Die Prämonstratenser - Ulrich Leinsle - E-Book

Die Prämonstratenser E-Book

Ulrich Leinsle

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Beschreibung

Im Jahr 1120/21 gründete Norbert von Xanten mit Prémontré die erste Gemeinschaft der Prämonstratenser. Er legte damit den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte, der die Prämonstratenser zu einem der wichtigsten und größten römisch-katholischen Orden regulierter Chorherren werden ließ. Ulrich Leinsle beschreibt eingängig den Ursprung, die Ausbildung der Ordensstruktur sowie die Glanzzeiten des Ordens im Mittelalter. Für den Orden folgten harte Zeiten, die im Zeichen von Reformation, Gegenreformation und Aufklärung standen. Von dort spannt der Autor den Bogen bis in die säkularisierte Gegenwart. Die Darstellung geht über die rein kirchengeschichtliche Perspektive hinaus, indem sie kulturelle und gesellschaftliche Leistungen des Ordens miteinbezieht.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Autor

Ulrich Gottfried Leinsle, geb. 1948, studierte Theologie und Philosophie in Augsburg, München, Innsbruck und Rom. 1970 trat er in das Prämonstratenserstift Schlägl in Oberösterreich ein. Nach Promotionen in Theologie (München) und Philosophie (Rom) habilitierte er sich 1985 für das Fach »Christliche Philosophie« an der Universität Innsbruck. Er lehrte Philosophie an der Katholisch-Theologischen Hochschule Linz und von 1989 bis zu seinem Ruhestand 2013 als Inhaber des Lehrstuhls für Philosophisch-Theologische Propädeutik an der Universität Regensburg. Seit 1997 ist er Präses der Historischen Kommission des Prämonstratenserordens, seit 2005 Mitglied der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters an der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Philosophie und Theologie des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sowie die Geschichte des Prämonstratenserordens.

Ulrich G. Leinsle

Die Prämonstratenser

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Umschlagbild: Auszug des Titelblattes des Breviarium Praemonstratense, Louka, Typis Lucensibus 1597, Stift Schlägl; von rechts nach links Augustinus, Norbert, Generalabt Jean Despruets, Generalvikar Abt Johannes Lohelius von Strahov, Abt Sebastian Fuchs von Louka/Klosterbruck und der Konvent vor dem Kloster.

Print:

ISBN 978-3-17-032389-6

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-032390-2

epub:    ISBN 978-3-17-032391-9

mobi:    ISBN 978-3-17-032392-6

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1 Eine neue Lebensweise (ordo)

1.1 Die Kanonikerreform des 11. und 12. Jahrhunderts

1.2 Norbert von Xanten und die Anfänge von Prémontré

1.3 Von der Lebensweise zum Orden

1.4 Theologische Rechtfertigung und Spiritualität

2 Ausbreitung im Wandel der Lebensformen

2.1 Wege und Probleme der Ausbreitung

2.2 Wandel der Lebensformen

2.3 Entwicklung der Institutionen

3 Von der Reform zur Reformation

3.1 Eigenart und Hindernisse der Reform

3.2 Reformzentren

3.3 Die Reformation und ihre Folgen

4 Katholische Erneuerung und barocker Glanz

4.1 Ordensreformen nach dem Tridentinum

4.2 Verinnerlichung der Reform

4.3 Französische Zentrale und regionale Differenzen

5 Von der Aufklärung zur Gegenwart

5.1 Die Klöster unter der Hoheit des Staates

5.2 Französische Revolution und Säkularisationen

5.3 Überleben und Restauration

5.4 Der Orden in der modernen Welt

Anmerkungen

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Register

Vorwort

 

 

 

Die Geschichte des eigenen Ordens zu schreiben, ist ein gewagtes Unterfangen. Allzuleicht mischen sich eigene Präferenzen und Wertungen oder apologetische Tendenzen in die Darstellung. Diese Gefahr ist um so größer, wenn der Orden im Jahr 2021 auf 900 Jahre seiner Existenz zurückblickt und geneigt ist, dieses Jubiläum in einem Gefühl der dankbaren Selbstbetrachtung zu feiern. Tatsächlich aber ist das, was heute vom Orden weltweit vorhanden ist, nur ein kleiner Rest, verglichen mit seiner ehemaligen Größe und Bedeutung.

Der Gefahr der eigenen Voreingenommenheit versucht die hier gegebene Darstellung so weit wie möglich dadurch zu entkommen, dass sie weder den Maßstab heutigen Ordenslebens in einer bestimmten Region an die Vergangenheit noch den eines angeblich idealen Anfangs an die späteren Epochen anlegt. Vielmehr soll jede Epoche und Region in ihrer Eigenständigkeit gerade im Wechsel der Lebensweisen gekennzeichnet werden.

Mein Dank gilt an erster Stelle meinem Regensburger Kollegen Prof. Dr. Klaus Unterburger, der diesen Band im Rahmen der »Geschichte der christlichen Orden« angeregt und begleitet hat. Das Manuskript wurden von meinen Mitbrüdern und Mitgliedern der Historischen Kommission des Prämonstratenserordens, Dr. Ludger Horstkötter, Hamborn, und Lic. Hermann Janssens, Averbode, kritisch gegengelesen. Beiden bin ich für viele Anregungen und Hinweise dankbar. Nicht zuletzt gilt mein Dank Frau Christine Eckmair für die sorgfältige Korrektur und dem Verlag W. Kohlhammer für die Annahme und Betreuung des Manuskripts.

Schlägl, im Advent 2019

Ulrich G. Leinsle O. Praem.

Einleitung

 

 

 

Der Prämonstratenserorden ist in mehr als einer Hinsicht eine geschichtliche Erscheinung, die nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen ist.1 Entstanden im 12. Jahrhundert aus der Gregorianischen Reform des Klerus und der Augustinusregel verpflichtet, gehört er zur Gruppe der Regularkanoniker (Chorherren). Diese verbanden gemeinsames Leben in Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde mit dem liturgischen und pastoralen Dienst an einer bestimmten Kirche und waren durch die Bischöfe oft in die Klerusreform der Diözesen eingebunden. Bereits die ersten Consuetudines (Gebräuche) um 1130 nahmen in Anlehnung an die Zisterzienser und an Gemeinschaften von Reformkanonikern zahlreiche monastische Elemente wie Stillschweigen, Handarbeit, Fasten und wollene Kleidung in weißer Farbe auf, die das mittelalterliche Erscheinungsbild des Ordens prägten.

