der Hellsicht zu Thorwal. Auch dort war er abgewiesen worden. Zu jung war er gewesen. Und was noch schlimmer war: Sie hatten seinem Vater bestätigt, dass er kein normaler Junge war und man gut auf ihn aufpassen solle. Fortan war er im Dorf wie ein Aussätziger behandelt worden. Die meisten Kinder hatten ebenso wenig mit ihm zu tun haben wollen wie mit Schlitzmaul, Jyrkis Sohn mit der gespaltenen Lippe. Nur Tjorne, der jüngste Sohn des Hetmannes, hatte manchmal mit ihm gespielt. Er träumte davon, eines Tages ein großer Held zu sein. Und wie die Fürsten an ihren Höfen wollte er einen Leibmagier haben.

Tylstyr erinnerte sich, wie sie manchmal im Frühling zusammen in die Klippen gestiegen waren, um Möweneier zu stehlen. Er war ein guter Kletterer, und sie hatten versucht, sich gegenseitig zu überbieten. Es war ein Wunder, dass es ihnen nicht wie Stig ergangen war. Aber sie hatten immer Glück gehabt. Weder brüchige Felsen noch die Angriffe der aufgebrachten Möwen hatten sie stürzen lassen. Swafnir liebte sie. Damals hatte Tylstyr das wirklich geglaubt.

Alles war ihnen möglich erschienen, wenn sie nach ihren Raubzügen in den Klippen gelegen, Möweneier ausgetrunken, in den Himmel geblickt und davon geträumt hatten, was sie einmal sein würden. Tylstyr hatte gern über die halb angewachsenen Ohrläppchen Tjornes gescherzt. Alle Männer seiner Sippe teilten diese Eigenart, und Tjorne war stolz darauf. Gut erinnerte sich Tylstyr daran, wie sein Kindheitsfreund ihm einmal sehr ernst geantwortet hatte. Eines Tages wird ein Kapitän mit wildem Bart und blitzenden Augen vor dich treten und dich auffordern, mit ihm auf seiner Otta auf große Fahrt zu gehen. Er wird dich erschrecken, bis du ihn an den Ohrläppchen erkennst, und dann werden wir zusammen auf große Fahrt gehen. Und die Skalden werden in allen Festhallen Thorwals von unseren Abenteuern singen. Von dem wagemutigen Tjorne Warulfson und seinem Erzmagier, Tylstyr Hagridson.

Eine Ewigkeit schien seit jenen Tagen vergangen zu sein. Mit zwölf, vor drei Jahren, hatte sein Vater Tylstyr ein zweites Mal nach Thorwal gebracht, und diesmal hatten sie ihn in der Akademie behalten. Dort hatte sich Tylstyr zum ersten Mal in seinem Leben normal gefühlt, denn die meisten Jungen und Mädchen an der Akademie waren weitaus seltsamer als er, von den Meistern ganz zu schweigen. Er war nur noch einmal nach Stainakr zurückgekehrt, weil seine Mutter auf dem Totenbett gelegen hatte. Sie hatte ihn noch ein letztes Mal sehen wollen, bevor sie für immer ging. Er war zu spät gekommen.

Wieder war er der Ausgestoßene im Dorf. Und sein Vater, der keine Mühen gescheut hatte, um ihm einen Boten nach Thorwal zu schicken, war unendlich enttäuscht gewesen, dass er erneut versagt hatte. Zur Beerdigung war er noch rechtzeitig gekommen. Jetzt konnte Tylstyr nicht sagen, was ihn an diesem verregneten Nachmittag geritten hatte. Er hatte es für eine gute Idee gehalten, sich auf besondere Art von seiner Mutter zu verabschieden. Und er hatte den anderen zeigen wollen, dass er mehr war als nur ein seltsamer Junge. Er hatte Dinge gelernt, die niemand anders im Dorf verstehen würde. Die ganze Welt ließ sich in Formeln fassen, wenn man nur gründlich nachdachte. Auch die Magie. Konzentration, Begabung und die rechten Worte oder Gesten formten die Kraft, die in jenen schlummerte, die die Gabe besaßen. Eine kleine, helle Kugel über seiner Handfläche schweben zu lassen war einer der wirklich leicht zu beherrschenden Zauber. Ein Licht über ihrem Grab. Ein Licht an diesem tristen, grauen Tag. An jenem Nachmittag war ihm das alles richtig erschienen. Jetzt wusste er, wie falsch es gewesen war. Die anderen waren ängstlich vor ihm zurückgewichen. Er hatte das Licht verlöschen lassen, und danach war der Tag noch grauer und noch trostloser gewesen als zuvor. Drei Tage lag das jetzt zurück.

»Kaltes Feuer«, schnaubte sein Vater verächtlich. »So ein Unsinn! Wer hätte je von kaltem Feuer gehört. Aber was hab ich erwartet? Du hast dich ja noch nie nützlich gemacht.« Hagrid kniete neben dem großen Holzstoß nieder, legte einen Zunderschwamm auf ein kleines Häufchen trockener Späne und beugte sich darüber, um es gegen Wind und Regen zu schützen.

Tylstyr blickte zu den Schatten. Dort standen der Hetmann Warulf und seine drei Söhne. Und schon kamen weitere Dorfbewohner aus dem Dunkel der Nacht. Boten waren ins Dorf und zu den entlegenen Höfen gelaufen, kaum dass der Meldereiter nach Stainakr gekommen war, um von dem fetten Kauffahrer zu berichten, der sich durch den Sturm die Küste hinaufkämpfte.

Tylstyr wusste, bevor der Winter vorüber war, würde es Tote geben. Er hatte schon zwei Hungerwinter erlebt. Er erinnerte sich noch gut an die Schrecken. Zuerst starben die kleinen Kinder und die Alten. Und zuletzt hatte niemand mehr die Kraft, Gräber für die Toten auszuheben. Und dennoch war das, was sie jetzt tun wollten, falsch. Er hatte versucht, auf seinen Vater einzureden, doch der wollte ihn nicht hören. Wütend hatte Hagrid ihn gefragt, ob er einfach zusehen wollte, wie Stigs kleine Schwester Ingrid starb – und all die anderen Kinder.

Jetzt sah Hagrid zu ihm auf. Eine Flamme loderte zwischen den Spänen. »Ein Mann kämpft für die Seinen, das wohl«, zischte er. »Aber du fühlst dich Stainakr offenbar nicht sonderlich verbunden, Bastard!«

Sein Vater zog ein feuchtes Scheit aus dem Holzstoß und langte ins Innere, wo trockener Reisig lag. Dann nahm er vorsichtig ein paar der brennenden Späne und schob sie tief in den Holzhaufen. Nur ein paar Herzschläge vergingen, bis dichter, weißer Rauch zwischen den Scheiten hervorquoll. Die Flammen fanden Nahrung und weiteten sich aus.

