Die Rache - Klaus Pfrommer - E-Book

Die Rache E-Book

Klaus Pfrommer

0,0

Beschreibung

Das unbekümmerte Leben von Elke nimmt ein jähes Ende, als sie von einem bösartigen Usuren verfolgt wird, der ihr wegen des Todes seines Herrn Rache geschworen hat. Ihre beste Freundin ist nicht das einzige Opfer dieses Rachefeldzugs. Werden die Lichtwächter ihr zur Hilfe eilen oder wird sie den Kampf alleine durchstehen müssen? Band 5 Ära der Lichtwächter – Die Rache nimmt den Leser auch ein weiteres Mal mit nach Andravón, der Heimatwelt der Lichtwächter.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Klaus Pfrommer

Ära der Lichtwächter

Die Rache

Klaus Pfrommer

Ära derLichtwächter

Die Rache

Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

2. Auflage 2023

ISBN 978-3-96438-072-2

© 2023 Südwestbuch Verlag

SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 CalwLektorat: Johanna Ziwich, WaiblingenTitelgestaltung: Dieter Borrmann, KleveSatz: swb media entertainmentDruck, Verarbeitung: Custom Printing EUFür den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.

www.suedwestbuch.de

INHALT

Prolog

Rückweg

Rivale

Revanche

Reunion

Rettung

Reputation

Epilog

PROLOG

Die Wiedereingewöhnung hatte etwas gedauert, denn schnell hatte sie sich an das Leben in einer größeren Stadt gewöhnt gehabt. Sie liebte es, am Puls der Zeit zu sein. Jederzeit konnte sie einen Einkaufsbummel machen, in Cafés und Restaurants gehen oder das kulturelle Leben genießen.

Inzwischen fühlte sich Elke Müller aber wieder ganz zu Hause in dem Dorf im Nordschwarzwald. In den letzten Wochen hatte sie ihre neue Mietwohnung gemütlich und ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet. Zwar hatte ihre Mutter wieder einmal versucht, ihr in alles reinzureden, doch das blockte sie erfolgreich ab. Ihr Vater unterstützte sie dabei. Er war glücklich, dass sein Sonnenschein wieder in der Nähe wohnte. War seine Tochter auch in den letzten beiden Jahren zu einer selbstbewussten Frau herangereift, sah er in ihr noch immer sein Kind, das er beschützen wollte.

Von ihrer alten Wohnung in Freiburg hatte Elke nicht viele Möbel mitgenommen. Dank ihrer Überzeugungskraft konnte sie der Nachmieterin, eine junge Studentin aus dem Hochschwarzwald, einen großen Teil ihrer Einrichtung verkaufen, und die Küche war eh fester Bestandteil der Wohnung gewesen. So genügte für ihren Umzug ein größerer Sprinter, der, wie beim Umzug nach Freiburg auch, von ihrem Vater gefahren wurde.

Von dem Geld, das sie für ihre alten Möbel bekommen hatte, kaufte sich Elke ein neues Bett und einen Kleiderschrank. Für eine neue Couch und einen Tisch fürs Wohnzimmer opferte sie einen Teil ihrer Ersparnisse. Den Rest wollte Elke so nach und nach kaufen. Das hatte keine Eile. Außerdem machte es ihr Spaß, mit ihrer Freundin Anita durch alle möglichen Einrichtungshäuser zu schlendern und sich inspirieren zu lassen. Das lenkte sie auch ein wenig von den Ereignissen der jüngsten Zeit ab.

Ihre Eltern waren sehr überrascht gewesen, als ihre Tochter ihnen offenbarte, dass sie in den Nordschwarzwald zurückkommen würde. Über die wahren Gründe ihrer Rückkehr bewahrte Elke ihren Eltern gegenüber Stillschweigen, denn das, was sie erlebt hatte, würden sie ihr nicht glauben.

Ohne es zu wollen war Elke in einen Kampf zwischen Gut und Böse geraten, als sie sich in Gerard verliebt hatte. Nicht ahnend, dass er ein verbannter Lichtwächter aus einer anderen Welt war, ging sie eine Beziehung mit ihm ein. Als Elke die Wahrheit über ihren Freund erfuhr, war es bereits zu spät und sie war mitten in den Konflikt hineingeraten. Doch Gerard spielte bald schon nur noch am Rande eine Rolle, denn das Böse war auf Elke aufmerksam geworden. Es wollte Elke in seine Fänge bekommen, denn sie verfügte über Fähigkeiten, von denen sie selbst keine Ahnung hatte.

Mit der Hilfe von Gerard und dem Lichtwächter David war es Elke gelungen, dem Bösen zu entkommen. Ihr Freund nutzte aber beim alles entscheidenden Kampf die Gelegenheit, nach Andravón zurückzukehren, und ließ sie einfach im Stich.

Im Glauben, das Abenteuer überstanden zu haben, wandte sie sich kurze Zeit darauf auch von David ab. Doch sie hatte sich getäuscht und stand einem weiteren Feind vollkommen alleine gegenüber. Es gelang ihr aus eigener Kraft, diesen Bösewicht zu besiegen und dem Bösen ein weiteres Mal zu entkommen. Elke glaubte, es sei endlich alles vorbei und sie könne wieder in Frieden und Ruhe leben. Zwar war sie wieder Single, doch das machte sie nicht einsam.

