Irrlichter des Vergangenen - Eric Dammsky - E-Book

Irrlichter des Vergangenen E-Book

Eric Dammsky

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Beschreibung

Ein Student sieht plötzlich Bilder aus seinem Leben, die fünfzehn Jahre zurück liegen, ein Rockmusiker nimmt Kontakt mit einer Freundin auf, die er vor fünfundvierzig Jahren das letzte Mal gesehen hat und tausend Jahre alte Sagen werden plötzlich lebendig. Die zwölf Erzählungen des Buchs handeln nicht nur von Rückblicken und Erinnerungen, sondern auch davon, wie überraschend und manchmal gefährlich Vergangenes in der Gegenwart weiter wirken kann, wenn man sich darauf einlässt.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ähnlichkeiten mit wirklich existierenden Personen wurden in diesem Buch sorgfältig vermieden und wären rein zufällig

Inhaltsverzeichnis

Das Fenster im Turm

Die Mondgöttin

Die Mädcheninsel

Sevgi

Goldberg

Weil der Frank so was macht

Die ungleichen Schwestern

Die geschenkte Burg

Marsaillanais

Gold Rush

Der verlorene Sommer

Das verschüttete Gefühl

Das Fenster im Turm

Der viereckige Torturm der mittelalterlichen Burg hatte seine Bedeutung als Bollwerk gegen Feinde schon lange verloren. Jede moderne Kanone hätte ihn mit einem Schuss zertrümmern können. Weil er nicht mehr gebraucht wurde, war das durch eine Explosion im Dreißigjährigen Krieg weggesprengte Dach mit dem direkt darunter liegenden, schwer beschädigten Gewölbe nicht mehr aufgebaut worden.

Trotz dieser Schäden stand der Rest des Turms immer noch sicher auf einem massiven Torbogen aus präzis behauenen und schön profilierten Sandsteinen, durch den der gepflasterte Weg direkt auf das Gelände der Burg führte. Dem Turm vorgelagert war eine Brücke, die einen schmalen Graben überspannte, davor befand sich das Haupteingangstor in einer kleinen Vorburg.

Auch wenn die Anlage nicht mehr durch Angriffe feindlicher Heere bedroht war, war der Eingang mit einem schmiedeeisernen Tor verschlossen, durch das sich höchstens noch Katzen, Waschbären und Marder zwischen den Eisenstäben durchzwängen konnten. Die vielen Touristen, die vor allem in den Sommermonaten einen Abstecher zu der alten Ritterburg machten, kamen hier nicht weiter. Das Innere der Anlage blieb für die Öffentlichkeit verschlossen. Eine Tafel wies in knappen Worten auf die Geschichte der Burg hin und darauf, warum der obere Teil des Turms fehlte. Es sah aus, als habe ein gewaltiger Schwerthieb das Mauerwerk abgespalten. Tatsächlich war der Turm von innen heraus zerstört worden, da in seinem Gewölbe große Mengen Schießpulver für die Kanonen und Musketen gelagert hatten. Während des Dreißigjährigen Kriegs war die Burg mehrmals in die Hände der Feinde gefallen. Als sie wieder einmal von den kaiserlichen Truppen besetzt war, geschah das Unglück. Ein Feldwebel betrat das Gewölbe im oberen Stockwerk mit einem offenen Feuer, das ihm entglitt und zu Boden fiel, wo Reste alten Pulvers lagen, die sich sofort entzündeten und die Flamme direkt zu den Säcken mit Schwarzpulver leiteten. Eine verheerende Explosion war die Folge, die das Dach und eine Seite des Gewölbes absprengte. Die zentnerschweren Sandsteine flogen wie Geschosse durch die Gegend. Der unglückliche Feldwebel und eine junge Frau aus dem angrenzenden Burghaus kamen dabei ums Leben.

Sylvie kannte diese Geschichte, die ihr Großvater an langen Winterabenden erzählt hatte. Da das kleine Mädchen sie immer wieder hören wollte, hatte er die dramatischen Ereignisse, die fast vierhundert Jahre zurücklagen, immer mehr ausgeschmückt. Je mehr er aber dazu erfand, umso spannender wurde die Handlung. Die Zahl der beteiligten Personen wuchs und die Neugierde bei Sylvie nahm mit jedem Tag zu, mehr über deren weitere Geschicke zu erfahren. Obwohl der Großvater eine lebhafte Fantasie hatte, fiel es ihm manchmal schwer, seine Erzählung noch zu überblicken und für die einzelnen Personen sinnvolle Schicksale zu erfinden. Als er starb, hinterließ er eine halb fertige Geschichte, die in der Erinnerung Sylvies weiter existierte, die noch viele Fragen dazu gehabt hätte.

Der Torturm war früher auf beiden Seiten von mächtigen Steinhäusern flankiert, die einerseits zum Wohnen genutzt wurden, aber auch in das Verteidigungskonzept der Burganlage integriert waren. Nur eines dieser beiden Häuser, »Hermannsbau« genannt, gab es noch. Das andere war bei der Explosion des Turms so stark beschädigt worden, dass es abgerissen werden musste.

Sylvies Zimmer war das vordere, zur Durchfahrt gerichtete Eckzimmer des Hermannsbaus, von dem man einen freien Blick nach allen Seiten hatte und beobachten konnte, wer in die Burg hinein- und hinausging oder fuhr. Sie konnte von ihrem Zimmer die gesamte Vorderseite des Turms überblicken, über dessen Portal sich noch das alte, in Sandstein gefasste Fenster befand, von dem aus ein Wachposten früher den Eingangsbereich überwacht hatte. Das Fenster war nach dem Dreißigjährigen Krieg auf seiner Innenseite zugemauert worden. Es war nie verglast gewesen, hatte aber ursprünglich einen massiven Laden aus Eichenholz besessen, dessen Bänder aus Eisen wie Blumen über die Vorderseite rankten, wodurch der Laden nicht nur schön aussah, sondern auch eine große Festigkeit bekam.

