Die Philosophie des Geistes - John Locke - E-Book

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John Locke

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Beschreibung

In "Die Philosophie des Geistes" ergründet John Locke die komplexen Fragen des menschlichen Bewusstseins und der Identität. Sein literarischer Stil ist geprägt von Klarheit und analytischer Genauigkeit, wodurch er abstrakte philosophische Konzepte zugänglich macht. Locke wird oft als Wegbereiter des Empirismus gepriesen, da er betont, dass Wissen vor allem aus Erfahrung entsteht. Indem er die Beziehung zwischen Wahrnehmung und Bewusstsein analysiert, stellt er die fundamentale Frage, wie das Ich über Zeit und Raum hinweg konstant bleibt. John Locke, ein zentraler Denker der Aufklärung, hat mit seinen Ideen über die Natur des Geistes und die Grundlagen des Wissens einen bleibenden Einfluss auf die Philosophie ausgeübt. Seine Erziehung und seine Erfahrungen in der politischen Theorie, insbesondere seine Überlegungen zur individuellen Freiheit und Menschenrechten, prägten seine philosophischen Ansichten. Diese Perspektiven fließen in seine Erörterungen über die menschliche Psyche ein und verdeutlichen die Wechselbeziehungen zwischen Geist und Gesellschaft. Lockes "Die Philosophie des Geistes" ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich mit den Grundlagen der Bewusstseinsphilosophie und der modernen Erkenntnistheorie befassen möchte. Seine Argumente fördern ein tiefes Verständnis der menschlichen Natur und regen zur kritischen Reflexion über das Wesen des Selbst an. Leser, die sich für die Verbindung von Philosophie, Psychologie und politischen Ideen interessieren, finden in diesem Werk einen äußerst wertvollen Beitrag. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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John Locke

Die Philosophie des Geistes

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Marvin Engel
EAN 8596547731764
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Die Philosophie des Geistes
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung versammelt unter dem Titel „Die Philosophie des Geistes“ jene Schriften John Lockes, in denen er Ursprung, Reichweite und Grenzen des menschlichen Erkennens zusammenhängend entfaltet. Im Zentrum steht „Ein Versuch über den menschlichen Verstand“ mit Widmung und dem „Brief an den Leser“ als rahmenden Texten. Ergänzt wird der theoretische Entwurf durch die „Gedanken über Erziehung“, die Lockes Einsichten in praktische Leitlinien überführen. Der Band verfolgt das Ziel, Lockes Verständnis des Geistes in seiner ganzen Spannweite zugänglich zu machen: als Analyse der Ideen, der Sprache und der Erkenntnis sowie als Anleitung, wie Bildung Charakter, Urteilskraft und vernünftiges Handeln formt.

Die hier vertretenen Textsorten reichen vom systematischen Traktat über dedikative und einleitende Schreiben bis hin zu normativen, praxisnahen Betrachtungen. Der „Versuch“ ist als wissenschaftliche Untersuchung konzipiert, gegliedert in Bücher und Kapitel, die Schritt für Schritt Begriffe klären und Argumente entwickeln. Die Widmung und der „Brief an den Leser“ situieren Absicht und Methode. Die „Gedanken über Erziehung“ bilden eine eigenständige, doch eng verbundene Schrift: ein didaktischer Essay, der aus konkreten Beobachtungen allgemeine Richtlinien gewinnt. Theorie und Anwendung stehen damit nicht nebeneinander, sondern durchdringen einander und beleuchten sich wechselseitig.

Das erste Buch des „Versuchs“ widmet sich der Auseinandersetzung mit der Lehre angeborener Begriffe und Grundsätze. Methodisch beginnt Locke mit einer prüfenden Bestandsaufnahme dessen, was behauptet wird, und vergleicht es mit dem, was im Erleben tatsächlich vorliegt. Die Untersuchung dient weniger einer bloßen Verneinung als der Vorbereitung: Indem vermeintliche Selbstverständlichkeiten kritisch geprüft werden, werden Bedingungen und Umfang des Wissens sichtbar. Dieses Vorgehen markiert den Ausgangspunkt der gesamten Philosophie des Geistes bei Locke: Eine nüchterne, erfahrungsgesättigte Betrachtung des Denkens, die Dogmatismus vermeidet und die Fähigkeiten wie die Grenzen des Verstandes gleichermaßen ernst nimmt.

Im zweiten Buch entwickelt Locke seine Theorie der Vorstellungen. Er unterscheidet einfache und zusammengesetzte Vorstellungen, beschreibt ihre Herkunft aus Sinneswahrnehmung und Selbstbeobachtung und analysiert Vermögen wie Wahrnehmen, Behalten, Unterscheiden und Abstrahieren. Die Kapitel greifen konkrete Gegenstände auf – von Raum, Dauer und Zahl über Unendlichkeit bis hin zu Lust, Schmerz und Kraft – und zeigen, wie der Verstand aus einfachen Elementen komplexe Begriffe bildet. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Vergesellschaftung von Vorstellungen, der Klarheit und Deutlichkeit kognitiver Inhalte sowie den Kriterien, nach denen Vorstellungen wirklich oder eingebildet, angemessen oder unangemessen sind.

Das dritte Buch richtet den Blick auf Worte und Sprache. Locke untersucht, wie Namen Bedeutung erhalten, wie allgemeine Ausdrücke entstehen und wodurch Unvollkommenheiten und Missbräuche der Sprache Irrtümer begünstigen. Er analysiert die Benennung einfacher Vorstellungen, gemischter Zustände, Beziehungen und Substanzen und zeigt, wie sprachliche Gewohnheiten Erkenntnis fördern oder behindern. Ebenso widmet er sich Neben-Redeteilen, abstrakten und konkreten Ausdrücken und diskutiert Mittel, mit denen Missverständnisse verringert werden können. So verbindet sich eine Theorie des Geistes mit einer Theorie der Zeichen: Denken und Sprechen werden gemeinsam als Werkzeuge der Erkenntnis sichtbar.

Im vierten Buch behandelt Locke Wissen und Meinen. Er erörtert Grade und Umfang des Wissens, fragt nach seiner Wirklichkeit und nach der Wahrheit allgemeiner Sätze, und unterscheidet sorgfältig zwischen Gewissheit, Wahrscheinlichkeit und Zustimmung. Dazu kommen Themen wie Grundsätze, nutzlose Sätze, unser Wissen vom Dasein, die Rolle der Vernunft, das Verhältnis von Glauben und Vernunft, die Gefahr der Schwärmerei, Irrtum und die Einteilung der Wissenschaften. Diese Architektur zeigt den pragmatischen Zug seines Denkens: Erkenntnis ist nicht grenzenlos, aber sie lässt sich methodisch ordnen, begründen und in ihrem jeweiligen Geltungsbereich sinnvoll verwenden.

Die „Gedanken über Erziehung“ knüpfen an diese Grundlegung an und richten den Blick auf die Formung des Charakters. Gesundheit, geistige Bildung, Züchtigung, Belohnung, Maß der Regeln, Hausunterricht, verzeihliche und strafwürdige Fehler, die Auswahl eines Erziehers, Vertraulichkeit, Eigenart der Kinder und der Umgang mit Willen, Furcht, Wissbegierde und Gleichgültigkeit werden bedacht. Themen wie Spielsachen, Lügen, Verehrung des höchsten Wesens, Klugheit, Lebensart, Unterricht, körperliche Geschicklichkeiten, kaufmännisches Rechnen, Buchführen und Reisen zeigen, wie Erziehung bei Locke zu vernünftiger Selbstführung, Sittlichkeit und urteilsfähiger Praxis hinlenkt.

Stilistisch zeichnet Locke Klarheit, Mäßigung und begriffliche Sorgfalt aus. Er vermeidet unnötige Fachsprache, sondiert stattdessen alltägliche Erfahrungen und legt definitorische Arbeit offen. Die Argumentation schreitet schrittweise voran: Begriffe werden geklärt, Einwände erwogen, Folgerungen begrenzt. Diese Prosa ist nicht ornamental, sondern dienstbar: Sie soll verständlich machen, ordnen, unterscheiden und Leitfäden geben. In dieser Disziplin der Darstellung liegt ein ethischer Anspruch: Dem Leser wird zugemutet, aufmerksam, selbstkritisch und methodisch zu denken – eine Praxis, die dem Inhalt seiner Philosophie angemessen entspricht.

Inhaltlich verbindet die Sammlung zentrale Themen: die Herkunft aller Vorstellungen aus Erfahrung und Selbstwahrnehmung, die Prüfung vermeintlich angeborener Grundsätze, die Einsicht in die Macht und die Tücken der Sprache, die Abstufungen der Zustimmung bei unsicherer Evidenz sowie die Rolle der Gewohnheit in Erkenntnis und Bildung. Ein Kapitel über Dieselbigkeit und Verschiedenheit zeigt die Sorgfalt, mit der Identitätsfragen behandelt werden. Durchgängig tritt der Wille, Dogmatismus zu vermeiden, zutage. Stattdessen werden Kriterien geboten, um zwischen deutlichen und verworrenen, wahren und falschen, angemessenen und unangemessenen Vorstellungen zu unterscheiden.

Die anhaltende Bedeutung dieser Schriften zeigt sich in ihrer methodischen Nüchternheit und in ihrer praktischen Ausrichtung. Sie haben Maßstäbe gesetzt für die Untersuchung von Erkenntnisansprüchen, für den reflektierten Gebrauch der Sprache und für eine Erziehung, die Tugend, Urteilskraft und Selbstbeherrschung fördert. Zugleich sind sie anschlussfähig für gegenwärtige Debatten über Wahrnehmung, Begriffsbildung, Argumentation und pädagogische Methodik. Der Leser findet hier keine fertigen Systeme, sondern Werkzeuge: Prüfsteine für Begriffe, Richtschnüre für Begründungen und Hinweise darauf, wie man mit Ungewissheit vernünftig umgeht.

Die Edition folgt der inneren Gliederung des „Versuchs“ in vier Bücher mit thematisch gegliederten Kapiteln und bietet mit Widmung und „Brief an den Leser“ eine Orientierung über Ziel und Verfahren. Die detaillierte Kapiteleinteilung – von einfachen Vorstellungen bis zu komplexen Beziehungen und Fragen des Wissens – erleichtert die Navigation durch das Werk und macht die argumentative Progression nachvollziehbar. Zusammen mit den „Gedanken über Erziehung“ entsteht ein abgerundetes Bild: Erkenntnistheorie, Sprachreflexion und Bildungskunst erscheinen als komplementäre Zugänge zu derselben Frage nach der Leistungsfähigkeit und Formbarkeit des menschlichen Geistes.

