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Wir alle wissen um die Bedeutung unserer Persönlichkeit. Wohlbefinden, Gefühlsleben, Partnerschaften und Berufskarriere folgen unseren Wesenszügen. Mit der «Psyche des Politischen» wird ein neues Kapitel aufgeschlagen und erörtert, was der Charakter über unser politisches Denken und Handeln verrät. Die Analyse elementarer Persönlichkeitsmerkmale («Big Five») fordert nicht nur Anekdoten über die Charakterprofile der Schweizerinnen und Schweizer heraus, sondern bringt auch systematische Zusammenhänge mit politischen Ansichten und Verhaltensweisen zum Vorschein. Begrüssen Extrovertierte mehr Zuwanderung? Sprechen sich Empfindliche für einen starken Sozialstaat aus? Wen wählen eigentlich die Netten? Stimmen nur die Gewissenhaften ab? Welche Zeitungen lesen Offene? Bedienen sich nur Gesellige der sozialen Medien? Auswertungen von bis zu 14 000 Interviews liefern ausführliche Antworten auf diese und weitere Fragen.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Markus Freitag und Adrian Vatter (Hg.)
Politik und Gesellschaft in der Schweiz
Band 1:Markus Freitag (Hg.)Das soziale Kapital der Schweiz
Band 2:Thomas Milic, Bianca Rousselot, Adrian VatterHandbuch der Abstimmungsforschung
Band 3:Markus Freitag und Adrian Vatter (Hg.)Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz
Band 4:Fritz Sager, Karin Ingold, Andreas BalthasarPolicy-Analyse in der Schweiz
Band 5:Fritz Sager, Thomas Widmer, Andreas Balthasar (Hg.)Evaluation im politischen System der Schweiz
Band 6:Markus FreitagDie Psyche des Politischen
Weitere Bände in Vorbereitung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2017 NZZ Libro, Neue Zürcher Zeitung AG, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2017 (ISBN 978-3-03810-276-2)
Lektorat: Jens Stahlkopf, Berlin | www.lektoratum.com
Titelgestaltung: icona basel, Basel
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
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ISBN E-Book 978-3-03810-319-6
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung.
Vor Jahresfrist rüttelten Vermutungen über die Verwendung psychometrischer Modelle zur Beeinflussung der amerikanischen Präsidentschaftswahlen und der Brexit-Entscheidung die politische Öffentlichkeit wach. Ein diesbezüglicher Artikel der Schweizer Zeitschrift Das Magazin avancierte dabei im Internet zum meistgelesenen deutschsprachigen Text des Jahres 2016. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Kampagne – so die Essenz des Beitrags – liege im Wissen um die Persönlichkeit. Spezifische Informationen über die Psyche der Wahl- und Abstimmungsbürgerinnen und -bürger erlaubten eine gezielte Ansprache und eine passgenaue Übermittlung politischer Botschaften. In Zeiten nachlassender Prägekraft soziopolitischer Milieus und einer zunehmenden Emotionalisierung der Politik ist dies eine durchaus bemerkenswerte und herausfordernde Annahme.
Der vorliegende Band beschäftigt sich vor diesem Hintergrund mit der Persönlichkeit als Ursprung des politischen Denkens und Handelns und gründet auf den Einsichten der am Lehrstuhl für politische Soziologie in Bern auf diesem Gebiet betriebenen Wahl- und Einstellungsforschungen der letzten fünf Jahre. Im Mittelpunkt stehen mit der Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und dem Neurotizismus fünf zentrale Charaktermerkmale, anhand deren sich jede Persönlichkeit anschaulich beschreiben lässt. Je nach Grad der Offenheit denken oder verhalten wir uns althergebracht oder originell, geben uns achtsam oder waghalsig. Wie gewissenhaft wir sind, erkennen wir daran, ob wir allzu sorglos oder eher umsichtig handeln. Der Charakterzug Extraversion gibt Aufschluss darüber, wie zurückgezogen, gesellig, gehemmt oder sozial dominant wir uns geben. Verträglichkeit wiederum bezeichnet das Mass unseres selbstlosen oder egoistischen Verhaltens. Und Neurotizismus etikettiert die entgegengesetzten Merkmale emotionaler Belast- und Verletzbarkeit. Die Analyse dieser «Big Five» bringt nicht nur die Charakterprofile von Schweizerinnen und Schweizern hervor. Überdies wird deutlich, dass sich beispielsweise die Einstellungen gegenüber der Zusammensetzung des Bundesrates, der Zuwanderung, der Europäischen Union oder gegenüber der Erhöhung des Rentenalters ebenso von Charaktermerkmalen abhängig zeigen wie die Parteisympathie, die Zeitungslektüre, die Empfänglichkeit für politische Botschaften oder die Neigung zu protestieren. Zwar stehen all diese Analysen fest in der Tradition der politischen Psychologie. Allerdings kann der Inhalt auch für all diejenigen von Interesse sein, die sich immer wieder einmal diversen Persönlichkeitstests hingeben und damit den Grundstein für die psychologische Ausleuchtung des eigenen Charakters und der damit verbundenen Konsequenzen legen.
