Das Vermächtnis - Klaus Pfrommer - E-Book

Das Vermächtnis E-Book

Klaus Pfrommer

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Beschreibung

Von ihrer Großmutter bekommt Annette als Kind ein Medaillon geschenkt und ahnt nicht, welche Auswirkungen dieses Vermächtnis auf ihr späteres Leben haben wird. Ohne zu wissen warum, steckt sie plötzlich in einem Alptraum aus Gut und Böse, in dem die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Übernatürlichem zu verschwimmen scheinen. Unerwartete Unterstützung erhält sie jedoch von David, einem mysteriösen Mann, und dessen Freundin. Gemeinsam nehmen sie den Kampf gegen einen mächtigen und furchteinflößenden Gegner auf. Mit dem Vermächtnis beginnt die Ära der Lichtwächter, welche als Schützer des Guten jenen Menschen helfen, die in die Fänge des Bösen geraten.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Klaus Pfrommer

ÄRA DER LICHTWÄCHTER

Das Vermächtnis

Klaus Pfrommer

ÄRA DER LICHTWÄCHTER

Das Vermächtnis

swb media entertainment

Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

2. Auflage 2023

ISBN 978-3-964380-68-5

© 2023 Südwestbuch Verlag

SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw

Lektorat: Carolin Ehrfeld, Nürtingen

Titelgestaltung: swb media publishing

Titelfoto: © swb media publishing

Satz: swb media publishing

Druck und Bindung: Custom Printing PL

Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.

www.suedwestbuch.de

INHALT

PROLOG

VISIONEN

VERFOLGUNG

VERBÜNDETE

VORAHNUNG

PROLOG

Das kleine Mädchen spielte vergnügt mit ihrer Lieblingspuppe Donata auf der großen Wiese vor dem Haus der Großeltern. Die Mutter des Kindes musste nach dem Tod ihres Mannes wieder arbeiten, um das Haus, das sie am anderen Ende der Stadt besaßen, halten zu können. Leicht war es nicht. Mit dem Geld, das die Frau verdiente, kamen sie gerade so über die Runden. Deshalb ging das Mädchen auch nicht in einen Kindergarten. Das hätte ihre finanziellen Möglichkeiten weit überschritten. Sie konnten es sich einfach nicht leisten. Helen machte das traurig, denn ihre Tochter Annette lernte dadurch keine anderen Kinder kennen und hatte somit keine Freundinnen. Anfangs hätte sie losheulen können, wenn sie sah, dass das Kind immer alleine spielte. Sie hoffte allerdings, dass ihre Tochter das in der Schule nachholen würde. Aufgeweckt war Annette auf alle Fälle. Sie hatte außerdem eine ausgeprägte Fantasie. Helen hatte sich schon überlegt, ob sie sonntags nicht mit ihrem Kind in den Park gehen sollte. Am Wochenende waren viele Familien draußen und es hätte sein können, dass Annette dann andere Kinder kennen gelernt hätte. Da sie aber unter der Woche so hart arbeiten musste, war sie froh, wenn sie am Sonntag gemütlich zu Hause sitzen und sich von den Strapazen der Woche erholen konnte.

Helens Mann war bei einem merkwürdigen Unfall ums Leben gekommen. Adam war gerade damit beschäftigt das Dach des Hauses, vor dem das Kind nun gerade spielte, zu reparieren, als plötzlich aus heiterem Himmel ein Platzregen einsetzte. Die Ziegel des Gebäudes waren in Sekundenschnelle glitschig. Er rutschte aus, verlor das Gleichgewicht und stürzte fast zwanzig Meter in die Tiefe. Als wäre es gestern gewesen, erinnerte sich Helen daran wie ihr Kind ins Wohnzimmer gelaufen kam und sagte, Vater sei gerade vom Dach gefallen und wäre jetzt bestimmt tot. Während es das sagte, verzog das Mädchen keine Miene. Helen war entsetzt. Ihr Schwiegervater ebenfalls. Sie erinnerte sich, dass ihre Schwiegermutter in diesem Augenblick einen sehr seltsamen Gesichtsausdruck hatte. Die Frau rannte zu ihrem Sohn nach draußen. Die anderen folgten.

Adam lag in einer Blutlache, mit dem Gesicht zum Boden. Seine Mutter kniete sich zu ihm, legte seinen Kopf in ihren Schoß und begann zu wimmern. Ihr Kleid wurde dabei von Blut durchtränkt. Ihr Mann und Helen waren inzwischen an der Unfallstelle angekommen und versuchten, Natasia zu beruhigen, jedoch ohne Erfolg. So mussten sie warten bis der Arzt kam, den sie in der Zwischenzeit gerufen hatten.

Als dieser nach beinahe endlosen dreißig Minuten schließlich eintraf, musste er der Frau erst eine Beruhigungsspritze geben, um sie wieder ins Haus bringen zu können. Das kleine Mädchen stand während der ganzen Ereignisse gelangweilt an der Hauswand.

Wie der Arzt später feststellte, musste der Tod bei Adam sofort eingetreten sein. Das Genick war durch den Sturz gebrochen worden.

Für das Mädchen war es kein allzu großer Verlust. Sie mochte ihren Vater nicht besonders. Er hatte etwas Ängstigendes an sich. Zudem hatte er seiner Tochter öfters auch eine Tracht Prügel verpasst, obwohl Helen ihn jedes Mal bat, es nicht zu tun. Es waren stets nur Kleinigkeiten, die den Mann zur Weißglut brachten und dadurch kam es immer wieder zu Spannungen zwischen den beiden. Bis sie sich eines Tages nur noch stritten. So war es schließlich kein Wunder, dass der Tod von Adam auch Helen nicht sehr nahe ging.

Gegenüber einer Freundin erwähnte die Frau, dass am Tod ihres Mannes seine Mutter schuld gewesen sei. Er habe ganz unter ihrem Einfluss gestanden – dieser alten Hexe.

