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Für wie viele Geschlechter sollte es Toiletten geben? Manche sehen in dieser Frage nur einen Karnevalskalauer, andere nutzen sie zur Inszenierung eines Kulturkampfes. Viele Menschen erinnert sie jedoch schlicht an tagtäglich erfahrene Demütigungen. Über Themen der Geschlechteridentität und der sexuellen Selbstbestimmung wurde in jüngster Zeit weltweit erbittert gestritten. Und während in einigen Ländern erhebliche Liberalisierungsfortschritte zu verzeichnen sind, schüren in anderen mächtige politische Akteure gezielt Stimmung gegen Lesben, Schwule und Transpersonen.
Mark Gevisser zeichnet diese neue Konfliktlinie – die pinke Linie, wie er sie nennt – rund um den Globus nach. Er schildert, wie queere Paare und Familien für rechtliche Gleichstellung kämpfen und zu welchen Strategien Aktivist:innen greifen, um tradierte Geschlechtervorstellungen in ihren lokalen Kontexten zu überwinden. Er spricht mit von Diskriminierung Betroffenen in Kenia, Ägypten und den USA: Welche Probleme stellen sich ihnen im Alltag? Welche Pronomen verwenden sie für sich und warum? Welche Ziele verfolgen Dritte, die sich ihrer Sache annehmen? Einfühlsam, klug und in bestechender Prosa kombiniert Gevisser Reportage und Analyse und liefert ein ebenso faktenreiches wie bewegendes Standardwerk zu einem der prägenden Themen unserer Gegenwart.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Mark Gevisser
Die pinke Linie
Weltweite Kämpfe um sexuelle Selbstbestimmung und Geschlechtsidentität
Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Heike Schlatterer
Suhrkamp
Eine Identität wird nur dann in Frage gestellt, wenn sie bedroht ist, wenn, zum Beispiel, der Mächtige zu fallen beginnt, wenn der Elende aufzusteigen beginnt oder wenn der Fremde ins Tor tritt, um von diesem Augenblick an nie mehr ein Fremder zu sein. […] Die Identität ist wie das Gewand, mit dem man die Nacktheit des Ich bedeckt. Wenn es sich aber so verhält, dann ist es am besten, wenn das Gewand lose fällt, ein wenig wie der Burnus der Wüste, durch den die Nacktheit stets gefühlt und manchmal auch gesehen wird. Dieses Vertrauen in die eigene Nacktheit ist es, das einem die Kraft gibt, die Kleider zu wechseln.
James Baldwin, Teufelswerk, 1976
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Motto
Inhalt
Vorbemerkung des Autors
Zur Terminologie
Zum Thema Übersetzung
Anonymität und Sicherheit
Prolog. Das Gesetz der Liebe
1 Die pinken Linien der Welt
2 Aunty. Chimbalanga – Blantyre – Kapstadt
1
2
3
3 Neue globale Culture Wars?
4 Michael. Mbarara – Kampala – Nairobi – Vancouver
1
2
3
4
5 Die pinke Linie durch Zeit und Raum
6 Amira und Maha. Kairo – Istanbul – Amsterdam
1
2
3
4
7 Pinke Sündenböcke
8 Pascha. Ljuberzy – Moskau
1
2
3
4
9 Das Schreckgespenst der Gendertheorie
10 Zaira und Martha. Guadalajara
1
2
3
4
5
11 Pinke Dollars, Global Gay
12 Fadi und Nadav. I'billin – Tel Aviv – Jaffa (und Ramallah)
1
2
3
4
13 Transgender-Culture-Wars
14 Riot Youth. Ann Arbor und Umgebung
Sean und Charlotte
Rose
Erwachsen werden
15 Die neue pinke Linie: Geschlechtsidentität
16 Die
kothis
. Devanampattinam – Cuddalore – Pondicherry
SIVAGAMI
Lakshaya
Sheetal – und Sameera
Rückkehr nach Devanampattinam
Epilog
Dank
Ausgewählte Bibliografie
Anmerkungen
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Mir gefällt das Wort »queer« wegen seiner Doppeldeutigkeit. Es wird nicht nur von Menschen auf der ganzen Welt neu verwendet, um sich selbst zu bezeichnen, sondern bedeutet auch »anders« oder »schräg« oder »verdreht«. Wer etwa aus einer »queeren Perspektive« schaut, betrachtet die Welt von der Seite, um sie neu zu sehen. Aber offen gesagt ist das Wort auch bequem: Es ist ein Sammelbegriff, in dem (nun ja, nahezu) alle »Ls«, »Gs«, »Bs«, »Ts« und auch die anderen aus dem sich erweiternden Alphabet enthalten sein können. Gerade deshalb jedoch hat das Wort, insbesondere in den Vereinigten Staaten, manchmal seine »queere« Bedeutung verloren. Wenn alle queer sind, ist es niemand mehr. Ich hoffe, dass ich hier die richtige Balance finde.
Außerdem ist »queer« in manchen Teilen der Welt wie etwa in Großbritannien, in afroamerikanischen Communitys und in meinem Heimatland Südafrika bis heute ein problematischer Begriff, denn es wird dort immer noch allzu oft als Beleidigung benutzt. Außerdem lehnen es auch einige Transmenschen ab, die wie Liam, den Sie auf diesen Seiten kennenlernen werden, sehr klar sagen, dass sie hetero sind.
Ich habe mir alle Mühe gegeben, die Sprache zu verwenden, mit der sich die Menschen, über die ich schreibe, am wohlsten fühlen. Ich bezeichne Liam als straighten Transmann, weil er sich selbst so bezeichnet. Sean, dem bei der Geburt ebenfalls das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde, ist »genderqueer« und zieht Mehrzahlpronomina vor, also verwende ich die Mehrzahlpronomina – trotz der grammatikalischen Schwierigkeit. Ich habe versucht, mich an dieses Prinzip zu halten, obwohl es im Text zu unvermeidlichen Ungereimtheiten führt. Einige Menschen sprechen von »LGBT-Rechten« und der »LGBT-Community«, andere bevorzugen »LGBTI« und wieder andere »LGBTQ«, »LGBTIQ«, »LGBTQ+« usw. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war »LGBT« der anerkannte Begriff, also verwende ich im Zweifelsfall ihn. Aber wenn Tiwonge sich als eine LGBTI bezeichnet, nenne ich sie ebenso. Wenn Pascha sich transgender nennt, nenne ich sie auch so, und wenn Charlotte sich als Transsexuelle bezeichnet, dito.
In diesem Sinne: »Cisgender« ist ein Begriff, der von der Transcommunity selbst entwickelt wurde, um Menschen wie mich zu bezeichnen: Menschen, deren Geschlechtsidentität und deren Geschlechtsausdruck mit dem Körper kongruent sind, der ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Ich teile die Skepsis des britischen Philosophen Kwame Anthony Appiah, was die Notwendigkeit betrifft, jeden Satz mit »Als weißer, schwuler, südafrikanischer Cisgender-Mann mittleren Alters aus der Mittelschicht …« zu beginnen oder mit dem, was die Attribute meiner Identität auch sonst immer sein mögen. Im Jahr 2018 schrieb Appiah dazu in einem Kommentar in der New York Times: »Da die Mitglieder einer gegebenen Gruppe mit einer bestimmten Identität Erfahrungen gemacht haben, die noch auf einer Vielzahl anderer sozialer Faktoren beruhen, sind sie nicht gleich.«1 Ich spreche für mich selbst und nicht für irgendeine Gruppe. Aber ich spreche von einer bestimmten Position aus, und allen neuen Debatten über »kulturelle Aneignung« zum Trotz möchte ich, dass meine Leser:innen wissen, wo ich herkomme, wenn ich sie darum bitte, mich auf dieser Reise zu begleiten.
Ich hoffe, dass einige von Ihnen sich bei der Lektüre dieses Buches selbst erkennen und sich mit den Menschen identifizieren können, über die ich schreibe. Und ich hoffe, dass es für Sie alle den Reiz des Neuen hat, wie es auch bei mir der Fall war. Allein schon in den vorangegangenen Absätzen gibt es Wörter oder Wendungen, die vielleicht nicht allen vertraut sind: »cisgender«, »bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht«. Muss es »Geschlechtsumwandlungsoperation«, »Geschlechtsneuzuweisungsoperation«, »Geschlechtsbejahungsoperation«, »Geschlechtsbestätigungsoperation« oder »Geschlechtsangleichung« heißen? Man bewegt sich noch auf wackligem Grund, wenn sich der Wortschatz einer lange missverstandenen Gruppe von Menschen außerhalb der pathologisierenden Sprache der Medizin gerade erst als allgemeiner Sprachgebrauch durchsetzt. Es gibt Meinungsverschiedenheiten: Manche verwenden den Begriff »transsexuell«, um Menschen zu bezeichnen, die sich einer Operation unterzogen haben; andere lehnen den Begriff wegen seiner abwertenden und sexualisierten Geschichte ab. Auch in diesem Zusammenhang habe ich versucht, einem Kurs zu folgen, der sich sowohl an den Begriffen, mit denen sich die Menschen selbst beschreiben, als auch an den aktuell bestehenden Konventionen orientiert.
Ein wichtiger Grundsatz der aktuellen Bewegung für die Rechte von Transmenschen, insbesondere im Westen, besteht darin, zwischen »sexueller Orientierung« und »Geschlechtsidentität« zu unterscheiden. Einige clevere Slogans aus der Transgender-Bewegung haben mir in diesem Punkt das Verständnis erleichtert. Ich hoffe, Ihnen geht es genauso:
»My gender is between my ears, my sex is between my legs.«
»My gender identity is who I go to bed as, my sexual orientation is who I go to bed with.«
»Sex is what I do with my clothes off, gender expression is what I do with my clothes.«
(»Meine Geschlechtsidentität ist in meinem Kopf, mein biologisches Geschlecht ist zwischen meinen Beinen.«
»Meine Geschlechtsidentität ist, was ich bin, meine sexuelle Orientierung kommt darin zum Ausdruck, mit wem ich ins Bett gehe.«
»Um Sex zu haben, ziehe ich mich aus, um mein Geschlecht auszudrücken, ziehe ich mich an.«)
Sie funktionieren gut in einem US-amerikanischen Kontext, erfassen aber nicht einmal ansatzweise den komplexen Wirbel sexueller Orientierungen und von Geschlechtsidentitäten an anderen Orten. Wenn dieses Buch ein übergreifendes Anliegen hat, dann das, zu zeigen, dass es nicht nur eine Art gibt, in der Welt zu sein.
