Die RAF-Stasi-Connection - Andreas Kanonenberg - E-Book

Die RAF-Stasi-Connection E-Book

Andreas Kanonenberg

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Beschreibung

Als im Juni 1990 zehn der meistgesuchten RAF-Terroristen in der damaligen DDR festgenommen wurden, war die Öffentlichkeit entsetzt: Das Stasi-Regime hatte westdeutschen Terroristen Unterschlupf gewährt, die seit mehr als einem Jahrzehnt von einem hochgerüsteten Fahndungsapparat vergeblich gesucht worden waren. Doch die hiesigen Ermittlungsbehörden können von dem «Fahndungserfolg» keineswegs so überrascht gewesen sein, wie die Öffentlichkeit glauben sollte: Bereits seit 1985 hatte es konkrete Hinweise von Übersiedlern an bundesdeutsche Behörden gegeben; diese jedoch, namentlich der Bundesnachrichtendienst, zeigten wenig Interesse an den Ermittlungen. Zufall? Wenige Jahre nach dem Beginn der RAF-Stasi-Connection, die, von Inge Viett (Deckname «Maria») eingefädelt und ausgehandelt, die aussteigewilligen Terroristen «entsorgen» sollte, wurde auch der noch aktive harte Kern um Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt verhaftet – unter Umständen, die auch dem Bundeskriminalamt damals überaus mysteriös vorkamen. Zufall? Die Journalisten Michael Müller und Andreas Kanonenberg, deren erste Berichte im WDR-Magazin «Monitor» zur Verhaftung der verantwortlichen Stasi-Offiziere führten, haben die Hintergründe und Folgen dieser Terror-Allianz recherchiert. Mit Hilfe ihrer Ergebnisse läßt sich hier nicht nur die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer bis ins Detail rekonstruieren, sondern sie können auch die meisten Tatvorgänge der RAF bis in die erste Hälfte der 80er Jahre weitgehend aufhellen. Die Indizien, die sie zusammengetragen haben, lassen den Schluß zu, daß die Niederlagen der RAF seit dem Deutschen Herbst bis zu der Verhaftung des harten Kerns im Jahre 1982 nicht das Ergebnis der Aufklärungsarbeit von westdeutschen Ermittlungsbehörden, sondern von der Stasi und anderen Gruppierungen gesteuert und herbeigeführt worden waren. Und sie haben die Spuren verfolgt, die über den Umweg Aden und die «palästinensischen Freunde» mit Beginn der 80er Jahre in die bundesdeutschen Behörden führten.

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Michael Müller • Andreas Kanonenberg

Die RAF-Stasi-Connection

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Als im Juni 1990 zehn der meistgesuchten RAF-Terroristen in der damaligen DDR festgenommen wurden, war die Öffentlichkeit entsetzt: Das Stasi-Regime hatte westdeutschen Terroristen Unterschlupf gewährt, die seit mehr als einem Jahrzehnt von einem hochgerüsteten Fahndungsapparat vergeblich gesucht worden waren.

Doch die hiesigen Ermittlungsbehörden können von dem «Fahndungserfolg» keineswegs so überrascht gewesen sein, wie die Öffentlichkeit glauben sollte: Bereits seit 1985 hatte es konkrete Hinweise von Übersiedlern an bundesdeutsche Behörden gegeben; diese jedoch, namentlich der Bundesnachrichtendienst, zeigten wenig Interesse an den Ermittlungen. Zufall?

Wenige Jahre nach dem Beginn der RAF-Stasi-Connection, die, von Inge Viett (Deckname «Maria») eingefädelt und ausgehandelt, die aussteigewilligen Terroristen «entsorgen» sollte, wurde auch der noch aktive harte Kern um Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt verhaftet – unter Umständen, die auch dem Bundeskriminalamt damals überaus mysteriös vorkamen. Zufall?

Die Journalisten Michael Müller und Andreas Kanonenberg, deren erste Berichte im WDR-Magazin «Monitor» zur Verhaftung der verantwortlichen Stasi-Offiziere führten, haben die Hintergründe und Folgen dieser Terror-Allianz recherchiert. Mit Hilfe ihrer Ergebnisse läßt sich hier nicht nur die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer bis ins Detail rekonstruieren, sondern sie können auch die meisten Tatvorgänge der RAF bis in die erste Hälfte der 80er Jahre weitgehend aufhellen.

Über Michael Müller • Andreas Kanonenberg

Michael Müller, geboren 1965, ist freier Journalist für TV- und Printmedien und Buchautor.

 

Andreas Kanonenberg, geboren 1964, ist freier Autor, Journalist und Regisseur.

Inhaltsübersicht

Aufgrund einer einstweiligen ...VorwortDie WendeEine AnzeigeEine FluchtEine VerhaftungDer Deutsche HerbstDie Entführung von Hanns Martin SchleyerMogadischu und die Toten von StammheimDer Zerfall der RAFDas Trojanische Pferd der StasiInge Viett und die «Bewegung 2. Juni»Ein Mann namens Harry«Aktion Joghurttopf»Neubeginn in der Wüste«Aktion Hengst»Banküberfälle und der «finale Todesschuß»Der Anschlag auf Nato-General HaigDie «antiimperialistische Front»Überfall in ZürichFluchtpunkt DDRDie AussteigerWarnung vor dem «kleinen Bruder»Das Forsthaus in BriesenIn der Hand der StasiDie neue HeimatDer Panzerfaust-Anschlag auf General KroesenDer CountdownDas Ende der 77er-GenerationDie Dienste und das «Depot I»Der Ausstieg von Inge ViettDer Kampf geht weiter?Und keiner fragt nachChronik der EreignisseRegister

Aufgrund einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts Berlin sind wir gezwungen, einige Passagen dieses Buches zu schwärzen.

Wir bitten den Leser um Entschuldigung.

 

Rowohlt • Berlin

 

 

Berlin, im Februar 1992

Vorwort

Als im Juni 1990 kurz hintereinander zehn der meistgesuchten RAF-Terroristen in der damals noch existierenden DDR festgenommen wurden, war die deutsche Öffentlichkeit entsetzt. Das Stasi-Regime hatte westdeutschen Terroristen Unterschlupf gewährt, die seit mehr als einem Jahrzehnt von den bundesdeutschen Behörden vergeblich gesucht worden waren. Alle waren überrascht, niemand hatte etwas geahnt, niemand etwas gewußt. Die Politiker sonnten sich im Erfolg der eilig erfundenen Fahndungsunion, und der damalige DDR-Innenminister Peter Michael Diestel bescheinigte seinen Behörden hervorragende Ermittlungsarbeit in Zusammenarbeit mit den westdeutschen Dienststellen.