Joan, Helens beste Freundin, hatte ihr oft geraten sich scheiden zu lassen. Doch das wollte sie ihrer Tochter zuliebe nicht, im Glauben, dass das Kind ihren Vater trotz der vielen Schläge liebte. Sie wusste bis zum Tod von Adam nicht, dass sie sich im Irrtum befand.

Im Laufe des Gespräches mit ihrer Freundin erwähnte Helen noch andere schlimme Dinge über ihren Mann und Natasia, die im Gedächtnis ihrer Tochter haften blieben, die das Gespräch zufällig mitgehört hatte. Über die Worte ihrer Mutter war Annette schockiert. Sie sollten ihr Jahre später wieder ins Gedächtnis zurück gerufen werden.

Das war vor sechs Monaten gewesen. Genauso wie das Kind ihren Vater nicht leiden konnte, mochte sie auch ihre Oma nicht. Ihren Opa Egmont aber umso mehr. Er bedeutete ihr fast so viel wie ihre Mutter. Bei ihm fühlte sie sich geborgen. Egmont liebte seine kleine Enkelin auch sehr. Er nahm sie oft mit zu Spaziergängen und kürzeren Tagesausflügen. Annette freute sich jedes Mal, wenn er ihr sagte, dass er mit ihr etwas unternehmen wolle. Natasia passte das gar nicht und ließ es die beiden auch spüren. Vor ihrer Großmutter hatte sie inzwischen richtiggehend Angst. Der Anlass war nicht etwa, dass Natasia etwas dagegen hatte, dass sich Egmont zuviel um Annette kümmerte, sondern ein Ereignis, das sich Tage später nach dem Tod Adams zutrug.

Ungefähr eine Woche nach dem Tod ihres Vaters rief Annettes Großmutter nach ihr.

„Mein Mädchen, komme her zu mir.“

Ängstlich ging das Mädchen zu ihrer Großmutter, die wie üblich in ihrem Lieblingssessel im Wohnzimmer saß und vor sich hin grübelte. Sie trug ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid.

„Ich möchte dir etwas schenken. Eine Goldkette von mir. Ich möchte, dass du sie immer trägst – bis an dein Lebensende.“

Mit ihren zittrigen Händen legte sie ihrer Enkelin die Kette um. Ein goldener Anhänger hing daran. Dieser enthielt das Bildnis eines Paradiesvogels sowie die Inschrift `NATAS`. Da ihre Großmutter Natasia hieß, nahm Annette an, dass der Anhänger einst für sie gefertigt worden war und dabei die letzten Buchstaben vergessen wurden.

„Na, gefällt dir die Kette?“, fragte sie das kleine Mädchen.

„Hm, sie gefällt mir“, antwortete Annette ihrer Großmutter zaghaft.

Sie gefiel ihr wirklich. Der Anhänger schien aus echtem Gold zu sein. So etwas Schönes hatte das Kind noch nie von Natasia bekommen. Trotzdem überkam das Mädchen ein komisches Gefühl als sie die Kette umgelegt bekam.

„Vergiss nicht, nimm sie niemals ab“, ermahnte die alte Frau ihre Enkelin mit erhobenem Zeigefinger.

Die Augen der Großmutter funkelten sie böse an. Sie wies mit ihrem rechten Zeigefinger, der krumm und knochig erschien, auf die Goldkette. Erschrocken wich das Mädchen zurück und rannte aus dem Zimmer.

Natasia schrie hinter ihr her: „Du wirst die Kette niemals abnehmen! Hast du mich verstanden?“

Weinend rannte das Mädchen den Flur entlang, bog um die Ecke und lief auf die Haustür zu. Dort stieß sie mit ihrem Opa zusammen. Egmont nahm seine Enkelin in die Arme, drückte sie an sich und tröstete sie mit seiner tiefen, harmonisch klingenden Stimme.

Annette verstand ihre Großmutter nicht. Sie konnte so lieb sein und im nächsten Augenblick fürchterlich böse werden. Egmont kannte seine Frau dafür umso besser. Langsam konnte es gefährlich werden Annette noch länger mit ihrer Großmutter zusammen kommen zu lassen.

Am selben Abend zeigte Annette ihrer Mutter das Geschenk, die sich darüber natürlich wunderte, und das ihrer Tochter auch sagte. Das Mädchen hielt ab diesem Tag Abstand zu ihrer Großmutter. Trotz der schlechten Erfahrung, die sie mit Natasia gemacht hatte, wurde die Kette aber ihr liebstes Schmuckstück.

Ein paar Tage später hatte Annette die Kette einmal nicht umgelegt. Als ihre Oma dies bemerkte, schimpfte sie ganz fürchterlich und verpasste dem Kind eine Tracht Prügel. Für ihr Alter, siebzig Jahre, war sie immer noch sehr stark und kräftig. Glücklicherweise kam Annettes Opa hinzu, der die Kleine sofort beschützte und Natasia zurechtwies. Sie habe kein Recht das Kind zu schlagen, sie nach ihrem Willen zu formen und auf ihre Seite ziehen zu wollen. Noch andere Dinge warf er seiner Frau vor, die Annette allerdings nicht verstand.

Die alte Frau verfluchte daraufhin ihren Mann und stürmte wutentbrannt aus dem Zimmer. Egmont hatte alle Mühe Annette zu beruhigen. Es gelang ihm erst, als er seine beste Grimassenshow für sie abzog.

Von nun an trug das Mädchen die Kette immer, obwohl ihre Mutter anfangs dagegen war. Die Angst vor Natasia war größer.

