Die Täuschung - Klaus Pfrommer - E-Book

Die Täuschung E-Book

Klaus Pfrommer

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Beschreibung

In fremder Obhut erwacht eine Frau ohne Erinnerung an ihren Namen und ihre Vergangenheit. Bevor ihr klar wird, was mit ihr geschehen ist, muss die Namenlose jedoch vor den Jägern des Bösen fliehen. Ihre Flucht führt sie ins Ungewisse. Nach dem Tod ihrer Begleiterin gerät sie in die Hände des Bösen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Können die Lichtwächter rund um Egmont, Gerard und David sie daraus befreien? Ein Krieg steht bevor, der verhindert werden muss. Die Zeit drängt, denn die Frau ist im Besitz einer Gabe, die das Böse nutzen möchte, um das Gute zu vernichten und eine Welt ins Dunkel zu stürzen. Band III Ära der Lichtwächter – Die Täuschung spielt auf Andravón, dem Heimatplaneten der Lichtwächter und ihrer Widersacher. Dem Leser eröffnet sich dabei eine vollkommen neue Welt.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Klaus Pfrommer

Ära der Lichtwächter

Die Täuschung

Klaus Pfrommer

Ära derLichtwächter

Die Täuschung

Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

2. Auflage 2023 ISBN 978-3-96438-070-8 © 2023 Südwestbuch Verlag

SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw Lektorat: Johanna Ziwich, Waiblingen Titelgestaltung: Dieter Borrmann, Kleve Satz: swb media entertainment Druck, Verarbeitung: Custom Printing PL Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.

www.suedwestbuch.de

INHALT

Prolog

Tagesanbruch

Trugbilder

Terminus

Trugbild

Epilog

PROLOG

… Es gab einen umfassenden und ausgeklügelten Plan. Erdacht von einem mächtigen und weisen Mann, der auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen war. Doch diese drohte seinen Händen zu entgleiten. Sein Wissen war nahezu unerschöpflich, aber würde es ihm wirklich von Nutzen sein?

Der Mann herrschte über ein Reich, das vor langer Zeit ein Land voll von Güte und Frieden gewesen war. Diese Ära neigte sich aber dem Ende entgegen und dunklere Zeiten brachen an. Einer seiner Untergebenen hatte das Gleichgewicht dieser Welt ins Wanken gebracht und sie verändert. Die Machtverhältnisse waren verschoben worden …

… Das Reich wird von seinen Bewohnern Mittelwelt genannt und vereinigt viele Provinzen. Es umspannt einen großen Teil des Planeten Andravón. Ein großes Meer im Süden deutet eine Grenze an, die nicht wirklich existiert. Denn wer nach Norden wandert, trifft auf ein hohes Gebirge, das ein natürlicher Wall zu sein scheint. Es ist nicht unüberwindlich. Der Aufstieg ist jedoch beschwerlich und mit vielen Gefahren verbunden. Auf der anderen Seite fällt das Gebirge in steilen Felswänden ab. Karges Land liegt diesen Steinwänden zu Füßen und ist kaum besiedelt, denn Nahrung ist knapp. Die Einöde bildet gleichzeitig das Südufer des großen Meeres. So schließt sich der Kreis des Planeten, der vertikal rotierend seit Tausenden von Jahren friedlich um seine Sonne kreist …

… Der weiße Palast ist das Machtzentrum der Mittelwelt und von einer großen Stadt umgeben. Von hier aus regiert der Protektor mit Hilfe des Lichtrates und dirigiert das Leben aller Bewohner.

Wer in Adalger wohnt, kann sich glücklich schätzen. Es ist ein Privileg und nicht jeder kann sich dieses Privileg leisten.

An den Rändern der Mittelwelt liegen zur Linken und Rechten die beiden Schattenwelten. Diese zwei Welten sind sowohl von den Andravóianern als auch von einigen anderen Völkern besiedelt. Trotz des andauernden Zwielichts ist es ein sehr fruchtbares Land. Ackerbau beherrscht in weiten Teilen das Landschaftsbild.

Es gibt unberührte Ebenen, die versteckt zwischen hohen Bergen liegen. Das Yazángebirge ist eines dieser Massive, das seine Ausläufer bis weit in die Mittelwelt hat. Es beherbergt das wohl mächtigste Geschöpf Andravóns und nur der Protektor und die Angehörigen des Lichtrats wissen von seiner Existenz. Das Orakel existiert seit Anbeginn allen Lebens auf dem Planeten.

Die Dunkelwelt, das Reich des schwarzen Herrschers, der sich einst dort mit dem Volk der Chimären niedergelassen hat, breitet sich um einen der beiden Pole aus. Diese sind die Erzfeinde der Andravóianer und des Guten, das die Bewohner der Mittelwelt als Gottheit sehen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Planeten, umgeben von einem Gebirgsring, breitet sich die lebensfeindliche Finsterwelt um den zweiten Pol aus. Kein Tageslicht dringt jemals in das Land vor …

… Es gab Gattungen, die an der Grenze standen, von einer niederen Art zu einer zivilisierten Kultur aufzustreben, oftmals argwöhnisch von den anderen Bewohnern des Planeten beobachtet. Manche von ihnen lebten aber auch einsam und abgeschottet in schwer zugänglichen Gegenden. Ihre Existenz blieb im Verborgenen und ihre Kulturen gediehen.

Andere Rassen lebten in einer Kultur der Zivilisation und trieben vielmals Handel miteinander. Unter ihnen das Volk der Usuren.

Während jedoch die Chimären, Anhänger des dunklen Herrschers, schon immer den Andravóianern gegenüber feindlich gesinnt waren, stand das Volk der Usuren ihnen einst gütlich gegenüber. Sie unterhielten viele enge Handelsund Geschäftsverbindungen. Beide Völker sahen zum Lichtrat und dem obersten Herrscher auf, die das Leben auf dem Planeten diktierten und die Gesetze erließen.