Diese Haupteinleitung lädt dazu ein, die Schriften sowohl sukzessiv als auch vergleichend zu lesen. Wer zuerst die Grundbegriffe und die Methode im „Versuch“ verfolgt, wird in den „Gedanken über Erziehung“ deren praktische Konsequenzen wiedererkennen. Umgekehrt erhellen pädagogische Beispiele die theoretischen Analysen zur Gewohnheit, zur Sprache und zur Zustimmung. Der Band richtet sich an Einsteigerinnen und Einsteiger ebenso wie an Fortgeschrittene: Er bietet Orientierung, ohne die argumentative Arbeit zu ersparen, und empfiehlt eine Lektüre, die die eigene Urteilskraft ausbildet – im Sinne der Philosophie des Geistes, die hier entfaltet wird.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

John Locke (1632–1704) war ein englischer Philosoph der Frühaufklärung, dessen Denken die neuzeitliche Erkenntnistheorie, Sprachreflexion und Pädagogik nachhaltig prägte. Als Hauptvertreter des Empirismus insistierte er darauf, dass Wissen aus Erfahrung stammt und nur schrittweise abgesichert werden kann. Sein Hauptwerk Ein Versuch über den menschlichen Verstand und die späteren Gedanken über Erziehung setzten Maßstäbe für Methode, Begriffsarbeit und praktische Bildung. In einer Epoche intensiver politischer und religiöser Spannungen entwickelte Locke eine nüchterne, argumentativ disziplinierte Philosophie, die Autoritätsansprüche kritisch prüfte und zugleich die Grenzen des Wissens betonte. Seine Texte zeichnet eine klare Gliederung, argumentative Transparenz und terminologische Sorgfalt aus.

Locke wurde in Oxford ausgebildet, wo er sich zunächst mit klassischer Logik und Scholastik auseinandersetzte, zugleich aber der experimentellen Naturforschung zuneigte. Der Austausch mit Gelehrtenkreisen um Robert Boyle und die Nähe zur Medizin – unter anderem durch die Zusammenarbeit mit dem Arzt Thomas Sydenham – schärften seinen Sinn für Beobachtung, induktive Vorsicht und methodische Bescheidenheit. Reisen nach Frankreich und später Aufenthalte in den Niederlanden erweiterten seinen Horizont, konfrontierten ihn mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Praktiken und religiösen Milieus und festigten sein Interesse an Sprachgebrauch, Toleranz und praktischer Vernunft. Diese Erfahrungen bilden den Hintergrund der langsamen Ausarbeitung seines erkenntnistheoretischen Programms.

Der Ein Versuch über den menschlichen Verstand entstand aus Diskussionszusammenhängen, wuchs über viele Jahre und erschien 1690 in einer ersten Ausgabe, begleitet von Widmung und Ein Brief an den Leser. Das Werk gliedert sich in vier Bücher: über angeborne Begriffe, über die Vorstellungen, über die Worte sowie über Wissen und Meinen. Ziel ist eine nüchterne Bestandsaufnahme der Quellen, Reichweiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis. Locke ersetzt spekulative Grundannahmen durch eine Analyse der Ideenbildung, des Sprachgebrauchs und der Begründungsformen. Die sorgfältige systematische Ordnung – von Einleitungen bis zu thematisch fokussierten Kapiteln – soll Verständlichkeit sichern und methodische Disziplin einüben.

Im Ersten Buch bestreitet Locke die Existenz angeborener theoretischer oder praktischer Grundsätze und begründet dies mit entwicklungspsychologischen und begrifflichen Überlegungen. Das Zweite Buch entfaltet eine positive Theorie der Vorstellungen: einfache Vorstellungen entstammen Sinnes- und Selbstwahrnehmung; aus ihnen werden zusammengesetzte Vorstellungen gebildet. Kapitel wie Von den einfachen Vorstellungen, Von dem Wahrnehmen, Von dem Behalten und Von den zusammengesetzten Vorstellungen strukturieren die Analyse der geistigen Tätigkeiten. Locke behandelt zudem Zahl, Unendlichkeit, Kraft sowie Die Dieselbigkeit und Verschiedenheit. Leitend ist stets der Anspruch, die Entstehung komplexer Begriffe strikt aus einfachen, erfahrungsbasierten Bausteinen und ihren Verknüpfungen zu erklären.

Das Dritte Buch, Ueber die Worte, verbindet Erkenntnistheorie mit Sprachreflexion. Locke untersucht Bedeutung, allgemeine Ausdrücke, Namen von Substanzen und Neben-Redetheile und legt die Unvollkommenheit der Worte offen. Er warnt vor dem Missbrauche der Worte, der Scheinklarheit erzeugt, und schlägt Mittel gegen terminologische Verwirrung vor, darunter definitorische Sorgfalt, Kontextangaben und die Rückbindung an einfache Vorstellungen. Die Kapitel Von der Bedeutung der Worte, Von allgemeinen Ausdrücken sowie Von abstrakten und konkreten Ausdrücken zeigen, wie sprachliche Konventionen Erkenntniswege eröffnen, aber auch verstellen können. Damit begründet Locke eine dauerhafte Verbindung von Sprachkritik und empirischer Methodik.

Im Vierten Buch, Ueber Wissen und Meinen, differenziert Locke zwischen Wissen, Meinung und Wahrscheinlichkeit. Er erläutert Grade des Wissens, Wahrheitskriterien und den Umfang des menschlichen Wissens, prüft unser Wissen vom Dasein, einschließlich des Daseins Gottes, und diskutiert Beweisformen der Vernunft. Zugleich betont er Grenzen: Vieles bleibt wahrscheinlich; Zustimmung hat Grade; Enthusiasmus ersetzt keine Gründe. Kapitel wie Von der Wahrscheinlichkeit, Von den Graden des Zustimmens, Von der Vernunft sowie Ueber Glauben und Vernunft markieren eine ausbalancierte Epistemologie, die Gewissheit dort sucht, wo sie erreichbar ist, und ansonsten methodische Vorsicht, argumentative Fairness und fortlaufende Prüfung fordert.

Die Gedanken über Erziehung übertragen Lockes Erfahrungsorientierung auf die Praxis: Gesundheit, Gewöhnung, maßvolle Züchtigung, kluge Belohnungen und die Pflege von Wißbegierde und Charakter bilden den Kern. Er rät zu wenigen, konsistent angewandten Regeln, zu Artigkeit und feiner Lebensart, zu elementarer Ökonomie- und Rechenpraxis sowie zum Reisen als Bildungserfahrung. Viele Abschnitte – von der Bildung des Geistes über den Unterricht bis zu den körperlichen Geschicklichkeiten – unterstreichen Tugend, Selbstbeherrschung und praktische Urteilskraft. In seinen späteren Jahren überarbeitete Locke seine Schriften und blieb ein einflussreicher Gesprächspartner. Sein Vermächtnis prägt bis heute Philosophie, Pädagogik und die reflektierte Nutzung von Sprache und Erfahrung.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

John Locke (1632–1704) verfasste seine Hauptwerke in einer Epoche tiefgreifender politischer, religiöser und wissenschaftlicher Umbrüche im England des 17. Jahrhunderts. Die in der Sammlung unter dem Titel Die Philosophie des Geistes vereinten Schriften spiegeln diese Konjunkturen wider: den empiristischen Neuansatz des Essay concerning Human Understanding (1690) und die praxisorientierte Programmatik der Gedanken über Erziehung (1693). Sie nehmen ihren Platz zwischen Späthumanismus, dem Niedergang der Scholastik und dem Aufstieg der experimentellen Naturforschung ein. Lockes Projekt zielte darauf, den Umfang und die Grenzen des menschlichen Erkennens zu bestimmen, um wissenschaftliche, religiöse und politische Streitfragen methodisch zu ordnen und zu befrieden.

Lockes Lebensweg war eng mit den Konflikten der Stuart-Monarchie, der Restauration von 1660, der Exclusion Crisis (1679–1681) und der Glorious Revolution (1688/89) verknüpft. Als enger Mitarbeiter des Whig-Politikers Anthony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury, erlebte er Verfolgung und Exil in den Niederlanden. Die Rückkehr nach 1689 fiel mit einer Phase verfassungsmäßiger Neuordnung zusammen, in der Fragen der Toleranz, der Legitimität politischer Macht und der Rolle des Gewissens neu verhandelt wurden. Der Essay und sein Begleitapparat (Widmung, Brief an den Leser) positionieren sich als erkenntnistheoretische Grundlage dieses moderaten, reformorientierten Programms.

Die intellektuelle Bühne wurde von der Scientific Revolution geprägt. Baconianische Methodik, die Experimente Robert Boyles, die Arbeiten Isaac Newtons sowie die Aktivitäten der Royal Society (Locke wurde 1668 Fellow) stützten eine Kultur der Beobachtung, Messung und vorsichtigen Hypothesenbildung. Instrumente wie Mikroskop und Lupe erweiterten die Reichweite der Sinne und lieferten Anschauungsmaterial für Lockes Lehre von einfachen und zusammengesetzten Vorstellungen. Die Abkehr von scholastischen Substanzscholien hin zu einer korpuskular-mechanischen Sicht der Natur bildet den wissenschaftlichen Hintergrund, vor dem Kapitel über Dichtheit, Kraft oder Ursache und Wirkung verständlich werden.

Ein Kernziel des ersten Buches des Essay ist die Kritik an der Lehre von angeborenen Ideen und Grundsätzen. Damit widersprach Locke sowohl der spätmittelalterlichen Schulmetaphysik als auch Spielarten des Cartesianismus. Seine Zurückweisung einer angeborenen Moral oder Logik war nicht bloß theoretisch: Sie sollte religiöse und politische Dogmen auf ihren Beweisgang verpflichten. Das Plädoyer, Urteile auf Erfahrung und methodisch geprüfte Gründe zu stützen, fügt sich in die Bemühungen um eine zivil moderate Kultur ein, die Autorität nicht aus Herkunft, sondern aus nachvollziehbarer Evidenz und offenem Diskurs bezieht.

Das zweite Buch des Essay bestimmt die Quellen aller Vorstellungen in Erfahrung: Sinneswahrnehmung und Selbstwahrnehmung (sensation und reflection). Diese These reagiert auf neue Naturpraktiken, in denen Messung, Vergleich und Wiederholbarkeit zur Leitwährung wurden. Die Unterscheidung primärer und sekundärer Qualitäten – Gestalt, Ausdehnung und Zahl gegenüber Farbe, Klang oder Geschmack – knüpft an die korpuskularische Physik an und verband erkenntnistheoretische mit naturkundlichen Diskussionen. Debatten über Raum, Dauer, Zahl und Unendlichkeit erhielten in diesem Rahmen ein Erfahrungsprofil, das philosophische und mathematische Überlegungen in Beziehung setzte, ohne metaphysische Spekulation zu überdehnen.