Dann geschah etwas, mit dem sie nicht gerechnet hatte, und ihr blieb keine andere Wahl als Freiburg zu verlassen. Noch einmal alleine woanders ganz von vorne anfangen wollte sie nicht und daher hatte sie beschlossen, in ihre alte Heimat zurückzukehren.

Hier hatte Elke wenigstens ihre Familie und ein paar Freunde um sich, die es ihr erleichterten, die Schatten der Vergangenheit abzustreifen und wieder positiv nach vorne zu blicken. Die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse in Freiburg verblasste und Elke konnte langsam wieder ein unbeschwertes Leben genießen.

Elkes Mutter freute sich besonders, ihre Tochter wieder in ihrer Nähe zu haben, so konnte sie sich wieder in ihr Leben einmischen. Es lag einfach in Silkes Natur, sich immer einmischen zu müssen, ob es den anderen nun passte oder nicht. Ihre Tochter war natürlich das ideale Opfer. Werner versuchte zwar seine Frau zu bremsen, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Silke hätte am liebsten die ganze Wohnung ihrer Tochter eingerichtet. Das war jedoch etwas, das Elke gar nicht gefiel, was sie ihrer Mutter gegenüber auch klar zum Ausdruck brachte. Silke hatte bald ein Einsehen gehabt, da sie merkte, wie erwachsen und reif ihre Tochter in den beiden vergangenen Jahren geworden war.

Es war eine Umstellung gewesen, von der Stadt wieder in ein Dorf zu ziehen. Von Freiburg nach Höfen. In dem kleinen Ort hatte Elke jedoch eine günstige Wohnung gefunden. Sie lag im dritten Obergeschoß eines Mehrfamilienhauses, hatte zwei Zimmer, Küche, Bad und einen großzügigen Balkon. Sie war sogar größer als die Wohnung, die sie in Freiburg hatte.

Der einzige Nachteil war, dass das Haus über keinen Aufzug verfügte und Elke deswegen ihr neues Reich nur als vorübergehende Lösung betrachtete. Ihre Eltern hatten ihr angeboten, wieder bei ihnen einziehen zu können, doch das wollte Elke nicht. Sie brauchte ihre Unabhängigkeit. Ihre beste Freundin Anita war überglücklich, Elke auch wieder in ihrer Nähe zu haben. Ihr Freund war bei einem Unfall ums Leben gekommen und hatte sie in ein tiefes Loch gestürzt. Elke gelang es allerdings, Anita aus diesem Loch wieder hervorzuholen und ihr die Freude am Leben wiederzugeben.

Die zwei Frauen erlebten einen unbekümmerten Sommer und hier und da gab es einen kleinen Flirt. Mehr wollten die Freundinnen aber nicht. Anita nicht, weil sie tief in ihrem Herzen immer noch an Markus hing, und Elke nach den Ereignissen in Freiburg aus reinem Selbstschutz.

Der Weggang aus Freiburg war fast schon eine Flucht und in ihrer alten Heimat hatte sie dank der Beziehungen ihres Vaters schnell eine neue Arbeitsstelle in einer Immobilienagentur gefunden. Darüber war sie froh, denn die Arbeit in Freiburg bei einer ähnlichen Agentur hatte ihr richtig Spaß gemacht und sie hatte eine Menge gelernt.

Allerdings blieb zu hoffen, dass die neuen Arbeitskollegen sich als genau so nett wie die bei ihrer alten Arbeitsstelle entpuppen würden. Bislang waren sie Elke gegenüber noch reserviert und nicht so herzlich und offen, wie das bei der Agentur in Freiburg der Fall gewesen war. Oft vermisste sie ihre alten Kollegen Peter und Alexander, die fast schon Freunde geworden waren.

RÜCKWEG

1.

Heute war ein anstrengender Tag im Büro. In der Immobilienagentur in Pforzheim, in der Elke Müller arbeitete, ging es drunter und drüber und sie war froh, als der Feierabend in greifbare Nähe rückte. Zudem herrschte noch eine fast unerträgliche Hitze, obwohl der Sommer sich bereits langsam dem Ende entgegenneigte. Zu dumm, dass es in dem Büro keine Klimaanlage gab und einen Tischventilator durfte Elke nicht benutzen. Das wäre unter Umständen auch fatal, lagen doch überall irgendwelche Papiere und Baupläne herum, die leicht durcheinandergewirbelt hätten werden können. So blieb ihr nichts anderes übrig als zu schwitzen und zu hoffen, dass die Zeit bis zum Feierabend schnell vorbeigehen würde. Mit kalten Getränken versuchte sich Elke zu erfrischen. Im Halbstundentakt ging sie in die kleine Betriebsküche und holte sich etwas zu trinken aus dem Kühlschrank. Ihre Kolleginnen, mit denen sie ein Büro teilte, machten es nicht anders.

Heute sehnte sie sich wieder einmal nach ihrer Arbeitsstelle in Freiburg zurück und bedauerte für einen kurzen Augenblick, dass sie der Stadt den Rücken gekehrt und in den Nordschwarzwald zurückgekommen war. Wurde sie in ihrem alten Geschäft vom Chef geachtet und von den Kollegen geliebt, so durfte sie in ihrem neuen Job bislang mehr oder weniger nur Handlangerarbeiten verrichten und wurde von oben herab behandelt. Auch nach Wochen war sie immer noch die Neue und wurde skeptisch beäugt. Ihre Arbeit wurde eher kritisch begutachtet. Das nahm sie bislang ohne zu murren hin. An manchen Tagen fühlte sich Elke dadurch aber fehl am Platz.

