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Die Vollversammlung des Lichtrats wird durch einen Anschlag gestört, bei dem auch einige Lichtwächter und selbst der amtierende Protektor beteiligt sind. Für Egmont und seine Freunde ist damit klar: Das Böse hat den Krieg begonnen. Die Lichtwächter werden Unterstützung brauchen, damit sie die Bevölkerung Andravóns vor dem Bösen beschützen können. Diese Hilfe bekommen die Lichtwächter von ganz unerwarteter Seite. Auch die Erde wird von den Ereignissen auf Andravón beeinflusst und von hier machen sich drei Frauen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auf, um den Lichtwächtern im Krieg gegen das Böse beizustehen. In Band 6 Ära der Lichtwächter – Quantum gibt ein Wiedersehen mit den Lichtwächtern Egmont, Gerard und David. Für eine Überraschung im Kampf gegen das Böse sorgt eine Person, die für immer verloren zu sein schien.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Klaus Pfrommer
Ära der Lichtwächter
Quantum
Klaus Pfrommer
Ära der Lichtwächter
Quantum
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
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1. Auflage 2023
ISBN 978-3-96438-073-9
© 2023 Südwestbuch Verlag
SWB Media Entertainment, Sommenhardter Weg 7, 75365 Calw
Lektorat: Johanna Ziwich, Waiblingen
Titelgestaltung: Gerd Schweikert, Waiblingen
Satz: Julia Karl, Oberrot
Druck, Verarbeitung: Custom Printing PL
Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.
www.suedwestbuch.de
„Sarah, wo bist du?“
Es war ihr Mann, der nach ihr rief. Die junge Frau war gerade in der Waschküche beschäftigt und als sie die Stimme vernahm, war ihre gute Laune von einem Augenblick zum anderen wie weggefegt. Sie verhieß nichts Gutes, wie ihr der Tonfall verriet. Ihr Mann konnte aber noch nicht bemerkt haben, dass das Essen noch nicht auf dem Tisch stand. Er war doch gerade erst in den Flur getreten. Es war auch nicht ihre Art, ihren Mann mit dem Essen warten zu lassen, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Er schuftete schwer auf den Feldern und kam immer hungrig heim. Heute war er jedoch früher zurück, als das sonst der Fall war, auch das beunruhigte Sarah.
Am Nachmittag hatte sie mit der Nachbarin geplaudert und sie kamen dabei auch auf die Unruhen, die überall im Land aufloderten, zu sprechen. Gemeinsam saßen sie auf einer Bank vor dem Haus. Ihre Nachbarin war eigentlich nur gekommen, um ein paar Rüben aus ihrem Garten vorbeizubringen, die Sarah zu einem deftigen Eintopf verarbeiten wollte. Nur kurz wollte Hedwig, die Nachbarin, bleiben, doch dann vertieften sie ihr Gespräch. Darüber vergaßen die Frauen die Zeit und als sie das bemerkten, mussten sich beide sputen. Schließlich waren sie gute Ehefrauen, die ihren Pflichten gerne nachkamen und sehr pflichtbewusst waren. Sarah liebte ihren Mann von Herzen und enttäuschen wollte sie ihn nicht.
„Ich bin mit der Wäsche beschäftigt“, rief sie zurück und legte weiter Kleidungsstücke zusammen, die sie kurze Zeit davor von der Leine im Garten genommen hatte. Ein leichter Wind hatte dafür gesorgt, dass die Wäsche schnell trocknete. Der Berg an Wäschestücken mochte heute jedoch kein Ende nehmen. Ausgerechnet heute, wo sie knapp bei Zeit war.
Da ihr Mann so aufgebracht klang, konnte sich Sarah nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren und ließ den letzten Berg Kleidung einfach liegen. Gerade wollte sie aus der Tür gehen, als ihr Mann hereinstürmte.
„Es bleibt keine Zeit mehr! Wir müssen sofort weg von hier!“
Die Worte machten ihr Angst, da Sarah ahnte, was sie bedeuteten. Angekündigt hatte es sich schon vor geraumer Zeit.
Die Siedlung, in der das Paar lebte, lag mitten in der Schattenwelt und fernab von der Hauptstadt Adalger. Die Bewohner waren fast ganz auf sich alleine gestellt und konnten bis vor kurzer Zeit in Ruhe und Frieden leben. Die Felder der Umgebung waren fruchtbar und ertragreich. Ernten konnten sie fast das ganze Jahr über, da es keine unterschiedlichen Jahreszeiten gab. Der Reifezyklus von Obst und Gemüse bestimmte den Lauf der Zeit. Zudem betrieben die Einwohner regen Handel mit ein paar anderen Siedlungen, die nicht allzu weit entfernt lagen.
Doch die dunklen Zeiten, die anbrachen, gingen auch an Sandór nicht spurlos vorüber. Überall auf dem Planeten kam es zu Konflikten zwischen den Andravóianern und den Völkern des Bösen. Einen größeren Angriff gab es jedoch nie und so fühlten sich Sarah und ihr Mann ebenso in Sicherheit wie die anderen Bewohner der Siedlung. Doch das war ein Irrglaube, wie sie nun eines Besseren belehrt wurden.
Der Angriff kam überraschend und aus dem Hinterhalt. Es gab im Vorfeld keine Anzeichen für diesen Überfall. Zum Schutz hatte der Ältestenrat von Sandór jedoch vor nicht allzu langer Zeit eine ständige Bewachung der Siedlung und die Beobachtung des Umlandes veranlasst. Rund um die Uhr sollte der Ort beschützt werden.
