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Warum Menschen morden ...
Was steckt hinter dem Tod einer Buchhalterin, die in einer Käserei erstochen wurde? Gibt es tatsächlich einen weiteren geheimnisvollen Täter, der den Mord vollendete? Spurlos verschwand kurz vor der Wende 1989 ein 13-jähriges Mädchen auf dem Weg zur Schule. Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig, denn jeder aus ihrem Umfeld hatte ein Motiv. Doch was geschah wirklich? Und versucht ein elfjähriger Junge ein Mädchen aus seiner Nachbarschaft zu erwürgen, ehe er später tatsächlich zum dreifachen Mörder wird?
Axel Petermann widmet sich drei spektakulären Fällen und liefert erstaunliche neue Erkenntnisse. Seine Ermittlungen zeigen: Häufig werden Fälle vorschnell zu den Akten gelegt. Ein ganz besonderes Augenmerk legt er diesmal auf die Psyche der Täter. Was macht Menschen zu Mördern – und wie wählen sie ihre Opfer aus? Der renommierte Kriminalist blickt in menschliche Abgründe und kommt mit den Methoden des Profiling den Verbrechern auf die Spur. Spannender als ein Krimi und beängstigend wahr.
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Seitenzahl: 511
Veröffentlichungsjahr: 2026
Axel Petermann
Im Kopf der Mörder – ein Profiler ermittelt
Wilhelm Heyne VerlagMünchen
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Triggerwarnung: Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte zu folgenden Themen: Angststörungen (Social Anxiety), sexueller Missbrauch, körperliche Gewalt, auch an Kindern.
Die im Text zitierten Gespräche und Wortwechsel werden aus der Erinnerung und sinngemäß wiedergegeben, ein Anspruch auf wörtliche Übereinstimmung mit tatsächlich erfolgten Dialogen wird nicht erhoben. Quellen aus der Zeit vor der Rechtschreibreform werden in alter Rechtschreibung zitiert.
Copyright © 2026 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
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Alle Rechte vorbehalten
Redaktion: Michael Pundt
Umschlaggestaltung: Wilhelm typo grafisch, Zollikon, unter Verwendung von © Stefan Kuntner
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-31514-6V001
www.heyne.de
Wer das Böse verstehen will, muss nicht nur in die Tat blicken, sondern in die Gedanken, die ihr vorausgehen.
Axel Petermann
Anonymisierung
Die in diesem Buch geschilderten Fälle ereigneten sich im österreichischen Tirol, in der Gegend der Mecklenburger Seenplatte und im Nordwesten Deutschlands. Alle drei Verbrechen nahmen ihren Ausgang in den 1990er-Jahren, reichen aber bis in die Gegenwart.
Um Betroffene zu schützen und die Ruhe der Toten nicht zu stören, wurden die Namen von Opfern, Tätern, Angehörigen und anderen Beteiligten anonymisiert.
Alle Äußerungen sind belegt und entweder wörtlich oder sinngemäß wiedergegeben. Unvermindert bleiben jedoch das Grauen der Morde – und die eisige Kälte des Bösen.
Prolog: Der Gang in die Stille
Spurlos verschwunden – Der Fall Carola Raabe
Tiefpunkt eines Lebens – Das verpfuschte Leben des Roger B.
Verblendet – Der Fall Sonja Hauser
Epilog: Spiegelungen des Bösen
Dank
Der Gang war schmal, düster, die Luft schwer und kalt. Links und rechts: Zellen, abgeschlossene Räume, hinter den Gittern Gesichter, Stimmen, Schatten. Manche spottend, manche flüsternd, manche voller Wahnsinn. Jeder Schritt hallte, als ginge man tiefer in einen Abgrund, der nicht enden wollte.
Ich erinnere mich an diese Szene aus Das Schweigen der Lämmer: Clarice Starling, jung und unerfahren, betritt die forensische Psychiatrie, um Hannibal Lecter gegenüberzutreten. Sie schreitet den Korridor entlang, während die Gefangenen sie beobachten wie ein Raubtier seine Beute. Worte, Gesten, Widerwärtigkeiten prallen auf sie ein – ein Spießrutenlauf durch die dunkelsten Abgründe menschlicher Seelen. Die Gitter der Zellen sind mit schweren Schlössern versperrt. Doch diese Schlösser sind mehr als Metall und Mechanik – sie sind Symbole für die geheimen Gedanken der Täter. Wir sehen zwar die Menschen, die dort einsitzen, aber ihr Inneres bleibt uns verborgen. Wir wissen um ihre Taten, doch welche Fantasien sie begleiten und weshalb sie töteten, bleibt hinter den undurchdringlichen Gittern verborgen.
Und am Ende des Ganges wartet kein brüllendes Monster, sondern etwas noch Bedrohlicheres: Stille. Hannibal Lecter steht ruhig da, gefasst, mit diesem unheimlichen Blick, der durch jede Maske dringt.
Als ich vor vielen Jahren beschloss, als Mordermittler und Profiler Schlüssel in die Hand zu nehmen, um Schlösser zu öffnen und die Motive von Menschen zu verstehen, die getötet hatten, wusste ich noch nicht, dass ich Einblicke in eine Welt bekommen sollte, die nicht nur aus Blut und Gewalt besteht, sondern auch aus psychologischen Strukturen, die sich mir gleichzeitig als fremd und vertraut darstellten.
So wie Clarice damals sah auch ich in die Augen von Männern und Frauen, die das Unvorstellbare getan hatten. Manche tobten, manche lachten, manche erzählten kalt und sachlich, wie sie ein Leben auslöschten, während andere an ihren Taten verzweifelten. Und jedes Mal stellte sich dieselbe Frage: Warum?
Diese Frage hat mich nie losgelassen. Sie ist der eigentliche Kern meiner Arbeit geworden. Nicht nur die Tat zu sehen, nicht nur Beweise zu sammeln und Schuld nachzuweisen – sondern tiefer zu gehen, in die Gedankenwelt dieser Täter. Denn das Böse zeigt sich nicht allein in der Tat. Es beginnt früher: in den Gedanken, in den Obsessionen, in den stillen Räumen des Geistes.
Viele Täter, mit denen ich es zu tun habe, zeigen Persönlichkeitsmerkmale, die sich in klinischen Begriffen beschreiben lassen: antisoziale Strukturen, die von Missachtung sozialer Regeln geprägt sind; narzisstische Anteile, die die eigene Person ins Zentrum rücken und andere zu Objekten degradieren; sadistische Züge, in denen Kontrolle über Schmerz eine Rolle spielt. Diese Begriffe sind keine Etiketten, die alles erklären, aber sie helfen, Muster sichtbar zu machen.
Das Böse hat viele Gesichter. Es kann grausam und laut sein, eruptiv und unkontrollierbar. Es kann aber auch still und leise daherkommen, höflich, kultiviert, unauffällig. Gerade in der Kriminalwissenschaft sprechen wir von organisierten Tätern, die planvoll und bedacht handeln, Spuren verwischen, fiktive Abläufe inszenieren – und von desorganisierten Tätern, die spontan, chaotisch, im Affekt agieren – wohlwissend, dass die meisten Täter Elemente beider Strukturen in sich vereinen. Das Bild des wahnsinnigen Killers mag im Kino faszinieren, doch die Realität ist oft viel profaner – und gerade deshalb so erschreckend.
Die Psychologie des Bösen zeigt uns, dass es nicht den Täter gibt, nicht das Muster. Und doch kehren Motive wieder: Macht, Kontrolle, Rache, sexuelle Dominanz, das Ausleben von Fantasien, die in keinem moralischen Raster Platz finden. Solche Motive entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie wurzeln oft in frühen Erfahrungen: Zurückweisung, Gewalt, Missbrauch. Nicht jeder, der Schlimmes erlebt, wird Täter. Aber fast jeder Täter trägt in seiner Biografie Spuren, die seine spätere Gewalt erklären helfen.
Hannibal Lecter verkörpert in der Fiktion all diese Masken zugleich: der brillante Psychiater, der höfliche Gesprächspartner, der hochkultivierte Ästhet – und zugleich der Mörder, der sein Gegenüber zerlegt und verspeist. Er zeigt uns, dass das Böse nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Und dass es nicht nur in der Tat, sondern in der Haltung, in der Denkweise wurzelt.
Das Böse ist deshalb auch eine Geschichte von Verletzung und Abwehr. Manche Täter versuchen, in der Tat die Ohnmacht ihrer Kindheit umzukehren. Aus dem Opfer wird der Täter, aus dem Hilflosen der Herrschende. In diesem Mechanismus liegt eine bittere Logik, die gleichzeitig schockierend und nachvollziehbar wirkt – nachvollziehbar nicht im Sinne von Entschuldigung, sondern im Sinne von Verstehen.
Doch Vorsicht: Wer diese Türen öffnet, betritt Räume, die nicht ungefährlich sind. Man läuft Gefahr, die Sichtweise des Täters zu übernehmen, sich von seiner Rationalisierung blenden zu lassen. Viele Täter sind Meister der Manipulation. Sie wissen, wie sie ihre Geschichten erzählen müssen, um Mitleid zu erzeugen oder Verantwortung abzugeben. Zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, gehört zu den schwierigsten Aufgaben im Umgang mit ihnen.
Das Böse ist auch deshalb so schwer zu fassen, weil es sich selbst tarnt. Es trägt Masken. Manchmal ist es die Maske des Kranken, der vorgibt, nicht anders gekonnt zu haben. Manchmal die Maske des Normalen, des Angepassten, der im Alltag unauffällig wirkt. Manchmal ist es die Maske der Überlegenheit, des kalten Genies, das sich selbst für erhaben über Moral und Gesetz hält.
So wie Clarice Starling damals zu Hannibal Lecter geschickt wurde, suchte auch ich die Nähe zu Tätern. Sie wollte Antworten finden, die das FBI im Fall Buffalo Bill dringend brauchte – Einsichten in die Denkweise eines Serienmörders, Hinweise auf Muster, die kein gewöhnlicher Ermittler erkennen konnte. Clarice trat in Lecters Zelle und seine morbide Gedankenwelt, wissend, dass er gefährlich war, und doch in der Hoffnung, dass er ihr etwas von seiner Wahrnehmung, seiner Logik, seinen Abgründen preisgeben würde.
Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Auch ich suchte bei den Tätern nicht allein nach Geständnissen oder Beweisen – sondern nach Verstehen. Was treibt einen Menschen dazu, ein Leben auszulöschen? Welche Gedanken stehen am Anfang einer Tat, die am Ende blutig endet? Wie rechtfertigen sich diese Menschen vor sich selbst?
Genau wie Clarice war auch ich immer wieder dem Risiko ausgesetzt, dass die Begegnung mit solchen Menschen nicht nur auf fachlicher Ebene stattfand. Sie lassen dich in ihre Welt blicken – aber gleichzeitig zwingen sie dich, auch in dich selbst zu sehen. Denn das Böse zeigt sich nicht nur in Monstern hinter Gittern, sondern in Spiegeln, die sie uns vorhalten.
Und darum schreibe ich dieses Buch. Nicht, um Sensationen zu liefern, sondern um meinen Lesern genau das zu zeigen: die Gedankenwelt der Täter. Ihre Rechtfertigungen, ihre Widersprüche, ihre Kälte – und manchmal auch ihre Menschlichkeit, die alles nur noch unbegreiflicher macht.
Denn das Böse ist nicht weit weg, nicht nur in den Zellen und Hochsicherheitstrakten hinter Mauern. Es ist Teil unserer Gesellschaft, Teil unserer Lebensgeschichten, Teil der menschlichen Natur. Wer es verstehen will, muss den Mut haben, den Schlüssel in die Hand zu nehmen. Und wer ihn umdreht, der hört vielleicht das leise Klicken des Schlosses – das Geräusch einer Tür, die sich öffnet, in eine Welt, die uns mehr über uns selbst verrät, als uns lieb ist.
Diese Welt zeigt sich in vielen Gesichtern. In der Lebensgeschichte eines Mannes, der bereits als Kind vom Drang getrieben war, Mädchen zu würgen, ehe er drei Menschen tötete. Und in einem Mord in einer Käserei, in der eine Buchhalterin erstochen wurde – ein Verbrechen, in dem die Wahrheit bis heute zwischen Geständnis, Zweifel, wissenschaftlicher Schlamperei und Verdacht zerrieben wird.
Und in dem rätselhaften Fall von Carola Raabe, dem 13-jährigen Mädchen, das voller Zukunftspläne in die Welt schaute, ehe sie an einem kalten Januarmorgen 1989 auf dem kurzen Weg zur Schule spurlos verschwand. Nur ihr Fahrrad und der Schulranzen wurden gefunden – verborgen unter Ästen, hastig eingegraben im Waldboden.
Diese drei Verbrechen bilden den Kern dieses Buches. Sie zeigen, wie vielfältig die Erscheinungsformen des Bösen sind: verborgen im Alltag, geboren aus Obsessionen, genährt von Lügen, Verletzungen und Machtfantasien. Und sie zeigen, dass Verstehen nicht bedeutet, Verständnis zu zeigen und zu entschuldigen – sondern das Dunkle zu erkennen, das uns allen näher ist, als wir glauben wollen.
Oktober 2023. Roggow. Heidekrug. Mecklenburg-Vorpommern. Hohes Gras und Unkräuter haben den Garten des gut 200-jährigen Gemäuers in eine nahezu undurchdringliche Wildnis verwandelt. Früher diente das idyllisch gelegene Gebäude als Herberge für die Forstwirtschaft, nach dem Zweiten Weltkrieg als Zuflucht für Heimatvertriebene. Doch schon seit vielen Jahren steht das Fachwerkhaus mit den dunklen Eichenbalken und den roten Ziegeln leer. Das Mauerwerk ist durchlöchert, das Holz der Haustür gesplittert, und die trüben Scheiben sind zerschlagen. Broken Windows, denke ich. Zerbrochene Fensterscheiben als Zeichen des Niedergangs. Irgendjemand hat die Wände des Kulturdenkmals mit ökologischen Baustoffen verputzt und hie und da Spanplatten angeschraubt. Ein hilflos anmutender Versuch, den Verfall aufzuhalten. Denn Eindringlinge, Wetter und Vegetation haben dem Gebäude weiter zugesetzt. Einst kultivierte Weinpflanzen und Sträucher zwängen sich nun ungehindert durch Mauerritzen ins Innere des Hauses, und das mächtige Eichenfachwerk vermodert. Vor dem Hauseingang bilden heruntergefallene Kastanien im nassen Gras einen glänzend braunen Teppich unter einem imposanten Baum.
Ich stehe vor dem ehemaligen Zuhause von Carola Raabe und frage mich, welche Geheimnisse dieses alte Gemäuer und der verwunschene Garten wohl bergen mögen und welches tragische Schicksal das Mädchen ereilt haben mag.
Ihr kurzes Leben hat Carola überwiegend hier verbracht. Als sie 1989 verschwand, war sie gerade einmal 13 Jahre alt und fast noch ein Kind. Eine der besten Schülerinnen ihrer achten Klasse, Einser-Durchschnitt, beliebt bei den Mitschülern und voller Pläne für eine Zukunft als Humanmedizinerin oder Zahnärztin.
Was diesem begabten und ehrgeizigen Mädchen an einem kalten Januartag widerfuhr, ist nunmehr seit über 35 Jahren ungeklärt. Die Umstände ihres Verschwindens sind so mysteriös, dass in der Folge zahlreiche Personen aus ihrem Umfeld in Verdacht gerieten. Zugleich begünstigte inkonsequente Polizeiarbeit das Aufkommen von Gerüchten und Verschwörungstheorien, vernebelte die Sicht und erschwerte die Suche nach der Wahrheit.
Diesen komplexen Fall also will ich nun mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, aufarbeiten. Ich lade Sie ein, mir dabei über die Schulter zu schauen. Werden Sie Teil des Rechercheteams, wenn ich Ihnen Einblicke in meine Ermittlungsmethoden sowie spannende Themen vermittele, wie sie Ihnen vermutlich in dieser Kombination noch nie präsentiert wurden: Mädchenmord, Täterstrategien, tabuisierte Gewalt in der Familie, Leben in der DDR, die Methoden der Stasi, Trauer und Versagen.
Immer wieder werden Sie auf unserer gemeinsamen Reise einen Verdacht schöpfen gegen Angehörige, Nachbarn oder andere Menschen, die ich Ihnen vorstelle. Das ist wichtig, um einem Täter auf die Spur zu kommen. Doch ich warne Sie davor, sich vorschnell festzulegen. Denn dieser Fehler unterläuft selbst professionellen Ermittlern. Verlieben Sie sich nicht in eine Tathypothese, und bewahren Sie einen kühlen Kopf bis zum Schluss dieser langen Geschichte. Lassen Sie widersprüchliche Indizien und Verdachtsmomente Revue passieren, und bilden Sie sich erst dann ein Urteil. Ob wir am Ende wohl zu den gleichen Schlüssen gelangen?
Ausgangspunkt einer jeden Tätersuche ist die Opferpersönlichkeit. Und so wollen wir uns zunächst mit der bis heute vermissten Carola Raabe beschäftigen.
Seit dem rätselhaften Tod ihrer Mutter – offiziell ein Suizid – lebte Carola bei ihrer Großmutter Henny in Heidekrug. Ihr Vater Hermann Raabe hatte sich wegen beruflicher Verpflichtungen und vieler Dienstreisen außerstande gesehen, sich tagtäglich um seine Tochter zu kümmern. Stattdessen holte er sie alle 14 Tage sonnabends zu sich ins rund 50 Kilometer entfernte Müritz, um sie tags darauf zur Großmutter zurückzubringen. Das war seit Jahren gängige Praxis, die für alle Beteiligten nur Vorteile zu haben schien. Denn Carola verstand sich gut mit ihrer Großmutter, liebte die Natur und fühlte sich in der sehr ländlichen Umgebung von Roggow wohl. Auch am Wochenende ihres Verschwindens hatte ihr Vater sie zu sich holen wollen, doch Carola hatte abgesagt.
Eine Gestalt in meinem Augenwinkel reißt mich aus meinen Gedanken. Ich erkenne Carolas Vater, der still das baufällige Gebäude betrachtet. Er erwartet mich noch nicht, denn ich bin vor der vereinbarten Zeit gekommen. Der Mann fühlt sich hier offenbar nicht wohl. Er wirkt abwesend, geradezu fahrig, als kämpfe er mit mühsam verdrängten Bildern, vielleicht auch mit den Erinnerungen an seine geliebte Tochter.
Ich habe den Vater vor wenigen Wochen während meiner Lesereise Im Auftrag der Toten durch den Osten Deutschlands im Güstrower Theater kennengelernt. Da war er in der Veranstaltungspause auf mich zugekommen und hatte von dem rätselhaften Verschwinden seiner Tochter berichtet. Carola sei an einem Sonnabend frühmorgens mit dem Fahrrad auf dem Weg zu ihrer Großcousine Sophia gewesen, um mit ihr gemeinsam zur Schule zu fahren. Lediglich 150 Meter liegen zwischen den beiden abgeschiedenen Häusern, doch Carola sei nie bei ihrer Verwandten angekommen. Seither fehle von ihr jede Spur. Nur ihr Fahrrad, ihre Schultasche und ihr Sportbeutel seien versteckt an zwei verschiedenen Stellen im nahen Wald gefunden worden. Carola könne alles Mögliche passiert sein, aber er befürchte ein Verbrechen. Dafür kämen mehrere Täter in Frage, vielleicht sogar aus dem engeren Familienkreis.