Immer mehr Schattengestalten versammelten sich auf den Klippen. Sie trugen Knüppel und Äxte bei sich. Ganz vorne standen die Jungmannen. In dieser Nacht sollten sie sich bewähren. Tylstyr erkannte Stig. Er war ein langer, schlaksiger Kerl, der niemals auf einem Langboot auf große Fahrt gehen würde. Kein Kapitän würde ihn in seine Mannschaft wählen. Vor zwei Jahren hatten die Möwen ihn beim Eierstehlen angegriffen. Er war von den Klippen gestürzt und hatte sich etliche Knochen gebrochen. Am schlimmsten war es um sein rechtes Bein bestellt gewesen. Ein halbes Jahr hatte er gebraucht, um sich zu erholen, doch das Bein war nie wieder gut geworden. Es war verdreht, und er hinkte so stark, dass er für die schnellen Angriffe und Rückzüge einer Langbootmannschaft nicht mehr zu gebrauchen war. Stig stützte sich auf einen Speer und blickte auf das Meer hinaus. Heute war einer der wenigen Tage, an denen auch er ein Recke sein konnte.

An den Möwen hatten sie in jenem Frühjahr blutige Rache genommen und Dutzende von ihnen erschlagen. Jeder der Jungmannen trug seitdem eine Kette aus Möwenknochen um den Hals. Aber was half es? Stig würde nie wieder richtig gehen können.

Als die erste Stichflamme aus dem Holzhaufen schlug, richtete Hagrid sich auf und trat ein paar Schritte zurück. Keuchend kam Kol ans Feuer. Sein schwarz gelocktes Haar klebte ihm in wirren Strähnen am Kopf. Der Junge nickte Hagrid zu, Tylstyr ignorierte er. Nervös trat Kol von einem Bein aufs andere. Er war der Kleinste unter den sieben Jungmannen des Dorfes.

»Ich werd diese Nacht ’ne Kehle aufschlitzen, das wohl«, sagte er an Hagrid gewandt. »Ich weiß es!« Um seine Worte zu unterstreichen, zog er ein Messer, das schon so oft gewetzt worden war, dass es eine ganz schmale Klinge hatte. Kol war der Sohn eines Torfstechers. Seine Hände waren von dunklem Braun, zerfressen von dem sauren Wasser des Hochmoors. Er wollte weg aus Stainakr. Solange Tylstyr ihn kannte, redete Kol von fast nichts anderem. Er machte sich Sorgen, dass kein Kapitän ihn in die Mannschaft nehmen würde, weil er relativ klein war. Deshalb bemühte er sich, gefährlich auszusehen, schnitt Grimassen, kniff die Augen zusammen und redete reichlich Unfug.

Er warf das Messer von einer Hand in die andere. »Ist wie ’ne Ziege schlachten. Einfach ratsch die Kehle durchschneiden, den Kopf nach hinten reißen und ausbluten lassen. So werde ich es machen!«, murmelte er halblaut vor sich hin.

Tylstyr sah aus dem Augenwinkel, wie Hagrid Kol mit einem wohlwollenden Lächeln beobachtete. Er war sich sicher zu wissen, was sein Vater jetzt dachte. So einen Sohn hätte er auch gern. Der war richtig, auch wenn er etwas klein geraten war.

Zischend quoll Feuchtigkeit aus dem nassen Holz. Tylstyr spürte die Hitze des Feuers auf dem Gesicht. Auch er wich ein wenig zurück, als sein Vater ihn am Arm packte und ihm eine Axt in die Hand drückte. Alles Wohlwollen war aus dem Blick seines Vaters gewichen. »Heute Nacht wirst du zum Mann oder zum Verräter. Einen dritten Weg gibt es für dich nicht.«

Meer der Sieben Winde – achtundzwanzigster Tag im Sturmmond

Fianna war bis auf die Knochen durchnässt. Eisiges Wasser spülte über das Hauptdeck und vermochte nicht so schnell durch die Speigatten abzufließen, wie der Sturm neue Wellen über die Reling peitschte.

Borric, der Steuermann, versuchte, die Wellen über den Bug abzureiten. Die Goldener Anker war ein schwerfälliger Kauffahrer. Sie schaffte es nur ein kleines Stück, die obsidianschwarzen Wasserwände zu erklimmen, bevor die Wellen donnernd über dem Vorderkastell zusammenbrachen.

Verzweifelt blickte Fianna zur Brandung. Viel deutlicher sah sie nun die Wellen, die sich an der Küste brachen, doch immer noch blieb das Ufer in der Finsternis unsichtbar. Sie wurden unerbittlich zum Strand hin gedrückt. Höchstens eine Stunde noch, und sie würden auf Grund laufen.

Eine gelbe Flamme stieg hoch über der Brandung auf.

»Das Leuchtfeuer von Thorwal!«, rief ihr Vater und lachte überschwänglich und unendlich erleichtert. »Efferd sei Dank! Wir schaffen es, Fianna, ganz, wie ich es dir versprochen habe!« Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die lange Ruderpinne und rief noch andere Seeleute auf das Achterkastell. »Wir müssen sie auf Kurs zur Küste bringen.« Seine Augen strahlten im Licht der Hecklaterne.

Er wirkte, als sei ihm eine gewaltige Last von der Seele genommen. Er musste davon überzeugt gewesen sein, dass sie alle sterben würden, dachte Fianna, und hatte es so gut überspielt, dass sie ihm geglaubt hatte, als er ihr Mut gemacht hatte.

Die Goldener Anker neigte sich bedenklich auf die Seite, als sie aus dem Wind drehte und querab zu den Wellen lag. Der Regen peitschte jetzt noch wütender auf die Kogge hinab. Fianna konnte fast nichts mehr sehen. Sie blinzelte gegen das Wasser an, das ihr in die Augen lief. Das Licht war nur ein verschwommener gelber Fleck inmitten der Finsternis. Es würde sie sicher in die Fahrrinne zum Hafen führen.

Dicht bei der Buglaterne sah sie den Schiffsjungen auf und nieder hüpfen und mit den Armen winken. Er schien etwas zu rufen, aber das Sturmgetöse verschlang seine Worte.