Das hatte sich aber in der letzten Weltdekade geändert und die Usuren wandten sich vom Licht des Guten ab. Die Herrscher des Volkes strebten nach mehr Macht und Unabhängigkeit gegenüber den Andravóianern. Kein Mann aus ihrem Volk war jemals in den Lichtrat berufen worden und das führte letztendlich zur Entzweiung. Doch sie waren weit in der Unterzahl und konnten ihre Rechte nicht mit Waffengewalt durchsetzen. Die Usuren wurden daher immer unzufriedener und ihr Hass auf die Andravóianer wuchs und wuchs.

Eines Tages würden sie sich im Krieg gegenüberstehen, und dieser Tag war nahe. Denn es waren neue Allianzen geschmiedet worden, als die Suche nach Verbündeten begonnen hatte.

Der zwielichtige Herrscher des Dunkelreiches hatte den Usuren seine Unterstützung zugesichert. Von seinen Untertanen wird er nur der Magier genannt. Er ist Wirt für das personifizierte Böse, herrscht in der Dunkelwelt und baut seine Macht immer mehr aus. Gekonnt täuscht er die Unwissenden und manipuliert sie nach eigenen Plänen.

So auch die Usuren, die der Verblendung und den falschen Versprechungen des Magiers erlagen. Das Volk wurde unterjocht, versklavt und seine Zivilisation zerfiel. Die Entwicklung ging zurück zu den fellbedeckten Wilden, die sie einst waren. Der Hass auf die Andravóianer blieb und dem Bösen zugewandt griffen die Usuren immer öfter die Siedlungen ihrer einstigen Handelspartner an. Unter der Bevölkerung verbreiteten sie Angst und Schrecken. Das blieb nicht ohne Folgen …

… Die Ära des Friedens war längst vorüber. Hass und Intrigen beherrschten die Gegenwart. Güte wich Neid unter einstigen Freunden und der Frieden war zerbrechlich wie feines Porzellan. Es war ein Strudel in Gang gesetzt worden, dem niemand mehr auf dem Planeten entrinnen konnte.

Dann, eines Tages, zerbrach dieses Porzellan zu Scherben. Überall auf Andravón kam es zu Konflikten zwischen den einzelnen Völkern. Handelsabkommen wurden aufgekündigt und das führte zu neuen Reibereien. Rohstoffe begann man mit Gewalt an sich zu reißen. Der Lichtrat musste eine Entscheidung treffen.

Mit Hilfe seiner Ergebenen gelang es Garin, dem Protektor, die Streitigkeiten beizulegen und wieder Frieden einkehren zu lassen. Doch die Bevölkerung spürte die aufkommende Spannung, die allgegenwärtig das Leben lenkte.

Noch lag eine trügerische Ruhe in der Luft, die jedoch jener andere Herrscher, der viel dunklere Herrscher, zu zerstören versuchte …

… Lange nun schon war Garin an der Macht und er merkte selbst, dass seine Zeit langsam zu Ende ging. Jahrzehnte hatte der Protektor das Land regiert und stets zum Wohle seiner Untertanen Entscheidungen getroffen. Doch das wurde in diesen unruhigen Zeiten immer schwieriger. So musste Garin abwägen, was noch gut war und was nicht.

Die Entscheidungen, die getroffen wurden, waren oft Fehlentscheidungen, was das Unruhepotenzial auch unter dem eigenen Volk erhöhte. Sein Berater und Stellvertreter mochte ihm noch so gute Ratschläge geben, viele von ihnen waren vergebens.

Garin wollte jedoch nicht als der Herrscher in die Annalen eingehen, der das Reich regierte, als die Epoche des Friedens ihr Ende fand.

Die Kämpfe, die immer öfter aufflammten, zehrten an seinen Kräften, da er als der oberste Regent Rechenschaft seinen Untergebenen gegenüber ablegen musste. Der Protektor strebte daher danach, die Welt wieder in Einklang zu bringen und erneut einen festen Frieden herzustellen. Bald würde er sein Zepter an seinen Stellvertreter, oder aber an einen vom Lichtzirkel Erwählten, weiterreichen. Die letztendliche Entscheidung lag nicht in seiner Macht.

Bevor dies geschehen würde wollte der alte Protektor noch eine letzte große Tat vollbringen und dem Bösen eine empfindliche Niederlage bereiten. Das Volk der Andravóianer sollte ihn als einen guten Herrscher in Erinnerung behalten und ihn auch nach seinem Tod ehren …

… Das Orakel indes verfolgte einen anderen Plan. Damit er jedoch umgesetzt werden konnte, musste ein Verstoßener wieder auf den Planeten zurückkehren. Diese Rückkehr musste aber ohne das Wissen des Protektors stattfinden. Garin hätte sie verhindert, war er doch derjenige, der die Verbannung angeordnet hatte.

Es gab allerdings den idealen Mann, der eine Marionette sein konnte. Jemanden, der dem Verbannten einst sehr nahe stand. Sie waren Freunde, Weggefährten und …

… der Protektor hasste beide Männer und hätte sie am liebsten für alle Zeiten aus dem Weg geräumt. Er wusste, dass diese beiden ihm gefährlich werden konnten. Doch sein Stellvertreter war einst ihr Mentor und auf ihn baute Garin nach wie vor. Der Lichtrat war längst nicht mehr geschlossen zu allem bereit und er musste verhindern, dass dieser womöglich zerbrach und somit das Machtzentrum von Andravón zerstört werden würde …

… Der Auserwählte war durch diese Aufgabe abgelenkt und das Orakel konnte mit der Hilfe von Garins rechter Hand eine Person in Erscheinung treten lassen, die als verloren galt und für eine lange Zeit vom Orakel versteckt gehalten worden war.

Der Stellvertreter des Protektors war zunächst skeptisch, als er erfuhr, dass diese Person die Mittelwelt von Andravón wieder zu alter Stärke vereinen würde. Das Orakel vertraute ihm aber ein Geheimnis an, das ihn in Erstaunen versetzte …

… Beim Schmieden seines Planes bemerkte Garin nicht, dass die dunkle Macht schon vor langer Zeit von seinem Geist Besitz ergriffen hatte und ihn langsam selbst verdunkelte. Das Orakel bemerkte dies ebensowenig. Das Böse missbrauchte Garin für seine eigenen Zwecke. Es manipulierte den Protektor und ließ ihn Entscheidungen treffen, die der Mittelwelt mehr Schaden zufügten, als dass sie ihr nutzten …

… Es dauerte seine Zeit. Doch das Böse hatte mehr als reichlich davon. Es war unsterblich, wenn auch der Körper, in dem es hauste, langsam zerfiel. Sollte es eines Tages notwendig sein, würde es einen neuen Körper suchen und den alten Wirt verlassen.