Das würde sich hoffentlich bald ändern, sonst würde sich Elke nach einer neuen Stelle umsehen. Das wäre in der Branche zwar nicht ganz so einfach, doch von ihrem alten Chef Jürgen Hecher hatte sie ein hervorragendes Zeugnis bekommen und zudem ein Empfehlungsschreiben. Das war heutzutage überhaupt nicht mehr üblich und Elke hatte sich besonders geehrt gefühlt, als sie das Schreiben zusammen mit ihrem Arbeitszeugnis bekommen hatte. Nur ungern hatte Herr Hecher sie gehen lassen und sogar die Option für eine Rückkehr offengelassen, falls es Elke doch wieder nach Freiburg ziehen sollte. Beim Abschied von der alten Firma hatte sie deswegen so viele Tränen geweint wie seit langer Zeit nicht mehr und das machte es noch schwerer. Fast war sie in Versuchung, einen Rückzieher zu machen, doch dann fiel ihr wieder der wahre Grund ihres Weggangs ein.

Nicht freiwillig verließ Elke Freiburg. Bei den Gedanken an die wahren Gründe liefen ihr für einen kurzen Augenblick kalte Schauer über den Rücken.

Kurz bevor sie Feierabend machen konnte, kam Herr Heinrich auf sie zu mit der Bitte, noch ein Exposé anzufertigen. Das würde Überstunden bedeuten und Elke hatte heute darauf keine Lust und versprach, es am nächsten Tag gleich als Erstes zu erledigen. Ihr Kollege hatte jedoch kein Einsehen,da er sehr früh am nächsten Morgen einen Besichtigungstermin mit potentiellen Kunden für das Objekt vereinbart hatte, für das Elke jetzt noch ein neues Exposé anfertigen sollte. Mürrisch nahm sie die Unterlagen entgegen.

Ihr Kollege trottete zurück in sein Büro, ohne auch nur ein „Danke“ zum Ausdruck zu bringen. Elke kam es so vor, als hätte er sogar ein Grinsen im Gesicht gehabt, als er sich von ihr abwandte. Das konnte aber auch Einbildung gewesen sein.

Sofort machte sich Elke an die Arbeit. Schnell überflog sie die Angaben in den Papieren, die ihr Herr Heinrich gegeben hatte. Als ihr Blick zufällig auf die Uhr an der Wand hinter ihr fiel, sah sie, dass der reguläre Feierabend in greifbare Nähe gerückt war. Auf Überstunden hatte sie wirklich keine Lust und so überflog sie die Vorgaben nochmals und schusterte am PC auf die Schnelle ein Exposé zusammen. Darin hatte sie reichlich Erfahrung in Freiburg sammeln können und war schnell damit fertig. Elke ging es noch einmal durch und hoffte, keine Fehlangaben gemacht zu haben. Die wichtigsten Angaben zum Baujahr, zur Größe, zum Energieausweis usw. überprüfte sie nochmals genau. Sie entdeckte keine Fehler und druckte das Ganze aus. Sie nahm den Papierstapel aus dem Kopierer und ordnete ihn in eine dafür vorgesehene Mappe ein.

Damit gewappnet ging sie in das Büro ihres Kollegen. Die Tür war nur angelehnt und Elke konnte hören, dass Herr Heinrich mit einem Telefonat beschäftigt war. Das kam ihr gerade gelegen und sie klopfte leise an die Tür, um dann, ohne auf eine Antwort zu warten, in den Raum einzutreten.

Herr Heinrich hatte sich mit seinem Bürostuhl dem Fenster zugewandt und bekam gar nicht mit, wie Elke in sein Büro kam. Sie legte ihm die Mappe auf den Schreibtisch und räusperte sich dezent. Sie wandte sich bereits wieder zum Gehen, da drehte sich ihr Kollege um und sah sie ein wenig erschrocken an, da er nicht mit ihr gerechnet hatte. Er hatte angenommen, dass Elke viel länger für die Ausfertigung des Exposés brauchen würde. Mit einem Wink seiner Hand gab er Elke zu verstehen, dass sie kurz warten sollte.

„Ich muss eben Schluss machen. Rufe dich in ein paar Minuten nochmals an“, beendete er sein Telefongespräch.

Kaum dass er die Worte gesprochen hatte, legte er auf und sah dabei Elke an.

‚Was mich wohl jetzt noch erwartet‘, dachte sie, als sie zurückblickte.

Der Gesichtsausdruck von Herr Heinrich verriet ihr nichts.

„Das ging ja fix“, meinte er zu Elke und griff sich die Mappe, „wollen wir doch mal sehen, was Sie geschrieben haben.“

Er griff nach der Mappe, öffnete sie und begann zu lesen. Das dauerte etwas und Elke wäre am liebsten gegangen, um aus der Hitze des Büros rauszukommen. Sie wusste aber, dass, wenn ihr ein Fehler unterlaufen war, sie ihn noch korrigieren müsste. Ungeduldig wartete sie also auf das Urteil ihres Kollegen.

