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In Freiburg beginnt für Elke ein neuer Lebensabschnitt. Ihr Glück scheint perfekt zu sein, als sie Gerard kennen lernt. Doch ein Geheimnis umgibt den Mann. Als das Böse seine Jagd auf sie beginnt, gerät ihr Leben vollkommen aus den Fugen. Denn ohne es zu wissen, ist Elke im Besitz von Fähigkeiten, die sich die dunkle Seite zunutze machen möchte, um eine Welt zu zerstören. Kann Lichtwächter David, der entsandt wurde, um Elke zu beschützen, die drohende Katastrophe abwenden? „Ära der Lichtwächter – Die Unschuld“ ist der zweite Teil der Mystery-Reihe und nimmt den Leser mit auf eine rasante Jagd zwischen Gut und Böse.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
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Klaus Pfrommer
ÄRA DER LICHTWÄCHTER
Bd. 2: Die Unschuld
KLAUS PFROMMER
ÄRA DERLICHTWÄCHTER
Die Unschuld
MYSTERY-ROMAN
www.aeraderlichtwaechter.de
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.
2. Auflage 2023 ISBN 978-3-96438-069-2 © 2023 Südwestbuch Verlag
SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw
Lektorat: Carolin Ehrfeld, Nürtingen Titelgestaltung: Dieter Borrmann Titelfotoanimation: © Dieter Borrmann Satz: swb media publishing Druck, Verarbeitung: Custom Printing PL Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.
www.suedwestbuch.de
PROLOG
UMZUG
UNKENNTNIS
UMBRUCH
UNHEIL
EPILOG
Das Leben zog nun in ruhigen Bahnen dahin. Nach einer langen, stürmischen Zeit, die ihr viel Kraft geraubt hatte, war es der jungen Frau gelungen, wieder Ordnung in ihr Leben zu bringen.
Die Ereignisse der letzten Monate hatten sich in ihr Innerstes eingebrannt und ihr Wesen für immer verändert. Von dem unbekümmerten jungen Menschen war nicht mehr viel übrig geblieben. Zu schwer wogen die Geschehnisse, um sie einfach aus dem Gedächtnis zu streichen. Doch langsam legte sich, wie Pergamentpapier, Schicht um Schicht das Vergessen darüber.
Sie war an den Ort zurückgekehrt, den sie verlassen hatte, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Aber war es klug gewesen, in ihre alte Heimat zurück zu kehren? Zweifel daran hegte Elke in den ersten Wochen ihrer Rückkehr schon. Doch es blieb ruhig und mit jedem Tag, der verging, fühlte sie sich sicherer. Niemandem erzählte sie von ihren Erlebnissen, die ihren Glauben erschüttert hatten. Weder ihren Eltern, die erfreut waren, die Tochter wieder in der Nähe zu haben, noch ihrer besten Freundin Anita, die immer noch den Tod ihres Freundes Markus verarbeiten musste.
Es war ein Sommer wie ihn Elke liebte. Nicht zu heiß, aber trocken. Es waren die Tage ihres ersten Urlaubes seit sie eine neue Arbeit gefunden hatte. Jeden Sonnentag nutzte sie mit ihrer Freundin, um das Leben zu genießen. Die beiden Frauen gingen Eis essen, besuchten die Freibäder in der näheren Umgebung, machten Ausflüge und hielten nach den Männern Ausschau. Hier und da kam es zu einem kleinen Flirt. Mehr jedoch gab es nicht.
Mit ihrer fröhlichen Art, die sie wieder gefunden hatte, war es Elke gelungen, ihre Freundin Anita ebenfalls aus ihrem Tief zu reißen. Eine neue Kurzhaarfrisur ließ sie zudem wieder ein wenig jünger und kesser wirken. Glückseligkeit und Unbeschwertheit waren die Devisen des Augenblicks.
Ein Anruf änderte die kurze Zeit des Glücklichseins jedoch abrupt. Dieser Anruf, den Elke eines Tages erhielt, bedeutete das Aufkommen eines Sturms. Ein drohendes Unheil, das wie das Damoklesschwert über ihr schwebte. Dieser Anruf zerstörte alles. Das Glück, die Unbeschwertheit, Fröhlichkeit und Unbekümmertheit. Die Schatten der Vergangenheit waren zurückgekehrt.
Oh ja, sie waren zurück und damit hatte Elke nicht mehr gerechnet. Der Sturm, der damit aufzog, könnte sich zu einem Orkan aufbäumen, der alles mit sich reißen würde. Nicht nur um ihrer selbst machte sie sich Sorgen. Alle, die ihr nahe standen, die sie liebte und ihr am Herzen lagen, waren betroffen. So hatte der Anrufer ihr es angedroht.
Sie konnte nicht wieder fliehen. Das hatte Elke schon das letzte Mal getan und trotzdem hatte es letzten Endes nichts genutzt. Klüger wäre es gewesen, nicht wieder in die alte Heimat zurück zu kehren. Dazu war es aber nun zu spät. Hier nicht gefunden werden zu können, war naiv von ihr gewesen.
Doch nun würde sie die Vergangenheit mit all ihrer Grausamkeit einholen und Elke konnte es nicht verhindern. Eine erneute Flucht kam nicht in Frage. Die Frau würde sich ihrem Feind stellen und als Siegerin aus dieser Konfrontation hervorgehen, oder …
Doch an die andere Möglichkeit wollte sie keinen Gedanken verschwenden.
Sie brauchte Verbündete. Auf die Hilfe einer höheren Macht konnte sie nicht vertrauen. Nicht, nachdem es so geendet hatte. Anita war die Auserwählte, die sie in alles einweihen wollte. Würde ihr Anita aber glauben? Elke hoffte es. Ohne noch länger zu zögern und weiter darüber nachzudenken, rief sie bei ihrer Freundin an und bat sie bei ihr vorbei zu kommen. Elke flehte sie fast schon an.
Nachdem sie mit Anita telefoniert hatte, kam ihr der Anrufer wieder in den Sinn. Seine Worte hallten noch in ihren Gedanken wider. Diese Stimme war so widerlich, fremd und doch vertraut gewesen. An seinen Worten zweifelte sie keinen Augenblick.