Das Gute war zu stark. Denn noch immer gab es den Lichtzirkel und dieser musste letztendlich für einen Sieg zerschlagen werden …

… Ein alter Bekannter des Bösen hatte derweil seinen Weg zurück zu den Lichtwächtern gefunden.

War es geplant, ihn zurück auf den Planeten zu holen?

Steckte das Gute dahinter?

Einst stand dieser Mann auf der Seite des Magiers. Heimtückisch und mit falschen Versprechungen hatte der ihn zu sich gelockt. Das war aber lange her und das Gute hatte nun wieder einen der mächtigsten Bewohner von Andravón auf seiner Seite …

… Es würde ein schwerer Kampf werden, der die Welt erneut erschüttern würde. Danach jedoch, da war sich das Böse sicher, würde eine neue Zeitrechnung anbrechen. Die Zeit der Dunkelheit, und Andravón wäre nicht die einzige Welt, die darin untergehen würde …

TAGESANBRUCH

1

Das Erwachen war grausam. Die Frau schlug mühsam ihre Augen auf, da die Lider aneinander klebten. Zu erkennen war nichts. Sie war von völliger Dunkelheit umgeben. Allein und verlassen lag sie da. Es hämmerte in ihrem Kopf und weder konnte sie sich an ihren Namen erinnern, noch daran, wo sie sich in diesem Moment befand. Jegliche Erinnerung schien aus ihrem Gedächtnis gelöscht zu sein. Es war schön gewesen, in einem traumlosen Schlaf zu liegen und nichts zu spüren. Die Schmerzen in ihrem Kopf waren furchtbar und die Frau versuchte mit dem Massieren ihrer Schläfen, diesen Schmerz loszuwerden. Erfolglos. Stattdessen trieb es ihr Tränen in die Augen und das Salz in ihnen brannte in ihren Augenwinkeln. Mit den Handrücken wischte sie sie weg. Wenn das Hämmern im Kopf doch nur verschwinden würde, um einen klaren Gedanken fassen zu können!

Das Bett, in dem sie lag, war weich und wärmte ihren Körper, dessen sämtliche Glieder vollkommen verspannt waren. Das Leben kehrte langsam in diesen Körper zurück. Es kribbelte in ihren Zehen und auch das war mehr als unangenehm. Ziehen in der rechten Schulter kam hinzu, ebenso wie ein Grummeln im Magen. Jedoch blieben die Erinnerungen aus. Langsam, den Kopf drehend, suchte die Frau eine Lichtquelle und entdeckte einen Spalt unter einer Tür, die in einen anderen Raum führte. Erst jetzt bemerkte sie auch, dass sie nicht alleine war. Stimmen waren von nebenan zu vernehmen, die sich miteinander zu unterhalten schienen und doch wild durcheinander sprachen. Wie viele Personen sich in dem Nebenraum befanden, konnte sie zunächst nicht ausmachen, da sie zu leise redeten und nur gedämpfte Worte zu ihr drangen. Auch war es schwer, sich zu konzentrieren. Das Hämmern war noch da. Nicht mehr ganz so stark wie beim Erwachen, aber es war noch da.

Ihre Lippen klebten aneinander und das war ein Zeichen, dass ihr Körper nach Flüssigkeit verlangte. Das Bedürfnis verdrängte sie fürs Erste aber noch und war sich nicht bewusst, dass der Flüssigkeitsmangel die Kopfschmerzen nur wieder verstärken würde.

Die Frau lauschte stattdessen weiter angestrengt und konnte schließlich drei unterschiedlich klingende Stimmen ausmachen. Es schienen ebenfalls Frauen zu sein, die sich nebenan unterhielten. So zumindest klang es. Einzelne Worte konnte die Namenlose vom Bett aus verstehen. Sinn ergaben sie aber keinen. Die Frau richtete sich auf und bemerkte dabei fast schmerzlich die Verspannung in den Gliedern. Ein leises Aua entrang sich ihrem Mund und sie verzerrte ihr Gesicht. Da niemand da war, konnte die Grimasse keiner sehen. Dann streckte sie die Arme weit auseinander, in der Hoffnung, die Verspannungen würden sich lösen. Ein wenig half es. Das Hämmern in ihrem Kopf zog sich langsam zurück und ebbte dann ab. Ihre nackten Arme spürten eine angenehme Kühle und das tat gut.

Da war noch etwas Schwindel und so stand sie nicht auf, sondern blieb fürs Erste aufrecht im Bett sitzen. Die Schwärze, die sie umgab, ängstigte sie. Ein Gefühl, hier fremd zu sein, machte sich in ihrem Körper breit und das beunruhigte sie noch mehr. Ihr wurde bewusst, dass sie nicht hierher gehörte. Oder vielleicht doch? Da die Erinnerungen immer noch fehlten, konnte beides möglich sein.

2

Ganz unvermittelt trat ein Mann durch die Tür und sprach auf die erschrockenen Frauen ein, die an einem Tisch saßen und sich bei Handarbeiten unterhielten. Gemeinsam bestickten sie ein dünnes Gewebe mit einem phantasievollen Muster. Daraus sollte in Kürze ein wundervolles Kleid für die ältere der beiden Schwestern entstehen. Es war für ihre bevorstehende Vermählung mit dem Sohn des Zahlmeisters der Siedlung vorgesehen. Das würde ein Großereignis werden und die Braut sollte betörend schön aussehen. Den Stoff bearbeiteten die drei Frauen jeden Abend nach dem vollendeten Tagwerk und diese Handarbeit war der Abschluss des Tages. Nebenher ließen sie den Tag noch einmal Revue passieren und besprachen meist auch gleich die Aufgaben für den kommenden Tag. Einen Mann gab es in diesem Haus nicht. Die Mutter wohnte hier zusammen mit ihren beiden Töchtern. Sie waren Halbgeschwister. Keine von ihnen kannte ihren Vater.