„Sehr schön, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut, so schnell wie Sie das Exposé angefertigt haben. Meinen Termin habe ich bereits um acht Uhr, darum habe ich auch so gedrängt. Jetzt machen Sie aber mal Feierabend und sehen zu, dass Sie nach Hause kommen. Morgen geht es weiter.“

Das klang fast schon nach einem Lob für ihre Arbeit. Allerdings war der Ton ein wenig herablassend gewesen. Trotzdem warf sie ihrem Kollegen ein Lächeln zu. Auch ihm schien die Hitze zu schaffen zu machen, denn er hatte Schweißperlen auf der Stirn.

„Es freut mich, dass alles passt. Bis morgen.“

Ein wenig angesäuert verließ Elke das Büro. Ihr Kollege hatte sich nicht einmal dafür bedankt, dass sie eine halbe Überstunde gemacht hatte, um das blöde Hausexposé anzufertigen. Sie bekam wie alle anderen ein Festgehalt und Überstunden wurden nicht extra bezahlt. Das war bei ihrer alten Stelle in Freiburg zwar auch nicht der Fall gewesen, doch dort ging es viel herzlicher als hier zu und sie bekam andauernd Lob von allen Seiten. Dadurch war sie ein wenig verwöhnt.

Eilig ging sie zu ihrem Schreibtisch, der in einem Büro etwas abseits des Eingangsbereichs stand. Beim Betreten des Raumes kam sie sich wieder vor, als sei sie in eine Ecke abgeschoben worden. Bei ihrer Einstellung war ihr zugesichert worden, dass das nur vorübergehend wäre und sie bald ein eigenes Büro bekommen würde. Das war aber auch einige Monate nach ihrem Eintritt in die Firma noch nicht der Fall gewesen und Elke befürchtete, dass das so blieb.

Außer ihrem Kollegen Heinrich war niemand mehr in der Agentur und sie schnappte ihre Tasche, um sich endlich auf den Heimweg zu machen.

2.

Ausgerechnet heute war Elke mit der Straßenbahn gefahren und hatte ihr Auto zu Hause stehen lassen.

Eigentlich war das praktisch, denn zur Bushaltelle hatte sie es nicht weit und der Bus fuhr fast direkt bis zum Bahnhof. Dort musste Elke dann nur in die S-Bahn umsteigen. Über den Berufsverkehr musste sie sich keine Gedanken machen. Zudem wurden die Tickets für Bus und Bahn von der Firma, bei der sie arbeitete, bezuschusst. Das war ein kleiner Vorteil.

Höfen war nicht allzu groß und der Weg, den sie von der Haltestelle bis nach Hause zu gehen hatte, machte ihr nichts aus. Im Gegenteil. Oft war ein Spaziergang an der frischen Luft genau das Richtige, wenn ein Arbeitstag wieder besonders anstrengend gewesen war.

Heute ärgerte sie sich aber darüber. Am meisten über sich selbst. Es hatte sie ja niemand gezwungen, ihr Auto stehenzulassen.

In Gedanken verließ sie die Agentur und ging die Straße entlang bis zur Bushaltestelle. Da sie dank ihres Kollegen Heinrich erst später Feierabend gemacht hatte, musste sie jetzt erst im Fahrplan nachschauen, wann der nächste Bus kommen würde. Elke hatte Glück und musste nur einige Minuten warten.

Der Bus war nur mit wenigen Menschen besetzt. Elke setzte sich gleich auf einen freien Sitz in der dritten Reihe und blickte aus dem Fenster. Auf der Straße war der Verkehr bereits weniger geworden.

‚Na toll‘, dachte sie, ‚wenn ich das schon heute Morgen gewusst hätte.‘

Im Bus war es stickig und Elke war froh, als er am Bahnhof hielt und sie aussteigen konnte. Sie ging direkt zum Gleis, an dem immer die Bahn in Richtung Höfen abfuhr. Nebenher warf sie einen Blick auf ihre Uhr und stellte mit Erschrecken fest, dass die Bahn gerade vor ein paar Minuten abgefahren war und sie nun eine Stunde Wartezeit überbrücken musste, bis die nächste kommen würde.

„Na klasse, du Idiot“, dachte sie laut und wurde von einem älteren Mann schräg angesehen, der sich angesprochen gefühlt hatte.

Der Mann setzte gerade dazu an etwas zu sagen, merkte dann aber, dass Elke ihn gar nicht gemeint hatte. Sie hatte an ihren Kollegen gedacht und ging zu einer der vielen Bänke, um sich zu setzen. Zum Glück hatte sie noch ein Taschenbuch dabei, das sie gerade las. Eine Liebesschnulze.

Obwohl der Klappentext mehr versprochen hatte, als der Inhalt des Buches bisher bot, wollte sie es zu Ende lesen. Eine Katzensilhouette aus Pappe diente als Lesezeichen. Fast zwei Drittel des Buches hatte sie schon gelesen und es war nichts Aufregendes passiert. Die Erzählung dümpelte so vor sich hin.

Um sie herum war sehr viel Lärm, den sie zuvor gar nicht wahrgenommen hatte, und Elke konnte sich gar nicht richtig auf das Buch konzentrieren. Deshalb schweifte ihr Blick immer wieder von dem Taschenbuch weg und sie blickte sich um. Außer ihr war nur eine alte Frau am Bahngleis, die ebenfalls wartete. In jeder Hand hielt sie eine Tragetasche und Elke überlegte, ob sie die Taschen halten würde, bis die nächste Bahn käme. Innerlich musste Elke ein wenig über die Frau lächeln. Sie hätte sich gut setzen können, da es genug freie Bänke gab. Unsicher lächelte die Frau ihr zu und Elke dachte, dass die Dame wohl nicht allzu oft in Pforzheim war.