Mit dem dritten Buch verlegte Locke die Aufmerksamkeit auf Sprache und Bedeutung. In gelehrten und politischen Streitkulturen des 17. Jahrhunderts galt die Unschärfe von Begriffen als Hauptquelle von Verwirrung. Lockes Analysen zu allgemeinen Ausdrücken, zu Namen von Substanzen sowie zum Missbrauch der Worte stehen im Kontext von Lexikographie, Reformprojekten der Logik und juristischer Begriffsklärung. Seine Unterscheidung zwischen nominalen und realen Wesenheiten erklärt, warum Klassifikationen in Naturkunde und Alltagsgebrauch auseinanderfallen können. So entstand eine frühe, wirkmächtige Semantik des Gebrauchs, die spätere Debatten über Definition, Referenz und Terminologie vorbereitete.

Das vierte Buch behandelt Wissen, Wahrheitskriterien und Wahrscheinlichkeit. Hier reagiert Locke auf eine Öffentlichkeit, in der Handel, Rechtsprechung und Naturforschung Entscheidungen unter Unsicherheit verlangten. Die Rede von Graden des Zustimmens, von Meinen und Beweisen, adressiert politische Beratung, theologische Streitfragen und wissenschaftliche Kontroversen zugleich. In einer Kultur des Drucks, der Kaffeehäuser und gelehrten Journale wurde das Abwägen von Evidenz zu einer sozialen Tugend. Lockes Programm sollte dem Dogmatismus Grenzen setzen, ohne skeptische Lähmung zu fördern: Ein organisiertes Management von Gewissheit, Plausibilität und Irrtum sollte vernünftige Praxis ermöglichen.

Die religiöse Dimension seiner Epistemologie zielte auf Mäßigung: Locke beharrte auf der Geltung rationaler Prüfung in Glaubensdingen und grenzte Enthusiasmus ab, ohne das Christentum zu desavouieren. Seine Überlegungen zur Existenz Gottes im Essay stehen im Horizont konfessioneller Konflikte, der Toleranzdebatten und der Suche nach gemeinschaftsfähigen Minimalüberzeugungen. Das Anliegen, Offenbarung und Vernunft zu unterscheiden, diente als Bollwerk gegen politische Instrumentalisierung von Dogmen. Damit verband sich das Ideal einer bürgerlichen Ordnung, die religiöse Vielfalt duldet, solange öffentliche Ruhe und Gewissensfreiheit gewahrt bleiben.

Die Gedanken über Erziehung entstanden aus brieflicher Beratungspraxis, insbesondere in der Auseinandersetzung mit elterlichen Fragen im Umfeld Edward Clarkes und des Hauses Shaftesbury. Sie richten sich an eine Schicht von Gutsbesitzern, Berufseliten und Beamten, die eine am Gemeinwohl orientierte, disziplinierte Lebensführung anstrebte. Gesundheitspflege, Charakterbildung und nützliche Kenntnisse wurden als zusammenhängende Aufgabe begriffen. Diese Schrift reagiert auf veränderte Anforderungen einer kommerziell und administrativ verdichteten Gesellschaft, in der Gewohnheit, Selbstkontrolle und praktische Urteilskraft als Voraussetzungen vernünftiger Freiheit galten.

Lockes Erziehungsdenken bevorzugte eine Pädagogik der Gewöhnung und der vernünftigen Überzeugung gegenüber bloßer Strafe. Mäßigung, Belohnungen und gezielte Korrekturen sollten die Eigenart des Kindes berücksichtigen, zugleich seine Willensbildung schulen. Vorschläge zu Körperertüchtigung, Sprachen und Alltagsfertigkeiten entsprachen dem Nutzenideal einer entstehenden bürgerlichen Kultur. Zugleich zeigt die Schrift ihre zeitgebundenen Grenzen: Sie adressiert primär Knaben der höheren Stände und spiegelt Vorannahmen über Geschlechterrollen und häusliche Betreuung. In der Rezeption wurden sowohl die Humanität der Methode als auch ihre sozialen Exklusivitäten herausgearbeitet.

Lockes Laufbahn als Verwaltungsfachmann und Berater verband ihn mit atlantischen und kolonialen Zusammenhängen. Als Sekretär der Lords Proprietors wirkte er in den 1660er Jahren an den Fundamental Constitutions of Carolina mit, die auch Sklaverei regelten. Später war er im Board of Trade tätig. Diese Verflechtungen prägten die zeitgenössische Debatte über Eigentum, Arbeit und politische Zugehörigkeit. In der Nachgeschichte wurden seine Ideen zu Freiheit und Eigentum daher auch im Lichte kolonialer Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse diskutiert. Die Sammlung erlaubt es, diese Spannungen zwischen universalistischen Ansprüchen und imperialen Realitäten historisch einzuordnen.

Die frühe Rezeption des Essay war kontrovers. Bischof Edward Stillingfleet kritisierte Lockes Lehre von Substanz und Person wegen vermeintlicher Gefährdung trinitarischer Dogmen; Locke antwortete in mehrfachen Verteidigungsschriften. Diese Auseinandersetzung verweist auf die prekäre Balance zwischen theologischer Orthopraxie und erkenntnistheoretischer Sparsamkeit. Dennoch setzte sich der Essay in gelehrten Kreisen durch und wurde in mehreren Auflagen verbreitet. Sein methodischer Minimalismus – nicht mehr zu behaupten, als die Erfahrung trägt – verschaffte ihm Ansehen bei Naturforschern, Juristen und Pädagogen, die nach verlässlichen, intersubjektiv prüfbaren Begründungen suchten.

Auf dem Kontinent fand Locke rasch Resonanz. In Frankreich griffen Autoren der Aufklärung seine Sprach- und Erkenntnislehre auf; Étienne Bonnot de Condillac radikalisierte den Sensualismus. Voltaire popularisierte Lockes Skepsis gegenüber angeborenen Ideen. Leibniz schrieb als Antwort die Nouveaux essais sur l’entendement humain (1704), die erst 1765 erschienen und eine vermittelnde Rationalismusvariante entwarfen. Diese internationale Debatte machte den Essay zum Bezugspunkt für Fragen nach Ursprung, Umfang und Gewissheit des Wissens. Übersetzungen zirkulierten in gelehrten Netzwerken der Niederlande, Frankreichs und des Heiligen Römischen Reiches.

Im britisch-irischen Raum wurde Locke zur Ausgangsfigur rivalisierender Programme. George Berkeley kritisierte die Annahme materialer Substanz und vertiefte die Analyse sekundärer Qualitäten. David Hume radikalisierte den Empirismus zu einer Theorie der Assoziation und der Gewohnheit, die Kausalität naturalisierte. Gleichzeitig etablierte sich eine Tradition des Common Sense (Reid), die Lockes Psychologie revidierte, ohne sein Anti-Dogmatismus-Ideal aufzugeben. Diese Stränge verbanden sich mit aufkommender politischer Ökonomie und Moralphilosophie zu einer praktischen Wissenschaft des Menschen, die Erziehung, Recht und Politik neu ausrichtete.

In den deutschen Ländern wirkten Lockes Schriften über Halle und die Wolffsche Schulphilosophie in den Kanon ein; Thomasius nutzte ihre antischolastische Stoßrichtung. Kant setzte sich im Rahmen seiner Kritiken mit empiristischen Positionen auseinander und diskutierte Lockes Sprach- und Erkenntnisprobleme im Lichte transzendentaler Fragestellungen. Pädagogische Kreise der Aufklärung, einschließlich der Philanthropinisten, griffen Lockes Einsichten zu Gewohnheitsbildung, Anschaulichkeit und Nützlichkeit des Unterrichts auf. Deutschsprachige Übersetzungen seit dem 18. Jahrhundert vermittelten diese Wirkung und rahmten das Bild eines nüchternen, methodischen Empirismus.

Die Assoziationslehre des Essay, besonders die Überlegungen zur Vergesellschaftung der Vorstellungen, beeinflusste die entstehende Psychologie. Über David Hartley und die britischen Empiristen gelangten lockeanische Motive in die Debatten des 19. Jahrhunderts, etwa bei John Stuart Mill. In Deutschland wurden Elemente in herbartscher Pädagogik und in Diskussionen der experimentellen Psychologie rezipiert, die mit Wundts Laborgründung 1879 institutionelle Form erhielt. Auch die Sprachkritik fand Nachhall in Logik und Semantik. So bildete die Sammlung eine Brücke von frühneuzeitlichen Erkenntnisfragen zu modernen Human- und Sozialwissenschaften.

Die Gliederung des Essay in vier Bücher reagiert auf jeweils spezifische Problemfronten der Zeit: Widerlegung angeblich angeborener Prinzipien, Analyse der Erfahrungsquellen, Klärung sprachlicher Verwirrungen und Operationalisierung von Wissen. Diese Architektur entspricht dem Ziel, Gelehrsamkeit von scholastischen Autoritäten auf methodisch kontrollierte Erfahrung umzustellen. In diesem Sinn war Lockes Projekt nicht nur erkenntnistheoretisch, sondern auch politisch: Es demokratisierte die Beweislast, förderte kollektive Prüfpraktiken und stellte die Vernünftigkeit als Tugend der bürgerlichen Gesellschaft heraus, die religiöse Vielfalt und wissenschaftliche Innovation zugleich integrieren sollte. Die Sammlung dokumentiert diese Programmatik exemplarisch, ohne Systemzwang zu behaupten, wo Erfahrung fehlt.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Ein Versuch über den menschlichen Verstand – Paratexte (Widmung, Brief an den Leser)

Locke umreißt Programm und Methode: die Fähigkeiten des menschlichen Geistes anhand von Erfahrung und nüchterner Selbstbeobachtung zu prüfen, statt auf Autorität oder Scholastik zu bauen. Er betont die begrenzte, aber belastbare Reichweite des Verstandes und kündigt eine Untersuchung der Begriffsbildung, der Sprache und der Grenzen des Wissens an.

Ein Versuch über den menschlichen Verstand – Buch I: Über angeborne Begriffe

Locke bestreitet, dass es angeborene theoretische oder praktische Grundsätze gibt, und erklärt ihre scheinbare Allgemeinheit durch Erziehung, Gewohnheit und Sprachgebrauch. Der Ton ist kontrovers, aber methodisch: Er setzt auf Belege aus Erfahrung und verweist auf die Vielfalt menschlicher Urteile.