Diese Mittelstellung zwischen Mönchen und säkularen Kanonikern war seit dem Mittelalter wiederholt Angriffen von außen, aber auch Diskussionen im Innern des Ordens um die Ausrichtung in einer vita mixta zwischen Kontemplation und Aktion ausgesetzt. Hinzu kommt, dass der charismatische Initiator des Ordens, Norbert von Xanten (vor 1080–1134), als Wanderprediger, Gründer von Prémontré (Diözese Laon, Frankreich) und Erzbischof von Magdeburg (ab 1126) einen anderen Lebensstil vertrat. Während sich die zu Prémontré gehörenden Klöster in ihren Gebräuchen den Mönchsklöstern annäherten, orientierte man sich in der Magdeburger Gruppe stärker an den bestehenden Kanonikerstiften, auch in Habit, Liturgie und Übernahme von Seelsorge. Eine Folge dieser Doppelung war, dass die an Frankreich orientierten Klöster Äbte als Vorsteher hatten, während die Magdeburger Stifte von Pröpsten geleitet wurden.2 Hinsichtlich ihrer Stellung waren aber beide Rechtsfiguren der Prälaten bis 1660 gleichgestellt. Durch die beiden Pole Prémontré und Magdeburg war die Einheit des Ordens und die oft beschworene Uniformität der Lebensweise von Anfang an prekär, zumal in Zeiten eines Schismas im Papsttum. Das als Integrationsinstrument gedachte jährliche Generalkapitel konnte diese Aufgabe kaum meistern.

Die Grundform eines Prämonstratenserstiftes ist die selbstständige Kanonie, im Orden wechselweise als Kloster oder Stift bezeichnet. Sie wurde von einem Mutterstift aus gegründet und stand unter der Aufsicht des »Vaterabtes«, d. h. des Abtes bzw. Propstes des Mutterstiftes, der auch das Visitationsrecht besaß. Es herrschte also ein Filiationsprinzip wie bei den Zisterziensern. Durch die weit entfernten Tochtergründungen und die reformierten säkularen Kanonikerstifte, die als Töchter von Prémontré betrachtet wurden, war die Überwachung der Observanz in der eigenen Filiation oft nicht mehr möglich. Deshalb wurde der Orden bereits im 12. Jahrhundert in Provinzen eingeteilt, Zirkarien genannt, die ein Circator im Auftrag des Generalkapitels zu visitieren hatte.3

Die nach dem Vorbild der Urgemeinde versammelte Gemeinschaft war zu Norberts Zeiten eine Gemeinschaft von Priestern, Laien (Konversen) und Frauen. Die Konversen stellten in der Zeit der zahlreichen »Bekehrungen« Adeliger den größten Teil der Konvente dar. Sie waren in der Wirtschaft des Klosters eingesetzt. Die Frauen, die ursprünglich oft in einem »Annexkloster« des Stiftes untergebracht wurden, wurden im späteren 12. Jahrhundert in eigene Frauenklöster mit strenger Klausur übersiedelt und teilweise in Chorfrauen und Laienschwestern (Konversen) unterschieden. Die Frauenklöster unterstanden der Aufsicht des Abtes des Männerklosters, der für sie ggf. einen Propst oder Prior bestellte. Die innere Leitung hatte eine Priorin oder »Meisterin«.

Die Struktur des Ordens in selbstständige Kanonien brachte es mit sich, dass sich die Zentralgewalt meist nur schwach ausbilden konnte. Diese bestand bis zur Französischen Revolution im Abt von Prémontré, der sich seit der Ordensreform des späten Mittelalters »Generalabt« nannte, und dem zunächst jährlich, seit 1630 in größeren Abständen tagenden Generalkapitel. Seit 1869 wird der jeweilige Generalabt vom Generalkapitel gewählt; seit 1937 hat er seinen Sitz in Rom.

Die weite Verbreitung des Ordens und die Eigenständigkeit der Kanonien bringen es mit sich, dass Gesamtdarstellungen der Geschichte des Prämonstratenserordens im männlichen (Erster Orden) und weiblichen (Zweiter Orden) Zweig selten und jeweils aus dem Blickwinkel einer regionalen Tradition geschrieben sind. Dies gilt ebenso für Basil Grassl aus dem böhmischen Stift Tepl4 wie für Norbert Backmund, der hauptsächlich die Einleitung zu den einzelnen Zirkarien aus seinem Monasticon Praemononstratense wiedergibt,5 und die umfassendste Darstellung der Geschichte und Spiritualität der Prämonstratenser von Bernard Ardura.6 Dieser unvermeidlichen Perspektivität ist sich auch dieser Band bewusst. Geschrieben von einem Angehörigen eines österreichischen Prämonstratenserstiftes, versucht er, der Eigenart und eigenständigen Entwicklung des Ordens in anderen Teilen Europas und in Übersee nach Möglichkeit gerecht zu werden. Der Schwerpunkt liegt aber im Hinblick auf die Leserschaft des Buches auf dem deutschen Sprachraum.

Über die Geschichte der einzelnen Klöster informiert das Monasticon Praemonstratense von Norbert Backmund,7 über die französischen Klöster ausführlicher Bernard Ardura,8 über die englischen Howard M. Colvin.9 Für die Gelehrtengeschichte des Ordens ist immer noch das bio-bibliographische Lexikon von Léon Goovaerts (1899–1916) unentbehrlich. Seit 1924 besteht im Orden eine Historische Kommission, die seit 1925 die internationale Zeitschrift Analecta Praemonstratensia herausgibt, in der wichtige Beiträge zur Geschichte des Ordens, Dokumente und Nachrichten über die neueste Literatur zu den einzelnen Häusern publiziert werden. Die Zeitschrift wird ergänzt durch die Buchreihe Bibliotheca Analectorum Praemonstratensium. Die frühneuzeitlichen Standardwerke von Jean Le Paige10 und Charles Louis Hugo11 wurden 1998/99 in der Reihe Instrumenta Praemonstratensia nachgedruckt.

1          Eine neue Lebensweise (ordo)

 

 

 

Die Prämonstratenser verdanken ihre Gründung nicht einer Strategie eines Ordensstifters, sondern kontingenten Ereignissen in der Biographie Norberts von Xanten1 und Eingriffen von außen. Sie sind in die gesamte Gregorianische Klerusreform des 11. Jahrhunderts2 hineingestellt und waren durch ihre neue Lebensweise (ordo)3 von Anfang an Gegenstand lebhafter Auseinandersetzung in der klösterlichen und katholischen Welt.

1.1       Die Kanonikerreform des 11. und 12. Jahrhunderts

Der vielschichtige Prozess der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts, die mit dem Namen des Papstes Gregor VII. (1073–1085) verbunden ist, erfasste, vom Mönchtum ausgehend, auch die Lebensweise und den Dienst der Kanoniker. Der Terminus canonicus bezeichnet dabei ursprünglich einen Kleriker, der in der verbindlichen Liste (canon) des Klerus einer Kirche eingeschrieben ist, für deren liturgischen Dienst er zuständig ist (so im Konzil von Clermont 535, canon 15). Damit verband sich jedoch sehr bald die Vorstellung von einem Kleriker, der nach den Canones, den Dekreten der Kirche, zu leben hat.4 Konkret sind damit die Kleriker an Dom- und Stiftskirchen (Kollegiatstiften) gemeint, im Deutschen meist Dom- bzw. Chorherren genannt.