Dieses Buch erzählt die Geschichten vieler Menschen, die gar kein Englisch sprechen, einige sprechen es gut als Zweitsprache, und für einige ist es die Muttersprache. In Malawi und Südafrika, Ägypten, Russland, Indien und Mexiko arbeitete ich mit Chichewa-, Arabisch-, Russisch-, Tamilisch- und Spanisch-Dolmetscher:innen, die mich darüber hinaus bei meinen Recherchen unterstützten. Das Bild von den Menschen, deren Geschichten ich erzähle, ist also durch diese außergewöhnliche Gruppe von Vermittler:innen gebrochen, die bei mir doppelte Arbeit leisten mussten: Sie mussten immer zuhören, während ich ein wenig abschalten konnte, wenn ich eine Frage gestellt hatte und auf die Übersetzung wartete, und sie trafen außerdem Verabredungen, recherchierten und erklärten kulturelle Besonderheiten. Sie alle waren unschätzbar wertvoll, aber ihr Englisch war unterschiedlich gut, und sie hatten ihre sprachlichen Eigenarten, je nachdem, wie und wo sie die Sprache gelernt hatten. Da ich mit den hier porträtierten Personen mehr als sechs Jahre in Kontakt blieb, war ich einige Male gezwungen, jeweils verschiedene Dolmetscher:innen einzusetzen, so dass die von mir interviewte Person in den Transkripten der einzelnen Besuche jeweils eine andere Stimme bekam.
Wenn sich Sheetal aus dem südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ordinärer auszudrücken scheint als ihr Schützling Lakshaya, liegt das womöglich nicht nur an ihren unterschiedlichen Persönlichkeiten, sondern daran, dass Sheetal es vorzog, (eine Art) Englisch mit mir zu sprechen, wohingegen Lakshaya kein Englisch konnte und ihr Bild durch das eher standardmäßige Englisch meiner Dolmetscherin Lavanya geprägt ist. Selbst wenn keine Dolmetscher:innen eingesetzt wurden, traten solche Diskrepanzen auf. Ist der Israeli Nadav sprachgewandter als sein palästinensischer Freund Fadi? Ich bezweifle es, aber Nadav lebte als Kind in Australien, und Fadi lernte sein Englisch im Internet.
Manchmal sprach ich auch selbst in unvollkommenem Französisch oder Spanisch mit Menschen, für die eine dieser Sprachen die Muttersprache oder die Zweitsprache ist: Ich bin mir ganz sicher, dass bei der Übertragung etwas verloren ging. Dennoch habe ich trotz all dieser Beschränkungen hart gearbeitet, um meinen Leser:innen die Menschen durch ihre eigene Stimme nahezubringen, also durch Übersetzungen, die so nahe wie möglich an dem dran sind, was meine Interviewpartner:innen zu mir sagten. Doch die Übersetzung ist ein Schirm, und kein durchsichtiger. Das gilt noch einmal stärker für Übertragungen dieses Buches aus dem Englischen in andere Sprachen. Jede Sprache stellt eine eigene soziale Welt mit eigenen Traditionen und Konventionen dar, und es ist alles andere als sicher, dass die Art und Weise, wie sich Menschen in der einen Sprache bezeichnen, in einer anderen richtig oder auch nur angemessen abgebildet werden kann. Ich bitte meine Leser:innen, das im Hinterkopf zu behalten, wenn ich versuche, die Geschichten von Menschen zu erzählen, die unterschiedliche Pronomina, Identitätskategorien und Begriffe für sich verwenden.
Mehrere Personen baten mich, ihnen ein Pseudonym zu geben oder sie in meiner Darstellung unkenntlich zu machen. Angesichts der Gefahr, in der queere Menschen, insbesondere in Ländern wie Ägypten und Nigeria, schweben, sicherte ich allen, die es wollten, Anonymität zu. Ich weise stets darauf hin, wenn ich jemanden anonymisiert habe. Seltsamerweise baten mich in den Vereinigten Staaten mehr Menschen als irgendwo sonst, ihren Namen nicht zu benutzen oder nur den Vornamen zu verwenden, damit man sie nicht im Internet aufspüren konnte. Dies mag einerseits daran liegen, dass dieses Buch (zuerst) in den USA erschienen ist, dass die US-Amerikaner:innen im Umgang mit Medien besonders versiert und besonders gut vernetzt sind und dass meine ersten Gesprächspartner:innen dort alle gerade erst volljährig geworden waren und sich berechtigte Sorgen machten, was sie im Erwachsenenleben vielleicht noch verfolgen würde. Doch ich glaube, es lässt auch noch einen anderen Schluss zu, nämlich dass die Debatte in den USA sehr belastet und der kulturelle Diskurs insbesondere über Transgender-Identität extrem fragil und unbeherrscht ist, und das trotz der relativen Sicherheit und Freiheit, die die Menschen dort im Vergleich zu anderen Teilen der Welt genießen.
Das Gesetz der Liebe
»Schwule verloben sich«, lautete die Schlagzeile auf der Titelseite der Tageszeitung The Nation aus dem zentralafrikanischen Malawi am Sonntag, dem 28. Dezember 2009. Darüber befand sich eine Fotografie von zwei müde und unbehaglich aussehenden Menschen in jeweils traditionell männlicher und weiblicher Kleidung, die aus demselben gemusterten Waxprint geschnitten war. »Die schwulen Turteltauben Tiwonge Chimbalanga und Steven Monjeza schrieben am Samstag Geschichte, als sie ihre Feiertage durch eine chinkhoswe [Verlobungszeremonie] bereicherten«, hieß es in dem Artikel, ergänzt durch den Hinweis, dass es sich um »die erste dokumentierte öffentliche Aktivität von Homosexuellen in diesem Land« gehandelt habe. Auf der linken Seite unten waren ein paar hilfreiche »Kurzinformationen« notiert: Homosexualität sei »illegal in Malawi« und werde, je nach angewandtem Paragrafen, mit einer »Höchststrafe von fünf beziehungsweise 14 Jahren Gefängnis mit oder ohne körperliche Züchtigung« geahndet.1
Viereinhalb Jahre später, im Mai 2014, sah ich mir diese Seite zusammen mit Tiwonge Chimbalanga noch einmal an: Sie hatte das Blatt 3000 Kilometer weit und durch viele Länder ins Exil mitgenommen und an die Wellblechwand ihrer Hütte in Tambo Village, einer Township bei Kapstadt, geklebt. Sie hatte den Artikel zwar aufgehängt, erhob aber zugleich Einspruch gegen ihn: »Ich bin kein Schwuler, ich bin eine Frau«, sagte sie auf Englisch und fügte in ihrer Muttersprache Chichewa hinzu: »Sie sagten, ich sei schwul, als sie mich verhafteten. Sie sagten, ich sei von LGBTs aus Übersee bezahlt worden, damit ich meine chinkhoswe abhielt. Aber ich lernte das Wort ›schwul‹ erst kennen, als ich es neben diesem Bild sah und als die Polizei kam und mich mitnahm.«
Bei meiner Ankunft einige Stunden zuvor hatte Aunty, wie Chimbalanga überall genannt wurde, mich in einem kunstvollen violetten Ensemble mit Tellerrock und Turban auf der Straße erwartet – einer Kleidung, die in ihrer Heimat gewöhnlich nur bei einer chinkhoswe getragen wird. Ich dachte, sie würde sich vielleicht nur so in Schale werfen, wenn sie Besuch bekam, aber wie sich herausstellte, war sie immer so angezogen – so gar nicht der Lycra-Leggings-Stil, den die Frauen in ihrer sandgepeitschten proletarischen Siedlung bevorzugten. Aunty war groß, hatte sehr dunkle Haut und ein breites Gesicht. Sie wäre auch dann aufgefallen, wenn sie nicht versucht hätte, ihren Bartwuchs unter einer dicken Schicht Foundation zu verbergen, die ihrem Gesicht einen silbrigen Glanz verlieh. Sie war spröde und majestätisch, mit einer Art aufgesetztem Hochmut. Doch ich lernte schnell, dass dieser einer mädchenhaften Schüchternheit Platz machen konnte, wenn sie entspannter war oder sich an das Leben zurückerinnerte, das sie geführt hatte, bevor man ihr sagte, dass sie schwul sei, und sie abführte.
Aunty bewegte sich auf die entschlossene Art einer Person, die zusammenbrechen könnte, wenn sie nicht den Kopf oben behält. In ihren silbernen Pumps mit den niedrigen Absätzen führte sie mich über einen durchweichten schmalen Weg zwischen Verschlägen hindurch zu ihrer Hütte, die unter einigen anderen auf dem Hof hinter einem großen Haus stand. Auntys Behausung war bei Weitem die hübscheste, dank der finanziellen Unterstützung, die sie als ehemalige »gewaltlose politische Gefangene« von Amnesty International erhielt. Sie hatte einen großen Fernseher, eine Stereoanlage und eine Clique, zu der auch ihr »Ehemann« Benson gehörte, ein arbeitsloser malawischer Landsmann, der mit ihr zusammenlebte. Ständig schauten Nachbarn vorbei, um die eine oder andere Tomate zu schnorren oder etwas von dem Bier zu holen, das sie als Nebenverdienst verkaufte. »Aunty! Aunty!«, riefen sie mit einer Mischung aus Zuneigung und Spott, wenn sie vor dem verschlossenen Sicherheitstor standen.