Die folgenden Zeilen wurden immer wieder durch Beobachtungen verschiedenster Charaktere inner- und ausserhalb des akademischen Elfenbeinturms stimuliert. Ich danke dabei all jenen, die mich durch ihr Verhalten gewollt oder ungewollt zum analytischen Nachdenken über ihre Wesenszüge angespornt haben. Neben Ruth, Nina und Nick haben unzählige Freunde, Kollegen, Bekannte, Nachbarn und Studierende samt ihren Temperamenten die Arbeiten fortlaufend begleitet und beeinflusst. Kathrin Ackermann hat mich während der Abschrift ihrer Dissertation zum Thema immer wieder auf Unzulänglichkeiten und Plausibilitäten hingewiesen und die Lücken meines Forschungsstandes eindrucksvoll geschlossen. Giada Gianola unterstützte mich tatkräftig bei den empirischen Analysen und deren grafischer Umsetzung. Claude Messner danke ich herzlich für die offene, kritische und gleichsam kollegiale Durchsicht aus sozialpsychologischer Warte. Anna Brunner, Facia Marta Gamez, Philipp Kronenberg, Kerstin Nebel, Nathalie Hofstetter, Eros Zampieri und Jessica Zuber waren mir bei der Fertigstellung und Korrektur des Manuskriptes in vielfältiger Weise eine mehr als gewissenhafte Hilfe. Maya Ackermann, Sara Kijewski und Carolin Rapp haben mir durch ihre verträgliche Art und ihre Eigenständigkeit zudem in verschiedenster Weise den Rücken freigehalten und mich durch ihre Voten zum Überdenken des Geschriebenen bewogen. Seit den heissen Sommertagen von Madrid 2012 und dem Studium der Schriften von Jeffery Mondak war mir auch Adrian Vatter stets ein treuer Begleiter des Unterfangens, der mit stupender Beharrlichkeit und der ihm eigenen Offenheit meine psychologischen Anwandlungen immer wieder auf ein politikwissenschaftliches Mass zurechtstutzte. Mein Dank gilt nicht zuletzt auch der UniBern Forschungsstiftung und hier insbesondere der IMG Stiftung, die durch ihre grosszügige finanzielle Unterstützung einer möglichen Verzögerung der Veröffentlichung einen wirkungsvollen Riegel vorgeschoben haben.
Ein Skorpion wollte einen Fluss überqueren. Da traf er am Ufer einen Frosch und bat diesen: «Lieber Frosch, nimm mich bitte auf deinem Rücken mit zum anderen Ufer!» – «Ich bin doch nicht lebensmüde. Wenn wir dann auf dem Wasser sind und du mich stichst, dann muss ich sterben», entgegnete ihm der Frosch. «Wie könnt’ ich dich stechen, dann gehen wir ja beide unter und müssen beide sterben», antwortete der Skorpion. Der Frosch überlegte und sagte: «Ja, da hast du wohl recht. Steig auf meinen Rücken.» Kaum waren sie einige Meter geschwommen, spürte der Frosch einen stechenden Schmerz und er schrie: «Jetzt hast du mich doch gestochen. Wir müssen beide sterben!» Der Skorpion: «Ja, tut mir leid. Aber ich bin ein Skorpion und Skorpione stechen nun mal!»
Persische Fabel
Unser Leben ist ein ständiger Charaktertest. Von der Pluralisierung der Lebenswelten angetrieben, bedienen wir uns seit Kindesbeinen des Kompasses beständiger Selbsteinschätzungen zur Bewältigung alltäglicher Herausforderungen: Halte ich das durch? Bin ich zu sensibel? Kann ich mich durchsetzen? Bin ich schlau genug? Schaffe ich das rechtzeitig? Bin ich wirklich kreativ? Mit derlei Charakterfragen durchleuchten wir aber nicht nur unsere eigene Persönlichkeit, sondern wir tasten damit auch unser Umfeld ab. Jede Person will wissen, wer sie ist und wie die anderen ticken. Um privaten Enttäuschungen vorzubeugen, wollen wir beispielsweise herausfinden, ob das Gegenüber treu und ehrlich ist.1 Mit Blick auf die abendliche Freizeitgestaltung ist es schliesslich wichtig, ob die Kollegin unternehmungslustig und gesellig oder verschlossen und zurückhaltend ist. Lebens- und Wohngemeinschaften stellen potenziellen Neuzuzügerinnen und Neuzuzügern fundamentale Fragen nach deren Anpassungs- und Kompromissfähigkeit: Wie hältst du es mit der Sauberkeit? Bist du auch freundlich, kultiviert, witzig, zuvorkommend und phantasievoll? Künftige Arbeitgeber wiederum fragen unsere Kooperationsfähigkeit ab und möchten erfahren, ob wir ausdauernd und gewissenhaft sind und wo unsere Stärken und Schwächen liegen.2 Passagen zur Bedeutung einzelner Charaktermerkmale finden sich deshalb auch in beinahe jedem Lehrbuch zum Personalwesen, und nicht wenige Marketingstrategen feilen an gezielten Werbebotschaften für das jeweilige Persönlichkeitsprofil, im Sinne eines «targeted advertising» (Huang 2009).3 Vom frühkindlichen Dasein über das Blättern in diversen Jugendzeitschriften und Kontaktanzeigen bis hin zu Facebook-Likes und zur Wahl des Freundeskreises und der Altersresidenz: Unsere Persönlichkeit durchzieht beinahe jede lebensweltliche Faser unseres Daseins.4
Wenn wir also davon ausgehen können, dass unser Charakter in vielerlei Hinsicht unsere alltäglichen Handlungen und Haltungen tangiert, ist allerdings auch zu erwarten, dass unsere Persönlichkeit systematische Zusammenhänge mit politischen Wertorientierungen, Einstellungen, Interessen und Verhaltensmustern aufweist. «Denn Menschen legen tief verankerte Verhaltenstendenzen nicht ab, sobald sie sich der politischen Sphäre nähern» (Schoen 2012: 49). Diese Grundeinsicht durchdringt neuerdings auch vermehrt das Marketing der Parteizentralen, wenn es darum geht, den potenziellen Wählerinnen und Wählern politische Botschaften mundgerecht servieren zu können. Entsprechende Mutmassungen wurden bereits im Taumel der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika angestellt.5
Ganz generell unterliegt unser politisches Denken und Handeln verschiedensten Einflüssen.6 Nehmen wir das Lebensalter, das Geschlecht oder auch den erreichten Bildungsgrad: Hier führen uns eingängige Forschungen immer wieder vor Augen, dass hochgebildete ältere Männer eher den Weg an die Wahl- oder Abstimmungsurne finden als junge und wenig gebildete Frauen. Oder schauen wir auf die Konfession: Katholiken wählen noch immer eher die CVP (Christlichdemokratische Volkspartei) als dies konfessionell ungebundene Bürgerinnen und Bürger tun. Ein Übriges veranstaltet die Umwelt mit uns. Sei es die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen, die Verbindung zu Bezugspersonen, eine eher ländliche oder urbane Umgebung, auch unser Umfeld hinterlässt Spuren, wenn es um die Entwicklung unserer politischen Einstellungen und unseres politischen Verhaltens geht.