Ein grauer VW-Kombi fuhr den Schotterweg entlang auf das Haus zu und hielt in der Nähe des Eingangs. Dem Wagen entstieg eine etwa 30-jährige, dunkelhaarige Frau. Sie hatte das Kind schon von der Straße aus auf dem Rasen spielen sehen. Annette war allerdings so in das Spiel mit ihrer Puppe vertieft, dass sie das gar nicht mit bekam. Sie merkte es erst als die Stimme ihrer Mutter erklang: „Annette, deine Mutter ist gekommen. Willst du sie nicht begrüßen?“

Das Mädchen schaute sich um und rannte mit der Puppe im Arm auf ihre Mutter zu, die ihr ebenfalls entgegen lief. Mit einem „Hallo Mami“ fiel sie ihr in die Arme. Dabei landete Donata auf dem Boden.

„Hallo mein Kind. Na, wie war es heute?”, wollte Helen von ihrer Tochter wissen.

„Wie immer“, entgegnete Annette.

„Klingt ja nicht gerade begeistert. Steig schon mal ins Auto. Ich sage nur Natasia Bescheid, dass ich dich mit Heim nehme.“

Helen nannte sie immer bei ihrem Namen. Auch ihrer Tochter gegenüber. Von ihr wurde sie nie Oma genannt. Ganz zu schweigen von Mutter. Das Mädchen hob ihre Puppe auf und stieg ins Auto ein. Annettes Mutter ging währenddessen ins Haus und war seltsamerweise schon nach zwei Minuten wieder zurück. Sie setzte sich zu ihrer Tochter ins Auto. Sofort startete sie den Wagen, wendete in drei Zügen und fuhr den Kiesweg zurück.

„Das ging heute aber schnell. Sonst hält sie dir doch immer noch eine Predigt über alles, was ich angestellt habe.“

Annette wunderte sich. Es dauerte jeden Tag gute zehn Minuten bis ihre Mutter zurückkam. Natasia hielt Helen täglich einen Vortrag darüber, was das Kind tagsüber gemacht hatte.

„Nun“, fing ihre Mutter an, „weißt du, heute wurde es mir zuviel und ich habe ihr das Maul gestopft.“

Annettes Augen weiteten sich.

„Quatsch. Ich habe zuerst deinen Opa gesehen und ihm gesagt, dass ich von der Arbeit zurück bin und dich mitnehme.“

Der Wagen war inzwischen an der Ausfahrt zur Hauptstraße angelangt. Helen sah sich um und bog auf die Straße ein.

Die alte Frau beobachtete das ganze argwöhnisch vom ersten Stock aus.

Draußen plätscherte der Regen vor sich hin. Im Haus war ein Klirren zu hören.

„Was hast du jetzt wieder angestellt?“, stieß Annettes Großmutter hervor. „Na warte, diesmal setzt es eine gehörige Tracht Prügel.“

Da sich Annette langweilte, hatte sie mit einem Ball im Wohnzimmer gespielt, wobei eine Vase zu Bruch ging. Kein wertvolles Stück. Doch Natasia hatte das Klirren der Scherben vernommen und kam schon nach wenigen Augenblicken ins Wohnzimmer gestürmt. Annette meinte heulend, dass es doch nichts Wertvolles gewesen sei, doch Natasia machte aus jeder Kleinigkeit ein Drama. Bevor sich Annette noch weiter verteidigen konnte, bekam sie von ihrer Großmutter eine Ohrfeige. Sie wollte ihrer Enkelin gerade eine weitere geben, als Annette an ihr vorbei aus dem Raum rannte. Das Mädchen lief den Flur entlang und versteckte sich unter der Treppe. Durch Zufall hatte sie das Versteck einmal gefunden. Sie glaubte nicht, dass Natasia sie dort entdecken würde. Doch sie irrte sich. Die alte Frau kam direkt auf das Versteck zu. Gerade wollte sich die Alte Annette schnappen, als plötzlich neben dem Mädchen eine lichtdurchflutete Gestalt erschien. Beide erschraken und verharrten für einen kurzen Moment.

„Lauf, Annette! Flieh aus dem Haus und komme nie mehr wieder hierher!“

Eine fremde, flüsternde Stimme sprach fast flehend auf das Mädchen ein. Dieses konnte sich vor Entsetzen gar nicht rühren.

Natasia griff gerade nach dem Arm von ihrer Enkelin, als die Lichtgestalt dem Mädchen einen Stoß in die Seite gab und sie so außer Reichweite der Großmutter brachte. Annette fiel unter der Treppe hervor und erwachte aus ihrer kurzen Lethargie.

„Renne weg!“, schrie die Stimme.

Annette sprang auf und rannte den Flur entlang auf die Haustür zu, die im selben Moment als sie dort ankam, aufging. Ihr Großvater stand unter dem Rahmen, er kam gerade vom Einkaufen zurück. Da es regnete, hatte er Annette nicht mitgenommen.

Egmont sah seine Enkelin auf sich zu stürmen. Sie schrie, ihre Worte konnte er allerdings nicht verstehen. Er sah jedoch das Entsetzen im Gesicht des Kindes und wich abrupt einen Schritt zur Seite. Annette rannte am ihm vorbei in den Regen. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass er seine geliebte Enkelin sah.

„Komm sofort zurück, du kleines Miststück“, erschallte eine schrille Stimme.

Egmont erkannte seine Frau erst auf den zweiten Blick. Ihr Gesicht war zu einer dämonischen Fratze verzerrt. Es war also so weit. Er musste verhindern, dass Natasia ihre Enkelin in die Finger bekam. Er drehte sich um, machte einen großen Schritt nach draußen und zog gleichzeitig die Tür zu.

In diesem Augenblick hielt ein Auto in der Einfahrt. Es war Helen, die ihre Tochter abholen wollte. Das Mädchen entdeckte ihre Mutter und rannte sofort auf das Auto zu. Sie riss die Beifahrertür auf und sprang in das Wageninnere.

„Fahr los!“, schrie das kleine Mädchen.

Helen wusste gar nicht wie ihr geschah. Als sie aber in das Gesicht ihrer Tochter blickte, erschrak sie zutiefst.