Ein Versuch über den menschlichen Verstand – Buch II: Von den Vorstellungen

Alle Vorstellungen stammen aus Sinneswahrnehmung und Selbstwahrnehmung; aus einfachen Ideen bildet der Geist komplexe Gebilde wie Modi, Substanzen und Relationen. Locke analysiert Grundbegriffe wie Raum, Dauer, Zahl, Unendlichkeit, Identität, Ursache/Wirkung, Macht sowie Lust/Schmerz und behandelt die Rolle der Assoziation von Ideen. Der Fokus liegt auf präziser Begriffsunterscheidung und der schrittweisen Genese geistiger Inhalte.

Ein Versuch über den menschlichen Verstand – Buch III: Über die Worte

Worte sind Zeichen von Ideen, und die Bildung allgemeiner Ausdrücke beruht auf Abstraktion. Locke zeigt Unvollkommenheiten und Missbräuche der Sprache auf – etwa Unschärfe, Mehrdeutigkeit und rhetorische Irreführung – und skizziert Mittel dagegen wie klare Definitionen und konsistenten Gebrauch. Die Untersuchung verbindet Semantik mit erkenntnistheoretischer Vorsicht.

Ein Versuch über den menschlichen Verstand – Buch IV: Über Wissen und Meinen

Locke unterscheidet Grade und Reichweite des Wissens (intuitiv, demonstrativ, sensitiv) und bestimmt dessen Grenzen gegenüber Wahrscheinlichkeit und Meinung. Er behandelt Wahrheit, Prinzipien, den Erkenntnisstand zu Gott, uns selbst und äußeren Dingen, sowie den rechten Umgang mit Vernunft, Glauben, Begeisterung und Irrtum. Abschließend ordnet er die Wissenschaften nach ihren Gegenständen und Methoden.

Gedanken über Erziehung

Das Werk entwirft eine praxisnahe Erziehungskonzeption, die Gesundheit, Charakterbildung und vernünftige Selbstbeherrschung in den Vordergrund stellt. Locke plädiert für wenige, konsequent angewandte Regeln, maßvolle Züchtigung, kluge Belohnungen und die Lenkung kindlicher Neugier statt Zwang.

Ziel ist tugendhafte Klugheit, Aufrichtigkeit und gesellschaftliche Gewandtheit, ergänzt um zweckmäßigen Unterricht und körperliche Fertigkeiten. Elternnähe, individuelle Anlage der Kinder, frühe Gewöhnung an Anstrengung sowie nützliche Kenntnisse wie Rechnen, Buchführung und Reisen unterstreichen den lebenspraktischen Ton.

Übergreifende Themen und Stil

Empirismus, Anti-Innatismus und Sprachkritik bilden den Kern: Erkenntnis erwächst aus Erfahrung, wird begrifflich geklärt und durch sprachliche Präzision gegen Scheinprobleme abgesichert. Der Stil ist nüchtern, systematisch und didaktisch, mit Misstrauen gegenüber spekulativer Metaphysik und Sensibilität für psychologische Mechanismen wie Assoziation und Gewohnheit.

Die beiden Werke verbinden Theorie und Praxis: Die Analyse von Ideen, Sprache und Wissen liefert das Fundament, während die Erziehungsschrift die ethisch-praktische Ausrichtung betont. Wiederkehrend sind Maß, Klarheit, Selbstprüfung und das Ziel, vernünftige Zustimmung statt blinden Glaubens zu kultivieren.

Die Philosophie des Geistes

Hauptinhaltsverzeichnis
Ein Versuch über den menschlichen Verstand
Widmung
Ein Brief an den Leser
Erstes Buch. Ueber angeborne Begriffe
Erstes Kapitel. Einleitung
Zweites Kapitel. Es giebt keine angebornen Grundsätze in der Seele
Drittes Kapitel. Es giebt keine angebornen praktischen Grundsätze
Viertes Kapitel. Fernere Betrachtungen über angeborne theoretische und praktische Grundsätze
Zweites Buch. Von den Vorstellungen
Erstes Kapitel. Von den Vorstellungen im Allgemeinen und deren Ursprunge
Zweites Kapitel. Von den einfachen Vorstellungen
Drittes Kapitel. Von den Vorstellungen eines Sinnes
Viertes Kapitel. Ueber die Dichtheit
Fünftes Kapitel. Die mehreren Sinnen angehörenden einfachen Vorstellungen
Sechstes Kapitel. Von den einfachen Vorstellungen der Selbstwahrnehmung
Siebentes Kapitel. Von den einfachen Vorstellungen der Sinnes- und Selbst-Wahrnehmung
Achtes Kapitel. Einige weitere Betrachtungen über die einfachen Vorstellungen
Neuntes Kapitel. Von dem Wahrnehmen
Zehntes Kapitel. Von dem Behalten
Elftes Kapitel. Von dem Unterscheiden und andern Thätigkeiten des Verstandes
Zwölftes Kapitel. Von den zusammengesetzten Vorstellungen
Dreizehntes Kapitel. Von einfachen Zuständen und zunächst von denen des Raumes
Vierzehntes Kapitel. Von der Dauer und ihren einfachen Zuständen
Fünfzehntes Kapitel. Von der Dauer und Ausdehnung, beide gemeinsam betrachtet
Sechzehntes Kapitel. Von der Zahl
Siebzehntes Kapitel. Von der Unendlichkeit
Achtzehntes Kapitel. Von andern einfachen Besonderungen
Neunzehntes Kapitel. Von den Zuständen des Denkens
Zwanzigstes Kapitel. Die Besonderungen der Lust und des Schmerzes
Einundzwanzigstes Kapitel. Von der Kraft
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Von gemischten Zuständen
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Ueber die zusammengesetzten Vorstellungen von Substanzen
Vierundzwanzigstes Kapitel. Ueber die Sammel-Vorstellungen von Substanzen
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Von den Beziehungen
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Ueber Ursache und Wirkung und andere Beziehungen
Siebenundzwanzigstes Kapitel. Von der Dieselbigkeit und Verschiedenheit
Achtundzwanzigstes Kapitel. Von andern Beziehungen
Neunundzwanzigstes Kapitel. Ueber klare und dunkle, deutliche und verworrene Vorstellungen
Dreissigstes Kapitel. Von wirklichen und eingebildeten Vorstellungen
Einunddreissigstes Kapitel. Von entsprechenden und nicht entsprechenden Vorstellungen
Zweiunddreissigstes Kapitel. Von den wahren und falschen Vorstellungen
Dreiunddreissigstes Kapitel. Von der Vergesellschaftung der Vorstellungen
Drittes Buch. Ueber die Worte
Erstes Kapitel. Von den Worten und der Sprache im Allgemeinen
Zweites Kapitel. Von der Bedeutung der Worte
Drittes Kapitel. Von allgemeinen Ausdrücken
Viertes Kapitel. Von den Worten für einfache Vorstellungen
Fünftes Kapitel. Von den Worten für gemischte Zustände und für die Beziehungen
Sechstes Kapitel. Ueber die Namen von Substanzen
Siebentes Kapitel. Von den Neben-Redetheilen
Achtes Kapitel. Von abstrakten und konkreten Ausdrücken
Neuntes Kapitel. Von der Unvollkommenheit der Worte
Zehntes Kapitel. Von dem Missbrauche der Worte
Elftes Kapitel. Ueber die Mittel gegen die erwähnten Unvollkommenheiten und Missbräuche der Sprache
Viertes Buch. Ueber Wissen und Meinen
Erstes Kapitel. Vom Wissen im Allgemeinen
Zweites Kapitel. Von den Graden unsers Wissens
Drittes Kapitel. Von dem Umfange des menschlichen Wissens
Viertes Kapitel. Von der Wirklichkeit des Wissens
Fünftes Kapitel. Von der Wahrheit im Allgemeinen
Sechstes Kapitel. Von den allgemeinen Sätzen, ihrer Wahrheit und Gewissheit
Siebentes Kapitel. Von den Grundsätzen
Achtes Kapitel. Von nutzlosen Sätzen
Neuntes Kapitel. Unser Wissen vom Dasein
Zehntes Kapitel. Unser Wissen von dem Dasein Gottes
Elftes Kapitel. Unser Wissen von dem Dasein anderer Dinge
Zwölftes Kapitel. Von der Vermehrung des Wissens
Dreizehntes Kapitel. Noch einige weitere Betrachtungen über unser Wissen
Vierzehntes Kapitel. Von der Meinung
Funfzehntes Kapitel. Von der Wahrscheinlichkeit
Sechzehntes Kapitel. Von den Graden des Zustimmens
Siebzehntes Kapitel. Von der Vernunft
Achtzehntes Kapitel. Ueber Glauben und Vernunft, und ihre unterschiedenen Gebiete
Neunzehntes Kapitel. Ueber die Schwärmerei
Zwanzigstes Kapitel. Von der falschen Zustimmung oder dem Irrthume
Einundzwanzigstes Kapitel. Von der Eintheilung der Wissenschaften
Gedanken über Erziehung
Einleitung.
Erster Abschnitt. Von der Gesundheit.
Zweiter Abschnitt. Von der Bildung des Geistes.
Dritter Abschnitt. Von den Züchtigungen der Kinder.
Vierter Abschnitt. Von den Belohnungen bei der Erziehung.
Fünfter Abschnitt Man soll Kindern wenig Regeln geben. Methode, sie zu Beobachtung derselben anzuhalten.
Sechster Abschnitt. Sorgfalt für das Äußere der Kinder.
Siebenter Abschnitt. Von den Vorzügen der häuslichen Erziehung.
Achter Abschnitt. Von den verzeihlichen und strafwürdigen Fehlern der Jugend.
Neunter Abschnitt Von den Eigenschaften eines Erziehers.
Zehnter Abschnitt. Von der Vertraulichkeit der Eltern gegen die Kinder.
Elfter Abschnitt. Von der Eigenart der Kinder.
Zwölfter Abschnitt. Man muß den Kindern nicht zuviel Willen lassen.
Dreizehnter Abschnitt. Vom Weinen der Kinder.
Vierzehnter Abschnitt. Von der Furcht und Beherztheit der Kinder.
Fünfzehnter Abschnitt. Von der Neigung der Kinder zur Grausamkeit.
Sechzehnter Abschnitt. Von der Wißbegierde der Kinder.
Siebzehnter Abschnitt. Von der Gleichgültigkeit mancher Kinder gegen den Unterricht.
Achtzehnter Abschnitt. Man soll Kinder nicht zum Unterricht zwingen.
Neunzehnter Abschnitt. Von den Spielsachen der Kinder.
Zwanzigster Abschnitt. Vom Lügen der Kinder.
Einundzwanzigster Abschnitt. Von der Verehrung des höchsten Wesens als der Grundlage der Tugend.
Zweiundzwanzigster Abschnitt. Von der Klugheit.
Dreiundzwanzigster Abschnitt. Von der Artigkeit und feinen Lebensart.
Vierundzwanzigster Abschnitt. Vom Unterricht.
Fünfundzwanzigster Abschnitt. Von den körperlichen Geschicklichkeiten.
Sechsundzwanzigster Abschnitt. Vom kaufmännischen Rechnen und Buchführen.
Siebenundzwanzigster Abschnitt. Vom Reisen.
Beschluß.