Die Gregorianische Reform

Die Kirchenreform des 11. Jahrhunderts beinhaltet ein Reformprogramm mit verschiedenen Stoßrichtungen, aber einer gemeinsamen Grundlage: Wiederherstellung der ursprünglichen »apostolischen« Lebensweise der frühen Kirche, in der man einen Idealzustand erblickte. Dazu gehörte nicht nur die Loslösung der Kirche von weltlichen Herrschaften, die dann im sog. Investiturstreit zwischen Papst und Kaiser gipfelte, sondern auch ein neues Modell des kirchlichen Zusammenlebens in »apostolischen« Gemeinschaften, das besonders den reformbegeisterten Teil des Adels erfasste.5

Reformen in der Kirche haben es an sich, dass sie die bestehenden Verhältnisse abwerten, als »Verfall« hinstellen und – meist rückwärtsgewandt – eine »Erneuerung« aus dem Geist der Vorzeit oder Urzeit im Sinne einer Normativität des Ursprungs anstreben. Tatsächlich wird bei solchen Reformen aber nicht eine vergangene Zeit wiederhergestellt, sondern aus dem Rückgriff auf Vergangenes etwas Neues geschaffen. Insofern bedeuten Reformen meist auch eine Modernisierung und lassen sich aus der Sicht der Reformer als »Erfolgsgeschichten« lesen.

Im Mittelpunkt der Gregorianischen Reform stand vor allem das Leben der Kleriker als unmittelbare Träger und Repräsentanten der Kirche.6 Zu den zu beseitigenden »Missständen« zählte in den Augen der Reformer die im niederen Klerus verbreitete Priesterehe (Konkubinat, als »Nikolaitismus« nach Offb 2,6 bezeichnet). Zu diesem Zweck wurde in mehreren Synoden, z. B. Pisa 1022, der Zölibat der Kleriker mit Höheren Weihen eingeschärft, konnte aber nicht restlos durchgesetzt werden. Ein weiterer Kampf richtet sich gegen die Käuflichkeit geistlicher Ämter, Sakramente und Dienste, zumal aus Laienhand (Simonie nach Apg 2,8–24). Simonie wurde ebenso wie Nikolaitismus als Häresie gewertet. Der Kampf gegen die Laieninvestitur war eng damit verknüpft, d. h. die Einsetzung von Bischöfen durch die Landesherren – z. B. durch den Kaiser, die Könige von England und Frankreich – und die Verleihung von Kirchen durch die adeligen »Eigenkirchenherren«. Unter dem Schlagwort der »Freiheit der Kirche« wurde dieser Konflikt zum Ringen um die Vorherrschaft von Kaiser oder Papst. Letztlich ging aber das Papsttum gestärkt und in großem Selbstbewusstsein aus den jahrzehntelangen Auseinandersetzungen hervor, die mit den Konkordaten mit England und Frankreich 1107 und dem Wormser Konkordat 1122 beigelegt wurden. Das neue Selbstbewusstsein zeigte sich u. a. in einer Ausweitung des päpstlichen Primats, ausgeführt meist durch Legaten, in der Zurückdrängung des römischen Adels und der Unterstellung der Metropoliten unter die päpstliche Zentralgewalt.

Die Kanoniker

Die Kanoniker an den Dom- und Stiftskapiteln bildeten nicht nur einen herausragenden Teil des Klerus, sondern sie waren oft auch in die Leitung von Diözesen oder Sprengeln einbezogen. Die bis ins 11. Jahrhundert bestimmende Regelung ihrer Lebensweise war die sog. Aachener Regel (Institutiones Aquisgranenses). Ihr ging die Regel des Bischofs Chrodegang von Metz (742–766) für das gemeinsame Leben der Kleriker an seinem Bischofssitz voraus. An Benedikts Mönchsregel orientiert, gestattete diese den Kanonikern Verfügungsrechte über die in die Kirche eingebrachten und ihnen wieder zur Verfügung gestellten Güter und Mittel und die Führung eines eigenen Haushalts. Gemeinsam waren Chorgebet, Arbeit, Refektorium (Speisesaal) und Dormitorium (Schlafsaal) in Klausur.7

Die Reichssynode von Aachen 816 widmete sich u. a. der Neuordnung des monastischen Lebens. Dabei wurden Mönche und Kanoniker klar unterschieden und die bestehenden Mischformen und Mischregeln, auch die Chrodegangs, aufgehoben. Für die Mönche und Nonnen wurde die Benediktsregel zum alleinigen Maßstab erklärt. Für die Kanoniker und Kanonissen wurden eigene Bestimmungen erlassen, die den Rahmen ihrer Lebensweise absteckten. Diese wurden aus älteren Synodalbestimmungen und Kirchenväterstellen gesammelt. Die Institutio canonicorum sah ein gemeinsames Leben der Kanoniker in einem abgegrenzten Bereich mit Chorgebet und Pflege der Liturgie an der entsprechenden Kirche vor. Refektorium und Dormitorium sollten gemeinsam sein. Die einzelnen Kanoniker konnten jedoch über Privatbesitz und Pfründen verfügen. Sie legten keine Gelübde ab, sondern wurden nach entsprechender Anwartschaft in die Gemeinschaft der Kanoniker aufgenommen und darin mit einer Pfründe versorgt. An der Spitze des Kanonikerstiftes sollte ein dem Bischof (praelatus) unterstellter Propst (praepositus) stehen, der auch vom König ernannt werden konnte.

Die Synode nahm zwar zwei Sermones (355 und 356) von Augustinus über die Lebensweise der Kleriker auf, verlangte aber von diesen gerade nicht ein Leben in persönlicher Besitzlosigkeit (Armut). Die Essensrationen waren mit Fleisch, täglich vier Pfund Brot und bis zu vier Liter Wein, die an Festtagen je nach Vermögen des Stiftes aufgebessert werden konnten, so reichlich bemessen, dass sie dem Archidiakon Hildebrand, nachmals Papst Gregor VII., in einer polemischen Rede bei der Lateransynode 1059 wie für Zyklopen bestimmt vorkamen.8

In der Praxis konnte aber das gemeinsame Leben der Kanoniker mancherorts wegen des Widerstands der Kanoniker oder auf Grund der Besitzverhältnisse nicht durchgeführt werden, sodass es bei den einzelnen Dom- oder Stiftsherrenhöfen als Pfründen blieb und das gemeinsame Tun auf das Chorgebet beschränkt wurde.