Die Wellen rannten gegen den Rumpf, sodass es sich anfühlte, als trommelten wütende Riesen mit ihren Fäusten auf die Kogge ein. Fianna hatte Mühe, sich noch auf den Beinen zu halten. Immer neue Brecher spülten über das Achterdeck. Verzweifelt sah sie zu ihrem Vater. Sein Antlitz war eine Maske des Schreckens. Er schrie auf den Steuermann ein. Die beiden versuchten, das Ruder herumzureißen.

Der schwer beladene Kauffahrer schwang nach backbord, sodass die Wellen nun gegen das Heck drückten. Der Rumpf wurde emporgehoben. Steil zeigte der Bugspriet in den Himmel hinauf. Leicht steuerbord brannte das Leuchtfeuer. Sie waren auf dem rechten Kurs! Das Schiff senkte sich und stürzte in ein Wellental. Da war etwas Dunkles in den aufgewühlten Fluten. Die Wellen brachen sich in brodelnder Gischt daran.

Felsen!

Erschrocken sah sie zu ihrem Vater, der noch immer mit der langen Ruderpinne rang. Dann kniff sie in Erwartung des Aufpralls die Augen zusammen. Ihre Hände krallten sich in die Reling. Stumm betete sie zu Efferd. Und der Gott des Meeres erhörte sie! Statt zu zerschellen, hob sich der Rumpf wieder.

»O ihr Götter …«, rief Borric.

Fianna eilte nach backbord. Ein Wunder war geschehen! Um weniger als einen Schritt hatten sie die Klippen verfehlt. Sie spürte den Rumpf rucken. War da ein Knirschen? Die Wellen hatten sie doch über die Klippen hinweggehoben. Wieder senkte sich das Schiff und ritt eine Woge hinab, und Fianna blickte in einen Abgrund brodelnder Gischt, in dem gleich riesigen, schwarzen Reißzähnen ein ganzes Dutzend scharfkantiger Felsen aufragte. Unfähig, sich zu bewegen, zu rufen, ja, auch nur einen Atemzug zu tun, sah das Mädchen die Goldener Anker auf die Klippen zuhalten.

Mit infernalischem Getöse stürzte der Bug in sein steinernes Grab. Der Aufprall riss Fianna über die Reling. Kopfüber stürzte sie in das eisige Wasser. Die wütende Brandung warf sie hin und her. Verzweifelt kämpfte sie gegen die Macht des Meeres an und wurde doch gegen einen muschelüberkrusteten Felsen geschleudert.

Rings um sie trieben gesplitterte Planken im Wasser. Benommen sah sie zum Schiff. Jetzt wirkte es beängstigend groß. Die Anker hatte sich von den Felsen losgerissen, die ihren Rumpf durchbohrt hatten. Für einen Moment sah es so aus, als wollte sie vor der feindlichen Küste zurück aufs Meer fliehen, bis sie erneut von einer Woge angehoben und mit ohrenbetäubendem Krachen gegen die Felsen geworfen wurde.

Der Mast stürzte auf das Vorderkastell, zerschlug das Schanzkleid und ließ das Hauptdeck unter einem Gewirr aus Segeltuch und zerfetzten Leinen verschwinden. Der Schiffsjunge, der auf dem Vorderkastell Ausschau gehalten hatte, war von der Rah eingeklemmt worden. Er lehnte halb über der Reling und spie Blut. Überall in der sprühenden Gischt waren jetzt Männer, die sich lieber dem Meer anvertrauten, als noch länger auf dem sterbenden Schiff zu bleiben. Ein Stück voraus entdeckte Fianna den roten Haarschopf des Steuermannes, dann war er in den Fluten verschwunden.

Auch sie trieb wieder auf die Felsen zu. Schützend hob sie die Hände, um dem zu erwartenden Aufprall zumindest ein wenig von seiner Wucht zu nehmen. Scharfe Muschelschalen schnitten in ihr Fleisch, als sie gegen den mit Tang bedeckten Felsen geschleudert wurde. Ihre Schläfe schlug gegen den Fels. Grelle Lichter tanzten ihr vor den Augen.

Die Kälte des Wassers war betäubend. Sie fühlte keinen Schmerz in den Händen, obwohl diese blutüberströmt waren. Wieder zog der Gezeitenstrom sie vom Felsen fort. Sie ließ sich treiben, kämpfte nicht länger gegen ihr Schicksal an. Hier in der kalten See vor der Felsküste würde sie sterben.

Benommen blickte sie zum Schiff. Ihr Vater stand an der Reling. Er winkte ihr, dann sprang er ohne zu zögern in die tobende Gischt. Fianna wollte etwas rufen, aber eisiges Wasser spülte in ihren Mund und erstickte ihre Stimme. Prustend rang sie um Atem, als eine Welle sie unter Wasser drückte. Wieder wurde sie von der Strömung zu den Felsen gezogen. Wenn sie jetzt einfach einatmen würde … dann wäre die Qual vorüber. Ihr sperriger Parierdolch schlug in der Strömung gegen ihre Beine. Wie Blei hing er von ihrem Gürtel. Wenn sie aufhörte, mit den Armen zu rudern, würde sie in die schwarze Tiefe sinken …

Jemand packte sie. »Ich bring … dich an … Land«, rief ihr Vater prustend. Mit unbändiger Kraft kämpfte er gegen die Strömung zwischen den Klippen an. »Weiter südlich … dürfen nicht hier an den Strand.« Er packte ihr Haar und zog sie mit sich.

Eine Welle schob sie zwischen zwei Klippen hindurch. Rechts von ihnen entdeckte Fianna Fackeln. Der Strand! Er war keine hundert Schritt entfernt. Aber ihr Vater zog sie von diesem Ufer fort.

Küste bei Stainakr – achtundzwanzigster Tag im Sturmmond

Ihr war so kalt, dass sie sich nicht mehr rühren konnte. Der Wind schnitt ihr wie Messer in den Leib. Tränen standen ihr in den Augen. Sie wünschte, sie wäre tot. Sie lag an einem Strand aus Sand und groben Steinen. Zusammengekrümmt hoffte sie, dass vielleicht ein Funken Wärme in ihr erwachsen würde, wenn sie nur lange genug lebte.

Sie erinnerte sich nicht, wie sie hierhergekommen war. Als ihr Vater um ihr Leben gekämpft hatte, musste sie im Wasser das Bewusstsein verloren haben.

Vater?

Wo war er?

Sie wollte den Kopf heben und sich umsehen, doch die Kälte hielt ihre Glieder in eisige Fesseln geschlagen. Sie vermochte sich nicht zu bewegen. Ihr Körper verweigerte sich ihrem Geist.