Die gesamte Burganlage war von einer hohen Mauer umgeben, die durch den Torturm unterbrochen wurde. Hinter dieser Mauer folgte ein schmaler Streifen Land, dann kam eine weitere Mauer, die innere Zwingermauer. Die Idee dahinter war: Sollte der Feind jemals die äußere Mauer überwinden, so konnte man ihn von der inneren Zwingermauer aus noch viel besser bekämpfen. Der schmale Streifen Land zwischen innerer und äußerer Mauer hieß »Zwinger«. Er zog sich um die ganze Burg herum und war Sylvies bevorzugter Spielplatz. Ursprünglich war es nur eine Wiese gewesen. Im Lauf der Jahre waren aber Ahorne, Robinien und Büsche wild angewachsen, der Efeu war an den Gemäuern hochgeklettert und die Äste vom Zuschnitt der Sträucher waren zu großen Reisighaufen aufgeschichtet worden. Der Zwinger wurde zu einem Paradies für Vögel, die dort Nahrung und Nistgelegenheiten fanden. Von ihrem Vater hatte Sylvie gelernt, sie zu unterscheiden. Es gab außer den vielen Meisen auch Amseln und Grasmücken, Rotkehlchen, Zaunkönige, Wacholderdrosseln, Baumläufer und sogar die bunten Stieglitze. In den Wipfeln der größeren Bäume saß oft ein Schwarm Dohlen und einzelne Elstern oder Eichelhäher.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Turms, wo früher das andere Haus gestanden hatte, wuchs eine mächtige Eiche, deren verwinkelte, knorrige Äste schon das Dach des Hermannsbaus erreicht hatten und dort die Schieferplatten zu zerdrücken drohten. Sylvies Vater hatte bereits angekündigt, den Ästen im Frühjahr mit einer Säge zu Leibe zu rücken. Diese Vorstellung gefiel Sylvie überhaupt nicht, da die Eiche ein rätselhafter Baum war, der voller Geheimnisse steckte, wie ihr der Großvater erzählt hatte. In seiner Geschichte war, der Überlieferung folgend, außer dem unvorsichtigen Feldwebel auch eine junge Frau aus dem gegenüberliegenden Haus bei der Explosion ums Leben gekommen, die an dieser Stelle beigesetzt wurde. Auf ihrem Grab war die Eiche empor gewachsen. Wenn in klaren Winternächten der Vollmond durch die kahlen Äste in Sylvies Zimmer schien, konnte sie die junge Frau mit einem glitzernden, silbernen Gewand auf einer Astgabel sitzen und ihr Haar flechten sehen.

Sylvies Welt war so bestimmt durch das Wohnen auf der Burg, dass es ihr manchmal schwerfiel, den Alltag in ihrer Schulklasse zu ertragen. Als sie aufs Gymnasium kam, wurde es einfacher für sie. In der Grundschule im Dorf war sie wegen ihrer Verträumtheit und geistigen Abwesenheit oft gehänselt worden. Sogar die Lehrerin beteiligte sich an der Ausgrenzung, indem sie Sylvie vor der Klasse »Träumerle« nannte. Da ihre Klassenkameraden jedoch unbedingt zu ihrem Geburtstag auf die Burg eingeladen werden wollten, gab es auch einige, die sich bei ihr einzuschmeicheln versuchten. Es gab noch einen anderen Grund, weshalb sie sich in der Schule völlig sicher fühlen konnte: Andreas. Er war ein Junge aus dem Dorf, der aus einer der alteingesessenen Bauernfamilien stammte. Schon im Kindergarten hatte er Sylvie gegen die gemeinen Angriffe anderer Kinder verteidigt, die von zuhause aufgehetzt waren, es »denen von der Burg« einmal zu zeigen.

Als Andreas und Sylvie später in dieselbe Klasse des Gymnasiums der nahegelegenen Stadt gingen, vertiefte sich ihre Freundschaft immer mehr. Sie hatten ein gemeinsames Hobby gefunden: auf dem Gelände der Burg nach Schätzen zu suchen. Dem Sohn des Barons, Hubertus, der ein Auge auf die heranwachsende Sylvie geworfen hatte, war es ein Dorn im Auge, wenn die beiden mit Schaufel und Spitzhacke in den Zwinger ausrückten. Da der Zwinger zum Grund des Hermannsbaus gehörte, konnte er jedoch nichts dagegen unternehmen.

Andreas und Sylvie fanden meistens nur Scherben, die fast nie zueinander passten. Nur einmal konnten sie einen Krug wieder zusammensetzen. Dann stellte sich heraus, dass er höchstens fünfzig Jahre alt war. Andreas hätte gerne in der Nähe der alten Eiche gegraben, weil man, wie er gehört hatte, zwischen den Wurzeln alter Bäume die besten Funde machen könne. Sylvie war jedoch strikt dagegen, ohne ihm jedoch den Grund dafür zu nennen.

Der mangelnde Erfolg hielt die beiden nicht davon ab, nur noch umso verbissener nach Fundstücken zu suchen. Es machte einfach Spaß, in der Erde zu wühlen, auch wenn Sylvie manchmal daran denken musste, dass dieser Boden vom Blut hunderter junger Männer getränkt war, die hier gekämpft hatten und gestorben waren.

Es waren nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Sylvie saß an ihrem Schreibtisch, auf dem mehrere Schulhefte kreuz und quer lagen, die sie heute überhaupt nicht interessierten. Sie hatte Ferien. Ihr Blick wanderte über den Schreibtisch zum Fenster und hinaus zum verschneiten Torturm. Sie schloss die Augen und konnte in ihrer Erinnerung ihren Großvater vor sich sehen, wie er seine Geschichten erzählte und dabei immer wieder mit der Hand aus dem Fenster deutete.