„Was ist denn passiert?“, wollte Helen wissen.

Annette konnte ihr keine Antwort darauf geben. Das gerade Erlebte war für das kleine Mädchen zu viel gewesen.

„Helen, bring’ deine Tochter von hier weg und komme nie mehr mit ihr hierher zurück!“

Das waren die Worte von Egmont, die sie da vernahm. Ohne dass sie begriff, was eigentlich geschehen war, gab sie Gas und raste den Schotterweg hinunter zur Straße. Ohne auf den Verkehr zu achten, bog sie um die Ecke. Sie hatte Glück, dass in dem Moment kein anderes Auto kam. Ein letzter Blick von ihr fiel in den Rückspiegel. Sie erkannte gerade noch, wie Natasia zur Tür heraus kam. Egmont stellte sich ihr in den Weg.

Während des Abendessens berichtete Annette ihrer Mutter alles. Diese war entsetzt, obwohl sie auch nicht alles glaubte, was ihre Tochter ihr da erzählte. Die Lichtgestalt hatte Annette bestimmt erfunden, um davon abzulenken, dass sie die Vase kaputt gemacht hatte, dachte sich Helen. Schläge gehörten für sie jedoch nicht zur Erziehung und daher beschloss sie, ihr Kind nicht mehr in die Obhut der Großmutter zu geben. Deshalb, und auch weil Egmonts Worte und sein Verhalten ihr wieder ins Gedächtnis zurück kamen.

So überlegten die beiden, was sie nun machen sollten. Helen kam ein Gedanke.

„Kindchen, was meinst du dazu, wenn du tagsüber bei meiner Freundin wärst? Bei Joan.“

Sofort hellte sich Annettes Miene auf.

„Au ja, aber wird sie sich auch um mich kümmern wollen?“

„Das werden wir sehen. Lass’ uns jetzt erst mal zu Abend essen und dann ab ins Bett.“

Nach dem Abendessen redeten sie noch eine Weile über den Vorfall. Das beruhigte Annette, Danach brachte Helen sie dann zu Bett. Noch am selben Abend rief sie ihre Freundin an. Diese war einverstanden, nachdem ihr Helen die ganze Geschichte erzählt hatte.

Am nächsten Morgen eröffnete sie ihrer Tochter die Neuigkeit, dass sie von nun an den Tag bei Joan verbringen würde. Annette freute sich, schließlich wohnte Helens Freundin in der Nähe eines Einkaufzentrums und sie war sich sicher, dass sie immer mal wieder einen Einkaufsbummel machen würden.

„Ich freue mich schon riesig.“

Helen wusste genau warum.

„Das kann ich mir denken. Du freust dich besonders, weil dich Joan bestimmt öfters zu einem Einkaufsbummel mitnehmen wird.“

„Unter anderem.“

Annette lief rot an, weil ihre Mutter sie ertappt hatte. Beide brachen dann allerdings in schallendes Gelächter aus. Erst Minuten später wurden sie wieder ernst.

„So, nun müssen wir das nur noch Natasia beibringen und das wird schwer. Ich werde sie gleich anrufen. Drück mir die Daumen, dass sie nicht allzu wütend wird. Geh doch schon mal ins Bad und mach dich fertig, damit wir dann gleich losfahren können.“

„Okay.“

Annette ging ins Bad. Ihr tat es eigentlich nur leid, dass sie ihren Großvater nicht mehr so oft sehen würde. Egmont mochte sie nämlich sehr gerne.

Helen rief bei ihren Schwiegereltern an. Es ging niemand ans Telefon.

Es klingelte an der Tür. Joan öffnete nach kurzer Zeit. Sie war gerade im Bad und machte sich für den Tag zurecht. Da sie sich vorgenommen hatte, später mit Annette einkaufen zu gehen, wollte die Frau sich aufstylen. Ihre schwerste Entscheidung war dabei die Wahl der Kleider. Obwohl sie zwei große Schränke voll Klamotten besaß, fand sie nichts, das ihr gefiel. Also würde sie sich heute wieder mal etwas Neues zum Anziehen kaufen. Annette sollte ihr dabei als Beraterin zur Seite stehen, denn das Kind hatte einen Sinn für Mode. Für ihr Alter war das etwas seltsam, aber Joan führte es darauf zurück, dass das Mädchen aus Langeweile oft zig Modezeitschriften durchstöberte.

„Hallo ihr beiden“, begrüßte sie ihre Freundin und Annette.

„Hallo Joan“, entgegneten die zwei im Chor.

„Kommt doch rein.“

Joan fummelte noch an ihrem rechten Ohrclip herum, den sie eben angelegt hatte.

„Tut mir leid, ich muss gleich weiter. Ich komme sonst zu spät zur Arbeit. Außerdem fahre ich noch bei meinen Schwiegereltern vorbei und sage, dass Annette zukünftig tagsüber bei dir ist. Ich habe vorhin zwar angerufen, aber es ist niemand ans Telefon gegangen.“

„Gut, Helen. Vielleicht hast du heute Abend Zeit für einen Schwatz.“

„Die Zeit werde ich mir nehmen. Also dann, ich wünsche euch einen schönen Tag. Annette, komm her und gib deiner Mutter noch einen Kuss.“

Annette drückte ihrer Mutter einen dicken Schmatzer auf die Wange.

„Ich wünsche dir auch einen schönen Tag, Mutti.“

„Bis heute Abend. Und Joan ... danke, dass du von jetzt an auf sie aufpasst. Dafür bin ich dir unendlich dankbar.“

„Das geht schon in Ordnung. Bis später, Helen.“

Helen wandte sich um und stieg die Treppe hinab. Hinter ihr fiel leise die Tür ins Schloss. Joan wohnte im dritten Stock eines Hochhauses und Helen fand, dass Treppensteigen eine gute Übung war, um in Kondition zu bleiben. Von ihr wurde deshalb auch nie der Fahrstuhl benutzt. Unten angekommen, ging sie zur Tür hinaus und trat in die noch frische Morgenluft.