Mit großen Augen blickten die Frauen den Fremden an. Die Älteste von ihnen machte sich Vorwürfe, die Eingangstür nicht verriegelt zu haben. Doch wozu auch? Das war in Drestand nicht üblich. Die Bevölkerung vertraute sich untereinander und niemand kam auf die Idee, unaufgefordert in das Haus eines Nachbarn einzutreten.

„Ihr Frauen, eilt euch! Bringt sie von hier weg!“

Sie kannten den Mann nicht, der in ihr Haus eingedrungen war und machten keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. Noch immer saßen sie am Tisch und hielten ihre Sticknadeln in Händen. Allerdings wussten alle drei, wer gemeint war. Es war die Frau in der Kammer nebenan.

Drei Tage war es erst her, seitdem ein paar Lichtwächter die Fremde hierher gebracht und der Obhut der Frauen überlassen hatten. Ihr Name blieb geheim. Sie sollten ihn nicht erfahren und er spielte auch keine Rolle. Nur gut auf sie achten und pflegen sollten sie diese Frau. Das war keine schwere Aufgabe. Die Fremde schlief die ganze Zeit über. Die Alte meinte zu ihren Töchtern, dass der Frau ein Schlafmittel verabreicht und die Dosis wohl falsch berechnet worden war.

Am ersten Tag machten sie sich darüber noch keine Gedanken. Am zweiten Tag kam es den Dreien schon etwas komisch vor. Als die Fremde aber heute am Morgen immer noch schlief, machten sie sich ernsthafte Sorgen. Sie fingen an, sich zu beraten und fragten sich, ob es nicht besser wäre, Hilfe zu holen. Doch woher sollte diese Hilfe kommen? Der weiße Palast lag weit entfernt von diesem Ort und es hätte mehrere Tage gedauert, nach Adalger zu gelangen.

„Wenn euch euer Leben lieb ist, dann tut was ich euch sage! Hastig! Sie sind auf dem Weg hierher, und wenn sie das Haus umzingeln, dann haben wir keine Chance mehr zu entkommen. Also schnell!“

Großgewachsen war der Mann und seine Statur verlangte geradezu nach Autorität. Erschrocken über seine Worte ließ die jüngste der Frauen ihre Sticknadel fallen und bedeckte ihren Mund mit der rechten Hand. Mit einem leisen Klirren sprang die Nadel mehrmals über den Boden und kullerte dann unter das Sofa auf der anderen Seite des Tisches.

Die Älteste, eine etwas gebrechliche Grauhaarige, erhob sich mühsam und ging gemächlich zum Schrank, der hinter ihr stand. Daraus holte sie eine Tasche hervor, um ein paar Dinge darin einzupacken. Ohne die notwendigen Utensilien wollte sie ihr Heim nicht verlassen.

„Ach, du liebes bisschen! Dafür bleibt keine Zeit mehr. Holt die Frau, die eurer Obhut überlassen wurde und geht durch die Hintertür. Nun macht schon, schnell!“

Endlich setzten sich die beiden Schwestern in Bewegung. Fast zur gleichen Zeit sprangen sie auf und eilten in die Kammer, in der die Fremde lag. So wie ihnen geheißen wurde. Sie merkten, dass Gefahr drohte und der Fremde es gut mit ihnen meinte. Zusammen konnten sie die Frau tragen, wenn es sein musste, und der Mann würde ihnen sicherlich helfen.

Seit ihrer Ankunft hier hatte die Namenlose, wie in einem Koma, nur dagelegen und geschlafen.

Die Frau wirkte fremdländisch und zu Beginn waren sich die drei Bewohnerinnen nicht sicher, ob sie nicht aus dem Reich des Dunkels stammte und dem Bösen angehörte. Die ältere der beiden Schwestern stellte allerlei Vermutungen an und diskutierte mit ihrer Mutter darüber.

Dass die Fremde nicht aus der Dunkelwelt stammte war ihnen versichert worden. Trotzdem glaubten das die beiden Frauen nicht wirklich. Seit es immer wieder Überfälle auf die Siedlungen gab, hielten sie alles für möglich.

3

„Schnell, zieh dir etwas über. Wir müssen weg“, rief die jüngere der beiden Schwestern.

Sie hatte gleich gesehen, dass die Frau aufrecht im Bett saß und hellwach war. Es kam ihr seltsam vor, dass die Fremde in dem Augenblick erwacht war, in dem Gefahr drohte.

„Weswegen?“, fragte die im Bett sitzende Frau.

Das plötzlich durch die Tür hereinfallende Licht blendete sie und sie erkannte nur zwei Umrisse, die in den Raum gestürzt kamen. Sie hob ihren rechten Arm und schützte ihre Augen vor dem viel zu grellen Licht.

„Keine Fragen, keine Zeit! Wir sollen dich nur schnell von hier weg bringen. Ich hatte gleich das Gefühl, dass du uns Ärger einbringen würdest. Bereits in dem Augenblick, in dem du in unser Haus gebracht wurdest! Und … ich hatte recht. Wieder einmal.“

Es lag Feindseligkeit in der Stimme der Braunhaarigen, die ein paar Jahre älter als ihre Schwester Miriam war.

„Nicht ohne Grund hat man dich hier versteckt und uns nicht einmal deinen Namen verraten. Nun mach schon“, drängte sie, da die Namenlose immer noch in ihrem Bett saß und keine Anstalten machte, aufzustehen.

„Wer seid ihr eigentlich und wo bin ich hier?“

Durch das Sprechen merkte sie nun, wie sehr der Durst in ihrem Körper allgegenwärtig war und verlangte, statt nach einer Antwort auf ihre Frage, nach etwas zu trinken.

„Keine Zeit“, fauchte sie Leslie, die ältere Schwester, an.

Es war Miriam, die ihr ein Kleid reichte, das über einem Stuhl auf der linken Seite des Bettes hing.