Der erste Frost war erst spät in diesem Jahr gekommen. Einen Tag vor dem dritten Advent waren die Temperaturen über Nacht auf minus acht Grad gesunken. Es dauerte nicht lang, bis der weiche Boden im Burgpark und Zwinger steinhart gefroren war. Dann fiel Schnee, der auf dem kalten Untergrund liegen blieb, ebenso wie auf den Dächern und Mauervorsprüngen der Burganlage. Es gab kaum einen romantischeren Anblick. Aus dem weißen Belag vieler Pflanzen blinkten ihre frostharten Früchte, rot glänzende Hagebutten und die schwarzen Beeren des Efeus, die letzte Nahrungsquelle für die Vögel, die regungslos und aufgeplustert auf den schwarzweißen Ästen saßen, deren Schnee herunter rieselte, wenn sie aufflogen.

Sylvies Mutter hatte drei Kerzen des aus Tannenreisig geflochtenen Adventskranzes angezündet, der die Größe eines Wagenrades hatte und an vier breiten, roten Bändern über dem runden Wohnzimmertisch hing. Der Kranz war mit allerlei getrockneten Blüten und Früchten geschmückt. Sylvie hatte schon im Herbst von den Haselnussstauden Fruchtstände mit drei Nüssen gepflückt und sie später auf den Adventskranz stecken dürfen, dessen Gestaltung sonst ihrer Mutter vorbehalten war.

Sylvie rekelte sich auf ihrer Couch und blickte abwechselnd durch die geöffnete Tür auf den Kranz mit seinen ruhig brennenden roten Kerzen und hinaus in den Zwinger, wo ihr Vater ein Vogelhaus aufgestellt hatte. Es war ein Häuschen im alten Stil, mit Bast aus Haselnussästen zusammengebunden und von einem Strohdach geschützt. Es stand auf einem weit ausgreifenden Dreibein aus kräftigen Birkenästen, um nicht vom Wind umgeworfen zu werden. Jeden Tag ging Sylvie in den Zwinger, um es mit Sonnenblumenkernen zu füllen. Auf dem Boden verstreute sie klein geschnittene Äpfel.

Um die Mittagszeit herrschte Hochbetrieb an der Futterstelle. Meisen flogen im Sekundentakt von den umliegenden Bäumen im Sturzflug auf das Vogelhaus hinab, holten sich einen Kern und suchten sich dann einen Ast, wo sie ihre Mahlzeit ungestört aufhacken konnten. Auf dem Boden machten sich vor allem Amseln über die Äpfel her, aber auch einige Türkentauben, die aufpickten, was sie bekommen konnten.

Sylvie fand es schade, dass das Vogelhäuschen im Zwinger zu weit entfernt war, um seine Besucher von ihrem Zimmer aus genau beobachten zu können. Sie dachte darüber nach, wie sie die Vögel mehr in die Nähe ihres Hauses locken konnte. Es war ganz einfach. Sie musste nur Futter in das alte Fenster des Torturms streuen, dann würden die gefiederten Gäste sicher nicht lange auf sich warten lassen. Sie führte ihren Plan sofort aus und betrat den Turm über eine gotische Tür mit Spitzbogen, die mit ihrem zentnerschweren Rahmen aus fünf behauenen Sandsteinen die Explosion überstanden hatte. Es war der alte Zugang und Sylvie schauderte es jedes Mal, wenn sie durch diese Tür ging und den Raum betrat, in dem der Feldwebel sicher völlig zerfetzt worden war. Als sie schließlich hinter dem Fenster stand, wurde ihr klar, was sie ohnehin hätte wissen müssen: Das Fenster war auf seiner Rückseite zugemauert. Sie ließ sich nicht entmutigen und rief nach ihrem Vater, der ohne zu zögern Hammer und Meißel holte und ein kleines Loch in die Wand schlug, durch das Sylvie mit ihrem Arm langen konnte. Sie legte eine Hand voll Sonnenblumenkerne ins Fenster, ging zurück in ihr Zimmer und beobachtete ihr neues Vogelhäuschen. Es wurde langsam dunkel und kein Vogel ließ sich sehen. Enttäuscht ging sie ins Bett. Auch am nächsten Tag lag das Vogelfutter unangetastet im Fenster. Es dauerte bis zum Nachmittag, bis endlich zwei Spechtmeisen die Stelle gefunden hatten. Die schlauen Tiere holten sich einen Kern nach dem anderen und versteckten ihn gleich wieder in Mauerritzen. Immer mehr Vögel entdeckten jetzt die neue Futterstelle allein durch die Beobachtung ihrer Artgenossen. Um die Mittagszeit des folgenden Tages herrschte bereits ein buntes Treiben und Geflatter um das Fenster herum. Sylvie war begeistert, dass sie ihre Lieblinge jetzt so nah vor sich sehen konnte.

Ein Buntspecht kam vorbei, der an den Ästen der Eiche entlang lief, wobei er immer wieder die Rinde aufklopfte, um an die darunter sitzenden Insekten zu gelangen. Sylvie war begeistert von der Schönheit dieses Vogels, der unermüdlich Ast für Ast untersuchte. Er klopfte mit einer solchen Wucht, dass der Schnee von den Ästen über ihm auf ihn herab rieselte. Sylvie ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Es kam ihr so vor, als würde auch der Specht in Richtung ihres Zimmerfensters blicken, um sich zu versichern, dass sie ihn beobachtete. Dann lief der Vogel in Spiralen den Stamm nach oben bis an eine Gabelung. Dort hämmerte er wie besessen auf eine glatte, flache Stelle, die die Form eines Herzens hatte. Sylvie beobachtete ihn gebannt, sie hatte das Gefühl, dass gleich etwas Ungeheuerliches passieren würde. Dann quoll plötzlich Blut aus dem Loch, das der Specht geschlagen hatte. Es lief bis zur unteren Spitze des Herzens und sammelte sich dort, bis ein großer Tropfen abriss und nach unten fiel. Sylvies Wangen färbten sich rot vor Aufregung. Sie holte aus der Küche ein Glas und einen Löffel, eilte die breite Wendeltreppe hinunter in den Hof und von dort in den Zwinger. Sie hatte sich nicht getäuscht. Am Fuß der Eiche sah sie einen roten Fleck im Schnee. Sie nahm den Löffel und schöpfte den Tropfen mit dem umliegenden Schnee in das Glas, das sie anschließend mit einem Schraubdeckel verschloss.