Die Frau ging zu ihrem Auto, das sie einfach im Parkverbot abgestellt hatte und, wie sollte es auch anders sein, prompt einen Strafzettel dafür kassiert hatte.

„Na danke! Das ist ja ein toller Tagesbeginn“, murmelte sie vor sich hin, riss das Papier unter dem Scheibenwischer hervor und stopfte es in ihre Jackentasche.

Helen winkte ihrer Tochter und ihrer Freundin zu, die aus einem Fenster im dritten Stock schauten. Die beiden winkten zurück. Dann stieg sie in den Wagen, startete ihn und brauste davon.

„So, Annette, was wollen wir heute unternehmen?“

„Einen Einkaufsbummel.“

„Das habe ich mir doch gedacht“, sagte Joan. „Die Geschäfte öffnen allerdings erst um 9 Uhr. Solange könnten wir doch noch ein paar Runden Memory spielen. Na, was meinst du dazu?“

„Au ja.“

„Gut, stelle schon einmal alles bereit. Du weißt ja, wo das Spiel ist. Ich gehe derweil in die Küche und hole uns etwas zu trinken. Was möchtest du haben?“

„Ein Glas Milch.“

„Okay, bringe ich dem kleinen Fräulein sofort.“

Joan ging in die Küche und hantierte mit Flaschen und Gläsern und wenig später war sie mit den vollen Gläsern zurück. Bis kurz vor 9 Uhr spielten sie Memory.

Helen hielt vor dem großen Haus, ging zur Tür und klopfte mit dem schweren Türring gegen das Holz. Nach ein paar Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, erschien Natasia.

„Guten Morgen, Helen. Wo ist Annette? Ist sie krank geworden? Doch nicht etwa was Schlimmes?“

Helen hatte einen schweren Kloß im Hals, den sie erst einmal hinunter schlucken musste. Dann fasste sie ihren Mut zusammen und sagte, was sie zu sagen hatte:

„Nein. Sie kommt zukünftig nicht mehr hierher.“

„Was soll das heißen? Sie kommt nicht mehr her?“

Natasias Augen funkelten vor Wut. Helen sah sie zwar nicht an, konnte aber den stechenden Blick der alten Frau spüren.

„Nach dem, was gestern vorgefallen ist, halte ich es für das Beste.“

Helen machte auf dem Absatz kehrt und ging zu ihrem Wagen zurück.

„Das wirst du mir büßen“, fauchte Natasia. „Du kannst mir doch nicht meine einzige Enkelin vorenthalten! Du verkommenes Biest, bleib gefälligst stehen!“

Die Worte Natasias halten noch in Helens Ohren als sie schon kilometerweit vom Haus ihrer Schwiegereltern entfernt war.

Sie konnte sich den ganzen Tag über nicht auf ihre Arbeit konzentrieren, ihre Kollegen waren schon besorgt um sie. Jeder bot seine Hilfe an, die Helen allerdings dankend ablehnte. Keiner hätte ihr weiterhelfen können, selbst wenn ihnen das Problem bekannt gewesen wäre.

Abends hatte sie ein ausführliches Gespräch mit ihrer besten Freundin darüber.

„Mir tut es nur um Egmont leid. Er wird jetzt die ganze Wut von Natasia zu spüren bekommen.“

„Zerbreche dir doch darüber nicht den Kopf. Ich glaube, er kann sich schon wehren.“

„Meinst du?“

„Sicher. Er ist schließlich schon lange genug mit ihr verheiratet.“

„Ja, das schon – aber trotzdem. Ich weiß nicht, ob es klug von mir war, Natasia so vor den Kopf zu stoßen. Vielleicht hätte ich vorher mit ihr reden sollen. Es hätte sich bestimmt doch geklärt.“

„Helen, das was du getan hast, war schon das Richtige. Du hast doch erlebt wie verstört Annette war. Es muss also schon etwas Gravierendes vorgefallen sein.“

„Du hast bestimmt mal wieder recht.“

„Natürlich habe ich recht.“

„Jetzt aber Schluss damit. Erzähle mir lieber, was ihr heute alles unternommen habt.“

Joan schilderte ihrer Freundin ausführlich den ganzen Tag. Vom Einkaufbummel mit Eis essen und dem Umherlaufen von Geschäft zu Geschäft. Erst vor einer Stunde waren sie aus dem Einkaufszentrum zurück gekommen. Damit war klar, dass Annette nun hundemüde war.

„Wir sollten die Kleine lieber noch eine Weile schlafen lassen.“

„Ja, das sollten wir.“

„Ich könnte dir derweil meine neuen Klamotten vorführen. Annette hat mich wie immer gut beraten.“

„Das glaube ich dir gerne.“

Joan zeigte ihrer Freundin die Neuerwerbungen und wartete zu allen Kleidern einen Kommentar ab. Später schlug Joan ihr vor, dass sie ein paar ihrer alten Sachen haben könne, damit sie für die neue Garderobe Platz im Schrank hätte. Helen nahm das Angebot gerne an, da sie sich nicht ständig neue Kleidung kaufen konnte. Das wusste Joan natürlich und hatte ihr deswegen das Angebot unterbreitet.

Zwei Monate später starb Egmont unter rätselhaften Umständen. Kurz vor seinem Tod schrieb er noch einen Brief für Annette, den sie aber erst an ihrem achtzehnten Geburtstag erhalten sollte. Natasia wusste nichts von dem Schreiben und der Notar hatte dem Sterbenden noch schwören müssen, dass sie auch nie etwas davon erfahren würde. Er versprach Egmont, den Brief gut zu verwahren. Etwas Besonderes schien von dem Mann auszugehen. Etwas, das dem Todgeweihten eine innere Ruhe bescherte.