Elkes Blick ging auf die andere Seite der Bahngleise. Ganz hinten beim letzten Gleis stand ein etwas merkwürdiger Kauz. Sie hätte ihn nicht weiter beachtet, wenn sie nicht das Gefühl gehabt hätte, dass er zur ihr rüber blicken und sie anstarren würde. Auf die Entfernung konnte Elke das zwar nicht mit Sicherheit behaupten, da es auf ihrer Seite jedoch nichts Interessantes zu sehen gab, meinte sie, dass es so war.

Sie widmete sich wieder ihrem Buch. Auf den Text konnte sie sich aber nicht mehr konzentrieren. Der komische Mann ging ihr nicht aus dem Kopf und sie erwischte sich dabei, wie sie immer wieder verstohlen zu ihm hin blickte. Die ganze Zeit über stand er auf einer Stelle und schien sie anzustarren. Das kam ihr komisch vor. Es gab inzwischen so viele seltsame Gestalten auf der Welt, da wunderte sie das Verhalten des Mannes nicht wirklich. Vielleicht war er auch ein Spanner, der Spaß daran hatte, junge Frauen zu beobachten.

Ein kurzer Blick auf ihre Armbanduhr verriet Elke, dass es jetzt nicht mehr lange dauern würde, bis die Bahn käme.

Das wurde auch endlich Zeit. Die letzte Stunde war ihr fast wie eine Ewigkeit vorgekommen. Die ältere Frau, die wie sie auf die Bahn wartete, hatte sich in der Zwischenzeit doch auf eine Bank gesetzt und die Taschen neben sich abgestellt. Das hatte Elke gar nicht mitbekommen.

Die Alte ließ die Taschen jedoch nicht aus ihren Augen. Sie hatte wahrscheinlich Angst, bestohlen zu werden, obwohl außer Elke niemand in der Nähe war. Die Blicke der beiden Frauen kreuzten sich kurz und die Frau lächelte Elke ein wenig unbeholfen zu. Elke lächelte zurück. Das war ihre Art. Sie versuchte immer zu allen freundlich zu sein und eine positive Ausstrahlung zu haben. Nach den Ereignissen in Freiburg hatte sie sich das angewöhnt.

Jetzt wollte Elke aber nur noch nach Hause. Inzwischen machte sich bei ihr auch Hunger bemerkbar und daheim wollte sie sich Spaghetti kochen. Gestern hatte sie Hackfleisch gekauft und wollte damit eine Bolognesesauce zubereiten. Das Fleisch war im Sonderangebot gewesen und da schlug sie wie so oft zu. In letzter Zeit war ihr Geld etwas knapp, da sie sich ein paar neue Möbel gekauft hatte. Jetzt war ihr Girokonto ins Minus geraten und das musste erst einmal wieder ausgeglichen werden. Hätte sie ihre Eltern um Geld gebeten, sie hätten es ihrer Tochter, ohne groß nachzufragen, wofür, geliehen. Das wollte sie aber nicht. In Freiburg hatte sie bewiesen, dass sie selbstständig geworden und darauf nicht angewiesen war. Elke wollte allen zeigen, dass sie ohne Hilfe selbst haushalten konnte.

Da Elke sich auf das Buch eh nicht mehr konzentrieren konnte, packte sie es wieder in ihre Tasche. Gerade einmal knapp zehn Seiten hatte sie in der Zeit, in der sie auf der Bank saß und wartete, gelesen. Wenn sie in dem Tempo weiterlesen würde, wäre sie bis zum Ende des Jahres mit dem Roman noch nicht fertig. Wahrscheinlich würde sie es doch irgendwann aufgeben und das Buch nicht zu Ende lesen. Nachdem sie das Taschenbuch verstaut hatte, beobachtete Elke noch ein wenig das Geschehen um sich herum. Da war jedoch nicht viel. Der seltsame Kauz stand immer noch an der gleichen Stelle, obwohl inzwischen eine Bahn auf dem Gleis Halt gemacht hatte. Das kam ihr merkwürdig vor und Elke folgerte, dass es doch ein einsamer Spanner war. Sie malte sich vor ihrem inneren Auge schon eine wilde Geschichte aus.

Pünktlich fuhr die Bahn, die Elke nach Hause nehmen musste, ein. Sie stand gemütlich auf und ging zwei Schritte auf das Bahngleis zu. Die alte Frau war bereits beim ersten Erblicken des Zuges hastig aufgesprungen und hatte ihre Taschen geschnappt. Das war beinahe schiefgegangen, denn sie verfehlte mit ihrem Griff einen Henkel und ein Teil des Inhaltes wäre beinahe rausgefallen. Mit drei eiligen Schritten kam ihr Elke zu Hilfe. Sie verhinderte damit Schlimmeres.

„Vielen Dank“, mehr brachte die Frau nicht heraus, so aufgeregt war sie inzwischen.

„Keine Ursache. Es ist ja zum Glück nichts Schlimmeres passiert.“

Elke sah das leichte Zittern der Hände und hoffte, dass sich die Grauhaarige wieder beruhigen würde.