Zurück in ihrem Zimmer stellte sie das Glas auf das Regal und betrachtete es mit einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht. Sie glaubte plötzlich, das alles schon einmal erlebt zu haben. Es war eine der vom Großvater erfundenen Geschichten. Sollte sie jetzt wahr werden?

Am nächsten Tag kam Andreas vorbei, um Sylvie während der Ferien etwas Nachhilfe in Mathematik zu geben. Sie erzählte ihm von den Ereignissen des Vortags und zeigte ihm das Glas mit dem blutrot gefärbten Schnee.

»Seit wann steht das da?«, fragte er.

»Seit gestern.«

»Das kann wohl nicht sein, der Schnee hätte in dem warmen Zimmer längst schmelzen müssen!«

Sylvie stutzte. Andreas hatte Recht. Sie nahm das Glas in die Hand und spürte, dass es eiskalt war. Sie schüttelte es etwas und zu ihrer Überraschung kam ein glänzend gefrorener, roter Tropfen zum Vorschein, der das Gefäß zu einem silberhellen Klingeln anregte.

»Das ist der Blutstropfen einer unerfüllten Liebe«, flüsterte Andreas, »ich habe darüber in einem alten Sagenbuch gelesen. Es gibt ihn also wirklich.«

»Könnte es etwas mit der jungen Frau zu tun haben, die bei der Explosion umgekommen ist?«

Andreas kannte die alte Geschichte, die in der Broschüre des Heimatvereins abgedruckt war.

»Natürlich, das ist es, sie musste sterben, bevor sich ihre große Liebe erfüllte! Nach der Sage schmilzt der Tropfen erst dann, wenn sich die Liebe einer auserwählten Person erfüllt, die in einem starken Zusammenhang zu der jungen Frau von damals steht.«

Andreas atmete tief durch.

»Du könntest diese Bezugsperson sein, weil du nach Hunderten von Jahren die erste Frau bist, die hier aufgewachsen ist.«

»Das stimmt!«, rief Sylvie aus, »der Hermannsbau war nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr bewohnt, sondern wurde wie eine Scheune genutzt. Bevor wir ihn renovieren konnten, mussten wir viele Fuhren Stroh und Holz abfahren.«

Sylvie war jetzt auch klar, woher ihr Großvater die Geschichte kannte. Er musste sie in dem alten Sagenbuch gelesen und an die Verhältnisse in der Burg angepasst haben. Sicher hatte er nicht daran gedacht, dass sie eines Tages wahr werden würde.

Andreas unterbrach ihre Gedanken.

»Du hast jetzt eine Art Talisman, einen gefrorenen Tropfen, der dir etwas über dein Leben sagen kann. Hebe ihn gut auf und beobachte ihn bei allen schwierigen Lebenssituationen, vor allem, wenn sie Freundschaft und Liebe betreffen. Ich hoffe für dich, dass er eines Tages schmelzen wird.«

Er machte eine kurze Pause und lächelte.

»Vielleicht bin ich dann der Grund.« Sylvie war zu verwirrt, um zu antworten und schämte sich, dass sie bei Andreas‘ Bemerkung rot angelaufen war.

In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie lag auf ihrer Couch und blickte hinaus auf die Eiche. Es war ungewöhnlich hell draußen. Der volle Mond jagte hinter schwarzen Schwaden, die aus einem Himmelsfeuer aus feuchtem Holz zu kommen schienen. Mal waren sie so dicht, dass sie die helle Scheibe völlig verdeckten, dann wieder erschien der silbrig glänzende Himmelskörper im Dunst mit einem seidenen Lampenschirm, bis er schließlich in kaltem, grellem Licht strahlte. So hell er jetzt auch schien, er konnte der Landschaft ihre Farben nicht entlocken. Die Eiche wirkte sogar noch unheimlicher. Ihre krummen Äste drehten und reckten sich, als wollten sie sich bis zum Himmel strecken. Eine gruslige Gestalt nach der anderen nahm der Baum jetzt an, doch es waren nur Sinnestäuschungen, die Sylvie narrten. Als sie in den Morgenstunden endlich eingeschlafen war, bogen sich die Äste des Baums auseinander und machten Platz für die junge Frau in ihrem silbernen Kleid, die es sich in der Astgabel bequem machte und lächelnd hinüber zu Sylvies Zimmer blickte. Dann flocht sie ihr langes blondes Haar zu einem Zopf, wobei sie eine wunderbare Melodie sang.

Dem Sohn des Barons, Hubertus, war der Besuch Andreas‘ nicht entgangen. Er war eifersüchtig auf den Bauernsohn, den er vor zweihundert Jahren noch einfach aus dem Weg geräumt hätte. Seine Vorfahren hatten mit unliebsamen Untertanen kurzen Prozess gemacht. Sie kamen ins Verließ, wo sie elend zu Grunde gingen oder wurden gleich umgebracht. Die Zeit des Feudalismus war aber vorbei. Hubertus musste sich zeitgemäße Maßnahmen einfallen lassen, wenn er den Nebenbuhler loswerden wollte. Er war nicht ganz chancenlos bei Sylvie, das wusste er. Als sie noch Kinder waren, hatte er sie manchmal ins Haupthaus der Burg mitgenommen, das zu einem Schloss umgebaut worden war. Die kleinen mittelalterlichen Fenster hatte man im 19. Jahrhundert erheblich vergrößert und bunte bleiverglaste Fenster eingesetzt wie in einer Kirche. Die Böden wurden mit Einlegearbeiten aus Nussbaumholz und Ahorn prächtig ausgestaltet und alle Räume bekamen eine umlaufende Täfelung. Die einzelnen Zimmer wurden mit wertvollen, alten Möbeln ausgestattet, antike Teppiche und die Ölgemälde der Vorfahren rundeten das Bild ab.