„Hier, zieh das über und beeil dich! Bitte!“

Wärme und Behaglichkeit strahlte die Stimme aus, die zu der zierlichen Person passte, die ihr das Kleid entgegenstreckte. Die Namenlose nahm es in Empfang und mühte sich ab, es überzustreifen.

Der älteren Schwester zugewandt meinte Miriam:

„Sei nicht so gemein, Leslie.“

„Du hast mir nichts zu sagen. Ich habe doch recht. Gefahr kommt auf uns zu und wir müssen fliehen. Wir haben nicht einmal mehr die Zeit, ein paar unserer Habseligkeiten zu packen. Vielleicht können wir nicht zurückkehren, und dann?“

Bitterkeit lag in der Stimme von Leslie und ihre jüngere Schwester begriff das nun auch. Ein reumütiger Blick war ihre Reaktion darauf. Miriam wusste, dass ihre Schwester mehr Lebenserfahrung besaß und viele Dinge besser als sie selbst einschätzen konnte. In mancherlei Hinsicht war sie noch ziemlich naiv und vieles hatte sie noch zu lernen.

Währenddessen stand die Frau vom Bett auf und zupfte an dem Kleid, das ihr Miriam gegeben und das sie so mühsam übergestreift hatte. Es saß immer noch nicht richtig. Auf wackeligen Beinen stehend wusste sie nicht, ob sie rennen könnte, falls das notwendig werden sollte. Die Hektik, die die beiden Schwestern an den Tag legten, ließen aber gerade das vermuten. Schuhe standen noch neben ihrem Bett. Instinktiv schlüpfte sie mit ihren Füßen hinein.

Im Raum nebenan erklangen noch mehr männliche Stimmen.

„Eine große Anzahl von Feinden umzingelt das Dorf und wir können sie nicht mehr lange aufhalten.“

„Wir müssen uns so lange zur Wehr setzen, bis die Frau in Sicherheit ist. Unser Feind darf sie nicht in Hände bekommen. Niemals!“

„Wie konnten sie das neue Versteck nur so schnell ausfindig machen?“

„Ich weiß es nicht. Geht raus und verteidigt das Haus!“

„Was geht da vor?“, fragte Miriam.

Sie war besorgt und neugierig zugleich. Doch auch ihre ältere Schwester konnte ihr keine Antwort auf ihre Frage geben und zuckte nur mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Wir müssen uns aber beeilen. Los, nun geht schon!“

Erst jetzt entdeckte die Namenlose eine zweite Tür auf der anderen Seite des Raumes. Bisher war sie in vollkommener Dunkelheit gelegen. Daneben befand sich ein kleines Fenster, durch das aber kein Licht fiel.

Miriam packte sie an der Hand und zerrte sie in Richtung eben jener Tür. Von hinten schubste Leslie.

„Beweg dich schon!“

Mit wenigen Schritten hatten die Frauen die hölzerne Tür erreicht und Miriam riss sie mit so viel Schwung auf, dass die Klinke gegen die Wand knallte. Sie wollte schon durch die Öffnung rennen, blieb dann aber abrupt stehen. Ein erstickter Schrei kroch ihr aus der Kehle, als sie vor der Tür eine große, dunkle Gestalt entdeckte, die soeben im Begriff gewesen war, von außen zu öffnen.

„Kein Angst, ich bin hier um zu helfen. Folgt mir!“

Erleichtert setzte sich Miriam wieder in Bewegung. Sie hatte jedoch nicht die geringste Ahnung, wohin sie die gemeinsame Flucht führen würde. Ihre Mutter und ihre Schwester würden aber bei ihr sein. Das beruhigte sie etwas.

Die drei Frauen folgten dem Mann in das Dunkel, das hier draußen herrschte. War es Nacht? Nahte der Tag? Hier in der Schattenwelt, am Rande zum allherrschenden Schwarz, konnte das niemand genau sagen.

Nur mühsam konnten die Fliehenden dem Mann, der angab ihnen helfen zu wollen, durch das hohe Gras folgen. Im Haus hinter ihnen ertönte ein lauter Schrei, der das Ende eines Lebens verkündete.

Es war die Alte, die zum letzten Mal schrie. Leslie wagte einen Blick zurück und sah, wie ihre Mutter unter der Tür stand, jedoch nicht mehr weiter kam. Ihre Hände umklammerten den Türrahmen und versuchten den Körper nach vorne zu ziehen. Vergebens. Pranken mit krallenartigen Nägeln umklammerten ihren Hals und würgten sie zu Tode.

Das war das letzte Bild, das Leslie von ihrer geliebten Mutter im Gedächtnis behalten würde. Tränen schossen ihr in die Augen und vernebelten ihren Blick. Sollte sie zurückrennen und versuchen, ihrer geliebten Mutter zu helfen? Leslie war der Versuchung nahe, denn ihre Mutter war immer für sie da gewesen, wenn sie Hilfe brauchte.

Bevor sie aber kehrtmachen konnte, gab es einen zweiten Aufschrei. Diesmal von dem Wesen, das das Leben ihrer Mutter ausgelöscht hatte und nun ebenfalls sein Ende durch das Schwert eines Lichtwächters fand. Die Pranken rissen die alte Frau mit zu Boden und dahinter erkannte sie den Mann, der den Tod ihrer Mutter nicht hatte verhindern können. Tränen rannen weiter über ihr Gesicht und tropften vom Kinn zu Boden. Sie wandte den Blick wieder nach vorne und war froh, dass ihre Stiefschwester mit den anderen bereits ein Stück weiter war und nicht, wie sie, zurückgeblickt hatte. So blieb Miriam dieser traurige Anblick wenigstens erspart.

Plötzlich gab es Fauchen von beiden Seiten und es flammten einige rote Augenpaare auf, die sich schnell näherten.

„Da drüben sind sie!“

Eine Männerstimme klang durch das Dunkel. Leslie erhöhte das Lauftempo, um die anderen wieder einzuholen. Doch das Fauchen auf ihrer rechten Seite schien viel schneller näherzukommen, als sie rennen konnte. Vor Angst schossen Leslie noch mehr Tränen in die Augen und Panik stieg in ihr auf. Nur mühsam konnte sie noch atmen und mehr als einmal wäre sie beinahe gestürzt. Strauchelnd lief Leslie weiter. Ihr Herz raste vor Anstrengung und ihr Atem ging stockend.