„Hast du geglaubt, du könntest dich vor mir verstecken? Hast du wirklich geglaubt, ich finde dich nicht? Hast du das wirklich geglaubt? Kehrst in deine Heimat zurück und tust als wäre nichts geschehen. Lebst einfach so in den Tag hinein und denkst, ich finde dich nicht! Das war sehr naiv von dir. Wenn du hättest vor mir fliehen wollen, wärst du besser für alle Zeit untergetaucht. Dein Verrat wird dich nun aber teuer zu stehen kommen. So wie du mir alles genommen hast, werde ich dir alles nehmen. Niemand aus deinem Umkreis wird verschont! Du hast meinen Herrn auf dem Gewissen und dafür wirst du bezahlen!“
Das krächzende Lachen des anonymen Anrufers verpasste ihr jetzt noch eine Gänsehaut. Unruhig und aufgewühlt tigerte Elke in ihrer Wohnung auf und ab. Wie sollte sie das Gespräch mit Anita beginnen? Würde genügend Zeit bleiben alles zu erklären? Sie wusste es nicht, hoffte aber auf etwas Zeit.
Es war bereits nach 20 Uhr als Anita bei ihrer Freundin in Höfen eintraf. Elke hatte sehr aufgebracht am Telefon geklungen und das machte ihr Sorgen. So war ihr Verhalten kurz nach der Rückkehr aus Freiburg gewesen. Anita schritt hastig auf das Mehrfamilienhaus zu. Kaum an der Haustür angekommen, musste sie nicht einmal klingeln, da wurde bereits der Türöffner betätigt. Sie stieß die Tür auf und schlüpfte in das Innere, die hinter ihr wieder leise ins Schloss fiel.
Beim Hinaufsteigen der Treppen kreisten ihre Gedanken wieder um Elke. Ihre Stimme hatte so ernst am Telefon geklungen. Lange hatte Anita ihre Freundin so nicht mehr erlebt. Sie erklomm gerade den letzten Treppenabsatz, da schwang schon die Wohnungstür auf.
„Da bist du ja. Komm rein – schnell“, wurde sie knapp von Elke begrüßt.
„Was ist denn passiert?“, fragte Anita, die eben durch die Tür trat und sie hinter sich schloss.
„Es ist nicht leicht zu erklären. Ich hoffe es ist noch genügend Zeit, dass ich dir alles erzählen kann.“
Das klang geheimnisvoll. Elke schien jedoch vollkommen aufgelöst zu sein. Das machte Anita neugierig, zugleich erschreckte es sie.
Eine lange Nacht stand den beiden Frauen bevor und ihre Leben würde sich danach für immer geändert haben.
1
Ein neuer Lebensabschnitt konnte beginnen. Hatte die blonde Frau mit dem schlanken Gesicht noch vor einigen Monaten mit ihrer besten Freundin Anita die bestandene Abschlussprüfung ihrer Ausbildung ausgiebig gefeiert, schien dieses Ereignis jetzt schon Jahre entfernt zu sein. Im Berufsalltag war nicht mehr viel von der damaligen Euphorie übrig geblieben. Die Freude vom jeweiligen Betrieb übernommen worden zu sein war verflogen. In Elke kam schon bald der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung auf.
„Wenn schon, dann wage ich einen kompletten Neuanfang“, brachte sie gegenüber ihrer Freundin eines Tages ohne Vorwarnung zum Ausspruch.
„Ich werde nicht nur eine neue Arbeitsstelle antreten. Nein! Ich werde auch woanders hinziehen.“
Das sagte sie voller Euphorie und der inneren Überzeugung genau das Richtige zu tun. Dafür wurde sie von Anita bewundert, die noch bei ihren Eltern wohnte und sich nicht vorstellen konnte, ganz woanders hin zu ziehen. Elke dagegen hatte sich bereits vor über einem Jahr ein kleines Appartment gemietet und war in vielerlei Hinsicht viel selbstständiger.
Den Entschluss, einen Neuanfang zu wagen, hatte Elke schon vor längerer Zeit ins Auge gefasst und auch schon einige Bewerbungen abgeschickt. Durch ihre Großmutter war der Kontakt zu einer Firma in Freiburg zustande gekommen. Für ein Bewerbungsgespräch hatte sie sich extra zwei Tage frei genommen.
Und … obwohl sie beim Vorstellungsgespräch ziemlich nervös gewesen war und ihr ein paar Fehler unterlaufen waren, hatte es geklappt. Die Stelle wurde ihr bereits wenige Tage später zugesagt. Nach kurzem Zögern unterschrieb sie den ihr angebotenen Vertrag. Elke kündigte darauf hin ihre Stelle zum nächsten Quartal. Ihre Eltern bewunderten den Mut der Tochter, die den Schritt in die vollkommene Unabhängigkeit wagen wollte. Trotzdem fiel es gerade Elkes Mutter bei dem Gedanken, ihre Tochter nicht mehr in der Nähe zu haben, schwer, sich aufrichtig für sie zu freuen. Ihr Vater sah das etwas lockerer. Er ermutigte seine Tochter sogar. Er war seit jeher die treibende Kraft gewesen, die dafür sorgte, dass Elke ein selbstständiges Leben anstrebte.
„Elke, mein kleiner Sonnenschein, ist fest entschlossen ihren eigenen Weg zu bestreiten.“
Auch nach all den Jahren wurde sie von ihrem Vater immer noch Sonnenschein genannt. Es störte Elke aber keineswegs und das würde wahrscheinlich auch bis zu ihrem Lebensende so bleiben.
Ihre Eltern hatten immer den Wunsch nach mehreren Kindern gehabt. Doch das blieb ihnen verwehrt. Silkes Schwangerschaft war nicht ohne Komplikationen verlaufen und bei der Geburt wäre Elke fast gestorben. Eine Notoperation retteten sowohl der Mutter auch als dem Baby das Leben. Das blieb jedoch nicht ohne Folgen. Silke konnte keine Kinder mehr bekommen. Für sie und Werner war das ein herber Schlag. Umso mehr freuten sie sich an Elke, die sich schnell erholte und glücklich und behütet aufwuchs.
Aufregung und Hektik machten sich gleich morgens am Tag des Umzugs breit. Trotz aller Vorbereitungen war dies nicht zu verhindern. Da Elke jedoch nur ein kleines Appartment hatte, gab es glücklicherweise noch nicht so viele Sachen und Möbel. Zudem war die Küche ein fester Bestandteil der Wohnung und das war auch gut so. Sonst wäre der Umzug nicht an einem Tag zu bewerkstelligen. Auch hatte Elke schon vor Wochen begonnen die Dinge auszusortieren, die sie nicht mitnehmen wollte und die entsorgt werden konnten.