„Es wäre schlimm gewesen, wenn mir die Sachen rausgefallen wären. Dann hätte ich sie einsammeln müssen und dadurch die Bahn verpasst. Dann müsste ich noch länger warten.“

„Das ist ja jetzt nicht der Fall“, beruhigte Elke die Frau weiter.

„Das stimmt. Vielen Dank nochmals.“

Der Zug war inzwischen zum Halten gekommen, und als sich die Türen geöffnet hatten, stiegen nur wenige Leute aus. Der alten Frau ließ Elke bei Betreten des Waggons Vorrang und sprang hinein, bevor die Türen sich wieder schlossen. Kaum war sie drinnen, fuhr die Bahn auch schon los. Ein schrilles Signal hatte die Abfahrt angekündigt und Elke setzte sich auf den nächsten freien Sitzplatz. Über eine Stunde später als sonst üblich würde Elke heute erst zu Hause sein und das ärgerte sie. Noch mehr ärgerte sie sich über ihren Arbeitskollegen, der dafür verantwortlich war, dass sie die vorherige Bahn nur um ein paar Minuten verpasst hatte. Die Hitze und die abgestandene Luft heizten ihre gereizte Stimmung wieder an. Sollten ihr jetzt noch andere Leute begegnen, würde es ihr schwerfallen, wirklich freundlich zu bleiben. Die Grauhaarige, die mit eingestiegen war, saß glücklicherweise einige Sitzreihen entfernt und so musste Elke mit ihr kein Gespräch führen.

3.

Die Bahn hielt endlich an der Haltestelle in Höfen. Obwohl die Strecke nicht so weit war, kam sie Elke heute ewig vor. Die Luft im Waggon war inzwischen fast unerträglich geworden, so kam es ihr zumindest vor. Der Zug war noch gar nicht ganz zum Stillstand gekommen, da sprang Elke von ihrem Sitz auf und eilte in Richtung Tür. Es konnte ihr gar nicht schnell genug gehen, bis sich die Türen öffneten. Das lag sowohl an der Hitze als auch an dem Hunger, den sie inzwischen verspürte. Außer ihr war niemand in Höfen aus der Bahn ausgestiegen. Das interessierte sie auch nicht.

Von der Haltestelle bis zu ihrer Wohnung war etwas mehr als einen Kilometer zu gehen. Es hatte sich ein wenig abgekühlt, aber die Hitze des Tages war noch nicht ganz vertrieben und die leichte Bluse, die Elke trug, klebte auf ihrer Haut. Das empfand sie als unangenehm und ihre erste Tat zu Hause wäre, ein leichtes Top und gemütliche Shorts anzuziehen.

Elke ging in Gedanken die Straße entlang und überquerte die Hauptstraße, als gerade kein Auto vorüberfuhr. Dabei warf sie ihre Tasche von einer Schulter über die andere. Das Dorf war jetzt schon fast ausgestorben und sie sehnte sich in diesem Augenblick nach Freiburg zurück. Ihr fehlten der Trubel und das Treiben der Stadt, obwohl sie auf dem Land aufgewachsen war. Schnell hatte sie sich an das Leben in der Stadt gewöhnt gehabt und jetzt fehlte ihr es einfach.

Der Haustürschlüssel war ganz nach unten in ihre Tasche gerutscht und Elke musste ihn herauskramen.

„Ah, verdammt“, stieß sie leise hervor, als sie sich den Fingernagel stieß.

Sie zog ihre Hand aus der Tasche und begutachtete den Finger. Der Nagel war an einer Ecke leicht eingebrochen. Sie war so stolz gewesen, dass ihre Nägel endlich eine schöne Länge hatten und jetzt das. Der Nagel würde zwar nachwachsen, doch bis der Macken nicht mehr zu sehen war, würde eine lange Zeit vergehen.

Sie unternahm einen zweiten Versuch und griff erneut in die Tasche. Nachdem sie den Schlüssel herausgefischt hatte, warf sie nochmals einen Blick auf den Fingernagel. Sie schüttelte den Kopf und kurzerhand entschloss sie sich, die Nägel wieder auf die alte Länge zu kürzen.

Im Hausflur war es angenehm kühl und Elke stieg die Treppe bis in den dritten Stock hoch. In den anderen Wohnungen war es ruhig. Sie war in dem Haus mit Abstand die Jüngste. Das störte sie aber nicht. Elke war oft nach Feierabend froh, wenn sie nur noch Ruhe hatte, denn in der Agentur, in der sie arbeitete, ging es oft drunter und drüber.

Kaum war Elke in ihrer Wohnung angekommen, ging sie ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Auf dem Weg dahin ließ sie die Tasche einfach auf den Flurboden gleiten. Nachher würde sie sie wegräumen. Elke wollte aus ihrer Arbeitskleidung raus und in etwas Bequemeres schlüpfen. Die klebrige Bluse und die Stoffhose tauschte sie gegen ein weites T-Shirt und eine bequeme kurze Jogginghose.