Ab diesem Tage allerdings begannen Annettes Alpträume, die sie durch ihre Jugend hindurch begleiten sollten. Erst später – viel, viel später – sollte sie diese Träume zu deuten wissen.

Annettes Jugend verging wie im Fluge. Ihre Kreativität und ihr Gefühl für Mode baute sie immer mehr aus und so kam es, dass sie Modedesignerin werden wollte. Ihre Mutter war mit diesem Entschluss zufrieden, denn es war gewährleistet, dass ihre Tochter wirklich glücklich war. Annette hatte keinen festen Freund, obwohl sie, zusammen mit ihrer besten Freundin, ständig auf der Suche nach einem geeigneten Partner war. Ihre Mutter liebte sie über alles und es brach eine Welt für sie zusammen als ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam. Es war zwei Wochen vor ihrem achtzehnten Geburtstag. Von da an war sie ganz auf sich alleine gestellt.

Ihren achtzehnten Geburtstag feierte Annette nur mit ihrer besten Freundin Suzanne. Sie hatten sich schon morgens getroffen, um den ganzen Tag für sich zu haben. Ein großes Fest wollte sie so kurz nach dem Tod ihrer Mutter nicht veranstalten. Dafür hatte auch jeder ihrer Freunde Verständnis. Trotzdem kamen im Laufe des Vormittags einige Leute vorbei, um ihr zu gratulieren. Kurz vor Mittag klingelte es wieder an der Tür. Annette öffnete.

„Guten Tag. Entschuldigen Sie, sind Sie Frau Annette Pfleiderer?“

„Ja, die bin ich.“

Annette kannte den Mann nicht und doch kam er ihr seltsam bekannt vor. Das markante Gesicht und die langen wehenden Haare. Ihr Gegenüber schien zu merken, dass er Annette verunsicherte und so sagte er: „Ich bin Notar Schneider. Ich habe Ihnen ein Schriftstück ihres Großvaters zu überreichen.“

„Meines Großvaters? Aber er ist schon seit etlichen Jahren tot.“

„Ja, aber er hat verfügt, dass Sie dieses Schriftstück an Ihrem achtzehnten Geburtstag erhalten sollen. Von Ihrer Muter habe ich erfahren, wann Sie geboren sind. Richten Sie ihr doch bitte einen Gruß von mir aus.“

„Sie ist vor zwei Wochen gestorben.“

„Oh, das tut mir leid. Ich habe Sie sicherlich verletzt.“

„Das ist schon in Ordnung.“

Der Mann schien allerdings nicht betroffen zu sein. Seine mitleidige Miene verschwand und machte jedoch einem besorgten Gesichtsausdruck Platz. Berührte ihn der Tod ihrer Mutter überhaupt? Annette zweifelte.

„Hier ist der Brief.“

Der Notar übergab Annette den Umschlag.

„Danke.“

„Bitte sehr“, sagte der Mann als er sich abwendete und davon schritt.

„Ich hätte ihr den Brief doch schon früher geben sollen. Jetzt ist es vielleicht schon zu spät.“

Diese Worte meinte Annette noch von dem Mann vernommen zu haben. Sie schloss die Tür und ging zu ihrer Freundin ins Wohnzimmer zurück.

„Nanu, Annette“, wunderte sich diese. „Du siehst so nachdenklich aus. Wer war denn an der Tür?“

„Es war ein Notar. Schneider, sein Name. Das sagte er zumindest. Ich glaube ihm allerdings nicht. Er kam mir bekannt vor. Allerdings weiß ich nicht mehr woher.“

„Ja und was wollte er von dir?“

„Diesen Brief hier hat er mir gegeben. Er stammt noch von meinem Großvater Egmont. Er hatte verfügt, dass ich das Schriftstück heute bekommen soll.“

„Ist ja interessant.“

„Findest du?“

„Aber natürlich, Annette. Nun öffne ihn doch. Ich bin gespannt, was darin steht.“

„Suzanne und ihre Neugier. Wie kann ein Mensch nur so neugierig sein?“

„Das frage ich mich auch“, meinte ihre Freundin mit einem Grinsen im Gesicht.

Annette riss den Umschlag auf und entfaltete das Blatt Papier, das sich darin befand.

„Nun lies ihn schon vor.“

Suzanne konnte es kaum noch abwarten.

„Okay, ich beginne: Meine allerliebste Annette, wenn du diese Zeilen lesen wirst, bin ich bereits tot. Du wirst erwachsen sein und meine Worte verstehen. Ich weiß, dass du Großmutter nie mochtest und du hattest allen Grund dazu. Dieser Brief soll eine Warnung für dich sein. Sie kommt, so hoffe ich, nicht zu spät. Meine Liebe, ich mache es kurz. Natasia hat sich dem Bösen verschrieben. Genauer ausgedrückt: Sie ist das personifizierte Böse!“

Annette musste tief Luft holen, bevor sie weiter lesen konnte. Ihre Freundin hörte gespannt zu.

„Deinen Vater hat sie für ihre Zwecke benutzt. Ich konnte ihr widerstehen und dich somit vor ihr beschützen. Annette, hoffentlich hast auch du die Kraft dazu, denn alles, was geschehen wird, hängt von dir ab. Deiner Mutter wird noch vor deinem achtzehnten Geburtstag etwas zustoßen. Ich habe es in einem Traum gesehen. Es muss aber geschehen, es ist ihr Schicksal. Alles, was noch geschehen wird, ist ein Versuch, die Kräfte des Guten und des Bösen wieder in Einklang zu bringen. Du wirst einen harten Kampf durchstehen müssen. Es wird schwer werden. Natasias Stärke nimmt immer mehr zu. Mich wird sie bald beseitigt haben. Doch einen Hoffnungsschimmer möchte ich dir mit auf den Weg geben. Du wirst Hilfe bekommen. Wer er ist, wirst du erfahren, wenn es so weit ist. Er wird es auch sein, der dich in die großen Geheimnisse einer höheren Macht einweihen wird. Ich kann es dir nicht in geschriebenen Worten erklären. In Liebe, dein Beschützer Egmont.“

„Das klingt ja entsetzlich.“

Suzanne sah ihrer Freundin an, dass diese vollkommen schockiert war.