Bei einem zweiten Besuch in Freiburg hatte sie sich nach einer kleinen Wohnung umgeschaut. Etwas außerhalb war sie auch schnell fündig geworden. Ein kleines Appartment mit Singleküche und Duschbad zu einem bezahlbaren Preis. Das Haus lag im Stadtteil Betzenhausen. Die nächste S-Bahn-Haltestelle war nur wenige Meter entfernt und so würde sie zukünftig bequem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ihre neue Arbeitsstelle in der Innenstadt erreichen können und konnte auf ein Auto verzichten.
Für den Umzug hatte ihr Vater einen kleinen Lastwagen angemietet. Er würde mit ihr nach Freiburg fahren. Elkes Mutter wäre auch gerne mitgekommen, sie hatte aber keinen Urlaub bekommen.
„Warum musste es ausgerechnet der Donnerstag sein, an dem du umziehst?“, fragte Silke ihre Tochter fast schon vorwurfsvoll.
„An irgendeinem Tag muss er ja stattfinden“, erwiderte Elke etwas trotzig.
Den wahren Grund verschwieg sie aber. Ihre Mutter meinte, sie müsste sich immer noch in den Haushalt ihrer Tochter einmischen, obwohl sie schon vor langer Zeit bei ihren Eltern ausgezogen war und ihren Haushalt, wie sie meinte, recht gut führte.
„Die Möbel müssen so stehen! Das sieht viel besser aus! Der Teppich passt ja gar nicht! Neue Gardinen müssen her! Schmeiß’ das Bild doch weg!“
So etwas oder Ähnliches bekam Elke bei fast jedem Besuch ihrer Mutter zu hören. Ihr Vater dagegen war absolut gelassen. Er ließ seiner Tochter jeden Freiraum, den sie wollte. Das war schon so, als sie noch zu Hause wohnte. Dass ihre Eltern deswegen immer mal wieder in Streit gerieten, bekam sie allerdings nie mit.
Immer mehr Kartons waren gefüllt und warteten darauf, in den Leih-Lastwagen gepackt zu werden. Langsam fühlte Elke etwas Wehmut in sich aufkommen. Die letzten Tage waren erfüllt gewesen von so vielen Vorbereitungen, dass ihr das gar nicht bewusst geworden war. Nun da sich aber die Umzugkartons im Flur und im Treppenhaus stapelten, merkte sie doch, welche große Veränderung da bevorstand.
Elkes Freundin Anita registrierte ihre Bedenken, die aufkamen, und zog sie für einen Augenblick auf die Seite.
„Was ist los mit dir?“
„Langsam bekomm’ ich doch ein mulmiges Gefühl im Magen. Alles wird neu für mich sein. Die Arbeit. Die Wohnung. Die ganzen Leute um mich herum.“
Elke brachte zwar ein Lächeln in ihr Gesicht, doch sah man ihr an, dass es nicht wirklich echt war und eher gequält wirkte. Anita nahm sie kurz in den Arm.
„Das war dir doch schon vorher klar, oder?“, fragte sie Mitleid fühlend.
„Ja schon, aber meine ganzen Freunde bleiben zurück.“
„Wir werden in Kontakt bleiben. Wir können telefonieren und schreiben uns regelmäßig. Das verspreche ich dir hiermit.“
„Das werden wir.“
Beide drückten sich noch einmal kurz ganz fest.
„Hey, ihr beiden, keine Müdigkeit vortäuschen“, rief jemand aus dem Wohnzimmer.
Das war Elkes Vater, der ein ordentliches Tempo vorlegte und die beiden jungen Frauen gerne auch etwas herumkommandierte.
„Hier oben scheint alles gepackt zu sein. Nun müssen wir das ganze Zeug nach unten schaffen und im Lastwagen verstauen. Schließlich wollen Elke und ich heute Mittag noch nach Freiburg fahren. Also los!“
Hände klatschend kam er zu den beiden Frauen ins Treppenhaus. Ein Grinsen stand in seinem Gesicht. Er kommandierte mit viel Liebe und ein wenig Ernst.
„Das gilt auch für euch beiden Ladys“.
Elkes Vater konnte sehr bestimmend sein, wenn es darauf ankam.
2
„Hier sind die Schlüssel!“
Mit diesen Worten und einem Schlüsselbund in der rechten Hand, den sie mit hoch erhobenem Arm durch die Luft wedelte, kam sie auf ihren Vater zu, der an dem Leih-Lkw lehnte und sich von der Fahrt nach Freiburg erholte. Er hatte den Wagen genau gegenüber dem Hauseingang geparkt. Auf der Autobahn war sehr viel Verkehr gewesen und so war die Fahrt anstrengender gewesen als er gedacht hatte. Die kurze Pause, während seine Tochter die Schlüssel vom Vermieter in Empfang nahm, reichte aber, um sich zu erholen.
„Na, dann legen wir mal los!“
Er ging zwei Schritte auf seine Tochter zu und nahm sie in den Arm.
„Ich bin stolz auf dich. Das kann ich dir gar nicht oft genug sagen. Jetzt müssen wir aber zusehen, dass wir deine Sachen in die Wohnung bekommen. Es ist bereits später als ich gedacht habe.“
„Das hat noch kurz Zeit. Zuerst gehen wir rein und ich zeige dir mein neues Zuhause erst einmal.“
Elkes Vater war ein praktisch denkender Mann und so holte er gleich noch einen Umzugskarton aus dem Wagen.
„Mit leeren Händen muss ich ja nicht gehen.“
Elke konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Zusammen gingen sie auf das Haus zu. Elke hielt ihrem Vater die Eingangstür auf.
„Gleich vorne rechts ist die Wohnung.“
„Das hast du schon einmal praktisch ausgesucht“, bemerkte Werner nicht ganz ernst gemeint, „so müssen wir wenigstens nicht so weit schleppen.“
Die Wohnungstür war schnell erreicht. Mit leicht klopfendem Herzen öffnete Elke die Tür und gab ihr einen leichten Schubs, damit sie nach innen aufschwang. Auf die Reaktion von ihrem Vater war sie gespannt. Sein Urteil war ihr bei vielen Dingen schon immer wichtig gewesen.
„Tritt ein und stell’ den Karton gleich ab.“
Werner tat was ihm seine Tochter sagte. Er stellte den Karton in einer kleinen Nische neben der Tür ab.