Ich hatte etwas zum Essen und zum Trinken mitgebracht: einen Bucket mit Hähnchenkeulen von Kentucky Fried Chicken und eine Magnumflasche Mountain Dew. Benson war ein kleiner, sanfter Mann, auf eine stille Art betrunken und allem Anschein nach von Aunty dominiert. Sie befahl ihm, ein paar Plastikstühle von einem Stapel zu nehmen, und strich, wie mir schien, ein imaginäres Tuch auf dem Tisch glatt, der praktisch den ganzen Raum in einem ihrer zwei Zimmer einnahm. Ohne erkennbare Ordnung waren neben dem Artikel »Schwule verloben sich« weitere Fotos von ihr an die Wand geklebt, auf denen sie offenbar mit Liebhabern und Freund:innen zu sehen war. Außerdem hingen dort weitere Artikel mit Einzelheiten über ihre Gefängnishaft und ihre Freilassung in Malawi. Verteilt dazwischen hingen sorgfältig aus südafrikanischen Illustrierten ausgeschnittene Werbeanzeigen, die zu einer Hyperweiblichkeit der Art »Mädels auf Motorhauben« tendierten. Quer über die Tür des extra großen Kühlschranks hatte jemand mit schwarzem Edding sorgfältig »RÖMER 13,8« geschrieben.
Ich fragte, was es damit auf sich hatte.
Aunty langte über den Tisch und griff sich die zerfledderte grüne Bibel, die sie während ihrer Inhaftierung in Malawi von ihrem regelmäßigsten Besucher geschenkt bekommen hatte, einem Pfarrer, der sie dazu bringen wollte, Reue zu empfinden. Sie öffnete das grüne Buch und las den Vers mit etwas Mühe laut vor: »›Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.‹«
Warum hatte sie diesen Text auf ihren Kühlschrank geschrieben?
»Das sind die Worte, die auf die Karte für meine Verlobungsfeier gedruckt waren«, sagte sie auf Chichewa – der Amtssprache Malawis –, und ihre Freundin Prisca, die ebenfalls aus Malawi geflohen war, übersetzte. Aunty hatte auch nach vier Jahren in Südafrika noch Probleme mit dem Englischen. »Ich will, dass alle, die mich in meinem Haus besuchen, wissen, was Liebe bedeutet. Dann wissen sie, dass ich nichts falsch gemacht habe.«
—
Als Caroline Somanje, die für den Artikel »Schwule verloben sich« verantwortliche Journalistin, durch einen Tipp auf die öffentliche chinkhoswe zweier Männer aufmerksam gemacht wurde, wusste sie, dass die Geschichte ein Knüller war. Sie sagte mir das von Malawi aus am Telefon, als wir 2014 miteinander sprachen. Zuvor hatten sich die malawischen Medien nur mit Homosexualität befasst, wenn ein Mann der Vergewaltigung eines Minderjährigen beschuldigt wurde. Doch nun zog das Thema sogar in Malawi seine Kreise, einem besonders verschlafenen und wenig entwickelten Land Afrikas.
Eine südafrikanische Fernsehgesellschaft produzierte Satellitenfernsehen für Malawi (und ganz Afrika), und in der Seifenoper Generations war gerade ein schwarzer schwuler Mann eingeführt worden. In den Nachrichtensendungen wurde oft über die gleichgeschlechtliche Ehe im Westen und insbesondere in den Vereinigten Staaten berichtet, wo das Thema wegen Proposition 8 in Kalifornien – einem Änderungsantrag, mit dem die Verfassung des Bundesstaates per Referendum so geändert werden sollte, dass nur noch heterosexuelle Ehen anerkannt werden durften – heftig diskutiert wurde. Auch durch die Aids-Epidemie wurde Malawi zu einer unwillkommenen Debatte über Homosexualität gezwungen. Sie wurde jedoch nur auf wachsenden Druck internationaler Geldgeber geführt, und so etablierte sich die Auffassung, LGBT-Rechte seien etwas vom Westen Aufgezwungenes. Außerdem war das Thema immer für einen Skandal und den Verkauf von Zeitungen gut: Somanjes Redakteur:innen hatten diesen Effekt vermutlich schon in Uganda registriert, wo die Boulevardpresse regelmäßig angebliche Homosexuelle an den Pranger stellte.
Als die Journalistin ihren Tipp bekam, fuhr sie eilig zur Mankhoma Lodge in der Nähe des Flughafens in Blantyre, der zweitgrößten Stadt Malawis, wo Aunty als Köchin und Reinigungskraft arbeitete. Als sie dort ankam, war die Stimmung gereizt: »Es war eine riesige Menschenmenge da. Viele waren feindselig. Sie waren nur aus Neugier gekommen, nicht um eine Hochzeit zu feiern. Tiwonge war in Tränen aufgelöst.«
Tatsächlich war der Tipp von Auntys Arbeitgeberin Jean Kamphale, einer prominenten Lokalpolitikerin und Geschäftsfrau, gekommen. Sie hatte sogar für die chinkhoswe bezahlt, weil sie dachte, sie werde neue Gäste anziehen, war dann jedoch in Panik geraten, als die Sache aus dem Ruder zu laufen drohte. Bei dem Prozess im Gefolge der Feier sagte sie aus, Aunty habe ihr vorgemacht, dass sie eine Frau sei: Sie habe ihre maskulinen Gesichtszüge damit erklärt, dass sie als Mädchen geboren, aber in ihrer Kindheit verhext worden sei.
Aunty bestätigte, dass sie tatsächlich diese Erklärung gegeben hatte, an die sie offensichtlich selbst glaubte. Aber Kamphale belog das Gericht: Sie hatte die ganze Zeit gewusst, dass Aunty einen männlichen Körper hatte. Dies wurde klar, als ich sie und ihre Familie später, im Jahr 2014, in Blantyre interviewte. Kamphales Tochter Rachael hatte ihre Mutter gebeten, Aunty einzustellen, obwohl »er« »schwul« sei: »Heutzutage sind wir jungen Leute offener dafür«, sagte Rachael zu mir. »Es ist nichts Neues mehr. Wir sind moderner geworden, wir wachsen in einer Welt auf, die sich ständig verändert, und dann treffen wir jemanden, der schwul ist, na und?«
Die Staatsgewalt war anderer Ansicht. Als die Polizei am Morgen nach der Feier mit einem Exemplar von The Nation in der Lodge auftauchte, wurde Aunty gezwungen, sich nackt auszuziehen. Als die Polizisten bestätigt fanden, dass sie männliche Genitalien hatte, verhafteten sie sie wegen Verstoß gegen Artikel 153 des Strafgesetzbuchs, einem Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit, das Sex zwischen Homosexuellen als »widernatürlichen Geschlechtsverkehr« verbietet. Chimbalanga und Monjeza wurden angeklagt, obwohl der Artikel nie zuvor gegen einverständlich handelnde Homosexuelle angewendet worden war und es keinen Beweis für Geschlechtsverkehr gab. Nach einem demütigenden Prozess, der die Stadt Blantyre zum Stillstand brachte, wurden die Angeklagten für schuldig befunden und zu der Höchststrafe von 14 Jahren Gefängnis – und damit einhergehend auch Zwangsarbeit – verurteilt. »Ein abschreckendes Urteil«, wie der Richter es formulierte, denn die Öffentlichkeit müsse davor geschützt werden, »dass andere in Versuchung geraten könnten, ihrem [abstoßenden] Beispiel zu folgen«.2
Zu dem internationalen Sturm der Entrüstung, der darauf folgte, gehörte eine von Madonna initiierte Onlinepetition (Madonna hat zwei malawische Kinder adoptiert), und er fand seinen Höhepunkt in einem Besuch des damaligen UNO-Generalsekretärs Ban Ki-moon, der nach Malawi kam, um sich für eine Begnadigung einzusetzen. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Ban im Juni 2010 erklärte der malawische Präsident Bingu wa Mutharika, dass er Chimbalanga und Monjeza begnadigen werde. Er machte jedoch klar, dass er sich lediglich dem internationalen Druck beuge, denn die beiden hätten »ein Verbrechen gegen unsere Kultur, unsere Religion und unsere Gesetze begangen«.3
Steven Monjeza wurde nach seiner Freilassung von The Nation für ein Interview bezahlt, in dem er Aunty beschuldigte, ihn verhext zu haben. Er gab seine glückliche Verlobung mit einer lokalen Sexarbeiterin bekannt und kam sechs Monate später wieder ins Gefängnis, weil er ein Handy gestohlen hatte. Als ich Ende 2014 Malawi besuchte, versuchte ich, ihn ausfindig zu machen, doch er saß offenbar schon wieder hinter Gittern.
Aunty bekam wegen der Verfolgung, die sie auch nach ihrer Freilassung in ihrem Heimatland erlitt, schließlich Asyl in Südafrika. Sie war in Malawi so bekannt gewesen, dass sie sich nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen konnte. Aber auch ihr Leben in Südafrika war nicht einfach. Wie sie mir zeigte, war ihr Körper schwer gezeichnet: eine Narbe neben der anderen, verursacht durch die Angriffe, deren Opfer sie seit ihrem Umzug nach Kapstadt im Jahr 2011 geworden war.
Einer der Artikel an ihrer Wand irritierte mich jedes Mal, wenn ich sie besuchte. Er zeigte ein Foto von James Small, dem mittlerweile verstorbenen sexy Bad Boy des südafrikanischen Rugby, blutüberströmt auf dem Spielfeld mit der Schlagzeile: »Er lässt sich nichts gefallen« auf Afrikaans. Aunty erzählte, sie müsse ihren Mann Benson beim Einkaufen begleiten, um ihn vor den Beleidigungen wegen seiner Beziehung mit ihr zu schützen. Sie hatte ganz offensichtlich gelernt, ihre Fäuste zu benutzen, und wie ich später beobachten sollte, hatte sie keine Hemmungen, es auch zu tun. Wenn sie jedoch zur Begrüßung einen Knicks machte und schüchtern die Augen niederschlug oder wenn sie beim Gebet in der Kirche sanft schwankte, erinnerte ich mich daran, wer sie war: ein frommes Landmädchen aus einem kleinen Dorf jenseits der Teeplantagen auf den Hängen des Thyolo-Massivs im Süden Malawis, weit, weit weg.