Allerdings beginnen wir unser politisches Leben nicht als unbeschriebenes Blatt (Mondak 2010). «Leader werden geboren, nicht gemacht», lesen wir beispielsweise in der Neuen Zürcher Zeitung im Dezember 2015.7 Menschen sind damit kein reines Produkt ihrer Sozialisation, und sowohl ihr Verhalten als auch ihre Einstellungen lassen sich nicht allein von äusseren Einflüssen ableiten. Zudem berühren Umweltbedingungen Individuen je nach Naturell in unterschiedlicher Art und Weise (Cawvey et al. 2017; McGraw 2009; Mondak 2010: 184). Flüchtlingsströme mögen bei Christoph und Victor Gefühle der Unsicherheit und Verlustängste hervorrufen, während Angela die Furcht des Kontrollverlustes viel weniger umtreibt. Stattdessen bietet sie selbstlos und aus Warmherzigkeit Hilfe an. Immerwährende Abstimmungskämpfe fordern wiederum die Diskussionslust der Extrovertierten heraus, lassen die sich abwendenden Harmoniebedürftigen aber nur mit dem Kopf schütteln. Und obschon wir uns durch Erfahrungen und deren Adaption ständig weiterentwickeln, können wir davon ausgehen, dass ein gewisses Fundament unseres Denkens und Handelns bereits bei der Geburt angelegt wird und personeninhärente Merkmalsunterschiede genetisch veranlagt sind (Asendorpf 2007: 32). Esther ist extrovertiert und geht deshalb gerne auf Menschen zu. Lynn und Noah sind gewissenhaft, und infolgedessen kommen sie äusserst ungern zu spät. Wir wissen aus Erfahrung, dass sich Menschen in ihrem Charakter von der ersten Minute ihres Lebens an unterscheiden. Wir haben bislang allerdings nur wenig Kenntnis darüber, wie sich unsere Persönlichkeit im politischen Denken und Handeln niederschlägt. Darüber wird in diesem Buch gesprochen. Es wird argumentiert, dass individuellen Persönlichkeitsunterschieden eine besondere Bedeutung im Zusammenhang mit politischen Ansichten und Verhaltensweisen zukommt. Unsere Persönlichkeit kann Aufschlüsse darüber geben, warum wir uns für oder gegen einen Sachverhalt aussprechen, wer sich von uns überhaupt für Politik interessiert und sich dabei noch engagiert oder warum wir ganz bestimmte Personen oder Parteien unterstützen. Frei nach dem Motto: «Sag mir, wie du bist, ich sage dir, wer zu dir passt!»
Es geht in den folgenden Analysen beileibe nicht darum, den politikwissenschaftlichen Kopf des Forschungsstandes auf psychologische Füsse zu stellen. Der Antrieb ist vielmehr der wissenschaftlichen Neugier geschuldet. Zunächst geht es darum, überkommene Vorstellungen mit systematisch erhobenen Daten zu konfrontieren, nicht zuletzt auch um Gewissheit über unsere gepflegten Vorurteile zu erhalten. Wenngleich dieser Impetus immer wieder ob der Trivialität der gewonnenen Befunde belächelt wird, steckt dahinter ein ernsthaftes Unterfangen, die oftmals auf Folklore basierenden Beziehungsmuster aus ihrem anekdotischen Strickmuster geschilderter Einzelfälle bekannter oder unbekannter Personen herauszulösen. Derlei Klischees beherrschen unseren Alltag. Es war die Schweizerische Volkspartei (SVP), die zu Beginn der 1990er-Jahre per «Messerstecher»-Inserat prominent und öffentlichkeitswirksam auf mögliche Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitseigenschaften und politischen wie gesellschaftlichen Präferenzen hinwies. Ausdruck hierfür war die Botschaft, dass insbesondere den «Netten und Linken» die Zustände steigender Kriminalität und wachsenden Drogenkonsums sowie eine damit eng verknüpfte Angst in der Bevölkerung zuzuschreiben wären. Später wurde die Öffentlichkeit aufgeklärt, dass «Weichsinnige» dem Freisinn zugewandt seien und die «Heimatmüden» den Ausverkauf nationaler Interessen zum politischen Programm erhöben. Im Vorfeld der National- und Ständeratswahlen 2015 vernahmen wir weiterhin vom Präsidenten der SVP des Kantons Basel-Stadt, dass der Mangel an Kandidatinnen auf der Liste seiner Oppositionspartei nicht zuletzt auch auf den Charakter der Frauen zurückzuführen sei, «weil sie harmoniebedürftiger sind».8 Daran anschliessend wäre natürlich von Interesse, ob Ausgewogenheit suchende Menschen sich ganz allgemein von der Politik abwenden. Oder betrachten wir den Wahlerfolg der Schweizerischen Volkspartei mit annähernd 30 Prozent bei ebendiesem Urnengang. Beinahe alle Beobachterinnen und Beobachter griffen in ihrer Analyse bewusst oder unbewusst in den psychologischen Baukasten, wenn auf die Flüchtlingskrise und ihr Mobilisierungspotenzial verwiesen wurde. Von dieser seien vor allem die ängstlichen und strukturbewahrenden Menschen beeinflusst worden, die aus Furcht vor dem Verlust von Identität, Status und Ordnung ihre Wahlentscheidung getroffen hätten. Auch das Zusammenleben der verschiedenen Kulturkreise der Schweiz provoziert immer wieder (Vor-)Urteile über den Charakter der Einheimischen: Vor einigen Jahren tadelte beispielsweise Die Weltwoche die Romands als «faule Südländer», während Deutschschweizer als «fleissige Nordländer» beschrieben wurden.9 Und als alt Bundesrat Moritz Leuenberger referierte, «dass die soziale Geselligkeit in der Romandie oder der italienischsprachigen Schweiz viel ausführlicher zelebriert wird», verwies er damit indirekt auch auf die Introvertiertheit der Bewohnerinnen und Bewohner der Deutschschweiz.10 Ins gleiche Horn bliesen Politikberater, als sie im Herbst 2015 den Telefonwahlkampf der Sozialdemokratischen Partei (SP) anprangerten. Es sei unschweizerisch, fremde Leute zu Hause anzurufen. Herr und Frau Schweizer seien für die amerikanische Wahlkampftaktik zu introvertiert.11 Dabei sind die Bürgerinnen und Bürger der Deutschschweiz doch offener als ihre Nachbarinnen und Nachbarn aus Österreich und Deutschland, was ein weltumspannendes Projekt von 56 Nationen unlängst offenlegte (Schmitt et al. 2007: 193). Und auch wenn wir durch das Weitersagen Spannendes und Belustigendes über die Eigenheiten von Personen und Ethnien vernehmen: Vieles, was über deren Charakter berichtet wird, entstammt der Einfachheit halber dem tiefen Blick in die anekdotische Glaskugel. Substanzielles Wissen verlangt aber nach mehr, und der Plural der Anekdote sind systematisch erhobene Daten.