Das nützte jedoch nichts. Die Feinde waren gerissen und der Angriff war wohl schon vor langer Zeit geplant worden. Ohne Ankündigung stürmten sie aus allen Richtungen auf Sandór zu. Da die meisten Bewohner der Siedlung unbewaffnet waren, waren sie leichte Opfer. Nur wenige leisteten Widerstand und bezahlten dafür mit ihrem Leben. Die meisten ergriffen die Flucht und hofften zu überleben. Auf die Hilfe der Lichtwächter konnten sie nicht warten. Diese käme zu spät.
Ohne ein paar Habseligkeiten wollte Sarah nicht gehen, da sie wusste, dass sie vielleicht nie mehr hierher zurückkehren konnten. Es gab Erinnerungsstücke, die einfach mitgenommen werden mussten. Sie drehte sich um und wollte nach einer Tasche greifen, die in einem Regal lag. Fast erreichte ihr ausgestreckter Arm das Lederstück schon, als sie weggerissen wurde.
„Nein!“, brüllte ihr Mann, „Dafür bleibt keine Zeit mehr!“
Es tat Roland weh, dass er seine Frau so anbrüllte, denn er liebte sie von ganzem Herzen. Er wollte sie in Sicherheit bringen und mit ihr gemeinsam weiterleben. Die materiellen Güter waren ihm gleich. Sie hatten für das Überleben keine Bedeutung.
„Komm schon, Sarah. Das ist jetzt nicht wichtig!“
Ihr Mann hatte sie fest am Arm gepackt und es tat ihr weh. Tränen des Schmerzes und der Furcht vor dem Feind traten ihr in die Augen und alles um sie herum verschwamm in einem Schleier. Roland zog sie weiter hinter sich her den Flur entlang. Blind griff Sarah nach ein paar Kleidungsstücken, die an einem Kleiderhaken an der Wand hingen. Hauptsache etwas. Hauptsache nicht mit leeren Händen fliehen.
Durch die Hintertür traten sie ins Freie und obwohl Sarah nur wenig in der Dunkelheit erkennen konnte, war es schon zu viel. Eine Nachbarin lag in einer großen Blutlache. Ihr war der Kopf fast komplett abgetrennt worden. Etwas weiter entdeckte sie den Mann der Nachbarin, der aufgespießt an der Scheunenwand hing. Seine Augen waren vor Entsetzen aufgerissen und blickten nun leer zu Boden.
Überall waren Schreie zu hören. Sarah rannte so schnell sie nur konnte mit ihrem Mann in Richtung der Felder und beide hofften, unbeschadet dort anzukommen.
Es gelang ihnen, ohne einem Gegner in die Arme zu laufen, ein hohes Getreidefeld zu erreichen. Das Paar rannte, ohne sich nochmals umzublicken, hinein.
Die Schreie wurden leiser, je weiter sie sich von der Siedlung entfernten und schließlich blieb Roland stehen. Sarah war froh darüber, denn ihre Lungen brannten vor Schmerzen. Sie konnte nur noch flach atmen und bekam einen Hustenanfall. Schnell wurde es aber wieder besser. Ihr Mann hatte sie in seine Arme genommen und drückte sie an sich. Sarah konnte seinen Herzschlag spüren. Sein Puls raste ebenso vor Anstrengung wie ihr eigener.
„Hätte ich es zugelassen, dass du irgendetwas mitnimmst, uns wäre ein Entkommen unmöglich gewesen.“
„Ich weiß“, brachte sie mit flacher Stimme hervor.
„Es tut mir so weh wie dir, dass wir unser Heim so fluchtartig verlassen mussten. Wer weiß, ob wir jemals zurückkehren können.“
Roland entließ Sarah aus seiner Umarmung und legte seine Hände seitlich an ihren Kopf. Sanft drückte er ihn nach oben, damit er in ihre Augen blicken konnte. Die Tränen waren versiegt, doch Trauer und Angst war in ihnen. Sie blickte ihren Mann durch einen leichten Schleier, der immer noch auf ihren Augen lag, an. Roland wirkte plötzlich gealtert, das war ihr bis gerade eben nicht aufgefallen.
„Wir werden es schaffen. Wir werden die Sümpfe erreichen. Dort gibt es ein Portal, durch das wir von hier wegkommen.“
„Glaubst du nicht, dass wir in eine Falle geraten könnten? Das Böse hat das Portal vielleicht erscheinen lassen, um uns alle in die Fänge zu bekommen.“
Seit geraumer Zeit hatten sich überall auf Andravón solche mysteriösen Portale geöffnet. Helle Lichtkreise, manche nur ein paar Meter, andere etliche Meter hoch. Das Erscheinen hatte den Bewohnern von Andravón zuerst Angst gemacht. Doch sie lernten mit ihnen zu leben, und auch aus Adalger gab es bald Entwarnung. Die Portale waren kein Werk des Bösen, allerdings wusste auch niemand, welchen Zweck sie erfüllten und wohin sie führten. Es gab keinen Freiwilligen, der das austesten wollte.
„Das Portal ist unsere einzige Chance! Wir müssen es wagen.“
Roland streckte seiner Frau die rechte Hand entgegen, die danach griff.