Bei unseren nunmehr fast zweijährigen Recherchen zu den Hintergründen dieser «historischen» Sensation stellten wir bald fest, daß die überraschten Gesichter, die in den Diensten und Behörden gemacht wurden, wohl doch eher eine für die Öffentlichkeit bestimmte Inszenierung gewesen sein müssen und die Fahndungserfolge keineswegs von ungefähr kamen. Im komplexen Geflecht bundesdeutscher Geheimdienste und Kriminalämter hatte es schon Jahre vorher sehr konkrete Hinweise auf den Verbleib von RAF-Mitgliedern in der DDR gegeben. Die deutsche Öffentlichkeit hatte davon allerdings nie etwas erfahren. Wir stellten uns natürlich die Frage, warum dies verschwiegen worden war. Warum in allen öffentlichen Einrichtungen nach wie vor Personen auf Fahndungsplakaten ausgeschrieben wurden, die doch längst im Arbeiter-und-Bauern-Paradies vermutet werden mußten. Und warum die bundesdeutschen Dienste es eher vorgezogen hatten, sich an den Spekulationen zu beteiligen, wer von den Top-Terroristen im Nahen Osten untergetaucht sein könnte, als den Hinweisen auf ihren Aufenthalt im realsozialistischen Weimar oder Erfurt nachzugehen. Nicht nur, daß solchen Hinweisen nicht in einer Weise nachgegangen wurde, wie man es bei Personen hätte erwarten dürfen, die doch schwerer Verbrechen beschuldigt wurden, im weiteren Verlauf unserer Recherchen verstärkte sich immer mehr der Eindruck, daß man diesen Hinweisen auch gar nicht nachgehen wollte. Sie wurden liegengelassen, nicht bearbeitet, verschleppt, ignoriert oder abgestritten. Als wir an einem entsprechenden Beitrag für das Fernsehmagazin «Monitor» 1990 arbeiteten und kurz vor Ausstrahlung der Sendung Waldemar Schreckenberger – Mitte der achtziger Jahre im Kanzleramt zuständig für die Koordinierung der Geheimdienste – dazu befragten, stritt dieser am Telefon ab, jemals Hinweise auf Terroristen in der DDR bekommen zu haben.

Im Sommer 1990 begannen Beamte des Bundeskriminalamtes, unterstützt vom Zentralen Kriminalamt in Ost-Berlin, mit Ermittlungen zu einem Komplex, der den Vorwurf der Beherbergung von Terroristen noch weit übertraf: Es ging den Ermittlern um die Frage, ob es eine aktive Unterstützung seitens des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR für die Terroristen gegeben hatte. Wieder erfuhr die Öffentlichkeit nichts von den konkreten Vorgängen und Ermittlungsergebnissen. In aller Stille vernahmen die Beamten des Bundeskriminalamtes ehemalige MfS-Offiziere zu so ungeheuerlichen Vorwürfen wie der Ausbildung von RAF-Terroristen an Sprengstoffen, Maschinenpistolen und Panzerfäusten. Nach diesen «Zeugenvernehmungen» durften die Beteiligten allerdings aus «polizeitaktischen Gründen» wieder ihrer Wege ziehen. Erst durch eine weitere Fernsehveröffentlichung von uns, in der wir die Ausbildung an der Panzerfaust, die Christian Klar, Adelheid Schulz, Brigitte Mohnhaupt und andere in der DDR von der Stasi erhalten hatten, auf das Jahr 1981 datierten – und damit vor dem Anschlag auf den Nato-General Frederik Kroesen –, sahen sich die bundesdeutschen Behörden genötigt zu handeln und die entsprechenden verantwortlichen Stasi-Offiziere in Haft zu nehmen. Für ungefähr zwei Wochen machte die «RAF-Stasi-Connection» erneut Schlagzeilen, bis sie wieder aus dem Blickfeld des öffentlichen Interesses rückte.

Ungeachtet der mit Verbissenheit geführten Diskussion um die Stasi-Vergangenheit und ungeachtet der bundesdeutschen Terrorismusphobie, sind die Hintergründe dieser unheiligen Verbindung nicht geklärt – obwohl oder vielleicht gerade weil sich viele weitergehende Fragen und gesamtdeutsche Interessen hinter dieser Terrorallianz zu verbergen scheinen. Niemand – auf beiden Seiten – scheint ein ernsthaftes Interesse an der Erhellung dieser Hintergründe zu haben.

Die Vernehmungsprotokolle der zehn in der DDR inhaftierten RAF-Mitglieder addieren sich mittlerweile zu mehreren tausend Seiten Aussagen, mit deren Hilfe sich die Tatvorgänge des Deutschen Herbstes 1977 und der ersten Hälfte der achtziger Jahre weitgehend aufhellen und rekonstruieren lassen, auch die Geschehnisse um die Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer, die wir hier bis in die Einzelheiten hinein zum erstenmal rekonstruieren können. Selbst die bis heute ungeklärte Frage, wer Hanns Martin Schleyer erschossen hat, kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit beantwortet werden.

Seit dem Deutschen Herbst, als der Versuch, mit der Entführung Schleyers und der Lufthansa-Maschine «Landshut» die «Stammheimer» Baader, Ensslin, Raspe, Möller und Co. freizupressen, scheiterte, war der Weg der RAF-Generation von 1977 gepflastert mit Niederlagen, Verhaftungen und Toten. Einen Teil der Gruppe trieb diese Entwicklung in den Ausstieg, zu dem der «kleine Bruder», wie die DDR im RAF-Jargon hieß, hilfreich die Hand reichte, der «harte Kern» aber bombte und mordete weiter und rieb sich dabei selber auf. Doch die Selbstzerstörung der Rote Armee Fraktion war nicht zuletzt in der mit dem Aussteigerprogramm legitimierten Stasi-Connection begründet. Die Selbstüberschätzung eines verlorenen Häufchens von Terroristen, die sich am Ziel ihrer Träume wähnten, als sie vom DDR-Staat als Partner im internationalen Klassenkampf vermeintlich akzeptiert wurden, erhielt von diesem «Partner», als es ihm opportun erschien, eine gnadenlose Quittung.

Wie es zu dieser unseligen Allianz zwischen der DDR und dem westdeutschen Terrorismus überhaupt hatte kommen können, ist bis heute weitgehend ungeklärt. Und die Bemühungen um Aufhellung, zum Beispiel in den Prozessen um die ausgestiegenen Ex-Terroristen, bleiben an der Oberfläche. Es werden Tatbeteiligungen und Strafmaße gesucht, nicht Erklärungen für politische Zusammenhänge. Zu bequem scheint die Mußmaßung, der böse Krake Stasi sei eben zu allem fähig gewesen – was ja auch stimmt –, als daß noch jemand die Frage stellen mag, welches konkrete Interesse denn in dieser Verbindung gelegen haben könnte.

Unsere Recherchen legten nach und nach erst den perfiden Kern der RAF-Stasi-Connection frei – eine Liaison, in die die RAF hineintappte, weil sie den letzten Ausweg aus einem Zustand tiefster Orientierungslosigkeit zu bieten schien, während die DDR die West-Terroristen mit strategischer Präzision einfing, aushorchte und für ihre Interessen instrumentalisierte. Die Analyse der Geschehnisse und der Aussagen der Terror-Rentner aus der DDR sowie ihrer ehemaligen Stasi-Genossen läßt sich in einer langen Kette von Hinweisen und Indizien verdichten, die den Schluß zulassen: Vieles an den Niederlagen der RAF bis zu den Verhaftungen des harten Kerns, Adelheid Schulz, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, Ende 1982 war – allem Anschein nach – weder Zufall noch Ergebnis der Aufklärungsarbeit westdeutscher Ermittlungsbehörden, sondern vom Staatssicherheitsdienst der DDR und anderen Gruppierungen gesteuert und herbeigeführt. █ █ Doch die Schlüsse, die wir in diesem Buch ziehen, stoßen bis heute bei fast allen verantwortlichen Kriminalisten oder Nachrichtendienstlern auf Unglauben oder erschreckte Abwehr. Nachfrage █ ist nach wie vor unerwünscht. Einige unserer Gesprächspartner scheinen auch einfach Angst zu haben, es könnten weitere Fakten ans Tageslicht kommen, die noch mehr Ungeheuerlichkeiten über diesen ohnehin schon ungeheuren Terror-Deal aufdecken. Und diese Angst betrifft Personen aus beiden Teilen des heutigen Gesamtdeutschlands.