Die hier angestrebte wissenschaftliche Durchdringung des Hörensagens knüpft direkt an einen zweiten Impuls an. Obwohl es nicht besonders verwundern mag, dass sich offene Menschen zu grünen Parteien hingezogen fühlen und liberale Parteien wiederum eher wettbewerbsorientierte Personen anziehen, suchen wir in der Schweizer Forschungslandschaft bislang vergebens nach wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen solcher Beziehungsmuster. Während in der übrigen Welt die psychologische Untermauerung der politikwissenschaftlichen Wahl- und Einstellungsforschung seit einer Dekade einen Siegeszug feiert, verharren die schweizerische politische Soziologie und ihre Subdisziplin der politischen Psychologie diesbezüglich noch weitgehend in den Startblöcken.12 Es scheint aber an der Zeit, sich dieser offensichtlichen Forschungslücke anzunehmen und den psychologischen Weichenstellungen politischer Handlungen und Einstellungen in der Schweiz ernsthafter nachzugehen. Der bis anhin erkleckliche Erkenntnisrückstand ist aber nicht allein auf die Trägheit der hiesigen Wahl- und Einstellungsforschung zurückzuführen. Vielmehr fand die Persönlichkeit trotz jahrzehntelanger Vorschusslorbeeren ganz generell erst in jüngster Zeit den Weg zurück in die Analyse des politischen Denkens und Handelns (Cooper et al. 2013: 68). Dabei war der Start vor über einem halben Jahrhundert durchaus verheissungsvoll. Bereits Ende der 1950er-Jahre wiesen nämlich die Säulenheiligen der empirischen Wahlforschung auf die Relevanz des Charakters in der Erklärung des politischen Verhaltens hin und behaupteten, dass «[…] any account of behavior – political as well as social or economic – must lean heavily on personality theories» (Campbell et al. 1960: 499).13 Mit anderen Worten: Das Fundament für eine psychologische Durchdringung des Wahlverhaltens wurde im Kerngeschäft der politischen Soziologie selbst gelegt. Neben dem mikrosoziologischen Ansatz der Columbia School (Lazarsfeld et al. 1944) kümmerte sich insbesondere die sogenannte sozialpsychologische Sichtweise der Wahlforschung von Campbell und seinen Mitstreitern (Campbell et al. 1960) aus Michigan um die Erklärung des Wahlverhaltens und beschäftigte sich mit der Bedeutung der Persönlichkeit.14 Neben diesem Vorläufer in der politikwissenschaftlichen Wahl- und Einstellungsforschung fussen die in diesem Buch präsentierten Analysen und Befunde auf weiteren politisch-psychologischen Gehversuchen. Beispielsweise diskutierten Mussen und Wyszynski (1952), Levinson (1958) oder auch Smith (1958, 1968) in verschiedenen Anläufen den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und politischem Verhalten. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang sicher auch die Studie von Adorno et al. (1950), die eine in der frühen Kindheitssozialisation erworbene autoritäre Persönlichkeit als Wegbereiterin potenziell faschistischer Haltungen ansieht. Diese Forschung fand ihre Fortsetzungen in den Arbeiten von Altemeyer (1988; siehe auch Kandler et al. 2016). Die Studien von McClosky (1958, 1964) wiederum steckten das Feld der politischen Ideologien ab und gingen schon früh der Frage nach, ob sich weltanschauliche Unterschiede zwischen Konservativen und Progressiven statt auf Einkommens- oder Bildungsdifferenzen eher auf die Persönlichkeit zurückführen lassen. Darüber hinaus spielte die Persönlichkeit eine besondere Rolle, wenn es um die Erforschung der Toleranz als Duldung des Falschen ging. Beginnend mit den Arbeiten von Stouffer (1955: 107), der Intoleranz als «a systemic factor in personality» ansah, über die Beiträge von Sullivan et al. (1982) bis hin zu den Forschungen von Marcus et al. (1995): Immer wieder wurde in diesen politikwissenschaftlichen Arbeiten auf den zentralen Stellenwert psychologischer Fundierungen von Einstellungen und Verhalten hingewiesen. Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass abseits der zumeist umfragebasierten Einstellungs- und Verhaltensforschung wiederholt Versuche unternommen wurden, das Wirken politischer Machthaber auf deren charakterliche Wesenszüge zurückzuführen (Winter 2003).15
Summa summarum stellten Analysen mit Persönlichkeitszügen als ausschlaggebende Grössen aber für lange Zeit eine Rarität in der politikwissenschaftlichen Verhaltens- und Einstellungsforschung dar. Konzeptionelle Mängel, nicht allzu vielversprechende Befunde in den Pionierstudien sowie fehlende Zugänge zu umfassenden Klassifikationsmodellen und umfragetauglichen Messungen der Persönlichkeit versetzten allfällige Forschungsbemühungen trotz allgemein anerkannter Bedeutung bis in die jüngste Zeit in einen akademischen Tiefschlaf (Faas et al. 2015; McGraw 2009; Mondak 2010: 12; Zmerli und Feldman 2015).16 Und obschon hie und da einzelne Beiträge mit psychologischen Einsprengseln aufwarteten, blieben systematische Untersuchungen zum Einfluss umfassender Persönlichkeitsmerkmale auf der Basis intersubjektiv nachvollziehbarer und empirisch überprüfbarer Taxonomien bis in die jüngste Zeit weitgehend aus.