„Ja, das ist es.“

Mehr konnte Annette dazu nicht sagen.

Von diesem Zeitpunkt an wurden ihre Alpträume immer schlimmer.

Bis es eines Abends schließlich zur Katastrophe kommt ...

VISIONEN

1

Es war Freitag 19 Uhr. Annette Pfleiderer verließ ihre Arbeitsstelle. Wie üblich hatte sie wieder Überstunden gemacht. Ein Modellkleid, an dem sie gerade arbeitete, musste am Montagmorgen fertig sein. Es war für die neue Sommerkollektion vorgesehen, die am Montag vorgeführt werden sollte. Annette hoffte sehr, dass sie nicht daneben lag und den neuen Trend treffen würde.

Sie schritt zur Tür ihres Ateliers hinaus. Ein geräumiges Zimmer, das überall irgendwelche Utensilien beinhaltete. Im ganzen Raum waren Stoffe aller Art verteilt. Nähgarn, Nadeln und Scheren in allen Größen lagen überall verstreut herum. Von der eigentlichen Arbeitsplatte war nichts mehr zu sehen. Skizzen und Filzstifte waren darauf ausgebreitet. Eine Unordnung wie sie Annette liebte und brauchte. Sie schloss die Tür ab und ging den Korridor entlang.

Heute hatte sie wieder einmal eine ihrer verrückten Ideen bezüglich ihres Outfits gehabt. Über einer roten Feinstrumpfhose trug sie schwarze Radlerhosen. Dazu ein Sweatshirt, das sie selbst entworfen hatte. Das Ganze wurde durch einen Mantel aus pinkfarbenem Baumwollstoff ergänzt. Es war Herbst und die Garderobe eigentlich viel zu leicht für diese Jahreszeit. Doch Annette störte das nicht weiter.

Die anderen Büros waren verschlossen. Sie war wie immer die Letzte, die ihre Arbeitsstelle verließ. Annette ging um die Ecke. Das Licht der Eingangshalle warf einen furchterregenden Schatten von ihr an die Wand. Rasch ging sie weiter auf die Eingangstür zu. Plötzlich spürte Annette eine kalte, glitschige Hand auf ihrer rechten Schulter.

„Du solltest heute Nacht nicht alleine nach Hause gehen“, flüsterte eine leise Stimme ganz nah an ihrem Ohr.

Annette erschrak und wirbelte herum, in der Annahme, einer ihrer Kollegen erlaube sich einen Scherz mit ihr. Niemand war da. Ein leichter Windhauch streifte sie. Annette bekam eine Gänsehaut.

„Einbildung“, sagte sie sich. „Alles nur Einbildung. Es wird Zeit, dass wieder Wochenende ist, damit ich mich erholen kann. Ich höre ja schon Gespenster.“

Annette schritt weiter auf den Ausgang zu und stopfte gleichzeitig ihren Schlüssel, den sie bis eben in der Hand gehalten hatte, in die Manteltasche. Beinahe an der Tür angelangt, erklang die Stimme erneut, eindringlicher als zuvor.

„Geh’ nicht, Annette.“

Sie erstarrte. Die Stimme kam ihr irgendwie bekannt vor, doch Annette konnte sich nicht an die dazugehörige Person erinnern. Es musste jemand sein, den sie vor langer Zeit gekannt hatte, denn sie konnte sich die Stimmen ihrer Bekannten eigentlich gut einprägen. Sie ließ sich jedoch nicht weiter davon beirren, griff nach dem Türknauf, drückte ihn nach unten und zog die Tür mit einem heftigen Ruck auf. Dabei quietschte und knarrte sie. Es war eine schwere, solide Holztür aus Buche.

Ein Windstoß flutete den Raum.

„Nein!“, schrie die Stimme und erstarb.

Annette stand unter dem Türrahmen. Der Wind wehte ihr offenes Haar und den Mantel in die Eingangshalle zurück. Gerade so als wollten sie sich wieder in die Halle zurückziehen. Sie stand einfach nur da. Als die Stimme erneut erklang, warf sie nochmals einen kurzen Blick über ihre Schulter, um zu sehen, ob doch nicht noch jemand im Gebäude war, der sich einen Scherz mit ihr erlaubte. Da aber niemand zu sehen war, zuckte sie mit den Schultern und wand sich wieder um. Etwas zog sie magisch nach draußen und ihre Gehirnzellen fingen an zu arbeiten.

„Die Stimme, ich hab sie genau gehört. Vielleicht wollte sie mich warnen ... Mich warnen? So ein Blödsinn. Was soll schon passieren? Nach Hause sind es gerade mal zwanzig Minuten und der Park ist gut beleuchtet. Doch diese Stimme ... Es ist fast wie in meinen Alpträumen, die ich immer wieder habe ...“

Annette war hin und her gerissen. Sie wusste nicht, ob sie die Stimme wirklich gehört oder sich alles nur eingebildet hatte.

„Okay“, sagte sie laut und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

Sie überlegte, ob sie nicht etwas im Atelier liegen gelassen hatte, das sie am Wochenende benötigte. Sie glaubte nicht. Also verschwendete sie keinen weiteren Gedanken daran.

Dieser Abend war doch etwas unheimlich. Es war bereits stockfinster. Sie blickte sich um. Rechts die Straße entlang war alles ruhig. Keine Menschenseele war zu sehen. Noch nicht einmal ein streunender Hund oder eine schleichende Katze. Annette schaute nach links. Am anderen Ende der Straße sah sie gerade noch, wie eine dunkle Gestalt auf dem Weg in Richtung Friedhof war, dessen Haupteingang sich genau am Ende dieser Straße befand.