Die Wolkendecke riss auf. Der Mond hüllte sich zur Hälfte in Schatten und warf nur wenig Licht auf den Strand. Die Ebbe musste eingesetzt haben. Sie lag neben einem Priel. Auf dem dunklen Wasserstrom, der dem Meer entgegenstrebte, brach sich silbernes Licht.

Ihr Mund war trocken, und der salzige Nachgeschmack des Meeres brannte auf ihrer Zunge. Fianna zitterte. Ihre nassen Kleider klebten wie eine Haut aus Eis auf ihrem Leib. Ihre Zähne klapperten. Langsam krümmte sie die Finger im groben Kies. Sie wandte den Kopf zur Seite. Dem Meer entgegen, das sie fast getötet hatte. Keinen Schritt entfernt lag ihr Vater. Er schien genauso am Ende der Kräfte zu sein wie sie, aber er lächelte ihr zu, und in seine Augen stand seine Liebe geschrieben. »Wenn wir zurück in Havena sind, bring ich dir das Schwimmen bei«, sagte er mit rasselndem Atem. »War nicht leicht, dich der See zu stehlen.«

Er grub die Ellbogen in den Kies und robbte ein Stück auf sie zu. Sein Bart war sandverkrustet. »Wir sind abgetrieben. Das ist gut. Hier werden sie uns nicht …«

Ein Schatten fiel vor ihm auf den Priel und ließ das silberne Funkeln auf dem Wasser verschwinden. Arbolan drehte sich halb um, als ihn ein Knüppel mitten ins Gesicht traf.

Fianna schrie auf. Ihr Vater stürzte mit dem Kopf voran ins Wasser, und der Fremde setzte ihm einen Fuß in den Nacken, damit er nicht mehr hochkam.

Verzweifelt versuchte Fianna sich aufzurichten, doch ihre Glieder schienen mit dem kiesigen Boden verwachsen zu sein. Ihr fehlte die Kraft. Mit der Rechten tastete sie nach dem Dolch an ihrem Gürtel. Die Hand war taub von der Kälte. Sie schob sie in den Korb der Waffe, vermochte aber nicht, die Finger um den Griff zu krümmen. Sie waren hart wie Holz.

Blasen stiegen neben dem Kopf ihres Vaters aus dem Wasser. Das Mondlicht verwandelte sie in silberne Perlen, während sie auf dem dunklen Gezeitenstrom dem Meer entgegentrieben.

Arbolan versuchte sich aufzubäumen, doch gegen die Kraft des stämmigen jungen Mannes kam er nicht an. Sein Widerstand wurde schwächer. Seine Arme und Beine zuckten.

Fiannas Hand schloss sich um den Dolchgriff. Es war, als sei ein Bann gebrochen. Ihre Glieder gehorchten ihr wieder. Sie erhob sich, langsam und schwerfällig, aber sie kam auf die Beine.

Der Schattenmann drehte sich zu ihr um. Sein Gesicht war entstellt. Seine Oberlippe zerteilt. Der Spalt war so breit, dass man einen Finger hätte hineinlegen können. Er reichte bis zur Nase hinauf. Seine blauen Augen wirkten traurig. »Ich muss ihn totmachen, das wohl«, sagte er näselnd. »Niemand darf von dieser Nacht erzählen.«

Ihr Vater bäumte sich ein letztes Mal auf und versuchte dem Fuß zu entkommen, der ihn gnadenlos ins Wasser drückte, dann lag er still.

Mit einem Schrei, geboren aus blindem Zorn, stürzte sich Fianna auf den Entstellten. Doch sie war zu langsam. Er wich aus. Sein Knüppel schwang hoch. Er traf sie seitlich am Kopf, und die Welt wurde zu Schmerz und Finsternis.

Küste vor Stainakr – achtundzwanzigster Tag im Sturmmond

»Komm her, Tylstyr!« Der Hetmann winkte ihn an seine Seite zu dem großen Feuer, in dem sie die angespülten Wrackteile verbrannten.

Tylstyr gehorchte mit einem besorgten Blick zu seinem Vater. Hagrid beäugte ihn misstrauisch. Tylstyr hatte keinen Gestrandeten erschlagen. Es hatte kaum Überlebende gegeben, und er war nicht schnell genug gewesen, um einem von ihnen den Rest zu geben. Er hatte sie den anderen Jungmannen des Dorfes überlassen, die darauf hofften, im nächsten Frühling auf ihre erste Plünderfahrt zu gehen. Sie hatten sich darin hervorgetan, die zu Tode erschöpften Gestalten niederzumachen, die von der Brandung ausgespien worden waren. Sie schwelgten in Gewalt. Tylstyr hatte das nicht tun können. Sollte sein Vater ihn für einen Verräter halten – zumindest war er kein Mörder. Die wehrlosen Seeleute zu erschlagen war keine Ruhmestat.

Veli, ein stiller Junge mit zerzaustem, braunem Haar und einem freundlichen Gesicht voller Sommersprossen, zog einen Toten hinter sich her. Ein Kind, dessen Gesicht nur noch eine blutige Masse war. »Hat sich zwischen den Felsen versteckt«, erklärte Veli und ließ den toten Schiffsjungen vor Warulfs Füßen liegen. »War schon arg mitgenommen. Konnte gar nicht mehr reden, hat nur Blut gespuckt. Hab ihm schnell den Garaus gemacht.«

Der Hetmann nickte. »Gut! Keiner darf uns entkommen. Auch kein Kind!«

Tylstyr vermochte den Blick nicht vom entstellten Gesicht des Jungen abzuwenden. Schnell den Garaus gemacht? Veli schien immer und immer wieder mit seinem Knüppel in das Gesicht des Kindes geschlagen zu haben. Aber warum? Nie zuvor hatte Tylstyr Veli grausam erlebt. Er kam nur selten ins Dorf. Sein Vater hatte einen Hof, der ein gutes Stück entfernt lag. Sie züchteten Ziegen.

»Nun bist du ein Mann«, erklärte Warulf feierlich. »Morgen Abend wirst du in meiner Halla deinen ersten Armreif bekommen!«

Veli grinste glücklich. Dann machte er sich davon, wohl um nach weiteren Opfern Ausschau zu halten.