„Jetzt führe mich Mal durch deine neue Wohnung. Ich hoffe, du hast sie gut ausgewählt.“
„Das denke ich doch. Mir hat sie jedenfalls gleich gefallen. Sie ist sogar größer als das Appartment, das ich zu Hause hatte.“
Freiburg würde jetzt ihr neues Zuhause werden. Daran musste sich Elke erst einmal gewöhnen. Nicht nur die Arbeitsstelle und Kollegen, nein, auch ihr privates Umfeld würden vollkommen neu für sie sein.
„Hallo, mein Sonnenschein! Was ist los mit dir?“
Ihr Vater hatte sie aus ihren Gedanken zurückgeholt.
„Eine große Umstellung kommt auf mich zu. Jetzt, da es so weit ist, weiß ich gar nicht, ob ich bereit dafür bin.“
„Es gibt kein Zurück. Du wirst es packen. Da bin ich ganz sicher. Deine Mutter und ich haben dich schließlich zur Selbstständigkeit erzogen. Sieh’ mal, deine beste Freundin bewundert dich dafür. Sie würde solch’ einen Schritt nie wagen. Du aber schon. Jetzt zeige mir mal dein neues Zuhause.“
„Okay. Das Appartment hat 35 Quadratmeter und verfügt über einen West- und einen Ostflügel“, scherzte Elke, „rechts den Flur runter liegt die Küche, um die Ecke geht’s ins Bad.“
Ihr Vater musste lachen. Oh, wie würde er sie vermissen. Ihr sonniges Gemüt erfreute ihn immer wieder.
Mit wenigen Schritten waren die beiden in der Küche angekommen. Links neben der Tür war die Küchenzeile montiert. Sie war in schlichtem Weiß und die Schränke hatten Griffe aus Chrom. Die besten Zeiten hatte sie schon hinter sich gebracht, sah aber immer noch ordentlich aus. Die Elektrogeräte waren erst vor Kurzem erneuert worden. Auf der rechten Seite gab es Platz für einen kleinen Essplatz. Durch das Fenster hatte man einen guten Blick auf die Straße und man konnte sehen, wer vor der Haustür stand.
Die Besichtigung ging weiter. Elke führte ihren Vater in das Bad nebenan. Es war ebenfalls komplett weiß.
„Das sieht bis jetzt doch alles recht gut aus“, meinte Werner.
„Der Höhepunkt der Besichtigungstour kommt aber noch. Das Wohn- und Schlafzimmer im eingangs erwähnten Westflügel. Wenn sie mir bitte unauffällig folgen würden“, scherzte Elke weiter und ging zurück durch den Flur.
Ihr Vater folgte ihr gehorsam und ein paar Sekunden später standen sie im Wohnraum.
Das Zimmer war hell, da es über drei Fenster und eine Balkontür verfügte. Das Haus stand an einem leicht nach hinten abschüssigen Hang und so gab es auch einen Eckbalkon. Wenn man durch die Wohnzimmertür eintrat, konnte man links um die Ecke gehen. Da würde Elke ihr Bett hinstellen.
„Das Appartment gefällt mir richtig gut“, lobte Werner seine Tochter, „das hast du wirklich sehr gut ausgewählt. Ich bin so stolz auf dich.“
„In der hinteren Ecke da, werde ich mein Bett aufstellen“, meinte Elke und zeigte mit dem Finger in die Richtung.
„Das ist eine gute Idee“, pflichtete ihr Vater bei, „und mit einem Regal kannst du noch abteilen. So ist der Schlafbereich vom Wohnzimmer etwas abgetrennt.“
„Ein Glück, dass Mutter nicht mitgekommen ist. Sie hätte bereits wieder Etliches auszusetzen gehabt und würde mir wieder gute Ratschläge geben wollen.“
„Du weißt, dass deine Mutter es immer gut mit dir meint“, sagte Werner.
„Das weiß ich“, erwiderte Elke.
„Jetzt sollten wir aber zusehen, dass wir deine Sachen hier reinschaffen. Ich sollte schließlich heute auch wieder zurück fahren.“
Die nächsten Stunden waren die beiden damit beschäftigt, den Lastwagen zu entladen und die Habseligkeiten von Elke in die Wohnung zu tragen. Nachdem ein paar Kartons in das Appartment gebracht worden waren, ging es daran, das zerlegte Bett und den Kleiderschrank hinein zu tragen. Das waren die schwersten Teile und Elke war froh, als sie das hinter sich gebracht hatten.
„Ich kann bald nicht mehr“, stöhnte sie.
Mit dem rechten Arm wischte sie sich über die Stirn, auf der sich Schweiß gebildet hatte.
„Wir haben es fast geschafft“, munterte ihr Vater sie auf, „ein paar Kartons noch, dann ist es vollbracht. Allerdings herrscht hier drinnen das absolute Chaos. Wir hätten besser alles gleich etwas sortiert abstellen sollen. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, dich hier später alleine sitzen zu lassen.“
Werner sah seiner Tochter mitfühlend in die Augen. Doch beide wussten, dass sie es nicht besser konnten. Das verband Vater und Tochter. Das Chaos zu regieren, war ihnen angeboren.
„Ich habe ja noch ein paar Tage Zeit hier Ordnung reinzubringen.“
Nach einer kurzen Verschnaufpause meinte Elke dann:
„Auf zum Endspurt. Nu’ mal keine Müdigkeit an den Tag legen und ab dafür.“
Das klang allerdings nicht so überzeugend wie es rüberkommen sollte. Sie war abgearbeitet und ein Hungergefühl machte sich bemerkbar. Dieses Bedürfnis fegte sie aber genauso, wie eine blonde Strähne, die ihr ins Gesicht gefallen war, zur Seite.
„Deine Sprüche waren auch schon mal besser.“
Werner stupfte seine Tochter mit dem Ellbogen an, als sie gemeinsam wieder nach draußen zum Lkw gingen und grinste dabei.
„Na komm’.“
Eine halbe Stunde später war es vollbracht. Der Lastwagen war komplett leer geräumt. Dafür stand nun in dem Appartment alles kreuz und quer rum.
Elke wollte gerade die Wohnungstür schließen, als eine Frau das Haus betrat und den Flur entlang kam. Freundlich begrüßte Elke sie.
„Hallo“, erwiderte diese, „ah, sie sind also meine neue Nachbarin. Ich heiße Marion Buchleitner. Mein Mann und ich wohnen gegenüber.“
Die Frau war sympathisch und das Lächeln war echt. Elke streckte ihr die Hand entgegen.