Die Augustinusregel

Die Widersprüche zwischen den Bestimmungen der Aachener Regel und den ihr vorgeschalteten Sermones Augustinus’ waren offensichtlich. Sie störten die an der Lebensweise der Urgemeinde von Jerusalem nach dem Idealbild von Apg 4,32–35 orientierten Reformer. Als Alternative bot sich die sog. Augustinusregel an, die mit der gemeinsamen Lebensweise der Kleriker am Bischofshaus von Hippo in Einklang zu bringen war. Doch diese Regel war ursprünglich für Mönche geschrieben und lag in zwei Fassungen vor, die zwar nach heutiger Erkenntnis9 beide in Augustinus’ Umfeld gehören, aber unterschiedliche Adressaten haben. Der kürzere Ordo monasterii regelt ein Mönchskloster mit Handarbeit, Stillschweigen und einem vom römischen und gallischen ordo stark abweichenden Chorgebet. Er geht möglicherweise auf Alypius zurück. Das längere Praeceptum bietet kaum Regelungen für den Alltag, sondern stellt die geistlichen Grundlagen des gemeinsamen Lebens einer Mönchsgemeinschaft heraus, an erster Stelle die vita communis im gemeinsamen Haus in vollkommener Gütergemeinschaft, dann Gebetszeiten, Sorge für die Kranken und Schwachen, Ausgang und brüderliche Zurechtweisung und das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft in der spätantiken Gesellschaft mit je verschiedenen Ansprüchen. Werden beide Regeltexte zusammen überliefert, spricht man vom Praeceptum longius.

In einer wohl aus Reims stammenden Handschrift des 9. Jahrhunderts wird erstmals das Praeceptum allein (unter Elimination des Ordo monasterii) mit den genannten Sermones Augustinus’ über die Lebensweise der Kleriker in Verbindung gebracht. Es wurde deshalb seitdem nicht mehr als Mönchs-, sondern als Kanonikerregel betrachtet, galt als Lebensnorm des Bischofshauses von Hippo und konnte so eine strengere Alternative für Dom- und Chorherrenstifte zur Aachener Regel bilden. Wegen der inhaltlichen Unbestimmtheit ihrer Regelungen für den Alltag wurde die Regula Augustini jedoch von manchen lokalen Kommunitäten (z. B. Mortara, Lombardei) durch weitere Regeln ergänzt.10

Regularkanoniker

Die vom Mönchtum ausgehende Reform des 11. Jahrhunderts mit den Zentren Cluny und Hirsau erfasste bald auch die Kanoniker, die entweder aus eigener Initiative oder auf Drängen der Bischöfe ein gemeinsames Leben mit Gütergemeinschaft, teilweise unter der Augustinusregel, annahmen und darauf Profess ablegten, sich also zu Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam verpflichteten. So ließen sich z. B. in St-Ruf bei Avignon 1039 an einer dem Domkapitel gehörenden, ruinösen Kirche vier Priester nieder, um dort religiose leben zu können.11 Andere Gründungen gingen aus eremitischen oder semieremitischen Gemeinschaften hervor, die sich zu festen Institutionen zusammenschlossen, z. B. das Reformzentrum Springiersbach. Denn mit der monastischen Reform blühte auch ein neues Eremitentum auf,12 das auch Gelehrte wie Abaelard anzog13 und sich in monastischen Mischformen wie den Kartäusern und Kamaldulensern niederschlug.

Ein Meilenstein in der Kanonikerreform war die Lateransynode 1059, die u. a.von Archidiakon Hildebrand, Kardinal Petrus Damiani (um 1006–1072) und Bischof Anselm II. von Lucca (1036–1086) durchgeführt wurde, der in seiner Diözese das Domkapitel reformierte. Auch in Rom hatte sich eine Gemeinschaft von Klerikern gebildet, die nach dem Muster der Urgemeinde von Jerusalem in völliger Gütergemeinschaft lebte und darauf Profess ablegte.14 Im vierten Kanon der Synode wurde verlangt, alle Kleriker hätten neben der Kirche, für die sie geweiht worden sind, gemeinsam zu schlafen und zu essen, weiterhin alles, was ihnen von der Kirche zukommt, gemeinsam zu besitzen und sich zu bemühen, zu einem gemeinsamen Leben nach Art der Apostel zu gelangen.15 In der Praxis wurde allerdings den Dom- und Stiftsherren weiterhin ihre Präbende zugestanden. So entwickelte sich die Unterscheidung unter den Kanonikern in die canonici saeculares, die bepfründet waren und oft ihren eigenen Haushalt hatten, und die canonici regulares, die in Gütergemeinschaft eine vita apostolica in Armut, Keuschheit und Gehorsam nach einer Regel führten.

Die Übernahme der Augustinusregel war jedoch nicht das einzige Kennzeichen der neuen Kanonikergemeinschaft. Neben ihr finden sich in den Kanonikergemeinschaften weitere normative Texte, vor allem die jeweiligen Consuetudines und Zeremonienbücher. Das frühe Reformzentrum St-Ruf bei Avignon übernahm z. B. erst um 1080 die Augustinusregel in Form des Praeceptum, aber noch verbunden mit den sog. Consensoria monachorum aus dem 7. Jahrhundert.16 Die Consuetudines wurden für die Ausbreitung der Reform von einem Zentrum aus sehr bedeutsam, auch über den engeren Verband hinaus. So finden sich die Consuetudines von St-Ruf u. a. in Passau (St. Nikola) und im schwedischen Lund.17 Die Kanonikerreform sollte eine allgemeine Klerusreform einleiten. Dem diente auch die Ausbreitung eines Verbandes in mehrere Diözesen und Kirchenprovinzen, wie es beispielhaft an dem nach cluniazensischem Modell organisierten Verband von St-Ruf (mit Abt, Großprior und zahlreichen Prioraten in Südfrankreich und Katalonien) zu sehen ist.

Ein Zentrum der Kanonikerreform anderer Art war St-Victor vor Paris.18 Im nördlichen Frankreich waren St-Martin-des Champes in Paris (1059/60) und St-Quentin in Beauvais (1067) die ersten reformierten Kanonikerstifte, letzteres geleitet vom nachmaligen Bischof Ivo von Chartres (um 1040–1115). Auch bei St-Victor handelt es sich um eine kleine Kirche vor den Mauern der Stadt, allerdings in der Nähe zum König und dem geistigen Zentrum, den Schulen von Paris. An diese Kirche zog sich wohl 1111 der Archidiakon der Kathedrale von Paris und gefeierte Magister Wilhelm von Champeaux († 1121) zurück, um dort seinen Unterricht mit einem gemeinsamen Leben mit den Scholaren zu verbinden.19 Dank großzügiger Schenkungen und der königlichen Bestätigung von 1113 entwickelte sich aus dem Kloster das Stift St-Victor, das nach 1130 zum Mittelpunkt eines Kanonikerverbandes wurde, der nach zisterziensischem Muster mit einem Generalkapitel und Tochterstiften organisiert war. Noch bedeutender aber wurde der geistige Einfluss durch die berühmte theologische Schule mit den Kanonikern Hugo, Richard, Adam und Andreas, die nicht nur die scholastische Theologie, sondern auch die Bibelwissenschaft, die Spiritualität und die Dichtung entscheidend bereicherte.20

Im südlichen Deutschland waren die Bischöfe Altmann von Passau (1065–1091), Gebhard von Salzburg (1060–1088) und dessen Nachfolger Konrad I. (1106–1141) um die Reform der Kanonikerstifte bemüht.21 Unter Bischof Altmanns Einfluss gründete Herzog Welf I. von Bayern 1073 das Stift Rottenbuch, das zu einem Zentrum der Reform wurde. Dorthin zog sich auch Manegold von Lautenbach, in Paris ausgebildet, zurück, bevor er 1094 Prior des neugegründeten Stiftes Marbach im Elsass wurde und dieses dank seiner Consuetudines wieder zum Zentrum eines Netzwerkes von Reformklöstern machte. Nach Rottenbuch floh 1120 auch der ehemalige Augsburger Domscholaster Gerhoch von Reichersberg (1092/93–1169), der dann als Propst von Reichersberg (ab 1132) für die Kanonikerreform wirkte.