Der Hetmann streckte seine Hände dem Feuer entgegen. Warulfs Schwertarm war mit den Narben zahlloser Kämpfe bedeckt. Breite, weiße Strähnen hatten sich in seinem Bart eingenistet. Er ging leicht gebeugt, aber in seinen blauen Augen spiegelten sich ungebrochen Härte und Entschlossenheit. Stainakr war ein armes Dorf. Es gab hier keines jener schlanken Schiffe, auf denen die Recken im späten Frühjahr gen Süden segelten, in der Hoffnung, auf Raubzügen an fremden Küsten ihr Glück zu machen. Aber die Männer Stainakrs waren als gnadenlose Kämpfer bekannt. Jeder Kapitän nahm sie gern an Bord. Mehr als zwanzig Jahre waren sein Vater Hagrid und Warulf gemeinsam auf Fahrt gegangen. Manchmal erzählten sie von ihren Raubzügen, meist aber schwiegen sie mit harten Gesichtern. Früher hatte sein Vater ab und an gesagt: Die Wirklichkeit hat nichts mit den Liedern der Skalden gemein.

Tylstyr blickte zu dem zerschundenen Wrack, das sich im ersten Morgenlicht schwarz gegen den Himmel abzeichnete. Die Riffe hatten seinen Rumpf aufgerissen. Fässer und Kisten wurden von der Ebbe hinaus aufs Meer gezogen. Es erinnerte Tylstyr an einen Kadaver, dem Wölfe die Eingeweide herausgezerrt hatten. Nie waren die Worte seines Vaters so wahr gewesen wie in dieser Nacht. Die Wirklichkeit hat nichts mit den Liedern der Skalden gemein.

Kol kam zum Feuer. Entsetzt sah Tylstyr, dass der Junge einen Kopf bei den Haaren gepackt trug und ihn munter hin und her schlenkerte, wie eine der mit Kieseln gefüllten Kürbisflaschen, mit denen die Kinder die Möwen von den Räuchergestellen fernhielten. Die Fischer brachten ihren Fang dorthin, um Heilbutt, Tintenfisch und Seehund in Streifen zu schneiden und in den Rauch von frischem Buchenholz zu hängen, damit der Fisch für den Winter haltbar blieb.

»Wo ist der Rest von dem Kerl?«, fragte Warulf amüsiert, als Kol ihm den Kopf vor die Füße legte.

»Kommt noch, Hetmann. War ein Versehen, das mit dem Kopf. Wollt ihm eigentlich nur die Kehle durchschneiden.« Bei diesen Worten hielt er sein blutiges Messer hoch. »Aber er hatte nen verdammt dünnen Hals. Da ist es dann passiert …«

Warulf lachte.

»Du hast wohl zu viel Kraft, Junge«, sagte Hagrid wohlwollend. »Man schneidet doch nicht aus Versehen einen Kopf ab.«

»Es sei denn, man ist ein Mann aus Stainakr, das wohl«, warf Warulf ein. »Und man steht im Saft der Jugend. Da kann so ein Missgeschick schon mal passieren.«

Die beiden lachten. Zum ersten Mal in seinem Leben war Tylstyr sein Vater peinlich. Bisher hatte er ihn für grob und zu oft für ungerecht gehalten. Jetzt sah er ihn mit anderen Augen. Er war ein Barbar!

»Du wirst mit den Booten hinausfahren, Tylstyr«, befahl Warulf, und seine gute Laune war verflogen.

»Zum Schiff?«

Der Hetmann wandte sich ihm zu. Regen troff von seinen buschigen Augenbrauen. Plötzlich wirkte er melancholisch, doch der Schein trog. Tylstyr kannte Warulf sein ganzes Leben lang. Er war ein harter Mann, der sich ganz gewiss nicht zum Sklaven seines Gewissens machte. Scherze über abgeschnittene Köpfe: Das war seine Welt!

»Dein Vater fährt zu der Kogge hinaus. Deine Familie wird ihren Anteil bekommen. Dafür ist gesorgt. Du sollst weiter hinaus. Hinter die Riffe ein ganzes Stück auf die offene See.« Er nickte in Richtung der Toten, die in langer Reihe am Ufer lagen. »Du weißt, von denen darf man keinen mehr finden.« Er weitete die Arme, als wolle er Strand, Schiff und Meer umfangen. »Alles hier muss verschwinden. Nicht einmal Asche darf an diesem Ufer bleiben. Sie werden nach der Kogge suchen.« Er beugte sich zu Tylstyr hinab, bis ihre Gesichter keine drei Fingerbreiten mehr voneinander entfernt waren. »Du weißt, was Strandräuber erwartet! Ich kann mich doch auf dich verlassen, oder?«

»Natürlich!«, beteuerte Tylstyr.

»Auch wenn du wieder bei diesen Zauberbrüdern in Thorwal bist? Du wirst auch dort nicht vergessen, wohin du gehörst?«

»Ich bin ein Sohn Stainakrs«, entgegnete Tylstyr eingeschüchtert und wünschte sich, nicht zu dieser Mörderbande zu gehören.

»Wäre besser gewesen, wenn du heute dein erstes Blut vergossen hättest. Dann hätten alle gesehen, dass du wirklich einer von uns bist, Junge.« Warulfs blaue Augen schienen bis auf den Grund seiner Seele zu blicken.

Tylstyr wich zurück. Er wagte es nicht, etwas zu sagen. Er hatte sich nicht wirklich bemüht, vor den anderen einen der Gestrandeten zu erreichen und ihm den Schädel einzuschlagen. Das war Warulf gewiss ebenso wenig verborgen geblieben wie seinem Vater.

»Fast alle Jungmannen haben heute getötet. Du hast eine gute Gelegenheit verpasst.« Er streckte sich. Ein Knochen knackte hörbar.

Tylstyr fand nicht, dass er etwas verpasst hatte. Er würde nicht den Weg des Kriegers gehen. Er war nicht dazu bestimmt, zu morden und Blut zu vergießen.

Warulf rammte ihm den Zeigefinger in die Brust. Tylstyr taumelte zurück und wäre fast gestolpert.

»Was glaubst du, was mich zum Hetmann macht? Ich kann in Gesichtern lesen. Ich weiß, was du denkst, Junge.«

Tylstyr schluckte.

»Es ist besser, wenn du bald wieder das Dorf verlässt. Du passt nicht hierher. Du …« Er blickte auf. »Eigil! Komm her! Zeig mir, wen du da gefunden hast.«

Tylstyr blickte über die Schulter und sah Schlitzmaul den Strand herabkommen. Schlitzmaul nannten ihn fast alle im Dorf wegen der grässlichen Spalte in seiner Oberlippe. Er war der Einzige, der in der Hierarchie der Jungmannen noch unter ihm stand. Eigil, wie sein eigentlicher Name war, trug einen massigen Mann auf den Schultern. Der Gang des Jungen war unsicher, dennoch war es eine beeindruckende Kraftleistung.

»Hierher!« Warulf deutete neben seinen rechten Fuß, als befehle er einem Hund, einen Stock zu bringen.