In den kommenden Wochen hatte ich häufiger mit dem Vater telefoniert und erfahren, dass er immer wieder Privatermittler, ja sogar Wünschelrutengänger und einen Hellseher aus der Schweiz mit der Suche nach Carola beauftragt hatte; zuletzt einen früheren Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR. Auch dieser habe trotz jahrelanger Recherchen – außer einigen Tattheorien wie einer möglichen Beteiligung der Staatssicherheit – keine nachvollziehbare Erklärung für das Verschwinden seiner Tochter liefern können. Einzig die Eingebung des Hellsehers, dass ein Mann und eine Frau aus der Nachbarschaft in den mutmaßlichen Kriminalfall verwickelt seien und ein Gewässer eine Rolle spiele, habe ihm Zuversicht vermittelt. Hätten doch in unmittelbarer Nähe mehrere Paare gewohnt, denen er durchaus zutraue, für Carolas Verschwinden verantwortlich zu sein oder zumindest den Täter zu decken.
Nach einigem Überlegen hatte ich Hermann Raabe zugesagt, mich mit ihm am Ort des Geschehens zu treffen. Die offensichtliche Verzweiflung des Vaters hatte mich angerührt. Aber ich war auch neugierig geworden. Noch nie hatte ich mich intensiv mit einem in der DDR begangenen Tötungsdelikt – und davon war doch nach dem Geschilderten auszugehen – auseinandergesetzt. Ich war auf die damaligen Ermittlungsmethoden der Morduntersuchungskommission der Volkspolizei gespannt – und auf eine mögliche Verwicklung der Staatssicherheit, der Stasi.
Carolas Verschwinden fiel in die Zeit von Glasnost (Offenheit der Staatsführung gegenüber dem Volk) und Perestroika (Umbau/Umgestaltung). Zwei Reformansätze, mit denen der letzte sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow versucht hatte, das angeschlagene kommunistische Imperium zu retten. Rede- und Meinungsfreiheit und die Abschaffung der sozialistischen Planwirtschaft sollten die Sowjetunion demokratisieren und wieder wettbewerbsfähig machen.
Als diese Pläne Anfang 1987 in der DDR bekannt wurden, sahen auch dort immer mehr Menschen in Gorbatschow einen Hoffnungsträger für Reformen im eigenen Land. Aber ihre Erwartungen wurden enttäuscht. Das Politbüro der SED, die Machtzentrale der DDR, beharrte starrsinnig auf der Einhaltung des sozialistischen Kurses in allen politischen und wirtschaftlichen Bereichen. Noch im Dezember 1988 grenzte sich Erich Honecker ausdrücklich von der Reformpolitik der Sowjetunion ab. In der Folge eskalierte die Lage.
Eine Flut von Ausreisewilligen drängte über Ungarn und andere Nachbarstaaten in den Westen. In der DDR selbst begannen die Montagsdemonstrationen. Zunächst in Leipzig, dann auch in anderen Städten gingen Menschen für Reformen auf die Straße. Das führte schließlich zum Sturz des Regimes und zum Fall der Mauer am 9. November 1989.
In dieser turbulenten Zeit war Carola Raabe an einem frühen Sonnabendmorgen verschwunden. Und die Frage lag nahe, ob die aufgeheizte innenpolitische Lage nicht auch Auswirkungen auf die Arbeit der Ermittler im Fall der vermissten Schülerin gehabt hatte. Schließlich war doch zu vermuten, dass Volkspolizei und Staatssicherheit alle Hände voll mit der wachsenden Reformbewegung zu tun hatten und dadurch vielleicht abgelenkt oder sogar überfordert waren. Möglicherweise ein neuer Ermittlungsansatz für den Vermisstenfall.
Doch ich war weiterhin unsicher, inwiefern ich dem Vater bei der Suche nach seiner Tochter würde helfen können. Schließlich waren seit ihrem Verschwinden fast 35 Jahre vergangen. Zeitzeugen erinnerten sich womöglich nicht mehr oder waren bereits verstorben. Und ob sich aus der Akte Hinweise für neue Ermittlungsansätze ergeben würden, war höchst ungewiss.
Zudem war mir bewusst, dass es sehr schwierig werden würde, das Geschehen zu rekonstruieren und ein Profil des Täters zu erstellen. Sollte ein Kapitalverbrechen vorliegen, fehlten mir schlicht Tatort und Leiche, grundlegende Spuren, um als Fallanalytiker die Bedürfnisse eines Täters und die Motivation für sein Verbrechen zu verstehen.
An sich böten sich hier viele Möglichkeiten, denn ein Täter trifft ständig Entscheidungen – vor, während und nach dem Verbrechen –, und diese lassen sich strukturiert erfragen:
Wo und wann hat der Täter sein Opfer kontaktiert und angegriffen?Wie hat er die Kontrolle gewonnen und aufrechterhalten?Auf welche Weise hat er das Opfer verletzt und getötet?Was hat er nach der Tötung mit der Leiche getan?Hat er den Körper möglicherweise sexuell missbraucht, verstümmelt oder in besonderer Weise versteckt?Hat er sich am Opfer personifiziert, also daran Spuren hinterlassen, die Hinweise auf seine Gefühle geben können, wie Wut, Hass oder Abneigung gegen das Opfer?Oder hat er gar unerklärliche Handlungen begangen, die einen Einblick in seinen mentalen Zustand oder eventuelle deviante Fantasien erlauben?Ein reiches Arsenal an erprobten Ansätzen also, doch in diesem Fall gab es fallanalytisch nur drei Spuren: Carolas letzter Aufenthaltsort und die beiden Verstecke ihrer Sachen im Wald. Und so war mir schnell klar geworden, dass ich statt in die Rolle des Profilers zunächst in die des Ermittlers würde schlüpfen müssen.
Vor einer Einschätzung des Geschehens wollte ich erst einmal intensiv die örtlichen Verhältnisse studieren. Anschließend würde ich mir die protokollierten Aussagen der Familienangehörigen und der damaligen Bewohner vornehmen. Wenig greifbares Material für die Rekonstruktion von Carolas Verschwinden.
Zudem war bei den Zeugenangaben Vorsicht geboten. Denn aus meiner langjährigen Tätigkeit weiß ich, dass solche Aussagen aus den unterschiedlichsten Gründen falsch sein können.
Andererseits, so meine Überlegung, könnte eine emotionsfreie Beurteilung von Carolas Persönlichkeit eventuell dazu beitragen, das Rätsel ihres Verschwindens zu lösen. Schon häufiger hatte ich die Erfahrung gemacht, dass in der Biografie eines Menschen Hinweise auf ein mögliches Tatmotiv verborgen sein können.
Doch bevor ich damit beginnen konnte, den Menschen Carola Raabe kennenzulernen, wollte ich mir zunächst den Ort ihres Verschwindens ansehen und dabei eine erste Bewertung der mir bereits vorliegenden Informationen vornehmen.
Zunächst geht es auf die Autobahn Richtung Berlin. Dann biege ich ab auf einsame Alleen, passiere abgeerntete Felder, Höhenzüge, Stromtäler und Schotterflächen, sogenannte Sander, erfreue mich an alten Buchen-, Kiefern- und Mischwäldern im Süden Mecklenburg-Vorpommerns und erreiche schließlich, nach knapp drei Stunden Fahrt, die von der letzten Eiszeit geprägte Seenplatte rund um Roggow. Der unscheinbare Ort hat nur wenige Hundert Einwohner, damals wie heute. Im Ortskern biege ich von der Bundesstraße in die Poststraße auf Carolas früheren Schulweg ein. Nun ist es nur noch ein knapper Kilometer bis zum Ziel – der Ortsteil Heidekrug mit drei einsam gelegenen Gebäuden, heute stille Mahnmale für Carolas rätselhaftes Verschwinden im Jahr 1989.
Der einst unbefestigte Sandweg ist inzwischen an vielen Stellen asphaltiert. Aber ansonsten scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Eine abseitige Landschaft, geprägt von Wiesen und Wäldern. In der Ferne grüßt der landwirtschaftliche Fortschritt: ein Geflügelmastbetrieb. Auch die Pfosten der Schwachstrom führenden Wiesenzäune wurden neu gesetzt.
Dann erreiche ich den Hof Heidekrug 1: ehemals Poststation, dann Gastwirtschaft und noch heute Anwesen der Familie Skameral. Ich klingele an der Haustür, doch niemand öffnet.
Nach ein paar Schritten durch die Wiesen stoße ich am Waldrand auf Haus 2. Hier, im früheren Forsthaus, hat Carola gelebt. Und hier, so heißt es, ist sie am Morgen des 21. Januar 1989, einem Sonnabend, kurz nach sieben Uhr, zu ihrer benachbarten Großcousine Sophia aufgebrochen, um gemeinsam zur Schule zu radeln.
Von Carolas Vater wusste ich bereits, dass die Verabredung an diesem Tag unüblich gewesen war und auf Bitten seiner Tochter erfolgt war. Denn normalerweise wurde Sophia an Sonnabenden von ihrer Mutter zur Schule gebracht, während Carola allein dorthin radelte.
Nachdem sie zuvor schon das Treffen mit ihrem Vater abgesagt hatte, war dies bereits die zweite Änderung in Carolas üblichem Wochenendrhythmus. Und ich frage mich, was das für ihr Verschwinden bedeuten könnte. Alles nur Zufall, der dann von einem Täter für seine Zwecke ausgenutzt wurde?
Als Carola morgens nicht wie verabredet erschienen war, hatte Sophias Mutter ihre Tochter schließlich mit dem Moped zur Schule gebracht.
Dieser Umstand erlaubt bereits einen ersten Rückschluss auf das Täterverhalten. Sollte Carola an diesem Morgen tatsächlich die Absicht gehabt haben, Sophia abzuholen, so musste der Täter sehr schnell agiert haben. Höchstens 150 Meter Wegstrecke – maximal 60 Sekunden, wie ich schätze – standen ihm zur Verfügung, um Carola nach ihrem Aufbruch zu attackieren, zu entführen oder möglicherweise auch sofort zu töten.
