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Große Teile Hessens sind 1761, mitten im Siebenjährigen Krieg, von Frankreich besetzt. In diesem Jahr lernt Conrad, ein Handwerksgeselle auf der Wanderschaft, die Müllerstochter Emilia aus der Brücker Mühle kennen. Sie macht ihn mit einem berühmten Uhrmachermeister und Astronomen bekannt, der mithilfe einer geheimnisvollen Planetenuhr eine unheilvolle Prophezeiung abgibt. Um den Belästigungen eines Fahnenjunkers zu entgehen, flieht Emilia mit Conrad zur Mühle seiner Eltern im Badischen. Dort verstecken sie sich fast ein Jahr lang. Inzwischen weitet sich der Krieg in der Landgrafschaft Hessen wieder aus. Als die beiden zur Brücker Mühle zurückkehren, sind sie plötzlich mitten in einem schrecklichen Artilleriegefecht.
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Eric Dammsky
Historische Erzählung
Books on Demand
Die in diesem Buch vorkommenden Personen sind, soweit sie nicht historisch bedeutend waren, frei erfunden. Immer wenn Quellen zur Verfügung standen, wurden diese originalgetreu in die Rahmenhandlung übernommen. Die einfachen Leute und der niedere Adel, die im Mittelpunkt der Erzählung stehen, sind reine Fantasiegestalten, auch wenn es zeitlich und örtlich zur Handlung passende Persönlichkeiten gegeben haben sollte, die damals wirklich gelebt haben.
Die Erzählung spielt in der zweiten Hälfte des siebenjährigen Kriegs, in der Zeit von 1760 bis 1763.
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Der Winter des Jahres 1760/61 begann schon im November mit Schnee und Eis. Trotzdem war es im Mittel nicht mehr so kalt wie in den vorhergegangenen Jahren, in denen es extreme Kälteeinbrüche gegeben hatte. Das Ende einer kleinen Eiszeit, die über dreihundert Jahre gedauert hatte, zeichnete sich ab.
Conrad war fest davon überzeugt, noch nie eine so kalte Jahreszeit erlebt zu haben. Das lag vor allem daran, dass der zwanzig Jahre alte Handwerksgeselle auf der Wanderschaft stundenlang dem Wetter ausgesetzt war. Seine leichte Jacke schützte ihn nur wenig gegen den kalten Nordostwind. Der gelernte Müller war zwei Wochen vor Weihnachten, nach einer nur neun Monate langen Wanderung, zur Mühle seines Vaters im Badischen zurückgekehrt und dort nicht mit offenen Armen empfangen worden. Seine Mutter hatte sich sehr gefreut, sein Vater hatte ihm jedoch klar gemacht, dass er im Moment keine Arbeit für ihn habe. Ein Jahr mit Missernten lag hinter der Region. Nicht nur die Bauern waren betroffen, sondern auch die Müller, deren Mühlen nicht ausgelastet waren und die Bäcker, die kein Mehl hatten, um Brot zu backen. Als Folge des mageren Jahres herrschte Chaos und ein allgemeiner Mangel an Lebensmitteln. Sogar die Feudalherren verzichteten auf den Zehnt, wenn ihren Untertanen das Verhungern drohte. Nachdem als Folge des Dauerfrosts auch noch die Mühlbäche zugefroren waren, ruhte der Betrieb vieler Mühlen völlig.
Im deutschen Reich herrschte seit vier Jahren Krieg. Als Alliierte kämpften eine britisch-hannoversche Armee, Braunschweig und Hessen auf der Seite Preußens gegen die mit Österreich verbündeten Franzosen, Russen, Schweden und Sachsen. Der Krieg hatte sich an Schlesien entzündet und sich wie ein Flächenbrand ausgeweitet. Auch in den Kolonien in Übersee wurde gekämpft.
Fremde Heere mit Zehntausenden von Soldaten zogen durchs Land, deren Versorgung die Vorräte der Bevölkerung aufbrauchte. Wie Heuschreckenschwärme, die einen Landstrich erst wieder verließen, wenn er kahl gefressen war, verlegten die Heerführer ihre Truppen bei Versorgungsengpässen in Gebiete, die noch nicht ausgeplündert waren, oft ungeachtet militärischer Überlegungen.