Dieses Buch ist der Versuch, eines der mysteriösesten Kapitel der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte zu beschreiben und seine Hintergründe aufzuzeigen. Unsere Darstellung beruht auf Akten, Ermittlungsergebnissen verschiedenster Stellen und Recherchen bei Behörden und Nachrichtendiensten. Ein solches Projekt ist nicht möglich ohne die Mithilfe von Menschen, die im Besitz erstklassiger Einblicke und Informationen sind und diese – aus unterschiedlichen Gründen – der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Die meisten dieser «Quellen» können hier nicht genannt werden, da sie sonst persönliche oder berufliche Nachteile zu befürchten hätten. Aber sie werden sich hier wiederfinden.

Die Hintergründe des Terror-Deals zwischen RAF und Stasi – und vielleicht auch noch anderer Dienste – werden nicht vollkommen lückenlos beschrieben werden können. Viele Akten sind nicht zugänglich oder vernichtet. Bis zur Drucklegung dieses Buches war es nicht möglich, Einblick in die Aktenbestände der Behörde des Sonderbeauftragten der Bundesregierung, Gauck, zu erhalten. Die gesetzlichen Grundlagen für die Aufarbeitung der schriftlichen Zeugnisse der Stasi-Herrschaft bestehen zwar mittlerweile, doch der Zugang zu den Terrorakten der DDR-Staatssicherheit ist nach wie vor strengen Restriktionen unterworfen und steht in erster Linie Strafverfolgern und Diensten offen, die an einer Veröffentlichung der meisten Vorgänge kein Interesse zeigen. Dennoch ist vieles zu beweisen und zu belegen, vieles kann erhärtet werden, einiges bleibt These, Spekulation oder offene Frage. Insbesondere was die mögliche Involvierung bundesdeutscher Dienste, namentlich des Bundesnachrichtendienstes, in die hier geschilderten Vorgänge anbetrifft, der auch 1985, nach den ersten Hinweisen auf RAF-Aussteiger in der DDR, die Mithilfe bei der Ermittlung verweigerte, weil er seine eigenen «Quellen» nicht gefährden wollte. Daß auch der BND den Nachrichtenumschlagplatz Naher Osten in den hier in Frage kommenden Jahren «abzuschöpfen» wußte █ liegt auf der Hand. Was über den Umweg Aden in die bundesdeutschen Nachrichtenkanäle geflossen sein könnte, vielleicht sogar unter aktiver Steuerung der Stasi, und was dieses in puncto Zeitpunkt und Umfang der «Erkenntnisse» der bundesdeutschen Behörden bedeutet haben mag, auch diesen Fragen geht dieses Buch nach.

Daß das Bild des Staatsfeindes Nummer eins, Rote Armee Fraktion, heute relativiert werden muß, ist nur eines seiner Ergebnisse. Auch wenn Christian Klar und Genossen dies sicher nicht gerne hören werden, so lassen unsere Recherchen kaum einen anderen Schluß zu als den, daß sie mehr und mehr in die Rolle eines Stasi-Mündels gerieten. Sie wurden nicht nur schon viel früher, als die offiziellen Kontakte zur Staatssicherheit sie glauben machen sollten, von der Stasi «abgeschöpft» und unter den Operativvorgängen «Stern», «Stern I» und «Stern II» erfaßt – auch dazu hat dieses Buch einiges zusammengetragen –, sondern sie waren ein zeitweilig willkommener Büttel der Stasi, genauer: der DDR-Interessen in der politischen Großwetterlage. Als diese sich änderte, änderte sich auch das Verhältnis des Waffenbruders zu den Terroristen, deren unbezähmbarer Wille, weitermachen zu wollen, zunehmend lästig wurde.

Der Mythos «RAF», der nach dem Deutschen Herbst von 1977 nicht zuletzt durch die bundesdeutschen Sicherheitsbehörden und die Politik ins Überlebensgroße stilisiert wurde, wird in diesem Buch seine realsozialistische Brechung erfahren. Von seiten der RAF war die Stasi-Connection Ausdruck der Flucht eines geschlagenen Häufleins, das sich «Armee» nannte, in internationale staatliche Zusammenhänge, die helfen und schützen sollten. Was daraus entstand, war ein alptraumhaftes Dreiergespann: die RAF, die DDR und die Palästinenser. Für eine Partei sollte sich das, was als unschlagbare Allianz gedacht war, als lebensgefährliche Illusion erweisen. Profitiert hat von dieser «Troika» hauptsächlich ein Vierter. Bei aller polemischen Propaganda gegen die DDR als Terroristenherberge kann es den bundesrepublikanischen «Diensten» doch nicht unlieb gewesen sein, daß ein Teil der Top-Terroristen in der kleinbürgerlichen Idylle des DDR-Staates domestiziert und eingegliedert worden war und der andere ihnen – wenngleich unter so mysteriösen Umständen, daß nicht einmal das Bundeskriminalamt selbst an das Wunder glauben mochte – in den jungfräulichen Fahndungsschoß fiel.

Die RAF-Stasi-Connection – eine unglaublich deutsche Geschichte.

Die Wende

Eine Anzeige

Der junge Mann, der am 13. Juni 1985 die Polizeiwache in dem kleinen schwäbischen Ort Möglingen betritt, macht einen unsicheren Eindruck. Er schaut sich zögernd um, ehe er sich einen Ruck gibt und an einen der diensthabenden Beamten wendet. Seine Scheu ist verständlich. Der Mann ist Anfang Zwanzig und ehemaliger DDR-Bürger. Der Umgang mit der Staatsmacht kostet ihn Überwindung. In der Bundesrepublik verbringt er seine Tage vorwiegend in einem Übergangswohnheim in Nürtingen, einem kleinen Nachbardorf. Doch er will sich nicht über Streitereien mit seinen Mitbewohnern beschweren. Die Meldung, die er an diesem Tag machen will, ist für die Beamten geradezu sensationell.

Der Übersiedler deutet auf das Fahndungsplakat, das seit Jahren in jeder Polizeistation der Republik hängt, und das jeder Bürger kennt. «Terroristen», «Vorsicht Schußwaffengebrauch» – Schlagworte, die den Staatsfeind Nummer eins der Bundesrepublik charakterisieren sollen: die Mitglieder der Rote Armee Fraktion. Die Beamten in Möglingen erhalten eine Mitteilung, von der die bundesrepublikanischen Fahndungsbehörden seit Jahren nur träumen können. Der Krankenpfleger aus der DDR erklärt, er wisse, wo sich Silke Maier-Witt aufhalte.