Doch weshalb diese Eile? Wusste der Täter, dass Carola diesmal nur auf einem kurzen Stück ihres Schulweges vulnerabel, also angreifbar, sein würde? Wusste er, dass sie die restliche Wegstrecke ausnahmsweise gemeinsam mit ihrer Großcousine zurücklegen wollte? Hätte er nicht ansonsten günstigere Gelegenheiten abgewartet, um Carola in seine Gewalt zu bringen? Schließlich waren mir auf dem letzten Stück meines Weges zu den Häusern am Heidekrug bereits einige Stellen mit dichtem Grün aufgefallen, die sich bestens für einen Überfall geeignet hätten.
Weitere Gedanken drängen sich mir auf: Hatte der Täter bestimmte Kenntnisse, weil er beiden Familien nahestand, wie es Carolas Vater für möglich hielt? Und könnte es eine Notwendigkeit gegeben haben, Carola ausgerechnet an diesem Sonnabend verschwinden zu lassen?
Immer stärker kreisen meine Fragen um das Warum, um ein mögliches Motiv für eine Tat: Ging es dem Täter womöglich darum, einen Menschen sterben zu sehen? Handelte er also aus reiner Mordlust? Oder sollte eine vorangegangene Tat, etwa ein sexueller Missbrauch, verdeckt werden, und die Tötung war Mittel zum Zweck? Oder stellte das Mädchen eine andere Gefahr dar? Hatte Carola etwas beobachtet, das nicht öffentlich werden durfte, da es den Täter gefährdet hätte? Doch handelte es sich überhaupt um ein Tötungsdelikt? Kam für das Verschwinden des Kindes nicht auch ein Unglücksfall in Frage, der von den Verantwortlichen vertuscht werden sollte?
Ich merke, dass ich mehr Fragen als Antworten habe. Und schon kommt mir die nächste: Wie könnte der Täter das Mädchen überhaupt so schnell unter seine Kontrolle gebracht haben, dass es nicht um Hilfe schrie? Denn das hatten Carolas Großmutter, Sophia und ihre Mutter sowie andere Bewohner von Heidekrug bei der Polizei ausgesagt: Schreie oder Streitgespräche hätten sie am Morgen nicht gehört, auch sonst keine verdächtigen Beobachtungen gemacht. Kein Laut und kein Leichnam also. Eine frustrierende Ausgangsposition.
Dennoch hatte der Täter Spuren hinterlassen, wie ich seinem sogenannten Nachtatverhalten entnehme; Entscheidungen, die er traf, um seine Spuren zu verwischen. Das erlaubt mir erste vorsichtige Rückschlüsse auf seine Nähe zum Opfer, zum mutmaßlichen Tatort und zu seiner Risikobereitschaft.
So hatte der Täter Carolas Schulranzen und Sportbeutel in unmittelbarer Nähe zum vermeintlichen Entführungsort im Waldboden verscharrt, an anderer Stelle ihr Fahrrad mit einem Reisighaufen abgedeckt.
Spricht das nicht einerseits für seine Eile und andererseits für die Nähe, die der Täter zu Carola und dem Ort hatte? Befürchtete er nicht offenbar, von den wenigen dort wohnenden Menschen beobachtet und erkannt zu werden?
Hätte ein Carola unbekannter Täter die Sachen des Mädchens nicht am Ort des Überfalls zurückgelassen – in den Graben neben der Straße geworfen oder notdürftig abgedeckt –, um schnell Distanz zwischen sich und den Entführungsort zu bringen? Dadurch hätte er sein Entdeckungsrisiko minimiert, auch wenn die Tat selbst schneller aufgefallen wäre.
Je länger ich über diese Entscheidungen nachdenke, umso plausibler erscheint es mir, dass der Täter vor allem eins wollte: Carolas Verschwinden sollte möglichst lange unbemerkt bleiben.
Während ich gedankenversunken meine Ortsbesichtigung fortsetze, kommt Hermann Raabe auf mich zu. Ein stiller, in sich gekehrter und irgendwie trauriger alter Mann. Trotz seiner wachen und interessierten Augen wirkt er unruhig und verzweifelt. Sein graues Haar ist kurz geschnitten, sein Bart mehrere Tage alt. Wie schon bei unserem Treffen wenige Wochen zuvor im Güstrower Theater trägt er eine dunkle Cordhose, ein Flanelloberhemd, einen braunen Blouson und derbe lederne Halbschuhe, dazu eine dezent gestreifte Schiebermütze und eine einfache Armbanduhr am rechten Handgelenk. Als mich Hermann Raabe begrüßt, verstehe ich ihn kaum, so leise spricht er. Seine ruhige Stimme mildert einen ansonsten eher hart wirkenden norddeutschen Tonfall.
Recht bald erwähnt er, dass er Heidekrug seit Carolas Verschwinden meidet: »Das ist ein Ort des Unglücks!« Zwar sei die Siedlung nach der Flucht seiner Eltern aus Schlesien eine Zuflucht für ihn und seine Brüder gewesen, doch inzwischen könne er die Stille und das Rauschen des nahen Waldes nicht mehr ertragen. Dabei zeigt er auf die andere Seite des Weges, wo auf einer Anhöhe ein Hochwald steht.
»Wissen Sie«, fährt Hermann Raabe fort, »die Bilder von Carola sind hier mehr als sonst präsent. Dort stand ihre Schaukel«, wobei er in Richtung des Grundstücks weist. »Es war der größte Fehler meines Lebens, dass ich Carola nicht zu mir geholt habe.Und mit dieser Schuld werde ich wohl sterben müssen.«
Ich merke, dass der Vater noch eine Information loswerden möchte. Etwas aufgeregt sagt er: »Für den 28. Januar war Carolas Besuch in Rabelow geplant. Sie sollte dort bei der Polizei ihren Pass abholen, denn wenige Tage später wäre sie 14 Jahre alt geworden. Sie brauchte den Ausweis, da wir für die Skiferien in die ČSSR reisen wollten.« Ich überlege, was er mir damit sagen will, doch Hermann Raabe zögert plötzlich und verstummt. Eine Eigenart, die mir auch später noch an ihm auffallen wird.
Nachdenklich betrachte ich den Mann. Er betont noch einmal, dass er sich meine Hilfe erhofft, um die Wahrheit über Carola zu erfahren, egal, wie diese aussehen mag. »Ich will endlich abschließen können!« Sein eindringlicher Appell macht mir erneut klar, welche Verantwortung ich auf mich nehme, wenn meine Recherchen zu keinem Erfolg führen sollten.
Hermann Raabe unterbricht mich in meinen Gedanken: »Ich habe nicht mehr viel Zeit, aber bis zu meinem Ende wird der Schmerz da sein. Er hört nie auf. Aber solange der Schmerz über ihren Verlust noch da ist, ist auch Carola für mich da!«
Zwar sei er sich sicher, dass seine Tochter nicht mehr lebe, aber vor seinem Tod wolle er Gewissheit, was mit ihr geschehen sei. Sofern ihre sterblichen Überreste gefunden würden, wünsche er zudem ein Grab für sie, einen Ort zum Trauern, an dem er auch selbst begraben werden wolle.
Mit seinem Wunsch geht es Hermann Raabe wie vielen Angehörigen von Mordopfern oder Vermissten. Meist sind es Mütter, die auf mich zukommen und mir erzählen, dass sie endlich wissen wollen, was sich zugetragen hat und wo sie ihre Liebsten finden können – oder wenigstens deren sterbliche Überreste. Immer wieder höre ich dann auch Kritik an den polizeilichen Ermittlern: Diese hätten zu wenig getan oder seien unnahbar gewesen.
Auch Carolas Vater ist überzeugt, dass die Mordermittler und die ebenfalls involvierten Beamten der Staatssicherheit zu nachlässig waren und Eigeninteressen verfolgt hätten. Zudem habe ihn die vor wenigen Jahren eingesetzte Cold-Case-Abteilung der Kriminalpolizei enttäuscht. Man habe ihn weder zum Verschwinden seiner Tochter befragt noch über die eigenen Aktivitäten informiert: »Von denen kommt leider nichts! Wenn ich mich nicht selbst gekümmert und eine Anwältin eingeschaltet hätte, hätte ich nichts erfahren!« Die Verbitterung des Vaters ist deutlich zu spüren.
Dann nestelt Hermann Raabe vorsichtig in der Innentasche seiner Jacke und zieht eine Klarsichtfolie mit Papieren und Fotos seiner Tochter hervor. Beinahe andächtig wählt er eine Aufnahme und reicht sie mir. Das Schwarz-Weiß-Foto kenne ich bereits aus dem Internet: ein junges Mädchen mit dunklem, lockigem Bubikopf und lanzettförmigen, geometrischen Ohrhängern. Ihre Augen sind blaugrau, wie ich aus den damaligen Suchaufrufen weiß. Carola wirkt auf dem Foto deutlich älter als 13 Jahre. Ihr Blick ist traurig, suchend, in die Ferne gerichtet. Nimmt sie ihre Außenwelt überhaupt wahr, oder lebt sie in diesem Moment in ihrer eigenen Gedankenwelt?
Als ich den Vater darauf anspreche, beschreibt er seine Tochter als nachdenkliches, introvertiertes Kind – zumindest ihm gegenüber. Ich ermutige ihn weiterzuerzählen. Doch er hält inne, als müsse er sich sammeln. Dann streicht er sich wie zur Beruhigung übers Kinn.
Nach einem Räuspern fährt Hermann Raabe selbstkritisch fort: »Ich habe Fehler gemacht und war wohl zu streng zu meiner Tochter. Das ist mir oft vorgeworfen worden, besonders von meiner Familie. Ein Beispiel: Carola wollte im Februar 1989 in den Ferien im Krankenhaus in Riggelkow arbeiten – im Rahmen einer beruflichen Orientierung als Medizinerin. Sie hatte schon alles geplant, es fehlte nur noch die Unterschrift. Ich habe es nicht erlaubt und stattdessen darauf bestanden, dass sie mich in den Winterferien in die Tschechoslowakei zum Skiurlaub begleitet.« Schließlich habe er Carola sonst nur an den Wochenenden bei sich gehabt und nicht auf sie verzichten wollen. Zu dem gemeinsamen Skiurlaub sei es aber nicht mehr gekommen, da seine Tochter ja kurz zuvor verschwand, wie ich bereits wisse.