—
Dieses Buch erzählt Auntys Geschichte und die anderer Menschen in verschiedenen Teilen der Welt, die an der Grenze leben, für die ich den Begriff der pinken Linie benutze: Personen in einem Grenzgebiet des Menschenrechtsdiskurses, das die Welt in den ersten zwei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts auf eine gänzlich neue Art teilt und beschreibt. Keine globale soziale Bewegung hat je so schnell an Boden gewonnen, wie die, die inzwischen als LGBT-Bewegung bezeichnet wird: Die Welten, in denen Aunty und ich 2014 lebten, waren für uns beide unvorstellbar anders, als sie auch nur ein Jahrzehnt zuvor gewesen waren – und das obwohl wir aus völlig verschiedenen Orten stammten.
Auntys Hütte in Tambo Village ist keine zwanzig Kilometer von dem hübschen, etwa hundert Jahre alten Bungalow mit Meerblick entfernt, in dem ich dieses Buch schrieb. Mein Mann C und ich kauften das Haus 2012. Drei Jahre zuvor hatten wir geheiratet, 2009, im selben Jahr, als Aunty ihre chinkhoswe feierte. Sie jedoch musste ihre offizielle Bindung an einen Mann mit unermesslicher Demütigung, einer Verurteilung zu 14 Jahren Gefängnis und einem Leben im unfreiwilligen Exil bezahlen, mir dagegen brachte meine Ehe ein paar heiß ersehnte Jahre in Paris, Ehegattenvorteile durch Cs Job und dieselben Rechte wie sie jedes andere verheiratete Paar in unserem Heimatland Südafrika genießt. Unsere nach der Abschaffung der Apartheid verabschiedete Verfassung ist berühmt dafür, dass sie weltweit zuerst Gleichberechtigung ohne Ansehen der sexuellen Orientierung garantierte. Zehn Jahre nach ihrer Verabschiedung, im Jahr 2006, wurde Südafrika das fünfte Land der Welt, in dem Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern legalisiert wurden. Wir waren also ein verheiratetes schwules Paar, das auf eine Art von Rechten profitierte, die ich mir als junger Mann nicht hätte vorstellen können.
Drei Jahrzehnte zuvor, mit 19, hatte ich mich unter panischer Angst, die ich unter einer knallharten Trotzhaltung vergrub, bei meinen Eltern geoutet. Sie reagierten verständnisvoll, aber mein Vater konnte seine Sorgen nicht verbergen: Würde ich je die Freuden eines Familienlebens kennenlernen? Würde ich ein einsames Leben führen müssen? Ich hatte meine Position so gut wie möglich verteidigt: Natürlich könne ich Kinder haben; natürlich würde ich Liebe finden. Doch es war das Jahr 1983 – es gab noch nicht einmal das Internet, das mich mit Informationen bewaffnet und mir den Trost einer virtuellen Gemeinschaft geschenkt hätte – und ich hatte Schwierigkeiten, mich selbst zu überzeugen. Und dann, als ich ein junger Erwachsener war, brach die Aids-Epidemie über uns herein und lieferte die grausame Bestätigung all dessen, was man uns schwulen Männern schon immer über uns selbst beigebracht hatte: Wir waren Sünder, und wir wurden bestraft; unsere Sexualität war krankhaft, und wir würden sterben.
All das weckte bei mir den leidenschaftlichen Glauben, dass ich und andere Menschen wie ich dasselbe Recht hätten wie jedermann, offen zu leben, und ich leistete meinen Beitrag im Kampf um die Anerkennung dieses Rechts. Als Student in den USA der achtziger Jahre übernahm ich das Mantra von Harvey Milk, dem schwulen Politiker aus San Francisco, der nur wenige Jahre zuvor, 1978, ermordet worden war: »Schwule Brüder und Schwestern, ihr müsst euch outen!«4 Der einzige Weg für Homosexuelle hin zur vollen Teilhabe an der Gesellschaft, der einzige Weg aus der Scham und Heimlichkeit meiner eigenen Jugend, war das Sichtbarwerden, damit andere – unsere Kolleg:innen und Kommiliton:innen, unsere Kinder und Nachbar:innen, unsere Eltern und Priester – wussten, dass es uns gab. Als ich 1990 nach Hause zurückkehrte, nachdem das Verbot der südafrikanischen Befreiungsbewegungen aufgehoben und Nelson Mandela freigelassen worden war, schrieb ich öffentlich über meine sexuelle Orientierung und fungierte als Mitherausgeber eines Buches über schwules und lesbisches Leben in Südafrika. Gleichzeitig wurde ich ein bekannter Journalist, dem es in keiner Weise schadete, dass er sich geoutet hatte.
Zwei Jahrzehnte darauf, 2013, als C und ich in Frankreich lebten, wurde auch dort durch die Aufwertung des Zivilen Solidaritätspakts (Pacte civil de solidarité), einer Form der Lebenspartnerschaft, endlich die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert. An einem Sonntag im Mai kamen Hunderttausende zur Manif pour tous nach Paris, einer Demonstration gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und für »die Familie«. Sie wurde von der katholischen Kirche unterstützt, die versuchte, in einer schnell säkularer werdenden Gesellschaft relevant zu bleiben. Viele der Anwesenden trugen T-Shirts mit einem Piktogramm von vier kleinen Figuren: einer Mutter, einem Vater und zwei Kindern.5 Ich beobachtete gemeinsam mit einer weißen südafrikanischen Freundin, die mit ihrer Frau zwei schwarze Kinder adoptiert hatte, den Demonstrationszug. Wir hatten den Eindruck, dass die Empörung dieser Menschen eher auf Verwirrung als auf Zorn beruhte, Verwirrung darüber, was aus den Sicherheiten ihrer Welt geworden war. Es schien, als besetzten sie die Außenseiterposition im neuen sozialen Konsens: Trotz ihrer großen Zahl waren sie laut den Umfragen nur eine Minderheit in der französischen Bevölkerung.6 Selbst in den Vereinigten Staaten, wo die Rechte Homosexueller lange Gegenstand der Culture Wars gewesen waren, zeigte 2016 eine jährliche Gallup-Umfrage, dass 61 Prozent der US-Amerikaner:innen für die gleichgeschlechtliche Ehe waren.7
Schwule oder Lesben, die heiraten und Kinder aufziehen; offen lesbische Staatsoberhäupter und offen schwule Chefs multinationaler Konzerne; Medikamente, die die Pubertät aufhalten und Kindern helfen, die ihr Geschlecht ändern wollen; Direktiven eines US-Präsidenten, die Transkindern erlauben, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechenden Toiletten zu benutzen. Das alles war noch undenkbar, als ich in den achtziger Jahren in New York an der Demo zum Christopher Street Day teilnahm und die Gay and Lesbian Awareness Days in Yale mitorganisierte.
Jetzt bin ich ein Mann mittleren Alters, und im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ereignen sich solche Veränderungen in progressiven Enklaven auf der ganzen Welt: in der Bay Area und in Buenos Aires, in Amsterdam und Kapstadt sowie an vielen anderen Orten. Doch der Planet dreht sich schneller als je zuvor. Dank des beispiellosen Austauschs von Gütern, Kapital, Menschen und insbesondere von Ideen sowie Informationen, den wir als »Globalisierung« bezeichnen, laden Menschen auf der ganzen Welt die neuen Ideen aus dem Netz herunter und versuchen häufig, sie in ihrer jeweiligen Offlinerealität umzusetzen. Sie beginnen, anders über sich selbst, ihren Platz in der Gesellschaft, ihre Möglichkeiten und ihre Rechte zu denken. Selbst an so abgelegenen Orten wie Blantyre, wo Aunty ihre chinkhoswe veranstaltete, werden uralte Konventionen bezüglich Sexualität und Geschlecht erschüttert. Es wird neu ausgehandelt, was privat und was öffentlich, was illegal oder gesellschaftlich akzeptabel ist.
Von 2012 bis 2018, der Hochzeit des neuen globalen Phänomens, reiste ich sehr viel, um zu verstehen, wie und warum sich die Welt veränderte. Meine Reiseziele waren jedoch keineswegs beliebig. Ich wählte die Orte aus, an denen ich die Menschen zu finden hoffte, die mir am besten erzählen könnten, wie die Bewegung für LGBT-Rechte ein neues globales Grenzgebiet im Menschenrechtsdiskurs etablierte – ähnlich, wie dies die Frauenbewegung oder die Bürgerrechtsbewegung, die antikoloniale Bewegung oder die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei in früheren Zeiten getan hatten. Ich wollte verstehen, in welcher Hinsicht der neue Kampf eine Folge dieser früheren und noch bestehenden Bewegungen war, aber auch, wie er sich von diesen unterschied in einer Zeit der digitalen Revolution und der Informationsflut, des Konsumismus und des Massentourismus, der Massenmigration, der Urbanisierung und der globalen Menschenrechtsbewegung.