Die mutmaßliche Terroristin der RAF, gesucht wegen des Anschlags auf die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe und der Entführung Hanns Martin Schleyers 1977, lebe unter einem falschen Namen in Erfurt. Über ein Jahr lang habe er Silke Maier-Witt jede Woche an der Medizinischen Fachschule «Walter Krämer» in Weimar getroffen. Sie sei dort in eine Klasse mit ihm gegangen, um sich zur staatlich examinierten Krankenschwester ausbilden zu lassen. Der so plötzlich aufgetauchte Zeuge gibt den staunenden Beamten eine exakte Personenbeschreibung der Gesuchten. Als besondere Kennzeichen war ihm in den Diskussionen an der Fachschule aufgefallen, daß Silke Maier-Witt leicht aufbrausend war und bei Erregung schnell rote Flecken im Gesicht und am Hals bekam. Sie sei oft unsachlich und cholerisch gewesen. Der Übersiedler kann ihre Statur, ihr Alter und ihre Größe präzise beschreiben. Für ihn gibt es keinen Zweifel, daß die Frau auf dem Fahndungsplakat die gleiche ist, mit der er in Weimar die Schulbank gedrückt hat.

Obwohl die Beamten alles protokollieren, was er erzählt, beschleicht ihn der Eindruck, nicht ernst genommen zu werden. Die Vorstellung, eine der meistgesuchten Terroristinnen der Rote Armee Fraktion könnte sich in der DDR aufhalten und dort ein ganz normales Leben führen, dürfte die Beamten in Möglingen allerdings auch überfordert haben. Die Personalien des Hinweisgebers werden aufgenommen, und mit dem freundlichen Hinweis der Beamten, er möge sich zur Verfügung halten, schickt man ihn nach Hause.

Was sich daraufhin in den folgenden Wochen abspielte, war durchaus geeignet, den Neu-Bundesbürger an der Effizienz der Ermittlungsbehörden West zweifeln zu lassen. Es geschah nämlich erst einmal gar nichts.

Kaum ein halbes Jahr, nachdem ein Kommando der RAF den MTU-Manager Ernst Zimmermann in seinem Haus in Gauting erschossen hatte, braucht der Hinweis auf ein gesuchtes RAF-Mitglied mehr als zwei Wochen, bis er beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden eingeht. Dort überprüfen die Fahnder am übernächsten Tag erst einmal die Personalien des Zeugen, bevor sie weitere sechs Tage später zwei Beamte in das Übergangswohnheim nach Nürtingen schicken, um eine erneute Vernehmung durchzuführen. Sie bringen Fotos von Silke Maier-Witt mit und sprechen mit dem Zeugen nochmals alle Details der Personenbeschreibung durch. Obwohl sich die Beschreibungen in allen Punkten decken und der junge Mann felsenfest dabei bleibt, es handele sich bei seiner Mitschülerin um Silke Maier-Witt, hat er immer noch das Gefühl, man würde ihm nicht glauben. Die Vernehmung dauert den ganzen Vormittag, dann fahren die Fahnder des BKA zurück nach Wiesbaden.

Am 25. Juli 1985 treffen sich Mitarbeiter des Bundeskriminalamts mit Angehörigen des Bundesnachrichtendienstes, der für die Aufklärung im Ausland zuständig ist. Nachrichtendienstlich war die DDR zu dieser Zeit Ausland, und die Beamten des Bundeskriminalamts durften und konnten dort keine eigenen Ermittlungen durchführen. Die Beamten des Bundesnachrichtendienstes werden gebeten, über ihre Arbeitsbereiche «operative Beschaffung» und «rezeptive Aufklärung» den Hinweisen auf Silke Maier-Witt nachzugehen. Auf gut deutsch: Sie sollten ihr Agentennetz nutzen, um die Terroristin zu finden.

Doch da hatten die Kriminalisten in Wiesbaden aufs falsche Pferd gesetzt, denn der Bundesnachrichtendienst war ganz und gar nicht gewillt, für die Terroristenfahnder die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Volle sechs Monate später kam der Ermittlungsauftrag aus Pullach zurück, mit dem lakonischen Hinweis versehen, daß die Ermittlungen ergebnislos verlaufen seien und das BKA sich doch auf dem offiziellen Weg an die Behörden der DDR wenden solle, worauf dieses nach Rücksprache mit der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe aber vorerst verzichtet.

In ihrer Ermittlungsnot beschließen die BKA-Fahnder, den Zeugen ein weiteres Mal aufzusuchen und ihn zu fragen, ob er nicht noch einmal in die DDR fahren könne, um die neue Identität der angeblichen Silke Maier-Witt herauszufinden. Der Mann glaubt seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Seinen zaghaften Einwurf, daß dies für ihn reichlich gefährlich werden könne, lassen die Beamten nicht recht gelten. Man könne ihn doch mit falschen Papieren ausstatten, schlagen sie vor. Er lehnt ab, macht aber einen anderen Vorschlag. Über seine in der DDR lebende Braut glaubt er, den Namen von Silke Maier-Witt herausfinden zu können.

Dem Übersiedler und seiner Freundin haben es die bundesdeutschen Behörden zu verdanken, daß sie schließlich am 9. Mai 1986 – fast ein Jahr nach dem ersten konkreten Hinweis – den Alias-Namen von Silke Maier-Witt erfahren: Angelika Gerlach, wohnhaft in Erfurt.

Inzwischen haben die Beamten mit weiteren Übersiedlern aus der DDR gesprochen, die ihnen bestätigen, daß sich eine Person ähnlich der Silke Maier-Witt in Erfurt und Weimar aufhalte. Das BKA muß davon ausgehen, daß die Hinweise auf die mutmaßliche Terroristin in der DDR zutreffend sind. Zu eindeutig, zu konkret und übereinstimmend sind die Personenbeschreibungen. Besonders die roten Flecken im Gesicht waren auch einer weiteren Zeugin aufgefallen, die mit Silke Maier-Witt an der Medizinischen Akademie in Erfurt gearbeitet hat.

Doch trotz dieser Meldungen kommen die BKA-Beamten nicht weiter. Weitere Ermittlungen über Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz verlaufen im Sande. Am 26. Mai 1986 schreibt ein Beamter des BKA in einem zusammenfassenden Ermittlungsbericht: «Aufgrund der hier aufgezählten Fakten sollte der Hinweis weiter verfolgt werden. Die Fahndungs- und Ermittlungsmöglichkeiten in der Bundesrepublik Deutschland sind in dieser Sache ausgeschöpft.» Und weiter, mit einem deutlichen Seitenhieb auf die Kooperationswilligkeit und die Effektivität des Bundesnachrichtendienstes: «Eine erneute Abgabe der Spur an den BND wird für wenig sinnvoll gehalten. Zurückliegend hat der BND kein brauchbares Ergebnis erbracht. Es wurden vielmehr die Ermittlungsmaßnahmen um ca. neun Monate verzögert. Hier entstand der Eindruck, daß der BND nicht gewillt ist, sein in der DDR bestehendes Ermittlungsnetz wegen der Recherchen nach einer Person, von der nur die Vermutung besteht, daß es sich um eine Zielperson handelt, zu gefährden.»