„Freut mich, meine Nachbarin gleich kennen zu lernen. Ich bin Elke Müller.“
Ihr Vater kam gerade zur Wohnungstür.
„Das ist mein Vater. Er hat mir beim Umzug geholfen.“
„Freut mich, Herr Müller“, wandte sich Frau Buchleitner ihm zu.
„Ganz meinerseits“, erwiderte Werner mit charmanter Stimme.
Auch nach all den Jahren seiner Ehe mit Silke war er keineswegs einem Flirt abgeneigt. Er hatte es immer noch drauf. Seine Stimme und sein treuherzig, herausfordernder Blick beeindruckten Frau Buchleitner sofort. Sie fühlte sich geschmeichelt.
„Elke, wir sollten zusehen, dass wir den Schrank noch aufbauen. Es ist bereits fast acht Uhr. Wir haben noch nicht zu Abend gegessen und ich möchte bald fahren.“
„In dem Chaos können wir unmöglich den Schrank aufbauen. Ich muss erst einmal die Kartons zur Seite räumen damit wir Platz haben. Das Abendessen muss ausfallen.“
„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Du hast schwer geschuftet, seit heute Mittag nichts mehr gegessen. Außerdem möchte ich dich auch noch einmal zum Abendessen einladen. Wenn ich fahre, sehen wir uns längere Zeit nicht mehr.“
„Ich weiß, Daddy.“
„Wenn ich mich einmischen darf “, brachte die Brünette ein, „wie es der Zufall will, mein Mann ist Schreiner und wenn Sie möchten, werde ich ihn fragen, ob er Ihnen hilft den Schrank aufzubauen. So können Sie beide in Ruhe Essen gehen. Ich sehe Ihrem Vater an, dass ihm das am Herzen liegt.“
„So ist es“, meinte Werner, „das haben Sie ganz richtig erkannt.“
Er strahlte sie an und wandte sich dann seiner Tochter zu, die an der Wand im Flur lehnte und meinte zu ihr:
„Wenn das kein Angebot ist, das du annehmen solltest. So hast du die Möglichkeit auch gleich deine neuen Nachbarn etwas näher kennen zu lernen.“
„Okay, wenn es Ihrem Mann wirklich nichts ausmacht, einer fremden Person zu helfen.“
„Das macht es sicherlich nicht. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich von Zuhause ausgezogen bin. Es war ein großer Schritt.“
„Ich hatte bereits meine eigene Wohnung.“
„Oh“, entfuhr es der Frau etwas peinlich.
„Das konnten Sie ja nicht wissen. Nur ich habe mich entschlossen eine neue Arbeit zu beginnen und da ich hier in Freiburg eine Stelle gefunden habe, war der Umzug unumgänglich. Aber ich wohne nun über zweihundert Kilometer von meinen Eltern und meinen Freunden entfernt. Es wird schon eine große Umstellung für mich werden.“
„Das glaube ich“, pflichtete ihr die Nachbarin bei, „aber ich denke, wir werden gut miteinander auskommen. Sie sind mir sehr sympathisch. Ich will jetzt aber mal los. Mein Mann müsste auch jeden Augenblick nach Hause kommen. Nach der Arbeit geht er donnerstags immer noch zum Fitnesstraining. Kann ich Ihnen morgen Bescheid geben? Ich meine, wegen dem Schrank.“
Mit diesen Worten verabschiedete sich die Brünette und wand sich ihrer Wohnungstür auf der anderen Seite des Flures zu.
„Gerne. Ich habe noch ein paar Tage Urlaub bevor ich meine neue Stelle antrete“.
„Das ist klasse. Bis morgen.“
Frau Buchleitner schloss die Tür mit dem Schlüssel, den sie aus der Jackentasche kramte, auf, öffnete sie und schlüpfte hindurch.
„Einen schönen Abend wünsche ich noch.“
„Das wünsche ich Ihnen ebenfalls“, verabschiedete Werner sich und zwinkerte ihr nochmals zu.
3
Etwas später saßen Vater und Tochter in einem Restaurant direkt am Münsterplatz.
„Hier ist es aber nicht ganz billig“, meinte Elke beim Durchlesen der Speisekarte, „das hätte nun wirklich nicht sein müssen.“
„Doch, das musste es“, erwiderte Werner, „schließlich kann ich meinen Sonnenschein nun längere Zeit nicht mehr zum Essen einladen. Außerdem haben wir uns das verdient. So schwer, wie wir zwei geschuftet haben.“
„Wenn du meinst“, sagte Elke und lächelte ihren Vater an.
Die Bedienung kam an ihren Tisch, um nach der Bestellung zu fragen. Die beiden bestellten erst einmal etwas zu Trinken, da sie sich für ein Gericht noch nicht entschieden hatten. Beim Lesen der Speisekarte merkte Elke doch, welchen großen Hunger sie inzwischen hatte. Auch ihr Vater hatte mächtig Kohldampf und so entschieden sie sich für eine Vorspeise und ein Hauptgericht. Die Bestellung gaben sie auf, als ihre Kellnerin die Getränke brachte. Eventuell wollten sie auch noch einen Nachtisch nehmen. Doch diese Option ließen sie erst einmal offen.
Dankend nahm die Frau die Bestellung der beiden entgegen und entfernte sich wieder vom Tisch. Elke nahm einen großen Schluck Cola aus ihrem Glas.
„Zumindest bin ich erst einmal froh, dass alles in der Wohnung ist. Mir graut es aber davor, dass ich das ganze Chaos noch beseitigen muss.“
„Da musst du leider alleine durch“, warf Werner ein.
„Ist mir aber auch ganz recht so. Ich weiß am besten, wo ich was untergebracht haben will.“
„Dann kannst du ja ganz froh sein, dass deine Mutter arbeiten musste. Sie hätte dir wieder Ratschläge gegeben und dir in alles reingeredet. Sie ist ein sehr lieber und gütiger Mensch. Manchmal kann sie aber auch nerven.“
Vater und Tochter mussten lachen. Zum Glück hatte Silke keine Ahnung, wie ihr Mann gerade über sie redete.
Elke blickte sich in dem Restaurant um. Es waren nicht allzu viele Gäste da. Nur drei Tische waren belegt und so hoffte sie, dass das Essen schnell gebracht werden würde. Sie sah gerade zur Eingangstür, als diese geöffnet wurde und zwei Männer den Raum betraten. Der Kerl, der zuerst herein kam, hatte längeres, schwarzes Haar und ein markantes Gesicht mit Drei-Tage-Bart. Von der Statur her eher schlank und muskulös. Ihr gefiel dieser Typ von Mann außerordentlich. Besonders dann, wenn er noch ein paar Jahre älter war als sie selbst. Irgendwie verglich sie alle Männer immer mit ihrem Vater, den sie sehr liebte.