Ich verfolgte Auntys Reise zurück, indem ich von Kapstadt, das als »gay capital of Africa« für sich wirbt, in ihr abgelegenes Heimatdorf auf den Hängen des Thyolo-Massivs in Malawi reiste. Ich folgte einem schwulen ugandischen Geflüchteten von Kampala nach Nairobi im benachbarten Kenia und weiter zu seinem Resettlement in Kanada. Ich hing mit den transgender und nichtbinären Jugendlichen einer LGBTQQA-Jugendgruppe in Ann Arbor im US-Bundestaat Michigan ab. (LGBTQQA steht für: »lesbian, gay, bisexual, transgender, queer, questioning and asexual«: lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer, unentschlossen und asexuell) Und ich folgte ihnen, als sie sich über die Vereinigten Staaten verstreuten. Ich verbrachte Zeit mit einer Gruppe von kothis: Menschen mit dem »Herz einer Frau im Körper eines Mannes«, die einen Tempel in einem südindischen Fischerdorf bei Pondicherry leiteten, aber auch mit transgender Softwareentwickler:innen, die im nahe gelegenen Bangalore für multinationale Konzerne arbeiteten. Ich sprach mit lesbischen Müttern in Mexiko und transgender Müttern in Russland, mit queeren Ägypter:innen in Straßencafés der Kairoer Innenstadt und queeren Palästinenser:innen in schicken Cafés in Tel Aviv und Ramallah. Ich nahm in Delhi und London, Tel Aviv und Mexico City an Pride-Paraden teil. Und ich folgte der neuen internationalen Elite von Aktivist:innen und Financiers, die in einer endlosen Kette von Treffen und Konferenzen in der Welt herumreisten und die Netzwerke aufbauten, die für die neue globale Agenda eintraten.
Ich wurde Zeuge einer besorgniserregenden neuen globalen Parallelentwicklung: Während gleichgeschlechtliche Ehen und Geschlechtsangleichungen in einigen Teilen der Welt als Zeichen der fortschreitenden Menschlichkeit gefeiert wurden, verschärfte man in anderen Teilen der Welt die Gesetze, um solche Handlungen zu kriminalisieren. Im Jahr 2013, demselben Jahr, als Großbritannien den Marriage (Same Sex Couples) Act verabschiedete, verkündete Nigeria das Gegenstück: den Same Sex Marriage (Prohibition) Act. Sogar die Klammern waren reaktiv. Das nigerianische Gesetz sollte die früheren kolonialen Unterdrücker provozieren, und der Titel war auf eine zynische Art vorbeugend: Er zog eine rhetorische Grenzlinie, indem er versprach, die nigerianische Gesellschaft gegen künftige Ansteckung aus dem Westen zu impfen. Das nigerianische Gesetz war das schärfste Anti-Homosexualitätsgesetz der Welt, mit Ausnahme der islamischen Scharia: Es sah nicht nur für Sex, sondern für jede Art von »homosexuellem Verhalten« oder dessen Befürwortung eine Mindeststrafe von 14 Jahren Gefängnis vor. Als Befürwortung galten auch Zusammenkünfte mit Menschen, die für homosexuell gehalten wurden, oder der Umgang mit ihnen.
So wurde eine pinke Linie gezogen: Zwischen den Ländern, die queere Menschen zunehmend als vollwertige Bürger:innen in ihre Gesellschaft integrierten, und denen, die neue Wege fanden, um sie auszuschließen, nun da sie sichtbar geworden waren. Auf der einen Seite der pinken Linie lagen die Länder, in denen die Frauen- sowie die Lesben- und Schwulenbewegung gesellschaftliche Veränderungen herbeigeführt hatten. Sie traten für die Rechte von LGBT-Menschen als logische Anwendung der von den Vereinten Nationen 1948 verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ein. Auf der anderen Seite standen die Länder, die diese Vorstellungen als Verletzung ihrer »traditionellen Werte« und ihrer »kulturellen Souveränität« verurteilten.
Einige Länder, wie etwa Russland oder Uganda, nutzten LGBT-feindliche Gesetze, um gegen die unaufhaltbare Flut der Globalisierung moralische Barrieren zu errichten. Andere, wie Ägypten, die Türkei und Indonesien, versuchten, ihre Rechtschaffenheit durch die Verfolgung von Transfrauen, der sichtbarsten Manifestation der aus dem Westen stammenden Unmoral, zu beweisen – im Fall von Indonesien sogar, obwohl die als Angehörige eines dritten Geschlechts verstandenen waria (Mann-Frau) schon lange Teil der dortigen Gesellschaft gewesen waren.8 Die Verfolgung wurde oft durch Gesetze gegen Prostitution, »Ausschweifung« oder »Landstreicherei« ins Werk gesetzt, aber wie Auntys Fall deutlich zeigt, war dies in Ländern, die bestehende Sodomie-Verbote vollstreckten oder verschärften, gar nicht notwendig, weil diese gegen jede behördlich als männlich geltende Person eingesetzt werden konnten, ungeachtet ihrer geschlechtlichen Identität.
Im Jahr 2018 änderte die Weltgesundheitsorganisation ihre Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, das wichtigste weltweit anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen: Sie nahm den neuen Begriff der »Geschlechtsinkongruenz«, der den alten Begriff der »Geschlechtsidentitätsstörung« abgelöst hatte, aus der Abteilung »psychische Störungen« heraus und ordnete ihn stattdessen dem Thema »sexuelle Gesundheit« zu. Unter Führung von Argentinien und Dänemark hatten einige Länder bereits damit begonnen, »selbstbestimmte« Geschlechtsumwandlungen zu legalisieren, was bedeutete, dass man dafür keine externe Diagnose oder Beurkundung mehr benötigte. In Südasien, wo es seit Jahrhunderten Third-Gender-Communitys gibt, erlebten Aktivist:innen durch die neue globale Transgender-Bewegung einen Aufschwung und konnten, unter Berufung auf die Verfassungen ihrer Länder, Erfolge bei der Anerkennung der Geschlechtsidentität erkämpfen.
Unterdessen war jedoch eine neue pinke Linie gezogen worden, die auf neuen Schlachtfeldern neue Fronten des Kulturkampfes eröffnete. In den Vereinigten Staaten verlief diese Linie durch Schultoiletten, als Behörden und Eltern vor Gericht zogen, um Transmädchen und -jungen daran zu hindern, die Toiletten zu benutzen, die ihrer Geschlechtsidentität entsprachen. Anfang 2018 versuchte Donald Trump, Transpersonen vom Militärdienst auszuschließen – laut New York Times ein Zeichen für seine »grausame Entschlossenheit, die USA in ein Land zu verwandeln, das seine Bevölkerung spaltet und entmenschlicht«.9 Später stellte die Trump-Regierung die Rechte und Chancen von Transpersonen zur Debatte, indem sie Geschlechtsidentität als »biologisch« und unveränderbar definierte.
In vielen Teilen der Welt durchkreuzte die pinke Linie, die man entlang von LGBT-Rechten zog, uralte gesellschaftliche Praktiken, mit Sexualität und Geschlechtervarianz umzugehen. Wie im Westen wurde Homosexualität im späten 20. Jahrhundert auch in Lateinamerika, Asien und sogar Afrika zunehmend als eine Identität verstanden, die Rechte und Anerkennung verdient, und nicht länger nur als ein Sexualverhalten, über das man nicht spricht. Auch eine andere Geschlechtsidentität zu haben als die einem bei der Geburt zugewiesene, wurde zunehmend als ein Menschenrecht betrachtet, dessen Wahrnehmung auch medizinisch und chirurgisch erleichtert werden konnte.
Diese Entwicklung eröffnete einerseits Chancen für Verbesserungen, brachte aber andererseits dort auch neue Schranken mit sich, wo westliche Vorstellungen von der Binarität der Geschlechter sich in Gesellschaften verbreiteten, in denen zuvor ein Verständnis von Geschlechtsidentität als etwas Fluides vorgeherrscht hatte. Plötzlich wurden jahrhundertealte Transgender-Kategorien wie waria in Indonesien oder goor-jigeen im Senegal mit dem neuen LGBT-Pinsel pink getüncht. In vielen Teilen der Welt gehen Männer Arm in Arm oder Hand in Hand: In Ländern wie Ägypten und Nigeria, in denen angesichts einer neuen Art von Menschen, die für sich Raum und Rechte forderte, eine moralische Panik ausbrach, wurden selbst diese traditionellen Gesten der Zuneigung verdächtig.
Wer in Dakar oder Lagos – oder Kairo oder Kabul – Satellitenfernsehen hat, kann hin- und herschalten zwischen US-amerikanischen LGBT-Kultserien wie Transparent oder Orange Is the New Black auf dem einen Sender und wahhabitischen Tiraden gegen die Auswüchse westlichen Unglaubens einschließlich Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit auf einem anderen. Man kann sich mit seinen Kindern darüber streiten, ob die schwulenfeindlichen Wutausbrüche auf dem Christian Broadcasting Network laufen sollen oder eine brasilianische Telenovela mit einer Nebenhandlung, die Homosexualität thematisiert. BBC, CNN und selbst Al Jazeera berichten über Pride-Paraden aus einer stetig wachsenden Zahl von Ländern, sogar aus Indien und der Türkei, oder von Kindern in den Vereinigten Staaten, die ihre Geschlechtsidentität ändern. Aber man kann auch den Massen von Katholiken in Frankreich und Lateinamerika zusehen, die gegen den neuen Feind der »Genderideologie« auf die Straße gehen – jenen vagen Sammelbegriff, der Sexualerziehung, gleichgeschlechtliche Ehe und Geschlechtsumwandlung einbezieht.
Im Zeitalter der Digitalisierung und der sozialen Medien finden sich bisher isoliert lebende Menschen plötzlich als Teil einer internationalen queeren Community wieder und können Kontakte knüpfen, anfangs in Chatrooms und später auf Dating-Apps oder in sozialen Netzwerken, und dort Ideen von persönlichen Freiheiten und Rechten herunterladen, die sie ermutigen, sichtbarer zu werden und in der Gesellschaft Raum einzunehmen. Aber auf denselben Plattformen können sich auch Mitglieder religiöser Gruppen vernetzen und weit jenseits ihrer jeweiligen Gemeinde oder Moschee Ideologien und Strategien austauschen. Religiöse Identität durchläuft genau wie sexuelle oder geschlechtliche Identität einen Prozess der Globalisierung, und ein Zusammenstoß der beiden war unvermeidlich.