Ein Versuch über den menschlichen Verstand

Inhaltsverzeichnis

Gleich wie du nicht weisst den Weg des Windes, und wie die Gebeine im Mutterleibe bereitet werden, also kannst du auch Gottes Werk nicht wissen, das er thut überall.

Prediger Salomo, Kap. 11, v. 5.

Wie schön ist es, lieber sein Nichtwissen einzugestehen, als Dergleichen herauszuschwätzen und sich selbst zu missfallen.

Cicero, Ueber die Natur der Götter, Buch I.

Widmung

Inhaltsverzeichnis

Dem Ehrenwerthen Thomas,Grafen von Pembroke u. Montgommery.

Mein Lord!

Diese Schrift ist unter Ihren Augen entstanden und wagt sich auf Ihr Geheiss in die Welt; sie kommt wegen des Schutzes, den Sie ihr vor mehreren Jahren zugesagt haben, in Folge eines gewissen natürlichen Rechts zu Ihnen. Es geschieht nicht, weil etwa ein dem Buche vorgesetzter Name, sei er auch noch so gross, die darin enthaltenen Fehler verdecken könnte; denn gedruckte Sachen müssen durch ihren eigenen Werth oder durch die Meinung der Leser stehen und fallen; indess kann die Wahrheit sich nichts Besseres wünschen, als einen vorurtheilsfreien Hörer, und diesen kann mir Niemand mehr als Eure Lordschaft gewähren, der, wie allbekannt, mit ihr bis in ihre geheimsten Tiefen vertraut geworden ist. Ihre Untersuchungen auf den höchsten und allgemeinsten Gebieten des Wissens sind, wie Jedermann anerkennt, weit über das gewöhnliche Bereich und über die bekannten Methoden hinausgegangen; deshalb wird Ihre Aufnahme dieser Schrift und Ihre Billigung meiner Absicht sie wenigstens davor bewahren, dass sie angelesen verdammt wird; vielmehr wird man dann sich zu einer Prüfung ihres Inhaltes entschliessen, während ohnedem sie vielleicht nicht der Beachtung werth gehalten worden wäre, weil sie von der betretenen Heerstrasse etwas abgeht.

Der Vorwurf der Neuheit gilt bei allen Denen als eine schwere Schuld, die den Kopf eines Menschen wie ihre Perücken beurtheilen; nämlich nach der Mode, und die nichts, als die angenommenen Lehren für wahr gelten lassen. Die Wahrheit hat bei ihrem ersten Erscheinen kaum je und irgendwo die Stimmen für sich gehabt; neue Meinungen gelten immer als verdächtig, und man widerspricht ihnen, blos weil sie noch nicht gemeingültig sind. Allein die Wahrheit bleibt gleich dem Golde nicht weniger sie selbst, weil sie frisch aus dem Schacht gehoben worden ist. Die Probe und Prüfung soll ihren Werth bestimmen, aber nicht eine alte Mode, und selbst wenn sie noch unter keinem öffentlichen Stempel umläuft, so kann sie trotzdem so alt sein, wie die Natur selbst, und ist sicherlich deshalb nicht weniger acht.

Eure Lordschaft könnte einen grossen und überzeugenden Beweis dazu liefern, wenn Sie das Publikum mit einigen von den weiten und umfassenden Entdeckungen erfreuen wollten, die Sie in Bezug auf bisher unbekannte Wahrheiten gemacht haben. Denn bisher sind es nur Wenige, denen Sie Etwas davon mitgetheilt haben. Dieser Grund allein genügte mir, auch wenn keine weiter vorhanden wären, Ew. Lordschaft diesen Versuch zu widmen. Sollte er mit den Theilen jenes hohen und weiten Systems der Wissenschaften übereinstimmen, von welchen Sie einen so neuen, genauen und lehrreichen Auszug gemacht haben, so ist es Ruhmes genug für mich, wenn Sie mir die öffentliche Erklärung gestatten, dass ich auf Gedanken gekommen bin, die von den Ihrigen nicht ganz abweichen. Sollte dies durch Ihre Ermuthigung der Welt bekannt werden, so wird dies hoffentlich Ew. Lordschaft selbst jetzt oder später weiter führen, und Sie gestatten mir zu sagen, dass Sie hier der Welt ein Angeld auf ein Werk geben, was, wenn sie es ertragen kann, deren Erwartungen nicht täuschen wird.

Dies zeigt, welches Geschenk ich Ihnen hier überreiche; genau ein solches, wie ein Armer es seinem reichen und grossen Nachbar giebt, der den Strauss von Blumen oder Früchten gern annimmt, obgleich er selbst eine Fülle davon in grösserer Vollkommenheit besitzt. Werthlose Dinge werden werthvoll, wenn sie als die Gaben der Ehrfurcht, Hochachtung und Dankbarkeit auftreten; diese Gefühle für Ew. Lordschaft zu hegen, baten Sie mir so gewichtigen und besondern Anlass gegeben, dass, wenn diese Gefühle einen ihrer Grösse entsprechenden Werth der sie begleitenden Gabe gewähren Könnten, ich in Wahrheit mich rühmen könnte, Ihnen das reichste Geschenk zu machen, was Sie je empfangen haben. Jedenfalls habe ich die Pflicht, jede Gelegenheit zum Anerkenntniss der langen Reihe von Gunstbezeugungen aufzusuchen, die ich von Ihnen empfangen habe; Gunstbezeugungen, die schon an sich gross und bedeutend, es doch weit mehr durch die Geneigtheit, Sorgfalt, Freundlichkeit und andere verbindliche Nebenumstände wurden, von denen sie stets begleitet waren. Zu Alledem sagen Sie, was denselben den höchsten Werth und Reiz giebt, dass Sie mich Ihrer fernem Achtung würdigen und mir Ihr Andenken, ich hätte beinah gesagt, Ihre Freundschaft bewahren wollen. Ihre Worte und Handlungen zeigen dies bei allen Gelegenheiten, selbst Andern, wenn ich nicht gegenwärtig bin; so dass ich ohne Eitelkeit es, sagen darf, da Jedermann es weiss; ja es würde unhöflich sein, wenn ich nicht anerkennen wollte, was so viele Zeugen und jeder Tag mir sagen, wie sehr ich Ew. Lordschaft dafür verpflichtet bin. Ich wollte, Ihre Worte könnten meiner Dankbarkeit so beistehen, wie sie mich von meinen grossen Verpflichtungen gegen Ew. Lordschaft überzeugen. Ich würde sicherlich über den Verstand schreiben, wenn ich auch keine Verpflichtungen hätte; allein ich bin durchdrungen von denselben und benutze diese Gelegenheit, um der Welt zu zeigen, wie sehr ich sein soll und bin

Mein Lord Eurer Herrlichkeit unterthänigster und gehorsamster DienerJohn Locke.

Dorset-Hof, den 24. Mai 1689.

Ein Brief an den Leser

Inhaltsverzeichnis

Lieber Leser!

Ich lege hier in Ihre Hand eine Arbeit, die mir in freien und schweren Stunden eine angenehme Zerstreuung gewährt hat; wenn sie so glücklich ist, auch Ihnen eine solche für einige Stunden zu gewähren, und wenn das Lesen der Schrift Ihnen nur halb so viel Vergnügen macht, als mir das Schreiben derselben, so dürfte Ihr Geld so wenig, wie meine Mühe schlecht angewendet sein. Nehmen Sie dies nicht als eine Empfehlung meines Werkes; weil mir seine Herstellung Freude gemacht hat, so glauben Sie deshalb nicht, dass ich nun, nachdem es fertig ist, ganz davon eingenommen wäre. Wer mit Falken die Lerchen und Sperlinge jagt, hat dasselbe Vergnügen, aber weniger Mühe, als Der, welcher die Falken zu edlerer Jagd verwendet, und man kennt den Gegenstand dieser Abhandlung, den Verstand, nur wenig, wenn man nicht weiss, dass er nicht blos das oberste Vermögen der Seele ist, sondern sein Gebrauch auch ein grösseres und beständigeres Vergnügen als alles Andere gewährt. Seine Forschungen nach Wahrheit sind eine Art Jagd, wo schon die Verfolgung allein einen grossen Theil des Vergnügens ausmacht. Jeder Schritt, den die Seele in ihrer Annäherung zu der Wissenschaft thut, führt zu einer Entdeckung, die, wenigstens zur Zeit, nicht blos neu, sondern auch die beste ist.

Der Verstand urtheilt, gleich dem Auge über die Gegenstände nur nach seinem eignen Gesicht; was er entdeckt, muss ihm deshalb Freude machen, und was ihm entgeht, kann ihn nicht betrüben, weil es ihm unbekannt bleibt. Wer sich über den Almosenkorb erhoben hat und nicht blos träge von den Brosamen erbettelter Meinungen lebt, sondern es unternimmt, durch eignes Denken die Wahrheit zu finden und zu verfolgen, wird (was er auch erlangt) die Zufriedenheit des Jägers empfinden; jeder Zeitpunkt in ihrer Verfolgung, wird seine Mühe mit einer Freude lohnen, und er wird mit Recht seine Zeit nicht für schlecht angewendet halten, selbst wenn er eben nichts Grosses erlangt haben sollte.