„Ich vertraue dir.“
„Ich liebe dich mehr als alles andere auf dieser Welt und nur du bist mir wichtig. Lass uns weitergehen.“
Sarah nickte und ging neben ihrem Mann her, der zügig voranschritt. In der Nähe waren weitere Stimmen zu hören. Sie waren also nicht die Einzigen, die es bis hierher geschafft hatten. Ganz alleine waren sie nicht und das stimmte Sarah ein wenig hoffnungsvoller.
Das Getreidefeld ging in eine Wiese mit hohem Gras über. Hier waren sie nicht mehr komplett geschützt und sie konnten von den Feinden entdeckt werden. Einzig das Zwielicht bot noch ein wenig Schutz.
Roland ging seiner Frau immer zwei Schritt voraus. Mehr und mehr Bewohner der Siedlung kamen aus der Deckung des Getreides und folgten den anderen. Sarah war froh, dass sie nicht alleine weitergehen mussten.
Ihr Mann blieb stehen, als sich ihnen ein Paar näherte. Er schien sie zu kennen, ihr waren sie jedoch unbekannt. Sarah konnte sich aber auch irren, da in dem Dämmerlicht auf die Entfernung nicht viel mehr als ein paar Umrisse zu erkennen waren.
„Ihr habt es auch geschafft und seid entkommen.“
„Es war knapp“, erwiderte der Mann, den Sarah nun als Vasir erkannte.
Er und seine Frau wohnten nur einige Häuser weiter. Magda trat zu den dreien heran und wirkte komplett verstört. Nicht einmal eine Begrüßung kam ihr über die Lippen.
„Meine Frau hatten sie sich schon geschnappt und ein abscheulicher Chimäre wollte über sie herfallen und sich an ihr vergehen! Widerwärtig. Ihm und einem weiteren Ungeheuer, das sie auf den Boden drückte, konnte ich die Köpfe abschlagen. Der Dritte lief dann weg.“
Als Magda die Worte ihres Mannes vernahm, stürzten Tränen aus ihren Augen. Sarah packte sie und umschlang sie mit ihren Armen. Dabei bemerkte sie auch das zerrissene Kleid, das in Fetzen an Magdas Körper hing. Sie wollte ihr mit der Umarmung ein wenig Trost spenden. Es half, denn das Beben in Magdas Körper ebbte langsam ab und die Tränen, die bis eben über ihre Wangen geronnen waren, versiegten.
„Wir sollten schleunigst zusehen, dass wir zu den Sümpfen gelangen. Dort hat sich wohl eines dieser Portale geöffnet, von denen wir schon gehört haben.“
„Hast du es denn gesehen?“, fragte Vasir nach.
„Bislang nicht, aber viele andere aus unserer Siedlung. Und es sind verlässliche Quellen, denen ich vertraue. Lasst uns rasch weitergehen.“
Unbewusst übernahm Roland die Führung und das gefiel seiner Frau. Sie fand, ihr Mann hatte eine besondere, autoritäre Ausstrahlung. Sie marschierten umgehend los. Magda hatte nach Sarahs Hand gegriffen und hielt sich an ihr fest. Sarah erwiderte mit einem leichten Druck. Wortlos gingen die beiden Frauen hinter ihren Männern her. Der Weg bis zum Sumpf war noch weit.
Hinter ihnen machte sich plötzlich Unruhe unter den anderen Geflohenen breit und sie begannen, an den Vieren vorbeizurennen.
„Sie kommen!“, schrie ein junger Mann, der gerade an ihnen vorbeisprintete.
Sarah wagte es nicht nach hinten zu sehen, sondern blickte sorgenvoll ihren Mann an, der stehengeblieben war und einen Blick zurück wagte. Sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.
„Lauft!“, schrie er die beiden Frauen an.
Ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken rannten sie los, den anderen Bewohnern der Siedlung hinterher. Etlichen war die Flucht gelungen, doch jetzt ging es abermals um ihr Leben.
„Lass nur nicht meine Hand los!“, flehte Magda Sarah an.
„Das werde ich nicht.“
Das Keuchen hinter ihr verriet Sarah, dass ihre Männer ihnen dicht auf den Fersen waren. Sie legte ein ordentliches Tempo vor, doch sie wusste nicht, wie lange sie das durchhalten würde. Ganz zu schweigen von Magda. Die Frau war von behäbiger Natur und atmete jetzt schon heftig.
Es ging einen steilen Abhang hinab und im Dämmerlicht war nicht zu erkennen, wohin sie traten. Ihre Männer sahen sie nicht mehr und in Sarah kam leichte Panik auf. Noch immer umklammerte Magda ihre Hand. Plötzlich wurde Sarah von ihrer Mitläuferin zu Boden gerissen.
„Verdammt!“, schrie Magda auf.
Im Dunklen war sie über einen Stein, der aus dem Boden ragte, gestolpert und zu Fall gebracht worden. Sarahs Hand ließ sie dennoch nicht los, da sie hoffte, so den Sturz verhindern zu können. Doch es half nichts. Der Fall war nicht mehr zu stoppen und sie stürzte den Abhang hinab. Sarah mit ihr. Immer wieder drehte sich Magda um ihre eigene Achse und Schmerzen schossen durch ihren Körper. Das trieb ihr Tränen in die Augen und verschleierte ihren Blick. Nur langsam kam sie zum Halten und lag alleine in der Dunkelheit. Sie spürte nassen Boden unter ihren Händen. Magda jammerte und rief nach Sarah.