Ihre Blicke kreuzten sich kurz und er lächelte ihr zu. Sie lächelte zurück. Das blieb ihrem Vater auch nicht verborgen und er drehte sich um, um zu sehen, wen seine Tochter so interessant fand. Der Mann wandte sich gerade seinem Begleiter zu und so konnte Werner ihn nur noch kurz mustern, erkannte jedoch sofort, dass der Schwarzhaarige nur unwesentlich jünger war als er selbst. Ihm war klar, dass dem Mann seine Tochter gefiel. Sie war sehr attraktiv und er selbst würde bei so einem jungen Ding auch nicht Nein sagen. Er liebte Silke, doch … Schnell wischte er die Gedanken zur Seite. Es war schließlich seine Tochter, die der Mann angeflirtet hatte.
„Du wirst bestimmt schnell Anschluss finden“, sagte er zu Elke, als er sich wieder ihr zuwandte, „daran habe ich keine Zweifel.“
Ein verschmitztes Grinsen zog sich über sein Gesicht. Er hatte kein Problem damit, dass seine Tochter mit Männern flirtete, selbst wenn sie älter waren. Elke wollte sich gerade rechtfertigen, da kam die Bedienung mit zwei Tellern an ihren Tisch.
„Hier ist erst einmal die Suppe. Ich wünsche Ihnen guten Appetit.“
Die beiden bedankten sich und begannen zu essen.
Währenddessen redeten die beiden darüber, wie Elke ihre Wohnung einrichten wollte und auch, dass sie sich noch ein paar Möbel kaufen müsste.
„Das werde ich aber in Ruhe machen. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut.“
Der Hauptgang folgte. Das Essen schmeckte vorzüglich, wie beide feststellten. Aus den Augenwinkeln heraus sah Elke, dass die beiden Männer das Lokal wieder verließen. Sie hatten nur auf die Schnelle etwas getrunken. Beachtet wurde sie von dem Schwarzhaarigen, der sie beim Hereinkommen angelächelt hatte, nicht mehr. Das fand Elke schade, konnte sich aber auch nicht erklären, wieso sie so empfand.
Nachdem sie mit dem Hauptgang fertig waren, beschlossen sie keinen Nachttisch mehr zu nehmen. Sie waren satt. Stattdessen bestellte Werner noch zwei Espressos.
Etwas später verlangte er die Rechnung, die die Bedienung gleich darauf brachte. Werner beglich sie und Elke trank in der Zwischenzeit ihr Glas leer.
Dann verließen sie das Lokal und schlenderten zum Lastwagen zurück, den Werner in einer etwas entfernten Seitenstraße abgestellt hatte. Es war Ende März und für diese Jahreszeit recht mild.
Fünfzehn Minuten später kamen sie wieder vor dem Haus in Betzenhausen an. Elke bewunderte, dass ihr Vater ohne große Probleme den Weg gefunden hatte. Er hatte einen außerordentlich guten Orientierungssinn. Davon hatte sie nur einen Teil geerbt.
„Soll ich wirklich nicht noch mit reinkommen?“, fragte Werner.
„Nein, wirklich nicht. Es ist schon spät und du hast noch eine längere Fahrt vor dir“, antwortete Elke.
Sie beugte sich zu ihrem Vater rüber und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ich hab’ dich lieb.“
Er nahm ihre linke Hand und sagte:
„Das habe ich auch, mein Sonnenschein. Melde dich regelmäßig bei uns, damit wir wissen, dass es dir gut geht.“
„Das werde ich.“
Elke stieg aus und ging um das Fahrzeug herum. Ihr Vater hatte zwischenzeitlich die Fensterscheibe herunter gekurbelt und sich nach draußen gelehnt. Seine Tochter trat noch einmal an die Fahrertür.
„Fahr vorsichtig und komm’ gut nach Hause“
„Das werde ich. Nicht vergessen, melde dich.“
Er startete den Wagen und fuhr davon. Elke winkte ihm hinterher. Als er um die nächste Ecke bog, ging sie zum Haus schloss die Tür auf und betrat das Innere.
In der Wohnung angekommen, machte sie im Flur Licht und wurde von einem Chaos aus Kartons und zerlegten Möbeln begrüßt. Sie schloss hinter sich ab und holte tief Luft.
„Willkommen in deinem neuen Leben“, flüsterte sie in die Stille.
Elke war allein.
4
Die Nacht war kurz gewesen. Elke wurde durch das Läuten an der Wohnungstür geweckt. Sie hatte schlecht geschlafen und war immer wieder wach gelegen. Mühselig erhob sie sich von der Matratze auf dem Boden. Barfuß und schlurfend gelangte sie zur Tür und lugte durch den Spion. Davor stand ein ihr unbekannter Mann. Im Hintergrund war aber zu erkennen, dass die Wohnungstür gegenüber offenstand. Das musste dann wohl ihr Nachbar sein. Schnell zottelte Elke ihren grauen Jogginganzug etwas glatt, schüttelte ihre Haare auf und öffnete die Tür.
„Guten Morgen. Oh, offensichtlich habe ich Sie geweckt.“
Der Mann hatte sie kurz von oben bis unten gemustert und nun schien es ihm plötzlich peinlich zu sein, geläutet zu haben.
„Ist schon in Ordnung. War nur eine kurze ungemütliche Nacht.“
Elke konnte gerade noch ein Gähnen unterdrücken, um den Mann nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen.
„Ich bin Frank Buchleitner. Meine Frau hat mir erzählt, dass Sie jemanden brauchen der Ihnen hilft, Ihren Schrank aufzubauen. Wenn es in Ordnung geht kann ich Ihnen heute nach der Arbeit helfen. Ich wäre so um 18 Uhr da. Wenn Sie zu Hause sind?“
„Das geht meinerseits in Ordnung. Ich habe so vieles aufzuräumen. Später muss ich nur ein paar Lebensmittel einkaufen gehen. Aber das mit heute Abend geht klar.“
Ihr Nachbar entschuldigte sich nochmals für die frühe Störung, meinte aber, dass er gerade auf dem Weg zur Arbeit sei und somit keine andere Gelegenheit hatte seine Hilfe anzubieten.