Einen weiteren Fehler räumt er ein: Er habe Carola die wahren Umstände des Todes ihrer Mutter verschwiegen. »Ich wollte sie schützen«, sagt er. »Ich ließ sie glauben, ihre schwermütige Mutter sei an einer inneren Erkrankung gestorben. Die Wahrheit erfuhr sie erst zufällig einige Wochen vor ihrem Verschwinden. Danach wollte sie nicht mehr zu mir nach Rabelow kommen; sie fühlte sich in meiner Wohnung, in der auch ihre Mutter gelebt hatte, nicht mehr wohl und suchte stattdessen die Nähe eines Jungen aus der Nachbarschaft.«
Ich frage vorsichtig, wie er seine Tochter sonst erlebt habe. Ihre schulischen Leistungen seien ausgezeichnet gewesen, kontert Hermann Raabe und greift auch schon in die Klarsichthülle und zieht Carolas letztes Schulzeugnis heraus. »Schauen Sie doch mal«, sagt er fast andächtig.
Ich muss zweimal schauen: Das Datum lautet 3. Februar 1989 – fast zwei Wochen nach dem Verschwinden des Mädchens. Wie muss Carolas Lehrerin bei der Benotung zwischen Hilflosigkeit und der Hoffnung geschwankt haben, dass ihre Schülerin doch noch wohlauf gefunden wird.
Ein Blick auf die Noten erklärt den Stolz des Vaters: In nahezu allen Fächern steht eine Eins. Auch »Fleiß«, »Mitarbeit« und »Ordnung« sind mit Bestnote bewertet. Umso stärker fällt die Zwei für »Betragen« ins Auge. Als ich den Vater darauf anspreche, relativiert er die Note sofort: »Nicht, dass Sie denken, Carola sei frech gewesen; sie hat nur nicht alles kritiklos hingenommen. Sie war ein Freigeist in ihren Gedanken.«
Die Formulierung »nicht frech« verwendet der Vater auch in späteren Gesprächen. Möglicherweise hat er sich als Erziehungsberechtigter mit abweichenden Meinungen schwergetan. Zugleich betont er, Carola sei sehr zuverlässig gewesen und ihr Verhalten stets tadellos.
Ich merke, dass der Vater bei der Beschreibung von Carolas Charaktereigenschaften stark auf Äußerlichkeiten abhebt – gutes Benehmen und die Befolgung seiner Vorgaben. Von ihm allein ist kein abgerundetes Bild der Persönlichkeit seiner Tochter zu erwarten.
Das überrascht mich nicht: Angehörige sehen ihnen nahestehende Menschen häufig einseitig. Als Ermittler muss man viele Aussagen und Perspektiven sammeln, um möglichst alle Facetten eines Menschen zu erfassen – und so dessen Verhalten in außergewöhnlichen Situationen besser einschätzen zu können.
Deshalb stelle ich Hermann Raabe lieber Fragen zu Carolas Erscheinungsbild und erfahre, dass sie lediglich 163 Zentimeter groß, schlank, ausdauernd und sehr sportlich war. Dabei weist der Vater stolz auf die nahe gelegene Hügellandschaft: »Hier hat Carola das Skifahren erlernt, und sie lief wie keine Zweite.«
Erneut greift er in die Klarsichthülle und zeigt mir Fotos seiner Tochter auf Skiern, im Porträt vor einem grauen Vorhang und gemeinsam mit Verwandten. Carola hat ihren Blick stets gedankenverloren in die Ferne gerichtet und nimmt kein einziges Mal Kontakt zur Kamera auf.
Nun präsentiert mir der Mann mehrere vom Staatssekretariat für Körperkultur und Sport der DDR an Carola vergebene Urkunden für erworbene Sportabzeichen in Bronze, Silber und Gold; alle versehen mit dem Zusatz: »Bereit zur Arbeit und der Verteidigung der Heimat«.
Ich muss mich noch an den damaligen Zeitgeist und den offensichtlichen Besitzanspruch des Staates gewöhnen, der selbst die Freude junger Menschen an Bewegung und Sport für seine sozialistischen Zwecke instrumentalisierte.
Neben ihrer körperlichen Fitness scheint Carola, zumindest den Fotos nach, auf ein eher burschikoses Äußeres geachtet zu haben. Ihre lockigen Haare sind stets kurz geschnitten und wirken jungenhaft.
In einer Beschreibung ihrer Großmutter Henny werde ich später allerdings lesen, dass Carola nach dem Einsetzen ihrer Regelblutungen, wenige Monate vor ihrem Verschwinden, damit begonnen hatte, mehr auf ihr Äußeres zu achten. So habe sie häufiger vor dem Spiegel gestanden, ihr Haar gekämmt, sich parfümiert und farblosen Nagellack aufgetragen. Doch gewirkt habe sie dabei immer noch wie ein Kind. Ihre Brüste seien kaum entwickelt gewesen, sodass das Mädchen auch noch keinen BH gebraucht habe.
Als ich Wochen später Carolas ältere Cousine Rita befrage, fügt sie hinzu: »Carola war intelligent, ruhig, verschlossen, wissbegierig, lebensfroh und fröhlich; kurzum ein Mädchen voller Ideen und Pläne.« Anzeichen von Depressivität habe sie keine gezeigt. Deshalb seien auch Behauptungen »haltlos«, Carola habe ihrer schwermütigen Mutter geähnelt.
Glücklich habe Carola nicht gerade gewirkt, doch bei gemeinsamen Treffen hätten sie dennoch viel Spaß gehabt und viel gescherzt, trotz des Altersunterschiedes von fast sieben Jahren. Besonders imponierte Rita, dass ihre Cousine stets ihre Meinung sagte – allerdings nicht gegenüber dem Vater. Dieser habe Carolas Entscheidungen stark eingeschränkt, vor allem in den Monaten vor ihrem Verschwinden. Aus Respekt vor ihm habe ihre Cousine das zähneknirschend akzeptiert. »Ich war froh«, fügt Rita an, »dass er nicht mein eigener Vater war, sondern nur mein Onkel.«
Ich bitte Rita um eine Einschätzung, wie Carola auf einen plötzlichen Angriff oder eine Entführung reagiert hätte. Ohne lange zu überlegen, erklärt sie vehement, dass Carola beides nicht ohne Gegenwehr hingenommen hätte: »Sie hätte sich heftig gewehrt und geschrien! Schließlich war sie willensstark und körperlich fit.«
Auch andere Menschen, die Carola auf ihrem kurzen Lebensweg begleitet haben, beschreiben sie mir als energisch, entschlossen, kameradschaftlich, selbstständig, zielbewusst, durchsetzungsfähig und sportlich. Sie sei eine gewesen, die »Geheimnisse für sich bewahren konnte und nicht gleich alles ausplauderte und weitertrug«. Wegen ihrer Verschwiegenheit wurde sie offenbar als Gesprächspartnerin geschätzt.
Während Carola Nahestehenden offen begegnete, war sie gegenüber Fremden eher vorsichtig. Das bestätigt auch ein Nachbar, den ich bei meiner Suche nach Zeitzeugen kennenlerne. Er habe Carola einmal bei schlechtem Wetter angeboten, sie im Auto mitzunehmen, doch sie habe abgelehnt. Stattdessen sei sie lieber auf dem aufgeweichten Sandweg mühsam nach Hause geradelt. »Sie war höflich, jedoch distanziert, nahezu schüchtern, und ließ keine Nähe zu«, so der Nachbar.
Frühere Klassenkameraden hatten sich in Vernehmungen sogar noch kritischer geäußert. Carola habe kompliziert, zickig und rechthaberisch sein können. Etwas, das mir ihre Großcousine Sophia in unseren Gesprächen bestätigt.
Ich frage sie zunächst nach den Umständen der Verabredung für den Morgen des 21. Januar. Sophia erzählt, Carola habe darauf gedrungen, dass Sophia sie an diesem Tag mit dem Fahrrad zur Schule begleitete, und ihr schließlich sogar gedroht: »Komm mal lieber mit, sonst bekommst du von mir eine geballert!« Warum sie das aber unbedingt wollte, habe Carola nicht erklärt.
Doch zurück zu Carolas Vater: Wie kann ich diesem rastlosen, einsamen Mann bloß helfen? Aus Erfahrung weiß ich, dass die Erwartungshaltungen der Betroffenen stets sehr hoch sind. Zugleich ist ein Scheitern bei der Aufklärung von Carolas plötzlichem Verschwinden nicht auszuschließen.
Eine Fallanalyse kann zwar neue Ermittlungsansätze liefern, doch diese müssen dann auch konsequent verfolgt werden. Dafür fehlt es aber oft an Geld. Die meisten Betroffenen können umfangreiche private Ermittlungen nicht finanzieren. Mehr als einmal habe ich erlebt, wie eine aussichtsreiche Suche nach der Wahrheit an den finanziellen Möglichkeiten scheiterte.
Und so erkläre ich Hermann Raabe, dass wir uns bei erfolgversprechenden Ansätzen – wie z. B. der Möglichkeit, die sterblichen Überreste seiner Tochter zu finden – wegen fehlender finanzieller Mittel an die offiziellen Ermittler würden wenden müssen. Ich sei aber auch davon überzeugt, dass es uns gelingen sollte, allein durch das Aufsuchen der relevanten Orte, durch Gespräche mit Zeitzeugen und die Bewertung der vorliegenden Ermittlungsergebnisse neue Ideen für Ermittlungsansätze zu entwickeln.