Bei seiner Wanderschaft hatte Conrad besonders darauf geachtet, den berittenen Spähtrupps aus dem Weg zu gehen. Es war normal, dass herumziehende Handwerksburschen rekrutiert wurden. Oft wurden sie dazu gezwungen, die vorgefertigten Verträge zu unterschreiben, die ihre Zugehörigkeit zum Militär besiegelten. Viele von ihnen kamen in den Schlachten und Scharmützeln ums Leben.
Conrad lebte in einer Gesellschaft, in der die jungen Männer von zu Hause verstoßen wurden, sobald sie einen Handwerksberuf erlernt hatten. Die Zünfte in Stadt und Land wollten so den Wettbewerb steuern. Sich woanders niederzulassen, war ebenso schwierig wie im Heimatort. Um die Zuwanderung zu verringern, wurde die Zulassung zur Meisterprüfung durch unerfüllbare Auflagen erschwert. In manchen Berufen war die Prüfung so schwer, dass man sie unmöglich bestehen konnte.
Lange Wanderzeiten waren vorgeschrieben, in der Hoffnung, einen Teil der Handwerksburschen, die auf ihren Wanderungen vielen Gefahren ausgesetzt waren, nie mehr wieder zu sehen. Nach weniger als einem Jahr ins Elternhaus zurückzukommen, wie Conrad es gemacht hatte, war schon fast unehrenhaft. Eigentlich hätte er einen anderen Beruf als Müller lernen sollen, da immer nur der älteste Sohn die Mühle übernehmen konnte. Er liebte diesen Beruf jedoch über alles, auch wenn er mit großer Wahrscheinlichkeit sein Leben lang Mühlenknecht bleiben würde.
Die spontane Rückkehr nach Hause war in der gegenwärtigen Lage das Beste für ihn. Er hatte im vergangenen Jahr nur während des Sommers eine Anstellung finden können und war danach weiter nach Norden ins Hessische gewandert, wo die Dichte der militärischen Verbände stark zunahm. Nicht immer hatte er nach anstrengenden Märschen abends eine Bleibe finden können. Eigentlich war jede Mühle verpflichtet, ihm freie Kost und Logis für eine Nacht anzubieten. Durch die vielen wandernden Gesellen wurde er jedoch oft mit dem Hinweis abgewiesen, dass es keinen Platz mehr gäbe.
Dann kam der Winter früher als erwartet. Bei eisigen Nordostwinden wurde die Wanderschaft zur Qual. Immer wieder hörte man von Handwerksburschen, die draußen erfroren waren. Das entscheidende Erlebnis, das Conrad dazu brachte, wieder Richtung Heimat zu ziehen, war der Tod Ludwigs, eines Gesellen, dem er sich auf seiner Wanderschaft angeschlossen hatte.
Sie waren gegen Abend bei einsetzendem Schneefall in die Scheune eines Bauernhofs geschlichen, um dort zu übernachten. Da sie während des Tags nichts zu Essen bekommen hatten, kam sein Freund mitten in der Nacht auf die Idee, im Wohnhaus des Gehöfts nach etwas Essbarem zu suchen. Kurz danach waren verzweifelte Schreie und lautes Poltern zu hören. Der Geselle kam nicht zurück. Am nächsten Morgen setzte Conrad voller Angst seine Wanderschaft alleine fort. Eine Viertelmeile vom Hof entfernt fand er Ludwig schließlich blutüberströmt und erfroren abseits des Wegs in einem Wiesengrund an einem Bach liegen. Man hatte ihn erschlagen. Die vom Neuschnee schon fast zugewehte Spur eines Karrens hatte Conrad zur Leiche geführt. Es gab für ihn keinen Zweifel, dass sein Begleiter auf dem Bauernhof ermordet und hierher gebracht worden war.
In einer Zeit, in der nach verheerenden Schlachten oft Tausende von Toten im Gelände herum lagen, interessierte sich kaum jemand für eine einzelne Leiche. Die Menschen waren abgestumpft und niemand würde im besetzten Hessen diesen Fall untersuchen, um den oder die Schuldigen zu finden.