Dann trottete sie in die Küche. Es war bereits weit nach 19 Uhr und Elke wollte sich etwas zu essen machen. Da sie eine Stunde später als üblich nach Hause gekommen war, würde es ein schnelles Gericht geben. Sie warf einen Blick in ihren Kühlschrank und entdeckte neben dem Hackfleisch noch eine Packung Maultaschen. Die würde sie sich mit Ei anbraten und dazu einen Kopfsalat zubereiten, der noch im Gemüsefach lag. Der Appetit auf Spaghetti Bolognese war ihr irgendwie vergangen und sie beförderte das Hackfleisch vom Kühlschrank in den Gefrierschrank, damit es nicht schlecht werden würde. Es war nur noch kurze Zeit haltbar und Elke mochte keine Lebensmittel unnötigerweise wegwerfen.

Morgen müsste Elke auch wieder einkaufen gehen, denn ihre Lebensmittelvorräte neigten sich dem Ende entgegen. Also würde sie morgen mit dem Auto zur Arbeit fahren und nach Feierabend den Einkauf erledigen.

Mit Routine erledigte sie die Küchenarbeit und trank nebenher einen Kaffee. Bereits kurz nach ihrem Einzug hatte sie sich einen Kaffeevollautomaten gekauft. Der war zwar nicht billig gewesen, doch bei ihrem Kaffeekonsum würde er sich schnell rechnen. Ihre alte Maschine hatte sie noch in Freiburg entsorgt.

Das Essen war schnell fertig und Elke machte es sich an dem kleinen Küchentisch gemütlich, um zu essen. Gerade als sie die ersten Bissen gegessen hatte, klingelte das Telefon.

„Ausgerechnet jetzt“, sagte sich Elke und ignorierte das Klingeln.

Sie wollte in Ruhe essen. Falls die Anruferin ihre Freundin Anita gewesen war, die wollte sie nachher sowieso anrufen, alle anderen, außer ihren Eltern vielleicht, interessierten Elke im Moment nicht. Mit ihrer Mutter hatte sie erst am Vorabend lange telefoniert. Am kommenden Wochenende wollte sie bei ihren Eltern auf eine Tasse Kaffee vorbeischauen.

Nachdem sie auch die letzten Bissen vertilgt hatte, brachte Elke die Küche wieder in Ordnung und bereitete sich nochmals einen Kaffee zu. Den wollte sie mit auf den Balkon nehmen und dort trinken.

Wieder klingelte das Telefon. Dieses Mal ignorierte Elke es nicht und ging ins Wohnzimmer. Sie nahm den Hörer ab.

„Hier Elke Müller“, meldete sie sich.

„Hast du geglaubt, du könntest dich vor mir verstecken? Hast du wirklich geglaubt ich finde dich nicht? Hast du das wirklich geglaubt? Kehrst in deine Heimat zurück und tust, als wäre nichts geschehen. Lebst einfach so in den Tag hinein und denkst, ich finde dich nicht! Das war sehr naiv von dir. Wenn du vor mir hättest fliehen wollen, wärst du besser für alle Zeit untergetaucht. Dein Verrat wird dich nun teuer zu stehen kommen. So wie du mir alles genommen hast, werde ich dir alles nehmen. Niemand aus deinem Umkreis wird verschont! Du hast meinen Herrn auf dem Gewissen und dafür wirst du bezahlen!“

Das krächzende Lachen des anonymen Anrufers verpasste ihr sofort eine Gänsehaut. Ihr Puls schoss nach oben und ihr fiel fast der Hörer aus der Hand. Es war doch das eingetreten, vom dem sie gehofft hatte, dass es nie passieren würde. Der Anrufer war der Grund für ihre Flucht aus Freiburg gewesen und nach Monaten tauchte er wieder auf.

Sie drückte die Auflegtaste am Telefon und versuchte sich zu beruhigen. Schweiß hatte sich auf ihrer Stirn gebildet.

Was jetzt?

In den letzten Monaten war es ruhig in ihrem Leben gewesen. Sie hatte mit ihrer Freundin Anita einen herrlichen Sommer verbracht. Doch nun war es von einem Augenblick auf den anderen mit der Ruhe vorbei. Ein Sturm hatte sich angekündigt und Elke würde sich ihm entgegenstellen müssen. Nochmals fliehen wollte sie nicht. Alleine konnte sie sich dem Feind nicht stellen. Den wahren Grund für ihre Rückkehr hatte sie bisher allen verschwiegen. Jetzt brauchte sie Verbündete. Ihre Wahl fiel natürlich auf Anita, obwohl ihre Freundin wahrscheinlich keine große Hilfe sein würde. Den Kampf müsste sie alleine schlagen.

Elke griff wieder nach dem Telefon, das sie achtlos auf die Couch hatte fallen lassen. Sie wählte die Nummer von Anita und wartete auf eine Antwort. Es schien ewig zu dauern, bis sich ihre Freundin meldete.

„Hallo, wer ist da?“

„Elke. Anita, du musst unbedingt gleich kommen!“

„Um Himmels willen! Du klingst ja ganz aufgeregt. Was ist denn passiert?“

„Das kann ich dir am Telefon nicht sagen. Du musst nur bitte sofort kommen. Tu mir den Gefallen.“

„Klar komme ich. Es ist hoffentlich nichts Schlimmes passiert?“

„Noch nicht. Beeil’ dich bitte.“

Auf eine Antwort wartete Elke nicht, sondern legte auf. Eine halbe Stunde würde bestimmt vergehen, bis ihre Freundin eintreffen würde. Unruhig und aufgewühlt tigerte Elke in ihrer Wohnung auf und ab. Sie rechnete jeden Augenblick damit, dass das Telefon wieder klingeln würde. Doch das war nicht der Fall. Sie überlegte, wie sie das Gespräch mit Anita beginnen sollte. Würde genügend Zeit sein, alles zu erzählen und vor allem – würde ihr Anita glauben? Das musste sie einfach!