Ordo antiquus – Ordo novus: Zwei kanonikale Lebensweisen

Die Vielgestaltigkeit der Kanonikerreform brachte innerhalb der Bewegung eine weitere Differenzierung hervor. Manchen Kommunitäten genügte das flexible Praeceptum der Augustinusregel als Grundlage nicht, sondern sie orientierten sich zusätzlich am Ordo monasterii. Das Praeceptum longius übernahmen z. B. die Kanoniker von Arrouaise, eine Kanonikerkongregation, die um 1190 aus einer Eremitenkolonie entstanden war und unter der Leitung des späteren Kardinals Kuno von Preneste († 1127) stand.22 In derselben Fassung übernahmen die Kanoniker von Springiersbach, ebenfalls eremitischen Ursprungs, die Augustinusregel.23 Möglicherweise erhielt auch Gerhoch von Reichersberg 1126 in Rom von Norbert von Xanten ein Exemplar des Praeceptum longius für Rottenbuch, wo die strengere Form aber abgelehnt wurde.24 Schon 1121 ließ sich Bischof Konrad von Salzburg ein Exemplar des Praeceptum longius aus Klosterrath (Rolduc) kommen, um die strengere Observanz in seiner Diözese einzuführen.25 Oft ist jedoch nicht feststellbar, welche Regelform in der jeweiligen Kommunität verwendet wurde.

Traditionell werden die Regularkanoniker des 11. und 12. Jahrhunderts je nach Regelgebrauch unterschieden in den Ordo antiquus mit dem Praeceptum oder der Regula recepta, d. h. dem Praeceptum mit vorgeschaltetem erstem Satz des Ordo monasterii (»Vor allem, geliebte Brüder, soll Gott geliebt werden, sodann der Nächste. Denn das sind die Hauptgebote, die uns gegeben sind«26), und den Ordo novus mit dem Praeceptum longius. Die ausschließliche Bestimmung der beiden Lebensweisen nach den verwendeten Regeltexten greift aber, wie jüngere Forschungen herausgearbeitet haben, zu kurz, insbesondere wenn mit »alt« und »neu« Werturteile verbunden werden.27 Dies zeigt nicht zuletzt die Auseinandersetzung um die Regelfrage in den Jahren um 1120. Abt Pontius von St-Ruf (1116–1125) und Bischof Walter von Maguelone (1104–1129) brachten in ihren Briefen gegen den Ordo novus keineswegs eine laxe Gesinnung zum Ausdruck, sondern wehrten sich dagegen, ein Gesetz übernehmen zu müssen, »das weder unsere Vorfahren noch wir je tragen konnten« (vgl. Apg 15,10). Pontius wies aus Bibel, Kirchenvätern und kanonikaler Tradition die Berechtigung des Ordo antiquus nach. Er sah sich mit seinen Kanonikern auf einer Ebene und wollte sich nicht in die Höhen der extremen Asketen versteigen. Walter von Maguelone sah seine Observanz ganz in der Tradition der Römischen Kirche und wies die bisher unbekannten Neuerungen der radikalen Reformer fast in die Nähe von Häresie und Schisma.28

Eine zeitgenössisch näherliegende Unterscheidung der Kanoniker nach Weltnähe und Weltferne bietet der Libellus de diversis ordinibus et professionibus qui sunt in aecclesia (vor 1126), indem er drei Kategorien unterscheidet: Kanoniker, die sich fern der Welt ansiedeln, wie in Prémontré und St-Josse-au-Bois, solche, die sich in der Nähe von städtischen Zentren niederlassen, wie St-Victor in Paris und St-Quentin in Beauvais, und schließlich die sog. canonici saeculares, die in den Städten wohnen und dort an Kirchen tätig sind.29 Angesichts der oft unsicheren Regelobservanz sollten deshalb bei der näheren Bestimmung eines Chorherrenstiftes im Hinblick auf Ordo antiquus und Ordo novus auch eremitischer Ursprung und Seelsorge als Kriterien berücksichtigt werden.30

1.2       Norbert von Xanten und die Anfänge von Prémontré

Über Norberts Leben bis zu seiner Erhebung zum Erzbischof von Magdeburg (1126) sind wir nur durch wenige zeitgenössische Dokumente und drei narrative Quellen unterrichtet: die beiden hagiographischen und identitätsstiftenden Zwecken dienenden Viten Norberts, von denen die sog. Vita A aus dem Magdeburger Umkreis (ca. 1145–1161/64), die Vita B aus Prémontré (ca. 1152–1164) stammt, sowie die Bistumsgeschichte von Laon aus der Hand des Hermann von Tournai (vor 1147).31 Norberts angebliche Schriften sind alle unecht.32 Die genannten narrativen Quellen zeichnen ein Bild Norberts, das zwar in manchem Detail verschieden ist, aber in wichtigen Zügen übereinstimmt und durch weitere Dokumente gestützt werden kann.

Vom Höfling des Kaisers zum Wanderprediger

Nach neuesten Erkenntnissen wurde Norbert zwischen 1070 und 107533 wohl in Gennep im damaligen Niederlothringen als Sohn von Heribert Herr von Gennep und seiner Frau Hadwigis (Hedwig) geboren.34 Er hatte einen (wohl älteren) Bruder namens Heribert. Der nachgeborene Norbert wurde zum geistlichen Stand bestimmt und an dem bedeutenden Chorherrenstift St. Viktor in Xanten mit einer Pfründe versorgt. Schon früh kam er an den Hof des Kölner Erzbischofs Friedrich I. und an den Hof König Heinrichs V. Er hatte reichliche Einkünfte und Besitzungen. Nach Hermann von Tournai begleitete Norbert mit Erzbischof Friedrich König Heinrich V. auf seiner Romreise 1110/11, die in der Gefangennahme des Papstes Paschalis II. und seiner Kardinäle gipfelte.35

In das Jahr 1115 fällt Norberts »Bekehrung« vom weltlichen Hofleben zu einem streng gregorianischen Bußleben, das von den Viten nach dem Vorbild der Bekehrung Pauli dramatisch gestaltet wird, doch historisch nicht gesichert ist. Es begann jedenfalls eine Zeit intensiver Suche nach einem ihm angemessenen Lebensideal. Kurze Zeit hielt er sich im Kloster der Reformbenediktiner in Siegburg unter Abt Kuno auf. Entgegen den Bestimmungen des Kirchenrechts ließ sich Norbert in dieser Zeit von Erzbischof Friedrich am gleichen Tag zum Diakon und zum Priester weihen. Anschließend kehrte er nach Xanten zurück und erhob dort schwere Anschuldigungen gegen die Lebensweise der dortigen Stiftsherren. Die Suche nach einem ihm gemäßen religiösen Leben führte ihn u. a. zu den Reformkanonikern von Klosterrath und an die Mosel zum Einsiedler Liudolf und seinen Gefährten. Zwei Jahre verbrachte er als Einsiedler auf dem Fürstenberg bei Xanten, predigte aber auch in der Umgebung. Am 28. Juli 1118 wurde er deshalb vor einer Synode in Fritzlar angeklagt, aus eigener Vollmacht zu predigen und eine ordensähnliche Kleidung aus Schaf- und Ziegenfellen zu tragen, ohne jedoch Mönch zu sein.