Conrad packte blankes Entsetzen. Schlagartig wurde ihm klar, wie wenig das Leben eines herumziehenden Gesellen wert war. Er nahm die Kundschaft des Freundes an sich, die dieser in einer Tasche auf der Brust trug und fasste spontan den Entschluss, zurückzur elterlichen Mühle zu wandern, um dort das Frühjahr abzuwarten.
Sein Vater hatte vor einigen Jahren den Betrieb an seinen ältesten Sohn Paul weitergegeben, dessen Frau und vier kleine Kinder ebenfalls in der Mühle lebten. Trotzdem bestimmte der alte Müller weiterhin, was zu tun war. Da es ein Erbpachtbetrieb war, hatte Conrads Bruder problemlos Pächter der Mühle werden können, die zu den Gütern des Markgrafen August Georg von Baden gehörte.
Die Familie war privilegiert und wohlhabend. Sie besaßen Land, auf dem sie Hühner, Tauben, Schweine, Ziegen, Kühe und zwei Ochsen hielten und mussten keinen Hunger leiden, da Conrads Vater einen Kornspeicher besaß, der trotz des herrschenden Mangels gut gefüllt war. Im Gewölbekeller unter dem Wohnhaus hingen Würste von der Decke, Hartkäseleiber lagerten auf Holzrosten und in blau und grau lasierten Tongefäßen waren Gurken, Bohnen und Kohl eingemacht.
Im Laufe seines Lebens hatte der Müller die beachtliche Summe von zweitausend Gulden gespart, die dazu dienen sollte, nach seinem Tod oder bei Heirat die Erbteile seiner Kinder auszuzahlen.
Von Conrads Geschwistern waren außer seinem Bruder nur noch zwei jüngere Schwestern im Haushalt, die sich den ganzen Tag plagen mussten und dafür nur ihr tägliches Brot und die Kleidung bekamen. Nur am Kirchweih- und Erntedankfest erhielten sie zwei Kreuzer vom Vater. Sie putzten sich heraus und hofften, beim Tanz um die alte Linde auf dem Marktplatz einen Mann zu finden.
Nach Feierabend versammelte sich die gesamte Familie an einem langen Eichentisch in der Wohnstube, um gemeinsam zu Abend zu essen. Bei dieser Gelegenheit hielt der Müller meistens eine kurze Ansprache, in der er die Aufgaben für den nächsten Tag verteilte. Danach sprach er ein Gebet. Alle Anwesenden mussten mit dem Essen warten, bis er sich den ersten Bissen in den Mund gesteckt hatte.
Conrad liebte das gemeinsame Abendessen, das ohne jede Hektik eingenommen wurde. Die Portionen wurden von der Müllerin zugeteilt und richteten sich nach der Schwere der Arbeit, die ein Familienmitglied leisten musste. Auch die Kinder saßen mit am Tisch, durften aber nicht sprechen, wenn sich die Erwachsenen unterhielten.
In der Wohnstube war es meistens angenehm warm, da sie zur Rauchküche hin geöffnet war. Dort brannte fast den ganzen Tag ein Feuer, das mit trockenen Ästen in Gang gehalten wurde. Die kleinen Schlafstuben im ersten Stock und Dach des Wohnhauses wurden nicht geheizt. In diesen Zimmern war es kaum wärmer als draußen. Jeden Morgen hatten sich durch den feuchten Atem dicke Eisblumen an den Fenstern niedergeschlagen.
»Wir brauchen wieder Brennholz!«, sprach der Müller Conrad an,
»du fährst morgen mit deinen Schwestern in den Wald und holst eine Fuhr, damit wir für den Rest des Winters nicht frieren müssen!«
Die Müllerin versuchte einen schwachen Protest gegen die Anordnung, da sie ihre Töchter im Haushalt benötigte, die Worte erstarben ihr jedoch unter dem strengen Blick des Müllers auf den Lippen.