„Wo bist du? Lass mich hier nicht alleine zurück!“
Es kam keine Antwort und zu den Schmerzen gesellte sich Panik. Warum sie in diesem Augenblick nach ihrer Nachbarin und nicht nach ihrem Mann rief, wusste sie selbst nicht.
„Ich bin noch hier. Hast du dich verletzt“, kam schließlich die Erwiderung von irgendwoher.
Aus welcher Richtung, das konnte Magda nicht ausmachen. Sie versuchte aufzustehen, merkte aber sofort, dass ihr rechter Knöchel verstaucht war. Mit ihm war sie gegen den Stein gestoßen.
„Da bist du ja. Steh auf! Wir müssen weiter.“
„Ich glaube, ich kann nicht. Mein Knöchel tut so weh.“
Bei dem Versuch aufzustehen schoss der Schmerz durch ihren ganzen Körper und sie jaulte auf.
„Gib mir deine Hand. Ich zieh dich hoch.“
Sarah streckte ihren Arm aus und reichte Magda die Hand, damit sie sich daran festhalten konnte. Sie fühlte mit ihrer Nachbarin und hoffte, ihr Halt geben zu können.
„Fast hätte ich euch aus den Augen verloren“, erklang plötzlich die Stimme von Roland.
Er kam von rechts auf sie zu. Sarah hatte ihn auf ihrer linken Seite vermutet, doch da hatte sie sich wohl geirrt. Das spielte im Augenblick aber auch keine Rolle. Wichtig war nur, dass ihr Mann da war.
„Keine Zeit auszuruhen. Der Feind ist schon ganz nahe. Kommt!“
„Magda ist gestürzt und kann jetzt nicht aufstehen. Wir müssen ihr gemeinsam helfen.“
Doch auf die Worte hörte Roland nicht. Er hatte seine Frau am Arm gepackt und zerrte sie einfach hinter sich her. Sarah hielt Magda immer noch fest und zog sie somit hoch. Ein Schmerzensschrei hallte durch das Dunkel.
„Ich kann nicht auftreten!“
Magda knickte mit dem rechten Fuß um und geriet abermals ins Straucheln. Sie versuchte sich weiterhin an Sarah festzuhalten, die aber offensichtlich von ihr weggezerrt wurde. Damit sie nicht wieder stürzte, ließ Magda die Hand von Sarah los.
„Nein! Roland, wir können Magda nicht zurücklassen! Sie wird getötet werden“, schluchzte Sarah.
„Ihr Mann soll ihr helfen. Komm, es geht um unser Leben.“
„Wie kannst du nur so kaltherzig sein“, erwiderte Sarah und befreite sich aus dem Griff ihres Mannes.
„Das hat nichts mit Kaltherzigkeit zu tun. Vasir ist nicht mehr da. Er ist einfach weitergerannt und hat seine Frau zurückgelassen. Jetzt komm!“
Tränen schossen Sarah über die Wangen, aber an der Seite ihres Mannes rannte sie weiter in Richtung der Sümpfe.
„Wir haben es fast schon geschafft“, meinte ihr Mann.
Seine Stimme klang eher bekümmert und sie merkte, dass auch er Magda nicht gerne zurückgelassen hatte.
Es ging in einer Senke über ein Stück grün bewachsenes Land und dahinter folgte ein Hügel. Diesen mussten die Fliehenden noch überqueren, wenn sie in Sicherheit gelangen wollten.
Roland wusste, dass hinter dem Hügel das Sumpfland begann und dort hatte sich eines der Portale geöffnet, wie so viele andere auch auf Andravón.
„Wir haben es fast geschafft, Sarah.“
Wirklich glücklich darüber war sie nicht. Plötzlich trat ihnen ein Mann entgegen. Sarah erkannte ihn nicht sofort.
„Wo ist Magda? Ich bin so schnell gerannt und hab dabei gar nicht gemerkt, dass ich euch verloren habe.“
„Sie ist gestürzt, als wir den letzten Berg runtergerannt sind“, war die knappe Antwort von Sarah, die inzwischen außer Puste war.
„Wir konnten sie nicht mitnehmen, sie hat sich offensichtlich den Knöchel verstaucht. Es tut …“
Die letzten Worte hörte Vasir nicht mehr, da er losgerannt war und in der Dunkelheit bereits nicht mehr zu sehen war.
„Komm, lass uns weitergehen. Vasir wird seine Frau finden und dann kommen sie nach, da bin ich ganz sicher.“
Die Worte richtete Roland an seine Frau und wusste genau, dass er sie belog. Schreie waren zu hören und die bedeuteten nichts Gutes. Im Laufschritt folgte das Ehepaar weiteren Geflüchteten und der letzte Hügel vor dem Sumpf war schon sehr nahe. Über seinen Rand hinweg schimmerte helles Licht dem Himmel entgegen und Sarah war fast versucht, vor Erstaunen stehenzubleiben. Doch das kam nicht in Frage und Roland griff nach ihrer Hand.
„Wir müssen uns beeilen. Die Feinde rücken immer näher.“
Sie erwiderte nichts, sondern rannte weiter. Ihr Mann war neben ihr und hatte sein Tempo an das ihre angepasst. Nach guten dreihundert Metern hatten sie den Fuß des Hügels erreicht. Ganz in der Nähe erklommen ein paar Geflohene bereits die Anhöhe und das Ehepaar tat es ihnen gleich.
Schnell kamen sie voran, und je höher sie gelangten, umso heller wurde es. Das Licht brachte etwas Hoffnung mit sich. Hinter sich hörte Sarah jedoch viele Schreie und das bedeutete, dass der Feind schon sehr nahe gekommen war.