In der Bundesrepublik wird derweil hinter den politischen Kulissen der Besuch des Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, vorbereitet.

Ein Ermittler des BKA kommt auf die Idee, bei der Fahndung nach Silke Maier-Witt den bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß einzuschalten, dessen hervorragende Kontakte zu offiziellen Stellen und Vertretern der DDR ja wohl bekannt seien. Ob solche Kontakte im Vorfeld oder während des Honecker-Besuchs wirklich zustande gekommen sind, läßt sich heute nicht mehr feststellen.

Die Erfolglosigkeit des Bundesnachrichtendienstes bei der Suche nach Terroristen in der DDR aber hatte Methode, wie sich auch anhand späterer Vorfälle noch zeigen sollte.

Eine Flucht

An einem Tag im Februar 1986 herrscht in einer kleinen Einraumwohnung in Erfurt hektische Aktivität. Ein Mann und eine Frau sind den ganzen Abend und die Nacht über damit beschäftigt, alle Einrichtungsgegenstände der Behausung zu verpacken. Doch hier handelt es sich nicht um einen normalen Umzug. Sorgfältig werden alle handschriftlichen Unterlagen der Bewohnerin zusammengesucht, einige Materialien über ihre letzten Jahre in der DDR werden vernichtet. Dann beginnen die beiden, die Wohnung zu säubern. In der Bleibe in Erfurt dürfen nicht einmal Fingerabdrücke zurückbleiben, die verraten könnten, wer hier sein Domizil hatte. Am Nachmittag dieses Tages war der Mann ganz plötzlich aufgetaucht und hatte der verschreckten Bewohnerin kategorisch Order erteilt, sie müsse ihre Sachen packen. Es gäbe konkrete Hinweise, daß ihre wahre Identität aufgeflogen sei.

Der Mann heißt Gerd Zaumseil, Major des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Seine Aufgabe wird inoffiziell als Betreuungsoffizier definiert. Die Dame, die er zu betreuen beziehungsweise in diesem Falle schnellstmöglich aus Erfurt wegzuschaffen hat, heißt Angelika Gerlach. Seit 1982 arbeitete sie an der Medizinischen Akademie Erfurt in der Augenabteilung als Hilfskrankenschwester und versuchte gleichzeitig, in einem Lehrgang an der Fachschule «Walter Krämer» im benachbarten Weimar ihren Abschluß als Krankenschwester nachzuholen. Ihr wahrer Name allerdings ist Silke Maier-Witt, geboren am 21. Januar 1950 in Nagold in der Bundesrepublik als Tochter eines Schiffsbauingenieurs, im gesamten westeuropäischen Ausland gesucht als Mitglied der Rote Armee Fraktion. Ihre wahre Identität war Gerd Zaumseil natürlich bekannt. Doch er und das Ministerium für Staatssicherheit der DDR wußten noch viel mehr. Während die bundesdeutschen Ermittlungsbehörden teils vergeblich, teils gar nicht den Hinweisen auf den Aufenthalt der mutmaßlichen Top-Terroristin in der DDR nachgehen, handelt das Ministerium für Staatssicherheit der DDR sofort. Durch «Quellen», wie sie es nennen, war den Stasi-Offizieren bekannt geworden, daß die bundesdeutschen Ermittlungsbehörden von Übersiedlern aus der DDR exakte Hinweise erhalten hatten. Alarmstufe eins für die Stasi.

Silke Maier-Witt und Gerd Zaumseil verbringen die Nacht in der Erfurter Wohnung. Am nächsten Morgen meldet sich Silke Maier-Witt bei ihrer Arbeitsstelle und bittet um Urlaub, dann setzen sie und Gerd – man redet sich nur mit den Vornamen an – sich ins Auto und fahren in die Hauptstadt der DDR, nach Ost-Berlin. Dort begeben sie sich unverzüglich in ein Objekt der Staatssicherheit, wo sie von zwei weiteren Offizieren erwartet werden: Oberst Günter Jäckel, stellvertretender Leiter der Abteilung XXII, «Internationale Terrorabwehr und Sondertruppen zur Bekämpfung von Demonstranten», sowie Hans Petzold, stellvertretender Unterabteilungsleiter. Die vier sind sich schnell einig. Silke Maier-Witt muß Erfurt sofort verlassen und unter einer neuen Identität an einen anderen Ort gebracht werden. Unverzüglich werden Vorbereitungen dazu getroffen. Gemeinsam mit den Stasi-Offizieren wird überlegt, welche neue Legende man Silke Maier-Witt verschaffen könnte. Es ist klar, daß sie nicht mehr als Krankenschwester arbeiten kann, nachdem diese Tarnidentität einmal aufgeflogen ist.

Doch zunächst reisen sie und Gerd Zaumseil noch einmal nach Erfurt. Maier-Witt kündigt ihre Stelle an der Medizinischen Akademie und ihren Lehrgang an der Weimarer Fachschule, angeblich aus privaten Gründen. Ihre ehemaligen Kolleginnen bekommen sie nicht mehr zu Gesicht.

Zurück in Berlin, beginnt eine fieberhafte Suche nach der Lücke im System, durch die der Aufenthalt des RAF-Mitgliedes in der DDR auffliegen konnte. Es gelang dem Staatssicherheitsdienst auch relativ schnell, den in Frage kommenden Personenkreis sicher einzugrenzen.

Gerd Zaumseil widmete sich im folgenden der Aufgabe, alle Spuren von Silke Maier-Witt in Erfurt zu beseitigen. Dies allerdings recht schlampig: Noch im Juli 1990 befand sich das Personalblatt der Gesuchten in den Unterlagen der Medizinischen Akademie. Zu dem Zeitpunkt, als der Bundesnachrichtendienst in der Bundesrepublik meldete, es gäbe keine Erkenntnisse, hielt sich Silke Maier-Witt noch in Erfurt auf. Hätte das MfS gewußt, welch geringen Einsatz die bundesdeutschen Dienste bei der Fahndung nach ihr aufwendeten, hätten sie sich die umfangreiche und kostspielige Umsiedlungsaktion sparen können.

So wird die angebliche DDR-Bürgerin zunächst in einer Wohnung am Prenzlauer Berg, in der Chodowieckistraße, untergebracht. Die Suche nach einem neuen Wohnort gestaltet sich schwierig. In den nächsten Monaten wechselt sie in Ost-Berlin mehrfach die Wohnung. Sie erhält von Gerd Zaumseil einen vorläufigen Ausweis auf den Namen Sylvia Beyer, außerdem monatlich 600 Mark Unterstützung durch das MfS. Während dieser Zeit steht sie in Diensten des Ministeriums für Staatssicherheit: Sie übersetzt Zeitschriften, Aufsätze, Ausarbeitungen und Teile von Büchern zum Thema Terrorismus. Derweil arbeitet das MfS an ihrer weiteren Zukunft. Sie braucht eine neue Wohnung, eine neue Arbeitsstelle, einen neuen Lebenslauf und einen ungefährdeten Wohnort. Ende 1987 ist es soweit: Die mutmaßliche Top-Terroristin der RAF erhält eine neue, zweite DDR-Identität. So lange wartet Silke Maier-Witt alias Sylvia Beyer. Die von den bundesdeutschen Fahndern gesuchte Angelika Gerlach hat sich inzwischen aus der DDR abgesetzt. Sie ist von einem Ungarn-Urlaub nicht wiedergekommen, so die Version der Staatssicherheit.