An manchen Orten sorgt eine kulturelle Spaltung dafür, dass sich die Dinge zeitgleich in verschiedene Richtungen bewegen. In Malaysia scheint der konservative Islam an Boden zu gewinnen: Durch die Übernahme von Gesetzen der Scharia, die es unter anderem verbieten, »sich als Frau auszugeben«; durch Razzien in Schwulenbars und durch die Zensur von Ausstellungen und sogar, im Jahr 2018, durch die präzedenzlose Verurteilung zweier Frauen zu öffentlichen Stockschlägen wegen Lesbianismus, weil sie mit einem Dildo in einem Auto erwischt worden waren. Gleichzeitig jedoch setzen sich jüngere und urbanere Bürger:innen in Malaysia – wie auch an vielen anderen Orten – für die Rechte von LGBT-Menschen ein, um sich so als Teil des globalen Dorfes zu identifizieren. Als eine bekannte nationalistische Gruppe im Jahr 2017 zum Boykott von Starbucks aufrief, weil das Unternehmen für die Rechte der queeren Community eintritt, bekannten sich junge urbane Kaffeefans erst recht mit Leidenschaft zu dem »globalen Raum«, den die Kette bereitstellt. »Wir gehen zu Starbucks, weil der Kaffee gut ist, aber auch weil es zu der größeren Welt gehört«, informierte mich ein malaysischer Bekannter. In Indien geben sich Angehörige der Mittelschicht den Anstrich des Weltbürgertums, indem sie die Entkriminalisierung homosexuellen Geschlechtsverkehrs befürworten; in Mexiko und Argentinien tut man dasselbe durch die Unterstützung der gleichgeschlechtlichen Ehe.
Dieser Bewusstseinswandel hat sehr viel mit Massenmigration zu tun: Migration vom Land in die Stadt und grenzüberschreitend von einem Teil der Welt in einen anderen. Menschen finden sich plötzlich in Welten wieder, die ganz anders sind als die, in denen sie aufgewachsen sind und die außerhalb der Reichweite ihrer Sippen und Kirchengemeinden liegen. Weil sie vor Verfolgung fliehen oder ums Überleben kämpfen oder auch weil sie die Möglichkeit zu Besuchen oder Studienaufenthalten im Ausland nutzen, die sich ihnen durch Aufwärtsmobilität bietet, spüren viele erstmals, was »persönliche Autonomie« heißt: die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie nehmen ihre neuen Vorstellungen von sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität mit nach Hause und sorgen dort für radikale Veränderungen. Gleichzeitig reisen westliche Entwicklungshelfer:innen, Gesundheitsbeamt:innen, Aktivist:innen und Tourist:innen nach Süden oder Osten oder von der Stadt aufs Land.
All diese Bewegungen – über reale und virtuelle Grenzen hinweg, über Land und im Cyberspace – erzeugen bei Menschen auf der ganzen Welt ein neues Gefühl für Raum und Identität. Sie schaffen auch neue Herausforderungen, etwa wenn Menschen versuchen, von der Befreiung, die sie im Internet erleben, zurück zu den Begrenzungen ihrer Offline-Realität zu schalten oder vom ungebundenen Dasein in der Stadt zurück zu ihren Verpflichtungen in der Heimat. Sie produzieren neue Identitäten und Gruppen, die Rechte fordern – und auch panischen Widerstand. Sie lassen neue Horizonte entstehen, wenn sich in Gesellschaften neue Vorstellungen davon etablieren, was es bedeutet, eine Familie zu gründen, weiblich oder männlich zu sein, Mensch zu sein – und auch neue Ängste.
Die pinke Linie verläuft durch Fernsehstudios und Parlamente, durch Nachrichtenredaktionen und Gerichtssäle, durch Schlaf- und Badezimmer und sogar durch manche Körper. Sie spaltet Auntys Leben und das Leben vieler anderer auch.
Über sie zu schreiben, so scheint es mir, war meine Art, die Schuld der Liebe zu begleichen.
»Mr. President, […] haben Sie Präsident Sall gebeten, dafür zu sorgen, dass die Homosexualität im Senegal entkriminalisiert wird? Und Präsident Sall, […] Sie sagten gerade, dass Sie Demokratie und Freiheit schätzen. Werden Sie als neuer Präsident Ihres Landes daran arbeiten, dass Homosexualität in diesem Land entkriminalisiert wird?«1
Diese Fragen wurden Barack Obama und seinem Gastgeber, dem senegalesischen Präsidenten Macky Sall, auf der Pressekonferenz nach ihrem Treffen vom 27. Juni 2013 in Dakar gestellt. Dass über dieses Thema gesprochen werden würde, war klar: Am Tag zuvor waren Obama und sein Stab in Jubel ausgebrochen, als sie während ihres Flugs über den Atlantik die Nachricht erreichte, dass der Supreme Court den Defense of Marriage Act (DOMA) für teilweise verfassungswidrig erklärt und damit den Weg für gleichgeschlechtliche Ehen in den gesamten Vereinigten Staaten freigemacht hatte.
Geklagt hatte die über achtzigjährige Witwe Edith Windsor. Ihre Lebenspartnerin Thea Spyer, mit der sie 44 Jahre lang zusammengelebt hatte, war im Jahr 2009 gestorben. Der DOMA verbot die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen durch die US-amerikanische Bundesregierung. Windsor hatte geklagt, weil sie nach Thea Spyers Tod nicht die Steuervergünstigungen erhalten hatte, die Ehefrauen normalerweise zustehen. Der Fall löste ein enormes Medienecho aus. In der Begründung des Urteils schrieb Anthony Kennedy, der DOMA habe gleichgeschlechtliche Paare stigmatisiert, indem er einen »eigenen Rechtsstatus« für Homosexuelle gesetzlich verankert habe.
Im Jahr 1996, als der damalige Präsident Bill Clinton (unter Druck, wie er später sagte) den DOMA unterzeichnete, waren 68 Prozent der US-Amerikaner:innen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und nur 27 Prozent dafür. Im Jahr 2018, 22 Jahre später, hatte sich dieses Verhältnis umgekehrt,2 und Obama bezeichnete die Entwicklung zur »Ehe für alle« später »als die schnellste Veränderung durch eine soziale Bewegung, die ich je erlebt habe«.3 Er selbst hatte seine Meinung im Mai 2012 öffentlich geändert – nicht zufällig ein Jahr nachdem eine Gallup-Umfrage ergeben hatte, dass erstmals mehr US-Amerikaner:innen für die gleichgeschlechtliche Ehe waren als gegen sie. Nun, ein Jahr später, während des Flugs in den Senegal, gab der Präsident in der Air Force One eine Erklärung ab: »Die Gesetze unseres Landes holen auf und nähern sich der fundamentalen Wahrheit, die Millionen Amerikaner:innen im Herzen tragen: Wenn alle Amerikaner:innen gleich behandelt werden, egal, wer sie sind oder wen sie lieben, haben wir alle mehr Freiheit gewonnen.«4
Diese Freiheit herrschte im Senegal nicht. Homosexuelle Handlungen galten nach dem Strafgesetzbuch als »sittenwidrig oder widernatürlich«. Das entsprechende Gesetz war viele Jahre lang in Vergessenheit geraten, wurde nun aber wieder angewandt. Viele Dinge waren zusammenkommen: Die zentripetalen Kräfte der Globalisierung, die die Welt kleiner werden ließen, hatten aggressive Auslegungen des Islam aus der arabischen Welt in das muslimische Land in Westafrika gebracht, genau zu der Zeit, als die Aids-Epidemie dort wütete. Die Lage verschärfte sich in den folgenden Jahren, als Onlinemedien und Satellitenfernsehen dank ihrer immer größeren Reichweite Berichte über LGBT-Rechte und die gleichgeschlechtliche Ehe im Westen im ganzen Senegal verbreiteten.
Im Dezember 2008 war Senegals Regierung Gastgeber einer panafrikanischen Aids-Konferenz. Nun sprach man von »Männern, die Sex mit Männern haben« (MSM). Das Thema spielte auf der Konferenz eine wichtige Rolle. Viele der Teilnehmer:innen waren Mitglieder bei AIDES Sénégal, der MSM-Organisation des Landes. Unter senegalesischen Geistlichen und islamistischen Politiker:innen, die ohnehin schon durch sensationalistische Berichte über eine »Schwulenhochzeit« aufgepeitscht waren, löste die Veranstaltung einen Sturm der Entrüstung aus. Ein unheimliches Vorspiel zu dem Schicksal, das Tiwonge Chimbalanga ein Jahr darauf in Malawi ereilen sollte. Die Behörden reagierten, indem sie einen Workshop von AIDES Sénégal stürmten und die Anwesenden festnahmen. Neun Männer wurden zu je acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie angeblich ihre Arbeit zur Bekämpfung des HI-Virus als Tarnung genutzt hatten, »um Homosexuelle zu rekrutieren oder Treffen für sie zu organisieren«.5 Nach fünf brutalen Monaten im Gefängnis wurden sie freigelassen, weil nicht bewiesen werden konnte, dass tatsächlich Geschlechtsverkehr stattgefunden hatte. Doch ihre Leben waren ruiniert. Die meisten von ihnen flohen aus dem Land.
Die Lage hatte sich kaum verändert, als Barack Obama vier Jahre später noch ganz beschwingt von der Euphorie des liberalen Amerika über das Windsor-Urteil im Senegal eintraf. Ich hatte Dakar ein paar Monate zuvor besucht und mich mit wichtigen Aktivist:innen der LGBT-Bewegung getroffen, die voller Furcht im Untergrund lebten. Ein prominenter männlicher Journalist saß im Gefängnis ebenso wie viele Frauen: Wie fast die Hälfte aller weltweit gegen Homosexualität verabschiedeten Gesetze kriminalisierte auch das senegalesische lesbischen Sex.