Dass frühere Sachbearbeiter des Falls diese Aktivitäten kritisch sehen könnten, dürfe ihn nicht verwundern. Solche Reaktionen hätte ich bereits als Fallanalytiker immer wieder erleben müssen. Da sei es mir oft so vorgekommen, als ob Mordkommissionen von mir nur erwarteten, dass ich ihre Theorien bestätige. Dabei sollte eine fallanalytische Tatrekonstruktion doch helfen, ungeklärte Sachverhalte zu bewerten und neue Ermittlungsansätze zu finden. Dafür müssen Mordermittler aber auch bereit sein, ihre bisherige Arbeit kritisch zu überdenken und neue Ideen zuzulassen. Schließlich geht es um die Aufklärung eines Verbrechens und nicht um persönliche Befindlichkeiten. Leider schaffen es aber manche Beamte nicht, dafür über ihren eigenen Schatten zu springen.
Ich beschreibe dem Vater nun, wie ich vorgehen will. Zunächst würde ich mich mit den Örtlichkeiten in Heidekrug vertraut machen, mich dann den Abläufen im Hause seiner Mutter am Morgen des 21. Januar 1989 zuwenden und anschließend die noch lebenden Zeitzeugen befragen. Ich bitte Hermann Raabe auch um die Zusage, über das Verschwinden seiner Tochter und seine Familiengeschichte berichten zu dürfen. Im Gegenzug biete ich ihm meine Arbeit pro bono an, also für ihn kostenlos. Mit beidem ist Hermann Raabe einverstanden. Er kündigt an, mir die Akten schicken zu wollen, die er dem früheren Mitarbeiter der DDR-Sicherheitsorgane zu Beginn seiner Privatermittlungen übergeben hat.
Wir verabreden weitere Treffen in Heidekrug, sobald ich mir ein Bild von den vorliegenden Ermittlungsergebnissen gemacht habe. Dazu werde ich auch im Stasi-Unterlagen-Archiv anfragen, ob dort Informationen zum Fall vorliegen. Denn nach meiner Kenntnis wurde in der früheren DDR bei Kapitalverbrechen neben einer Mordkommission der Volkspolizei oft auch eine Spezialkommission der Stasi eingesetzt.
Doch nun möchte ich mehr über die Lebensumstände der damaligen Bewohner von Heidekrug erfahren und bitte den Vater um eine Skizze von Carolas Zuhause.
Mit den Worten »Kommen Sie doch mal mit!« führt er mich vorbei an einer Mauer aus großen Findlingen durch den ehemaligen Garten zur Giebelseite des Fachwerkhauses. Auch hier ist der Niedergang nicht zu übersehen: eine grün gestrichene Gartenpumpe und ein paar landwirtschaftliche Geräte rosten vor sich hin. Die Scheiben der Sprossenfenster sind zerborsten, die Glasreste trübe.
Vor einer sechsstufigen Außentreppe bleibt der alte Mann stehen und erzählt, dass sich hinter der verschlossenen Haustür die frühere Waschküche befindet. »Dort hatte Carola ihr Fahrrad stehen. Ich hatte es ihr erst im letzten Sommer geschenkt, deswegen stand es stets drinnen. Morgens trug sie es dann für die Fahrt zur Schule nach draußen, schob das Rad noch einige Meter durch den Garten, ehe sie an der Grundstücksgrenze losfuhr.«
Ich kann keine Außenlampe sehen, und Carolas Vater bestätigt, dass es keine Beleuchtung gegeben habe. »Es war hier abends und in den Wintermonaten immer so dunkel, dass wir Taschenlampen brauchten.«
Diese Aussage bedeutet für mich, dass ich mir die Unterlagen des Wetterdienstes für den 21. Januar 1989 besorgen muss, um die Lichtverhältnisse und klimatischen Bedingungen für jenen Morgen abschätzen zu können. Besonders interessiert mich dabei, ob Carola auf dem Weg zu ihrer Großcousine einen möglichen Angreifer hätte sehen können oder ob der von der Dunkelheit geschützt war.
Die Treppenstufen sind mit Gras bewachsen und rutschig, die Brüstung aus roten Ziegeln auf beiden Seiten marode und einsturzgefährdet. Trotzdem wage ich ein paar Schritte bis zur Haustür und prüfe, ob ich vielleicht ins Gebäude gelangen kann. Doch die Tür ist verriegelt und bewegt sich keinen Zentimeter, so stark ich mich auch dagegenstemme.
Hermann Raabe erzählt, den Schlüssel habe der neue Hausbesitzer, doch den kenne er nicht. Als ich durch die Ritzen des verzogenen Türblatts ins Innere des Hauses blicke, entdecke ich Baumaterialien – wohl vom letzten verzweifelten Versuch, das Gebäude zu retten.
Ich drehe mich um und gehe durch das hohe Gras über das Grundstück, wie es früher Carola auf ihrem Weg zur Schule getan haben mag. Nach 35 Schritten erreiche ich den unbefestigten Sandweg, der zum Haus der Skamerals führt. Mir wird bewusst, dass Carola von hier aus zunächst rund 25 Meter bis zu einer alten Kastanie und einer lang gezogenen Kurve zurücklegen musste. Erst danach konnte sie das Anwesen ihrer Verwandten sehen.
Ehe ich diesen Weg jedoch selbst einschlage, bitte ich Carolas Vater, mit mir zum Haus zurückzukehren und mir in mein Notizbuch den Grundriss der Wohnung seiner Mutter zu skizzieren.
Am Haus angekommen, erklärt er mir rasch, welche Räume sich hinter den Broken Windows verbergen. »Hier war das Wohnzimmer«, sagt er und zeigt auf zwei Fenster, die rechts neben dem Treppenaufgang liegen.
Dann führt er mich zurück zur Vorderfront des Gebäudes, wo er auf ein weiteres Fenster deutet. »Und hier war das Schlafzimmer, wo mein Bruder Franz in der Nacht vor Carolas Verschwinden geschlafen hat.« Ich erfahre weiter, dass beide Räume durch eine Tür getrennt waren.
Ich frage verwundert, weshalb sein Bruder, der doch nur zu Besuch war, im Schlafzimmer übernachtete und wo dann seine Mutter und Carola geschlafen hätten. Hermann Raabe erklärt, die Wohnverhältnisse seien sehr beengt gewesen. Carola und seine Mutter hätten hinter Vorhängen in Betten im Wohnzimmer geschlafen. Dort habe ein großer Kachelofen in der kalten Jahreszeit für Wärme gesorgt. Das Schlafzimmer sei dagegen unbeheizt gewesen.
Dann fordert er mich auf, ihm hinter das Haus zu folgen. Er müsse mir noch etwas zeigen. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Nach einigen Metern bleibt er stehen und weist nach links, wo ein schlichtes, kleines und baufälliges Gebäude mit offenen Holztüren steht: »Unser Plumpsklosett. Wir lebten hier wirklich in einfachen Verhältnissen. Wasserspülung und Kanalisation gab es nicht. Wer zur Toilette wollte, musste durch den Garten; egal, ob es kalt, nass oder dunkel war. Elektrisches Licht war auch nicht vorhanden. Aus diesem Grund hatte meine Mutter für Carola einen Eimer in die Waschküche gestellt, damit sie nicht im Dunkeln nach draußen musste.«
Ich bin erstaunt, mit welcher Offenheit der Mann die bescheidenen Lebensumstände beschreibt. Für mich als Fallanalytiker sind solche Details enorm wichtig. Sie helfen mir, eine lang zurückliegende Zeit, die Persönlichkeiten der Bewohner, ihre Wohnsituation, die Alltagsabläufe und auch den Moment kurz vor der Tat besser einzuordnen und zu bewerten.
Wir setzen unseren Weg zur Rückseite des Hauses fort, kämpfen uns durch hüfthohen Wildwuchs, bleiben immer wieder an den Ranken des Brombeergestrüpps hängen und riskieren den schmerzhaften Kontakt mit Brennnesseln.
Mein Pullover ist schon voller Kletten, als mein Begleiter erneut stehen bleibt: »Das ist das Küchenfenster. Von hier aus hat meine Mutter morgens verfolgt, wie Carola ihre Großcousine abgeholt hat und wie dann beide davongeradelt sind. Im Dunkeln leuchtete meist nur Carolas Rücklicht. Das von Sophia war in der Regel kaputt.«
Als ich seinem Blick folge, schaue ich direkt auf die nahe gelegene Hofstelle der Skamerals. Trotz der mannshohen Büsche und Sträucher ist das Anwesen gut zu erkennen. So wird es auch im Januar 1989 gewesen sein. Nur war damals, im Winter, kein Laub an den Bäumen und noch nicht alles so zugewachsen. Ich bin gespannt, wie Carolas Großmutter den Ablauf des frühen Morgens vor 35 Jahren schildert.
Noch einmal lasse ich das frühere Forsthaus auf mich wirken. So klein ist es gar nicht. Warum hatte ihr Vater dann von beengten Wohnverhältnissen gesprochen? Wohnten etwa noch weitere Menschen im Haus?
Tatsächlich erzählt Hermann Raabe nun, dass damals außer seinen Eltern auch noch andere Heimatvertriebene im alten Fachwerkhaus einquartiert waren. In der rechten Haushälfte habe die Familie Balodis gewohnt. Am Morgen von Carolas Verschwinden seien sie früh aufgestanden, um im Nachbarort Brennholz zu schlagen. Doch hätten ihm die Nachbarn mehrfach versichert, weder Carola noch sonst etwas Auffälliges bemerkt zu haben.
Als ich bei einem weiteren Besuch in Roggow den Sohn der Familie, Martin Balodis, befrage, bestätigt er die Aussage von Carolas Vater. Die Ermittler seien damals ziemlich rüde und hart vorgegangen. Sein Vater und er hätten ihre Unschuld nur unter Schwierigkeiten beweisen können. Glücklicherweise habe ein Zeuge sie beim Fällen und Zersägen der Bäume im Nachbarort beobachtet und ihnen ein Alibi gegeben. »Sonst wäre es sicherlich sehr unangenehm für uns geworden«, schaudert der Mann noch heute.
Ich überlege, was ich inzwischen über Abläufe, Beteiligte und Örtlichkeiten des 21. Januar 1989 – dem vermeintlich letzten Tag im Leben der Carola Raabe – weiß.