In diesem edlen Ambiente spielten die Kinder Karten, Brettspiele oder einfach Verstecken. Zum Nachmittagstee, den die ganze adlige Familie zelebrierte, gab es manchmal große Stücke eines köstlich schmeckenden Käsekuchens. Einer der Höhepunkte von Sylvies Aufenthalten im Schloss war, als die Baronin sie und Hubertus mit dem alten Richtschwert zu Rittern schlug.

Nach der Grundschulzeit war Hubertus auf ein Internat gekommen und der Kontakt zu Sylvie riss ab. Nur in den Ferien trafen sie sich noch manchmal. Jetzt, kurz vor Weihnachten, schien ihm der Zeitpunkt passend, Sylvie wieder einmal ins Schloss einzuladen. Sie war lange nicht mehr dort gewesen. Die Stimmung zwischen ihrem Vater und dem Baron war gespannt, da der Pachtvertrag für den Hermannsbau auslief.

»Die Pacht wird sicher wieder dreiunddreißig Jahre verlängert, der Baron hat nicht die Mittel, das Haus zurückzukaufen«, pflegte ihr Vater zu sagen, wenn das Schreckgespenst des auslaufenden Pachtvertrags hochkam. Vor einigen Monaten hatte aber die Baronin eine Erbschaft gemacht und es war nicht mehr sicher, ob die adlige Familie den Pachtvertrag verlängern würde. Schon allein deswegen, um vielleicht etwas über den Stand der Dinge zu erfahren, folgte Sylvie Hubertus‘ Einladung. Sie wurde sehr freundlich empfangen und Hubertus zeigte ihr die neu restaurierten Räume im Erdgeschoss. Kein Zweifel, die adlige Familie war zu Geld gekommen. Nach dem gemeinsamen Tee ging sie mit ihm durch den verschneiten Park.

»Es tut mir sehr leid«, sagte er.

»Was tut dir leid?«

»Dass mein Vater den Pachtvertrag für den Hermannsbau nicht verlängern wird.«

Sylvie erstarrte vor Schreck.

»Glaub mir, wenn ich zu sagen gehabt hätte, ich hätte den Vertrag verlängert, schon wegen dir.«

Sie begann zu weinen und Hubertus legte seinen Arm um ihre Schulter, um sie zu trösten. Sie stieß ihn weg und rannte davon.

Es war das traurigste Weihnachten seit dem Tod des Großvaters. Niemand hatte ernsthaft damit gerechnet, dass der Pachtvertrag nicht verlängert werden würde. Jetzt hatte die Familie nur noch wenige Monate Zeit, um auszuziehen. Im neuen Jahr begann Sylvies Vater sofort mit der Suche nach einer geeigneten Wohnung in der Stadt. Alle waren sich einig, dass sie nicht in der Nähe der Burg wohnen wollten, um nicht ständig an sie erinnert zu werden. Damit schieden vierzehn Ortschaften aus, von denen aus man die Burg auf ihrem Hügel sehen konnte. Die Stadt war die beste Lösung, da es eine Universität gab, auf der Sylvie nach ihrem Abitur studieren wollte. Außerdem befand sich dort der Arbeitsplatz ihres Vaters.

Sie fanden schließlich eine schöne Altbauwohnung mit hohen Decken und großen Fenstern in einem Haus im neugotischen Stil, ein Backsteinbau, der hundertfünfzig Jahre alt war. Sylvie blickte jetzt von ihrem Zimmer auf eine stark befahrene Straße, die auf beiden Seiten von parkenden Autos gesäumt war.

Ein Trost für sie war, dass sie Andreas immer noch täglich in der Schule traf. Er erinnerte sie aber auch an ihr verlorenes Glück, die Wohnung im Hermannsbau. Manchmal weinte sie plötzlich los, wenn sie ihn sah.

»Du darfst nicht so sehr an einem Ort hängen«, sagte Andreas, »es gibt viele schöne Plätze auf der Welt und du wirst später einmal den allerschönsten finden und bewohnen.«

Nach dem Abitur ging Andreas ins Ausland, um Architektur zu studieren. Sie sah ihn monatelang nicht mehr. Hubertus dagegen war nach dem plötzlichen Tod seines Vaters der neue Baron der Burg. Er blieb dort wohnen und studierte an der Universität der Stadt Rechtswissenschaften.

Sylvie wollte Lehrerin werden und wählte die Fächer Deutsch und Geschichte. Auch wenn sie keine gemeinsamen Vorlesungen mit Hubertus hatte, traf sie ihn öfters auf dem Campus der Universität. Er war immer freundlich und zuvorkommend und lud sie öfters in ein Café ein, das im Lauf der Zeit zu ihrer Stammkneipe wurde. Es schmeichelte Sylvie, von dem jungen Adligen hofiert zu werden, sie fürchtete nur den Augenblick, an dem Hubertus ihr gestehen würde, dass er mehr wolle, als nur eine Freundschaft. Es war auch nicht ausgeschlossen, dass er ihr einen Heiratsantrag machen würde. Als Hubertus‘ Frau würde sie zur Baronin und in die Burg einziehen. Der Hermannsbau stände ihr wieder offen.

Sylvie konnte diesen verwirrenden Gedanken nicht mehr zurückdrängen. Unbewusst verwandelte sich der Reiz einer solchen Verbindung in Gefühle für Hubertus. In ihrem Zimmer stand immer noch das Glas mit dem Schnee und dem gefrorenen Tropfen. Sie nahm es in die Hand und spürte, dass es unverändert eiskalt war. Der gefrorene Tropfen schlug jetzt wie der Klöppel einer gesprungenen Glocke gegen die Wandung des Glases. Es war kein schöner Klang mehr, sondern ein Scheppern. Wie sollte sie diesen Missklang deuten? War sie auf dem falschen Weg und wenn: Welches war der richtige Weg? Sie wusste es nicht.