„Nur noch ein kleines Stück, dann sind wir in Sicherheit.“
Roland sprach die Worte zu seiner Frau, ohne sich nach ihr umzudrehen. Eine letzte Anstrengung und dann hatten sie den Kamm des Hügels erreicht. Sarah blickte nach vorne und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Vor ihnen im Sumpf türmte sich ein riesiges Portal auf, aus dessen Mitte weißes Licht herausströmte und die Nacht erhellte. Sie erkannte einige Leute, die bereits über eine Art Brücke darauf zugingen. Das Licht verschluckte sie.
„Bleib nicht stehen und komm!“
Roland war bereits am Abstieg. Er hatte aber gemerkt, dass ihm seine Frau nicht mehr folgte und war ebenfalls stehengeblieben. Er blickte über seine Schulter zurück und sah seine Frau noch immer mit vor Staunen offenem Mund auf dem Hügelkamm stehen.
Sarah konnte den Blick nicht von dem Portal abwenden. Ihr Mann hatte davon erzählt, doch so imposant war es von ihm nicht beschrieben worden. Das konnte er auch nicht, da er es bislang auch noch nicht persönlich gesehen hatte und es nur aus der Erzählung einiger Arbeitskollegen kannte.
Plötzlich surrte ein Pfeil ganz nahe an ihrem Kopf vorbei, vor dem sie sich wahnsinnig erschreckte. Sarah stieß einen spitzen Schrei aus und begann zu rennen. Auf der Seite zum Sumpf hin war der Hügel etwas steiler und fast wäre sie gestürzt, hätte ihr Mann sie nicht aufgefangen.
„Das war knapp“, sagte er und meinte damit den Pfeil, der durch die Luft geflogen war.
„Komm weiter, pass aber auf, wohin du trittst!“
„Das werde ich.“
So kurz vor dem Ziel wollte Sarah nicht mehr versagen und achtete darauf, wohin sie trat. Durch das Licht des Portals war es hell und sie konnte den Boden sehr gut erkennen. In der Hälfte der Zeit, die sie für den Aufstieg benötigt hatten, war der Grund beim Sumpf erreicht.
„Hier müssen wir nochmals besonders aufpassen. Ein Fehltritt und …“
Seinen Satz musste er nicht vollenden, denn etwas weiter rechts versank gerade ein Mann in dem Sumpf. Alle Versuche, wieder herauszukommen, waren vergebens. Der Morast verschlang ihn. Entsetzt wandte Sarah ihren Blick ab.
„Lass mich vorausgehen“, meinte Roland zu seiner Frau, „ich kenne den Weg durch den Sumpf zum Portal.“
Es war eine weitere Lüge, denn er war noch nie hier gewesen. Erstaunt über die Worte ihres Mannes machte Sarah einen kleinen Schritt auf die Seite, nur um von ihm zurückgerissen zu werden.
„Vorsicht, meine Liebe, beinahe hättest du dir einen Fehltritt geleistet. Geh genau hinter mir!“
„Das werde ich“, kam die unsichere Antwort von ihr.
Ihren Blick hatte Sarah leicht nach unten gerichtet, damit sie sehen konnte, wo sie hintreten musste. Hinter ihr gab es plötzlich ein Rumoren und kurze Zeit später erkannte sie eine vertraute Stimme.
„Da seid ihr ja. Wir dachten, wir sehen euch nie wieder.“
Sarahs Mann blieb stehen und drehte sich um.
„Vasir, ich dachte schon, dass ihr nicht mehr entkommen konntet.“
„Wir hatten Glück und konnten uns durchschleichen.“
„Das freut mich. Jetzt aber schnell weiter.“
Keine Sekunde zu früh setzten sich die Vier wieder in Bewegung, denn es flogen abermals Pfeile durch die Luft. Nach einigen Metern hatten sie die Brücke, die zum Portal führte, erreicht.
„Lass die Frauen zuerst gehen. Wir verteidigen die Brücke für die Nachkömmlinge. Etliche aus unserer Siedlung konnten noch fliehen.“
Mit diesen Worten warf Vasir Roland einen Stab zu. Dann wandte er sich seiner Frau zu.
„Du bist gleich in Sicherheit, Magda. Geh mit Sarah. Ich und Roland verteidigen die Brücke für die anderen, die noch kommen.“
Magda setzte sich mit humpelnden Schritten in Bewegung. Ihr verzerrtes Gesicht verriet die Schmerzen, die sie spürte. Es glich fast einem Wunder, dass sie es so weit geschafft hatte.
„Komm, Sarah, lass uns gehen“, meinte sie und griff nach Sarahs Hand.
„Ich komme sofort nach. Lass mich nur meinen Mann nochmals umarmen.“
Sarah liebte ihren Mann so sehr und sie fand es nicht richtig, dass er und Vasir ihr Leben riskierten für die anderen Leute, die sie nicht einmal kannte. Sie griff nach Rolands Hand. Er umklammerte ihre Hand und drückte fest zu.
„Mir wird nichts mehr passieren. Geh voraus mit Magda. Vasir und ich folgen auch schnell. Es kommen aber noch ein paar Leute.“
„Das musst du nicht machen. Komm mit, ich liebe dich doch so sehr.“
„Ich liebe dich auch von ganzem He…“
Weiter kam Roland nicht mehr. Ein Speer hatte ihn im Genick getroffen und trat in der Höhe des Kehlkopfes wieder heraus. In Zeitlupe kippte er zur Seite. Dabei umklammerte er weiter Sarahs Hand.