Der nächste Morgen begann mit eisiger Kälte, die sich in der Niederung des Mühlbachtals gestaut hatte. Die Nacht war sternenklar gewesen und der letzte Funken Wärme in den am Boden liegenden Luftschichten ins Weltall abgestrahlt. Im Osten entwickelte sich ein schwach rötlicher Saum am Himmel. Die hellsten Sterne waren in der Morgendämmerung noch zu sehen. Conrad suchte den Himmel nach Auffälligkeiten ab, konnte aber keine entdecken. Viele Augen richteten sich im Moment Abend für Abend nach oben, wenn kurz nach Sonnenuntergang zwei hell leuchtende Sterne sehr nah beieinander standen und sich mit jedem Tag näher kamen, als würden sie bald zusammenstoßen. Es sah unnatürlich aus und machte den Menschen Angst. Ungewöhnliche Ereignisse am Himmel wurden als Vorboten großer Unglücke betrachtet. Für den Pfarrer des Dorfs waren sie eine willkommene Gelegenheit, seine Schafe von der Kanzel der Kirche zu mehr Frömmigkeit aufzurufen.
»Was die Bedeutung dieser beiden Sterne sei«, predigte er, »ist niemand besser als dem lieben Gott bekannt, der sei uns gnädig und strafe uns nicht nach unserem Verdienste!«
In diesem Punkt wusste Conrad ein wenig mehr als der Pfarrer. Die beiden hell strahlenden Sterne waren die beiden Planeten Mars und Venus.
Der junge Müllerssohn konnte im Gegensatz zu allen anderen Bewohnern der Mühle lesen und schreiben. Sein Vater war der Ansicht, dass wenigstens einer in der Familie diese Kunst beherrschen müsse und hatte seinen Sohn schon im Alter von sechs Jahren zu einem Lehrer geschickt. Mit zehn las Conrad begeistert die Bücher in der kleinen Bibliothek des Pfarrhauses. Der Müller und sein Sohn Paul waren keine totalen Analphabeten. Sie konnten die wichtigsten Begriffe schreiben und Zahlen addieren und subtrahieren. Anders hätten sie ihr Geschäft nicht führen können.
Seine Kenntnisse über Astronomie hatte Conrad bei einer Frau erworben, die im Dorf wohnte und Geburtshoroskope anfertigte. Trotz ihres christlichen Glaubens waren die Bewohner der kleinen Ortschaft wie versessen auf diese Weissagungen und es gab kaum eine Familie, die sie nicht angefordert hätte. Die Wahrsagerin hatte an der exakt in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Wand ihres kleinen Häuschens eine schwenkbare Latte angebracht, deren Winkel zum Horizont durch eine Gradskala angezeigt wurde. Damit konnte sie die Zenitdurchgänge der Gestirne messen. Sie besaß auch ein großes hölzernes Astrolabium. Conrad verbrachte jede freie Minute bei ihr, um sich die Funktionsweise ihrer Geräte und die Technik der Wahrsagung erklären zu lassen. Um ein Horoskop erstellen zu können, musste sie unter anderem wissen, in welchem Haus des Himmels die Planeten zum Zeitpunkt der Geburt gestanden hatten. Conrad lernte von ihr, wie man die Planeten am Himmel finden und identifizieren konnte. Er las auch in ihren alten Büchern und hatte bald ein außergewöhnliches Wissen über Astronomie und Astrologie. In einem der alten Schriften fand er einen mittelalterlichen Distichon, der die Bedeutung der Häuser erklärte:
Es lebt(I) reich(II) Bruder(III) Vater(IV) Kind(V), Krank(VI) Hausfrau(VII) alle Tods - Gesind(VIII), Und wandelt auch(IX) mit Herrlichkeit(X), Hat Glück(XI), wo Gefängnis nicht bringt Leid(XII).
Conrad hatte ein Problem mit seinem eigenen Horoskop, weil bei seiner Geburt der Drachenschwanz als Unglücksbringer im zwölften Haus gestanden hatte.
»Lass dich nie ins Gefängnis werfen und mach immer einen großen Bogen um den Schultheiß!«, neckte ihn die Wahrsagerin öfters.
Die Bewohner des Dorfs hielten sie für eine Hexe. Sie hatte das Glück, dass es in Baden keine Hexenprozesse mehr gab und dass sie gebraucht wurde.