Mit einem tiefen Seufzer ließ Eigil den Toten am zugewiesenen Platz auf den Boden fallen.

Er hielt den Kopf gesenkt, das lange, nasse Haar hing ihm vors Gesicht und verdeckte seine entstellte Oberlippe.

»Wo hast du ihn gefunden?«, wollte Warulf wissen.

»Fünfhundert Schritt von hier. Hinter den Felsen.« Wie stets sprach Eigil mit näselnder, leiser Stimme. Beschämt erinnerte sich Tylstyr, wie auch er Schlitzmauls Art zu sprechen immer wieder nachgeahmt hatte, nur um sich dann vor Lachen auszuschütten.

»Waren da noch mehr?« Der Hetmann drehte den Toten mit dem Fuß herum, sodass er ihm ins Gesicht sehen konnte. Glasige Augen starrten in den grauen Morgenhimmel. Sein Haar war mit Blut verklebt.

»Hab nur ihn gefunden.«

»Du hast ihm den Rest gegeben, Eigil, nicht wahr?«

Schlitzmaul nickte, hielt dabei aber immer noch den Kopf gesenkt.

»Gut gemacht, Junge.« Warulf sah zu Tylstyr. »Also haben alle Jungmannen erstes Blut vergossen, außer dir.« Ohne den Blick von Tylstyr abzuwenden, stieß er mit dem Stiefel gegen die rechte Hand des Toten, an der der Mittelfinger fehlte. »Den Ring, Eigil. Gold, Silber und Schmuck gehören dem Hetmann, damit er die Schätze gerecht verteilt.«

Schlitzmaul zuckte erschrocken zusammen.

»Ich werd dich nicht verprügeln, keine Angst.« Fordernd streckte der Hetmann die Hand aus. »Du hast heute Nacht bewiesen, dass du mehr Mann als Kind bist, Eigil. Komm zur Dämmerung zu meinem Langhaus. Du hast es dir verdient, mit den Recken zu trinken.«

Eigil hob den Kopf. Mit weit offenem Mund sah er den Hetmann an. »An der Tafel der Recken …«

»Ganz recht. Dort ist dein Platz. Und Tylstyr wird nicht dort sitzen. Aber jetzt gibst du mir den Ring.«

Immer noch ganz verdattert, kramte Eigil in dem Leinenbeutel, den er um die Schulter geschlungen trug. Endlich brachte er den Ring hervor, samt dem fehlenden Finger.

Lächelnd zog Warulf den großen goldenen Siegelring ab, auf dem ein Anker prangte, und schob ihn sich selbst auf den Ringfinger. »Schönes Stück.« Er drückte Tylstyr den abgetrennten Finger in die Hand. »Sorg dafür, dass er mit dem Rest verschwindet. Wie ich schon sagte: Es darf nicht mal Asche am Strand zurückbleiben.« Er streckte seine Hände den lodernden Flammen entgegen. »Übrigens, Eigil, natürlich habe ich bemerkt, dass du ihm auch den Gürtel gestohlen hast. Aber den darfst du behalten.«

Schlitzmaul grinste breit. Er sah aus, als sei dies der schönste Tag in seinem Leben. »Ich trinke mit den Recken!«, näselte er.

Tylstyrs Hand schloss sich um den kalten Finger. Er würde es nicht vermissen, unter lauter Mördern an Warulfs Tafel zu sitzen. Er wünschte, Meister Eddrik wäre schon gekommen, um ihn zurück zur Akademie zu holen. Er passte nicht mehr nach Stainakr. Er hatte niemals hierher gepasst.

Küste vor Stainakr – dreißigster Tag im Sturmmond

Finsternis umfing Fianna. Hatte sie die Augen geöffnet? Es machte keinen Unterschied. Sie vermochte nichts um sich herum zu erkennen. Dumpfer, pochender Schmerz wütete in ihrem Kopf. Und es war kalt.

Sie versuchte sich aufzurichten. Vergebens … Ihre rechte Hand war an den rechten Fußknöchel gefesselt. Auf der linken Seite war es dasselbe. Sie lag mit dem Gesicht auf kaltem Stein. Irgendwo tropfte etwas.

Ihr Mund war eine Salzwüste. Sie hatte viel Wasser geschluckt. Der Kampf in der Brandung drängte in ihre Erinnerung. Ihr Vater … Er hatte sie aus der wütenden See gerettet, nur um dann vor ihren Augen zu sterben.

Wütend bäumte Fianna sich auf. Sie konnte sich aufsetzen, doch aufzustehen machte ihr die Art der Fesselung unmöglich. Sie konnte auf Knien vorwärtskriechen … Der Boden war rau. Als sie mit der Stirn gegen einen Felsen stieß, verharrte sie. Sie war in einer Höhle gefangen. Wohl nicht sehr weit vom Strand. Leise konnte sie die Brandung hören.

Ihre Zähne begannen zu klappern. Immer noch trug sie ihre nasse Kleidung. Es war schneidend kalt. Ob es wohl Nacht war? Nie hatte sie sich an einem so finsteren Ort befunden. Was sollte mit ihr geschehen? Hatte der Kerl mit der gespaltenen Lippe sie hierher gebracht? Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, was er mit ihr machen würde.

Mit verzweifelter Wut zerrte sie an ihren Fesseln. Vergebens. Es schienen breite Lederriemen zu sein. Gürtel?

Immer noch verharrte sie mit der Stirn gegen die Felswand gelehnt. Sie spürte ihre Füße nicht mehr. Drückten ihr die Fesseln das Blut ab? War es die Kälte?

Wieder hörte sie es tropfen. Ihr Mund war völlig ausgedörrt. Der salzige Geschmack des Meerwassers wollte nicht weichen. Wie lange war sie schon hier?

Sie kroch auf das Geräusch zu. Ihr Knie stieß gegen etwas Sprödes. Sie hielt inne und tastete mit den an die Knöchel gefesselten Händen mühselig über den Boden. Ein Stück Holzkohle … noch eins. Jemand hatte hier ein Feuer gemacht. Vor Tagen oder noch längerer Zeit … Wenn doch nur eine winzige Flamme brennen würde! Allein der Gedanke daran vertiefte das Gefühl der Kälte in ihr. Es saß tief in Fiannas Innerem wie ein eisiger Block und fühlte sich an, als würde sie langsam von innen nach außen gefrieren. Sie wollte die Arme um ihren Körper schlingen und sich zusammenrollen, doch die Fesseln hielten ihre Hände unbarmherzig an den Fußknöcheln.