„Nein!“, schrie sie entsetzt auf.
Weitere Speere kamen angeflogen und Vasir schlüpfte an ihr vorbei. Sein Leben wollte er für niemanden mehr riskieren. Er wollte nur noch seine Haut und die seiner Frau retten und sich in Sicherheit bringen.
Das bekam Sarah nicht mit. Sie starrte auf ihren Mann, dessen Augen leer waren. Der Tod hatte ihn schnell ereilt. Tränen schossen ihr in die Augen und vernebelten ihren Blick.
Eine kleine Horde von Geflüchteten rannte ihr entgegen und stieß ihren Mann und sie zur Seite. Rolands Hand hatte sich verkrampft und Sarah konnte sich nicht von ihm losreißen. Ihr Mann kippte in den Sumpf und zog sie mit ins Unheil. Sein Körper versank bereits im Morast und zerrte Sarah unweigerlich in die Tiefe.
Ein langer Tag neigte sich dem Ende entgegen. Für Egmont war er anstrengend gewesen. Gemeinsam mit Gerard hatte er eine Rede für die in wenigen Tagen stattfindende Versammlung des Lichtrates erarbeitet und dann auch noch einen Stapel Anträge von Bürgern der Stadt abgearbeitet. Diese Aufgabe hatte er bereits von Garin, dem alten Protektor, übernommen.
Seitdem die Unruhen im Land wieder zugenommen hatten, zogen immer mehr Bewohner der verstreuten Siedlungen in die weiße Stadt. Langsam wurde der Platz knapp und bald musste über eine Erweiterung von Adalger beraten werden. Nach Süden und Westen hin war das kein Problem. Im Osten lag unweit ein hoher, steiler Berg, der eine Bebauung nicht zuließ, und im Norden wäre der Bau von weiteren Brücken vonnöten, da es über den Fluss bisher nur einen schmalen Übergang gab, der gut bewacht wurde, um zu verhindern, dass es unerwünschte Eindringlinge gab. Sollten mehr Brücken gebaut werden, die bei einer nördlichen Stadterweiterung nötig wären, so mussten diese auch bewacht werden. Dafür fehlten aber die notwendigen Männer und so schob Egmont dieses Problem erst einmal zur Seite. Das hatte noch ein wenig Zeit.
Garin, der noch amtierende Protektor und oberster Regent von Andravón, hatte seinen Rücktritt erklärt. Nicht ganz freiwillig war seine Entscheidung gefallen, doch Egmont überzeugte ihn mit Hilfe von Gerard und Askell, dass das besser für den gesamten Lichtrat wäre. Die Uneinigkeiten innerhalb des Rates nahmen im gleichen Maß wie die Unruhen auf dem Planeten zu. Die Bevölkerung wurde nervös, denn es war zu spüren, dass ein Krieg wohl kurz bevorstand.
Eine lange Zeit schon hatte Frieden auf dem Planeten geherrscht. Die Mächte des Guten und des Bösen waren im Gleichgewicht gewesen. Doch ausgerechnet ein Lichtwächter hatte das Gleichgewicht ins Wanken gebracht, als er vom Bösen mit falschen Versprechungen auf die dunkle Seite gelockt worden war und dafür sogar seinen besten Freund betrogen hatte. Dieser Mann war keine geringerer als Gerard gewesen und er hatte dafür gebüßt.
Das war aber eine Geschichte aus einer vergangenen Zeit. Doch sie hatte ihre Spuren hinterlassen. Ein Funke genügte, um wieder die alten Konflikte aufleben zu lassen und dem Bösen einen Vorteil zu verschaffen. Das durfte jedoch nicht geschehen und darum musste eine neue Einigkeit im Lichtrat gefunden werden, wenn sie verhindern wollten, dass der Rat des Guten zerbrechen würde.
Das Böse lauerte nur darauf, und es war dem Magier Nicronaouk, der als Wirt benutzt wurde, bereits gelungen, Garin zu manipulieren und ihn langsam auf die Seite des Dunkels zu ziehen. Der Magier hatte das so geschickt angestellt, dass nicht einmal das Orakel etwas davon bemerkt hatte. Das Allerschlimmste konnte jedoch verhindert und die List des Bösen entlarvt werden.
Da der Protektor die Unterstützung seiner rechten Hand verloren hatte, willigte er schließlich nach etlichen Gesprächen und Debatten ein, abzudanken und so die Wahl eines neuen Protektoren zu ermöglichen. Egmont war lange Zeit seine rechte Hand und ihm treu ergeben gewesen, doch jetzt hatte er sich gegen ihn gestellt.
Es wurde sowieso langsam Zeit, das Zepter an einen Nachfolger abzugeben. In Würde wollte Garin abtreten und Egmont versprach ihm, ihn nicht daran zu hindern oder etwas anderes verlauten zu lassen.
Seinen Rücktritt hatte der Protektor bei der letzten Vollversammlung des Lichtrates erklärt. Die wenigen getreuen Anhänger, die er noch hatte, waren von seiner Verkündung überrascht, denn im Vorfeld hatte Garin ihnen gegenüber nicht die geringste Andeutung gemacht.