Conrad musste an die Worte des Pfarrers denken, als er die beiden Ochsen vor den Wagen spannte und lächelte in sich hinein. Er glaubte an die Allmacht Gottes, war aber überzeugt davon, dass man viele als übernatürlich betrachtete Phänomene wissenschaftlich erklären konnte. Seine beiden Schwestern erschienen und brachten einen Kanten Brot und einen prall gefüllten Wassersack aus Ziegenleder mit. Sie waren in bester Laune und unterhielten sich flüsternd, wobei sie immer wieder in ein unterdrücktes, kicherndes Lachen ausbrachen. Die heutige Aktion war für sie eine schöne Abwechslung von der täglichen Hausarbeit.
Conrad lenkte das Gespann auf einen Feldweg, der Richtung Wald führte. Er saß auf dem schmalen Bänkchen des Heuwagens und trieb die Ochsen an, während seine Schwestern sich aneinandergeschmiegt auf die Ladefläche duckten. Im verschneiten Wald stieg das Gelände steil an. Der Weg verwandelte sich in einen Hohlweg. Conrad musste sich vorher überlegen, ob seine Zugtiere es schaffen würden, den Wagen den Hang hinaufzuziehen. Wenn er stecken blieb, würde es extrem schwierig werden, wieder umzukehren. An ein Wenden war in der engen Hohle nicht zu denken.
Die starken Ochsen schafften es mühelos, den Anhänger bis auf die flache Kuppe zu ziehen. Conrad stellte das Fuhrwerk ab und begann mit seinen Schwestern, trockenes Holz zu suchen. Durch die Schneedecke waren die kleinen Äste am Boden zugedeckt. Große, armdicke Prügel ragten jedoch aus dem Schnee heraus. Seine fleißigen Schwestern schleppten einen Ast nach dem anderen herbei. Er versuchte, besonders dicke Buchenstücke zu bergen, die lang brannten und eine satte Glut ergaben.
Conrad durfte nur Holz mitnehmen, das er auflesen konnte. Das Absägen von Ästen oder gar das Fällen der Bäume war in der Markgrafschaft Baden verboten. Trotzdem hatte er eine Säge dabei, mit der er abgestorbene Äste von umgestürzten Stämmen trennte und lange Prügel mittig teilte.
Eine Stunde nach der anderen verging, während eine kalte Sonne aufstieg, die sich gegen den grimmigen Winter nicht behaupten konnte. Um die Mittagszeit erhob sich ein scharfer Nordwind, der den Pulverschnee aufwirbelte und mit sich führte, um ihn an Hindernissen wieder fallen zu lassen. In kurzer Zeit waren Schneewehen entstanden. Auch die Furt, durch die das Gespann gefahren war, füllte sich langsam. Es wurde immer schwieriger, Holz aufzulesen. Der Wind blies so scharf, dass Conrad und seine Schwestern trotz der anstrengenden Arbeit jämmerlich froren. Obwohl der Anhänger erst zur Hälfte gefüllt war, entschied Conrad, wieder nach Hause zu fahren, auch wenn er wusste, dass ihm das Ärger mit seinem Vater einbringen konnte. Die Gesundheit seiner frierenden Schwestern war ihm in diesem Moment wichtiger. Er hätte seinen Entschluss eine halbe Stunde früher fassen sollen. Der Wind hatte sich zu einem heftigen Schneesturm gesteigert, der brüllend und wie ein Bote des Weltuntergangs durch den Hochwald rauschte.
Der Wagen sackte in der Furt in meterhohe Schneeverwehungen, in denen auch die Ochsen bis zum Bauch einsanken und in Todesangst erstarrten. Conrad nahm einen Knüppel und drosch auf die Tiere ein, die sich schließlich wieder frei strampelten und Boden unter die Hufe bekamen. Immer wieder stockte jedoch die Fahrt. In der Kiste unter dem Kutschbock befanden sich für solche Fälle zwei starke Seile, die Conrad an das Geschirr der Ochsen band. Seine Schwestern ergriffen das jeweils andere Ende, schlangen es über ihre Schultern und zogen vom Rand des Hohlwegs, bis sie fast vor Erschöpfung zusammenbrachen. Zum Glück ging es bergab. Conrad schlug weiter unablässig auf die Ochsen ein, bis nach über einer Stunde endlich der Feldweg erreicht war, der zur Mühle führte.