Norbert wartete aber die Entscheidung der Synode nicht ab, sondern zog von dannen, übergab dem neu gestifteten Kloster auf dem Fürstenberg einige seiner Besitzungen und ging barfuß mit einem Bußkleid als Wanderprediger nach Südfrankreich. Im Wallfahrtsort St-Gilles traf er Ende 1118 Papst Gelasius II. und ließ sich von ihm die Predigterlaubnis erteilen. Im Frühjahr 1119 hielt er sich in Valenciennes in Nordfrankreich auf, wo er am Palmsonntag predigte. Wenige Tage später besuchte er seinen Schulkollegen und Freund aus höfischen Zeiten, Bischof Burchard von Cambrai, der ob seines äußeren Erscheinungsbildes entsetzt war. In Valenciennes schloss sich ihm ein Kleriker des Bischofs an, Hugo von Fosses, der später erster Abt von Prémontré werden sollte.36 Predigend und Frieden stiftend in den zahlreichen Fehden der Zeit zog Norbert nach dem Vorbild der Apostel durch Nordfrankreich und das südliche Belgien, begleitet vom Zustrom der Massen und dem Ruf eines Wundertäters. Zur Bestätigung seiner Predigterlaubnis durch den neuen Papst Calixt II. ging er im Oktober 1119 zur Synode von Reims und erreichte durch Bischof Bartholomäus de Joux von Laon eine Audienz. Der Papst beauftragte seinen Verwandten Bischof Bartholomäus, für Norbert zu sorgen und ihn mit nach Laon zu nehmen, wo er den Winter 1119/20 verbrachte und in der berühmten theologischen Schule Lektionen hören wollte, wogegen der monastische Eiferer Drogo, Prior des Benediktinerklosters St. Nikasius in Reims, heftig protestierte.37 Bischof Bartholomäus versuchte, Norbert zum Abt des Stiftes St. Martin in Laon zu machen, was aber am Widerstand der Stiftsherren und an Norberts radikalen Vorstellungen scheiterte. Den Plan, Norbert in seinem Bistum sesshaft zu machen, ihn in die Klerusreform der Diözese Laon einzubinden und ihn damit von der suspekten Wanderpredigt abzuhalten, verfolgte Bartholomäus de Joux aber weiter.

Gründung von Prémontré, erste Klöster, erneute Wanderpredigt

Nachdem Norbert mit Bischof Bartholomäus verschiedene Orte für eine mögliche Klostergründung mit eremitischem Einschlag besichtigt hatte, einigten sie sich im Frühjahr 1120 auf das Tal von Prémontré, ca. 20 km westlich von Laon, wo sich eine Johannes dem Täufer geweihte Kirche befand, die zur Benediktinerabtei St-Vincent in Laon gehörte.38 Doch Norbert ließ sich nicht an Prémontré binden, sondern zog im Frühjahr 1221 wieder auf Wanderpredigt und sammelte 13 Gefährten für seine neue Gründung. Unter diesen Gefährten befand sich Evermod, der spätere Bischof von Ratzeburg, den Norbert in Cambrai kennenlernte. Anders als Hermann von Tournai schildern die Viten auch die Anfangsschwierigkeiten einer noch ungefestigten und nach dem Vorbild der »neuen Eremiten« nicht auf eine Regel verpflichteten Gemeinschaft, die sich nur auf ein Leben nach dem Evangelium nach Art und Weise der Apostel (vita apostolica) geeinigt hatte. Wohl auch im Hinblick auf die kirchliche Anerkennung wählte Norbert die von den Reformkanonikern bevorzugte Augustinusregel in der Fassung des Praeceptum longius mit dem Ordo monasterii und dem Praeceptum.39 Da sie in ihren Einzelvorschriften relativ unbestimmt ist, mussten viele Bereiche des klösterlichen Lebens erst langsam institutionalisiert werden, so auch der Identität stiftende Habit aus weißer Wolle, den die Viten einerseits als Zeichen der Buße deuten, andererseits mit den Engeln als Zeugen der Auferstehung am leeren Grab verknüpfen.40 Bereits hier zeigt sich die für den Prämonstratenserorden dann typische Verbindung monastischer und kanonikaler Elemente. Auf diese Regel legte Norbert mit seinen Gefährten am Weihnachtsfest 1121 die Profess ab.

Doch schon vorher hatte er offenbar an einen weiteren Kreis von Klöstern gedacht. Denn im Herbst 1121, als der Klosterbau weit gediehen war, reiste Norbert nach Köln, um Reliquien für die neue Kirche zu holen, aber auch 30 Gefährten für seine Klöster anzuwerben. Auf dem Weg nahm er die Schenkung des Grafen Gottfried von Namur und seiner Frau Ermesinde an, aus der das Kloster Floreffe, die erste Gründung außerhalb des Bistums Laon, entstand. Die Schenkung wurde am 27. November 1121 beurkundet.41 In Köln traf er möglicherweise auch den jungen Grafen Gottfried von Cappenberg, der dann 1122 seine Burg Cappenberg Norbert und seinen Brüdern übergab und in das erste rechtsrheinische Kloster verwandelte.42

Kaum ließ die Winterkälte nach, zog Norbert 1122 wieder aus, um zu predigen, nicht mit dem Habit, sondern mit seinem alten Bußgewand bekleidet. Am 18. November 1122 konnte endlich die Kirche von Prémontré durch Bischof Bartholomäus de Joux konsekriert werden. Im Winter 1123/24 war Norbert persönlich in Cappenberg, während dieses von Friedrich von Arnsberg, Gottfrieds Schwiegervater, belagert wurde.43 Im Sommer 1124 predigte Norbert in Antwerpen gegen die radikalen Anhänger des gregorianischen Predigers Tanchelm († 1115) und erhielt die Abtei Sint-Michiels mit zwölf Klerikern, allerdings ohne die Pfarrrechte.44 Damit war ein Schritt von Prémontrés Einsamkeit in den Umkreis einer bedeutenden Stadt getan. Weitere Schenkungen folgten. Zwischen 1124 und 1126 wurde zudem das Kloster St. Martin in Laon von Bischof Bartholomäus Norberts Obhut übergeben. Am 28. Juni 1124 bekam Norbert in Noyon durch die päpstlichen Gesandten Gregorius Papareschi (nachmals Innozenz II.) und Petrus Leonis (nachmals Gegenpapst Anaklet II,) die päpstliche Bestätigung seiner Gründung in Prémontré und seiner Lebensweise als Regularkanoniker. Damit war die Gründung institutionell abgesichert, jedoch wegen der unsteten Lebensweise ihres Gründers immer noch gefährdet, wie sich bald zeigen sollte.