Dies, geehrter Leser, ist der Genuas Derer, welche ihre Gedanken loslassen und ihnen schreibend nachfolgen; Sie brauchen sie nicht zu beneiden, denn sie bieten Ihnen Gelegenheit zu gleichem Genuss, wenn Sie nur bei dem Lesen von Ihrem eigenen Denken auch Gebrauch machen wollen. Sind die Gedanken Ihre eignen, so nehme ich Bezug darauf; sind sie aber in Vertrauen von Andern angenommen, so kommt es auf sie wenig an, da sie nicht die Wahrheit, sondern niedrigere Absichten verfolgen, und man sich um das, was gesagt wird, nicht zu bekümmern braucht, wenn es blos Andern nachgesprochen wird. Wenn Sie selbst urtheilen, so weiss ich, dass Sie ehrlich urtheilen, und dann soll mich kein Tadel betrüben oder verletzen. Diese Abhandlung enthält allerdings nichts, von dessen Wahrheit ich nicht voll überzeugt wäre; allein ich kann mich doch irren, wie Sie, und ich weise, dass dieses Buch steht und fällt nicht nach der Meinung, die ich, sondern die Sie davon haben. Finden Sie wenig Neues und Belehrendes darin, so werden Sie mich deshalb nicht tadeln. Es ist nicht für Die bestimmt, welche den Gegenstand schon bemeistert haben und mit ihrem Verstande vollständig bekannt sind; sondern ich habe mich damit selbst und einige Freunde, die anerkannten, dass sie noch nicht genügend mit ihm bekannt seien, unterrichten wollen. Schickte es sich, Sie mit der Entstehung dieses Buches zu unterhalten, so wurde ich sagen, dass fünf bis sechs Freunde sich in meinem Zimmer einzufinden pflegten und bei der Besprechung ganz andrer Dinge, als die hier behandelten, sich bald durch Schwierigkeit gehemmt sahen, die von allem Seiten sich erhoben. Nachdem wir ins viel gemüht, und doch der Lösung der Zweifel, die uns bedrängten, nicht näher kamen, fiel mir ein, dass wir wohl einen falschen Weg eingeschlagen hätten, und dass vor Beginn solcher Untersuchungen man seine eignen Fähigkeiten prüfen und sehen müsste, welche Dinge sich zu einer Beschäftigung für den Verstand eignen. Ich sagte dies der Gesellschaft; man stimmte mir bei und beschloss, dies zuerst in Untersuchung zu nehmen. Einige Gedanken, die ich eilig und roh über diesen von mir bisher unbeachteten Gegenstand bei der nächsten Zusammenkunft vorbrachte, gaben den ersten Anlass zu der vorliegenden Untersuchung. So wurde das Werk aus Zufall begonnen und auf Bitten fortgesetzt; in einzelnen Stücken ohne Zusammenhang niedergeschrieben, und nach langen Pausen der Vernachlässigung wieder ausgenommen, wie es meine Stimmung oder die Umstände gestatteten; zuletzt wurde es an einem einsamen Ort, wohin ich meiner Gesundheit wegen mich zurückziehen musste, in seine gegenwärtige Ordnung gebracht.

Diese Unterbrechungen in der Abfassung vorliegender Schrift haben neben andern die beiden Fehler zur Folge gehabt, dass bald zu viel, bald zu wenig in ihr gesagt worden ist. Wenn der Leser finden sollte, dass Etwas fehlt, so werde ich mich freuen, dass das von mir Gegebene ihn wünschen lässt, ich möchte weiter gegangen sein; scheint es ihm aber zu viel, so trägt der Gegenstand die Schuld, denn als ich die Feder ansetzte, glaubte ich Alles über den Gegenstand auf einen Bogen bringen zu können; allein je weiter ich kam, desto grösser wurde die Aussicht; neue Entdeckungen führten mich immer weiter, und so ist das Buch unvermerkt zu seinem jetzigen Umfange angewachsen. Vielleicht hätte es gedrängter gehalten werden können; ja die stückweise und oft lange unterbrochene Abfassung desselben mag zu manchen Wiederholungen geführt haben. Indess bin ich jetzt, offen gestanden, theils zu träge, theils zu beschäftigt, um es abzukürzen.

Ich weiss wohl, dass ich meinen Ruhm wenig bedenke, wenn ich es so wissentlich mit einem Fehler in die Welt schicke, der den verständigen Lesern, die immer am eigensten sind, misfallen kann; allein wenn die Trägheit sich immer mit einer Entschuldigung zu beruhigen weiss, so wird man es verzeihen, wenn sie auch bei mir, der ich einen guten Theil davon besitze, die Überhand behalten hat. Ich erwähne deshalb nicht, dass derselbe Begriff vermöge seiner verschiedenen Beziehungen für den Beweis oder die Erläuterung verschiedener Theile einer Darstellung nothwendig oder nützlich werden kann, und dass dies hier mehrfach der Fall gewesen ist; indess will ich gern gestehen, dass ich oft aus einem ganz andern Grunde bei einem Gegenstande lange verweilt und ihn in verschiedener Weise ausgedrückt habe. Ich veröffentliche nämlich diesen Versuch nicht zur Belehrung von Männern von schneller Fassungskraft und weitem Blick; solchen Meistern gegenüber bin ich selbst nur ein Schüler, und ich warne sie deshalb im Voraus, dass sie hier nicht mehr erwarten, als was ich aus meinen eignen groben Gedanken gesponnen habe, und was für Leute meiner Art passt. Diesen ist es vielleicht nicht unangenehm, dass ich mir Mühe gegeben habe, manche Wahrheiten ihrem Denken fassbarer und vertrauter zu machen, welche durch herrschende Vorurtheile oder durch die grosse Allgemeinheit der Begriffe schwer fassbar sind. Manches musste nach allen Seiten gewendet werden, und sind Begriffe neu, wie es manche für mich gewesen, oder ungewöhnlich, wie es Andern scheinen wird, so genügt ein einfacher Blick nicht, um ihnen Eingang in Jedermanns Verstande zu verschaffen und sie da klar und dauernd einzuprägen. Mancher wird an sich selbst oder an Andern schon bemerkt haben, dass das, was bei der einen Art des Vertrags dunkel blieb, durch eine andere Art klar und verständlich wurde; obgleich hinterher beide Arten sich wenig unterschieden zeigten und es auffallen konnte, dass man die eine weniger, wie die ändere verstanden hatte. Indess macht nicht jede Sache den gleichen Eindruck auf Jedermann. Der Verstand ist bei dem Menschen ebenso verschieden, wie der Gaumen, und wer da glaubt, dass dieselbe Wahrheit bei Jedem in derselben Kleidung die gleiche Aufnahme finden müsse, müsste auch glauben, Jedermanns Geschmack mit derselben Art zu kochen treffen zu können. Das Gericht kann dasselbe und nahrhaft sein, und doch schmeckt es nicht Jedem gut, und selbst für eine starke Leibesverfassung muss es oft anders zubereitet werden, wenn es verzehrt werden soll. In Wahrheit haben Die, welche mir riethen, die Schrift zu veröffentlichen, auch deshalb gerathen, sie so, wie sie ist, zu veröffentlichen, und nun, nachdem ich sie einmal aus der Hand gegeben, möchte: ich wenigstens, dass sie auch von Jedem, der sie zu lesen sich die Mühe nimmt, verstanden würde. Ich selbst habe so wenig Gefallen an dem Gedrucktwerden, dass ich, wenn ich nicht erwartete, dieser Versuch werde Andern ähnlichen Nutzen wie mir selbst bringen, ihn nur den wenigen Freunden mitgetheilt haben würde, die ihn zunächst veranlasst hatten. Da ich also möchte, dass der Druck der Schrift soviel Nutzen, als möglich, brächte, so schien es mir nöthig, das, was ich zu sagen habe, für alle Arten von Lesern so laicht und fasslich als möglich zu machen. Deshalb will ich lieber, dass Leser von Scharfsinn und schneller Fassungskraft sich über meine Langweiligkeit bei einzelnen Punkten beklagen, als dass die, welche an schwierigen Untersuchungen nicht gewöhnt oder in Vorurtheilen befangen sind, meine Meinung missverstehen oder gar nicht verstehen.

Man tadelt es vielleicht als eine grosse Eitelkeit oder Dreistigkeit, wenn ich mir herausnehme, unser kluges Zeitalter zu belehren; denn darauf läuft es wohl hinaus, wenn ich hoffe, dass die Veröffentlichung dieses Versuches für Andere nützlich sein werde. Offen gestanden, scheint es mir indess mehr nach Eitelkeit oder Anmassung zu schmecken, wenn man mit erkünstelter Bescheidenheit seine eignen Schriften für werthlos erklärt, ab wenn man ein Buch aus einem andern Grunde veröffentlicht; denn es ist eine Verletzung der dem Publikum schuldigen Achtung, wenn man Bücher druckt, und deshalb auf Leser derselben hofft, obgleich sie nichts Nützliches für sich darin finden sollen. Sollte auch nichts Gutes in diesem Versuch enthalten sein, so war doch meine Absicht hierauf gerichtet, und diese gute Absicht mag die Werthlosigkeit des Geschenkes entschuldigen. Dies ist es auch, was mich trösten wird, im Fall die Kritiker mich tadeln sollten, was ich, da es bessern Schriftstellern so ergangen, wohl zu erwarten habe. Die Grundsätze, Begriffe und der Geschmack der Menschen sind so verschieden, dass man schwerlich ein Buch finden wird, was Allen gefällt oder Allen missfällt. Ich weiss, dass das jetzige Zeitalter nicht das schwächste an Wissen ist, und dass es deshalb nicht leicht zu befriedigen ist. Wenn ich nicht das Glück habe, zu gefallen, so braucht doch auch Niemand sich durch mich für beleidigt zu halten. Ich sage meinen Lesern offen, dass diese Abhandlung ursprünglich nicht für sie, ein Dutzend ohngefähr ausgenommen, bestimmt war, und dass sie nicht zu diesem Dutzend gehören. Will aber Einer darüber böse werden oder sich darüber lustig machen, so mag er es thun; ich selbst kann meine Zeit besser als zu solcher Unterhaltung anwenden. Ich habe wenigstens immer aufrichtig die Wahrheit und den Nutzen angestrebt, wenn auch vielleicht in sehr einfacher Weise. Die Gelehrtenwelt hat jetzt ihre grossen Baumeister, deren mächtige Unternehmen zur Beförderung der Wissenschaften der bewundernden Nachwelt bleibende Denkmäler überliefern werden; allein nicht Jeder kann ein Boyle oder ein Sydenham sein, und in einem Zeitalter, welches Meister wie den grossen Huygens und den unvergleichlichen Newton und einige Aehnliche erzeugt hat, gereicht es schon zur Ehre, wenn man als ein niederer Gehülfe den Boden ein wenig reinigt und den Schutt aus dem Wege des Wissens forträumt. Die Wissenschaften wären sicherlich schon weiter vorgeschritten, wenn die Bemühungen geistreicher und fleissiger Männer nicht so viel durch den gelehrten, aber nutzlosen Ballast sonderbarer, eitler oder unverständlicher Ausdrücke gehemmt gewesen wären, die in den Wissenschaften eingeführt und zu einer solchen Kunst erhoben worden sind, dass die Philosophie, die doch nur in der wahren Erkenntniss der Dinge besteht, in guter Gesellschaft und in der feinem Unterhaltung nicht mehr berührt und behandelt werden kann. Schwankende und bedeutungslose Ausdrucksweisen und Missbrauch der Sprache haben so lange für Geheimnisse der Wissenschaft gegolten; schwere und falsch angewendete Worte ohne Sinn haben so sehr das Recht erlangt, für tiefe Gelehrsamkeit und erhabenes Denken zu gelten, dass man jetzt weder den Redner noch die Zuhörer davon überzeugen kann, wie damit nur die Unwissenheit und die Hemmnisse des wahren Wissens verdeckt werden. Wenn ich in dieses Heiligthum von Eitelkeit und Unwissenheit einbreche, so leiste ich vielleicht dem menschlichen Verstande damit einen Dienst, obgleich allerdings Wenige glauben, dass sie durch Worte täuschen oder getäuscht werden können, oder dass die Sprache ihrer Sekte an Fehlern leide, die untersucht und verbessert werden müssen. Man wird daher hoffentlich mir verzeihen, wenn ich im dritten Buche etwas lange bei diesem Gegenstande verweilt, und versucht habe, ihn so klar zu machen, dass weder das Alter des Uebels noch die Macht der Mode Diejenigen noch länger entschuldigen kann, welche sich um den Sinn ihrer eigenen Worte nicht kümmern und die Bedeutung ihrer Ausdrücke nicht untersucht haben wollen.