Hubertus hatte Geburtstag und plante ein großes Fest in der Burg, zu dem er auch Sylvie einlud. Sie hatte sich auf diesen Tag vorbereitet und geschworen, eine solche Einladung abzulehnen. Als Hubertus sie mit seinem charmantesten Lächeln fragte, hörte sie sich selbst »Danke, ich nehme die Einladung gerne an« sagen.

Hubertus hatte nicht geglaubt, dass die junge Frau kommen würde. Als sie schließlich am schmiedeeisernen Tor klingelte, ging er selbst hinunter, um sie hereinzulassen. Sylvie wühlte das Wiedersehen mit dem Ort ihrer Kindheit sehr auf. Hubertus nahm ihre Hand und führte sie durch den verschneiten Zwinger und Park.

»Magst du dein früheres Zimmer sehn?«

Sylvie nickte. Mit wild klopfendem Herzen betrat sie die ehemalige Wohnung ihrer Familie. Die Räume waren völlig leer, so wie ihre Familie sie verlassen hatte.

»Ich weiß nicht, welche Pläne mein Vater mit dem Hermannsbau hatte«, entschuldigte sich Hubertus, »ich werde das Haus wohl wieder verpachten. «

»Lass mich bitte fünf Minuten allein hier sein«, bat Sylvie.

»Gerne, ich verstehe, wie sehr dich das alles aufwühlt.«

Sylvie ging in ihr Zimmer, an die Stelle, wo ihre Couch gestanden hatte und blickte auf den Torturm und die daneben stehende Eiche. Baum und Gemäuer waren mit Schneehauben bedeckt. Die Öffnung des alten Fensters blickte schwarz in die weiße Landschaft und sah aus, als würde sie alles Leben aus der Umgebung aufsaugen. Kein Vogel war zu sehen. Es war Jahre her, dass Sylvie Futter ins Fenster gelegt hatte und dadurch die gefiederten Parkbewohner angelockt hatte.

Sie wollte sich gerade abwenden, als sie eine Bewegung im knorrigen Geäst der Eiche entdeckte. Genau in diesem Moment bahnten sich einige Sonnenstrahlen ihren Weg durch den bedeckten Himmel. Farben blitzten auf. Dann hörte sie ein schnelles, hohles Hämmern. Der Buntspecht war wieder da. Sie starrte wie gebannt auf den farbenfrohen Vogel. War es derselbe Specht wie vor ein paar Jahren? Lebten diese Vögel überhaupt so lang? War es Zufall, dass er wieder zur selben Zeit wie Sylvie hier war oder besuchte der bunte Geselle die Eiche mehrmals am Tag, um ihr reiches Angebot an Insekten zu nutzen, das unter der brüchigen Rinde der abgestorbenen Äste zu finden war? In diesem Fall war es nicht unwahrscheinlich, auf ihn zu treffen. Es hatte also nichts zu bedeuten! Oder doch?

Sylvie wusste in ihrem Innersten, warum sie genau heute und an diesem Ort an das Ereignis vor ein paar Jahren erinnert wurde. Sie bewahrte immer noch den gefrorenen Blutstropfen auf, der damals nach dem Klopfen des Buntspechts aus dem Baum gequollen war. Die heutige Begegnung war eine Mahnung, das Richtige zu tun.

Sie ging noch einmal durch die Wohnung, in der sie aufgewachsen war. Die alten Dielen knarzten laut bei jedem Schritt. Wo sie als Kind barfuß und leicht über die weichen Teppiche ihres Vaters gesprungen war, hallten jetzt ihre Schritte wie Hammerschläge durch die leergeräumten Zimmer.

Plötzlich stand Hubertus vor ihr.

»Wo bleibst du denn? Wir haben schon angefangen. Ist alles in Ordnung?«

»Hier zu wohnen war die schönste Zeit meines Lebens.«

»Sie kann wiederkommen«, lächelte Hubertus.

Sylvie war sofort klar, dass in dieser Bemerkung eine Anspielung steckte. Sie stellte sich aber dumm.

»Sie wird nie mehr wiederkommen, meine Familie würde nicht mehr hier einziehen, auch wenn du ihnen den Hermannsbau wieder zur Pacht anbieten würdest. Sie haben sich in der Stadt gut eingelebt.«

Hubertus blickte verwirrt zu Boden. Dann fasste er sich ein Herz. Jetzt oder nie!

»Du könntest die Herrin des Schlosses werden. Ich denke, dass du das ohnehin weißt, so wie ich dir hinterherlaufe.« Er machte eine kurze Pause und lächelte verlegen. »So wie ein Hündchen.«

Sylvie lachte laut über diese Vorstellung.

»Besser ein Hündchen, das mir folgt, als der Hubertus Hirsch mit dem Kruzifix im Geweih«, prustete sie und steckte den jungen Baron damit an. Eine Antwort auf seinen versteckten Heiratsantrag gab sie ihm nicht.

Monate vergingen, in denen Sylvie hoffte, Andreas wiederzusehen. Sie besuchte sogar seine Familie im Dorf, um etwas über ihn zu erfahren. Seine Eltern wussten aber auch nicht viel, außer, dass er mit seinem Studium gut vorankam. Allerdings müsse er sich zusätzlich zu dem Betrag, den sie ihm überwiesen, noch etwas hinzuverdienen. Das wenige Geld, das er habe, hindere ihn daran, häufiger nach Hause zu fliegen. Nur letztes Weihnachten sei er eine Woche zu Besuch im Dorf gewesen. Sylvie war enttäuscht. Da hätte er sich doch bei ihr melden können.