Vor diesem Hintergrund soll der bislang vernachlässigte Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Politik für die Schweiz auf seine empirische Tragfähigkeit geprüft werden und die bislang dominierenden und wohldurchdachten soziodemografischen wie sozioökonomischen Variablenketten bereichern. Damit werden die Erkenntnisgewinne und Meriten der bisherigen Einstellungsforschung nicht infrage gestellt. Vielmehr sollen die existierenden Erklärungsmodelle theoretisch und empirisch sinnvoll ergänzt werden. Diese Aufgabe stellt sich umso dringlicher, falls sich persönlichkeitsrelevante Aspekte in der Begründung des politischen Verhaltens und der politischen Einstellungen als einflussreich zeigen sollten. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass alle Modelle ohne Persönlichkeitsmerkmale wichtige Erklärungen ausser Acht lassen und mitunter fehlspezifiziert sind. Den Schwung erhält dieses Unterfangen einerseits durch die teilweise beeindruckenden Befunde bisheriger Analysen, in welchen persönlichkeitsrelevante Aspekte die Erklärungskraft soziodemografischer Merkmale bisweilen übertrumpften.17 Andererseits unterstützte der tiefgreifende Wandel von Konzepten, Theorien und Messinstrumenten massgebend die Weiterentwicklung der psychologischen Persönlichkeitsforschung und bahnte sich den Weg in die umfragebasierte Verhaltens- und Einstellungsforschung. Allerdings verhält es sich mit der Persönlichkeit wie mit der Liebe: Niemand wird deren Existenz verneinen, aber alle haben eine andere Vorstellung davon (Cattell 1973: 41). Spricht man über die Persönlichkeit eines Menschen, bezieht man sich im Alltag zumeist auf dessen Verhaltenstendenzen, die dieser über die Zeit und Situationen hinweg an den Tag legt (Schoen 2012: 48). Ganz allgemein urteilen Pervin et al. (2005: 31): «Bei der Persönlichkeit geht es um jene Charakteristika oder Merkmale des Menschen, die konsistente Muster des Fühlens, Denkens und Verhaltens ausmachen.» Jemand kann beispielsweise als neugierig, experimentierfreudig, unterhaltsam, ängstlich, ordentlich oder sanftmütig beschrieben werden.
In einem der führenden Ansätze der Persönlichkeitspsychologie, dem Eigenschaftsparadigma, werden gerade derlei adjektivistische Zuschreibungen zur Charakterisierung individueller Besonderheiten von Menschen herangezogen.18 Die teilweise vererbten oder in früher Kindheit entwickelten Eigenschaften umschreiben Verhaltenstendenzen und begründen als zentrale Elemente die Persönlichkeit eines Menschen, ohne diese allerdings vollständig zu erklären (Mondak 2010: 8; Pervin 2003: 38).19 Persönlichkeitseigenschaften lassen sich aber nicht direkt beobachten, sondern manifestieren sich im Verhalten und in den Wertvorstellungen oder Einstellungen einer Person. Letztere sind aus diesem Grund auch von Persönlichkeitseigenschaften zu unterscheiden und diesen ursächlich nachgelagert (Caprara et al. 2013: 27, 32; Olver und Mooradian 2003; Roccas et al. 2002).20 Obgleich hier kein Determinismus vorliegen muss, gehen wir mit anderen Worten davon aus, dass interpersonale Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten zu einem grossen Teil auf ungleiche Persönlichkeitsmerkmale zurückgehen.21 Sie charakterisieren das Individuum und sorgen für die Unterschiede zwischen dir und mir – auch was das politische Denken und Handeln betrifft.22 Kurzum: Persönlichkeitszüge gehen in Werten auf und bilden sich in bestimmten Situationen zu konkreten Einstellungen oder tatsächlichem Verhalten aus (Olver und Mooradian 2003; Roccas et al. 2002).
Als Persönlichkeit wird gemäss dem Eigenschaftsparadigma die organisierte Gesamtheit der Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen begriffen. Diese Eigenschaften haben genetische Wurzeln und sind zeitlich weitgehend unveränderbar und situationsunabhängig. Wir gestehen uns das im Alltag immer wieder ein: «So ist er eben, der Hansruedi»; «Brit ist von Natur aus so»; «Stefan war schon immer so. Es liegt in seinem Naturell, nach Niederlagen immer wieder aufzustehen»; «Karin kann einfach nicht aus ihrer Haut raus». Und wer wie Adrian bereits in jungen Jahren unter Gleichaltrigen zu den Partylöwen zählte, wird auch im Alter die Geselligkeit suchen, nur eben nicht mitten auf der Tanzfläche und mit weniger lauter Musik (Paulus 2009). Mit ihrer relativen Stabilität legt sich die Persönlichkeit wie eine Art Gips um uns (James 1981 [1890]: 126). Obschon stabil, ist Gips aber durchaus form- und biegbar.