Die Obama-Regierung hatte den globalen Schutz von LGBT-Rechten im Dezember 2011 zu einer Priorität ihrer Außenpolitik erklärt, als die damalige Außenministerin Hillary Clinton auf einer Konferenz der Vereinten Nationen in Genf ihr berühmtes Statement abgab: »Gay rights are human rights, and human rights are gay rights.«6 Obama wies US-Institutionen und -Behörden, die international tätig waren, an, »die Kriminalisierung von LGBT-Personen sowie ihres Verhaltens zu bekämpfen« und »auf Übergriffe gegen LGBT-Personen schnell zu reagieren«. Von da an wurde er vom Außenministerium regelmäßig über die Angelegenheit unterrichtet, und er war sicherlich auch darüber informiert, wie das Ministerium 2012 die Lage im Senegal beurteilte: »LGBT-Personen werden häufig verhaftet und werden Opfer von weitverbreiteter Diskriminierung, sozialer Intoleranz und Gewaltakten.«7
Nun, in dem prächtigen kolonialen Palais de la République in Dakar, sagte Obama bei der Pressekonferenz, er habe Edith Windsor aus der Air Force One persönlich angerufen und ihr gratuliert. Das Urteil sei »ein Sieg für die amerikanische Demokratie«.8 Das Thema Entkriminalisierung der Homosexualität sei bei seinem Treffen mit dem senegalesischen Präsidenten nicht angesprochen worden, fügte er hinzu. Obama wollte seinen Gastgeber nicht vor den Kopf stoßen und unterschied daher zwischen persönlichen Überzeugungen, Sitten und Traditionen, die »respektiert« werden müssten, und der Aufgabe des Staates, die darin bestehe, alle Menschen gleich zu behandeln. Schließlich verband er sein eigenes Eintreten für LGBT-Rechte ausdrücklich mit der Geschichte der rassistischen Diskriminierung in seinem Land: »Wir mussten einen langen und harten Kampf für die Bürgerrechte ausfechten, um dafür zu sorgen, dass [alle Menschen gleich behandelt werden].«
Als der senegalesische Präsident an die Reihe kam, brachte er ein Argument vor, das viele Politiker:innen verwenden, die die Forderung nach »universellen Menschenrechten« unter Berufung auf »traditionelle Werte« ablehnen: »Es kann kein Standardmodell geben, das auf alle Nationen anwendbar ist. […] Wir haben unterschiedliche Traditionen.« Dann forderte er einen befristeten Aufschub für sein Land: Er betonte (fälschlich), dass in seinem Land keine Homosexuellen verfolgt würden, meinte aber, dass die Gesellschaft Zeit brauche, um diese Probleme »zu verdauen«: »Der Senegal […] ist ein sehr tolerantes Land […], aber wir sind noch nicht bereit, Homosexualität zu entkriminalisieren.«9
Sall selbst war tatsächlich ein liberaler Befürworter der Menschenrechte. Er hatte sich zuvor positiv über die Entkriminalisierung geäußert, und im Vergleich zu anderen afrikanischen Staatsoberhäuptern war seine Stellungnahme gemäßigt, ja sogar ermutigend, weil sie auf Reformen hindeutete. Er stand jedoch unter dem Druck der islamistischen Lobby in seinem Land und musste unbedingt den Eindruck vermeiden, sich dem Westen zu beugen. Später brachte er seine Frustration in einem Interview mit der Zeit zum Ausdruck: »Sie haben die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in Europa ja auch erst seit gestern und verlangen es heute schon von Afrikanern? Das geht alles zu schnell. Wir leben in einer Welt, die sich langsam ändert.«10
Die Formulierung war vielsagend: Niemand – weder die Journalist:innen von der Zeit noch Obama, ja nicht einmal die senegalesische Menschenrechtsbewegung – hatte von Salls Regierung verlangt, gleichgeschlechtliche Ehen zu legalisieren. Man hatte ihn lediglich aufgefordert, das Strafrecht zu reformieren und den Geschlechtsverkehr zwischen Homosexuellen zu entkriminalisieren, weil das Gesetz im Senegal genutzt wurde, um Menschen zu diskriminieren.
Mir aber stachen noch zwei weitere von Salls Aussagen ins Auge, die mir helfen sollten, die in diesem Buch behandelten Fragen zu framen. Die erste lautete: »Wir leben in einer Welt, die sich langsam ändert«, und die zweite war die Behauptung, dass die Menschen, die im Senegal Veränderungen forderten, Außenseiter:innen seien: der Westen, also »Sie« und nicht die Senegalesen selbst.
Hatte er recht?
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Während ich über Salls Annahmen nachgrübelte, kam mir ein anderes Land in den Sinn, in dem eine pinke Linie gezogen wurde – in diesem Fall über die sich auflösenden Überreste des Eisernen Vorhangs hinweg: die Ukraine. Im Vorfeld der Maidan-Revolution von 2013 und der russischen Invasion auf der Krim 2014 rang das Land mit der Frage, ob es seine Bewerbung um eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union weiter betreiben oder sich der neuen »eurasischen« Zollunion Wladimir Putins anschließen sollte. Putin attackierte 2013 die EU und ihre Westausdehnung, und er tat dies mit der Behauptung, die »traditionellen Werte« der orthodoxen slawischen Gesellschaft gegen einen dekadenten säkularen Westen zu verteidigen. Ein wichtiges Element seiner dog whistle politics bestand darin, Europa als »Gayropa« zu bezeichnen.11 In der ukrainischen Hauptstadt Kiew errichteten Vertreter:innen des Kreml Plakatwände mit Händchen haltenden Strichmännchen und dem Spruch: »EU-Mitgliedschaft gleich Homo-Ehe«. Und im russischen Fernsehen, das viele Ukrainer schauten, gab es den beliebten gereimten Kalauer: »W Ewropu tscheres schopu« (»Der Weg nach Europa führt durch den Arsch«).12
Ein EU-Beitritt hätte tatsächlich eine Übernahme »europäischer Werte« erfordert, zu denen auch der Schutz von LGBT-Menschen gegen Diskriminierung und Gewalt gehört. Die Ukraine und Russland hatten (1991 beziehungsweise 1993) beide die Strafbarkeit von einverständlichem Geschlechtsverkehr zwischen erwachsenen Männern abgeschafft, eine Bedingung für die Mitgliedschaft im Europarat. Nun, da sich in diesen Ländern, in denen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Orientierungslosigkeit herrschte, eine neue politische und religiöse Elite zu etablieren versuchte, konnte der neue rechtliche Status – und die Sichtbarkeit – homosexueller Menschen als Ausdruck der allgemeinen Gesetzlosigkeit der postkommunistischen Ära interpretiert werden.
Dies war der Trend in einer Region, in der nativistische und nationalistische Politiker:innen die Rechte von LGBT-Personen für die Wiederherstellung einer Souveränität zu instrumentalisieren trachteten, die ihrer Ansicht nach an Europa abgetreten worden war. In Polen profitierten die Kaczyński-Zwillinge beim Aufbau ihrer antieuropäischen Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, PiS) in erheblichem Ausmaß von der Dämonisierung der blühenden LGBT-Bewegung ihres Landes. Besonders deutlich zu beobachten war diese Strategie während Andrzej Dudas letztlich erfolgreichem Wahlkampf um das Präsidentenamt. Und in Ungarn verfolgte Viktor Orbáns Fidesz-Partei dieselbe Strategie, etwa indem sie 2012 durch einen Verfassungszusatz gleichgeschlechtliche Ehen verbot. Sowohl in Polen und Ungarn als auch in Russland gehörte staatliche Homophobie zu dem übergreifenden Projekt der Verteidigung der nationalen Identität gegen Migrant:innen, die – neben der Sichtbarkeit von Homosexuellen – als eine negative Folge offener Grenzen betrachtet wurden.
Im selben Zeitraum, als Russland begann, gegen Migrant:innen, und zwar insbesondere gegen solche aus zentralasiatischen Ländern, vorzugehen, verabschiedete die Duma das Gesetz gegen Propaganda von nichttraditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen. Dieses sogenannte »Gesetz gegen homosexuelle Propaganda« verbot jede Erwähnung von Homosexualität in Gegenwart Minderjähriger, sowohl im Gespräch als auch in allen Medien, die diese lesen oder hören konnten. In der Folge kam es zu einer Welle heftiger Angriffe: Es kam zu Hexenjagden gegen Lehrer:innen, Angriffen auf Demonstrant:innen, und Homosexuellen wurden online Fallen gestellt, um sie zu entführen und zu foltern. Besonders schlimme Folgen hatte das Gesetz für Transfrauen, die als sichtbarste und freakigste Erscheinung westlicher Verkommenheit galten.
Die Kritik an dem Gesetz beweise nur den moralischen Bankrott Europas, schimpfte Präsident Putin im Dezember 2013. Die Tendenz des Westens, »das Recht eines jeden auf Gewissensfreiheit, politische Ansichten und ein Privatleben« anzuerkennen, bedeute eine Akzeptanz der »Gleichheit von Gut und Böse«.13 Als wichtigster Beweis für diesen Trend galt Putin die Normalisierung von Homosexualität: »ein direkter Weg zu Zersetzung und Primitivismus, der zu einer tiefen demografischen und moralischen Krise geführt hat«.14
Vor dem Hintergrund all dieser Ereignisse traf ich mich mit der führenden ukrainischen LGBT-Aktivistin Olena Schewtschenko. Sie berichtete mir, dass sie und ihre Mitstreiter:innen für ein viel bescheideneres Ziel als die Ehe für alle kämpften: Sie wollten ein an der russischen Vorlage orientiertes Gesetz verhindern, das gerade von russischen Erfüllungsgehilfen und ukrainischen Nationalist:innen vorgelegt worden war, und sie wollten sich um Schutz vor der ausufernden öffentlichen Gewalt gegen queere Menschen bemühen, die, wie im Senegal, durch deren größere Sichtbarkeit ausgelöst worden war. Einige ihrer Verbündeten in der ukrainischen Zivilgesellschaft vertraten im Gegensatz zu Schewtschenko allerdings die Ansicht, dass die Zeit noch nicht reif sei, über diese Dinge zu sprechen. Die ukrainische Gesellschaft sei nicht bereit für eine solche Diskussion. Diese könne sogar als Beleg für die Behauptung der Opposition missbraucht werden, die Ukrainer:innen würden zu Marionetten Europas degradiert.