„Dann bis heute Abend“, verabschiedete er sich höflich und ging zurück in die Wohnung gegenüber.
„Danke. Bis dann, tschüss.“
Elke schloss die Tür und trottete ins Bad. Draußen dämmerte es. Das konnte sie durch das Küchenfenster sehen. Sie hatte am Vorabend gar nicht mehr daran gedacht den Rollladen runter zu lassen. Nachdem sie aus dem Bad zurück war, ging sie zurück ins Wohnzimmer. Irgendwo neben der Matratze lag ihre Armbanduhr, die sie nach etwas Suchen auch fand. Es war gerade mal kurz nach sieben. Gerne hätte sie noch etwas geschlafen, da sie nun aber munter war, beschloss Elke sich frisch zu machen und damit zu beginnen, Ordnung zu schaffen. Sie öffnete die Rollläden im Wohnzimmer. Das erste Licht des Tages drang ins Innere und offenbarte ein heilloses Chaos aus zerlegten Möbeln und Kartons.
Das wird eine Menge Arbeit werden, dachte Elke bei diesem Anblick, was habe ich mir nur angetan.
Den Gedanken wischte sie aber schnell zur Seite, war die Spannung auf den neuen Job und den damit verbundenen Aufgaben doch größer.
Aus einem Karton kramte sie ein paar Sachen fürs Bad. Eine Bürste, Waschlotion, Creme. In einem anderen Karton fand sie ihre Handtücher. Damit bewappnet ging es ins Bad.
Später waren die Kartons mit den ganzen Küchenutensilien schnell ausfindig gemacht und in die Küche gebracht. Elke begutachtete kurz die Schränke und beschloss, wo sie was unterbringen wollte. Ihre Lust auf einen Kaffee stieg. Allerdings hatte sie nicht einmal Kaffeepulver im Haus. Statt eines heißen Getränkes, begnügte sie sich deshalb mit einem halben Glas Leitungswasser.
Elke war damit beschäftigt die Schränke und Schubladen einzuräumen, als sie die Haustür ins Schloss fallen hörte. Sie wandte sich schnell dem Küchenfenster zu und sah hinaus. Ihre Nachbarin hatte gerade das Haus verlassen. Elke klopfte mit der geschlossenen Hand hastig gegen das Fenster. Frau Buchleitner hörte das Klopfen, blieb stehen und drehte sich um. Elke öffnete das Küchenfenster und lehnte sich hinaus.
„Entschuldigung! Guten Morgen. Ich müsste nachher ein paar Lebensmittel einkaufen. Allerdings kenne ich mich hier in der Ecke von Freiburg überhaupt noch nicht aus und bevor ich lange suche ...“
Ihre Nachbarin winkte beschwichtigend ab.
„Guten Morgen. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Zudem ist es gar nicht weit bis zum nächsten Supermarkt. Sie gehen nur die Straße hier runter bis zur nächsten Ecke, dann rechts und immer gerade aus. Dort ist der nächste Markt. Gerade einmal einen halben Kilometer entfernt.“
Sie zeigte mit dem linken Arm in die Richtung, die sie meinte.
„Ich muss zur Arbeit und bin schon etwas spät dran. Einen schönen Tag, Ihnen.“
„Danke für die Auskunft. Ebenfalls einen schönen Tag.“
Elke wollte gerade das Fenster schließen, als ihre Nachbarin sich nochmals umdrehte und fragte:
„Hat mein Mann Sie heute Morgen angesprochen? Wegen dem Schrankaufbau, meine ich.“
„Das hat er. Ich bin sehr dankbar. Alleine schaffe ich das nicht.“
„Habe ich gar nicht mitbekommen. War wohl gerade unter der Dusche. Tschüss.“
„Tschüss.“
Ihre Nachbarin eilte davon. Elke schloss das Fenster wieder. An diesem Morgen war es doch recht kühl. Da sie vergessen hatte zu fragen, wann der Supermarkt öffnete, beschloss sie erst gegen 10 Uhr zu gehen, obwohl ihre Gelüste auf einen Kaffee immer mehr stiegen.
Die restlichen Dinge für die Küche waren bald eingeräumt und so machte Elke sich daran, im Wohnzimmer die Ecke für das Bett frei zu räumen. Bei einem Blick auf ihre Uhr zwischendurch bemerkte Elke, dass es bereits halb zehn war. Da sie bald los wollte, begann die Suche nach ein paar ordentlichen Jeans und einem Pullover. Die Jacke, die sie am Vortag getragen hatte, lag immer noch auf einem Karton im Flur. Elke kramte noch nach einer Einkaufstasche und steckte ihren Geldbeutel und den Schlüssel ein.
Ein kalter Windhauch streifte ihr Gesicht. Die Sonne wärmte die Luft nur wenig. Elke schlug ihren Jackenkragen nach oben. Das brachte noch ein wenig, doch nicht allzu viel. Den Supermarkt fand sie ohne Probleme und er lag nun wirklich nicht weit von ihrer Wohnung entfernt. Das kam ihr gelegen. So müsste sie nachher ihren Einkauf nicht so weit schleppen. Elke beschloss auch nur das Notwendigste für heute einzukaufen und morgen lieber noch einmal hierher zu kommen. Die Tür öffnete automatisch und sie betrat das Innere. Um diese Zeit war es in dem Geschäft relativ ruhig. Elke nahm sich einen der bereitstehenden Einkaufswagen und schritt langsam an den Regalen entlang. Dummerweise hatte sie keine Einkaufsliste geschrieben und hoffte, an alles zu denken, das sie brauchte. Sie kam zum Regal mit dem Kaffee. Schnell hatte sie ihre Marke gefunden und legte eine Packung davon in ihr Gefährt. Milch, die ganz in der Nähe stand, gesellte sich dazu. Elke ging langsam weiter und ihr Einkaufswagen füllte sich nach und nach mit nützlichen Dingen.
Dann trottete sie zur Kasse. Direkt vor ihr waren zwei Frauen in ein Gespräch vertieft. Unfreiwillig hörte Elke der Unterhaltung zu.
„Hast du schon gehört? Heute Nacht gab es in der Stadt schon wieder einen Diebstahl. Beim Juwelier Goßling haben sie Schmuck geklaut. Er soll mehrere Tausend Euro wert sein.“
„Nein, schon wieder?“, entgegnete die korpulente Frau mit den unpassenden Leggings empört.