Man hat mir gesagt, dass der kurze Auszug, welcher von diesem Werke 1688 erschienen ist, von Einigen, ohne ihn gelesen zu haben, verurtheilt worden sei, weil die angebornen Ideen darin geleugnet worden. Man schloss voreilig, dass, wenn diese geleugnet würden, von den Begriffen der Geister und dem Beweise für ihr Dasein wenig übrig bleiben könne. Wenn Jemand denselben Anstoss an dem Eingänge dieser Abhandlung nehmen sollte, so wünschte ich wenigstens, dass er sie durchläse; dann wird er hoffentlich überzeugt werden, dass die Beseitigung falscher Grundlagen der Wahrheit nicht schadet, sondern nützt; sie ist niemals so gefährdet, als wenn sie mit dem Irrthum gemischt oder darauf errichtet wird.

In der zweiten Ausgabe dieses Werkes habe ich die folgenden Sätze hinzugefügt: »Der Buchhändler würde es mir nicht vergeben, wenn ich von dieser zweiten Ausgabe nichts sagte, die, wie er versprochen, durch ihre Genauigkeit die vielen in der ersten befindlichen Fehler wieder gut machen soll. Ich soll auch erwähnen, dass sie ein ganz neues Kapitel über die Dieselbigkeit enthält, und mancherlei Zusätze und Verbesserungen in andern Stellen. Sie betreffen nicht immer neue Gegenstände, sondern grösstentheils eine Bestätigung früherer Aeusserungen oder Erläuterungen, um Missverständnissen zuvorzukommen, aber keine Abweichungen von früher Gesagtem, mit Ausnahme der im II. Buch, Kap. 21 gemachten Aenderungen.

Was ich über die Freiheit und den Willen geschrieben habe, verdient nach meiner Meinung die möglichst sorgfältige Beachtung; denn diese Fragen haben zu allen Zeiten die gelehrte Welt beschäftigt, und ihre Schwierigkeiten haben die Moral und Theologie nicht wenig in Verlegenheit gebracht; es sind Fragen, an deren Klarheit die Menschheit auf das Höchste betheiligt ist. Eine genaue Untersuchung der Thätigkeiten der menschlichen Seele und der hierbei auftretenden Beweggründe und Zwecke hat mich zu einer Aenderung meiner frühem Ansichten hierbeigeführt, wonach der Wille bei allen freiwilligen Handlungen die letzte Bestimmung behält. Ich erkenne dies freimüthig und bereitwillig ebenso an, wie ich ebenso in der ersten Ausgabe das aussprach, was mir damals das Richtige zu sein schien; denn ich will lieber meine eigene Meinung aufgeben, als einer andern entgegentreten, sobald mir jene falsch erscheint. Ich suche nur die Wahrheit, und sie wird mir immer willkommen sein, wenn und von wem sie auch kommen mag.

So bereitwillig ich indess meine Ansicht aufgebe oder von früher Gesagtem zurücktrete, wenn der Irrthum mir dargelegt wird, so muss ich doch gestehen, dass ich nicht so glücklich gewesen bin, einiges Licht aus den Entgegnungen zu entnehmen, die mein Buch sonst erfahren hat; ich habe in keinem der betreffenden Punkte einen Grund zur Aenderung meiner Ansicht daraus entnehmen können. Sei es, dass der behandelte Gegenstand mehr Nachdenken und Aufmerksamkeit erfordert, als flüchtige oder wenigstens voreingenommene Leser gewähren mögen, oder sei es, dass die Dunkelheit eine Wolke über meine Ausdrücke verbreitet, und meine Art, die Begriffe zu behandeln, die Auffassung bei Andern erschwert haben mag; jedenfalls bin ich oft missverstanden worden, und ich habe nicht das Glück, dass man meine Meinung immer richtig aufgefasst hat. Diese Fälle sind so zahlreich, dass entweder mein Buch deutlich genug für Die geschrieben ist, welche es so aufmerksam und unparteiisch durchlesen, wie jeder Leser sollte, oder dass es so dunkel verfasst ist, dass jede Verbesserung vergeblich ist.

Wie sich dies nun auch verhalten mag, so bin ich doch hierbei nur allein betheiligt, und deshalb mag ich meine Leser nicht mit dem belästigen, was ich auf die mancherlei Ausstellungen gegen einzelne Stellen meines Buches zu sagen hätte; wer sie für so erheblich hält, dass ihm auf die Wahrheit oder Unwahrheit derselben viel ankommt) wird selbst beurtheilen können, ob diese Ausstellungen schlecht begründet oder meiner Lehre nicht zuwider sind, wenn nur beide Theile richtig verstanden werden.

Wenn Manche aus Besorgniss, dass keiner ihrer guten Gedanken verloren gehe, ihre Kritiken meines Versuchs veröffentlicht haben, und ihm dabei die Ehre angethan haben, ihn für keinen blossen Versuch zu nehmen, so mag das Publikum über die Pflichten ihrer kritischen Feder entscheiden; ich werde meine Zeit nicht so nutzlos und unnatürlich anwenden und solchen Leuten ihre Freude stören, die sie dabei in sich selbst empfinden oder Andern mit einer so eilfertigen Widerlegung meiner Schrift bereiten wollen.«

Als der Buchhändler die vierte Ausgabe meines Versuchs vorbereitete, benachrichtigte er mich davon, im Fall ich, wenn meine Zeit es gestattete, Zusätze oder Veränderungen machen wollte. Ich hielt deshalb für zweckmässig, den Leser damals zu benachrichtigen, dass neben mehreren hier und da gemachten Verbesserungen auch eine Aenderung zu erwähnen sei, die sich durch das ganze Buch erstrecke und deshalb vorzugsweise des richtigen Verständnisses bedürfe. Ich sagte deshalb:

»Klare und deutliche Vorstellungen sind zwar geläufige und bekannte Ausdrücke; allein nicht Jeder, der sie gebraucht, dürfte sie völlig verstehen. Da nun hier und da Jemand näher nach dem Sinn verlangen dürfte, in dem er und ich sie gebrauchen, so habe ich in der Regel statt der Worte: ›klar und deutlich‹, den Ausdruck: ›bestimmt‹ gesetzt, der meine Absicht deutlicher darlegt. Ich bezeichne mit diesem Worte irgend einen Gegenstand in der Seele, der also be stimmt ist, d.h. der so ist, wie er da gesehen und bemerkt wird. Man kann wohl das eine bestimmte Vorstellung nennen, wenn sie so, wie sie zu einer Zeit gegenständlich in einer Seele besteht und in sich bestimmt ist, mit einem Namen oder artikulirten Laute unveränderlich verknüpft wird, welcher damit als das feste Zeichen dieses selben Gegenstandes in der Seele, d.h. der bestimmten Vorstellung, gilt.

Um dies etwas weiter zu erklären, verstehe ich unter ›bestimmt‹ bei einer einfachen Vorstellung die einfache Erscheinung, welche die Seele erblickt oder in sich bemerkt, wenn man sagt, dass diese Vorstellung in der Seeleist; unter ›bestimmt‹ bei einer zusammengesetzten Vorstellung verstehe ich eine solche, die aus einer bestimmten Zahl einfacher oder weniger zusammengesetzten Vorstellungen besteht, die in einem solchen Verhältniss verbunden sind, wie die Seele es in sich sieht, wenn die Vorstellung ihr gegenwärtig ist oder bei Nennung deren Namens ihr gegenwärtig sein sollte; ich sage ›sollte‹, weil nicht Jeder, ja vielleicht nicht Einer in seinem Sprechen so sorgfältig ist, dass er kein Wort eher gebraucht, als bis er in seiner Seele, die genau bestimmte Vorstellung sieht, die er damit bezeichnen will. Dieser Fehler veranlasst viel Dunkelheit und Verwirrung in dem Denken und Reden der Menschen.

Ich weiss wohl, dass keine Sprache die genügenden Worte für all die mannichfachen Vorstellungen enthält, die in dem Denken und Untersuchungen der Menschen auftreten. Allein deshalb kann doch Jeder bei dem Gebrauch eines Wortes eine bestimmte Vorstellung haben, die er damit bezeichnet, und welches Wort er während einer solchen Rede nur streng für diese Vorstellung benutzen darf. Wer dies nicht thut oder nicht zu thun vermag, kann auf klare und deutliche Vorstellungen keinen Anspruch machen; offenbar sind die seinigen nicht der Art, und deshalb kann nur Dunkelheit und Verwirrung aus dem Gebrauche solcher Ausdrücke ohne feste Bedeutung hervorgehen.

Deshalb scheint mir der Ausdruck: ›bestimmte Vorstellung‹ dem Missverständniss weniger ausgesetzt, als ›klare und deutliche Vorstellung‹, und wenn man erst solche bestimmte Vorstellungen für alle Begründungen, Untersuchungen und Beweise erlangt haben wird, kann ein grosser Theil der Zweifel und Streitigkeiten ein Ende nehmen. Da die meisten Zweifel und Streitfälle, weiche die Menschheit in Verlegenheit setzen, aus dem zweideutigen und schwankenden Gebrauch der Worte oder (was dasselbe ist) aus unbestimmten Vorstellungen entstehen, wofür sie gebraucht werden, so habe ich diese Ausdrücke gewählt, um damit 1) einen unmittelbaren Gegenstand der Seele zu bezeichnen, welchen sie wahrnimmt und vor sich hat, verschieden von dem Laute, womit sie ihn benennt, und dass diese Vorstellung in dieser Bestimmtheit, d.h. in der, welche die Seele in sich hat und da weiss und sieht, unveränderlich mit diesem Namen, und dieser Name genau mit dieser Vorstellung verknüpft ist. Gebrauchte man solche bestimmte Vorstellungen in den Untersuchungen und Verhandlungen, so würden sie erkennen lassen, wie weit die eigenen Untersuchungen und die gegenseitigen Verhandlungen gehen, und der Streit und das Gezänk würde zum grossen Theil vermieden werden können.