Schewtschenko war eine Anwältin in den Dreißigern, die während der Februarrevolution von 2014 eine nur aus Frauen bestehende Militäreinheit anführen sollte. »Ja«, sagte sie zu mir, »ja, sie haben recht. Die ukrainische Gesellschaft ist wirklich nicht bereit für LGBT-Rechte. Das sehe ich auch so. Doch die LGBT-Menschen in der Ukraine lassen sich nicht mehr einschränken. Sie gehen online. Sie schauen fern. Sie reisen. Sie sehen, wie es sein könnte. Warum sollten sie nicht ähnliche Freiheiten haben? Warum sollten sie gezwungen sein, im Verborgenen zu leben? Die Welt ändert sich sehr schnell, und die Ereignisse überholen uns in der Ukraine. Wir haben keine andere Wahl, als es mit einer Aufholjagd zu versuchen.«
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Wer hat recht?
Der senegalesische Präsident Macky Sall mit der Überzeugung: »Wir leben in einer Welt, die sich langsam ändert«?
Oder die ukrainische Aktivistin Olena Schewtschenko mit der Ansicht: »Die Welt verändert sich sehr schnell. […] Wir haben keine andere Wahl, als es mit einer Aufholjagd zu versuchen«?
Beide.
Im 21. Jahrhundert ist die pinke Linie eher ein Gebiet als eine Linie. Sie ist ein Grenzgebiet, in dem queere Menschen versuchen, den Widerspruch zwischen der Befreiung und der Community, die sie etwa online oder im Fernsehen oder in Safe Spaces erfahren, und den Beschränkungen auf der Straße und am Arbeitsplatz, im Gerichtssaal und im Wohnzimmer aufzulösen. Die pinke Linie ist ein Gebiet, in dem queere Menschen jedes Mal die Zeitzone wechseln, wenn sie von ihrem Smartphone aufschauen und die um den Familientisch versammelten Menschen sehen oder wenn sie aus dem Underground-Nachtclub wieder in den oberirdischen Nationalstaat hinaufsteigen. In der einen Zone ist die Zeit beschleunigt, in der anderen ist sie gebremst. Wenn man sein Leben als Pendler zwischen den Zeitzonen verbringt, kann einen das ganz schön schwindlig machen.
Wie Aunty in ihrem neuen Heim in Tambo Village waren auch die anderen Menschen, die ich bei den Recherchen für dieses Buch kennenlernte, einer Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse unterworfen, die von der Kanzel bis zum Smartphone reichten. Aber wie Aunty, die ganz alleine darauf kam, eine chinkhoswe zu veranstalten, und die ihr Leben in Tambo Village selbst gestaltete, hatten auch diese anderen Menschen einen Handlungsspielraum. In dieser Hinsicht wenigstens hatte Olena Schewtschenko etwas verstanden, das Macky Sall nicht sehen konnte oder wollte: Der Ruf nach Veränderung wird vielleicht von externen Akteuren wie Barack Obama oder der Europäischen Union unterstützt, aber er wird von den Senegales:innen oder den Ukrainer:innen selbst erhoben.
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Dieses Buch ist in erster Linie eine Sammlung von Geschichten mit ganz einzigartigen Protagonist:innen, die an ganz bestimmten Orten ganz persönliche Entscheidungen treffen. Sie treiben ihre eigene Geschichte voran, und der Rest von uns – Aktivist:innen und Politiker:innen, Wissenschaftler:innen, Schriftsteller:innen und Leser:innen – versucht aufzuholen.
Aber dieses Buch ist auch eine Erörterung über das Thema, wie sich die Welt im 21. Jahrhundert verändert und warum dies geschieht. Es ist kein Zufall, dass sich die Vorstellung von LGBT-Rechten genau in dem historischen Augenblick weltweit verbreitete, als in der Ära der Globalisierung alte Grenzen fielen oder ihre Bedeutung verloren. Die Folge war eine rasante globale Verbreitung von Ideen bezüglich der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Geschlechtsangleichung. Aber gleichzeitig provozierte dieses Verschwinden von Grenzen eine heftige Gegenreaktion konservativer, patriarchaler und kirchlicher Kräfte, die den unvermeidlichen Kontrollverlust fürchteten, der ihnen durch diesen Prozess droht. Das ist die Dynamik entlang der pinken Linie, insbesondere an Orten, an denen Menschen zum ersten Mal als Schwule oder Lesben oder MSM oder Transpersonen in Erscheinung treten. In den meisten Gesellschaften haben sie schon immer existiert, wenn auch auf Arten, die manchmal umschrieben oder unterdrückt oder exzentrisch waren. Nun jedoch beanspruchen sie einen neuen Status, indem sie neue politische Identitäten annehmen. Und sie werden in eine größere geopolitische Dynamik verwickelt.
Bei den französischen Präsidentschaftswahlen von 2017 sagte die Kandidatin des Front National Marine Le Pen, die Welt sei nicht mehr in »links« und »rechts«, sondern in »Globalisten« und »Patrioten« geteilt. Sie verlor die Wahl gegen Emmanuel Macron (der betonte, dass er ebenfalls ein Patriot sei), aber anderswo auf der Welt errangen Politiker:innen mit ähnlichen Ansichten wie Le Pen große Siege. Donald Trump kam 2016 in den Vereinigten Staaten mit einer nationalistischen Agenda an die Macht und unterstellte den Befürworter:innen der Globalisierung, sie seien unpatriotisch. Im selben Jahr entschied sich Großbritannien in einer Volksabstimmung für den Austritt aus der Europäischen Union, und kurz nachdem sie ihr Amt als Premierministerin angetreten hatte, äußerte Theresa May den berühmten Satz: »Wer sich für einen Weltbürger hält, ist ein Bürger von Nirgendwo.«15 Sowohl die Trump-Revolution als auch die des Brexit, die im Jahr 2019 Boris Johnson an die Macht brachte, versuchten, wieder nationale Grenzen gegen den freien Verkehr von Waren und Kapital, insbesondere jedoch gegen den freien Verkehr von Menschen zu etablieren. Die neue Politik will nicht nur neue Mauern errichten, sondern behauptet auch, dass man die alten Mauern zu schnell niedergerissen habe.
Insbesondere in Europa ergänzen diese nationalistischen Bewegungen neuen Typs ihr Programm manchmal durch die Behauptung, nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Werte schützen zu wollen. Als Marine Le Pen 2017 für die französische Präsidentschaft kandidierte, schlossen diese Werte bereits die Rechte von LGBT-Personen mit ein. Der Mann, der dafür das Skript schrieb, war Pim Fortuyn, ein fanatischer Immigrationsgegner aus den Niederlanden, der 2002 ermordet wurde. Der offen schwule Politiker bekam große Unterstützung, als er behauptete, die Intoleranz von Muslim:innen gegenüber Homosexuellen sei eine existenzielle Bedrohung für die europäische Zivilisation. In seine Fußstapfen trat der rechtsextreme Geert Wilders, der sich diese Ansicht und das dazugehörige politische Programm zu eigen machte. Als ein muslimischer Mann mit psychischen Problemen im Juni 2016 in dem queeren Nachtclub Pulse in Orlando im US-Bundesstaat Florida 49 Menschen tötete, prangerte der damals im Wahlkampf befindliche Donald Trump den »radikalislamischen Terrorismus« an; und auch Wilders, in den Niederlanden ebenfalls im Wahlkampf, versuchte, von dem Anschlag zu profitieren, als er sagte: »Die Freiheit, die schwule Menschen haben sollten: einander zu küssen, zu heiraten, Kinder zu haben, ist genau das, was der Islam bekämpft.«16
Wilders verlor die Wahl, hatte aber großen Einfluss auf das Programm seiner Gegner. So kam es, dass sogar Mark Rutte von der liberal-bürgerlichen Volkspartei für Freiheit und Demokratie und seit 2010 Ministerpräsident der Niederlande öffentlich von einem »wachsenden Unbehagen [sprach], wenn Menschen unsere Freiheit missbrauchen, […] wenn sie Schwule belästigen, Frauen in kurzen Röcken anschreien oder normale niederländische Menschen des Rassismus beschuldigen. […] Wenn Sie unser Land auf eine derart fundamentale Weise ablehnen, wäre es mir recht, wenn Sie es verlassen.«17
In Frankreich tanzte Marine Le Pen auf beiden Hochzeiten: Sie sprach sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aus, nahm aber an den großen Demonstrationen gegen sie nicht teil. In einem Fernsehinterview bei einem Russlandbesuch im Jahr 2013 stimmte sie begeistert der Ansicht ihrer neuen Genoss:innen im Kreml zu und sagte: »Homophilie ist ein Element der Globalisierung.«18 Aber ihr Stellvertreter und Chefstratege war der schwule Florian Philippot, und sie warb 2017 offen um die Stimmen der schwulen Franzosen mit dem Argument, dass ihre Politik alles sei, was noch zwischen ihnen und dem muslimischen »Hass auf die Homosexuellen« stehe, wie sie es in einer Fernsehdebatte mit Emmanuel Macron formulierte.19
Andere rechtsgerichtete europäische Parteien folgten ihrem Beispiel. Im Jahr 2018 sagte ein Sprecher der flämisch-nationalistischen Partei Vlaams Belang (Flämische Interessen) in Belgien, seine Partei sei die schwulenfreundlichste im Land, weil alle anderen bereit seien, »Tausende von Muslimen zu importieren, die ausgesprochen gewaltsame Ideen haben, was schwule oder Transmenschen betrifft«.20 Die immigrationsfeindliche Alternative für Deutschland (AfD) spricht sich zwar gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aus und möchte die Sexualerziehung an den Schulen beschränken, gleichzeitig gehört aber mit Alice Weidel eine offen lesbische Frau zu ihrer Führung. Außerdem gibt es eine Gruppierung von Homosexuel