Die Versuchung, einen Blick nach hinten zu werfen, als der Schrei ertönte, war groß. Doch der Mann zog Miriam mit sich, die fest die Hand der Namenlosen umklammerte und sie so ebenfalls mit sich zerrte. Blind stürzten die drei Gestalten durch die Dunkelheit. In einiger Ferne hörten sie Fauchen. Miriam blickte weiterhin nach vorne und wagte keinen Blick in eine andere Richtung. Ihr Blut pulsierte und der Atem ging schnell. Ein paar Strähnen ihrer Haare waren ihr ins Gesicht gefallen und klebten an der bereits jetzt schon von Schweiß bedeckten Haut der Schläfen. Lange würde sie nicht in dem Tempo rennen können. Ihr fehlte die Kondition dazu. Sie war zwar schwere körperliche Arbeit gewöhnt, aber Dauerlauf gehörte nicht dazu. Wohin sollte die Flucht gehen? Die Siedlung lag in einer ausgedehnten Ebene und es gab keinen Platz, der ein gutes Versteck abgeben konnte.

Der Mann vor ihr riss plötzlich seinen rechten Arm nach oben und ein paar Meter weiter vor ihnen entstand aus dem Nichts ein sich öffnender Lichtspalt. Das geschah so schnell, dass Miriam nur staunen konnte.

„Unsere einzige Chance“, rief der Mann nach hinten, ohne sich umzudrehen.

Nach zwei Schritten blieb er stehen und ließ die Frauen passieren. Er klopfte Miriam leicht auf die Schulter.

„Lauft in das Licht und bleibt nicht stehen“, forderte er die beiden auf und wies mit der linken Hand den Weg.

Die zwei Frauen rannten, wie sie geheißen wurden, einfach weiter. Hinein in das Licht. Beide wussten nicht, wohin sie der Weg führen würde. Sie hofften aber, auf ihm in Sicherheit zu gelangen.

Der Mann wollte ihnen gerade folgen. Doch dann traf ihn von der Seite ein heftiger Schlag an der Schläfe. Der Lichtwächter geriet ins Straucheln. Vor Schmerz schrie er auf. Sein rechter Arm sank nach unten. Der Lichtspalt begann sich zu schließen. Er sah, wie zwei kleine, flinke Wesen ebenfalls auf das Licht zu rannten. Dem Ersten gelang es noch, durch den Spalt zu kommen. Das zweite Wesen war aber zu langsam. Es blieb mit einem Bein im Hier stecken, so dass es vom Rest seines Körpers abgetrennt wurde. Eine grüne Flüssigkeit entströmte der Gliedmaße. Ein schneller Tod dürfte dem Wesen sicher sein.

Das war für den Lichtwächter jedoch keine Genugtuung mehr. Etwas packte ihn, riss ihm den Kopf mit Wucht nach rechts und brach ihm das Genick. Sein Leben wurde jäh beendet. Damit war auch das Wissen, wohin der Lichtspalt die Fliehenden führte, ausgelöscht.

4

Das Leben der alten Frau konnte er nicht mehr retten. Für sie kam seine Hilfe zu spät. Er hatte sie aufgefordert, ihren Töchtern zu folgen. Doch sie war gebrechlich und langsam.

Dann hatten die Feinde das Haus erreicht und stürmten in das Innere. Die Wesen des Bösen zertrümmerten die Tür und schlugen die Fenster ein. Mehr als ein halbes Dutzend unheimlicher Kreaturen stand nun dem Lichtwächter gegenüber und er wehrte sich mit all seiner Kraft, die weit über das Menschliche hinaus reichte. Aber es waren zu viele Feinde, die es zu bekämpfen galt. So konnte er nicht verhindern, dass ein Ungeheuer der alten Frau in die Kammer folgte. Gerade wehrte er zwei Gegner mit seinem Schwert ab, als sich vor dem Haus mehrere Lichtspalte öffneten. Noch mehr seiner Kameraden waren gekommen, um ihm zu helfen. Doch draußen in der Dunkelheit lauerten immer noch unzählige Gegner, die sofort angriffen, und nur einem Lichtwächter gelang es, sich bis zum Haus durchzukämpfen, um ihn zu unterstützen. Mit einem Schwert in jeder Hand stieß der Helfer in die Rücken zweier Ungeheuer, die gerade durch die Tür stürmen wollten, und streckte sie so nieder.

„Danke, Egmont.“

„Keine Ursache, mein Freund.“

„Ich muss der Alten helfen! Langsam und gebrechlich wie sie ist hat sie keine Chance zu entkommen. Achtung!“

Die Warnung galt Egmont. Ein Chimäre hatte sich ihm von hinten genähert und machte sich zum Angriff bereit. Gerade hob er ein Beil mit beiden Armen nach oben, um mit voller Wucht den Kopf von Egmont zu zertrümmern. Doch der Lichtwächter war schneller. Ohne sich umzudrehen rammte er dem Feind ein Schwert in den Bauch. Weiße Funken zerfetzten den Körper des Chimären und beendeten das Dasein des Wesens.

Der Mann im Innern wirbelte herum und rannte in das Schlafzimmer, um der alten Frau zu helfen. Doch es war zu spät. Sofort sah er, in welchem Dilemma die Alte steckte. Sie hatte sich mit ihren Händen am Türrahmen festgeklammert und versuchte sich mit all ihrer Kraft nach draußen zu ziehen, um zu entkommen. Es war vergebens. Das Ungeheuer hatte sie bereits am Hals gepackt und erwürgte sie. Seine Krallen bohrten sich immer tiefer in das Fleisch an ihrem Hals. Blut tropfte aus den Wunden hervor. Mehr als ein Röcheln war von der Alten nicht mehr zu hören. Langsam ließ ihre Kraft nach. Die linke Hand rutschte als erste vom Türrahmen ab. Die rechte folgte und gleichzeitig verließ das Leben den Körper der Frau.

Es waren nur drei große Schritte nötig. Flink und mit voller Wucht stieß Gilbert mit seinem Schwert zu und tötete das Wesen. Die alte Frau war jedoch bereits tot und wurde mit dem Feind zu Boden gezogen.