Das Mädchen hatte an diesem Morgen im Dunkeln das Haus der Großmutter verlassen und sein Fahrrad rund 30 Schritte durch den Garten geschoben, ehe es den Sandweg erreichte und wohl im Licht der Fahrradlampe zum Haus der benachbarten Skamerals fuhr.
Zunächst ging es gut 20 Meter durch Dunkelheit, bevor am Ende des Weges die Außenlampe des Nachbarhofs leuchtete. Doch auch im Dunkeln konnte Carola sicher sein, dass ihre Großmutter am Küchenfenster wachen würde, denn das war ihr morgendliches Ritual. Welches Ereignis aber hatte diese Routine und Carolas Leben völlig verändert?
Ich mache mich mit meinem Begleiter auf den Weg zum Anwesen der Skamerals. Hinter dem alten Kastanienbaum an der Wegkreuzung bleiben wir stehen, und Hermann Raabe zeigt auf eine asphaltierte Straße, die nach rechts und am Hochwald vorbeiführt: »Hier geht es zum Nachbarort Velbert, aber damals war das auch nur ein holpriger Sandweg, der mit dem Auto nur langsame Geschwindigkeiten erlaubte. Ganz in der Nähe befand sich das Versteck von Carolas Ranzen und ihrem Sportbeutel.«
Ich überlege, ob der Täter diesen Weg mit Carolas Fahrrad befuhr, ehe er ihre Sachen verscharrte und sich dann des Fahrrads entledigte.
Vorbei an einem kleinen und fast ausgetrockneten Tümpel erreichen wir kurze Zeit später das Haus der Nachbarn. Hinter einem Zaun laufen zwei kläffende Hunde hin und her, die uns schon vor geraumer Zeit bemerkt haben.
Ich will wissen, ob es auch damals schon einen Wachhund gab. Doch Hermann Raabe kann sich nicht daran erinnern. Als ich später Carolas Großcousine Sophia danach frage, verneint sie es. Den ersten Wachhund hätten sie erst nach Carolas Verschwinden angeschafft.
Während ich mit Hermann Raabe vor der ehemaligen Poststation stehe, berichtet er, dass hier früher seine Tante Lisa mit Ehemann August sowie deren Sohn Martin mit Ehefrau Waltraud und Enkelin Sophia gelebt hätten. Heute würde hier nur noch Sophia mit ihrer Familie wohnen. Bis auf deren Mutter Waltraud seien alle anderen verstorben.
Ich möchte weiter ein Gefühl für die Örtlichkeiten bekommen und bitte Carolas Vater, mich auch zum dritten Haus der kleinen Siedlung zu führen.
Wir gehen wieder zurück und bleiben kurz vor dem halb leeren Weiher stehen. »Um den müssen Sie sich unbedingt kümmern«, sagt Hermann Raabe. Im Winter sei Carola hier immer Schlittschuh gelaufen. Leider habe die Polizei das Gewässer nie richtig in die Suche nach seiner Tochter einbezogen. »Sie haben es nur halb leer gepumpt und dann mit Stöberstangen den Boden sondiert.«
Wir passieren wieder Carolas früheres Zuhause und erreichen nach rund 200 Metern das letzte Haus, Heidekrug 3, das sogenannte Ritterkreuzhaus.
Ein ungewöhnlicher Name für ein Gebäude in der ehemaligen DDR, finde ich. Warum war es nach einer nationalsozialistischen Kriegsauszeichnung benannt, und warum wurde das geduldet? Mein Begleiter weiß die Antwort. Hier habe im Zweiten Weltkrieg ein mit dem Ritterkreuz dekorierter Wehrmachtsoffizier gewohnt. Der sei zwar schon bei Gründung der DDR im Oktober 1949 nach Westdeutschland ausgereist, der Haustitel aber sei geblieben.
Im Januar 1989 habe hier eine weitere Schwester seiner Mutter gewohnt: Berta Rosner, genannt Tante Ritsch. Wenige Monate zuvor sei zudem ein jüngeres Pärchen eingezogen: Peter Roß und Anne Dorsch. Beide hätten im Forstbetrieb gearbeitet. Am Tag von Carolas Verschwinden sei Anne Dorsch gerade wegen ihrer Schwangerschaft im Krankenhaus gewesen. Sein Bruder Franz und Peter Roß hätten sie dort am selben Nachmittag besucht.
Hermann Raabe zögert kurz und senkt dann erneut seine Stimme: Auch die Staatssicherheit habe ein Zimmer in dem Haus genutzt. Seines Wissens hätten dort regelmäßig konspirative Treffen stattgefunden, für die seine Tante habe einheizen müssen. Sie sei wahrscheinlich selbst Informelle Mitarbeiterin gewesen und habe vielleicht sogar Informationen über die Familie weitergegeben. Das könne er aber nur mutmaßen.
Im Ort werde zudem gemunkelt, dass Carolas Verschwinden mit den Stasi-Treffen zusammenhänge. Es heiße, sie habe etwas beobachtet oder einen der Besucher des Ritterkreuzhauses erkannt. Daraufhin sei sie für die Staatssicherheit zum Risiko geworden und entführt worden. Er selbst glaube das zwar nicht, aber der von ihm mit Recherchen beauftragte frühere Stasi-Mitarbeiter und SED-Funktionär vertrete diese Ansicht bis heute.
Wir setzen unseren Weg fort und halten an einer Gabelung. Ganz in der Nähe sei Carolas Fahrrad gefunden worden, sagt Hermann Raabe. Dann führt er mich nach links in eine holprige Allee. An einem abgeernteten Feld vorbei geht es nach wenigen Hundert Metern zu einem Nadelwald auf unserer Rechten.
Wir müssen uns beeilen, denn düstere Kumuluswolken türmen sich auf. Derweil versichert mir Carolas Vater: »Hier hat sich nicht viel verändert, nur dass damals der Weg noch schlechter war als heute.« Hermann Raabe orientiert sich, zeigt auf einen Hochsitz in der Nähe und meint, so einer habe hier auch damals schon gestanden.
Dann fordert er mich auf, ihm durch dichtes Dornengestrüpp in den Wald zu folgen. Bei jedem Schritt knacken Äste unter uns, und ich stelle mir vor, dass es für den Täter beim Verstecken des Fahrrads ebenso gewesen sein muss. Nur, dass er sicherlich bemüht war, jedes Geräusch zu vermeiden, um keine Forstarbeiter, Jäger oder einen der wenigen Bewohner dieser einsamen Gegend auf sich aufmerksam zu machen.
Nach ungefähr 50 Metern bleibt Carolas Vater stehen und zeigt auf eine Stelle: »Hier ungefähr hat Carolas Fahrrad gelegen.«
Wie gut seine Erinnerung ist, zeigt sich für mich einige Wochen später, als ich den Fundbericht der Spurensucher aus dem Jahr 1989 lese. Danach hatte Carolas Fahrrad in einem Lärchenwald ohne Unterholz, jedoch mit vielen abgebrochenen Ästen zirka 60 Meter tief in dem damals noch sehr lichten Wald gelegen. Es war an einen natürlichen Erdhügel angelehnt und mit trockenen Ästen und Zweigen abgedeckt.
Laut Beschreibung der damaligen Spurensucher zeigte der Lenker in Richtung des Feldes; Lenkerstange und Handbremse steckten im weichen Waldboden des Hügels. Bemerkenswert finde ich, dass das Fahrrad offenbar unbeschädigt war. Der Dynamo lag zudem nicht am Reifen an und konnte in dieser Stellung keinen Strom für die Fahrradlampen produzieren.
Die Fotos zum Bericht zeigen, dass derjenige, der das Fahrrad verbarg, sehr umsichtig vorgegangen war. Er hatte Lärchenzweige aufgesammelt und mehrschichtig über dem Rad ausgebreitet, sodass es vom Feldweg nicht zu sehen war. Das dürfte einige Zeit gedauert haben, doch vermutlich hielt der Täter sein Entdeckungsrisiko für gering. Ein weiteres Indiz dafür, dass er sich mit den Gegebenheiten auskannte.
Mich interessiert die Entfernung zwischen der Fundstelle und dem Wohnhaus von Carola. Im Bericht lese ich dazu, dass es Luftlinie rund 700 Meter in entgegengesetzter Richtung zu ihrem Schulweg sind.
Ich vergleiche die Umgebungsskizzen mit meinen Aufzeichnungen und stelle fest, dass der Täter auch mit dem Fahrrad über Feldwege zum Ablageort hatte radeln können. Doch wenn er es tatsächlich benutzt hatte, weshalb war der Dynamo nicht eingeschaltet? War es bereits hell, oder hatte der Täter den Schutz der Dunkelheit gesucht und den Lichtgenerator ausgeschaltet? Oder war ihm das Fahrrad bei eingeschaltetem Dynamo zu schwergängig? Ich muss unbedingt die Wetterdaten und den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs prüfen.
Und noch eine Frage drängt sich mir auf: Weshalb liegt an dieser Stelle das Rad, aber nicht Carolas Ranzen? Diese Entscheidung des Täters lässt mich vermuten, dass er sich zu verschiedenen Zeiten ihrer Sachen entledigte: Schulranzen und Sportbeutel als Erstes, vielleicht weil sie ihn bei seiner Flucht behinderten oder ihm die Notwendigkeit des Versteckens erst später bewusst wurde. Ansonsten hätte er sie auch gut zusammen mit dem Fahrrad hier im Lärchenwald verbergen können.
Aufgrund der fehlenden Beschädigungen des Rades kann ich noch eine weitere Feststellung treffen: eine Kollision mit einem Fahrzeug, ein Tritt in die Speichen oder ein heftiger Aufprall nach einem Sturz auf den Boden dürften auszuschließen sein.