Plötzlich traf sie auch Hubertus nicht mehr. Sie schämte sich, dass es über einen Monat gedauert hatte, bevor es ihr überhaupt aufgefallen war. Es war eindeutig. Er hatte entweder sein Studium abgebrochen oder vermied es absichtlich, mit ihr zusammenzutreffen. Dann bekam sie einen Brief von ihm. Mit krakeliger Schrift entschuldigte er sich für seine längere Abwesenheit. Er sei monatelang in einer Klinik in Wien gewesen und an einer seltenen Krankheit behandelt worden, die ihn über Nacht befallen habe. Es gehe ihm aber leider immer noch schlecht und er würde sich sehr freuen, wenn sie ihn einmal auf der Burg besuchte.

Die junge Frau nahm sich fest vor, bald bei ihm vorbeizukommen. Sie befand sich jedoch gerade in einer anstrengenden Prüfungssituation und schob den Zeitpunkt immer wieder hinaus. Als sie sich schließlich auf den Weg machte, kam sie genau einen Tag zu spät. Hubertus war gestorben.

»Er hat bis zum Ende gehofft, Sie noch einmal zu sehen«, sagte seine Mutter, »diesen Brief soll ich Ihnen geben.«

Das mit rotem Wachs und dem Familienwappen versiegelte Couvert enthielt ein notariell beglaubigtes Testament. Zum Entsetzen der adligen Familie, die seit Jahrhunderten ihren Besitz zusammengehalten hatten, hatte Hubertus einige Tage vorher den Hermannsbau an Sylvie vererbt.

»Wie konnte er uns das antun«, weinte die Mutter ganz erbärmlich.

Sylvie war völlig verwirrt und überlegte spontan, das Erbe auszuschlagen. Als sie wieder zuhause war, las sie Hubertus‘ Brief, der dem Testament beilag.

»Liebe Sylvie, wenn Du diese Zeilen liest, bin ich nicht mehr. Ich befürchte, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, denn in mir steckt kein Funken Lebenskraft mehr. Für mich gab es immer nur eine Frau, die ich liebte und heiraten wollte und das warst Du. Zuletzt hattest Du mir Hoffnungen gemacht, dass es mit uns doch noch etwas werden könnte. Jetzt hat eine höhere Macht mein Hoffen brutal beendet.

Ich habe Dir den Hermannsbau vermacht, weil Du ihn auch als meine Frau irgendwann bekommen hättest und ich möchte unbedingt, dass Du diese Erbschaft annimmst. Die Vorstellung, dass Du nach meiner Zeit dieses Haus bewohnen wirst, tröstet mich in meinem schweren Schicksal und gibt mir die Kraft, diese Erde würdig zu verlassen. Wir werden uns in einer anderen Welt wiedersehen, davon bin ich überzeugt. In Liebe, Hubertus.«

Sylvie rannen die Tränen über die Wangen. Sie ging in ihr Zimmer, wo das Glas mit dem gefrorenen Blutstropfen auf dem Fenstersims stand. Der Tropfen war verschwunden. Stattdessen befand sich eine kleine, farblose Wasserlache am Grund des Glases. Die junge Frau war verwirrt. Hatte sich denn eine Liebe erfüllt?

Tag für Tag verging, an dem sie um Hubertus trauerte und darüber grübelte, warum der Tropfen verschwunden war. Sie lieh sich Bücher in der Bibliothek der Stadt, die sich mit übernatürlichen Vorgängen in alten Überlieferungen befassten und wurde fündig. Das war kein Blutstropfen der Liebe, wie in dem volkstümlichen Sagenbuch behauptet, sondern die Inkarnation einer uralten Blutlinie, die bis ins erste Jahrhundert zurückreichte. Nach der Überlieferung würde sich der Tropfen mit dem Aussterben der Linie auflösen. Genau so war es geschehen. Welche Macht auch immer dafür verantwortlich war, sie hatte den Blutstropfen nur deswegen in Sylvies Hände gespielt, weil sie durch eine Heirat mit Hubertus ein Untergehen der Linie hätte verhindern können, vorausgesetzt, sie hätte Kinder mit ihm gehabt. Woher hätte sie das aber wissen sollen und selbst wenn, sie hätte Hubertus auch dann nicht geheiratet.

Als das Burgfräulein bei der Explosion im Torturm ums Leben gekommen war, stand die Dynastie schon kurz vor dem Ende. Das Kind der getöteten Adligen überlebte jedoch, wurde von einer Amme großgezogen und zum Urahn von Hubertus‘ Stammbaum. Jetzt war diese bedeutende Linie endgültig erloschen.

Es stand noch etwas in dem alten Buch, das Sylvie erschreckte. Wer immer den Tropfen in Händen gehalten und seine Aufgabe zur Rettung der Blutlinie nicht erfüllt habe, würde auch selbst keine Nachkommen haben.

Sylvie war klar, was das bedeutete. Sie würde nie mit Andreas zusammenkommen. Obwohl, sie konnten zusammen leben und Kinder adoptieren, wenn sie keine bekommen sollten.

Nur eine Woche später erreichte sie die Nachricht von seinem plötzlichen Tod bei einem Unfall.

Die Mondgöttin

Es war ein heißer Tag in der südwestlichen Türkei, an dem wir nach stundenlanger, anstrengender Fahrt am späten Nachmittag endlich den Campingplatz erreichten. Unsere kleine Gruppe, außer mir noch meine Freundin und meine Schwester mit ihrem Begleiter, war mit zwei Autos unterwegs, um außer der für eine lange Reise benötigten Menge an Gepäck auch noch ein Schlauchboot mit Motor und Segel mitnehmen zu können, das uns bei unserem letzten Aufenthaltsort am ägäischen Meer viel Vergnügen bereitet hatte. Bei einem gleichmäßig blasenden Wind waren wir zu einer vom Land aus unzugänglichen Bucht gesegelt, um dort zu baden und zu tauchen.