Einen Moment lang wünschte sie sich, sie wäre tot. Würde aller Qual entfliehen und vielleicht dahin gehen, wo auch ihr Vater war. Die Erinnerung an ihn erfüllte sie mit Scham. Er war immer stark gewesen, ganz gleich, wie sehr das Schicksal ihm zugesetzt hatte. Er hatte nicht aufgegeben oder den Versuch gemacht davonzulaufen. Er hatte sich stets allen Widrigkeiten gestellt und gekämpft, bis die Geschäfte des Kontors Gorbaran wieder in ruhiges Fahrwasser fanden. Er hätte es auch diesmal geschafft, hätte er nicht Kurs auf das falsche Leuchtfeuer genommen. Sie war die Einzige, die ihn noch rächen konnte. Die Letzte ihrer Familie. Das Haus der Gorbarans würde verlöschen, wenn sie sich jetzt aufgab. Ausgemerzt von Dieben und Mördern.

Der Zorn half gegen die Kälte. Er vertrieb sie nicht, aber er gab ihr die Kraft, ihr Schicksal zu ertragen. Noch lebte sie. Noch konnte sie Widerstand leisten. Sie würde aus dieser Höhle – oder wo immer sie hier war – herauskommen!

Langsam kroch sie in Richtung des Plätscherns. Fingerbreite um Fingerbreite erkundete sie den rauen Boden, bis sie eine feuchte Stelle fand. Wie ein Tier leckte sie das Wasser auf. Es war kalt, schmeckte nach Stein und vermochte ihren Durst nicht zu löschen.

War da über ihr ein Spalt im Gestein? In weiter Ferne sah sie ein blasses Licht. Ein einzelner Stern am Himmel? Hin und wieder verschwand er. Hinter vorbeiziehenden Wolken? Wie ein Zeichen der Götter war er. Auch in einer Welt voller Finsternis blieb stets ein Funke Hoffnung.

Der Funke blühte zu einer Flamme auf. Erschrocken wich sie ein Stück zurück, und die Flamme fiel vom Himmel direkt in ihre Höhle herab.

Küste vor Stainakr – dreißigster Tag im Sturmmond

Eigil zog den Knoten fest und prüfte das Seil, das er um die dicke Wurzel geschlungen hatte. Nervös schob er die Zungenspitze durch die Spalte in seiner Oberlippe. Er wusste, dass es bescheuert aussah, aber hier sah ihn ja niemand. Noch nicht!

Voller Erwartung sah er zu der Fackel hinab, die er in die Felsspalte geworfen hatte. Dies war der beste Tag seines Lebens! Erst hatte er mit den Recken des Dorfes an der Tafel von Hetmann Warulf gesessen und Met getrunken, und jetzt würde er sich sein erstes Weib nehmen. Ihm war ein wenig schwindelig vor Glück und vielleicht auch wegen der drei Hörner Met, die er getrunken hatte. Alle hatten ihm auf die Schulter geklopft! Die Zeit, in der er weniger wert war als der Dreck unter den Stiefeln der anderen, war endlich vorbei. Er hatte einen Mann umgebracht. Sein erstes Blut vergossen. Alle Jungmannen hatten das getan, nur Tylstyr nicht. Er war auch nicht an die Tafel geladen worden, der verdammte Hexer. Die Fischer nahmen ihn gern in ihren Booten mit. Sie glaubten fest, dass das Meer ruhiger war und mehr Fische kamen, wenn er an Bord war. Aber sobald sie an Land zurückkamen, mieden sie Tylstyr. Er hatte auch nie richtig dazugehört. Sieben waren sie. Tjorne, der Wortführer, Sohn des Warulf, Kol, Stig, Veli und Atagord. Und dann noch er selbst und Tylstyr. Sie waren die Jungmannen. Zu alt, um Kinder zu sein, aber nicht alt genug, um schon als Männer zu zählen. Eine beschissene Zeit, in der man zwischen allen Stühlen saß. Immer hatten sich alle über ihn lustig gemacht. Schlitzmaul – wie oft hatte er diesen Spitznamen hören müssen, und wie unendlich hasste er ihn! Aber heute an der Tafel des Hetmannes hatte ihn niemand so genannt. Die Zeit von Schlitzmaul war vorbei.

Er grinste zufrieden. Und wenn die anderen Jungmannen wüssten, was er jetzt tun würde … Er war der Erste von ihnen, der ein richtiger Mann wurde. Die anderen mochten halb ersoffene Seeleute getötet haben, aber er würde jetzt ein Weib herannehmen. Der Entstellte, der niemals eines der Weiber aus dem Dorf bekommen hätte, wäre nun der Erste. Und wenn er später die anderen auch mal heranließ, würden sie ihn alle mögen.

Das Herz wollte ihm schier überquellen vor Glück. Sein ganzes Leben lang hatte es den Göttern gefallen, ihn zu quälen, aber jetzt wurde er überreichlich beschenkt. Er packte das Seil und ließ sich in die Felsspalte hinab. Das Schiffsmädchen war ein bisschen dünn. Aber wenn er sie gut fütterte und ihr ein Kind machte, würde sich das schon geben. Ins Dorf konnte er sie nicht mitnehmen. Sie würden sie totschlagen. Warulf würde keine Überlebenden vom Schiff dulden. Sie müsste für immer hier in der Felsspalte bleiben, aber das machte ihm nichts aus. Er musste sie nicht herumzeigen. Und wenn sie ihm zu viel wurde, würde er einfach nicht mehr kommen. Hier konnte sie keiner schreien hören. Niemand kam hierher. Niemand kannte die Höhle am Grund der Felsspalte.

Eigil stemmte die Füße gegen den dunklen Stein, stieß sich ab und ließ sich weiter das Seil hinabgleiten. Hunderte Male war er schon hier gewesen. Immer wenn er sich vor allen hatte verstecken wollen. Binnen Augenblicken hatte er den Abstieg geschafft und hob die Fackel auf, die er hinabgeworfen hatte. Er wollte die Kleine vom Schiff sehen, wenn er sie nahm. Es nicht im Dunkeln tun wie die Tiere im Stall. Sie hatte Haare, schwarz wie Rabenflügel. Das mochte er. Sie war anders als die blonden und rothaarigen Dorfmädchen, die ihn verspottet hatten. Das Schiffsmädchen passte zu ihm.

Er schwenkte die Fackel, um die Höhle auszuleuchten, die sich am Grund des Felsspalts ins dunkle Gestein wand. Da war sie! Kroch vor ihm davon. Zeigte ihm ihren Arsch. Er musste grinsen. Das war gut!