Bei ihrer Ankunft liefen alle Bewohner des Gehöfts zusammen, um zu helfen. Die erschöpften Mädchen, deren glühende Gesichter große weiße Stellen aufwiesen, wurden in die Rauchküche ans Feuer gebracht und dort mit warmen Umschlägen behandelt. Conrads Vater war glücklich, dass sein Sohn das Gespann wieder heil zurückgebracht hatte. Er holte eine Flasche selbst gebrannten Birnenschnaps aus dem Keller und schenkte allen ein Glas ein. Die Müllerin fing zu beten an und dankte Gott, dass er ihre Kinder verschont habe. Alle konnten sich noch daran erinnern, wie vor zwei Jahren die Familie eines Bauern beim Holz holen im Wald vom Schnee überrascht worden war. Einige Wochen später hatte man sie weit weg vom Dorf erfroren in einem Dickicht gefunden, in dem sie Schutz vor dem Schneesturm gesucht hatten. Sie mussten völlig die Orientierung verloren haben.
Der Winter blieb hart und der Mühlenbetrieb ruhte. Das bedeutete jedoch nicht, dass es nichts zu arbeiten gab. Die großen, hölzernen Zahnräder des Mahlgangantriebs waren verschlissen. Die einzelnen Zähne der Räder bestanden aus Eiche und waren längs zur Faser geschnitten, um eine maximale Festigkeit zu erreichen. Trotzdem waren einige abgebrochen oder an der Spitze zersplittert. Aus einem gehobelten Eichenbrett sägte Conrad mit Hilfe einer Schablone neue Zähne, die er dann noch glatt schliff und in Leinöl kochte. Das schwere Rad wurde dann von seiner Welle geschoben und mit einem Flaschenzug angehoben, damit die neuen Zähne eingesetzt werden konnten. Auch das Mühlrad, an dem lange Eiszapfen hingen, musste an einigen Stellen geflickt werden. Hier war vor einigen Jahren eine Magd von dem schmalen Steg gefallen und zerquetscht worden. Die Arbeit in der Mühle war gefährlich. Über die frei liegenden Räder und langen Wellen wurden große Kräfte übertragen. Eine Unachtsamkeit bei der Arbeit konnte tödlich enden.
Der Frühling deutete sich an. Von einem Tag auf den anderen wurde es wärmer. Krokusse und Schneeglöckchen schossen aus dem Boden. Dann folgten die Anemonen, die den Waldboden mit einem Blütenteppich überzogen. Die Mühle war wieder in Betrieb. Es gab jetzt, am Ende des Winters, einen großen Mangel an Mehl und die letzten Vorräte an Weizen- und Roggenkörnern wurden gemahlen. Manch ein Bauer verschätzte sich in diesem Jahr und behielt nicht genug Körner für die nächste Aussaat zurück.
Für Conrad war der Zeitpunkt gekommen, sein Elternhaus wieder zu verlassen. Er hatte ein Ziel: die Mühle seines auf der Wanderschaft umgekommenen Freundes Ludwig.
Die Mühle, aus der sein verstorbener Freund stammte, befand sich etwa fünf Tagesmärsche nördlich der badischen Heimat Conrads in einer Enklave des Erzbistums Mainz, umgeben von den Landgrafschaften Hessen-Cassel und Hessen-Darmstadt. Im Gegensatz zu vielen anderen Mühlen lag das größtenteils aus Stein erbaute Vierkantgehöft nicht in einem einsamen Wiesengrund, sondern an einer strategisch wichtigen Brücke über die Ohm, einem kleinen Fluss, der an dieser Stelle vierundzwanzig bis dreißig Fuß breit und fünf bis sieben Fuß tief war. Hier verlief eine der bedeutendsten Ost-West-Verbindungen im Reich, gekreuzt von einem wichtigen Nord-Süd-Handelsweg, was zur Folge hatte, dass um die Brücke herum ein kleiner Weiler entstanden war, zu dem außer der Mühle auch ein Wirtshaus, eine Bäckerei, eine Schmiede, eine Ziegelei und eine Zollstelle gehörten, an der die Waren der einreisenden Händler kontrolliert und verzollt wurden. In einem Nebengebäude der Schmiede arbeitete ein Stellmacher. An Reparaturen defekter Räder und Gestellen von Fuhrwerken und Kutschen gab es keinen Mangel.