Ich soll ausserdem auf den Wunsch des Buchhändlers den Leser noch benachrichtigen, dass zwei ganze Kapitel neu hinzugekommen sind; eines behandelt die Ideen-Verbindung, das andere die Schwärmerei. Diese und einige andere neue und grössere Zusätze hat er versprochen, in derselben Weise und zu demselben Zweck eindrucken zu lassen, wie es bei der zweiten Ausgabe dieser Schrift geschehen ist.«

Bei der sechsten Auflage ist nur wenig zugesetzt oder verändert worden; das meiste Neue enthält das 21. Kapitel des II. Buches, und Jeder wird dies, wenn er es der Mühe werth hält, leicht an den Rand der früheren Ausgaben nachtragen können.

Erstes Buch. Ueber angeborne Begriffe

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel. Einleitung

Inhaltsverzeichnis

§ 1. (Die Untersuchung des menschlichen Verstandes ist unterhaltend und nützlich.) Indem der Verstand es ist, welcher den Menschen über alle andern lebenden Wesen erhebt, und ihm die Vortheile und Herrschaft gewährt, die er über sie besitzt, ist der Verstand, schon seines Adels wegen, ein Gegenstand, welcher sicherlich der Mühe einer Untersuchung werth ist. Während der Verstand, gleich dem Auge, uns alle andern Dinge sehen und erkennen lässt, achtet er auf sich selbst nicht und es erfordert Kunst und Mühe, ihn sich gegenüber zu stellen und ihn zu seinem eigenen Gegenstand zu machen. Allein welcher Art auch die, auf dem Wege seiner Untersuchung liegenden Schwierigkeiten sein mögen, und was auch das sein mag, was uns so in Dunkelheit über uns selbst erhält, so bin ich doch überzeugt, dass all das Licht, was wir auf unsern eignen Geist fallen lassen, und alle die Bekanntschaft, die wir mit unserm eignen Verstande machen können, nicht allein unterhaltend, sondern auch für die Untersuchung andrer Dinge, wenn wir unser Denken darauf richten, von grossem Nutzen sein wird.

§ 2. (Meine Absicht.) Es ist deshalb meine Absicht, den Ursprung, die Gewissheit und die Ausdehnung des menschlichen Wissens, sowie die Grundlagen und Abstufungen des Glaubens, der Meinung und der Zustimmung zu erforschen. Ich werde dabei nicht auf eine physikalische Betrachtung der Seele eingehen, und nicht untersuchen, worin das Wesen derselben bestehe, und durch welche Bewegung unsre Lebensgeister oder durch welche Veränderungen in unserem Körper wir zu einer Empfindung durch unsre Sinnesorgane und zu Vorstellungen In unserem Verstande gelangen, und ob einige dieser Vorstellungen oder alle bei ihrer Bildung von dem Stoffe abhängen oder nicht. Diese Untersuchungen mögen anziehend und unterhaltend sein; allein ich lasse sie bei Seite, da sie bei dem Ziele, was ich jetzt verfolge, ausserhalb meines Weges liegen. Für meinen jetzigen Zweck genügt die Betrachtung der verschiedenen Vermögen des Menschen in ihrer Anwendung auf Gegenstände, mit denen er zu thun hat, und ich meine, dass ich mein Denken bei diesem Unternehmen nicht schlecht angewendet haben werde, wenn ich auf diesem beobachtenden und einfachem Wege einige Auskunft über die Mittel gewinnen kann, durch welche unser Verstand die Begriffe erlangt, die wir von den Dingen haben, und wenn ich einen Maassstab für die Gewissheit unseres Wissens und die Gründe jener Ueberzeugungen auffinde, welche unter den Menschen in so mannichfacher, verschiedener, ja ganz entgegengesetzter Weise bestehen, und dabei doch im Einzelnen mit soviel Zuversicht und Sicherheit festgehalten werden, dass, wenn man die Meinungen der Menschen überschaut, ihre Gegensätze bemerkt und zugleich sieht, mit welcher Liebe und Verehrung sie festgehalten, und mit welcher Entschlossenheit und Eifer sie vertheidigt werden, man wohl mit Grund zweifeln darf, ob es überhaupt so Etwas wie Wahrheit gebe, und ob die Menschheit die genügenden Mittel zur Erlangung einer sicheren Kenntniss derselben besitze.

§ 3. (Mein Verfahren.) Es ist daher wohl der Mühe werth, die Grenzen zwischen Meinung und Erkenntniss zu untersuchen und die Maassregel zu prüfen, durch die wir da, wo wir keine sichere Kenntniss besitzen, unsere Zustimmung zu regeln und unsere Ueberzeugungen zu mässigen haben. Ich werde hierbei in nachstehender Weise verfahren:

Zuerst werde ich den Ursprung der Vorstellungen oder Begriffe, oder wie man es sonst nennen will, untersuchen, die der Mensch in seiner Seele findet, und deren er sich bewusst ist, sowie der Wege, auf denen der Verstand zu ihnen gelangt.

Zweitens werde ich zeigen, welches Wissen der Verstand durch diese Vorstellungen besitzt, und worin die Sicherheit, Gewissheit und Ausdehnung dieses Wissens besteht.

Drittens werde ich die Natur und die Grundlagen des Glaubens und der Meinung untersuchen. Ich verstehe darunter die Zustimmung, die wir einem Satze, als einem wahren, geben, obgleich wir von seiner Wahrheit noch keine sichere Kenntniss haben. Dies wird mir die Gelegenheit bieten, die Gründe und die Grade der Zustimmung zu prüfen.

§ 4. (Die Kenntniss, wie weit unser Wissen sich erstreckt, ist nützlich.) Wenn ich durch diese Untersuchung der Natur des Verstandes seine Kräfte entdecke, und sehe, wie weit sie reichen, für welche Dinge sie einigermassen zureichend sind, und wo sie ausgehen, so meine ich, dass dies den geschäftigen Geist der Menschen bestimmen wird, sich vorzusehen und nicht mit Dingen einzulassen, die seine Fassungskraft übersteigen, so wie anzuhalten, wenn er an den äussersten Grenzen seines Vermögens angekommen ist, und sich über seine Unwissenheit von Dingen zu beruhigen, wenn sie bei ihrer Prüfung sich als solche zeigen, die ausser dem Bereich unserer Vermögen liegen. Man wird dann vielleicht weniger bereit sein, ein allumfassendes Wissen in Anspruch zu nehmen und Fragen zu erheben, oder sich und Andere in Streit über Dinge zu verwickeln, für welche unser Verstand nicht passt, und von denen man keine klare und deutliche Vorstellung in seiner Seele bilden kann, oder von denen man (wie es nur zu oft vorkommen dürfte) überhaupt keinen Begriff hat. Wenn man ausfindig machen kann, wie weit der Verstand seinen Blick auszudehnen vermag, wie weit er die Gewissheit zu erreichen im Stande ist, und in welchen Fällen er nur meinen und vermuthen kann, so wird man lernen, mit dem sich zu begnügen, was dem Menschen in seinem jetzigen Zustande erreichbar ist.

§ 5. (Unsere Vermögen sind unserem Zustande und Bedürfnissen angemessen.) Denn wenn auch unser Verstand zum umfassen der weiten Ausdehnung der Dinge viel zu klein ist, so haben wir doch allen Grund, den gütigen Urheber unseres Daseins für das uns verliehene Verhältniss und Maass der Erkenntniss zu preisen, da es so hoch über das aller übrigen Bewohner unseres Aufenthalts steht. Die Menschen können sehr wohl mit dem zufrieden sein, was Gott für sie passend erachtet hat, denn er hat ihnen (wie der heilige Petrus sagt) panta pros zôên kai eusebeian, d.h. Alles zum Leben und zur Kenntniss der Tugend Nöthige gegeben und ihnen möglich gemacht, die Mittel für ein behagliches Leben so wie den zu einem bessern Leben führenden Weg aufzufinden. Ihr Wissen bleibt allerdings weit hinter einer umfassenden und vollkommenen Erkenntniss der Dinge zurück; aber es sichert sie doch in ihren wichtigsten Angelegenheiten, da es hell genug ist, um den Menschen zur Erkenntniss seines Schöpfers und seiner eignen Pflichten zu führen. Die Menschen werden immer genügenden Stoff für die Beschäftigung ihres Kopfes und für die mannichfache, angenehme und befriedigende Benutzung ihrer Hände finden, wenn sie nur nicht frech auf ihre eigene Verfassung schelten und den Segen, der ihre Hände erfüllt, nicht deshalb wegwerfen, weil sie nicht stark genug zur Erfassung aller Dinge seien. Wir brauchen uns über die Schranken unseres Geistes nicht zu beklagen, wenn wir ihn zu dem für uns Nützlichen anwenden; denn dazu ist er völlig geschickt. Es wäre ein unverzeihlicher und kindischer Eigensinn, die Vorzüge unseres Verstandes zu unterschätzen und seine Verbesserung für die Ziele zu vernachlässigen, für welche er uns gegeben ist, weil es Dinge giebt, die ausser seinem Bereiche liegen. Ein fauler und mürrischer Diener, der seine Geschäfte bei Kerzenlicht nicht besorgen mag, darf sich nicht mit dem fehlenden Sonnenlicht entschuldigen; die in uns brennende Kerze leuchtet für all unsere Zwecke hell genug, und die damit möglichen Entdeckungen müssen uns genügen. Wir gebrauchen unsere Verstandeskräfte dann recht, wenn wir alle Gegenstände in der Weise und dem Maasse nehmen, wie es für unsere Fähigkeiten passend ist, und auf Grundlagen, die wir verstehen können, und wenn wir nicht durchaus und maasslos auf Beweisen bestehen und Gewissheit verlangen, wo nur Wahrscheinlichkeit zu erlangen ist, die aber für die Besorgung unserer Angelegenheiten zureicht. Wenn man jedem Dinge misstraut, weil man nicht Alles sicher erkennt, so handelt man beinah so weise wie Der, welcher seine Beine nicht brauchen wollte, sondern still sass und umkam, weil er keine Flügel zum Fliegen hätte.

§ 6. (