Unser heutiges Ziel präsentierte sich völlig anders als die zerklüftete Küste der Ägäis. Vor uns lag ein spiegelglatter See, der eine Länge von etwa fünfzehn und eine maximale Breite von nur sechs Kilometern hatte. Der Zeltplatz lag mittig an der längeren Seite. Über die breiteste Stelle des Sees hinweg blickten wir auf die schroffe und zerklüftete Silhouette des Latmos Gebirges. Hier hatte in der Antike der Hirte Endymion seine Herden durch die bizarre Felslandschaft getrieben. Sein Flötenspiel soll so wunderbar gewesen sein, dass sich die Mondgöttin Selene in den schönen Jüngling verliebte. Aber auch Zeus verliebte sich in Endymion und wurde eifersüchtig auf Selene. Er benutzte seine göttliche Macht dazu, dem Hirten ewige Jugend zu geben, ihn aber gleichzeitig zu endlosem Schlaf zu verdammen. Seitdem stieg die Mondgöttin immer bei Vollmond hinunter ins Latmos Gebirge, um Endymion zu lieben. Nach der Sage gebar sie ihm fünfzig Töchter.

Inzwischen hatte uns Nazim, der Besitzer des Zeltplatzes, mit großer Herzlichkeit begrüßt. Wir waren die einzigen Gäste, die Zelte errichtet hatten. Etwas abseits stand noch ein alter VW Bus, in dem ein Deutscher lebte, den uns Nazim als »Hadschi« vorstellte, da dieser Mann nach Mekka gepilgert war. Er war dadurch bei den Muslimen hoch angesehen, obwohl ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass er auf der Flucht war. Der Verdacht, dass mit ihm etwas nicht stimmte, erhärtete sich nach einigen Tagen, als er mir eine Maschinenpistole zeigte, die unter dem Fahrersitz seines VWs versteckt war. Er brauche sie angeblich, um sich in extremen Situationen in Ostanatolien Respekt zu verschaffen.

Kaum war in unserer ersten Nacht am See die Sonne untergegangen, als auch schon im Osten der Vollmond aufging. Meine Freunde, erschöpft von der anstrengenden Fahrt, hatten sich in die Zelte zurückgezogen. Ich lief ein Stück am See entlang und setzte mich direkt ans Ufer. Die Stille wurde immer wieder von leisen Geräuschen unterbrochen. Im silbrig glänzenden See gluckste es geheimnisvoll und hinter mir raschelte es in den Büschen. Der volle Mond stieg langsam über dem pechschwarzen Latmos Gebirge auf. Eigenartige Lichter tanzten über die Berge, das Licht schien vom Mond in die felsigen Schluchten hinab zu fließen. Das konnte nur Selene sein, die ihren schönen Hirten besuchte. Ich erschrak. Direkt neben mir atmete jemand oder etwas. Es war mehr ein Hecheln, das Hecheln eines Hundes, der sich neben mich gelegt hatte. Das große Tier sah mit seinem kurzhaarigen, hellen Fell und dem breiten Kopf mit der stumpfen Schnauze gefährlich aus, war aber völlig friedlich. Ich nannte den Rüden »Bartel« und er folgte mir auf Schritt und Tritt, nachdem ich ihm ein Stück Salami aus unserem Proviant hingeworfen hatte.

Die nächsten Tage vergingen mit Baden und kleinen Bootsfahrten auf dem See. Wir lernten Nazims junge Ehefrau kennen, die er Mercedes nannte. Sie hatte ein beträchtliches Körpergewicht und kümmerte sich um den Haushalt und eine Schar von Kindern. Nazim lebte hauptsächlich vom Fischfang. Seine Kinder waren noch zu klein, um ihm bei dieser anstrengenden Tätigkeit zu helfen. So kam er auf die Idee, mich als Hilfskraft einzuspannen. Ohne jede Erfahrung im Fischen musste ich mit ihm hinaus fahren, um die Netze einzuholen. Ich ruderte an den kreisförmig im Wasser liegenden Korkschwimmern entlang, während er den Fang ins Boot zog. Er fing beträchtliche Mengen großer Fische, die wie Karpfen aussahen, jedoch bunter waren. Einen Fisch des Fangs bekam ich als Lohn. Wir grillten ihn über einem Feuer aus duftenden Hölzern des Gestrüpps, das hier große Teile der Landschaft bedeckte. Jeder in unserer Gruppe war sicher, noch nie einen so guten Fisch gegessen zu haben.

Das Wetter wurde instabil. Ein starker Wind blies über den See und trieb hohe Wellen vor sich her, die man diesem stillen Wasser nicht zugetraut hätte. Es war ein ideales Segelwetter und wir beschlossen, den See mit unserem Boot zu überqueren. Da der Wind von der Seite kam, mussten wir weder auf der Hin- noch Rückfahrt kreuzen. Auf den kleinen Inseln im See lebten große Seidenreiherkolonien. Auf den Mauerresten ehemals befestigter Klöster, in denen die ersten Christen Schutz vor Verfolgung gesucht hatten, saßen die großen Vögel wie auf einer Schnur aufgereiht. Wir liefen eine der Inseln an und gingen an Land. Erschreckt flog die ganze Reiherkolonie hoch. Es sah aus, als würde ein einziges großes Seidentuch über dem Wasser flattern.

Die Insel war so dicht mit dornigen Sträuchern überwachsen, dass es kaum ein Durchkommen gab. Umso glücklicher waren wir, als wir uns bis zu den Resten einer kleinen Kapelle durchgekämpft hatten. Ich stieg auf eine noch gut erhaltene Mauer und blickte hinüber zum Latmosgebirge, das jetzt viel näher erschien als vom Zeltplatz aus. Ich wusste, dass in einer der Höhlen dieser zerklüfteten Berge immer noch der Hirte Endymion schlief.

Die Verständigung mit Nazim ging mit Händen und Füßen vor sich. Ich hatte ein kleines Wörterbuch dabei, das mir bei allen wichtigen Begriffen half, die man nicht durch Gebärden darstellen