Nun stand die Wahl eines neuen Herrschers an und außer Egmont stellte sich erstaunlicherweise niemand zur Wahl. Zu groß schien die Verantwortung zu sein, die das Amt mit sich brachte, zudem in diesen unruhigen Zeiten. Diese Bürde wollte offensichtlich niemand auf sich nehmen. Der Sieg dürfte Egmont also gewiss sein, wenn er alle mit seiner Rede überzeugen konnte, dass er der richtige Nachfolger wäre. Nach altem Brauch sollte die Wahl einstimmig ausfallen.
„Die Rede könnte nicht besser sein“, meinte Gerard, der sie sich ein letztes Mal angehört hatte.
„Das ist sie in der Tat. Es brechen dunkle Zeiten herauf und meine Regentschaft beginnt ausgerechnet mit ihnen, wenn ich denn zum neuen Protektoren gewählt werde.“
„Warum solltest du das nicht? Du bist der einzige Kandidat und jeder hat Respekt vor dir.“
Egmont hätte sich eine andere Zeit für den Beginn gewünscht. Eine Zeit des absoluten Friedens. Doch das war Wunschdenken und er brauchte auch nicht weiter darüber nachzudenken, was wäre, wenn.
„Ein paar Männer muss ich aber noch überzeugen. Sie sind Garin nach wie vor ergeben.“
„Gemeinsam werden wir es schaffen“, bestärkte ihn Gerard.
Sein Gegenüber räusperte sich und er hatte das Gefühl, dass Egmont noch etwas bedrückte.
„Was stört dich, Egmont?“
„Ich möchte dich nicht verletzen, Gerard. Wenn ich dich aber als meine rechte Hand vorschlage, weiß ich nicht, ob die Wahl einstimmig endet.“
So etwas hatte Gerard schon befürchtet. Seine Vergangenheit holte ihn ein weiteres Mal ein. Er hatte zwar den Respekt der meisten Lichtwächter zurückerlangt, aber noch immer gab es ein paar Männer, die gegen ihn waren.
„Das kann ich verstehen. Schließlich habe ich das Gute verraten und stand an der Seite des Magiers. Was war ich für ein Idiot!“
„Keine Vorwürfe mehr. Diese Zeiten haben wir hinter uns gelassen. Wir müssen nach vorne sehen.“
„Wen wirst du also vorschlagen?“
Gerard befürchtete schon, dass Egmont David vorschlagen würde, doch dem war nicht so.
„Ich habe lange Zeit darüber nachgedacht, wen ich als meine rechte Hand vorschlagen könnte. Die Wahl ist mir nicht leichtgefallen. Es muss ein mächtiger Lichtwächter sein, der Autorität und Respekt ausstrahlt.“
„Wenn du damit auf David anspielst …“
„Nein, als ich ihn danach gefragt habe, hat er sofort abgelehnt. David weiß genau, welche Verantwortung der Posten mit sich bringt, und er ist sich auch bewusst, dass ihn das auf Dauer überfordern würde. Er ist wie du – manchmal etwas ungestüm.“
„Wer also soll es sein?“
Eine Idee hatte Gerard bereits und gleich würde er von Egmont erfahren, ob er mit seiner Vermutung richtig liegen würde.
„Meine Wahl ist auf Askell gefallen. Er ist zwar noch nicht allzu lange zurück im Lichtrat, doch er vereint alles in einer Person.“
Innerlich war Gerard ein wenig enttäuscht, denn noch immer gab es in ihm den Funken, der nach der ganz großen Macht greifen wollte. Auf der anderen Seite war ihm klar, dass Egmont eine hervorragende Wahl getroffen hatte. Zusammen würden die beiden Männer ein beachtliches Gespann an der politischen Front bilden. Sein ehemaliger Mentor hatte nur diese Chance, so vom gesamten Lichtrat einstimmig gewählt zu werden. Versunken in Gedanken über die bevorstehende Versammlung hatte Gerard gar nicht wahrgenommen, dass Egmont vom Schreibtisch aufgestanden war. Das merkte er erst, als er von der Seite angesprochen und eine Hand auf seine Schulter gelegt wurde.
„Es war ein langer Tag. Für heute sollten wir Schluss machen. Gerne kannst du bis morgen früh hier sitzen bleiben. Ich für meinen Teil bevorzuge für die Nachtruhe allerdings ein weiches Bett.“
„Oh entschuldige. Ich war kurz in Gedanken. Es ist wirklich schon sehr spät geworden.“
Gerard stand ebenfalls von seinem Stuhl auf und wandte sich in Richtung Tür. Egmont folgte ihm allerdings nicht.
„Ich werde den kurzen Weg nehmen“, sagte er und öffnete einen Lichttunnel.
Gerard musste auflachen. Warum nur hatte er seinen Anstand walten lassen und nicht selbst einen Lichtkreis geöffnet?
„Gute Nacht, Gerard.“
Egmont machte nur einen Schritt, dann war er auch schon verschwunden und der Lichttunnel schloss sich. Gerard blieb noch einen Augenblick stehen und tat es dann seinem ehemaligen Mentor gleich.
Bereits früh am Morgen machte sich David auf den Weg. Sein Ziel war der weiße Palast. Dort wollte er in den sogenannten Beobachtungsraum gehen, um nach seiner Schutzbefohlenen zu sehen. In dem Raum gab es ein magisches Fenster, durch das er auch in die Anderswelt blicken konnte.
In den letzten Wochen hatte er wieder sehr viel an seine Freundin Charlotte denken müssen. Da er Gerards Freundin Elke auf der Erde beschützte, kamen die Erinnerungen an seine Geliebte wieder in ihm hoch.