Die Lage der Mühle war Fluch und Segen zugleich. Das Geschäft lief gut. Trotz der Konkurrenz von über zwei Dutzend weiterer Mühlen an der Ohm brachten auch weiter entfernte Bauern ihr Getreide vorbei, das zu einem sehr feinen Mehl gemahlen und gleich zu Brot verbacken werden konnte. Durch die vielen Reisenden, die hier durchkamen, gab es ständig einen hohen Bedarf an Brot. Andererseits kamen auch arme Landstreicher des Wegs, die eine große Geschicklichkeit darin besaßen, sich das, was sie nicht kaufen konnten, mit langen Fingern zu angeln. Das konnte auch schon mal ein Huhn sein, das frei herum lief. Der Müller hatte seine freien Wiesenflächen vor einigen Jahren mit einem hohen Holzzaun umgeben, um Räuber und Diebe fernzuhalten. Seitdem hatte er einigermaßen Ruhe.
Das Mühlengehöft befand sich am Fuß eines kleinen Berges aus Basalt, der vulkanischen Ursprungs war und ungewöhnlich steile Hänge hatte. Auf dem Plateau dieses stumpfen Kegels lag der mit einer Stadtmauer befestigte Ort Amöneburg mit seinem Schloss.
Durch die Lage direkt an der Ohmbrücke hatte die Mühle schon seit dem Mittelalter den Namen »Brücker Mühle«. Sie konnte nicht nur Getreide mahlen. Sowohl ein Sägegatter als auch ein schwerer Hammer waren mit der Hauptwelle des Mühlrads verbunden, an der ein eiserner Nocken angebracht war, der den Hammer erst anhob und dann wieder fallen ließ. Diese Vorrichtung wurde vor allem dazu benutzt, Eisen- und Messingbleche dünn und hart zu schmieden. Das Sägegatter, mit dem kleinere Stämme zu Bohlen zersägt werden konnten, wurde über eine Pleuelstange hinund hergeschoben. Im Gegensatz zu vielen anderen Mühlen hatte die Brücker Mühle auch im Sommer immer genug Wasser, um den Betrieb voll aufrechterhalten zu können.
Einige Meilen flussaufwärts lag der kleine Ort Schweinsberg, in dessen Mitte eine Burg auf einem Hügel aus Basalt thronte. Die Barone dieser Burg waren durch ihre jährlichen Einnahmen von 35.000 Gulden so reich, dass sie sich schon seit Generationen ein kostspieliges Hobby leisteten: Sie sammelten Uhren. Manche dieser Zeitmesser waren mit komplizierten astronomischen Anzeigen versehen und kosteten so viel wie ein ganzes Fachwerkhaus. Zur Wartung dieser kostbaren Tisch- Wand- und Standuhren hatte sich schon vor Jahrzehnten ein Uhrmacher im Ort niedergelassen, der sich auch um die Getriebe der umliegenden Mühlen kümmerte. Besonders eng war er mit der Brücker Mühle verbunden, wo er die für seine Uhren benötigten Messing- und Stahlbleche mit dem Hammerwerk auf die erforderliche Dicke und Härte hämmerte.
Der Uhrmacher und Astronom, der weit über die Region hinaus bekannt war und sich selbst nach einem bedeutenden Werk des Kopernikus »Commentariolus« nannte, war alt geworden. Der Weg zur Brücker Mühle wurde für ihn immer beschwerlicher. Sein letzter Geselle, der ihm noch bis vor einem Jahr die körperlich schweren Tätigkeiten abgenommen hatte, war nach seiner Meisterprüfung in seine Heimatstadt zurück gewandert.
Eine Familie hatte Commentariolus nie gehabt. Im Moment saß er oft allein am Fenster seiner Werkstatt und blickte hinaus auf die Dorfstraße, die nicht durchgehend gepflastert und an manchen Stellen durch die Schneeschmelze und längere Regenfälle stark aufge