Eine Verhaftung

Neubrandenburg ist eine der typischen DDR-Städte, deren schöne Ecken der Besucher gleich wieder verdrängt, weil ihn der Rest so deprimiert. Von Berlin aus führt nur eine schlecht ausgebaute Landstraße in die 130 Kilometer nördlich gelegene 90000-Einwohner-Stadt im Mecklenburgischen. Man erkennt sofort, daß Neubrandenburg mit einer Errungenschaft des Sozialismus besonders gestraft ist: mit den Trutzburgen der Plattenbau-Satellitenstädte, von denen gleich mehrere den historischen Stadtkern umschließen – die sozialistische Leichtbauversion von Berlin-Gropiusstadt. Genauso häßlich, aber zugiger. Einzig als Kaderschmiede der erfolgreichen DDR-Sprinterinnen genießt die Stadt einen Ruf, der sie über die DDR-Grenzen hinaus bekanntmacht.

Am 18. Juni 1990 aber liegt die Stadt nicht im Blick der Sportpresse, sondern im Fadenkreuz der Fahnder des Zentralen Kriminalamts in Ost-Berlin. Nach den politischen Entwicklungen des Vorjahres zeigen sich DDR-Polizisten gegenüber ihren West-Kollegen vereinigungswillig und fahndungsfreudig. Seit einigen Monaten schon hilft die DDR-Polizei, Fahndungsersuchen aus dem Westen zu bearbeiten. An diesem 18. Juni macht sich eine Einsatzgruppe des Zentralen Kriminalamts auf den Weg nach Mecklenburg, nachdem sie ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes auf die entscheidende Spur gebracht hatte.

Es ist Montag nachmittag, und die Beamten wissen, daß sie an zwei Orten zum Erfolg kommen können. In der Ernst-Alban-Straße 22 in einer der Trabantenstädte oder beim VEB Pharma Neubrandenburg, einer der großen Firmen am Ort. Dort verlangen die Beamten, die Leiterin der Informations- und Dokumentationsstelle des Betriebes zu sprechen. Sie ist noch an ihrem Arbeitsplatz. Die Polizisten weisen sich aus und bitten die Frau, ihnen zu folgen. Sie ist eher resigniert als überrascht oder entsetzt. Ohne ein Zeichen des Widerstandes folgt sie der Aufforderung der Beamten.

Silke Maier-Witt alias Angelika Gerlach alias Sylvia Beyer ist verhaftet, das zehnjährige DDR-Exil einer der vermeintlich gefährlichsten Terroristinnen der Bundesrepublik geht zu Ende. Seit Oktober 1987 hatte Silke Maier-Witt unter ihrem neuen Namen Sylvia Beyer in Neubrandenburg gelebt. Die Staatssicherheit der DDR sorgte dafür, daß in ihrer zweiten DDR-Legende die bundesrepublikanische Vergangenheit keine Rolle mehr spielte. Die alleinstehende Sylvia Beyer erhielt die Wohnung in der Ernst-Alban-Straße, deren Einrichtung die Stasi finanzierte. Ihr neuer Job war ihr schon früh avisiert worden, so daß sie sich schon in Berlin auf ihre neue Aufgabe vorbereiten konnte. In den letzten Jahren ihres DDR-Exils gab es keine weiteren Komplikationen mit Nachbarn oder Kollegen, die in bezug auf ihre wahre Identität Verdacht hätten schöpfen können. Die erneute Normalisierung des Lebens als DDR-Bürgerin ging soweit, daß Sylvia Beyer sogar wagte, sich politisch zu organisieren. Sie trat in die SED ein und diskutierte über die Mißstände in ihrem Betrieb mit Kollegen und ihrem Stasi-Betreuer. Erst die Wende in der DDR und die Wiedervereinigung zerstörten ihren Traum vom endgültigen Bruch mit dem Terrorismus und vom Aufbau des Sozialismus im Arbeiter-und-Bauern-Staat. Am 26. Juli 1990 erklärt Silke Maier-Witt in einem handschriftlichen Vermerk ihre Bereitschaft, sich in die Bundesrepublik Deutschland überstellen zu lassen, um dort auf ihren Prozeß zu warten.

Der Deutsche Herbst

Die Entführung von Hanns Martin Schleyer

Am Montag, dem 5. September 1977, hält sich Silke Maier-Witt in einer konspirativen Wohnung der RAF in Düsseldorf auf. In der kleinen Einzimmerwohnung in der Witzelstraße 1 befinden sich außer ihr noch drei weitere Gruppenmitglieder der Rote Armee Fraktion: Rolf Heißler, Adelheid Schulz und Angelika Speitel.

Um 19.23 Uhr verbreitet das ZDF in den «Heute»-Nachrichten eine Meldung, die die Bundesrepublik in den kommenden Wochen in Atem halten und in den Ausnahmezustand versetzen wird: Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ist von einem Kommando der RAF entführt worden. Der «Deutsche Herbst» hat begonnen – die kommenden sechs Wochen werden das Gesicht der Bundesrepublik verändern.

Während die Meldung von der Entführung Schleyers Bürger und Staat erschüttert, sind die vier Terroristen in der Witzelstraße in Düsseldorf nicht besonders überrascht. Sie wußten zwar, daß diese Aktion bevorstand, über den genauen Zeitpunkt und den Ablauf waren sie jedoch nicht informiert.

Gegen 17.10 Uhr verläßt Hanns Martin Schleyer an diesem Tag sein Büro bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Er fährt in einem ungepanzerten blauen Mercedes 450, sein Fahrer Heinz Marcisz ist unbewaffnet. Dem Schleyer-Wagen folgt ein weißer Mercedes 280 E, in dem die drei bewaffneten Polizeibeamten Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler das Begleitkommando bilden. Gegen 17.28 Uhr biegt die Kolonne in die Vincenz-Statz-Straße in Köln-Braunsfeld ein. Es ist nicht mehr weit bis zu Schleyers Wohnung, wo die Besatzung des Funkstreifenwagens «Arnold 13/14» darauf wartet, die Bewachung Schleyers zu übernehmen. Als die beiden Fahrzeuge um die Kurve biegen, geht alles rasend schnell. Sieglinde Hofmann steht in diesem Moment mit einem Kinderwagen am Straßenrand. Sie schiebt ihn auf die Straße, während von der anderen Seite ein gelber Mercedes auf die Straße schießt und die Durchfahrt blockiert. Das Ganze sieht aus wie ein Unfall. Heinz Marcisz versucht zu bremsen, doch es ist zu spät. Er touchiert den gelben Mercedes, der den Weg versperrt, das Fahrzeug mit den Begleitpersonen fährt auf den Wagen Schleyers auf.