„Ja, und wieder gibt es keinerlei Einbruchspuren! So wie die letzten Male auch.“
„Monatelang war Ruhe. Jetzt auf einmal geht es wieder los. Das ist ja eine richtige Einbruchserie.“
Interessiert hörte Elke nun den beiden Frauen zu.
„Das kannst du laut sagen! Zum Glück habe ich kein Geschäft und kann bestohlen werden.“
Die Schwarzhaarige drehte sich zu Elke um.
„Haben Sie auch davon gehört?“
Etwas überrascht, dass sie direkt angesprochen wurde, konnte Elke gar nicht antworten. Sie holte kurz Luft.
„Nein, ich …“
„Wie, Nein?“, wunderte sich die Korpulente, „jeder in der Stadt hat schon davon gehört.“
„Das mag sein. Ich bin aber erst gestern hierher gezogen.“
„Ach so“, meinte die Schwarzhaarige, „dann willkommen in Freiburg.“
„Danke.“
An der Kasse ging es voran. Die korpulente Frau war mit ihrem Einkauf dran. Nachdem sie bezahlt hatte, verabschiedete sie sich.
„Bis heute Abend, Gabi. Ihnen auch noch einen schönen Tag. Tschüss.“
Sie wandte sich ab und watschelte mit ihrem Einkauf davon.
„Tschau, Sonja.“
Die Schwarzhaarige war in Plauderlaune. Ohne dass sie es wollte, wurde Elke von ihr in ein Gespräch verwickelt. Ohne Punkt und Komma erzählte die Frau von den Einbrüchen, während sie ihren Einkauf einpackte und bezahlte. Sie erzählte auch noch weiter als Elke an der Reihe war. Die Frau half ihr sogar beim Einpacken der Lebensmittel.
Mit je einer gut gefüllten Tüte in der linken und rechten Hand ging Elke Richtung Ausgang. Die andere Frau an ihrer Seite.
Draußen angekommen meinte diese dann:
„Jetzt habe ich die ganze Zeit auf Sie eingequasselt. Entschuldigung. Das mit den Einbrüchen geht mir aber doch sehr nahe.“
„Ist ja auch nicht ohne“, erwiderte Elke.
Wolken bedeckten die Sonne und der Wind war frischer geworden.
„Hoffentlich fängt es nicht noch an zu regnen. Das würde mir gerade noch fehlen. Ich bin zu Fuß hier und habe keinen Schirm dabei.“
Die Schwarzhaarige beruhigte sie:
„So schnell kommt kein Regen. Das können Sie mir glauben. Haben Sie es weit?“
„Nein. Ich wohne in der nächsten Querstraße.“
„Dann sieht man sich bestimmt einmal wieder. Ich muss hier entlang“, meinte die Frau und nickte mit dem Kopf nach rechts.
„Hat mich gefreut Ihre Bekanntschaft zu machen. Tschüss.“
Elke sah der Frau noch kurz nach und ging dann die Straße entlang nach Hause. Die Tüten waren schwerer als gedacht und sie war froh, dass der Weg nach Hause nicht so weit war. Auf dem Weg dorthin gingen ihr die Diebstähle nochmals durch den Kopf. Sie hatten wohl etwas Mysteriöses an sich, wie Elke aus der Erzählung der schwarzhaarigen Frau heraus gehört hatte.
5
Die Lebensmittel waren alle verstaut. Endlich konnte sich Elke den heiß ersehnten Kaffee machen. Ihre Maschine war schnell einsatzbereit und bald darauf wurde die Küche mit dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllt.
Jeden einzelnen Schluck genoss sie, da ihr bewusst war, wie viel Arbeit noch wartete. Als die Tasse leer getrunken war, trottete sie ins Wohnzimmer und wurde von einem heillosen Chaos in Empfang genommen. Geistig legte sich Elke einen Plan zurecht, wie sie vorgehen wollte, wohl wissend, dass sie ihn eh nicht einhalten würde.
Als erstes wurde die Ecke für das Bett von ihr fertig frei geräumt. Das Möbelstück konnte sie alleine aufbauen. Um es dann gleich perfekt zu machen wurde es von ihr noch mit frischer Bettwäsche bezogen. Die Schmutzwäsche kam in die Küche. Glücklicherweise war dort eine Waschmaschine eingebaut. Darauf hatte sie schon während der Besichtigung geachtet und das war ein weiterer Pluspunkt für die Wohnung gewesen. Jetzt stellte sie allerdings fest, dass sie vergessen hatte, Waschmittel zu kaufen. Also gab es nun zwei Möglichkeiten. Entweder nochmals zum Supermarkt zu gehen oder die Wäsche musste warten.
Da es bereits Mittagszeit war, beschloss Elke doch noch einmal den Weg zum Supermarkt auf sich zu nehmen. Außerdem hatte sie keine Lust zu kochen und wollte sehen, ob es in der Nähe auch einen Imbiss oder Ähnliches gab. So wechselte sie ihre Kleidung. Ihre Jeans lagen noch bereit und dazu zog sie sich einen warmen, gestrickten Pullover mit Zopfmuster über. Sie schlüpfte in ihre Stiefel vom Vormittag und griff im Flur die Jacke von dem Stuhl, der eigentlich noch in die Küche gehörte.
Als sie zur Haustür hinaus schritt wurde Elke von Sonnenstrahlen empfangen. Allerdings war die Temperatur nicht merklich angestiegen. Schnell ging sie die Straße entlang, um nicht unnötig Zeit zu vergeuden. Es gab noch so viel zu tun. Neben dem Supermarkt gab es einen kleinen Metzger. Diesen hatte sie am Vormittag nicht weiter beachtet. Nun sah sie aber, dass dieser auch Tagesessen anbot. Elke hoffte, dass es dafür nicht schon zu spät war und es noch etwas gab. Das war der Fall, und so konnte sie günstig und gut essen.
Während sie das Hühnerfrikassee mit Reis und Gemüse genoss, überlegte sie nochmals genau, was im Haushalt noch fehlte. Ein paar Dinge fielen ihr ein. Kaum hatte sie den letzten Bissen hinunter geschluckt, bedankte sie sich bei der Verkäuferin hinterm Tresen und ging hinüber zum Supermarkt. Es war etwas mehr los als am Morgen. Trotzdem war der Einkauf schneller erledigt, da Elke genau wusste was sie noch brauchte. Es waren wieder zwei volle Tüten, mit denen sie das Geschäft verließ.