Im Gegensatz zu den oben genannten Vorboten persönlichkeitsbezogener Einstellungs- und Verhaltensstudien stellt der jüngste Forschungszweig der politischen Psychologie nicht nur die Konsequenzen einzelner und arbiträr hinzugezogener psychologischer Fundierungen bruchstückhaft in den Mittelpunkt des analytischen Interesses. Er versucht sich vielmer in einer systematischen Wirkungsanalyse einer theoretisch fundierten und umfassenden Persönlichkeitstaxonomie. Die Folge des in der Persönlichkeitspsychologie entwickelten und im Vergleich zu den vorherigen Gehversuchen weitaus elaborierteren Charaktermodells ist eine Vielzahl von Forschungen, die ausserhalb der Schweiz unübersehbar und nachhaltig Einzug in die politische Einstellungs- und Verhaltensforschung gehalten hat. Zur Erfassung der Persönlichkeitseigenschaften hat sich in der Persönlichkeitspsychologie innerhalb der vergangenen Jahre das sogenannte Fünf-Faktoren-Modell fest etabliert (John et al. 2008a; Kandler und Riemann 2015; McCrae und Costa 2008; Schoen 2012). Demzufolge lässt sich die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen anhand fünf zentraler und universeller Eigenschaftsdimensionen beschreiben (Cottam et al. 2010; Schoen 2012; Winter 2003). Unwissentlich beurteilen Menschen mithilfe dieser Eigenschaften immer wieder auch andere Menschen. Als diese fünf grossen und relativ umfassenden Eigenschaften («Big Five») werden Offenheit für Erfahrungen (Wie empfänglich sind Sie für Unbekanntes?), Gewissenhaftigkeit (Wie penibel sind Sie?), Extraversion (Wie leutselig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie liebenswürdig und kollegial sind Sie?) und Neurotizismus (Wie empfindlich und zaghaft sind Sie?) genannt.23 Wenngleich auch dieses Persönlichkeitsmodell zur Zielscheibe von vielerlei Kritik wurde, avancierten die «Big Five» zu einem weitgehend akzeptierten Vorschlag der empirischen Erfassung des Charakters, der nicht nur in Alltagsdiskursen, sondern vor allem auch in der wissenschaftlichen Debatte der vergangenen 30 Jahre eine weltweite Popularität erreichte (Ackermann 2017b: 15f.) (siehe Abbildung 1.1).
Die «Big Five» sind als eine umfassende Landkarte der wichtigsten Dimensionen der menschlichen Persönlichkeit zu deuten. Diese fünf Eigenschaften beschreiben Unterschiede im Denken, Fühlen und Verhalten, charakterisieren das Individuum und sorgen für die Unterschiede zwischen den Menschen. Untersuchungen zeigen unter anderem, dass die «Big Five» Hinweise auf den Glückszustand einer Person geben, welcher Beruf ihr liegt, wie aussichtsreich ihre Ehe ist, wie gesund sie lebt und ob sie vergleichsweise früh sterben wird (John et al. 2008a). Emotional labile, will sagen ängstliche und besorgte Menschen sind beispielsweise eher unglücklich, was nicht ohne Folgen für die Qualität und Dauerhaftigkeit ihrer Ehen bleibt. Verträgliche und gewissenhafte Eheleute finden sich hingegen deutlich seltener vor dem Scheidungsrichter ein. Angesichts ihres sensiblen Charakters hat sich aber auch herausgestellt, dass emotional instabile Menschen ausgesprochen gute Therapierende und Pflegende abgeben und offene Menschen eher zu journalistischen Tätigkeiten taugen als introvertierte (Paulus 2009).
Neben diesen lebensweltlichen und bisweilen lebensnotwendigen Erforschungen widmen sich zahlreiche Studien seit Mitte der 1990er-Jahre vermehrt auch dem Einfluss der grossen Fünf auf die politische Ideologie, das politische Interesse und Wissen, die Parteibindung, die Wahlabsicht, Aspekte der politischen Partizipation, die Präferenzen für staatliche Politik und auf eine Reihe von Einstellungen gegenüber dem politischen System, der Aussenpolitik, der eigenen politischen Wirksamkeit oder auch zivilgesellschaftlichen Bürgertugenden (Arzheimer 2005; Blais und St-Vincent 2011; Cooper et al. 2013; Denny und Doyle 2008; Fatke 2016; Fowler 2006; Gabriel und Völkl 2005; Gallego und Oberski 2012; Gerber et al. 2010; Gerber et al. 2011a, 2011b, 2012b; Ha et al. 2013; Hiraishi et al. 2008; Huber und Rattinger 2005; Kandler und Riemann 2015; Mondak 2010; Mondak und Halperin 2008; Schoen 2007, 2012; Schoen und Schumann 2007; Schoen und Steinbrecher 2013; Schumann 2005; Vecchione und Caprara 2009). In den vergangenen zwei Dekaden wurde nahezu kein Bereich der politischen Einstellungs- und Verhaltensforschung von der politischen Persönlichkeitsforschung ausgelassen. Nichtsdestotrotz muss festgehalten werden, dass bislang nahezu alle Erkenntnisse vor den Toren der Schweizer Sozialforschung haltgemacht haben (siehe Abbildung 1.2).
Was die theoretische Modellierung anbelangt, ist es mit dem oberflächlichen Hinzutun einiger neuer Variablen zu den bisherigen etablierten Erklärungsansätzen aber nicht getan. Unser Vorhaben wird vielmehr von der fundamentalen Einsicht getragen, dass sich Menschen in ihrem politischen Denken und Handeln voneinander unterscheiden und dass diese grundsätzlichen und beharrlichen Differenzen zu einem erheblichen Teil angeborene Grundlagen aufweisen. Während die bisherigen Erklärungsversuche des politischen Verhaltens und der Einstellungen der Schweizerinnen und Schweizer mehrheitlich die politische Sozialisation, Motive, Medien- oder Kampagneneffekte oder auch kontextuelle Bedingungen (Klima-, Währungs- oder Flüchtlingskrise) in den Vordergrund rückten, konzentrieren sich unsere Analysen auf Weichenstellungen, die zeitlich vor dem Zusammentreffen des Individuums mit seiner Umwelt datiert sind.