In dieser Sekunde bricht im Kölner Stadtteil Braunsfeld das Inferno los: Christian Klar, Stefan Wisniewski, Peter Jürgen Boock und Brigitte Mohnhaupt springen auf die Straße und eröffnen das Feuer auf die vier Begleiter Schleyers. Innerhalb kürzester Zeit feuern sie aus zwei bis drei Meter Entfernung, dann aus nächster Nähe mindestens 107 Schüsse ab. Die Polizisten Helmut Ulmer und Roland Pieler können noch ihre Fahrzeugtüren öffnen und acht beziehungsweise drei Schüsse abgeben, bevor sie vom Kugelhagel getroffen werden. Alle Begleiter Hanns Martin Schleyers sterben am Tatort.

Noch während geschossen wird, zerrt Sieglinde Hofmann den unter Schock stehenden Arbeitgeberpräsidenten aus dem Fahrzeug. Als der ihr zu entgleiten droht, kommt ihr eines der Kommandomitglieder zu Hilfe. Die anderen stellen das Feuer ein, tragen Schleyer in einen bereitstehenden VW-Bus und rasen mit ihrem Opfer davon. In der Tiefgarage des Hochhauses Wiener Weg 1 b, wo Friederike Krabbe eine Wohnung und damit auch Stellplätze angemietet hat, wechseln sie das Fluchtauto. In dem zurückgelassenen VW-Bus wird am Abend gegen 20 Uhr die erste Nachricht der Entführer an die Polizei gefunden.

Schleyer wird in den Kofferraum eines von Willy-Peter Stoll gekauften Mercedes 230 gesteckt. Die Entführer haben diesen vorher entsprechend präpariert, in die Rücklehne und die Rückwand ein großes Luftloch geschnitten und den Kofferraum mit schaumstoffbeschichteten Dämmplatten abgedichtet. In diesem Wagen wird Schleyer dann in die von Monika Helbing am 18. Juli 1977 unter dem Namen Annerose Lottmann-Bücklers angemietete Wohnung in Erftstadt-Liblar gebracht. Sie liegt in der dritten Etage des Hochhauses Zum Renngraben 8. Die Wohnung ist als «Volksgefängnis» hergerichtet: Die Entführer haben einen dreitürigen Wandschrank mit Kette und Schaumstoffmatten zu einer Zelle umfunktioniert. Hier halten sie Hanns Martin Schleyer bis zum 16. September 1977 gefangen.

In Köln ist ein neunjähriger Junge Zeuge des Massakers an der Vincenz-Statz-Straße. Er glaubt, hier würde ein Krimi gedreht, alarmiert aber trotzdem Anwohner und Freunde. Innerhalb weniger Minuten gehen mehrere Alarmmeldungen im Kölner Polizeipräsidium ein. Der Streifenwagen «Arnold 13/14» fährt zum Tatort. Doch die Besatzung kann nur noch den Anschlag melden und eine vorläufige Beschreibung des Tatortes und der Geschehnisse geben. In der «Heute»-Sendung um 19.23 Uhr wird unter anderem mitgeteilt, daß die Polizei nach einem weißen VW-Bus mit dem amtlichen Kennzeichen «K–C3849» fahndet, der bei der Entführung als Fluchtfahrzeug benutzt worden sei. Wenig später meldet sich der Hausmeister eines Wohnblocks am Wiener Weg 1 b und erklärt, der gesuchte Wagen befinde sich in der Tiefgarage des Wohnblocks. Ein Polizeikommando begibt sich zum Fundort und öffnet den Wagen aus Angst vor versteckten Sprengfallen mit einer Seilwinde. Im Inneren finden die Beamten einen Brief:

»an die bundesregierung,

sie werden dafür sorgen, dass alle

öffentlichen fahndungsmassnahmen

unterbleiben –

oder wir erschiessen schleyer sofort

ohne dass es zu verhandlungen über

seine freilassung kommt.

raf.»

Ein weiteres Zeichen der Entführer geht am nächsten Tag bei dem evangelischen Dekan Neuschäfer in Wiesbaden ein. Er findet ein «an die bundesregierung» adressiertes Schreiben in seinem Briefkasten.

Inhalt: ein Familienfoto Schleyers, das dieser bei seiner Entführung bei sich hatte, sowie ein Polaroidbild, das ihn mit einem Plakat mit der Aufschrift «7. 9. 77 Gefangener der RAF» zeigt; eine handschriftliche Erklärung Schleyers und ein Schreiben der RAF, unterzeichnet mit «Kommando Siegfried Hausner».

RAF-üblich hat die Gruppe für ihre Terroraktion den Namen eines toten Genossen gewählt. In diesem Fall Siegfried Hausner, der bei der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm 1975 getötet worden war.

Der blutige Überfall an der Kölner Vincenz-Statz-Straße war der vorläufige Höhepunkt in der Auseinandersetzung zwischen der Rote Armee Fraktion und dem Staat Bundesrepublik Deutschland. Der Kampf hatte begonnen am 14. Mai 1970. An diesem Tag befreiten mehrere Frauen und ein Mann – darunter Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Ingrid Schubert und Irene Goergens – den wegen Brandstiftung in der Berliner Strafanstalt Tegel einsitzenden Andreas Baader. Mit dieser Aktion vollzog eine größere Gruppe von gewaltbereiten Mitgliedern der linken und anarchistischen Protestszene den Sprung in den Untergrund.

Doch der Weg hin zu diesem entscheidenden Schritt war lang gewesen. Begonnen hatte es mit politischen Protesten der Studenten in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, die sich gegen autokratische Strukturen der Hochschulen («Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren») richteten, aber auch gegen die Decke des Schweigens, die über die faschistische Vergangenheit gezogen worden war, gegen das militärische Engagement der Supermacht Amerika im Vietnamkrieg und gegen die Amoral eines Staates, der den Diktator eines Polizeistaats wie den Schah von Persien mit allen protokollarischen Ehren empfing. Als bei diesem Staatsbesuch die deutsche Polizei, unterstützt von Mitgliedern des persischen Geheimdienstes, auf den politischen Protest mit Knüppeln reagierte, eskalierte die Situation. Am Ende stand der Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der von einer Kugel aus einer Polizeipistole in den Kopf getroffen wurde. Der Tod von Ohnesorg war eine der Initialzündungen, die den politischen Protest in Gewalt umschlagen ließen.

Bereits im Mai war es in einem Brüsseler Kaufhaus zu einem folgenschweren Brandanschlag gekommen, der mehr als 300 Menschen das Leben kostete. Die Mitglieder der Berliner Kommune I verfaßten daraufhin Flugblätter, von denen eines die Überschrift trug: «Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?» und mit dem berühmt gewordenen Satz «burn, warehouse, burn» endete. Im März 1968 wurden die Kommunarden um Rainer Langhans und Fritz Teufel vom Vorwurf der Anstiftung zu Brandanschlägen freigesprochen. Am 2. April 1968 detonierten in Frankfurt in den Kaufhäusern «Schneider» und «Kaufhof» Brandsätze, die erheblichen Sachschaden verursachen. Unter den Tätern waren Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die bereits am nächsten Tag nach einem Tip, den die Polizei bekommen hatte, festgenommen wurden.