Von Prémontré nach Magdeburg45

Im Winter 1126 brach Norbert von Prémontré zu einer Reise auf, die ihn zunächst nach Regensburg führte, wo er die Brautwerbung des Grafen Theobald II. von Blois, seit 1125 auch von Champagne, für Mathilde von Kärnten zu einem Erfolg führte. Von dort zog er weiter nach Rom. Am 11. Februar 1126 erhielt er die päpstliche Bestätigung durch den neuen Papst Honorius II., allerdings nicht für seinen ordo, sondern für ein Leben nach der Augustinusregel und für seine inzwischen gegründeten Klöster,46 gefolgt von speziellen Urkunden für Cappenberg, Varlar und Ilbenstadt sowie Floreffe. Im Zug des Romaufenthaltes nahm Norbert auch an der Unterredung zwischen Honorius und Gerhoch von Reichersberg über die Klerusreform und die Regularisierung des Klerus teil.

Die Bestätigung war aber wohl nicht der einzige Grund seiner Romreise im Winter. Denn am 19./20. Dezember 1125 war Erzbischof Rutger von Magdeburg gestorben und Norbert wurde am Hof König Lothars III. als Nachfolger gehandelt. Dies wird auch durch Norberts Flucht aus Würzburg nach Ostern 1126 auf der Heimreise von Rom deutlich, um nicht dort zum Bischof gewählt zu werden. In Würzburg hatte er durch eine Blindenheilung so viel Aufsehen erregt, dass daraus schließlich durch Schenkungen die Gründung des Stiftes Oberzell 1128 erwuchs.47 Nach Prémontré zurückgekehrt, regelte Norbert die Verhältnisse in den neuen Klöstern St. Martin in Laon, Vivières und Clairfontaine. Doch bereits im Sommer reiste er mit Graf Theobald von Champagne ab, um dessen Braut einzuholen. Das eigentliche Ziel der Reise aber war Speyer, wo Norbert auf dem Reichstag im Juni/Juli 1126 zum Erzbischof von Magdeburg gewählt und von König Lothar belehnt wurde. Damit war Prémontré seiner leitenden Figur beraubt.

Norberts Tätigkeit als Erzbischof von Magdeburg und Reichsfürst nach seiner Weihe am 25. Juli 1126 betraf u. a. den weiteren Ausbau seiner Gründungen und seines ordo. Als radikaler Verfechter der Gregorianischen Reform hatte Norbert in seiner Bischofsstadt massiven Widerstand zu ertragen, der bis zu Mordversuchen führte. Ein Grund dafür war u. a. die Übertragung des Stiftes Unser Lieben Frauen in Magdeburg an seine Gefährten, die nach langwierigen Verhandlungen durch Norberts Urkunde vom 29. Oktober 1129 abgeschlossen wurde. Damit war in Sachsen ein zweites Zentrum des »norbertinischen« ordo geschaffen, das zunächst keine Bindung an Prémontré hatte, sondern allein von Norbert als Erzbischof von Magdeburg abhängig war. Die Übertragung wurde 1129 durch Papst Honorius II. bestätigt. Es folgte mit der Übergabe der Benediktinerabtei Pöhlde im Harz vor 1130 an Norberts Gefolgsleute erstmals ein Schritt über das Erzbistum Magdeburg hinaus in das Gebiet des Erzbistums Mainz. Seinem Stift Unser Lieben Frauen in Magdeburg übergab er 1130 das vor der Klosterkirche gelegene Hospital.

Mit der nächsten Klostergründung Gottesgnaden 1131 am Rand des Wendenlandes richtete Norbert den Blick nach Osten. Er gründete das Kloster als Vorposten zur Missionierung der Wenden und stattete es mit den beträchtlichen Gütern des sächsischen Grafen Otto von Reveningen aus. Bereits 1129 hatte Norbert seinen Gefährten Anselm zum Bischof von Havelberg geweiht, obwohl dieser Bischofssitz noch durch Einfälle der Wenden gefährdet war. Norbert betrachtet sich als Herrn des Klosters Gottesgnaden und setzte Amalrich als Propst ein, der allerdings bald ins hl. Land zog. Ihm folgte Evermod, der nur als Provisor eingesetzt wurde. Eine Bestätigungsbulle wurde nicht ausgestellt. Norbert selbst konnte sich um seine letzte Gründung und den stark heterogenen Konvent kaum kümmern, da er durch das Schisma von 1130 und durch seine diplomatische Tätigkeit für König Lothar sowie durch den Romzug von 1132/33 meist abwesend war. In ihren Gebräuchen und der Liturgie waren die Kanoniker von Gottesgnaden an das Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg als ihr Mutterkloster gebunden, nicht an Prémontré, womit die Bipolarität der Klöster, die Norbert als eine Art »Eigenkirchenherrn«48 unterstanden, überdeutlich wurde. Statt der wollenen und weißen Kleidung trug man in Magdeburg die in den meisten Kanonikergemeinschaften übliche Kanonikerkleidung aus weißem Leinen, das Superpelliceum, und darüber einen blau-schwarzen Mantel. Während in Prémontré der Ordo monasterii als Teil der Augustinusregel die Liturgie bestimmte, folgte man in Magdeburg und den davon abhängigen Stiften der Liturgie des Domes und des Xantener Stiftes.49

Im Oktober 1131 nahm Norbert am Konzil von Reims teil und erhielt Ende des Jahres die letzte päpstliche Bestätigung der Klöster Unser

Abb. 1: Ältestes gedrucktes Bild Norberts, zuerst gedruckt im Breviarium Praemonstratense, Straßburg, Johann Grüninger 1490, hier entnommen aus dem Missale Praemonstratense, Straßburg, Johann Prüss 1502/04.

Lieben Frauen und Gottesgnaden zusammen mit allen anderen Gütern des Magdeburger Bistums durch Innozenz II. In dieser Urkunde wird auch Posen als Suffraganbistum von Magdeburg aufgeführt, während es bisher zur Kirchenprovinz Gnesen gerechnet wurde. Im August 1132 begann König Lothar seinen Feldzug von Würzburg über Augsburg und Innsbruck nach Rom zur Vertreibung des Gegenpapstes Anaklet II. und zur Erlangung der Kaiserkrone. An diesem Romzug nahmen neben Norbert auch Bischof Anselm von Havelberg und Propst Johannes von Oberzell teil. Letzterer erhielt in Pisa am 20. Februar 1133 eine päpstliche Bestätigung seines Klosters und der kanonikalen Lebensform nach der Regel des hl. Augustinus durch Innozenz II. Für die Zeit des Aufenthalts in Italien im Juni und Juli 1133 erhielt Norbert auch die Würde und Funktion des (stellvertretenden) Erzkanzlers für Italien, da der Erzbischof von Köln abwesend war. Als Belohnung für seine Dienste zur Beilegung des Schismas wurde er vom Papst zum Metropoliten der polnischen Bistümer ernannt. Von Rom zog man wieder über die Alpen zum Reichstag nach Würzburg im September 1133. Über Basel, Mainz, Köln, Aachen (6. Januar 1134) und Goslar (25. Januar 1134) kehrte Norbert, bereits ernstlich erkrankt, nach Magdeburg zurück, wo er am 6. Juni 1134 starb und im Kloster Unser Lieben Frauen begraben wurde.