An manchen Tagen packte ihn die Schwermut. So auch heute und er würde wieder in die Anderswelt blicken, in der Charlotte nun lebte. Das Orakel hatte ihm das offenbart und er war bereits unerlaubterweise auf dem Planeten gewesen, auf dem die verstorbenen Menschen der Erde in einem neuen Körper weiterleben durften. Gefunden hatte er seine Freundin nicht. Gerard hatte ihm zwischenzeitlich sogar bei der Suche geholfen und trotzdem war sie erfolglos geblieben. Charlotte besaß nicht mehr denselben Körper, den sie auf der Erde gehabt hatte. Das machte es schwieriger, sie zu finden.
Obwohl er nur einen Lichtsprung hätte unternehmen müssen, zog es David vor, zu Fuß durch Adalger zu gehen. Der Spaziergang tat ihm gut. Die Luft war an diesem Morgen angenehm frisch und es waren noch nicht allzu viele Leute unterwegs. Die meisten von ihnen waren auf dem Weg zum Markt, um frische Waren einzukaufen. Das war auch der zentrale Treffpunkt der Einwohner. Hier konnten sie den neuesten Klatsch austauschen und sich über die aktuellen Geschehnisse informieren. Bei einem der wenigen Besuche des Marktes, die David in jüngster Zeit unternommen hatte, hörte er viele Theorien, wie es zu den Unruhen auf dem Planeten gekommen war. Die meisten von ihnen waren an den Haaren herbeigezogen und der Lichtwächter hätte den einen oder anderen gerne über die wahren Umstände aufgeklärt. Er zog es allerdings vor, das nicht zu tun.
In den letzten Wochen waren immer mehr Bewohner aus den verstreuten Siedlungen in die Stadt gekommen. Eine neue Unruhe machte sich auf dem Planeten breit und daher suchten viele Schutz in der Stadt, denn sie war gut bewacht und vor den Feinden geschützt. David wohnte in einem Randbezirk in einer etwas besseren Wohngegend. Große Grundstücke mit schön angelegten Gärten bestimmten das Viertel. Als ein Angehöriger des Lichtrates war es für ihn standesgemäß, obwohl er nicht die hohen Ansprüche wie manch anderer Lichtwächter stellte. Er fand, dass einige in dieser Hinsicht hochnäsig gegenüber der restlichen Bevölkerung waren. Ihm stand es trotz seiner Mächte nicht zu, so überheblich zu sein. Das war zumindest seine Meinung, die auch Egmont teilte.
Rasch ging David die Straße entlang und bog um eine Ecke. Der Weg zum Palast war nicht mehr weit. Quer über den Markt war es für ihn am kürzesten.
Freundlich grüßte er eine Markthändlerin, die gerade dabei war, ihren Stand herzurichten. Sie war spät dran, da sie etwas länger als gewöhnlich geschlafen hatte. David kannte die Frau gut, da er oft schon bei ihr eingekauft hatte. Nach ihrem Namen hatte er aber noch nie gefragt. Das fiel ihm auf, als er an ihr vorüberging, ohne an diesem Morgen etwas zu kaufen. Enttäuscht war sie jedoch nicht, da sie David auch sofort erkannte und wusste, dass er nicht jeden Tag bei ihr einkaufte. Sie grüßte mit einem süßen Lächeln zurück und widmete sich dann wieder ihrem Marktstand.
„Hier bist du ja.“
Konzentriert hatte David durch das magische Fenster geblickt und nicht mitbekommen, dass jemand den Raum betreten hatte. Er zuckte leicht zusammen und drehte sich ruckartig in Richtung Tür um. Es war Gerard, der hereingekommen war.
„Erschrecken wollte ich dich so früh am Morgen nicht.“
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass noch jemand hierherkommt. Die wenigen Lichtwächter, die gerade einen Schützling auf der Erde haben, sind alle unterwegs.“
„Wenn du gerade davon sprichst. Ich hoffe doch sehr, dass du gut auf meine Elke achtest.“
„Keine Bange, mein Freund, das mache ich. Sie hat ja auch das Amulett. Seit sie den Usuren getötet hat, ist es ruhig bei ihr. Das Böse scheint allerdings von Neuem auf sie aufmerksam geworden sein.“
„Das klingt nicht so gut. Allerdings verfügt Elke über Kräfte, die noch nicht einmal wir uns hatten ausmalen können.“
„Das stimmt, mein Freund. Wie das aber möglich ist, weiß ich nicht. Im Grunde genommen hat sie meinen Schutz überhaupt nicht nötig.“
David bemerkte sofort den vorwurfsvollen Blick von Gerard und musste seine Aussage korrigieren.
„Ich werde sie trotzdem weiterhin beobachten“, ergänzte er daraufhin sofort.
„Na hoffentlich! Ich glaube, es wird wieder einmal Zeit, sie zu besuchen. Ich vermisse sie.“
Augenblicklich bereute Gerard seine Worte, denn er wusste, wie sehr sich David nach Charlotte sehnte.
„Ich meine …“
„Das kann ich sehr gut verstehen.“
Gerard war auf David zugekommen und stand jetzt direkt neben ihm. Er warf ebenfalls einen Blick durch das magische Fenster und erkannte, dass sein Freund eine bisher unbekannte Gegend zu erforschen schien.
„Du suchst wieder nach ihr!“