Genau eine Woche später schoß der Münchner Anstreicher Josef Bachmann Rudi Dutschke in Berlin nieder. Die Spirale der Gewalt nahm an Tempo zu. Viele waren mittlerweile bereit, ihren Protest auch gewaltsam zum Ausdruck zu bringen. Der Weg in den bewaffneten Kampf der RAF war damit vorgezeichnet. Doch dieser Weg führt alle, die den Staat mit der Waffe in der Hand in die Knie zwingen wollen, entweder in den Tod oder in die Einsamkeit bundesdeutscher Hochsicherheitstrakte, von denen Stuttgart-Stammheim zum Symbol und Trauma für den Staat wie für die Terroristen werden sollte. So wie die Terroristen letztlich Stammheim schufen, so schuf Stammheim letztlich immer nur neue Terroristen.

Am 8. Februar 1977 wird Brigitte Mohnhaupt aus der Haftanstalt Bühl entlassen. Sie hat von Baader, Ensslin und den anderen mittlerweile einsitzenden RAF-Mitgliedern den Auftrag, den Kampf neu zu organisieren. Und sie macht ihre Aufgabe gut. Genau drei Wochen vor den lebenslänglichen Urteilssprüchen gegen die Angeklagten Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe wird Generalbundesanwalt Siegfried Buback von der RAF ermordet. Drei Monate später, am 30. Juli, folgt der Mord an Jürgen Ponto, doch der größte Schlag der Offensive 1977 soll die Entführung von Hanns Martin Schleyer werden. Sie dient nur einem einzigen Ziel: dem Sieg über den Mythos Stammheim, der Befreiung der RAF-Gefangenen.

In ihrem Schreiben an den Wiesbadener Dekan Neuschäfer stellen die Schleyer-Entführer ihre Forderungen: Sie wollen den Entführten im Austausch gegen die RAF-Gefangenen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Verena Becker, Werner Hoppe, Karl-Heinz Dellwo, Hanna Krabbe, Bernd Rößner, Ingrid Schubert und Irmgard Möller freilassen und fordern außerdem die Aufhebung des Haftbefehls gegen Günter Sonnenberg, der seit seiner Festnahme aufgrund einer Schußverletzung haftunfähig ist. Die Gefangenen sollen in ein Land ihrer Wahl ausreisen dürfen. Bis Mittwoch morgen 8 Uhr, so die Forderung, sollen die Häftlinge am Flughafen Frankfurt am Main zusammengeführt werden. Um 10 Uhr habe einer der Gefangenen das Kommando der Entführer per Fernseh-Direktübertragung über den korrekten Verlauf des Abflugs zu informieren. Jeder der Gefangenen soll 100000DM mit auf den Weg bekommen. Des weiteren fordern die Entführer die Begleitung des Austauschs durch Pfarrer Martin Niemöller und den Genfer Anwalt Denis Payot, den sie fälschlicherweise für einen offiziellen Vertreter der UNO halten. In Wirklichkeit war Payot Präsident der «Schweizerischen Liga für Menschenrechte». Der gesamte und unverfälschte Wortlaut der Erklärung soll an diesem Dienstag abend um 20 Uhr in der Tagesschau veröffentlicht werden. Die handgeschriebene Erklärung ihres Opfers hat folgenden Wortlaut:

«Mir wird erklärt, daß die Fortführung der Fahndung mein Leben gefährde. Das gleiche gelte, wenn die Forderungen nicht erfüllt und die Ultimaten nicht eingehalten würden. Mir geht es soweit gut, ich bin unverletzt und glaube, daß ich freigelassen werde, wenn die Forderungen erfüllt werden. Das ist jedoch nicht meine Entscheidung.

6.9.77 Hanns Martin Schleyer»

Die Entführer gehen in ihrem Brief vom 5. September 1977 davon aus, «dass schmidt, nachdem er in stockholm demonstriert hat, wie schnell er seine entscheidungen fällt, sich bemühen wird, sein verhältnis zu diesem fetten magnaten der nationalen wirtschaftscreme ebenso schnell zu klären».

Die von den Terroristen geforderte schnelle Entscheidung fällt, doch sieht sie ganz anders aus, als diese erwartet haben. Helmut Schmidt gibt die Marschrichtung aus: Die Geisel Hanns Martin Schleyer soll lebend befreit werden, die Entführer sind zu verhaften, die Handlungsfähigkeit des Staates ist zu wahren, und die Gefangenen dürfen auf keinen Fall freigelassen werden. Unnachgiebigkeit soll demonstriert werden, wie schon beim Überfall auf die Botschaft in Stockholm. Die Verantwortlichen verhängen eine Nachrichtensperre für die Presse, und diese wird freiwillig befolgt.

Die RAF hatte dem Staat endgültig und ultimativ den Krieg erklärt, und der Staat reagierte. Die Gefangenen in Stammheim wurden unter totale Kontaktsperre gestellt, selbst Verteidigerbesuche waren untersagt. Die Zukunft erst sollte zeigen, daß alle diese Maßnahmen nichts nützten. In vielen Punkten begann der Rechtsstaat umsonst, seine Prinzipien aufzugeben. Die Devise hieß: «Zeit gewinnen». Doch der für beide Seiten nervenzerreißende Poker um das Leben Hanns Martin Schleyers hatte gerade erst begonnen. Er sollte noch 43 Tage dauern und in einer Katastrophe enden.

 

Die Nachfolger von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin haben die Operation «Spindy» ebenso exakt wie brutal geplant. Die Bezeichnung «Spindy» entlehnten sie dem Wort Spindel, eine zynische Anspielung auf die Figur Hanns Martin Schleyers, der alles andere als spindeldürr war. «Spindy» soll die große finale Befreiungsaktion für die Stammheimer Gefangenen, die Mentoren der zweiten RAF-Generation, sein, mit deren Erfolg die Terroristen fest rechnen. Ein Taktieren und Verzögern, mit der die Bundesregierung auf die Entführung reagiert, hat keiner von ihnen eingeplant.

Fast zwanzig RAF-Mitglieder sind in irgendeiner Form an der Aktion «Spindy» beteiligt. Das Maß der Beteiligung und Verantwortung der einzelnen Gruppenmitglieder allerdings ist höchst unterschiedlich. Die Gruppe, die sich in der Witzelstraße in Düsseldorf aufhält, wird unmittelbar nach der Entführung in den Fortgang der Aktion eingebunden. Sie verschickt Erpresserbriefe, übermittelt der Bundesregierung Ultimaten und übernimmt wichtige logistische Aufgaben.

Auf Anordnung von Willy-Peter Stoll sollen sie auch wenige Tage später einen Wagen beschaffen: «Schleyer muß ins Ausland gebracht werden», erklärt er kategorisch. Es entspinnt sich eine Diskussion darüber, wie dies wohl am besten zu bewerkstelligen sei, doch schließlich übernimmt Rolf Heißler als «Experte» die Aufgabe, einen passenden Wagen zu besorgen und zu präparieren. Silke Maier-Witt ist heilfroh, daß sie damit nichts zu tun hat. Sie hat Angst, in einer Situation, da so ziemlich jeder Polizeibeamte der Republik nach den Schleyer-Entführern fahndet, in einem gestohlenen Wagen herumzufahren.

Nur wenige RAF