Für kritische Beobachter scheint die Erforschung des derart bemessenen psychischen Fundaments unserer Einstellungen und Verhaltensweisen allzu Alltägliches und Gängiges zu bearbeiten und bisweilen tautologische Erkenntnisse zu liefern. Dieser Eindruck könnte beispielsweise dann entstehen, wenn herausgefunden wird, dass Entertainer extrovertiert sind oder Sympathisanten der FDP (Freisinnig-Demokratische Partei der Schweiz) Konkurrenzdenken und Wettbewerb favorisieren. Jedoch ist nichts an diesen Ergebnissen tautologischer Natur: «To the contrary, if we study these possible patterns and the resultant evidence corroborates our expectations, an exercise of this sort would demonstrate that traits matter (eigene Hervorhebung). By knowing something about a person’s general psychological tendencies, we potentially would be able to enrich our understanding of this person’s specific behaviors and attitudes» (Mondak 2010: 1).
Die vorliegende Studie ist bestrebt, an den internationalen Forschungsstand anzuknüpfen und wissenswerte Zusammenhänge zwischen der Persönlichkeit und dem politischen Denken und Handeln für die Schweiz offenzulegen. Diese Absicht soll in fünf Schritten umgesetzt werden. Zunächst werden die Meilensteine der Persönlichkeitsforschung und ihre Abdrücke in der empirischen Sozialforschung dargelegt: Welche Entwicklung nimmt die Persönlichkeitsforschung und welche Rolle kommt der akademischen Durchdringung der Persönlichkeit hinsichtlich der Erklärung unseres Alltags zu? Im zweiten Schritt widmen wir uns den unterschiedlichen Modellen und Vorgehensweisen zur Messung der Persönlichkeit und ihrer Eigenschaften: Wie messen wir Persönlichkeit? Auf der Grundlage dieser vorgestellten Konzeptionen unterziehen wir die Schweiz einem Charaktertest. Wo finden wir welches Persönlichkeitsprofil in der Eidgenossenschaft? Nach diesen beschreibenden und zugleich erhellenden Analysen wenden wir uns der Beeinflussung des politischen Denkens und Handelns durch unsere Persönlichkeitseigenschaften zu: Welche Charakterzüge sind mit welchen politischen Einstellungen verbunden? Inwiefern lässt sich das politische Verhalten in der Wahl- und Abstimmungsdemokratie auf unsere Persönlichkeit zurückführen? Welche Partei passt zu welchem Charaktertyp? Welche Rückschlüsse erlaubt unsere Persönlichkeit, wenn es um die Auswahl von politischen Nachrichten und Informationen geht? Schlussbetrachtungen runden unseren Vorstoss ab und legen die Potenziale und Grenzen einer derartigen Anschauung dar. Unsere Analysen beruhen auf quantitativen Auswertungen von vier Bevölkerungsbefragungen, die neben politischen Einstellungen und Verhaltensweisen auch Selbsteinschätzungen zur Persönlichkeit beinhalten.
Zusammenfassend operieren wir bei unseren Abhandlungen mit den folgenden fünf Grundannahmen: Wir gehen erstens davon aus, dass Persönlichkeitseigenschaften als grundlegende Einheiten der Persönlichkeit fungieren. Diese als Eigenschaftsparadigma bekannte Denkweise der Persönlichkeitspsychologie wenden wir bewusst oder unbewusst im Alltag immer dann an, wenn wir beispielsweise die Persönlichkeit von Bekannten, Kolleginnen oder Freunden ausleuchten möchten. Anschauungsunterricht dazu erhalten wir immer im Vorfeld von Bundesratsnominationen. Dass die Kandidierenden keinesfalls Ulriche ohne Eigenschaften sind, vermitteln uns Medienschaffende durch den fleissigen Rückgriff auf zahlreiche Adjektive zur Beschreibung der Persönlichkeiten. Die anlässlich der Bundesratswahl im Dezember 2015 zur Wahl stehenden Papabili wurden wahlweise als freundlich, kollegial, gesellig und zugänglich (Guy Parmelin), bienenfleissig, beflissen, ehrgeizig und umgänglich (Thomas Aeschi) oder als kritisch und pflichtbewusst (Norman Gobbi) beschrieben. Dies sind allesamt Eigenschaftswörter, die den grossen fünf Persönlichkeitsdimensionen Verträglichkeit, Extraversion und Gewissenhaftigkeit zugeschrieben werden können. Wesenszüge dieser Art sind hinsichtlich Zeit und Situationen relativ stabil. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist deshalb jemand, der heute am Arbeitsplatz hilfsbereit und sanftmütig ist, auch während seiner bevorstehenden Ferien eine zuvorkommende und freundliche Person. Derlei Dispositionen sind darüber hinaus aber deutlich von Zuständen und Aktivitäten zu unterscheiden (Pervin 2000: 228). Auch wenn eine Person ihr ganzes Leben sanft und hilfsbereit ist, dauert ihr Schwebezustand des Verknalltseins (leider oder glücklicherweise) nicht ewig an und kennt auch ihre Schwelgerei Grenzen.