Sie tat ihm leid. Denn unschuldig war sie zusammen mit ihren beiden Töchtern in Gefahr gebracht worden. Die Alte hatte dafür mit ihrem Leben bezahlt. Mochte es auch ein langes und erfülltes Leben gewesen sein, so sollte es nicht enden. Vorgesehen gewesen war noch ein Lebensabend zusammen mit ihren Töchtern und bald auch mit einem Schwiegersohn. Die Geburt ihres ersten Enkelkindes, das das Haus mit neuem Leben füllen würde. Die Verlobung ihrer zweiten Tochter Miriam, die sie so sehr liebte und der sie nur das Beste im Leben wünschte. Doch das Schicksal hatte anders entschieden, und nichts von dem würde sich noch erfüllen.

Keine Vermählung. Keine Geburt. Auch nicht die Verlobung von Miriam mit ihrem künftigen Mann.

Für Trauer blieb keine Zeit. Gilbert musste den Fliehenden helfen. Er hatte keine Ahnung, wie viele vermeintliche Gegner womöglich noch im Dämmerlicht lauerten. So sprang Gilbert über die beiden Gefallenen hinweg und lief in das Dunkel des Umlandes. Er verließ sich auf seinen Instinkt, denn sehen konnte er nur wenig. Niedergetretene Grasbüschel schienen ihm recht zu geben, dass die Richtung stimmte. Unerschrocken rannte er weiter.

Wenig später folgte ihm Egmont. Er hatte das Gebäude ebenfalls durch die Hintertür verlassen, nachdem er noch zwei weitere Feinde niedergestreckt hatte. Die anderen Lichtwächter waren vor dem Haus immer noch in Kämpfe verwickelt. Das Böse wollte wohl auf Nummer sicher gehen und hatte viele seiner Knechte geschickt. Es waren jedoch überwiegend unerfahrene Krieger und so war es ein Leichtes, sie niederzumetzeln.

Gilbert rannte in dieselbe Richtung wie die Frauen. Das wurde ihm bestätigt, als er ein Stück weit vor sich einen Lichtspalt entdeckte, den ein weiterer Lichtwächter geöffnet hatte. Dieser schickte zwei Frauen in das Licht, obwohl es verboten war. Doch er sah wohl keinen anderen Ausweg, um sie in Sicherheit zu bringen. Die Gegner rückten von allen Seiten näher. Wo war die Dritte abgeblieben? Schnell blickte Gilbert sich um. Er konnte sie nirgendwo entdecken. Also waren die Fliehenden getrennt worden. Noch ein Opfer sollte es aber nicht geben. Es war schon schlimm genug, dass die Mutter der beiden Schwestern ihr Leben lassen musste. Unschuldig war sie in diesen Konflikt hineingezogen worden und hatte teuer dafür bezahlt.

5

Die Frauen stolperten durch den Spalt, den der Lichtwächter für sie geöffnet hatte. Es war das erste Mal für die beiden Frauen, dass sie einen solchen Lichtspalt durchquerten und sie waren erstaunt über die vielen Farben und Gerüche, die sie sehen und riechen konnten. Es war fast überwältigend. Doch die Durchquerung dauerte nur einen kurzen Augenblick und sie landeten in einer fremden, vollkommen in schwarz getauchten Umgebung. Noch geblendet von den gerade erlebten Eindrücken strauchelten sie durch das Dunkel. Nach ein paar Schritten über den steinigen Boden blieben sie stehen. Miriam drehte sich um und sah hinter sich die Umrisse der namenlosen Frau, die mehr als die Hälfte des Lichtspaltes verdeckte und sich als eine schattenhafte Gestalt abzeichnete. Miriam versuchte, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu bringen. Doch das gelang ihr nicht wirklich. Das zuvor Erlebte war schockierend in ihrem jungen Leben. Bislang war sie gut behütet, zusammen mit ihrer Stiefschwester, bei ihrer Mutter aufgewachsen. Von den Konflikten, die überall im Land aufflammten, hatte sie bisher nicht viel mitbekommen und jetzt wurde sie mit der fremden Frau mitten hinein gestoßen.

Unvermittelt und unvorbereitet, nicht wissend, was noch alles passieren würde. Sie war jetzt ein Teil des Großen, das das Leben auf Andravón lenkte. Auch sie war in den Strudel geraten, der alles in ihrer Welt unaufhaltsam ändern würde.

Miriam erblickte eine kleine, schlanke Gestalt, die durch den Spalt huschte und im Dunkel verschwand. Sie erschrak, denn das Wesen hatte nichts andravóianisches an sich. Das erkannte sie gleich. So eine Gattung hatte sie bislang noch nicht zu Gesicht bekommen und sie hatte sofort das Gefühl, dass das nichts Gutes verhieß. Sie machte einen Schritt auf die Seite, um alles sehen zu können. Ihr Retter stand noch einen Augenblick da. Er wollte ihnen gerade folgen, als er von rechts am Hals gepackt wurde. Dann fiel der Lichtspalt auch schon in sich zusammen. Ein weiteres Wesen war fast schon durch den Spalt hindurch. Doch sein linkes Bein steckte fest und wurde ihm vom Leib gerissen. Es schrie erbärmlich auf und fiel vornüber auf den Boden. Es war auf der Stelle tot. Dort, wo seine Gliedmaße vom Körper abgetrennt wurde, sickerte eine grünliche Flüssigkeit heraus, die übel roch. Der Geruch wurde durch die Luft bis zu den beiden Frauen getragen. Langsam kroch er Miriam in die Nase und sie musste fast würgen.

Genauso schnell, wie der Lichtspalt erschienen war, war er auch wieder verschwunden, so als habe es ihn nie gegeben.

Aus dem Nichts entstanden. Im Nichts verschwunden.

Die Dunkelheit breitete sich um die beiden Geflohenen aus. Zwei Gestalten, die orientierungslos waren und nicht wussten, in welche Richtung es gehen sollte. Miriam drehte sich um ihre eigene Achse, wandte sich dann wieder ihrer Begleiterin zu. Inzwischen hatten sich die Augen der beiden Frauen etwas an die Dunkelheit gewöhnt und sie konnten manches erkennen.