Charisma und Institution

Bereits Norberts Leben führt vor Augen, dass er nicht dem Idealtyp eines Ordensstifters entsprach.50 Dies wird auch in den Quellen deutlich. Während Hermann von Tournai die Gründung von Prémontré und Norberts Wirken als Erfolgsgeschichte darstellt und ihn über Bernhard von Clairvaux erhebt, führen die Viten (besonders Vita B) die Schwierigkeiten aus, in die Norberts Rückkehr zur Wanderpredigt und seine Wahl zum Erzbischof die junge Gemeinschaft in Prémontré stürzten. Die diesbezüglichen Urkunden ergeben zudem ein differenziertes Bild der Organisation der Norbert unterstellten Klöster.

Waren die Einigung in Prémontré auf die erweiterte Form der Augustinusregel und die Profess bereits mit Schwierigkeiten vor sich gegangen, so drohte nach Norberts Weggang die Gemeinschaft auseinanderzufallen.

Hinzu kamen die unterschiedlichen Organisationsformen und Besitzverhältnisse in den einzelnen Klöstern, die sich Norbert in der Urkunde Honorius’ II. übertragen ließ.51 Während Prémontré von Bischof Bartholomäus von Laon Norbert vollständig übertragen worden war, wurde die Eremitengemeinschaft von Clairfontaine nur seiner Obhut (cura) übergeben und 1131 eine eigene Abtei errichtet. Floreffe wurde Norbert vom Grafen von Namur übereignet, doch 1124 wurde den dortigen Brüdern vom Bischof von Lüttich das Recht der freien Abtswahl zugesprochen, was Norbert geflissentlich ignorierte. Cappenberg war Norbert und seinen Brüdern übergeben und die Übertragung 1123 durch Kaiser Heinrich V. bestätigt worden. Obwohl Norbert für Cappenberg 1126 eine eigene Papsturkunde für Varlar und Ilbenstadt ausstellen ließ, kam Cappenberg nach Norberts Tod in die Hand des Bischofs von Münster. Das von Otto von Cappenberg gegründete Varlar wurde Norbert wohl nicht übergeben, sondern kam schon 1129 an den Bischof von Münster, dem der Propst zum Gehorsam verpflichtet war. Ilbenstadt wurde von Gottfried und Otto von Cappenberg direkt dem Erzbischof von Mainz 1123 übereignet. Cuissy wird in den Urkunden Norberts nicht genannt, sondern erscheint erst 1132. Vivières wird zwar in der Urkunde von 1126 genannt, sein Status ist aber unklar. Die dauerhafte Reform des Stiftes St. Arnual bei Saarbrücken scheiterte wohl am Widerstand des Grafen Friedrich von Saarbrücken.52 Die Urkunde der Übergabe von Sint-Michiels in Antwerpen an Norbert ist verfälscht, ebenso problematisch erscheint die Urkunde der Übergabe von St. Martin in Laon. Norbert war also weit weniger als ein »Eigenklosterherr« der von ihm 1126 beanspruchten Stifte. Selbst bei den Gründungen im Osten war das nicht durchgehend der Fall.

Hinzu kommen die unterschiedlichen Lebensstile Norberts und seiner Gefährten in Prémontré und Magdeburg. Trotz Norberts armen Auftretens bei seinem Einzug in die Bischofsstadt war das Leben eines Kirchen- und Reichsfürsten mit den Reformvorstellungen seiner ersten Gefährten nicht vereinbar. Gottfried von Cappenberg sah in Magdeburg nur »weltliches Getriebe und Lärm« (seculi pompa et strepitus) und zog sich von Norbert zurück.53 Es dauerte auch bis 1128, bis Norbert durch eine Gesandtschaft aus Prémontré veranlasst wurde, seinen Gründungen im Westen, Floreffe (hier trotz des Rechts der freien Abtswahl) und Antwerpen eigene Äbte zu geben. Prémontré gestattete er aber eine freie Wahl, aus der sein Gefährte Hugo von Fosses als erster Abt hervorging. Dieser bestimmte dann nach der Vita A für Laon, Vivières und Bonne-Espérance eigene Äbte, die aber tatsächlich in Laon und Vivières schon früher geweiht waren.54

Frauen und Männer im Kloster und in der Welt

Während Norberts Viten über Frauen in seinem Umkreis schweigen, berichtet Hermann von Tournai, Norbert habe Scharen von Frauen zu Gott bekehrt, sodass zu seiner Zeit (vor 1147) schon mehr als (zehn-)tausend solcher Frauen in den Klöstern des Verbandes von Prémontré in strenger Abgeschiedenheit und harter Disziplin, mit einem hässlichen Kopftuch und rauen Gewändern gekleidet, Gott dienten.55 Auch wenn Hermanns Zahlen und seine Einschätzung wohl übertrieben sind, ist an der Tatsache der Frauen in Norberts Umkreis nicht zu zweifeln. Denn Norbert nahm nach dem Ideal der Urgemeinde von Jerusalem neben den wenigen Kanonikern auch Männer und Frauen als Konversen auf, deren Zahl die der (meist zwölf) Kanoniker um ein Vielfaches übertraf. Zwischen 1123 und 1136 bestätigte Bischof Simon von Noyon, dass sich Rikvera de Clastris mit ihrem in die Ehe mitgebrachten Besitz Norbert conversionis gratia überantwortet hatte und somit als Konversin dort leben wollte.56 Nach ihrer späteren Vita gab ihr Norbert den Schleier und nahm sie als Konversin auf. Nach kurzer Zeit schon wurde sie die Vorsteherin des in Prémontré errichteten Hospizes, eines pauperum Xenodochium.57 Damit ist auch einem Grundanliegen Norberts entsprochen, der nach Vita B seinen Brüdern die Gastfreundschaft ausdrücklich empfohlen hat.

Die ersten Frauenklöster wurden im Klosterareal des Männerklosters errichtet, jedoch räumlich getrennt und mit einem eigenen Zugang zum Nonnenchor (meist auf der Empore) sowie einem eigenen Refektorium versehen. Man spricht deshalb statt von einem »Doppelkloster« mit Bruno Krings besser von einem »Annexkloster«, dessen Leitung der Abt des Männerklosters hatte, dem auch die Priorin als Vorsteherin des

Abb. 2: Rikvera de Clastris, Stich Michael van Lochum 1539.

Frauenklosters unterstand.58 Die Lebensweise der Schwestern wird uns erstmals in den Consuetudines von ca. 113059