Doch wie wurde Carola dann zum Anhalten gezwungen? Hatte der Täter das kommunikative Geschick, das Kind ohne Gewalt zum Anhalten zu bewegen? Hatte sie zu diesem Zeitpunkt das Fahrrad noch geschoben, sodass gar keine Gewalt notwendig war, um das Mädchen zu stoppen?
Oder war alles ganz anders als bisher angenommen? Hatte Carolas Großmutter den Ablauf des Morgens nur erdacht und ihre Enkelin das Haus gar nicht verlassen? Das könnte auch die Entscheidung für unterschiedliche Verstecke erklären, da die Schulsachen vorher tatsächlich gar nicht am Fahrrad befestigt worden waren. Ich hoffe, auch auf diese Fragen Antworten zu finden.
Ich bitte meinen Begleiter, mich jetzt zum Fundort von Carolas Schulranzen und Sportbeutel zu führen. Wir gehen einen Teil des Wegs zurück und biegen in eine zwischen zwei Waldstücken geschlagene Schneise ein. Das Gelände ist hier sehr uneben, und im hohen Gras haben Reifen von Treckern und Anhängern tiefe Furchen hinterlassen. Hier wäre Radfahren wohl nicht möglich gewesen und hätte – bei ähnlich schlechtem Wegzustand – den Täter wohl zum Schieben gezwungen; ein sehr anstrengendes Vorgehen.
In rund 100 Metern Entfernung sehe ich eine asphaltierte Straße. Da ich inzwischen meine Orientierung verloren habe, frage ich, wohin denn dieser Weg führt. »Das ist wieder die Straße nach Velbert«, erwidert mein Begleiter und ergänzt, dass es von hier bis zu seinem Elternhaus nur noch wenige Schritte sind. So nah beieinander habe ich mir die Handlungsorte des Täters gar nicht vorgestellt.
Aber auch Hermann Raabe muss sich jetzt orientieren, ehe er ein paar Meter in den Wald geht und auf eine Stelle in der Nähe deutet: »Hier ungefähr müssen die Sachen in einer Mulde gelegen haben. Sie waren nur von einer Schicht Erde und Blättern bedeckt!«
Ich wundere mich über den Ort, denn der Wald ist hier sehr licht und bietet kaum Möglichkeiten zum Verstecken. Jeder, der hier agierte, konnte dabei beobachtet werden. Der Täter wird sehr unter Stress gestanden haben, als er sich für diesen Ort entschied.
Die Erinnerung hat Hermann Raabe auch dieses Mal nicht getäuscht. Im Fundbericht lese ich später, dass an dieser Stelle zwei Tage nach Carolas Verschwinden und rund 450 Meter vom Fundort des Rades entfernt ihr Schulranzen und der Sportbeutel in einer Bodensenke entdeckt wurden, etwa 33 Meter von der Schneise des damaligen Mischwaldes abgelegen. Von dort sind es durch den Wald mit dichtem Unterholz bis zum Haus der Familie Raabe laut Entfernungsmessung der Ermittler lediglich 250 Meter.
Die Entscheidungen des Täters sind auch in anderer Hinsicht interessant. Er hat Carolas Sachen nicht nur einfach weggeworfen, sondern diese mit einer etwa zwei Zentimeter starken und mit Laub vermischten Erdschicht abgedeckt. Vermutlich hatte er dafür den Boden mit den Händen »etwas aufgewühlt«, sodass die daraus resultierende Veränderung der Bodenstruktur den Suchkräften aufgefallen war und sie den Boden gezielt mit Stöberstangen sondierten. Zuvor, so heißt es im Bericht, seien die Taschen nicht zu sehen gewesen.
Es folgt eine akribische Beschreibung der Bodensenke. Danach ist diese:
»60 x 55 cm groß und hat eine Tiefe von 40 cm.
Die unterste Laub- und Humusschicht wurde zum Abdecken der Taschen benutzt.
Der Waldboden ist an dieser Stelle sehr weich und leicht auszuheben.
Es gibt keine Spuren des Grabens von Spaten, Schaufeln oder Harken.
Die dunkelbraune Schultasche ist mit einem Steckschloß verschlossen.
Ein Sportbeutel aus dunkelblauem Jeansstoff liegt unter der Schultasche, der Reißverschluß ist zirka 15 cm weit aufgezogen. Im Beutelinneren findet sich Walderde. Carolas Sportkleidung ist an manchen Stellen feucht.«
Aber nicht nur das stellen die Ermittler fest. Als sie Carolas Vater bitten, die gefundene Schultasche durchzusehen, fällt auf, dass einiges fehlt: ein orangefarbenes Hausaufgabenheft, der Arbeitsvertrag für eine befristete Tätigkeit im Krankenhaus Riggelkow– die der Vater aber wegen des geplanten gemeinsamen Skiurlaubs untersagt hatte – sowie ein in Pergamentpapier gewickeltes Schulbrot mit Teewurst. Dieses will die Großmutter ihrer Enkelin morgens noch geschmiert haben.
Das klingt ungewöhnlich: Hatte der Täter tatsächlich – und womöglich im Dunkeln – Carolas Ranzen durchsucht, das Heft und den Arbeitsvertrag an sich genommen und das Brot gegessen? Und wo hatte er dann das Pergamentpapier gelassen? Hatte er es eingesteckt? Denn das Papier war bei der Spurensuche nicht gefunden worden.
Die Ermittler machen noch eine weitere Entdeckung. Mitten auf der Schneise und auf Höhe der vergrabenen Schultasche finden sie ein 122 Zentimeter langes und doppelt gelegtes rotes Stoffband mit verknoteten Enden. Eine Herkunftsfeststellung ergibt, dass es sich um das Einziehband eines Bikinioberteils der Größe 42 handelt. Es war bis 1985 im VEB Strickwaren Oberlungwitz in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, hergestellt worden. Doch wo der dazugehörige Bikini verkauft wurde und wem er gehörte, kann trotz umfangreicher Recherchen nicht ermittelt werden. Carola, ihren Schulkameradinnen und ihren Angehörigen gehörte er offensichtlich nicht.
Für den Anfang habe ich von Hermann Raabe bereits einige aufschlussreiche Informationen zu den Örtlichkeiten und den Umständen des Verschwindens seiner Tochter erhalten. Für weitere Fragen ist keine Zeit, denn aus den düsteren Wolken fallen erste Tropfen. Als wir endlich unsere Autos erreichen, regnet es bereits in Strömen. Ich bin klitschnass.
Doch bevor ich mich verabschiede, frage ich Carolas Vater noch, warum er den Täter auch in der eigenen Familie vermute. Zu meiner Überraschung weicht er aus und nimmt sofort seine Brüder und seine Mutter in Schutz: »Ich kann nur von mir ausgehen, doch so etwas, das liegt nicht in unseren Genen!« Dann fügt er zögernd hinzu, das gelte allerdings nicht für andere Mitglieder seiner Großfamilie. Dabei nickt Hermann Raabe bedeutungsvoll in Richtung des Skameral-Anwesens. Zu weiteren Erklärungen ist er nicht bereit: »Schauen Sie doch einfach in die Akten, und machen Sie sich ein eigenes Bild.«
Es dauert gar nicht lange, bis mich per Post zwei Ordner mit Kopien aus der Ermittlungsakte »Carola Raabe 3 AR 21/91« der Staatsanwaltschaft Schwerin erreichen; leider nicht immer in der besten Lesequalität und auch lückenhaft, denn 17 Ordner mit Beiakten fehlen: die Spurenakten überprüfter Personen sowie die dazugehörige Personenkartei. Das entnehme ich einem beigefügten Aktennachweis.
Ich brenne darauf, die Aussagen der damaligen Protagonisten zu den Umständen von Carolas Verschwinden zu lesen. Doch eine Protokollnotiz vom 26. Januar 1989 über eine kriminaltechnische Tatortarbeit erweckt meine spontane Aufmerksamkeit.
Danach wurde an der Kastanie direkt vor Carolas Zuhause ein Paar schwarz-roter Strümpfe gefunden. Ich frage mich, was es damit auf sich hat, und suche nach weiteren Hinweisen. Doch ich finde nur eine lapidare Bemerkung, dass die Strümpfe Carolas Vater vorgelegt werden sollten. Mehr geben die Akten nicht her.
Auch Hermann Raabe kann mir nicht weiterhelfen. Er habe keine Erinnerung daran, dass ihm ein Strumpfpaar vorgelegt worden sei. Aber es sei schon merkwürdig, dass die Strümpfe auf dem Grundstück seiner Mutter gelegen hätten.
Niemand schien weiteres Interesse an diesem Fund gehabt zu haben. Denn auf eine entsprechende Befragung der Großmutter wurde offensichtlich verzichtet. Dabei hätte der Zustand von Carolas Sportbeutel durchaus Anlass dafür gegeben. Der Reißverschluss war nämlich zur Hälfte aufgezogen. Und im Beutel befanden sich zwar alle Teile ihrer Sportbekleidung – inklusive Gymnastikhose, Turnhose, Trikot und Sportschuhen –, jedoch keine Strümpfe zum Wechseln nach dem Sport.
Hatte der Täter die Strümpfe aus dem Beutel genommen, waren sie herausgefallen, oder sollten sie dort noch hineingetan werden? Dann würde sich die Tat direkt am Haus ereignet haben, quasi unter den Augen der Großmutter und vor Franz Raabes Fenster. Für den Inhalt des Sportbeutels schien der Täter tatsächlich besonderes Interesse gezeigt zu haben, wie die »bodentypischen Anhaftungen« an Innen- und Außenseiten des Beutels sowie Carolas feuchter Gymnastikhose zeigten.
Aus den weiteren Untersuchungsanträgen ergibt sich, dass neben Routineuntersuchungen wie dem Nachweis von Körperflüssigkeiten wie Blut oder Sperma, der Sichtbarmachung von Fingerabdrücken sowie der Sicherung von Faser- und Schuhspuren ein weiterer Schwerpunkt auf der Auswertung von Geruchsspuren und dem Vergleich mit den Gerüchen potenziell Verdächtiger lag.
Die Methode der Geruchsdifferenzierung