Wir argumentieren zweitens aus dem grundlegenden Verständnis heraus, dass der Persönlichkeit nicht nur eine hohe Bedeutung in der Ausmarchung unseres alltäglichen Verhaltens zukommt, sondern sie auch unser politisches Denken und Handeln vorspurt. Wenn Wesenszüge unseres Charakters nach Pervin (2000: 227) «Regelmässigkeiten im Funktionieren einer Person über Situationen und die Zeit hinweg erklären» können, dann muss das auch den Bereich des Politischen miteinbeziehen. Wir wissen aus einer Vielzahl von Forschungsarbeiten, dass neben der Umwelt auch soziodemografische und sozioökonomische Attribute des Individuums dessen politische Aktivitäten lenken. Doch die meisten dieser Analysen weisen sprichwörtlich eine charakteristische Blindstelle auf, wenn sie individuelle Merkmale überprüfen, ohne auf tiefer liegende psychologische Dispositionen zu rekurrieren. Wir gehen deshalb beispielsweise davon aus, dass eine sehr extrovertierte Person immer wieder gerne an Protesten und Demonstrationen teilnimmt. Wir sind uns aber bewusst, dass personenbezogene Erklärungsmuster nur einen Teil zur Klärung zwischenmenschlicher Unterschiede im Denken und Handeln beitragen können und eine vollständige Sichtweise nicht umhin kommt, auch die persönliche Umgebung zu berücksichtigen. Mit anderen Worten: Die Protestneigung extrovertierter Personen kann durch die politische Grosswetterlage dynamisiert oder auch zurückgebunden werden. Wir schenken dem Zusammenspiel zwischen Person und Situation in den vorliegenden Analysen vorerst aber keine Beachtung und konzentrieren uns ausschliesslich auf die charakterlichen Wesenszüge. Damit soll zunächst einmal um das Verständnis für derartige Herangehensweisen geworben und der Grundstein für elaboriertere Erklärungsmodelle gelegt werden. In der sozialwissenschaftlichen Fachsprache betrachten wir im vorliegenden Rahmen deshalb nur rein additive Modelle und überlassen die weitere Analyse multiplikativer Zusammenenhänge der nachrückenden und interessierten Forschungsgemeinde (siehe etwa Ackermann 2017b).24
Wir erachten drittens die «Big Five» als grundlegende Wesenszüge zur Beschreibung der Persönlichkeit. In der Persönlichkeitsforschung herrscht nicht immer Einigkeit darüber, welche und wie viele Eigenschaften als wesentliche Elemente der Persönlichkeit heranzuziehen sind. Trotzdem zeichnet sich innerhalb des Eigenschaftsparadigmas ein Konsens über das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit ab (Asendorpf und Neyer 2012; Bartussek 1996; Goldberg 1993; John et al. 2008a; Mondak 2010; Pervin 2000: 253). Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus bestätigen sich über verschiedene Kulturkreise hinweg als die grossen fünf Dimensionen und können als eine universelle Persönlichkeitstaxonomie betrachtet werden (John et al. 2008). Unterstützung erfährt diese Betrachtung durch statistische Faktorenanalysen von Begriffen zur Beschreibung wesentlicher Charakterzüge in den jeweiligen Sprachen, durch die Auswertung von Fragebogendaten und durch die Analyse der genetischen, sprich der vererbten Anteile der Persönlichkeit.
Viertens basieren unsere Argumente auf der Grundeinsicht, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen anhand ihrer Eigenschaften erheben lässt. Wir beziehen uns dabei auf Messvorschläge aus dem Umfeld der «Big Five»-Forschung, die sich um eine mehrdimensionale Erfassung statt um die Betrachtung einzelner ausgewählter Facetten des Charakters bemüht. Uns begegnen im Rahmen von Bevölkerungsumfragen zwei grundlegende Alternativen von Selbsteinschätzungen. Beim adjektivzentrierten Instrument (Trait Descriptive Adjectives, TDA) werden die Befragten gebeten, die Passfähigkeit von vorgelegten Eigenschaften auf ihre Person zu beurteilen. Die Zahl der eingesetzten Adjektive bewegt sich dabei je nach Analysefokus und Budget der Forscher zwischen 5 und 100 (Goldberg 1992; Gosling et al. 2003). Parallel zum Adjektivansatz wurde durch die Arbeiten von Costa und McCrae (1995) der sogenannte Aussagenansatz entwickelt. Den Befragten werden in diesem Instrument zwischen 5 und 240 eigenschaftsbeschreibende und nicht situationsspezifische Aussagen vorgelegt, zu denen sie um eine Selbsteinschätzung gebeten werden (Gerlitz und Schupp 2005; John et al. 2008a; Rammstedt und John 2007). In den späteren Analysen beziehen wir uns auf einen Aussagenansatz.
Fünftens und abschliessend liegt den folgenden Analysen die zentrale Annahme zugrunde, dass Charakterzüge als ererbte Persönlichkeitsmerkmale unser politisches Denken und Handeln von Geburt und Kindesbeinen an vorspuren. Dieser Vermutung stehen zweierlei Gedanken Pate. Einerseits dürfen wir generell davon ausgehen, dass nicht nur aktuelle und laufende Ereignisse unser Verhalten und unsere Einstellungen prägen, sondern diese auch ein pfadabhängiges Ergebnis historisch angelegter Erfahrungen und Sozialisationen darstellen. Andererseits lehrt uns die psychologische Forschung, dass unsere Persönlichkeitszüge zu einem gewissen Teil genetisch bedingt, also von Geburt an in uns angelegt sind. Dies trifft für die kausal nachgelagerten Werthaltungen, Einstellungen und das Verhalten weit weniger bis gar nicht zu (Schumann 2012a: 14). Insbesondere die Forschungen der 1980er- und 1990er-Jahre brachten immer wieder Belege hervor, dass viele Wesenszüge unserer Persönlichkeit genetisch bedingt sind (Bouchard et al. 1990; Kandler und Riemann 2015; Loehlin 1992; Plomin 1994; Tellegen et al. 1988). Unterdessen gehen fundierte Studien davon aus, dass sich der vererbte Anteil an Persönlichkeitseigenschaften auf ungefähr 50 Prozent beläuft (Mondak et al. 2010: 5; Mondak 2010: 41; Pervin 2000; Schumann 2012a: 53). Dieses Ausmass an Erblichkeit ist erst jüngst für nahezu alle Persönlichkeitsmerkmale in einer umfangreichen Meta-Analyse mit über 14 Millionen Zwillingspaaren bekräftigt worden (Polderman et al. 2015).