Mit zwei schnellen Schritten war er bei ihr. Die Fackel schleuderte er in eine trockene Ecke und umfasste mit beiden Händen ihre Taille, um ihren Arsch an seine Schenkel zu ziehen. Das schwere Wollkleid des Mädchens war immer noch nass. Sie war glitschig wie ein Fisch. Wand sich in seinem Griff und vermochte ihm doch nicht zu entkommen.

»Komm, halt still. Ich hab oben Essen, und ich mach uns ein Feuer, wenn wir fertig sind. Du wirst in meinem Arm liegen …«

Sie schrie. Es schienen Worte zu sein, auch wenn er keins davon verstand.

Eigil schob seine Rechte unter ihr Kleid, während er sie mit der Linken fest an sich presste. »Halt still!«, stöhnte er. Sein Blut pochte wild in seinen Adern. Ihm war schwindelig, und zugleich erfüllte ihn eine wohlige Wärme. Sein Schwanz war so hart, dass es fast schon schmerzte.

Sie trug eine lange Hose aus angenehm weichem Stoff unter dem Kleid. Wolle konnte das nicht sein. Auch sie war durchnässt. Er zerrte daran, bis sie zerriss. Dann schob er seine Hose hinab. Er wusste nur ungefähr, was zu tun war, wenn man eine Frau besteigen wollte. Er hatte bei Hunden zugesehen und auch bei Pferden. Oder den schwarzen Krebsen, die bei Ebbe über den Strand wanderten. Ungelenk rammte er seine Hüften gegen ihren Hintern.

Sie schrie immer noch, fluchte und weinte. Er stieß ihr den Ellbogen gegen den Kopf. »Halt’s Maul, dummes Weib!« Dass sie so etwas Einfaches, wie eine verständliche Rede zu führen, nicht beherrschte! Bestimmt konnte sie auch nicht kochen oder weben oder ein Boot rudern. Deshalb war sie wahrscheinlich auf dem Schiff gewesen. Sie war Ballast. Jedes Schiff brauchte Ballast. Und für das, was er wollte, war sie auch zu gebrauchen.

Immer schneller rammte er gegen ihren Hintern. Eine Spannung, so wie ganz am Ende, wenn er sich mit der Hand Erleichterung verschaffte, baute sich in ihm auf. Aber das hier war viel schöner. Mit einem Schrei ergoss er sich. Eigil sank schwer auf ihren Rücken. Sein Herz schlug wie eine Trommel in seiner Brust. Er keuchte in ihren Nacken. »Das war gut! Oben am Klippenrand habe ich ein paar Sachen. Essen, etwas Holz. Ich mach uns ein Feuer. Hier unten kann es ganz gemütlich sein. Wenn uns warm ist, dann machen wir es noch mal. Ich will dich nackt sehen.«

Sie sagte kein Wort. Sie schluchzte nicht einmal mehr. Ihr Gesicht war unter den Haaren verborgen.

Eigil starrte auf ihren Hintern. Zu knochig, dachte er. Aber er wollte sie ja auch nicht heiraten. Er wollte seinen Spaß haben, und dann würde er sie verleihen.

Küste vor Stainakr – achter Tag im Goimond

Ein Möwenschrei ließ Tylstyr aufblicken. Er kauerte im Windschatten eines Felsens und hatte gelesen. Eigentlich war es nicht erlaubt, ein Buch mit ins Freie zu nehmen. Zu groß war die Gefahr, dass es Schaden nahm. Schaudernd stellte sich Tylstyr vor, wie ihm eine Möwe auf die Seiten schiss, und klappte das Buch hastig zu. Dabei behielt er einen Daumen an der Stelle, bis zu der er gelesen hatte. Leben und Thaten des Snorri Halström hatte ihm in diesem längsten aller Winter viel Trost gespendet. Magister Eddrik, sein Tutor an der Schule der Hellsicht, hatte ihm das Buch in die Hand gedrückt, bevor er zur Beerdigung seiner Mutter abgereist war. Es war eine gute Wahl gewesen. Snorri beschrieb ausführlich seine Jugend in einem Fischerdorf nördlich von Thorwal. Die Angst davor, verprügelt und verspottet zu werden. Anders zu sein als die anderen. Und wie es war, hinter all der Gewalt die Furcht derjenigen zu spüren, die einem doch eigentlich die Nächsten sein sollten.

Hier war Tylstyr in seiner Heimat. Er war in dem alten Haus mit den beiden gekreuzten Schwanenköpfen über dem Giebel geboren worden. Auf dem Lehmpfad davor, dort, wo sich in tiefen Pfützen die Schweine suhlten, hatte er Laufen gelernt. Aber er hätte sich in einer Oase in der fernen Khôm-Wüste nicht fremder fühlen können. Selbst Schlitzmaul war hier beliebter als er. Die Jungmannen, die früher keine Gemeinheit gegenüber Eigil ausgelassen hatten, behandelten ihn nun mit ausgesuchter Freundlichkeit. Ja, es schien sogar, als seien sie zu einer verschworenen Gemeinschaft geworden. Tylstyr konnte sich das nicht erklären. Ihn hingegen hatten sie gestern noch mit Schweinemist beworfen.

Am schmerzhaftesten aber war, wie sein eigener Vater ihn behandelte. Hagrid sprach kaum noch ein Wort mit ihm. Fast den ganzen Tag verbrachte er schnitzend und vor sich hinbrütend vor der Feuergrube. Deshalb floh Tylstyr ins Freie, wann immer das Wetter es zuließ.

Der Winter lockerte seine eisigen Fesseln. Die Eisschollen, die er am Ufer unter den Klippen aufgetürmt hatte, begannen zu schmelzen. Bald würde mit dem warmen Südwind der erste Regen kommen, auch wenn es gestern Nacht noch einmal stundenlang geschneit hatte. Zehn Wochen waren vergangen, seit die Kogge auf den Klippen zerschellt war. Niemand war in diesem Winter Hungers gestorben. Im Gegenteil, sie hatten sogar Fett angesetzt, und die geraubten Vorräte würden noch weit bis in den Sommer reichen. Vielleicht hatte die Entscheidung des Hetmannes, das falsche Signalfeuer zu entzünden, am Ende mehr Leben gerettet, als sie gekostet hatte. Dennoch konnte Tylstyr sie nicht gutheißen. In jener Nacht waren sie ein Dorf von Mördern geworden. Und nun beäugten sie ihn misstrauisch, weil er bald gehen würde. Er, der einzige unter den Jungmannen, der sich nicht an den Morden beteiligt hatte.

ENDE DER LESEPROBE