„Wo sind wir?“, fragte die Namenlose.

Bislang hatte sie sich nicht umgedreht und darüber war Miriam froh. So blieb es der Unbekannten wenigstens erspart, sich den Kadaver des Wesens ansehen zu müssen. Auch der üble Gestank war inzwischen verflogen. Vielleicht hatte sich Miriam diesen auch nur eingebildet.

„Ich weiß es nicht. Doch wir sollten nicht hier sein! Das ist nicht unser Land!“

„Wie meinst du das?“

„Es gibt hinter dem Schattenreich ein Land, das in ständiger Dunkelheit liegt. Es ist das Reich des Bösen und ich weiß nicht genau, wie wir hierher gelangt sind. Doch bevor der Tunnel verschwunden ist habe ich gesehen, wie noch ein Wesen hindurchgekommen ist und schnell weghuschte. Es wollte nicht entdeckt werden. Ich glaube, es verfolgt uns. Das zweite Ding hat es nicht geschafft.“

„Das Wesen, das so laut geschrien hat?“

Da die namenlose Frau nicht nach hinten gesehen hatte, waren ihr die Ereignisse verborgen geblieben. Auch jetzt rührte sie sich noch nicht. Miriam kam auf sie zu und ergriff wieder ihre Hand. Während sie durch das Licht gerannt waren, hatte sie losgelassen.

„Genau das. Aber eines hat es ja geschafft. Es ist uns gefolgt. Meine Mutter hat mir einmal von ihnen erzählt. Diese Wesen habe ich zuvor aber noch nie gesehen und ich weiß nicht, wie gefährlich sie sind“, flüsterte Miriam und versuchte, Ruhe in ihrer Stimme zu bewahren.

Das gelang ihr sogar besser als gedacht und überraschte sie selbst.

„Was ist das für ein Wesen?“

„Ganz genau weiß ich es nicht. Ich glaube aber, es könnte ein Usure sein. Die Usuren sind ein Naturvolk, ebenfalls aus dem Schattenreich. Sein Aussehen passt zu der Beschreibung in den Erzählungen meiner Mutter. Sie greifen uns immer wieder an, da sie sich mit dem Bösen verbündet haben. Einst waren sie Freunde und unsere Handelspartner, das hat mir meine Mutter wenigstens so erzählt. Jetzt aber sind sie unsere Feinde und sie scheinen gefährlich zu sein! So flink und unberechenbar.“

Miriam sprach nicht weiter. Die Reaktion der Namenlosen konnte sie nicht erkennen. Da ihr Handgelenk aber fest umklammert wurde, spürte sie das Zittern.

„Ich kenne weder meinen Namen, noch weiß ich, woher ich komme. Selbst deinen Namen kenne ich nicht.“

Auch in der unsicheren Stimme schwang das Zittern mit. Mit ihrer zweiten Hand strich Miriam über den eiskalten Handrücken der Fremden und beruhigte sie so etwas.

„Ich heiße Miriam von Drestand. Deinen Namen kenne ich leider nicht. Als du von den Lichtwächtern zu uns gebracht wurdest, ist er uns nicht genannt worden. Wir haben auch nicht weiter danach gefragt.“

„Oh“, war die enttäuschte Reaktion der Namenlosen, dann nach einer kurzen Pause, „Miriam von Drestand klingt adelig.“

„Das bin ich in keiner Weise. Wir tragen den Ort, aus dem wir stammen, in unserem Namen.“

„Ich verstehe. Wo wohl …“

In einiger Entfernung war ein Laut zu hören. Es hörte sich nach einem Knurren an. Leise und fast unhörbar drang dieser Laut zu den Frauen vor und ließ sie wieder wachsam werden.

„Lass uns gehen. Wir müssen einen Weg aus dem Dunkel heraus finden. Wir dürfen uns hier nicht allzu lange aufhalten!“

Langsam gingen die Frauen los, ohne dass sie viel von ihrer Umgebung erkennen konnten. Der Boden war steinig und fest. Das spürten sie unter ihren Füßen. Welche Richtung sie einschlagen sollten wussten sie allerdings nicht. Einfach geradeaus weiter konnte genau so richtig oder falsch sein wie umzudrehen, nach links oder rechts zu gehen.

Da sich ihre Augen immer mehr an die Dunkelheit gewöhnten, konnten sie ein paar schemenhafte Umrisse erkennen. Ein Felsmassiv baute sich vor ihnen auf. Es gab einen Weg, der offensichtlich in das Massiv hinein führte. Doch wohin der Weg sie führen würde, davon hatten sie beide keine Ahnung. Die Namenlose bekam ein seltsames Gefühl im Bauch. Jeder Schritt, den sie machten, verstärkte das Gefühl noch mehr und ließ ihren Puls immer schneller werden. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn, obwohl es um sie herum kalt war. Das mochte aber auch an der Dunkelheit liegen, die ihr Angst machte. Schon immer fürchtete sie die Dunkelheit.

„Das ist bestimmt die falsche Richtung. Wir sollten lieber in die andere Richtung gehen. Bitte, Miriam.“

Das Flehen in der Stimme war nicht zu überhören. Trotzdem behielt Miriam die Richtung bei.

„Nein. Falls der Weg auf den Berg führt, können wir vielleicht von dort oben aus etwas sehen. Nun komm schon.“

Ihre Begleiterin war stehengeblieben und machte keine Anstalten, weiterzugehen. Doch Miriam hatte ein gutes Gefühl dabei, den Weg zum Berg zu nehmen. Wer von den beiden Frauen letztendlich recht behalten würde, das würde sich zeigen, wenn ein Ziel erreicht war.

„Ich bin mir da gar nicht sicher.“

„Etwas verfolgt uns und es ist hinter dir her. Nun komm endlich.“

Die letzten Worte unterstrich Miriam mit einem auffordernden Wink ihres rechten Armes.

„Haben sie uns wegen mir angegriffen? Ich weiß nicht einmal, wer ich bin oder woher ich komme. Warum also?“