4.

Die Balkontür im Wohnzimmer stand offen und Elke konnte das Schlagen der Kirchturmglocken ganz in der Nähe hören. Obwohl sie wusste, wie spät es war, zählte sie jeden einzelnen Schlag der Glocken mit. Gerade als der achte Schlag ertönte, klingelte erneut ihr Telefon. Damit hatte sie nicht gerechnet und zuckte zusammen. Ihr Puls schoss sofort in die Höhe und ein Glas mit Saft, das sie in ihrer rechten Hand hielt, hätte sie beinahe fallen lassen.

Was, wenn das wieder der anonyme Anrufer war, der ihr gedroht hatte? Sie überlegte, erst gar nicht ranzugehen und das Telefon zu ignorieren. Es gelang ihr aber nicht, denn das Klingeln hörte nicht auf und zögernd ging Elke dann doch auf die Couch zu. Das Glas stellte sie auf dem Wohnzimmertisch ab. Dann griff sie zum Telefon und mit zitternder Hand nahm sie den Hörer hoch. Ihr Daumen kreiste einen Moment über den Knopf zum Annehmen des Gesprächs und ein letztes Mal überlegte sie, ob sie wirklich rangehen sollte. Dann nahm sie ihren Mut zusammen und drückte die Taste.

„Hier Elke Müller.“

In ihrer Stimme schwang das Zittern mit und sie hoffte, dass sich ihr Gegenüber dadurch nicht noch überlegen fühlte, sollte es wieder der Anrufer von vorhin sein.

„Hallo, mein Sonnenschein.“

Sofort hellte sich ihre Stimmung etwas auf und ihre Angst verschwand von einem Augenblick zum anderen. Ihr Puls beruhigte sich. Der Anrufer war ihr Vater und mit ihm hatte sie nicht gerechnet. Es war untypisch, dass er anrief. Meist war es ihre Mutter, die dann den Hörer an Werner weitergab.

„Hi, Daddy. Schön, dass du anrufst. Mit dir habe ich heute Abend überhaupt nicht gerechnet.“

„Ich weiß …“, kam etwas zögerlich zurück, und es schien, als habe ihr Vater einen Kloß im Hals.

So kam es zumindest Elke vor. Sie kannte ihren Vater sehr gut, aber nach dem Drohanruf von vorhin und ihrer Nervosität, was passieren würde, konnte sie sich auch irren. Die Pause, die ihr Vater machte, kam ihr zu lange vor.

„Ist bei euch alles in Ordnung?“, erkundigte sich Elke, „Es ist untypisch, dass du anrufst und dann fast keinen Ton rausbringst. Was ist passiert?“

Eine weitere Pause entstand, in der ihr Vater nichts entgegnete. Elke holte bereits Luft, um noch einmal nachzuhaken. Ihr war sofort bewusst, dass etwas geschehen sein musste.

„Es fällt mir schwer, es dir zu sagen“, kamen die zögernden Worte von Werner, „es ist leider nicht alles in Ordnung. Deiner Mutter ist etwas passiert. Am Telefon möchte ich es dir nicht erzählen. Es ist besser, wenn du direkt kommst. Fahr aber bitte vorsichtig.“

Elke vernahm die weiteren Worte gar nicht mehr. Sofort kam ihr der Anrufer von vorhin in den Sinn. Er hatte ihr gedroht und es schien, als habe er seiner Drohung bereits Taten folgen lassen. Ihr Vater hatte noch weitergeredet, doch das interessierte Elke nicht.

„Ich komme“, sagte sie nur und wie in Trance ließ sie ihre Hand mit dem Hörer sinken.

Unbewusst drückte sie dabei die Auflegtaste und ließ den Hörer wieder auf die Couch fallen.

Ihr Puls begann erneut zu rasen und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Was hatte sie sich nur dabei gedacht zu glauben, in ihrer alten Heimat wäre sie in Sicherheit vor dem Drohanrufer! Das war ein irrwitziger Glaube und ihre Liebsten mussten vielleicht für ihre Dummheit bezahlen. Elke war erstarrt und schnappte wie eine Ertrinkende nach Luft.

Das Böse war mit voller Wucht in ihr Leben zurückgekehrt. Sofort musste sie nach Würzbach zu ihren Eltern fahren. Alleine hatte sie aber nicht die Kraft dazu.

Anita würde gleich hier sein und zusammen konnten sie sich auf den Weg machen. Ohne weiter darüber nachzudenken, wie sie Anita alles erklären wollte, ging sie in den Flur und zog irgendwelche Schuhe an. Entgegen ihrer üblichen Gewohnheit ging sie mit den Straßenschuhen an den Füßen in ihr Schlafzimmer, um sich einen Pullover zu holen, den sie sich überziehen wollte. Ihr war plötzlich kalt geworden, obwohl es draußen immer noch sehr warm war. Die Jogginghose wechselte sie gegen eine Jeans. Im Moment war ihr egal, wie sie aussah. Sie wollte nur startklar sein, wenn ihre Freundin kam.

5.