„Schrecklich“, dachte sie. „Bei Nacht auf den Friedhof zu gehen.“

Sie stieg die Treppe des Gebäudes zur Straße hinab. Dabei bewegte sie sich wie eine Filmdiva. Just als sie das Ende der Treppe erreichte, trat der Pförtner aus seiner Kabine, die sich neben dem Eisentor zur Straße befand. Er kam auf Annette zu.

„Guten Abend, Frau Pfleiderer. Sie sind wieder Mal die Letzte, die Feierabend macht.“

„Sie kennen mich doch, Werner. Es ist mir doch unmöglich pünktlich zu sein. Sind alle anderen wirklich schon gegangen?“

„Das sind sie. Ich werde dann mal abschließen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“

„Das wünsche ich Ihnen auch“, entgegnete Annette.

Sie schritt über den Vorplatz durch das Eisentor auf die Straße hinaus. Hinter sich hörte sie noch, wie der Mann die Tür verriegelte und die Treppe wieder hinunter stieg.

Auf dem Gehweg angekommen, blickte sich Annette nochmals nach beiden Seiten um. Alles ruhig. Sonst waren doch immer noch andere Menschen unterwegs! Aber heute? Nicht einmal das Bellen eines Hundes war zu hören. Normalerweise begegnete ihr stets ein alter freundlicher Herr, der seinen Hund Gassi führte. Doch heute war er nirgends zu entdecken.

„Was soll’s“, dachte sie sich und überquerte die verlassene, dürftig beleuchtete Straße. Die Absätze ihrer Stöckelschuhe hallten auf dem Asphalt wider. Tock. Tock. Tock.

Auf der Mitte der Fahrbahn blieb sie stehen. Hatte sie da nicht wieder die Stimme gehört? Annette drehte sich um. Es war niemand zu sehen. Werner hatte inzwischen das Eisentor geschlossen und war wieder in seiner Kabine verschwunden. Leise Musik war zu hören. Der Wind blies etwas kräftiger als zuvor. Eine Gänsehaut überzog sie. Warum kam kein Auto, wie es sonst üblich war? Annette war allein. Sie ging weiter, runter von der Fahrbahn auf den Gehweg.

Einhundert Meter die Straße entlang, dann durch den Park, zweihundert Meter nach rechts, schon wäre sie in ihrer Straße. Zwei Kilometer zu gehen – das sorgte für Kondition.

Im Sommer joggte sie die Strecke immer. Doch heute Abend mochte sie gar nicht daran denken. Ihr war kalt. Kein Wunder bei der leichten Kleidung, die sie trug. Der Wind wehte ihr ins Gesicht und ein kalter Schauer überfiel sie. Was Annette nicht wusste, ein Augenpaar beobachtete sie. Sie ging die Straße entlang auf den Park zu. Nur von Totenstille umgeben. Jeder Schritt von ihr hallte hohl in der Nacht wider. Noch fünfzig Meter, dann musste sie den Weg durch den Park nehmen. Annette ging weiter. Nun hatte sie den Eingang zum Park erreicht. Ein altes Tor deutete es an. Früher war es geschlossen worden. Doch irgendwann geriet es in Vergessenheit und blieb fortan offen stehen. So rostete es nun vor sich hin.

Sie verließ den Gehweg und machte sich daran, den Park zu durchqueren. Der Weg, man konnte ihn beinahe schon als Pfad bezeichnen, zog sich durch Hagebuttenbüsche und führte an einem kleinen See vorbei, in dem sich tagsüber die Enten tummelten und darauf warteten, von den Passanten gefüttert zu werden. Ein eisiger Wind pfiff durch die Büsche. Erneut überzog Annette eine Gänsehaut am ganzen Körper. Sie glaubte eine Hand auf ihrem Rücken zu spüren, wirbelte herum und wäre beinahe gestürzt. Doch niemand war hinter ihr oder in ihrer Nähe. Annette kontrollierte mit genauem Blick ihre Umgebung. Sie meinte hinter den ersten Sträuchern des Parks jemanden zu sehen. Beim zweiten Mal stellte Annette jedoch fest, dass sie sich getäuscht hatte. Es war nur Einbildung gewesen. An diesem Abend wirkte alles unheimlich auf sie. So still und so düster wie auf einem alten Friedhof. Dabei musste Annette unweigerlich an die dunkle Gestalt denken, die sie vorhin gesehen hatte.

Mochte es ein Grufti gewesen sein? Sie hatte mal einen Kerl kennen gelernt, der einer war. Dieser Typ hatte sie in einer Kneipe angemacht. Glücklicherweise hatte Annette ihre Freundin Suzanne dabei gehabt und so wurde sie diesen Typen auch schnell wieder los.

Jetzt wollte sie nur so schnell wie möglich nach Hause. Sie drehte sich um und machte sich schleunigst auf den Heimweg. Ein Schatten folgte ihr – lautlos. Annette trottete den Weg entlang. Dann fiel ihr ein, dass sie doch etwas vergessen hatte. Ein Buch, das sie gerade las, lag noch in ihrem Atelier. Eine Liebesschnulze um eine Millionärstochter. Die Designerin blieb stehen und überlegte, ob sie zurück gehen sollte, um es zu holen. Dazu hatte sie allerdings keine große Lust. Zudem las sie meist nur dann darin, wenn sie während der Arbeit einmal eine kreative Pause einlegen wollte. Also ging sie weiter.

Der Schatten hinter ihr war einen Moment lang verwirrt, als die Frau stehen blieb. Er schlich ihr doch so leise nach, dass sie ihn gar nicht gehört haben konnte. Hinter einem dichten Busch fand er Schutz für den Fall, dass sich Annette ein weiteres Mal umwenden würde. Er war erleichtert als sie weiter ging, seine Augen folgten ihren Schritten.

Annette ging um die nächste Biegung und kam zu ein paar Treppen.